nextroom.at

Karte

Artikel

21. Oktober 2000 Spectrum

Backstein und Streckmetall

Zwei Shopping-Malls, ein Kinopalast, Arztpraxen, Pensionistenklubs: was Hermann & Valentiny im deutschen Halle unter ein Dach gebracht haben, nennt man dort schlicht Bezirksteilzentrum - eines, das städtebaulich und gestalterisch allerdings „erste Sahne“ ist.

Halle-Neustadt verkörpert genau jene „neudeutsche“ Stadtwirklichkeit, über die „Westler“ so gerne hohnlächeln. 35 Geschoße hohe Platten-Wohnbauten, eine „Magistrale“ - das ist die sehr, sehr breite Hauptstraße - und ganz unvermittelt: Brache. Wildwuchs mitten in einem städtischen Gefüge, das in der Ambition steckengeblieben ist.

Aber dann kam die Wende, und später dann kamen auch Hermann & Valentiny. Und dieses österreichisch-luxemburgische Architekturbüro hat mit Wohnbauten, einem Hotel und einer kleinen Passage für das Zentrum von Halle-Neustadt städtebauliche und architektonische Maßnahmen entwickelt, die genau diese neudeutsche Wirklichkeit akzeptieren, die sie aber auch ergänzen, erweitern. Resultat: ein Viertel, das sich mehr und mehr zum städtischen Ganzen verdichtet, zu einer neuen Stadt in der Stadt - mit einer ganz eigenen Qualität.

Highlight der letzten Stunde: das Bezirksteilzentrum. So nennen es die Hallenser Stadtväter, wir würden Einkaufszentrum dazu sagen, obwohl hier tatsächlich mehr als nur Verkaufsfläche geboten wird. Denn neben dem Einkaufen rund um zwei großzügige Shopping-Malls und entlang von Ladenstraßen ist ein Kinopalast (acht Säle) angesiedelt, und es gibt vom Ärztezentrum über den Rechtsanwalt bis zum Pensionistenklub eben doch eine Infrastruktur, die über den reinen Kommerz hinausgeht.

Sagen wir trotzdem Einkaufszentrum dazu. Es ist - wie Hubert Hermann es liebevoll nennt - eine Art Kuhfladen an der Hauptstraße. Ein ausgesprochen gewaltiger Kuhfladen. Denn das in seiner Grundstruktur L-förmige Gebäude hat eine Schenkellänge von annähernd 180 Metern. Daß Hermann Kuhfladen dazu sagt, hat auch nichts mit den flächenmäßigen Dimensionen zu tun, sondern mit der Höhe. Gleich dahinter ragen nämlich die besagten Plattenbauten mit ihren 35 Geschoßen auf. Und das ist schon ein Maßstabssprung.

Das Haus ist ein glücklicher Wurf. Daran besteht kein Zweifel. Es ist keine Schwester jener Pestbeulen, um Wiener Beispiele anzuführen, wie wir sie aus SCS und SCN kennen. Es hat architektonischen Charakter, es hat Format. Und es ist städtebaulich eine durchüberlegte Komposition, die einen ernstzunehmenden Beitrag zur Qualität des gesamten Viertels darstellt.

Es ist ein Backsteinbau. Dunkel, sehr dunkel. Und ausgesprochen elegant. Der Klinker wurde an den Fassaden eingesetzt, die zur Stadt und zur Magistrale orientiert sind, aber nur dort, wo es um Hauptfunktionen geht. An der Magistrale verjüngt er sich, er verschwindet, er macht dann einer Streckmetall-Membran Platz, die die Parkdecks einhüllt. Streckmetall ist überhaupt das zweite dominante Material. Die ideale Hülle für Nebenfunktionen.

An der Magistrale: der bauchige Teil des Gebäudes. Ein Schiffsbauch? Jedenfalls bildet er eine überaus markante Ecke und ist gläsern aufgeschnitten, sodaß man den Menschenstrom zu den Kinos sieht. Architekten ist es heute ja leider untersagt, in die Kino-Architektur einzugreifen. Die wird von den Großkonzernen bestimmt (siehe auch Coop Himmelb(l)au in Dresden). Aber wenigstens bildet sich in einem der großen Säle die Gegenform des Gebäudebauchs ab. Schon das ist schön. - Und dann die lange stadtseitig orientierte Gebäudefront. Der Backstein schimmert da je nach Sonnenlicht-Einfall dunkelviolett bis hellrot - wirklich toll. Und da kommt auch noch der Faktor Intelligenz dazu. Denn Hubert Hermann hat natürlich genau gewußt, was ihm an dieser Fassade an Werbeflächen-Anforderungen bevorsteht. Er hat vorausschauend reagiert. Mit Vordächern, die gewissermaßen multifunktional sind. Sie erlauben den „trockenen“ Gang entlang des Gebäudes auch bei Schlechtwetter, ihre Streckmetall-Verkleidung bildet gleichzeitig die Hintergrundfolie für die Werbung. Die wird also zu einem heterogenen, wie auch immer illuminierten Band des Kommerzes. Soll sein.

Es gibt Schaufenster nach außen, obwohl Einkaufszentren in aller Regel nach innen, zu den Malls orientiert sind. Das macht das Gebäude interessanter für den Passanten. Es wird so zu einem Beitrag zur öffentlichen Atmosphäre - ganz im Gegensatz zu den quälenden Schuppen üblicher Art.

Drinnen: zwei große Malls, glasüberdacht. Aber Low Tech, nicht High. Und trotz der Lichttechnik von Bartenbach nicht zugeklebt, sondern mit einem Raster bedruckt, der einen auch noch den Himmel spüren läßt. Der Architekt konnte nicht aus dem vollen schöpfen, das muß man vorausschicken: Bedingungen wie Fuksas in Salzburg-Kleßheim hatte er nicht. Aber Geld spielt ja nur selten die ausschlaggebende Rolle. Daher: ein großartiger Raumeindruck, eine wunderbare Materialisierung. An den Stirnwänden ein Tomatenrot, über den Geschäften flaschengrüne Glasschürzen, Terracotta gegenüber: ein perfektes Zusammenspiel der Materialien.

Eine absolute Sensation: die Dachlandschaft. Es gibt nicht nur die streckmetallverkleideten Parkdecks, die oben übrigens mit einer pergolaartigen Lamellenschicht der Begrünung harren, es gibt auch jenen Dachteil, der über dem eigentlichen Einkaufszentrum liegt. Und dort haben Hermann & Valentiny einen Außenraum geschaffen, der seinesgleichen sucht. Es ist die fünfte Fassade des Gebäudes. Und sie hat De-Chirico-Qualität. Da ragen die - 21 Meter hohen - Glaskörper der Malls heraus, da sind backsteinverkleidete Körper zu sehen, und alles, was aufgeschnitten, ausgeschnitten wurde, ist melonengelb gefärbelt. Eine irreale Situation. Sie wird nur dadurch in die heutige Lebenspragmatik zurückgeholt, daß zwischen den Baukörpern keine grün gestaltete Freifläche im Sinn des Architekten realisiert wurde, sondern - auch hier - Parkplätze das Terrain besetzen.

Dieses Einkaufszentrum ist mehr als gelungen. Und es trägt seiner Umgebung Rechnung. Denn von den Plattenbauten hat man zuvor auf Wiese geschaut. Der Gedanke, die „fünfte Fassade“ speziell zu gestalten, kommt also nicht von ungefähr. In solchen Situationen geht es um die architektonische Verantwortlichkeit. Hubert Hermann hat sie ernst genommen. Und daß seine Überlegungen aufgegangen sind, das sieht man vor Ort: Das Ding ist überlaufen.

23. September 2000 Spectrum

Wie Oberpullendorf Weltstadt wird

„Baujuwel“ muß nicht unbedingt ein historisches Gebäude an einem prominenten Ort bezeichnen. Ein kürzlich errichteter Bürozubau von Gerner & Gerner in Oberpullendorf verdient dieses Prädikat genauso. Weil er eine maßgeschneiderte Lösung auf der Höhe der Zeit ist.

Man kann nicht behaupten, daß es tatsächlich ein Gefährdungsfaktor für den Straßenverkehr wäre; aber ungewöhnlich lang, und das immer wieder, schaut schon jeder hin, der die Straße am Rand von Oberpullendorf, Burgenland, entlangfährt und seinen Blick schweifen läßt. Es ist eine periphere Gegend. Randlage eben. Und insofern ist es auch ein peripheres Statement. Eine architektonische Kleinigkeit, angefügt an einen ganz beliebigen, auch nicht großen Industriebau. Aber die Kleinigkeit fällt aus der Rolle. Weil sie ins Bild solcher peripheren Billigkeiten einfach nicht passen will.

Dem Büro von Andreas und Gerda Gerner verdanken sich in Wien, aber auch im Burgenland schon einige bemerkenswerte Arbeiten. Sie sind immer eher klein, und sie sind immer sehr, sehr fein. Oft Stahlbau der minimierten Spielart, es hat aber auch schon Holz eine Rolle gespielt.

Bei diesem Bürozubau zum Bestand eines übrigens höchst ambitionierten burgenländischen Fassadenbauers - ARS arbeitet immerhin für Coop Himmelb(l)au, auch für das BKK 3 - geht es natürlich wieder um Stahlbau. Das liegt in der Natur der Aufgabe, und es hat mit ganz pragmatischen Anforderungen zu tun. Die Bauzeit sollte ungewöhnlich knapp sein - ursprünglich waren sechs Wochen geplant, daraus wurden dann zwar drei Monate, aber auch das ist letztlich äußerst kurz bemessen. Selbst für einen Bau mit nicht mehr als 250 Quadratmeter Nutzfläche, organisiert auf Erdgeschoß- und Obergeschoßniveau.

Das Ding ist signifikant. An schlichter, aber auf den Punkt gebrachter Aussagekraft läßt es nichts offen: ein industrieller Bau, geplant für einen, der selbst „industriell“ baut. Also: Aluminium, Stahl, Glas. Nun gibt es das heutzutage, gerade in den peripheren Gewerbegebieten, zuhauf. Und in seiner banalsten Ausprägung. So kamen die „trockenen“, die „leichten“ Bauweisen ja erst in Verruf. So kam zum Beispiel auch das Gerücht auf, daß die massive Ziegelbauweise im Wohnbau immer noch das Nonplusultra sei: ausgemachter Unsinn - der sich ganz leicht widerlegen ließe, wenn qualifizierte Architekten, denen eine andere, neue Bauweise wirklich ein Anliegen ist, zum Zug kämen. Und zwar ohne unzählige Fußangeln und Stolpersteine, sondern unter dem Vorzeichen der Optimierung auf Basis eines gemeinsamen Willens von Bauträger, übergeordneter regionaler Bauinstanz und - eben dem Planer.

Aber davon sind wir noch weit entfernt. Einlösen lassen sich solche Erwartungen einstweilen vorwiegend im „privaten“ Auftragsbereich. Und da in den seltensten Fällen im großen, weil hier einfach die Betonlobby dominiert. Wirklich schöner, ausgefeilter Stahlbau in Verbindung mit einer industriellen Gebäudehaut und einer räumlichen Lösung, die mehr leistet als bloß Durchschnitt, ist hierzulande immer noch den Kleininitiativen vorbehalten. Gerner und Gerner haben ihren silbrig und gläsern schimmernden Schnellzugwaggon an einen ganz gewöhnlichen Industriebau angedockt. Und nicht einmal was seine Positionierung angeht, hatten sie großen Spielraum: Irgendwo zwischen vorgegebenem Abstand zum Nachbarn und der Pragmatik des notwendigen Andockens an einen vorhandenen Bau waren die Grenzen des „städtebaulichen“ Spielraums gezogen. Trotzdem ist das Gebäude so hervorragend plaziert, daß sich der Chef des Unternehmens am Ende nicht dazu aufraffen konnte, den ungemein attraktiven Raum im Obergeschoß, der als Großraumbüro für die Techniker geplant war, zu opfern. Er richtet sich jetzt selbst dort ein.

Man versteht es. Über die vollverglaste Stirnseite des sieben Meter schmalen und 16 Meter langen Gebäudes sieht man unter einer vier Meter vorkragenden Schirmmütze (Sonnenschutz) hinweg auf das Panorama - der Weltstadt Pullendorf. Und das ist nicht einmal ironisch. Von hier aus betrachtet ist Pullendorf Weltstadt.

Die innenräumliche Organisation des Gebäudes ist geradezu simpel, aber mehr hat es eben auch nicht gebraucht. An der Stirnseite kommt man in einen Vorraum hinein und von dort zum Sekretariat beziehungsweise in einen Besprechungsbereich. Die Schleuse zum Bestand ist seitlich ganz unspektakulär realisiert, aber mit ihrem zweigeschoßigen Luftraum auch nicht zwanghaft oder beengt, sondern angenehm selbstverständlich und großzügig. Im Obergeschoß mit dem ursprünglich geplanten Großraumbüro einschließlich Naßbox sind überhaupt alle Möglichkeiten offen. Und genau das ist es, was man heute von einem Bürobau verlangt.

Wunderschön: die natürliche Belichtung durch die verglasten Schmalseiten (rückwärts mit direktem Ausgang ins Freie vom Obergeschoß) und die eingeschnittenen, in die Krümmung der Gebäudehaut eingefügten Oberlichten. Der atmosphärische Gewinn für das Haus ist enorm. Da arbeitet jeder gern.

Konstruktiv präsentiert sich dieser bauliche Tatbestand extrem einfach, das heißt - er ist intelligent. Wenn vier gebogene Stahlrahmen genügen, von denen nur einer als A-förmiger Bock für die notwendige Aussteifung sorgt, dann ist das wohl genug. Darin liegt ja der Wert dieser Bauweise, daß sie vorgefertigt und materialminimiert vonstatten gehen kann.
Auch die Treppe von der ebenen Erde hinauf ins Obergeschoß, frei in den Raum hineingestellt, ist angewandte Gegenwart: vergleichbar einer Flugzeug-Reling. Im übrigen: taubenblaues Linoleum auf dem Boden im Innenraum, eine Gebäudehaut aus wärmegedämmten Blechkassetten mit einem darüberliegenden Gleitbügelsystem und die Untersichten der auskragenden Gebäudeschale aus Alucobond. Letzteres ist als Material äußerst vielversprechend. Es besteht außen und innen jeweils aus einer Aluminiumschicht und dazwischen aus einer gummiartigen Einlage. Sie ist hart, aber auch elastisch. Und wenn man eine Aluminiumschicht einschneidet, dann läßt sich dieses Material knickfrei und beliebig biegen. Der Unterschied zum Biegeverfahren der Alu-Bleche, die Johannes Gesteu bei der U 6 eingesetzt hat: Dort entsteht eine starke Ornamentik, die einen eigenen Aussagewert darstellt, bei Gerner und Gerner werden die Möglichkeiten des Materials anders genutzt. Ohne Ornamentik, glatt, zweckorientiert.

Wenn von Baujuwelen die Rede ist, dann geht es immer um Geschichte. Was für eine kurze Sicht! Wo es sie doch an den überraschendsten, unattraktivsten Orten auch heute gibt, diese Juwele. Sie sind nicht in Baukosten gerechnet wertvoll - der kleine Bürozubau von Gerner und Gerner hat rund 2,2 Millionen Schilling (160.000 Euro) gekostet. Juwele sind sie, weil sich jemand eine ungemein kompakte, zielgerichtete Lösung überlegt hat und weil er diese Lösung mit unseren heutigen Möglichkeiten völlig unmanieriert materialisiert hat.

Ich frage mich dabei - fassungslos - immer wieder das gleiche: Warum schauen die peripheren Gegenden unserer Städte so aus, wie sie ausschauen? Hier ist doch ein Beispiel, wie Architekten unter ziemlich rigiden Vorgaben Architektur gezaubert haben. Wieso greifen nicht viel mehr Bauherren auf diese Möglichkeit zurück? Sie würden mehr bekommen, als sie sich erwarten, und das für annähernd dasselbe Geld. Woran kann es liegen, daß die Industrie, die Produzenten selbst, diejenigen, die all das umsetzen, was die besten unter unseren Architekten planen, so wenig Interesse daran haben, etwas davon für sich selbst anzuwenden? Bildungsdefizit? Gedankliche Trägheit?

Ich argwöhne letzteres. Als Ursache für die Tristesse unserer peripheren Gewerbegebiete ist das eine traurige Bilanz. Initiativen sind angesagt. Beispiele dafür - siehe Gerner und Gerner - gibt es, Gott sei Dank.

5. August 2000 Spectrum

Die Fühler in Richtung Donau

Sie ist ein Lehrstück, und das in mehrfacher Hinsicht - funktional, formal, statisch, technologisch und auch was die Verknüpfung divergierender Interessen betrifft: Die Doppelschule von Nehrer+Medek auf der Wiener Donauplatte.

Sie zählt eindeutig zum Besten, was sich unter den Neubauten im Umfeld der Überplattung der Donauufer-Autobahn ausfindig machen läßt: die Doppelschule - eine Volks- und eine Sportmittelschule - des Wiener Büros Nehrer + Medek und Partner. Nun weiß man zwar, daß diese Architekten im Schulbau gewissermaßen „Profis“ sind, weil sie in den letzten 25, 30 Jahren immer wieder Schulen gebaut haben. Aber hier am Kaisermühlendamm, unmittelbar neben beziehungsweise auf der Autobahnüberplattung, ist ihnen sichtlich ein besonderer Wurf geglückt.

Konzeptuell - oder vielleicht richtiger: funktionell - stimmen die Schulen von Nehrer + Medek eigentlich immer. Wenn es etwas zu bekritteln gab, dann war es - soll man sagen: die „Redlichkeit“ des Entwurfs und seiner Materialisierung? Anders ausgedrückt: Bei aller zeitlosen Qualität der Schulbauten von Nehrer + Medek, manchmal wäre, zumindest in der formalen Umsetzung, eine etwas weniger abgesicherte, eine weniger „konventionelle“ Sprache spannender gewesen.

Aber gegen den Bau am Kaisermühlendamm läßt sich nichts dergleichen anführen. So rigid, so streng die Gebäudekonfiguration auch ist, und so „trocken“ die Materialisierung - eine Eternithülle mit viel Glas -, die Architekten haben der Besonderheit der Situation neben beziehungsweise über der Autobahnüberplattung etwas abgerungen, das sich beim Gang durch das Gebäude erspüren läßt.

Die Überplattung war ja schon gebaut, als die Idee geboren wurde, neben den Harry-Seidler-Bauteil und vor die bestehenden Wohnbauten eine Schule zu setzen. Das gab zunächst einmal viel Ärger mit den Anrainern, die ihren Donaublick gefährdet sahen. Es war aber auch schwierig, weil die Überplattung selbst nicht darauf ausgelegt war, daß man sie überbaut. Nur auf die Trennwand konnte man etwas stellen, die Überplattung selbst trug einen 80-Zentimeter-Erdkoffer - das entspricht in etwa einer Belastbarkeit durch ein erdgeschoßiges Gebäude. Aber nicht mehr.

Aus der Not dieser Situation haben die Architekten im besten Wortsinn eine Tugend gemacht. Das Gebäude entwickelt sich einerseits parallel zur Autobahn, unmittelbar entlang der Trennwand. Andererseits weisen vier quergestellte Gebäudefinger in Richtung Neue Donau. Diese - um ein Geschoß höheren - Finger durchschneiden den langgestreckten Straßentrakt und gliedern ihn. Gleichzeitig macht diese Lösung zumindest für die oberen Geschoße der Wohnbebauung vis-à-vis den Durchblick zur Donau auch weiterhin möglich.

Die Eingangssituation ist klar definiert: leicht zurückgerückt, sodaß eine platzartige Situation entsteht, und gläsern aufgerissen, nur eine signifikante V-Stütze - ein erster Hinweis auf die statische Lösung bei den Klassentrakt-Fingern - steht davor. Links geht es zur „offenen“ Volksschule, einem Schulversuch, bei dem man ohne Benotung auskommt, rechts geht es zur Sportmittelschule. Dazwischen: ein Veranstaltungssaal, der nicht nur beiden Schulen gemeinsam, sondern auch öffentlich nutzbar ist. Denn es gibt in diesem Bezirksteil von Kaisermühlen keinen anderen multifunktionalen Raum.
Und noch ein zweites Spezifikum Kaisermühlens wurde in diesem Schulbau bedacht: Wer weiß das schon, aber der VAT Kaisermühlen ist einer der besten Tischtennisklubs Österreichs, und auch der hat hier Unterschlupf gefunden. Eine eigene Tischtennishalle wurde ins Programm aufgenommen, wichtigere Spiele werden in einer der drei großen Turnhallen abgewickelt, wo es auch eine Zuschauertribüne gibt.

Das Konzept dieser Schule folgt jedenfalls einem ziemlich komplexen Strickmuster, das eben nicht nur aus funktionellen Komponenten resultiert, sondern auch aus den diffizilen statischen Gegebenheiten vor Ort und - aus den Anrainerinteressen: Es gibt das Straßenniveau, es gibt einen Hang, eine Lärmschutzböschung, und es gibt die eingehauste Autobahn. Die Schule verläuft parallel zu diesen örtlichen Gegebenheiten, und alle Funktionen, die öffentlich sind oder durch eine straßenseitige Orientierung nicht beeinträchtigt werden, sind hier angelagert. Es gibt drei große Turnhallen, eine davon mit Zuschauertribüne, es gibt eine Musikhalle, eine Gemeinschaftshalle beziehungsweise einen Veranstaltungssaal, es gibt die zweigeschoßige öffentliche Bibliothek, die Tischtennishalle und den Gymnastikraum für die Kleinsten.

Alle diese Einrichtungen lehnen sich gewissermaßen an die Autobahn an, sie reichen teilweise auch bis auf das Niveau der Autobahn hinunter. Ganz unten gibt es einen 150 Meter langen Erschließungsgang, direkt an der Mittelmauer zur Autobahn, nur ein schmaler Installationskollektor ist zwischengeschaltet. Trotzdem: Tageslicht überall. In den Sälen an der Straße durch hochgelegene Fenster sowieso, aber auch durch einen Lichtschlitz entlang der Autobahn im Gang. Man spürt es also nicht, daß das Gebäude in diesem Bereich in der Erde drinnen steckt, daß gleich daneben eine Autobahn verläuft.
Die Klassentrakte, die Finger, die Fühler in Richtung Donau, stehen quer. „Wir waren verleitet diese Finger twisten zu lassen“, sagt Manfred Nehrer. Aber dann fiel die Entscheidung doch zugunsten der rationellsten Lösung. Und die ist ein rechter Winkel. Alle Klassen sind nach Südosten orientiert, die ganz vorne in den Fingern sogar über Eck, also zweiseitig. Das war lange verpönt, weil es hieß, da wird man geblendet. Henke/Schreieck haben da mit ihrer schönen Schule am Leberberg eine Vorreiterrolle gespielt. Seither weiß man, es geht auch so.

Konstruktiv interessant: die V-Stützen, die jeden Klassentrakt halten. Sie stehen auf der Mittelmauer der Autobahn und tragen praktisch eine Brückenkonstruktion. Denn außer der Mittelmauer durfte ja nichts belastet werden. Das heißt, von der V-Stütze kragt die Brücke in Richtung Donau aus, und sie spannt zurück bis zu einer Säule hinter der Glasschräge des Straßentraktes. Und der untere Gebäudeteil hängt am oberen. Diese konstruktive Lösung ist auch ablesbar - nicht aufdringlich, aber wer sehen kann, sieht.

Es gibt einen Glas-Verbindungsgang zwischen den beiden Schulen, den sich die Lehrer ertrotzt haben. Ursprünglich hätten sie einen Stock hinunter gehen müssen, um von der Volksschule in die Mittelschule zu kommen - oder umgekehrt. Das Argument der Architekten: die Durchsicht für die Anrainer.

Überhaupt: Die Durchsichtigkeit dieses ja keineswegs kleinen Bauwerks ist raffiniert. Auch die Dachlösung ist es. Extensive Begrünung vorne an der Straße. Nichts Aufwendiges also, aber stimmungsvoll blühend zu jeder Jahreszeit und - robust. Sichtbar auf den Dächern: die Lüftungsbauten. Sie sind kein Schönheitsfehler, im Gegenteil, diese Mischung aus „architektonischem Komfort“ und reiner Funktionalität ist gerade das Spannende. Aber wie praktisch alles bei dieser Schule, auch sie ist mehrfach codiert. Es geht dabei nicht nur um die Ablesbarkeit, nicht nur um den Rhythmus einer Dachlandschaft, sondern die Belüftung der Räume darunter, speziell der Turnhallen, ist durch die kurzen Wege - bei niedrigstem Energieverbrauch - einfach besser.

Kleinigkeiten: der Kampf um die Fenster knapp über Straßenniveau. Man darf nicht hineinsehen, die Lehrer wollen es nicht, und was den Gymnastiksaal betrifft, wo außer den Kleinsten auch Senioren turnen, da sind Einblicke sowieso nicht gefragt. Mit solchen Anforderungen kann man als Architekt aber nur kompromißlerisch umgehen.

Hingegen toll: das Durchsetzungsvermögen der Direktorin der offenen Volksschule. Sie hat sich gegen die verordnete Klassenmöblierung erfolgreich zur Wehr gesetzt. Folge: bunte Möbel und eine ganz und gar unzentralistische Aufstellung - Motto: Schluß mit dem Frontalunterricht, mitten hinein ins (Klein-)Volk.

Dieser Schulbau ist in mehrfacher Hinsicht ein Lehrstück. Er zeigt, was heutige technologische Möglichkeiten zu leisten imstande sind, wenn man richtig von ihnen Gebrauch macht. Und er zeigt, welche Entwicklung unsere Gesellschaft durchlaufen hat, denn der Ausbildungsstandard, der hier wie selbstverständlich zur Verfügung gestellt wird, war nie höher. Vor allem zeigt er aber, was Architekten zu leisten imstande sind. Ihnen mußte das alles einfallen, sie haben die unterschiedlichen Interessen und Gegebenheiten am Ort übereinandergelagert und aus dieser Verschneidung und Schichtung eine Lösung entwickelt. In diesem Fall kommt auch die formale Umsetzung nicht zu kurz. Sie ist trocken, sie ist nicht zeitgeistig - wiewohl auf dem heutigen Stand -, sie ist langlebig. Aber sollte das nicht jede Architektur sein?

1. Juli 2000 Spectrum

Ingenieurbaukunst in Haute Couture

Denkbar heikel war die Aufgabe: Es galt, die gut erhaltene Ruine einer antiken Wohnanlage in Ephesos „einzuhausen“. Otto Häuselmayers und Wolfdietrich Ziesels reflektierte, uneitle und funktional optimierte Lösung hat das Zeug, sich zum Vorzeigeprojekt zu entwickeln.

Archäologie und zeitgenössische Kunst, das ist eine Verbindung, die nur selten zu einem glücklichen Gesamtergebnis führt. Wiener können das bei jedem Gang über den Michaelerplatz beobachten, obwohl der vielleicht ein untypisches Beispiel ist. Denn erstens liegen diese Ausgrabungen mitten in der City und zerstören einen innerstädtischen Platz; zweitens hat sich von Anfang an die Frage gestellt, ob sie wirklich die Substanz haben, die eine öffentliche Inszenierung zwingend macht; und drittens überfordert sowohl das architektonische Konzept als auch dessen Materialisierung den ohnehin ziemlich ärmlichen archäologischen Bestand.

Man durfte also gespannt sein, was die Österreicher im Kontext ihres Vorzeige-Ausgrabungsfeldes, in Ephesos, an zeitgenössischer architektonischer Intervention zustande bringen. Dort, wo im Verlauf vieler Jahrzehnte das Zentrum einer vorchristlichen „Großstadt“ ausgegraben wurde und im Durchschnitt jährlich eineinhalb bis zwei Millionen Besucher durchgeschleust werden, kommt heutigen architektonischen Aktivitäten zweifellos eine besondere Bedeutung zu.

Konkret ging es darum, die besonders gut erhaltene Ruine eines großangelegten Hanghauses durch eine - wie auch immer angelegte - „Einhausung“ zu schützen. Dem Kenner zeitgenössischer Architektur wird bei einer solchen Aufgabenstellung sofort ein Vergleichsbeispiel einfallen: Peter Zumthors Schutzbauten für die römischen Ausgrabungen in Chur aus den achtziger Jahren. Zumthor hat diese Aufgabe unprätentiös gelöst, mit einer „Verpackungsarchitektur“ aus durchlässigen Holzlamellen, die aber exakt den ursprünglichen römischen Baukörpervolumina folgt.

Der Ansatz, den das in einem Gutachterverfahren erfolgreiche Team aus dem Architekten Otto Häuselmayer und dem Statiker Wolfdietrich Ziesel verfolgte, ist zwar anders, aber als gelungener, feinfühliger Umgang mit einer so diffizilen Aufgabenstellung sicher ebenso vorzeigbar.

Man sieht es schon von weitem, das textile Dach über dem Hang mit der wertvollen Hanghausruine. Es fällt dabei nicht aus dem Rahmen der von weitem zunächst landschaftlichen Umgebung, es ist eher ein im Sonnenlicht schimmerndes architektonisches Fragezeichen, besser: ein Versprechen, das man unweigerlich aus der Nähe in Augenschein nehmen möchte, eine Art visueller Magnet.

Dieses in den Hangverlauf eingebettete Membrandach kann dann, wenn man davor und vor allem darunter steht, wirklich sehr viel. Nicht nur vom architektonischen Konzept her und der konstruktiven Lösung, auch durch die Wahl der Materialien. Häuselmayer und Ziesel ist es ganz offensichtlich nicht um willkürliche (formale) Selbstverwirklichung am illustren Ort gegangen, sondern um den Einsatz all ihres Könnens zugunsten einer Aufgabenlösung, die - so altmodisch oder überholt es klingen mag - aus der Faszination und dem Respekt resultiert, den ein dermaßen geschichtsträchtiger Ort jedem reflexionsfähigen Künstler-Architekten-Konstrukteur heute nach wie vor abzuverlangen vermag.

Das Bauwerk ist so schlicht und doch zeitgemäß, so sensibel und doch komplex wie nur möglich. Eine leicht abgetreppte Membranhaut folgt dem Hang, an den Seiten transparent durch Lexan-Bahnen (also nicht Glas, sondern einen Polycarbonattyp) geschlossen. Und das - minimierte - Tragwerk ist aus Edelstahl. - Ziesel hat all sein Können, all seinen Erfindungsreichtum eingesetzt, um dieses Tragwerk optimal auszubilden. Denn eines muß man sich klarmachen: Auch der Denkmalschutz hat in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung durchlaufen, die für zeitgenössische Interventionen gleich welcher Art rigorose Folgen nach sich zieht. Das heißt: Der archäologische Bestand durfte nicht nur nicht angetastet werden, man durfte ihm nicht einmal nahe kommen. Es gab eine kritische Phase in der Entwicklung des Projekts, da hätte eine Stütze des Einhausungsprojekts eine Mauer des archäologischen Bestandes geringfügig tangiert. Die Überlegung von Häuselmayer/Ziesel ging dahin, diese Berührung sichtbar zu machen. Ihre Umsetzung ist am Einspruch des - für das Gesamtprojekt äußerst verdienstvollen - Leiters des Österreichischen Archäologischen Institutes, Friedrich Krinzinger, gescheitert: Das gesamte Bauwerk wurde schließlich um 20 Zentimeter verschoben.

Es lohnt sich, genauer anzuschauen, wie dieses Bauwerk beschaffen ist. Denn schon die Wahl der Dachmembran ist besonders gelungen. Sie besteht aus einer Kunststoffhaut - Fiberglas und Polytetraflourethylene -, die ganz hervorragende Eigenschaften hat: Sie ist wasserdicht und witterungsbeständig, schwer brennbar und UV-beständig, sie ist schmutzabweisend, läßt das Licht durch, aber die Sonnenenergie nur sehr bedingt, und sie ist ganz besonders leicht - ein Kilogramm pro Quadratmeter -, aber sehr belastbar - 8000 Kilogramm pro Quadratmeter.

Auch das Fassadenmaterial wurde glücklich gewählt: Es ist ebenfalls aus Kunststoff, aber transparent wie Glas, sodaß man die archäologischen Bestände von außen gut sieht. Das ist schon deswegen wichtig, weil Besucher nicht einfach nach Belieben in diesen Bau hineinkommen. Sie müssen geführt werden. Wäre das nicht so, man hätte vielfältige Sicherungsmaßnahmen entlang der Besichtigungswege anbringen müssen und damit die - überaus eindrucksvolle - Gesamtwirkung dieser Ausgrabung essentiell gestört. Außerdem: Immer stärker setzt sich das Bewußtsein durch, daß die Bewahrung solcher „ausgegrabener“ Geschichtszeugnisse nicht beliebig perpetuierbar ist. Wenn man sie wirklich erhalten will, dann darf man sie nicht uneingeschränkt vermarkten.

Man muß sich die Einhausung übrigens luftdurchlässig vorstellen, nicht als dicht geschlossene Hülle. Der Umgang mit dem Wind und dem Staub, zum Leidwesen von Krinzinger auch mit der Tierwelt, die einen willkommenen Unterstand in der Einhausung sieht, war insofern ein Kriterium. Winzige architektonische Details fallen in diesem Zusammenhang auf, erklären sich aber aus den Voraussetzungen am Ort: Die Zwischenräume zwischen den Fassadenbahnen wurden zum Beispiel so berechnet, daß der von außen eindringende Staub so verwirbelt wird, daß er eben nicht ungebremst eindringt. Und es gibt da, wo die Sonne eine Gefahr darstellt, auch transluzente Fassadenelemente.

Ziesels Tragwerk spielt alle „Stückln“. Daß er Edelstahl als Material gewählt hat, liegt noch irgendwie auf der Hand: Es ist haltbar und wartungsfrei und erlaubt einen geringen Materialaufwand. Denn eine filigrane Konstruktion war dem leidenschaftlichen Verfechter einer neuen „Ingenieurbaukunst“ sowieso ein zwingendes Anliegen. Er hat nur die wenigen Stützen in Normalstahl ausgeführt, aus nachvollziehbaren - hauptsächlich ökonomischen - Gründen. Darüber hinaus ist das Tragwerk raffiniert detailliert und konzeptuell in jeder Hinsicht ein Gewinn für die architektonische Gesamterscheinung. Denn Ziesel hat sich eine Lösung für die Dachhaut überlegt, die in Feldern funktioniert. Sie haben ein Ausmaß von ungefähr 25 mal elf Meter und werden durch eine Unter- beziehungsweise Überspannung stabilisiert. Die gesamte Dachkonstruktion hat - einschließlich Stahlbau - ein enorm niedriges Gewicht: 25 Kilogramm pro Quadratmeter. Auf Grund der Gegebenheiten vor Ort mußte die ursprüngliche Konstruktion dabei durch ein zusätzliches konstruktives „Rückgrat“ verstärkt werden, das Ziesel auch skulptural attraktiv ausgebildet hat.

Was jenseits aller - von Häuselmayer mit gewohnter Bescheidenheit, aber auf höchstem Niveau angesiedeltem Anspruch - realisierten Architektur, jenseits aller Konstruktion das wesentliche ist: Unter der Einhausung herrscht sowohl vom Licht her als auch klimatisch eine besondere Atmosphäre: angenehm, was die Temperaturen angeht, noch angenehmer, was die Lichtsituation betrifft. Auch Krinzinger, der gestrenge Schirmherr über die archäologische Substanz, weiß die architektonisch-konstruktive Geste des Bauwerks zu schätzen. Und die türkischen „Eigentümer“ wissen es, nach schwierigen Durchgangsphasen, nun auch.

Diese „Einhausung“ ist hervorragend geglückt. Uneitel, nicht auf sich selbst verweisend, wiewohl substantiell genug da ist, das die Beachtung lohnt. Über- und untergeordnet zugleich: ein zeitgenössisches Architekturstatement sondergleichen, ein inhaltlicher Anlaß - in Form der spektakulären Ausgrabungsergebnisse -, der diesen Aufwand und Einsatz allemal lohnt.
Wenn man in Ephesos ist, dann geht es einem übrigens wie an so vielen anderen historischen Orten: Man weiß, daß hinter jedem Hügel ein weiterer archäologischer Anlaß der Ausgrabung harrt. Krinzinger ist dagegen. Er sagt, daß wir kaum imstande sind, das, was jetzt ausgegraben ist, wissenschaftlich und nicht zuletzt konservatorisch entsprechend zu bearbeiten. Also: Keine weiteren Ausgrabungen mehr, weil das, was unter der Erde der Entdeckung harrt, dort am besten aufgehoben ist. Wahrscheinlich hat er recht. Es schmerzt trotzdem, daß eine Wohlstandsgesellschaft wie die unsrige nicht imstande ist, jenes Investitionspensum zu leisten, das weitere Ausgrabungen sinnvoll und - das vor allem - langfristig sicher macht.

20. Mai 2000 Spectrum

Wie eine Partitur aus Fensterstangen

Sie weiß, was geht; und sie weiß, wie es sich rechnet: Margarethe Cufer. DasThema, das sie vor Jahren mir dem Oberhuber-Haus in Wien-Mariahilf anriß, hat sie nun mit einem Wohnbau gleich dahinter fortgeführt. Ohne zu plagiieren, erreicht sie damit eine Ensemble-Wirkung - ein Glücksfall.

Ein ganz normaler Wohnbau, mitten in der Stadt. Kein „innovatives Konzept“, formal eine eher stille Angelegenheit, nichts Auffälliges also. Trotzdem lohnt es sich, manchmal auch solche Wohnbauten etwas genauer zu betrachten. Denn wenn sich der Planer etwas denkt bei seiner Arbeit, dann kann es sein, daß die städtebauliche Lösung und der Gesamtausdruck des Hauses für das Umfeld ein Gewinn sind und die Wohnungen für die Bewohner sehr komfortabel.

Ein Glücksfall ist das Wohnhaus sowieso. Denn vorne, an der Ecke Esterházygasse/Wienzeile steht das markante Oberhuber-Haus, das Margarethe Cufer schon vor ein paar Jahren realisierte. Dahinter war ein niedriger Altbau, wie er für diese Gegend (noch) typisch ist, der abgebrochen und durch das viel höhere neue Haus ersetzt wurde. Das Glück daran: Es war wieder Margarethe Cufer, die - nach mehreren anderen Projekten für den Bauplatz - mit der Planung beauftragt wurde.

Man muß eines sagen: Sie hat nicht den Fehler gemacht, die formale Besonderheit des Oberhuber-Hauses, die versetzten und ganz unterschiedlich dimensionierten Fenster weiterzuführen. Die waren eine Oberhuber-Idee, und diese Idee hat sie nicht plagiiert. Aber das Eckhaus trägt natürlich auch ihre Handschrift. Und die hat sie beibehalten, sodaß jetzt ein Ensemble dasteht, das gleichzeitig differenziert und irgendwie einheitlich wirkt.

Die Fassade des neuen Hauses ist ruhiger. Cufer nutzt zwar alle Möglichkeiten des Bauplatz-Zuschnittes zur Gliederung ihrer Fassade aus - etwa indem sie einen auch seitlich verglasten Mini-Erker einplante, der für den Ausblick aus den Wohnungen tatsächlich etwas bringt. Auch indem sie die beiden Stiegenhäuser in einem sehr blassen, dezenten Lachston gefärbelt, sie also lesbar gemacht hat (Zitat Bauherr: „Alle meine Häuser sind rosa“), während die Fassaden der Wohnungen weiß sind. Auch durch unterschiedliche Fenster, runde zum Beispiel, und ein scheinbar umlaufendes Fensterband im obersten Geschoß, das aber Fassadenspiel ist - Emailglas vor den Wandanteilen wechselt mit durchsichtigem Fensterglas ab. Von der Straße sieht man das aber nicht gleich, weil das Emailglas den Eindruck vermittelt, als wären dahinter heruntergelassene Jalousien.

Und schließlich durch den - ebenfalls spielerischen - Umgang mit einem so geringfügigen Detail wie den Fensterstangen. Sie sind gewissermaßen willkürlich gesetzt - „fast wie eine Partitur“, sagt die Architektin -, aber man kann sie auch als nachträgliche, sehr übersetzte Interpretation der Oberhuberschen Fensterlösung auffassen.

Ein ganz normaler Wohnbau. Aber so normal auch wieder nicht, wenn man die Ausgangslage - frei finanziertes Eigentum - bedenkt. Andererseits: Die Kosten-Nutzen-Rechnung fiel deswegen nicht weniger straff aus. Es liegt zwar Naturstein auf dem Boden in den Foyers und den Gängen, und in den Wohnungen gibt es durchwegs Eichenparkett. Außerdem sind die Wohnungen 2,60 Meter hoch, also zehn Zentimeter höher, als sie unbedingt sein müßten, was sich sehr, sehr angenehm bemerkbar macht. Aber im wesentlichen ist es das schon.

Natürlich hat die Architektin im Wissen, daß es sich um Eigentumswohnungen handelt, alle Möglichkeiten weidlich ausgenutzt, um „Qualität“ zu schaffen. Das fängt unter dem Haus an - bei den Garagen und dem Keller mit seinen Stahlabteilen, das setzt sich bei den durchgesteckten Foyers fort, die mit dem Blick zum begrünten Hof angenehm überschaubar sind. Und das gilt auch für die Wohnungen selbst, die über höchst angenehme, gut nutzbare Freiräume verfügen und einen sehr großzügigen Zuschnitt haben.

Man mußte dabei höchst flexibel sein: Da wünscht sich einer ein Zimmer mehr, und aus der Zwei-Zimmer-Wohnung daneben wird unversehens eine Garçonniére mit einem eigentlich unverhältnismäßig großen Terrassenanteil, sodaß jetzt daran gedacht wird, diese Einheit mit dem unteren Geschoß zu verbinden. Aber solche Möglichkeiten, sollte man meinen, müßten im heutigen Wohnbau ohnehin selbstverständlich sein.

Maßarbeit ist das Haus in jedem Fall. Von der Ecke bis zum Anschluß an das Oberhuber-Haus fällt das Gelände um einen Meter. Den mußte man ausgleichen, der verschwindet jetzt auch, fast unbemerkt. Außerdem kann man im Erdgeschoß hier nicht wohnen, obwohl auf die Nutzfläche nicht zu verzichten ist. Daher gibt es ein kleines, ebenfalls durchgestecktes Lokal, das sowohl als Geschäft wie auch als Büro geeignet scheint.

Cufer ist - ein bißchen auch zu ihrem eigenen Leidwesen, denn kein Architekt möchte immer nur Wohnbau machen - auf diesem Gebiet inzwischen eine erfahrene Architektin. Sie weiß, was geht, und sie weiß, wie es sich rechnet. Aber sie weiß auch, was angemessen ist. Es gibt an dieser Stelle, neben dem Oberhuber-Haus, keinen Anlaß, architektonische Selbstverwirklichung der „skulpturalen“ Spielart zu betreiben. Das Besondere ist das Künstler-Haus, und das sollte es bleiben. Was jetzt daneben steht, das ist die Arbeit eines Profis, der sich vor allem darum bekümmert, wie das Haus in seinem städtischen Umfeld steht und wie sich, trotz aller Kostenlimits, möglichst komfortabler Wohnraum herstellen läßt.
Beides ist ganz ausgezeichnet gelungen: Von welcher der umliegenden Gassen man auch immer das Haus betrachtet, es steht hervorragend da. Das Argument, daß wieder eines der alten, niedrigen Häuser gefallen ist, will nicht greifen. Durch das Oberhuber-Haus ist ein Thema angerissen worden, das nach einer Fortsetzung geradezu verlangt hat. Und diese Fortsetzung ist hier mit Mitteln erfolgt, gegen die sich nichts sagen läßt. Sie stimmt einfach.

Ein Architekt, der jammert, weil geblümte Markisen und Rattan-Sitzgarnituren sein puristisches Konzept entweihen, ist im normalen Wohnbau fehl am Platz.

Für die alltägliche Praxis des Wiener Wohnbaus kann man daraus ein paar Lehren ziehen. Die wichtigste betrifft den Aberglauben, daß mit dem Scheibchenschneiden von Bauaufgaben architektonischer Gewinn zu erzielen ist. Zwischen den Aberhunderten Wohnungen, die ein Architekturbüro in den sechziger und siebziger Jahren in Wien geplant hat, und der „Atomisierung“ von Bauaufgaben im Sinne der Abwechslung besteht ein gravierender Unterschied. Abwechslung ist erstens nicht immer gefragt und zweitens im dicht verbauten Stadtgebiet ohnehin ein Unsinn. Nicht auszudenken, was herausgekommen wäre, wenn irgendein Architekt hier gebaut hätte. Eigentlich mußte es Cufer sein, alles andere wäre sehr, sehr wahrscheinlich danebengegangen. Oder es hätte in dieses unspektakuläre, sympathische Stadtambiente einen Akzent eingebracht, der das Oberhuber-Haus konkurrenziert - und damit womöglich geschwächt hätte. Aber wozu hätte das gut sein sollen?

Übrigens: Das Oberhuber-Haus ist gut gealtert. Der Touch des „Künstler“-Hauses steht ihm nach wie vor wohl an. Auch wenn inzwischen die Graffiti-„Künstler“ zugeschlagen haben. Wobei sich ihre Aktivitäten mittlerweile sogar auf das neue Haus erstrecken. Damit muß man heutzutage allerdings leben, es gehört zur Großstadt. Und jeder Architekt, der damit nicht umgehen kann, der nicht schon vorweg an solche Möglichkeiten denkt, macht einen gravierenden Fehler. Es ist genau wie mit den Freiräumen und ihrer - nach außen weithin sichtbaren - individuellen Nutzung. Ein Architekt, der dasteht und jammert, weil von der Schilfmatte bis zur geblümten Markise, von der Rattan-Sitzgarnitur bis zu den Plastiksesseln alles mögliche und unmögliche sein ursprünglich angedachtes, womöglich puristisches Bild pervertiert, der sollte sich besser ein anderes Tätigkeitsfeld suchen, für den normalen Wohnbau liegt er falsch.

Schon deswegen ist die Bauträger-Idee der neuen Färbelung in der Sockelzone des Oberhuber-Hauses falsch. Cufer hatte da eine viel bessere Idee. Sie schlägt vor, daß Oberhuber selbst eingreift und zum Graffiti-„Künstler“ wird (der er irgendwo ja auch tatsächlich ist). Das Ergebnis wäre ein „Künstler“-Haus, wie es sich Helmut Zilk, der Erfinder der Wiener „Künstler“-Häuser, zwar nicht hätte träumen lassen, mit dem wir aber alle wunderbar leben könnten.

8. April 2000 Spectrum

Konstruktive Maßschneiderei

Die Vorgaben: eine winzige Parzelle in einer Wiener Kleingartensiedlung, maximale Gebäudehöhe viereinhalb Meter. Das Ergebnis: nicht mehr und nicht weniger als der Prototyp eines „Gartenhauses“. Konzept: Pichler & Traupmann.

Daß ein vom Architekten geplantes Einfamilienhaus gebaute Maßarbeit ist, hat man schon öfter gehört. Gemeint ist damit, daß die individuellen Wohnwünsche des Bauherrn auf den architektonischen Punkt gebracht sind. Das ist auch beim Haus Roubin der Architekten Pichler & Traupmann der Fall. Und noch mehr: Denn hier wird der Anspruch des maßgeschneiderten Entwurfs im doppelten Wortsinn, auf zwei Ebenen eingelöst.

Der Schauplatz ist klein: 252 Quadratmeter. Wir befinden uns nämlich in einer sogenannten Kleingartensiedlung, ganz in der Nähe des Wilhelminenspitals in Wien, also in einem Schrebergarten-Siedlungsgebiet mit kleinsten Grünparzellen und einem an Heterogenität unübertrefflichen Wildwuchs an Gebautem.

Früher wurde auf solchen Grundstücken wirklich „wild“ gebaut, jenseits aller Vorschriften. Heute gibt es Bauvorschriften, auch und sogar speziell für die Bebauung solcher Schrebergärten. Die galt es einzulösen und dabei doch ein Haus zu bauen, das dem heutigen Wohnstandard entspricht. Und was jetzt auf dieser Kleinstparzelle steht - ein Haus mit 115 Quadratmetern Nutzfläche -, das kann man nur als das Maximum ansehen, das unter den gegebenen Bedingungen realisierbar war. Bebaut sind exakt 62,5 Quadratmeter Grundfläche, wobei die Gebäudehöhe 4,5 Meter nicht überschreiten durfte. Darüber durfte nur noch das Volumen sein, das ein fiktives Satteldach mit 45 Grad Neigung umschließt.

Aber gehen wir es anders an: Schlendern wir den 1,50 Meter breiten Weg durch die Kleingartensiedlung entlang, vorbei an jeder Menge hand- oder auch baumeisterlich gestrickter Hauskuriositäten, hin zu diesem „Gartenhaus“. Es steht sehr besonders da, es sagt unaufdringlich, aber eindeutig: Ich bin Architektur. Es ist ein puristisches Haus, ein gegliedertes Volumen, dessen Logik sich ohne Zusatzinformationen aber nicht ohne weiteres erschließt. Dabei ist es kein kreativer Willkürakt, sondern gewissermaßen - logisch.

Man weiß es von den Bauten von Pichler & Traupmann im Burgenland: Dieses Büro ist imstande, kostengünstig zu planen, aber doch so, daß die gebaute Lösung einer Aufgabe durch Intelligenz besticht. Und intelligent ist dieses Haus in höchstem Maß. Man könnte es geradezu als Prototyp eines Hausbaus im Kleingarten-Siedlungsgebiet auffassen.

Pichler & Traupmann haben sich an die Bauvorschriften gehalten, sie haben alle Sonderregelungen ausgenutzt, und damit haben sie auf - und unter - den 62,5 Quadratmetern Grundfläche ein Haus errichtet, das komfortabel bewohnbar ist und über die Kleinheit der Aufgabe hinaus auch ein Beitrag zum zeitgenössischen Einfamilienhausbau.

Das Haus ist Ost-West-orientiert. Man kommt, vorbei an der Baustelle einer Gartengerätehütte, zum Eingang und zu einer Terrasse, die dem verglasten Wohnbereich vorgelagert ist. Sie ist durch einen 1,20 Meter auskragenden Erker teilweise wettergeschützt. Der Eingangsbereich umfaßt sowohl einen kalten Windfang als auch einen warmen Vorraum.
Hier findet sich die erste Besonderheit: drei Schiebetüren, die aufeinander treffen. Wie dieses Zusammentreffen im Detail gelöst ist, das ist Architektur vom Feinsten. Aber vor allem macht es möglich, ganz individuell damit umzugehen: Man hat die Möglichkeit der üblichen Art des Eintritts in ein Haus: durch den Vorraum in den Wohnraum. Man hat aber auch die Möglichkeit, direkt in die Küche zu gehen. Man hat die Möglichkeit, die Küche zum Wohnraum zu öffnen oder abzuschließen.

Und man hat die Möglichkeit, überhaupt alles zu öffnen. In diesem Fall verwandelt sich das Erdgeschoß in einen großen Raum, in dem sich in der - vom Eingang gesehen - linken hinteren Ecke eine nicht sehr auffällige, aber doch spürbare Absenkung in der Decke abbildet. Sie ist die Folge eines Minimalbalkons im Obergeschoß. Da drückt sich der Terrassenaufbau sichtbar aus.

Denn: Zu ebener Erde wird gewohnt, im Geschoß darüber liegen zwei Schlafräume, ein großzügiges Badezimmer und ein Garderobenraum. Bei einer erlaubten Bauhöhe von 4,5 Metern und einer tatsächlichen von zweimal 2,80 Metern ergibt sich dennoch eine Ungereimtheit. Mit 5,60 Metern ist das Haus - gemessen an den Bauvorschriften - scheinbar zu hoch. Scheinbar. Denn das Gesetz läßt es zu, daß durch „ausgleichende“ Maßnahmen bestimmte Überschreitungen auch wieder relativiert werden. Die Fassadenfläche muß insgesamt stimmen, auch die Höhe, auch die Baufluchtlinien, aber wie der Architekt im Detail damit umgeht, das ist ein anderes Kapitel.

In einem überaus geräumigen Untergeschoß, das durch eine Bodenverglasung, die auch als Terrasse nutzbar ist, ausgezeichnet belichtet wird, richtet sich die Bauherrin ihre Bibliothek ein. Hier ist aber auch der Fernsehraum, hier sind Technik- und Wirtschaftsräume. Darüber liegt, wie gesagt, das Wohngeschoß, über diesem befinden sich die Schlafräume.
Das Haus ist punktsymmetrisch konzipiert. Dem Badezimmer und dem großen Schlafraum im Obergeschoß sind diagonal Minimalterrassen vorgelagert, in der zweiten Diagonale wird das Problem der vorgeschriebenen Fassadenfläche mit Schrägverglasungen gelöst. Die Erker selbst sind massiv. Innenräumlich bringt diese eher ungewöhnliche, für die Hauscharakteristik aber wichtige Lösung sicher etwas.

Ganz besonders ist übrigens das durch alle drei Ebenen durchgesteckte Treppenelement. Die Bauherrin hat sich eine Stahltreppe gewünscht. Eine solche hat sie jetzt auch, halbgewendelt, wie im sozialen Wohnbau, und doch von einer skulpturalen Stringenz, die ihresgleichen sucht. Man könnte sagen: Wie sich die Treppe um eine 30 Millimeter ausschwingende Blechplatte herumfaltet, wie die Zahnung zum durchgängigen, formgenerierenden Prinzip gemacht ist, das zeigt vielleicht am deutlichsten, welche Qualitäten durch den konstruktiven, aber auch den Gestaltungswillen eines Architekten zu erzielen sind.

10. März 2000 Spectrum

Wie ein Rufzeichen aus Beton

Sichtbeton, Glas und Zinkblech: Mit der Beschränkung auf drei Materialien ist es dem Team BEHF nicht nur gelungen, eine Atmosphäre von Offenheit und Durch- lässigkeit zu schaffen; es setzt mit seinem mischgenutzten Gebäude auch einen städtebaulichen Akzent in Klagenfurt.

BEHF – das Architektenteam Erich Bernhard, Armin Ebner, Susi Hasenauer un Stephan Ferenczy – ist bisher vor allem durch ihren Beitrag zur qualitativen Verbesserung einer bislang architektonisch höchst unterentwickelten Bauaufgabe in Erscheinung getreten: jener der Verkaufsketten-Architektur: BEHF baut die Libro-Filialen. Speziell die neuen haben durch das Konzept von BEHF ein erfrischend zeitgemäßes Outfit erhalten, aber auch ältere werden mehr und mehr umgeschneidert, entsprechend der aktuellen Corporate Identity transformiert. Und das bedeutet für jeden Kontext, nicht nur den großstädtischen, einen Gewinn. Aber nicht nur Libro profitiert von der Eindeutigkeit der architektonischen Haltung dieser Gruppe. Ein kleines Projekt in Klagenfurt, das im Vorjahr den Kärntner Landesbaupreis erhalten hat, führt das überzeugend vor. Dabei geht es um einen sogenannten Fachmarkt – es handelt sich um eine Billa-Filiale – und um Büros. Eine typische Mischnutzung also, wie man sie in urbanen Zentren im großen, in mehr peripheren Lagen oder in reinen Wohnquartieren eher im kleinen antrifft.

Gelöst haben die Architekten diese Aufgabenstellung mit einer Folgerichtigkeit, die sich aus den unterschiedlichen Funktionen herleitet, die aber auch im Kontext der konkreten Bedingungen einen städtebaulichen Akzent setzt.
Der Baukörper ist von seiner eher kleinteilig bebauten Umgebung deutlich abgerückt und so auf das Grundstück gesetzt, daß dadurch zwei ganz unterschiedlich definierte Bereiche entstehen. Direkt an der Straße natürlich der Eingang des Supermarktes und die Zufahrt zum Parkplatz. Der ist nach der einen Seite durch eine Mauer be- grenzt, nach hinten, zur anschließenden Wohnbebauung – ursprünglich sollte hier eine Durchgangsmöglichkeit bestehen, die aber von den Anrainern nicht akzeptiert wurde – nur durch einen niedrigen Zaun.
Das heißt, die im dicht verbauten Gebiet ja doch eher unangenehme Sackgassen-Situation konnte hier maßvoll relativiert werden. Und sie ist so gestaltet, daß alle indirekten Aufforderungen an die Benutzer, daraus eine Abstell - oder gar Müllzone zu machen, peinlich vermieden wurden.
Diese Botschaft ist lesbar: Unterschiedliche Oberflächen auf dem Boden zeigen ganz klar, wo die Autoabstellflächen sind, wo aber auch, die ganze Gebäuelänge entlang, eine nur begehbare Freifläche ist – letztere ist aus Beton und wird dadurch zu einer Art Verlängerung des ebenfalls in Sichtbeton errichteten Hauses. Eine frisch gepflanzte Baumreihe und der vom Haus ein wenig weggekippte Glaskörper für die abgestellten Einkaufswagen unterstreichen diese Differenzierung.

An der gegenüberliegenden Längsseite des Hauses ist der Freibereich enger und weniger öffentlich formuliert. Aber hier geht es ja auch zu den Büros, der „Parteienverkehr“ ist im Gegensatz zum Kommen und Gehen der Billa-Kunden eine deutlich geringere Größe. Das Aper¸cu eines Trafohäuschens wurde ebenfalls als strenger Betonkörper ausgebildet und wirkt wie ein gebautes Rufzeichen des großen Hauses. Sehr zum Leidwesen der Architekten kann es aber weder in der Betonqualität noch in der Detailausführung mit seinem mächtigeren Nachbarn mithalten.

Das Haus selbst resultiert, wie gesagt, aus der folgerichtig und konsequent überlegten Interpretation der beiden funktionellen Anforderungen. Der Supermarkt muß natürlich im Erdgeschoß sein. Und er braucht Fläche: Verkaufsfläche und Lagerraum. Die beisen Büroeinheiten kommen hingegen mit deutlich geringeren Flächen aus, dafür spielen Tageslicht und Ausblick hier eine entscheidende Rolle.
Und genau das zeigt das Gebäude, denn es besteht aus zwei entsprechend unterschiedlich dimensionierten aufeinandergestapelten Schachteln, die durch eine – abends unterleuchtete – Fuge getrennt sind, sodaß im Dunkeln wirklich der Eindruck entsteht, die kleine Schachtel schwebe über der größeren.
Es ist ein Haus – ohne Details. Es gibt nur drei Materialien, die nach außen in Erscheinung treten Glas, Sichtbeton – übrigens in ganz erstaunlicher Qualität – und Zinkblech. Wo es von außen etwas zu sehen gibt, verweist dieses Etwas immer auf einen inhaltlichen Tatbestand.

Im Erdgeschoß etwa macht die straßenseitige, um die Ecke gezogene, raumhohe Verglasung den Supermarkt einsehbar, und die parkplatzseitige Zinkverblechung am hinteren Ende der Längsfassade bildet die Anlieferungs- und Lagerzone des Supermarktes ab. Das fast raumhohe Fensterband der beiden Längsfassaden im Büroteil demonstriert ebensolche Eindeutigkeit, und nach hinten, zur Wohnbebauung, schaut eine nüchterne Sichtbetonwand, die nur durch die zurückgesetzte Bürobox und natürlich die minuziöse Fugenteilung der Ortbetonfronten differenziert ist. Diese Differenzierung ist minimal – und doch gleitet der Blick nicht einfach darüber hinweg; sie bietet genau soviel visuellen Halt, wie es unbedingt braucht.

Diese Haltung, sich auf die Formalisierung tatsächlich vorhandener Funktionen zurückzunehmen, charakterisiert das ganze Haus. Der Stiegenaufgang zu den Büros zum Beispiel ist in die Erdgeschoßzone eingeschnitten. Dadurch wir das leidige Vordach überflüssig, und man ist trotzdem wettergeschützt, wenn man vor der Eingangstür steht. Der Aufgang drinnen ist durch eine Lichtdecke wunderbar belichtet, links und rechts vom Treppenabsatz oben geht es zu den beiden Büroeinheiten.
Auch die sind durch die Einheitlichkeit der eingesetzten Materialien und eine Offenheit und Durchlässigkeit charakterisiert, der man einfach Großzügigkeit attestieren muß.

Was toll ist: Die 2,20 Meter hohen Fensterbänder kommen mit einer Parapethöhe von 60 Zentimetern aus und haben kein irgendwie vorgesetztes Geländer gebraucht.
Möglich wurde das, weil unter den Fenstern eine Art tiefer Sockel entlangläuft, der aber nicht nur als Sicherheitsmaßnahme eingesetzt ist. Darin ist die Haustechnik geführt, darauf kann man sitzen, und vor allem als Ablagefläche hat er sich bestens bewährt. Deswegen war es auch wichtig, daß die Architekten Schiebefenster verwendet haben, die der Benutzung dieses
Sockels nicht im Weg sind.

Die einzige räumliche Festlegung in den Bürozonen besteht aus dem – auch konstruktiv wirksamen – Versorgungskern mit den Teeküchen, WC-Anlagen und einem Abstellraum. Alles Mobiliar ist raumhoch und raumteilend ausgebildet, unsichtbare Schiebewände können bei Bedarf daraus hervorgezogen werden.

Es gibt also beides: Offenheit und räumlichen Fluß, wenn es aber temporär gebraucht wird, dann läßt sich mit einem Handgriff auch eine abgeschlossene Raumsituation schaffen. Das einzige, was hier nicht ganz geglückt ist, ist er Fußboden. Er stimmt farblich nicht, er ist nicht gut ausgeführt. Aber das sind Abstriche, die der Architekt in Kauf nehmen muß, wenn er nur über Dritte, über den Generalunternehmer, mit den beauftragten Firmen kommunizieren kann. So rigoros reduzierte Konzepte, die auf eine perfekte Ausführung angewiesen sind, leiden darunter.
Worunter sie ebenfalls leiden, das ist eine nicht adäquate Nutzung. Man kennt das aus anderen Bereichen, speziell aus dem Wohnbau. Wenn das Angebot des Architekten auf Unverständnis stößt, dann entfalten seine Qualitäten eben nicht ihre volle Wirkung.
Man spürt das, wenn man die zweite Büroeinheit betritt, die vom Mieter gravierend „uminterpretiert“ wurde. Funktionell ist auch dort alles bestens, aber atmosphärisch läßt sie genau das vermissen, was im architektonischen Konzept angedacht war: das Bild einer offenen, kommunikativen Arbeitswelt, das die Enge abgeschlossener Zellenbüros früher oder später ja doch ablösen wird.

5. Februar 2000 Spectrum

Woodstock in Vienna

Bei ihrem Haus auf dem Schafberg nutzten Andreas und Gerda Gerner nicht nur den Werkstoff Holz optimal, sondern auch die Gunst des Standorts: Durch großflächige Verglasungen kann man den Blick über Wien selbst von der Badewanne aus genießen.

Die Spaziergänger staunen. Und diskutieren kopfschüttelnd darüber, daß hier, auf dem Südhang des Schafberges, mitten in einer der massiv gemauerten Einfamilienhauslandschaften, wie man sie in den „grünen“ Stadtrandquartieren gern findet, ein Holzhaus steht. Aber wahrscheinlich sind es gar nicht das Holz und seine so ganz und gar nicht rustikal-jodelnde Verarbeitung, die den Leuten zu schaffen machen. Nein, es ist das viele, großflächig und südseitig eingesetzte Glas.

Unter den jungen Wiener Architektenteams zählen Andreas und Gerda Gerner zu den interessantesten. Man könnte sagen, daß sie „aus der Schule von Helmut Richter“ kommen, daß sie folglich Umgang mit Stahl, Glas und Aluminium pflegen und auf einen sogenannt „zeitgemäßen“ Ausdruck ihrer Bauten Wert legen. Und diese Charakteristik gilt auch jetzt noch, nach ihrem Sidestep in den Holzbau. Denn „Woodstock“ - der bürointerne Codename für das Haus auf dem Schafberg - wird zwar dem Anspruch silbrig schimmernder Metalloberflächen nicht gerecht, aber in solchen Oberflächenimages liegt ja auch nicht die Essenz dieses architektonischen Ansatzes. Ihm geht es vielmehr um den Nutzen, der sich aus bestimmten Materialentwicklungen ziehen läßt, um konstruktive Wahrheit und die Optimierung des Materialaufwandes.

Das Haus ist schlicht. Aber es hat ein intelligentes Konzept. Schon wie es auf dem Südhang steht, ist eine Qualität. Denn die wundervolle Aussicht über Wien kann man hier wirklich genießen, selbst von der Badewanne aus. Und auch das Gelände wurde sinnvoll „modifiziert“. Vor dem dreiseitig umschlossenen Kellergeschoß wurde ein großes Atrium ausgegraben, zu dem sich der Raum mittels Glashaut auf der vierten, der Südseite öffnet.

Der Holzskelettbau hat eine Außenhaut aus unbehandeltem Lärchenholz. Es wurde in großformatigen Platten verlegt, nur an der Betonwand im Norden, die für die nötige Speichermasse sorgt, haben die Architekten eine schmale Lattung gewählt.
Nach Süden, zur Stadt, zum großartigen Panorama schaut viel Glas. Es schiebt sich räumlich als sogenannter „Glaskobel“ aus dem Wohnraum hinaus, es läßt im Obergeschoß gleißendes Licht herein. Hier ist auch ein kleiner Balkon - 1,5 Meter auskragend - an die Konstruktion angeklippt, der sich theoretisch ohne Probleme wieder wegnehmen ließe. „Angeklippt“ ist in diesem Fall übrigens wörtlich gemeint, denn die beiden Elemente, aus denen dieser Balkon besteht, funktionieren wie Wäscheklammern, die an das Tragwerk aufgesteckt sind.

Die großflächigen Verglasungen (bis zu zwei Meter mal 3,60 Meter) haben einen außenliegenden Sonnenschutz. Sie sind nur zum geringen Teil fix, der weitaus größere läßt sich aufschieben. Reizvolles Detail: Vor den Fenstern der mehr privaten Bereiche - etwa der Schlafräume im Obergeschoß - gibt es Holzschiebeläden, die im offenen Zustand unsichtbar in der Fassade verschwinden, die sich aber auch so schließen lassen, daß eine glatte Holzhaut entsteht.

Sieht man sich die Konstruktion etwas genauer an, dann weiß man: Hier hatte der Statiker einiges zu rechnen. Die Stützen im Wohnraum zum Beispiel sind rund. Sie sind genau so dimensioniert, wie es gebraucht wird; das „hölzerne Fleisch“, das bei viereckigen Stützen unnötig mitgeliefert wird, weil es nichts trägt, wurde weggelassen. Auch die „hölzerne Pistole“, die den vorgeschobenen, verglasten Bereich des Wohnraumes trägt, ist nach einem ausgetüftelten Prinzip gelöst. Vom Zuschnitt her zeigt sie genau den Kräfteverlauf: Sie wird dort schmäler, wo sie weniger zu leisten hat. Und sie ist so zwischen zwei Deckenbalken eingespannt, daß im „Glaskobel“ eine stützenfreie Ecke möglich wurde.

Architektonisch war das ein Ziel: den Werkstoff Holz und seine konstruktiven Möglichkeiten auszuloten. Aber sicher ging es auch darum, ein Haus in diese Umgebung zu setzen, das sich wie natürlich gewachsen verhält, das mit seiner Lärchenholzhaut auf ganz selbstverständliche Weise altert.

Die jungen Bauherren haben ein sehr offenes, dabei überaus komfortables und sogar preisgünstiges Haus bekommen. Denn ein Quadratmeterpreis von 18.000 Schilling (1308 Euro) ist nicht überzogen, wenn man bedenkt, daß in dieser Summe auch die Abbrucharbeiten für ein auf dem Grundstück vorhandenes Objekt und die Erdarbeiten für das dem Untergeschoß vorgelagerte Atrium enthalten sind. Ganz davon abgesehen, daß den Bewohnern allerhand zusätzliche Annehmlichkeiten geboten werden, vom Wäscheabwurfschacht aus dem Obergeschoß zur Waschmaschine im Keller bis zu einem Zentralstaubsauger, ebenfalls im Keller, sodaß in den Wohnräumen nur noch der Schlauch angesteckt zu werden braucht und man sich das Herumtragen des ganzen Geräts erspart.

Bleibt die Frage der klimatischen Verträglichkeit. Also jene Frage, an der sich die Meinung der Passanten aufheizt. Die architektonische Antwort darauf fiel so aus, wie es den heutigen Möglichkeiten entspricht: Außenbeschattung, überall querdurchlüftete Räume und vor allem: extrem hochwertiges Glas. Das müßte ausreichen, um selbst bei hochsommerlichen Temperaturen ein angenehmes Raumklima zu garantieren.

Das Haus wurde im Dezember letzten Jahres bezogen. Die Probe aufs Exempel steht also noch aus. Was sich hingegen jetzt schon bemerkbar macht, ist der passive Nutzen der Südorientierung für den Energiehaushalt. Selbst bei ausgesprochen winterlichen Temperaturen schaltet sich die Heizung oft erst abends ein.

Andreas und Gerda Gerner haben aber kein Energiesparhaus im engen Sinn geplant, dafür sind sie mit den Glasflächen viel zu großzügig umgegangen. Dafür nutzt ihr Haus die Gunst des Standortes optimal aus und die heutigen Möglichkeiten mit Holz und Glas. Die Großzügigkeit der innenräumlichen Lösung, ihre Offenheit und Transparenz muß man mögen. Andererseits: Nicht nur Bautechnologien entwickeln sich, unaufhaltsam ändert sich auch das Wohnverhalten. Für die Architektur ist das ein Glück.

8. Januar 2000 Spectrum

Platzeldecken, Eisensprossen

Was tun mit einer alten Ottakringer Tabakfabrik? Die Antwort des Büros Nehrer + Medek: Neu nutzen, sprich mit einem Zubau für die Bedürfnisse einer Höheren Technischen Bundeslehranstalt adaptieren. Ein geglückter Umgang mit einem historischen Zweckbau.

Was tun mit ungenutzten, irgendwie übriggebliebenen historischen Gebäuden? Vor allem dann, wenn sie keine Repräsentationsbauten sind, sondern Architekturen profaner Spielart: Zweckbauten, Industriebauten? Es kommt selten vor, daß die heutige „Verwertungsgesellschaft“ befriedigende Antworten auf diese Frage liefert. Die bewahrende Hand des Denkmalschutzes kann da nur wenig ausrichten. Unter dem Vorzeichen der Profitmaximierung stehen solche Häuser wie uneinbringliche Schuldscheine da.

Die hundert Jahre alte Tabakfabrik auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Austria Tabakwerke bei der U-Bahn-Endstelle Ottakring gehört in dieses Problemfeld. Nur daß in ihrem Fall mit der Umnutzung als Schule eine glückliche Lösung gefunden wurde.

Die Gunst des Standortes legte eine „echte“ Neunutzung auch nahe. Nicht alle historischen Profanbauten lassen sich mit alternativen und/oder kulturellen Inhalten füllen. Und was von der historischen Substanz bleibt, wenn man auf Biegen und Brechen etwas - zum Beispiel Wohnungen - hineinpressen will, für das sie auf gar keinen Fall geeignet ist, das führen die Gasometer in Simmering eindringlich vor.

Die Höhere Technische Bundeslehranstalt für Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik ist keine kleine Institution: In den 38 Klassen werden 1100 Tagesschüler und 500 bis 600 Abendschüler unterrichtet. Dafür reichte das Raumangebot in der alten, U-förmigen Tabakfabrik bei weitem nicht aus. Es mußte nicht nur jeder Quadratmeter Fläche im historischen Teil ausgenutzt werden, es wurde auch ein Zubau gebraucht. Den haben die planenden Architekten, das im Schulbau besonders erfahrene Büro Nehrer + Medek, hinter dem Mittelrisalit in den Hof gestellt und mit dem historischen Bauwerk durch das Gelenk eines schlichten Stahl-Glas-Körpers verbunden, der die vertikale Erschließung enthält.

Das Raumprogramm war umfangreich: Gefordert waren nicht nur Klassenräume, sondern vor allem eine große Anzahl unterschiedlicher Werkstätten, Labors, Sonderräume - von der Verwaltung über die Bibliothek bis zum Speisesaal - sowie eine riesige Sporthalle, die auch ein nach internationalen Richtlinien dimensioniertes Spielfeld von 20 mal 40 Metern umfaßt und in zwei Turnsäle teilbar ist.

Diese Sporthalle haben die Architekten unter dem neuen Trakt im Hof in die Erde eingegraben. Es fällt trotzdem über Oberlichtelemente genug Tageslicht ein, und obendrein resultiert aus dieser Lösung eine „formale“ Besonderheit in der äußeren Erscheinung des ansonsten sehr schlichten neuen Baukörpers. Der ist durch Fensterbänder horizontal gegliedert und hat oben ein zurückgesetztes Staffelgeschoß mit einer durchaus bewegten Silhouette. Aus dieser Fassade treten auf der Ebene des sechsten Geschoßes lediglich drei plastische Elemente hervor. Diese „Ausbuchtungen“ mit ihren Knöpfen sind nicht übertrieben inszeniert, trotzdem sind sie so signifikant, daß man sich unweigerlich sagt: Bloßer Formalismus kann das nicht sein, diese Elemente müssen einen Sinn haben.

Und den haben sie auch: Unter dem neuen Klassentrakt liegt die große - stützenfreie - Sporthalle. In den Geschoßen darüber, die nach einem ganz simplen, zweihüftigen Strickmuster gebaut sind - Mittelgang und links und rechts die Klassen -, war es hingegen nicht notwendig, mit solchen Spannweiten zu operieren. Hier gibt es also einen üblichen Stützraster, und diese Stützen sind an drei gewaltigen, vorgespannten Trägern „aufgehängt“. Die drei plastischen Fassadenelemente sind die Spannköpfe, an denen diese Konstruktion ablesbar wird. Theoretisch kann man die Knöpfe dieser Elemente abnehmen und so die Spanndrähte kontrollierten (was allerdings nur alle fünf oder zehn Jahre notwendig sein dürfte).

Der neue Klassentrakt kommt im übrigen ohne formale Spielerei aus. Einschnitte, „Löcher“ in Boden beziehungsweise Decke der einzelnen Geschoße brechen das „Kasernenschema“ auf, ebenso die hohen Glasbänder im Mittelgang.
Der Neubau hält sich an die Traufhöhe des alten Baukörpers. Nur das Staffelgeschoß kommt hinzu, es wird aber vom Mittelrisalit der Tabakfabrik nach außen abgeschirmt. Das bedeutet allerdings auch: Im Neubau sind die Geschoßhöhen wesentlich niedriger. Klassenräume brauchen nur eine lichte Höhe von 3,20 Metern, im Altbau beträgt die Raumhöhe hingegen 5,50 Meter. Für die Werkstätten, Labors und Sonderräume ist das allerdings keine schlechte Option.

Überhaupt sind die Architekten mit dem Altbau feinfühlig umgegangen. Ursprünglich war einmal daran gedacht, den Haupteingang an die Seite, Richtung U-Bahn-Station zu verlegen. Jetzt ist er doch wieder dort, wo er immer war: in der Mittelachse, nur akzentuiert durch ein gläsernes Vordach und - die „Kunst am Bau“ von Waltraud Cooper, die sich von außen ins Haus hineinzieht.

Im Inneren kam es für die Architekten - neben der Sanierung der Substanz - auf zweierlei an: Erstens ging es darum, atmosphärisch etwas vom alten Fabriksgebäude mit seinen großen Werkhallen, den Gußeisensäulen und böhmischen Platzeldecken, aber auch den feingliedrigen Eisensprossen der nur einfach verglasten Fenster in die Gegenwart herüberzuretten; und es ging zweitens darum, ein Maximum nutzbarer Fläche zu schaffen. Letzteres ist durch den Ausbau des Dachgeschoßes zum Fest- und Konferenzsaal und vor allem ein Absenken des Fußbodens im Keller um rund 80 Zentimeter geschehen. Denn dadurch wurde ein - immer noch tagesbelichtetes - volles Geschoß dazugewonnen, in dem große Werkstätten Platz gefunden haben.

Nehrer + Medek konnten natürlich die alte Hallenstruktur nicht beibehalten. Um das Haus nutzbar zu machen, mußten Zwischenwände eingezogen wer- den. Aber das ist rücksichtsvoll geschehen, die alte Konstruktion blieb unangetastet. Und durch die breiten Oberlichtbänder in den Gängen blieb etwas von der ursprünglichen Durchlässigkeit bewahrt, man sieht durch bis zur Fassade, zum Tageslicht.

Ein überaus heikles Problem waren die Fenster. Der Denkmalschutz bestand darauf, daß sie zumindest nach außen, straßenseitig, erhalten werden. Das ist auch geschehen, sie wurden nachgebaut. Aber eine Einfachverglasung kann heutigen Ansprüchen nicht genügen. Daher kam eine innenliegende zweite Fensterschicht mit Isolierverglasung hinzu. Das bedeutet allerdings: sehr breite Profile, die in krassem Gegensatz zu den feinen Eisensprossen der alten Fenster stehen.
Nehrer + Medek haben zum Mittel der Vereinfachung und der farblichen Hell-dunkel-Differenzierung gegriffen, um dieses Faktum zu verwischen. An der Hofseite sind auch die Außenfenster nach diesem vereinfachten Schema gemacht. Diese Lösung ist sicher nicht ideal, aber sie ist mit Feingefühl und Sorgfalt entwickelt. Bei einer solchen Problemstellung kann es eine „ideale“ Lösung, die dem Schallschutz und thermischen Anforderungen gleichermaßen genügt, vermutlich auch gar nicht geben.

Wirklich gelungen ist dafür das „Gelenk“ zwischen Altbau und neuem Trakt. Die simple Stahl-Glas-Konstruktion dieses eingeschobenen Baukörpers wird beidem gerecht: dem Charakter des historischen Bauwerks und der neuen Nutzung. Die ein wenig piranesische Wirkung dieses Treppenhauses hat vor allem damit zu tun, daß die Stiegen relativ kompliziert geführt werden mußten, um die unterschiedlichen Geschoßhöhen in den beiden Gebäuden zu bewältigen. Transparenz und Luftigkeit waren hier aber oberstes Gebot. Auf den ersten Blick glaubt man gar, daß die Stiegen offen sind.

Nehrer + Medek haben diesen Um- und Zubau sehr konsequent durchgeplant. Gerade im Altbau mit seiner großen Raumhöhe machen sich die sichtbar geführten Installationen auch atmosphärisch angenehm bemerkbar. Der praktische Effekt: Man kommt überall dazu, Um- und Nachrüstungen können problemlos erfolgen.

Am wichtigsten an diesem Revitalisierungs- und Neubauprojekt ist und bleibt aber: Es fügt sich in das städtebauliche Entwicklungskonzept - ebenfalls Nehrer + Medek - rund um die U-Bahn-Endstelle Ottakring sinnvoll ein. Das Hochhaus des Schwesternheims des AKH dahinter, eine Wohnbebauung gleich im Anschluß an das Schulareal, ein öffentlicher Platz vor der Schule und eine sinnvolle Durchwegung Richtung U- Bahn - so bringt man ein vernachlässigtes urbanes Quartier wieder zum Funktionieren. Und obendrein blieb ein lokales Wahrzeichen, die alte Tabakfabrik, bewahrt.

4. Dezember 1999 Spectrum

Erlebnisraum Stiegenhaus

Vorher: eine Fünfziger-Jahre-Ruine an der Wiener Südausfahrt. Nach der Adaptierung durch Elsa Prochazka: ein ausgetüfteltes, lichtdurchflutetes Büro-und Betriebsgebäude. Wo Umbau mehr bedeutet als routinierte Innenraumorganisation und Facelifting.

Die schlichte Aluminium-Kiste des umgebauten Coca-Cola-Werkes von Elsa Prochazka steht an einem – aus städtebaulicher Sicht – neuralgischen Punkt im Wiener Süden. Das ursprüngliche Gebäude wurde in den fünfziger Jahren errichtet und formulierte früher einmal gemeinsam mit dem Philips-Haus auf der gegenüberliegenden Seite der Triester Straße eine Art Tor zur Stadt. Danach kam nur noch der Abhang des Wienerberges mit seiner gewaltigen Industriebrache und einer keineswegs reizlosen Teichlandschaft, die die Ziegelwerke hier gegraben hatten.

Nun, die Zeiten ändern sich, und Städte entwickeln sich. Am Wienerberg schritt diese Entwicklung ohnehin vergleichsweise langsam voran. Aber jetzt ist sie in dynamischer Bewegung. Die Baukräne des Fuksas-Doppelhochhauses beweisen es: Hier wird die Grenze der Stadt sichtbar hinausgeschoben, das dicht bebaute urbane Gebiet wächst.

Unter diesen komplexen Voraussetzungen kann man den Umbau eines solchen Büro-und Betriebsgebäudes nicht nur als routinierte Innenraum-Organisation, verbunden mit einem äußerlichen Standard-Lifting, auffassen. Allerdings hätte sich Elsa Prochazka wohl auch in einer weniger empfindlichen Situation nicht für Allerweltslösungen der gängigen Art bereit gefunden.

Die Aufgabenstellung war so: Es gab zwei, keineswegs besonders große Betriebs- und Bürogebäude vorne an der Triester Straße, der Südausfahrt Wiens. Das erste, jetzt umgebaute, stammt aus den fünfziger Jahren: Seinerzeit, als man durch eine riesige Glasscheibe im Erdgeschoß auf ein Fließband schauen konnte, über das die leeren Cola-Flaschen zum Befüllen wanderten, war es vor allem für Kinder eine Sensation. Später dann, in den sechziger oder frühen siebziger Jahren, kam das zweite Gebäude hinzu. Verbunden waren diese Bauten durch ein Stiegenhaus, das allerdings nur bis zum zweiten Obergeschoß reichte. Übrigens verdecken die beiden Häuser – quasi als „Kopfbauten “– ein dahinter liegendes, sehr ausgedehntes Betriebsareal mit zahlreichen Lagerhallen und einer – im wörtlichen Sinn – eindrucksvollen „Kistenlandschaft“.

Man kann ruhig sagen, daß beide Häuser unter architektonischen Gesichtspunkten immer schon als Trivialität abzuhaken waren. Das ist noch nicht einmal boshaft. Aber nun hat sich das geändert.

Und diese Veränderung wurde mit schlichten, dabei höchst raffinierten, also intelligent eingesetzten Mitteln bewerkstelligt. Was man sieht, ist eine Aluminiumhaut mit einer auf den ersten Blick markant unregelmäßig erscheinenden Fensterlösung. Da sitzen schmale, lange Öffnungen über teils quadratischen, teils im Format halber, hochgestellter Quadrate zugeschnittenen Fenstern. Da gibt es aber auch schmale, eher kurze „Unterfenster“ (Prochazka). Klar, daß daraus ein Muster entsteht; ein unregelmäßiges Muster, aber doch geometrisiert, systematisiert, digitalisiert? Das System ist nicht gleich durchschaubar.

Wer die Arbeiten von Elsa Prochazka kennt, der wird natürlich folgerichtig schließen, daß das, was man von draußen sieht, mit dem, was sich drinnen abspielt, zu tun hat. Und so ist es auch. Die Fassadenlösung wurde so entwickelt, daß sie optimale Arbeitsplätze in den Büros garantiert. Und das heißt bei der heutigen Bildschirmarbeit: Oberlichten, Unterfenster und Fenster, die individuell beschattbar sind, die aber nicht unbedingt beschattet werden müssen, weil sie so angeordnet sind, daß sich der Arbeitsplatz im Raum entsprechend situieren läßt. Es fällt das Licht nie direkt auf den Bildschirm.

Bei einer solchen Fassadenlösung fragt man sich heutzutage automatisch: Ja, aber wie trägt das dem Anspruch Rechnung, daß ein Bürohaus flexibel sein soll? Wenn die Fensterlösung derartig maßgeschneidert ist, wie kann sie dann noch funktionieren, wenn sich die Büroaufteilung im Inneren eines Tages ändert? Das Zauberwort heißt: „computergenerierte Fassade“.

Das bedeutet, daß alle möglichen Umbauvarianten schon im Vorfeld der Planung durchgerechnet wurden; es bedeutet, daß solange herumgetüftelt wurde, bis eine Lösung herauskam, die den jetzigen Ansprüchen genügt und auch allen erdenklichen Varianten künftiger Nutzungen gerecht wird. Auch rein zeichnerisch ließe sich eine solche Planung entwickeln. Nach dem Aufwand darf man allerdings nicht fragen, denn der ist auch schon bei der Computervariante groß.

Ursprünglich hat das Haus im Erdgeschoß und auf dem ersten Obergeschoß Produktionsräume beinhaltet, darüber war ein Lagerraum, und wieder darüber waren Büros. Zu diesen vier Ebenen kommt nun eine fünfte, neue dazu, und das alte Stiegenhaus wurde weggerissen und durch ein neues ersetzt, das beide Gebäude des Bestands optimal verbindet.

Optimal heißt, daß durch dieses Stiegenhaus auch unterschiedliche Geschoßhöhen miteinander verknüpft sind. Und das mit einem Minimum an Raum: Da mußte zum Teil mit Rampenlösungen ausgeglichen werden, die Sichtbetonstiege ist überdies verhältnismäßig steil. Es war sehr wenig Platz. An ein Stiegenauge, an vielgeschoßigen Luftraum war unter diesen Umständen nicht zudenken.

Elsa Prochazka hat etwas entwickelt, was einen solche Zwänge vollständig übersehen läßt. Sie hat statt einer Brüstung eine Wand kreiert, die in Leichtbauweise errichtet und mit petrolfarben lasierten Platten verkleidet ist. Durch den signifikanten Zuschnitt – es gibt „ausgeschnittene“Durchsichten und „Oberlichten“, wo es einen geradezu weiterzieht, und die Beleuchtung ist überaus minuziös gesetzt – schafft es diese Wand, aus dem engen Treppenhaus, das allerdings lichtdurchflutet ist, weil es nach außen optimale Fensterflächen hat, einen Erlebnisraum zu machen.

Man kommt gar nicht auf die Idee, daß man hier durch ein – mit höchsten Brandschutzauflagen bedachtes – „Notstiegenhaus“ geht, es ist ein Raum, ein Baukörper, dessen Position und Außenansicht ein eigenständiges Statement darstellt.

Man muß überhaupt sagen: Elsa Prochazka hat für diesen Umbau eine Lösung und auch eine ästhetische Sprache entwickelt, die zwar eindeutig und selbstbewußt sind, die aber den nebenstehenden Banalbau nicht irgendwie „blamieren“.Nur en passant angemerkt: Möglicherweise läßt eine solche Haltung auch gewisse Rückschlüsse auf die Berechtigung jener angeblich kompromißlosen Zwanghaftigkeit der Selbstverwirklichung von Architekten zu, mit der man es immer wieder zu tun hat, wenn es um „anspruchsvolle“ Architektur geht.

Natürlich ist es so: Elsa Prochazka agiert kompromißlos. Aber auf einer anderen Ebene. Daß die Sache funktioniert, ist sowieso das oberste Gebot, aber daß sie sich sehen lassen kann, ist schlichtweg eine Folge davon. Aus dem Haus ist ein bemerkenswertes Bürogebäude geworden, aber nicht weil die Architektin geglaubt hat, eine neue Antwort auf das Thema Bürohaus zu erfinden.

Die Räume sind – eigentlich ganz konventionell – entlang der Fassaden organisiert, und in der Mittelzone wurden Nebennutzungen angesiedelt. Wie gesagt, solche zweihüftigen Lösungen sind durchaus üblich. Es kommt halt immer darauf an, was man daraus macht. Elsa Prochazka hat einen aufregenden Raum daraus gemacht. Sie hat für die Nebenfunktionen – von der Teeküche bis zum Besprechungsraum – Körper, Räume formuliert, die einen unglaublich spannenden Binnenraum entstehen lassen.

Denn diese Raumeinheiten stehen tatsächlich als einzelne Körper – oder Objekte – da. Und sie verleihen dem durchgehenden Geschoß eine Art Rhythmus. Sie geben den Takt an. Von den ganz einfach, aber sehr ansehnlich entworfenen Garderobenschränken für Besucher bis zu den – als Leichtkonstruktion in den Raum gestellten und beplankten – Raumeinheiten für Konferenzen. Dort herrscht übrigens die Farbe Türkis vor. Elsa Prochazka hat die simplen Sperrholzplatten also nicht einfach natur verwendet, sondern für einen gewissen „Kick “gesorgt.

Es ist wirklich höchst reizvoll, was aus diesem ausgeräumten Stahlbetonskelett, dieser auch zuvor schon mehrfach umgebauten Fünfziger-Jahre-Ruine letztlich geworden ist. Es ist ein lichtdurchflutetes Bürohaus, das atmosphärisch eine Großzügigkeit suggeriert, die sich flächenmäßig ganz gewiß nicht belegen läßt. Aber auf diesem Gebiet, man weiß es von den vielen anderen Arbeiten der Elsa Prochazka, ist sie ohne Zweifel eine Meisterin.

Wie man mit Innenräumen umgeht, was man daraus machen kann – es gibt wohl niemanden in Österreich, der das überzeugender, besser vorgeführt hätte. Bleibt das Thema der Haut. Und die Haut des Gebäudes am Wienerberg, überzeugt in ihrer subtilen Ausgetüfteltheit genauso wie zum Beispiel die Glasfassade des Schulzubaus, den Elsa Prochazka vor Jahren realisiert hat.

Es ist schon so: Gute Lösungen kommen nicht von ungefähr. Sie haben eine Vorgeschichte. Und Elsa Prochazka ist jemand, der diese Vorgeschichte nicht nur durchgestanden, sondern auch eine ganz eigene sprachliche Kraft daraus destilliert hat.

Es gibt nicht sehr viele Frauen in der Architektur, denen man Aufgaben einer großen Größenordnung zutrauen und wünschen würde. Wenn es eine gibt, dann ist es Elsa Prochazka.

13. November 1999 Spectrum

Eine Parkgarage für Dreiräder

Schon ihre Vorstudien setzen sie in reizvolle plastische Objekte um; auch ihre Bauten beeindrucken durch skulpturale Qualitäten. Mit ihrem Kindergarten in Bettembourg bleibt das österreichisch-luxemburgische Architektenduo Hermann & Valentiny seiner Linie treu.

Für den Architekturtouristen ist Luxemburg ein Reiseziel, das er so nebenbei abhakt. Denn was hat es an zeitgenössischer Baukunst schon zu bieten? Ein sehr schönes Einfamilienhaus von Rob Krier aus den siebziger Jahren und aus den Neunzigern ein paar Banken – von „Arquitectonica “,von Richard Meier, von Gottfried Böhm. Ein Bürohaus des „Team 4“ wäre möglicherweise der Erwähnung wert. Außerdem baut Ieoh Ming Pei dort gerade ein Museum. Und sonst? Ach ja, es gibt Hermann & Valentiny, jenes österreichisch-luxemburgische Architektenteam, das mit seinem Standbein an der Mosel steht und mit seinem Spielbein an der Donau. Oder ist es umgekehrt? Oder überhaupt ganz anders? Denn nicht gerade ihre kleinsten Bauten realisier(t)en die beiden ja in Deutschland (Berlin,Köln,Halle).

Nein, in den städtebaulichen Dimensionen der Planung für Halle – mit Wohntürmen, Hotel, Büros, Shopping-Center et cetera – läßt sich im Luxemburgischen tatsächlich nichts aufspüren. Aber man wird auch dort fündig. Da reckt sich etwa aus den Weinbergen an der Mosel ein „Betonpilz“ frech in die Höhe – eine Art offene Pavillonarchitektur, die gleichzeitig als das weithin sichtbare Zeichen für ein höchst sensibel auf den Hang komponiertes Weingut fungiert. Und da beharrt so mancher kleine Betonkörper mit allem Nachdruck nicht nur auf seinem architektonischen Stellenwert, sondern auch auf seinem ganz besonderen Wohnwert im ansonsten dicht und banal verhüttelten Umfeld.

Aber ganz so ist es auch wieder nicht. Die baukünstlerischen Kleinjuwelen haben im Lauf der Jahre so manches Karat zugelegt. Der heuer fertiggestellte viergruppige Kindergarten in Bettembourg zum Beispiel hat eine durchaus stattliche Größe. Dabei war für das geforderte Programm das Grundstück eher knapp bemessen.2000 Quadratmeter sind nicht viel, wenn es Freibereiche für die Kinder geben soll, einen separaten Zugang zu einem Veranstaltungssaal im zweiten Obergeschoß, eine Abfahrt in die kleine Tiefgarage und obendrein das Grundstück einer gewissen „Fassung“ bedarf, einer Definition gegenüber dem disparaten Wohnumfeld mit seinen etwas höhergelegenen Gemüsegärtlein im Hinterhof.

Die Architekten haben den schwungvoll gebogenen Baukörper so hinter ein altes Gemeindehaus gestellt, daß er nur mit einer Schmalseite direkt in die Seitenstraße schaut, von der er erschlossen ist. Hier geht es zwischen Gemeindehaus und Kindergarten hinein auf eine Vorplatzsituation, die trotz aller Nähe der Baukörper zueinander überaus einladend und großzügig ist. Dieser Vorbereich ist spektakulär, vor allem deswegen, weil die Architekten die Gebäudeerschließung aus dem Haus herausgeschält und ihr so eine ganz spezifische Bedeutung zugemessen haben. Ein Turm aus blauen Glasbausteinen enthält den Lift und ist durch Stege mit den einzelnen Geschoßen verbunden; ebenso die Freitreppe, die leicht schräg und in ziemlichem Abstand vor das Gebäude gestellt wurde. Darüber ist, wie ein mächtiger Baldachin, das fast acht Meter auskragende Vordach aufgespannt.

Diese Lösung ist ungewöhnlich, aber sinnvoll. Sie bietet den Kindern die Möglichkeit, auf dem Holzboden dieses Vorplatzes wettergeschützt zu spielen. Sie erlaubt aber auch die externe Nutzung des Saals im zweiten Obergeschoß, ohne daß der Kindergarten davon unmittelbar berührt wird.

In der Wahl der Materialien geben sich Hermann &Valentiny nach außen hin teilweise recht hart: Da gibt es viel Streckmetall – etwa als gebäudehoher semitransparenter Schirm vor der Nottreppe an der Schmalseite zur Straße; da ist viel signifikant gestreifter, weil in eine Bretterschalung gegossener Beton an den Außenfassaden, bei der einfassenden Pergola und der Garagenabfahrt, aber auch bei der Mauer zu den Nachbarn; und es gibt sehr viel Glas.

Gerade diese großflächigen Verglasungen im Bereich der Gruppenräume oder beim Veranstaltungssaal sorgen für lichtdurchflutete, freundliche Räume – atmosphärisch wird hier also etwas geboten, was den Bedürfnissen der Nutzer entspricht. Und dann ist ja auch sehr verschwenderisch Holz eingesetzt, und das sogar in einer besonders edlen Variante: nämlich Eiche. Und es gibt die blauen Glasbausteine als durchgängiges Motiv in diesem Haus, das ganz gezielt wiederkehrt.

Hermann &Valentiny haben sich nicht gescheut, auch „kindliche“ Motive einzuführen: Sterne zum Beispiel, die sich als äußerst reduziertes Statement schon auf der Untersicht der Vordaches finden und die dann im Haus – unter anderem auch als verglaste Elemente in den Türen – auftauchen. Das war wahrscheinlich eine besonders prekäre Gratwanderung. Aber sie wurde gewissermaßen abstrahiert, also tatsächlich unter Anführungszeichen bewältigt.

Zusätzlich erwähnenswert: Unter der Freitreppe, die bis hinauf zum Veranstaltungssaal führt, wurde der Raum durch Streckmetallgitter ebenfalls semitransparent abgeschirmt. Hier ist die Parkgarage für die Kleinen. Hier parken sie ihre Dreiräder und Roller. Dieser Anblick ist bezaubernd.

Das Haus ist durch und durch überlegt und städtebaulich ein Gewinn für die Umgebung. Es hat auch einen skulpturalen Stellenwert, wie das den Bauten von Hermann & Valentiny meistens zu eigen ist. Die beiden – jeder für sich, aber dann auch im Dialog – haben immer schon gezeichnet, gemalt,Skulpturen entworfen und vor allem Vorstadien ihrer architektonischen Überlegungen und konkreten Planungen in ungemein reizvolle plastische Objekte umgesetzt. Von diesem – für Architekten in der Regel eher ungewöhnlichen – Ansatz her erklärt sich vieles, was man bei einer Spurensicherung des Büros Hermann & Valentiny in Luxemburg ausfindig machen kann.

Die wunderbare Photogalerie in Luxemburg-Stadt ist im kleinsten Rahmen die wahrscheinlich überzeugendste Umsetzung solcher künstlerischer Ansätze. Sie ist, wie gesagt, nur klein und in ein Altstadthaus eingebaut. Und sie ist, jenseits aller modischen Assoziationen mit Minimalismus, ein überaus komprimiertes, auf das unumgänglich Wesentliche reduziertes Statement. Sie ist Haut und Wand und Präsentationsfläche für Photographie. Wunderbar beleuchtet durch eine intelligente, in die Decke integrierte Kunstlichtlösung, die eine wirklich überzeugende Alternative zu den üblichen Strahlern und damit einer lauten, aufgeregten Raumdecke darstellt. In dieser Galerie gibt es nur einen einzigen deutlichen räumlichen Akzent: die rote Stirnwand, gegen die sich die Besitzerin der Galerie lange gewehrt hat und die jetzt doch den optimalen Präsentationshintergrund für Photographie darstellt.

Möglicherweise sollte man über Handschrift reden. Hermann & Valentiny haben zumindest keine vordergründig-formale. Sie denken über Körper nach, über Objekte. Und über deren Materialisierung, aber immer auch unter den Aspekten der Ökonomie und der Brauchbarkeit. Und sie gehen strategisch vor. Der in Luxemburg übliche Wohnbau ist ein architektonisches Trauerspiel. Vor diesem Hintergrund leuchtet dann eine Lösung besonders ein, die einem „normalen“ Geschoßwohnungsbau ein mächtiges Stahlgerüst vorlagert, an dem aber die Balkone hängen. So wurde nicht nur die Balkonzone durchgebracht, sondern auch eine Art raumbildende Pergola, die für die Bewohner einen Mehrwert schafft.

Auf den Spuren von Hermann & Valentiny: Da gibt es das kleine, schwarz gefärbte Betonhäuschen für die Gemeinde Bech-Kleinmacher, das schon an sich ein überzeugender Körper in einer ungemein reizvollen Materialisierung ist. Wenn man aber Gelegenheit hat „hineinzuschauen“, dann wird man erst so richtig fündig. Denn ganz oben gibt es einen Saal, in den die Betondecke eingehängt ist wie ein Leintuch. Ein geradezu klassisches Beispiel für manieristische Irritationsmuster: Man glaubt schräge Wände vor sich zu haben, wiewohl sie doch gerade sind.

Hermann & Valentiny haben ihre Karriere jung und in Berlin begonnen. Im Rahmen der IBA, Mitte der achtziger Jahre, haben sie zum ersten Mal gebaut. Es war die Blüte der Postmoderne. Und Hermann & Valentiny – auch dadurch begründet, daß Francois Valentiny Luxemburger ist – sind irgendwie, durch ihre künstlerischen Ambitionen wohl auch bewußt – ins Fahrwasser von Rob Krier geraten. Krier hat ihnen geholfen. Aber die Architekturszene ist gnadenlos und –windig. Krier ist derzeit abgehakt. Hermann & Valentiny hat man ihren „postmodernen“ Stadtvillenbau an der Rauchstraße und noch ein paar andere Arbeiten, die an einer historischen Bezugnahme festzumachen sind, nicht verziehen.

Die Szene reagiert schnell, wenn es um Aburteilungen geht –und ist sehr träge, wenn einfühlsames Differenzieren angesagt ist.

16. Oktober 1999 Spectrum

Siedlung mit Ausblick

Skeptisch wurde Harry Seidlers Wohnanlage auf der Wiener „Donau-Platte“ aufgenommen: Er hat mit der traditionellen Fixierung auf Block und Hof gebrochen. Wodurch er allerdings imstande ist, den Nutzern ein Maximum an Komfort zu bieten.

Die Gegensätze könnten größer nicht sein. Wenn man auf der Reichsbrücke stadtauswärts fährt, dann fällt der Blick linkerhand auf einen Teil der neuen „Donau-City “, und er fällt rechterhand auf einen Teil der „Donau-City“. Links waren relativ junge heimische Architekten am Werk. Rechts hat Harry Seidler geplant.

Es geht um die sogenannte Platte, um die Überplattung der Donauufer-Autobahn und die Entwicklung der Stadt jenseits, aber direkt an der Donau. Wie geht man mit einer solchen Lage um? Das ist die Gretchenfrage, auf die links und rechts der Wagramer Straße ganz unterschiedliche Antworten gegeben wurden. Links: städtebauliche Versatzstücke aus einem Wettbewerb, der nicht eindeutig genug entschieden wurde. Rechts das Konzept von Harry Seidler.

Letzteres wurde lange Zeit recht skeptisch betrachtet. Denn Seidler hat mit einer hierzulande tief sitzenden Vorstellung gebrochen, mit der traditionellen Fixierung auf den Block, den Hof. Er hat keine Blöcke, keine Höfe sondern seine Bauten schräg auf die Überplattung der Donauufer-Autobahn gestellt; er hat sie zur Donau hin abgetreppt, sodaß auch die weiter weg liegenden Wohnungen auf den Strom hin orientiert sind; er hat erkennbar mit gleichen, vorgefertigten Elementen gearbeitet; und er hat „Sichtschneisen“ für die dahinter liegenden Wohnbauten eingeplant. O-Ton Seidler: „Es wäre nicht anständig gewesen, den Leuten, die schon ewig hier wohnen, den Ausblick zu nehmen.“

Seidler verficht eine Architektursprache, der man gemeinhin seine Sympathie versagt. Er kommt vom Funktionalismus her, und der ist ja durch den kommerziellen Abklatsch einer dritten, vierten und fünften Architektenkategorie in wirklich arge Bedrängnis geraten. Andererseits: Seidler hat das Vokabular des Funktionalismus in formaler Hinsicht erweitert. Man muß die Literatur über ihn lesen, man muß lesen, wie ein Kenneth Frampton oder ein Dennis Sharp diese Sprache interpretieren. Sie stellen eine Verbindung zu Entwicklungen in der bildenden Kunst dieses Jahrhunderts her. Das Luftbild seiner Wohnanlage macht deutlich, was sie meinen.

Im jetzigen Stadium umfaßt Harry Seidlers Wohnanlage 540 Wohnungen und einen Kindergarten. In Bau ist ein Kino-und Freizeit-Center. Das lang umstrittene Hochhaus, das er vorgeschlagen hat, soll nun doch Gestalt annehmen –allerdings nicht als reines Bürohochhaus, sondern durchmischt mit Wohnungen.

Harry Seidlers Konzept präsentiert sich so einfach wie überzeugend: Er ging vor allem davon aus, daß jeder, der hier, auf der Platte an der Donau, wohnt, die Donau auch sehen will. Und er ging von den statischen Gegebenheiten aus.

Wenn man die Wohnbauten senkrecht beziehungsweise im rechten Winkel zur Donau stellt, dann müssen wenige Balken der Überplattung das jeweilige Haus tragen. Wenn man die Häuser schräg stellt, dann werden ungleich mehr Balken belastet, man kann folglich höher bauen. Und: Wenn man es geschickt macht, dann kann man auch alle Wohnungen zur Donau hin orientieren.

Genau das hat Harry Seidler geschafft, und genau deswegen waren seine Wohnungen schon vor Fertigstellung der Anlage vergeben, während man links, auf der anderen Seite der Wagramer Straße, damit zu kämpfen hat, daß Leute einziehen.

Die Wahrheit ist: Seidler hat eine Wohnanlage – aber auch generell einen Städtebau –entwickelt, der den Nutzern ein Maximum an Komfort bietet. Und er hat nicht nur Häuser gebaut, er hat ein ganzes Freiraum-Konzept entwickelt, das seine gebauten Vorschläge in einen Zusammenhang rückt, der an Wünschen, an Bedürfnissen der Allgemeinheit und der spezifischen Nutzer festgemacht ist.

Die Leute schauen auf die Donau. Sie gehen in ihr Haus und kommen in ein durchaus attraktives Stiegenhaus hinein – es ist zwar innenliegend, aber trotzdem wunderbar belichtet. Sie haben Wohnungen, denen Balkone, im Erdgeschoß kleine Gärten und ganz oben auch große Terrassen vorgelagert sind. Sie haben Wohnungen, die eine sehr freie Grundrißlösung erlauben. Nach außen drückt sich das kaum aus: Die Fensterbänder werden nur durch das kleine Apercu eines Ausblicks im Kinderzimmer rhythmisiert. Man braucht gestalterisch ja wirklich nicht mehr, um gut zu wohnen.

Seidler war gescheit: Er hat sein Augenmerk darauf gerichtet, wie man mit geringem Aufwand so etwas wie formale Monotonie vermeidet.

Und er hat sich darauf konzentriert, das gesamte – letztlich ja artifiziell geschaffene – Areal so zu interpretieren, daß ein Gewinn für alle dabei herauskommt. Auch für die Anrainer in den Fünfziger- und Sechziger-Jahre-Bauten daneben, die nicht nur durch die Überplattung der lauten Donauufer-Autobahn profitieren, sondern auch durch die Stellung des noch nicht fertigen Kino- und-Freizeit-Centers an der Wagramer Straße, das als Schutzschild vor dem Lärm von der Reichsbrücke fungiert. Und denen natürlich die überdimensionierte Tiefgarage zugute kommt, in der es auch Stellplätze für Anrainer gibt.

Sehr überzeugend ist der Kindergarten: Er ist zur Donau hin orientiert, aber halbgeschoßig eingegraben, damit den Kindern ein möglichst windgeschützter Freibereich zur Verfügung steht.

Im Bauteil Harry Seidlers ist alles durchdacht, er funktioniert. Daß Seidler sich den Luxus einer gebogenen Glasbrüstung vor den Balkonen leistet – diese Glaselemente sind übrigens so beschaffen, daß man zwar von drinnen nach draußen, aber unter dem Vorzeichen der geforderten „Privacy “nicht umgekehrt schauen kann –, daß er gebogene Betonelemente als durchgehendes gestalterisches Element einsetzt, hat zwar mit einer gewissen Individualisierung dieser Wohnanlage zu tun, es resultiert aber auch aus den heutigen bautechnologischen Möglichkeiten, die sich in der Wiederholung, in der großen Serie plötzlich zu rechnen anfangen.

Seidlers Beitrag zum Wiener Wohnbau ist nicht unumstritten. Überholter Funktionalismus, sagen die einen. Es gibt aber auch andere. Und die sehen, was da konzeptuell geleistet wurde. Denn der Formalismus einer individuellen Architektursprache war immer nur ein sehr schwacher Beitrag zur Architekturdiskussion.

4. September 1999 Spectrum

Ein Wohnbau, der dahinpfeift

Ein schwieriger Bauplatz: ein Südhang hinter einer Schallschutzwand; und eine Aufgabe, die sich zur künstlerischen Profilierung kaum eignet: Wohnbau. Über Helmut Richters Problemlösungen wird man noch lange reden: die Thermensiedlung Oberlaa.

Wohnbau wird überschätzt: Als Möglichkeit (bau)künstlerischen Ausdrucks, als Mittel der ästhetischen Profilierung eignet er sich nur bedingt. Zu viele andere Faktoren spielen eine ebenso wichtige Rolle:die Qualität des Wohnungsgrundrisses etwa,die ökologische Komponente, die Nachhaltigkeit der eingesetzten Materialien – und vor allem die ökonomische Frage.

Wohnbau wird unterschätzt: Mit der Aneinanderreihung und Stapelung mehr oder weniger brauchbarer Grundrisse und einer kostengünstigen, dabei gefälligen Fassade ist es auch wieder nicht getan. Der Anspruch, den jedes zeitgenössische Bauwerk erfüllen sollte: die heutigen technologischen Möglichkeiten intelligent zu nutzen, gilt im Wohnbau wie überall sonst. Und ganz nebenbei wird damit auch formal etwas transportiert. Etwas, dessen besonderer Stellenwert aus seiner Alltäglichkeit resultiert. Einen Flughafen, ein Museum, einen Verwaltungssitz betritt man anders als einen Bau, in dem man zu Hause ist.

An der im Süden Wiens gelegenen sogenannten „Thermensiedlung Oberlaa – Grundäcker “ von Helmut Richter läßt sich geradezu beispielhaft zeigen, unter welchen Voraussetzungen es sich heut zutage überhaupt nur lohnt, über einen Wohnbau ausführlicher zu reden. Dabei ist es ein ganz „normaler “Wohnbau, äußerst kostengünstig geplant und in einer keineswegs idealen Lage. Denn die Grundstücke, wo Wohnbau problemlos realisiert werden kann, werden allmählich rar. Und Helmut Richter wurde mit der Thermensiedlung Oberlaa ein hochproblematisches Grundstück zugeteilt. Es liegt direkt hinter der Schallschutzwand einer Bahnstrecke, die sich trotz dieser Maßnahme immer noch unangenehm bemerkbar macht.

Andererseits: Der über 170 Meter lange Riegel bietet von der Lage her auch eine Qualität: Alle Wohnungen sind Nord-Süd-orientiert, das heißt, die Bahn verläuft im Norden, und hier hat Richter auch die Laubengangerschließung plaziert. Typologisch hat dieser neue Wohnbau also etwas mit dem an der Brunner Straße zu tun, allerdings handelt es sich um eine weiterentwickelte Variante.

Bemerkenswert ist vor allem die konstruktive Lösung: Das Haus „hängt “am Laubengang, der mit seinen wenigen Stützen – Richter nennt sie „A-Böcke “– die tragende Rolle spielt. Das ist insofern ungewöhnlich, als sich die tragende Konstruktion nur auf einer Seite – im Norden – befindet und die Aussteifung des Gebäudes über sogenannte „Querkraftdornen “bewerkstelligt wird. Beim Fassadenaufbau – der besonders nach Süden überraschend viele Glasflächen umfaßt – hat Richter das gleiche System verwendet wie bei seinem Wiener Schulbau. Er hat die Trockenbauweise dem massiven (Ziegel-)Mauerwerksbau ja schon immer vorgezogen, und die Domico-Paneele bieten die Möglichkeit zu einem sauberen, raschen und ökonomischen Fassadenaufbau, und mit ihrer Aluminiumoberfläche entsprechen sie obendrein den heutigen Anforderungen der Nachhaltigkeit.

Der Eindruck, den der Wohnbau von Helmut Richter auf den ersten Blick vermittelt, ist der von Länge und Tempo – das Haus „pfeift “unglaublich sympathisch dahin –,und er löst ein, was man an Ansprüchen in dieser Lage anmelden muß. Man betritt die Wohnungen von Norden, Stiegenhäuser und Lift sind durch eine leuchtend rote Kunststoffplane – wie im ersten „Kiang “von Richter – ausgewiesen, sie sorgen für eine Rhythmisierung des langen Riegels.

Von hier, von Norden, geht es in die durchgesteckten Wohnungen hinein. Wirtschaftsbalkone an der Nordseite sind ein äußerst angenehmes Zusatzangebot, von Norden belichtete (offene) Küchen und Badezimmer, die durch eine Milchglasscheibe allerdings nicht einsehbar sind, nutzen diese eher undankbare Front räumlich. Die Verglasungen zum Laubengang sind dabei weitgehend fix, nur kleine öffenbare Fenster sorgen für die nötige Querdurchlüftung, die Richter ein absolutes Anliegen war. Das sollte man herausstellen: Wir reden hier von einem Architekten, dem es nicht einfällt, missionarisch soziale Anliegen zu transportieren. Er ist einfach nur – intelligent. Und auf der Grundlage dieser Intelligenz realisiert er seine Architektur. Das kommt den Nutzern zugute, und es erspart ihm eine ohnehin verzichtbare ideologische Überfrachtung.

Zur Südfront –mit großzügigen verglasten Flächen und Balkonen – eine Anmerkung: Hier sind die Fenster aus Kunststoff. Das schmerzt den Architekten, der viel lieber haltbarere Aluminiumfenster gehabt hätte, und es schmerzt ihn besonders, weil sie nicht, wie er es vorgeschlagen hatte, grau eingefärbt wurden, sondern weiß sind und damit recht massiv aus der Fassade herausknallen.

Ein zweites Problem der Südfront: Hier braucht es natürlich einen Sonnenschutz – der normalerweise außen liegen würde, was aber an einem so windigen Südhang nicht praktikabel wäre. Die Jalousien liegen daher innen, und die gelben Sonnenschutzelemente erzeugen eine tolle Innenraumstimmung.

Ein Kuriosum wäre noch zu erwähnen: Im obersten Geschoß sind an beiden Enden des langen Wohnbaus die Dachflächen abgeschrägt. Diese Schräge wurde von Richter ebenfalls verglast und ebenfalls mit dem innenliegenden Sonnenschutz ausgestattet. Sie resultiert daraus, daß es nur einen einzigen Lift zur Erschließung der 170 Meter Länge dieses Wohnbaus gibt. Was – nach irgendwelchen und nur schwer nachvollziehbaren Kriterien der Wiener Bauordnung – zu weit vom Lift entfernt lag, mußte den Charakter einer ausgebauten Dachwohnung haben. Daher die Dachschräge, die allerdings unter einem verblechten Dach klimatisch noch viel problematischer gewesen wäre, als das jetzt der Fall ist.

Helmut Richter hat einen besonderen Ruf in der Wiener Architekturszene. Er hatte aber bislang nicht das Glück, spezifische Bauaufgaben zu lösen – er hat kein Museum gebaut, keinen Flughafen, keinen repräsentativen Verwaltungssitz, sein „Besonderstes“ war eine Schule. Und doch schaut die Architektenszene auf jedes seiner Projekte mit größtem, mit ungebrochenem Interesse. Die anderen, sie mögen noch so schillernde Namen haben – wenn es um eine Art von substantieller Wertschätzung geht, dann überrundet sie Richter allemal. Es ist nicht nur eine Frage der baukünstlerischen Zielsetzung. Es ist eine Frage der grundsätzlichen Haltung. Und da hat Helmut Richter der Mehrzahl seiner Kollegen viel voraus.

14. August 1999 Spectrum

Der Gast in der Statistenrolle

Bespielt wird ein Ort, Typ „megaurban“; die Inszenierung steht unter dem Generaltheme „Lebensmittel“;Regie führen neben Architekten auch bildende Künstler. Ein Lokal als Bühne –der „Guess Club“ in der Wiener Kärntner Straße.

Der Architekt als Regisseur – in der Wiener Kärntner Straße, schon fast beim Karlsplatz, haben Heinz Lutter und Franz Berzl gemeinsam mit den bildenden Künstlern Gustav Deutsch und Hanna Schimek mehr als nur ein Bühnenbild realisiert. Im zweiten „Guess Club “– nach einem ersten in der Kaunitzgasse – geht es schon fast um eine Inszenierung, in der dem Gast wenn schon keine Haupt-, so doch zumindest eine Art Statistenrolle zugewiesen ist.

Bei Tag sticht das Lokal nicht sonderlich ins Auge. Die streng geometrisierte Straßenfront hebt sich zwar durch den differenzierten Einsatz unterschiedlicher Glasflächen –schwarz, opak, durchsichtig – von der Umgebung ab, sie ist aber so schmal, daß man sie durchaus übersehen könnte. Zwei Bildschirme zeigen die Speisekarte beziehungsweise die unterschiedlichen Ebenen im Inneren. Und in einem Schaukasten führt der Chefkoch kleine Installationen aus Eßbarem vor.

Was man tagsüber nicht auf Anhieb versteht, sondern zunächst als rein formale Maßnahme deutet, das ist die Beziehung zwischen opaken und schwarzen Glasflächen in dieser Front. Erst abends, wenn es dunkel wird, zeigt sich, daß die schwarzen Gläser Projektionsflächen sind für Clips zum Thema „Lebensmittel “(von Gustav Deutsch und Hanna Schimek) etwa oder auch für eine Außenansicht der Innenansicht dessen, was im Lokal passiert. Das hat ja schon das Konzept des ersten „Guess Clubs“ entscheidend geprägt: das Potential heutiger technologischer, interaktiver, kommunikativer Möglichkeiten zur Formulierung einer neuen, großstädtischen Lokaltypologie zu nutzen, die aber gleichzeitig auch die „normalen “Bedürfnisse auf einem durchaus hohen Niveau befriedigt.

In der Kärntner Straße ist das, allein schon auf Grund der Ausdehnung des Lokals –drei Ebenen,650 Quadratmeter Nutzfläche –,auf den Punkt gebracht. Denn hier war ein Mix, von atmosphärisch ganz unterschiedlichen Räumen zum Essen über einen Ort für Snacks bis zur Bar und sogar zur Disco, einfach möglich. Der kostenlose Internet-Zugriff spielt dabei im Rahmen der gebotenen Möglichkeiten eine untergeordnete Rolle. Es geht eher um eine bestimmte Raumcharakteristik, die durch ein solches „mediales Dekor “(im Gegensatz zum traditionellen) erzielt wird.

Trotzdem:Auch wenn der „Guess Club “den Versuch darstellt, ein zeithaltiges Ambiente für die junge Erfolgsgeneration zu bieten, so funktioniert er natürlich doch nach alten Regeln. Selbst Yuppies haben manchmal Hunger und Durst, selbst Yuppies wollen bequem sitzen oder leger an einer Bar lümmeln. Also: Die alten Regeln behaupten auch im Internet-Zeitalter ihre Gültigkeit. Aber deren Anwendung war in diesem konkreten Fall für die Architekten gar kein leichtes Spiel. Denn daß die Straßenfront so ungewöhnlich schmal ist, bedeutet im Klartext: Das Lokal erstreckt sich dahinter in der Tiefe des Hauses und bis in den Hof. Und das wiederum hat zur Folge, daß es fast keine Tageslichtsituationen gibt.

Damit muß man als Architekt umgehen können. Lutter und Berzl konnten es. Der Auftritt des Gastes ist minutiös inszeniert. Er betritt das Lokal und damit eine „Empfangssituation “.Rechts ist der Blick in die Küche freigegeben, links, ein wenig erhöht, sind die sogenannten „Chief ’s Tables “.Gedacht ist für diesen Bereich daran, daß der Chefkoch persönlich auftritt, auch daß er individuelle Speisenüberraschungen serviert. Ich halte das zwar für einen Fehler im Konzept: Denn wenn ich vom Chefkoch bedient (und bekocht) werden möchte, dann suche ich mir dafür keine Durchgangssituation `a la Selbstbedienungsrestaurant – wenn auch in einer sehr edlen Variante – aus.

Aber gut. Tatsache ist, daß es die Architekten geschafft haben, eine räumliche Steigerung zu erzielen. Es zieht den Besucher förmlich weiter. Er geht an der Küche vorbei und in die Lobby, die im Grund wie ein Kaffeehaus funktioniert, auch wenn sie nicht so aussieht. Man trinkt etwas, konsumiert einen kleinen Snack, sieht hinüber zu einem Speisesaal, sieht aber auch die Treppe hinauf und hinunter und weiß daher, daß die Lokalität noch mehr zu bieten hat.– Geht man dann tatsächlich hinauf, kommt man zum sogenannten Glashaus – es liegt über dem Speisesaal zu ebener Erde und ist in den Hof gebaut –,schließlich hat mandie Wahl zwischen zwei höchst konträr formulierten Restauranträumen, von denen einer durch ein Fenster über dem Eingang auch Ausblick auf die Karlskirche bietet. Geht man hingegen die Treppe hinunter, dann kommt man in eine Bar – ungefähr 14 Meter lang –,einen Raum mit mobilen (auf Rollen) Sitz- und Liegemöglichkeiten, Internet-Zugang, Projektionsfläche und DJ-Station, schließlich weiter in einen Raum mit relativ intimen Sitzmöglichkeiten und kleinen Tischen. Die WC-Zellen ziehen sich als schwarz verkleideter Block durch alle drei Ebenen.

Vermieden wurde bisher der Gebrauch jenes Vokabulars, das die Architekten und Künstler den unterschiedlichen Räumen übergestülpt haben. Es handelt sich dabei um einen Public-Relations-Wortschatz. Aber er ist auch eine – verbale – Konserve für ein Konzept. Konkret: Es gibt den Horn-Raum, den Kuh-Raum, den Shining-Dining-Room, den Pfirsich-Raum, den Nuß-Raum ...

Das heißt, Künstler und Architekten haben hier den Versuch einer Annäherung an das Thema „Lebensmittel “realisiert. Das steckt hinter dem „Bühnenbild “,hinter der räumlichen Dekoration. Wobei die Umsetzung so abstrakt ist, daß der Uneingeweihte sie nicht entziffern kann. Aber bekanntlich erzeugen ja auch nicht eindeutig lesbare Zeichen ein gewisses Feeling. Anders ausgedrückt: Das Thema, das für die Ausstattung dieses Lokals gewählt wurde, ist zwar willkürlich –es steht ja nirgends geschrieben, daß sich die Inneneinrichtung eines Restaurants mit Lebensmitteln beschäftigen muß –, in sich funktioniert es aber folgerichtig: Zu ebener Erde betritt man ein Tier, von außen nach innen. Da ist der speckige Horn-Raum (Eingangsbereich),der ledrige Kuh-Raum (Lobby),der schützende Shining-Dining-Room, in dem der Mangel an Tageslicht durch hinterleuchtete, siebbedruckte Folien mit dem abstrahierten Image einer Rindsblase wettgemacht wird. In der Etage darüber sind es Pflanzen im weitesten Sinn, die den Ausstattungsanlaß liefern, in der Etage darunter ist es der Fisch.

Das Thema ist jeweils in Form eines folienbespannten Leuchtelements eindeutig angeschlagen –das kann ein Leuchtkasten sein, aber auch eine Tür, wie im Nuß-Raum –, und es wird im Mobiliar, im Farbkonzept, in den Materialien und Oberflächen weitergesponnen. Im Nuß-Raum zum Beispiel dominiert zwar Holz, aber dann gibt ’s da auch noch Fahnen aus dem Material, aus dem Postsäcke gearbeitet sind, und die lassen sich als Raumteiler verwenden und stellen gleichzeitig das Motiv der Trennhäute im Inneren einer Nuß dar.

Der Pfirsich-Raum ist mit seinen textilen Trennvorhängen und dem durchgezogenen Farbkonzept –eben in Pfirsich-Tönen –der heimeligste Ort im Lokal, das Wort „cosy“ drängt sich geradezu auf. Im Glashaus geht es um Grundnahrungsmittel und ihre Manipulation: Hier wird Weizen, auch geklonter Weizen, gezeigt. Und die Bar im Untergeschoß steht ganz im Zeichender schuppigen Fischhaut. Nur dahinter wird es dann einheitlich schlicht und grau.

Man könnte generell so sagen: Folien, Häute sind im „Guess Club Kärntner Straße“ das durchgehende Thema. Was in den alten Raumbestand hineingebaut wurde, ist dünn, sehr dünn. Es sind Raumhüllen, genauso fein wie eine Pfirsichhaut oder eben eine Rindsblase. Insofern ist das Konzept also sehr konsequent umgesetzt. Trotzdem kommt man nicht umhin, sich klarzumachen, was ein solcher gedanklicher Ansatz letztlich bedeutet: Jedes künstlerische Konzept, auch wenn es inhaltlich noch so begründet ist, wird in einem solchen Kontext zum Dekor, es wird gewissermaßen zum Kitsch. In diesem Fall sicher zum Edelkitsch, zur noblen Staffage. Das ist nun keineswegs negativ. Wir bewegen uns alle in irgendwie dekorierten Räumen.

Die Art der Ausstattung des „Guess Clubs Kärntner Straße “ wird trotzdem nur eine bestimmte Klientel –nennen wir sie die Erfolgsgeneration, die jungen Neureichen –goutieren. Die braucht vielleicht zum – wirklich vorzüglichen – Essen noch einen zusätzlichen Anlaß, eine Erlebnisqualität, einen Kitzel mehr, um angeregt zu sein. Alle anderen fühlen sich in ganz gewöhnlichen Lokalen (wenn nur die Küche stimmt) wahrscheinlich genauso wohl.

Aber das ist der Vorzug – oder das Privileg – der Großstadt: daß sie soviel und soviel unterschiedliche Angebote zur Verfügung stellt.

16. Juli 1999 Spectrum

Freiräume im Schallschatten

Wie eine Komposition aus Durchsichten wirkt der Kindergarten, den BUS-Architektur in Wien-Favoriten konzipiert hat. Und diese gebaute Lektion in Raum ermöglicht den Kindern eine ungewohnte Perspektive: den Blick von oben nach unten.

Die Lage ist gewissermaßen – ein Privileg. Denn der Kindergarten von BUS-Architektur steht in einem Park, umgeben von wunderbaren alten Bäumen. Früher war da ein Tröpferlbad. Das wurde aber abgerissen. Und diese Entscheidung war ohne Zweifel richtig. Nicht nur, weil die Instandsetzung des Gebäudes mehr gekostet hätte als ein Neubau, sondern auch aus städtebaulichen Gründen.

Dieser kleine Koloß in der Mittelachse des Parks – das ist es eigentlich nicht, was man sich unter dem Vorzeichen „zeitgenössischer“ Architektur erwartet. Zugegeben, mit der Vokabel „zeitgenössisch“ muß man vorsichtig umgehen. Denn sie behauptet allzu leichtfertig eine Art Trend, irgend etwas sehr Oberflächliches. Andererseits: So ein auf Mittelachse ausgerichtetes gründerzeitliches Monument ist auch nicht das, was man sich als ersten architektonischen Eindruck für eine heranwachsende Generation vorstellt.

Der neue Kindergarten von BUS-Architektur löst entsprechende Vorstellungen schon viel eher ein. Das Haus ist in den Park, unter und zwischen die Bäume hineinkomponiert. Es definiert die Grenze des Parks, es macht Front zur Straße, und es schützt sich damit sozusagen selbst vor dem Verkehrslärm: Die an der Rückseite angelagerten Freiräume für die Kinder liegen alle im Schallschatten, nur die Dachterrasse ist mehr oder weniger ungeschützt.

Man könnte auch sagen, das Haus ist eine Komposition aus Durchsichten. Wenn man sich davor hinstellt, ist das der erste Eindruck: Man sieht durch, dahinter in den Park. Aber schon der zweite Eindruck ist an etwas anderem festgemacht: an den unterschiedlichen Farben, an den verschiedenen Oberflächen der einzelnen Gebäudeteile; am leuchtenden Blau und am leuchtenden Orange der herkömmlichen Putzfassaden, am sehr spezifischen grobkörnigen Putz, am (aluminium)verblechten Bauteil und am Baumhaus in Holz und Glas. Es ist bezaubernd, wie sich diese Versatzstücke zusammenfügen, wie sie eben nicht nur Versatz, sondern ein Satz, ein Ganzes sind.

Die Organisation ist pragmatisch: Es gibt eine Art Servicezone über die volle Länge des Hauses, und der angelagert sind die verschiedenen Gruppenräume. Die haben alle den gleichen räumlichen Zuschnitt, Einbauten in Holz, einen grünen Gummiboden – und viel, viel Glas. Und das ist so eingesetzt, daß es den Kindern entspricht: Schließlich sollen die durch- und hinaussehen. Und zwar sehr wortwörtlich. Es gibt nämlich im Obergeschoß auch ein räumliches Apercu, das sozusagen unnütz ist. Die Architekten nennen es: die Rache der Kinder. In Architektur übersetzt bedeutet das: einen rundum verglasten Erker, der den Kindern die nicht ganz alltägliche Perspektive von oben nach unten – und nicht umgekehrt – ermöglicht.

Man könnte sagen, daß dieser Kindergarten so etwas wie poetisch ist. Er ist eine Komposition, die sich in den Park einbettet, die sich städtebaulich wohltuend unaufgeregt verhält. Der Eingang ist klar definiert, links davon ist das Büro der Kindergartenleiterin – sie schaut zum Eingang, ins Foyer, aber auch nach hinten, in den Freibereich. Der ist teilweise überdacht, und eine Art organische Form in Holz ist in den Boden eingelassen. Das Spiel mit den Oberflächen haben die Architekten sehr konsequent durchgezogen.

Vor allem beim „Baumhaus“ macht es sich bemerkbar. Da sind die Holzpaneele absichtsvoll willkürlich verlegt, der Charakter des Handgestrickten, des Gebastelten wird so transportiert. Es ist ein wunderbarer Raum, den die Architekten den Kindern der Hortgruppe mit diesem Baumhaus zur Verfügung stellen. Denn er ist wirklich in den Baumkronen angesiedelt.

Überhaupt ist der Bezug zur Natur, zu den Bäumen des Parks sehr schön in Szene gesetzt. Wenn man oben auf der Terrasse steht, wo es übrigens ein architektonisches Implantat in Form eines Kasperltheaters gibt, dann ist man dem Grün, aber man ist auch den Vögeln ganz nahe. Die Architekten hatten sich für diese Terrasse noch einiges mehr vorgestellt. Mehr an „Einrichtung“. Das wurde nicht ausgeführt, es ist aber kein Mangel, der ins Gewicht fällt. Was überrascht, das sind die schwarzen Fensterrahmen. Schwarz ist ja eine Farbe, die man Kindern in der Regel nicht zumutet. Es ist zwar „kindisch“, aber Schwarz ist irgendwie negativ besetzt, und das scheint nicht ins „kindliche“ Bild zu passen. Insofern ist es ein Wunder, daß die zuständige Magistratsabteilung ihren Sanctus zu den schwarzen Rahmen gegeben hat. Andererseits haben sie aber auch einen Sinn: Denn sie verschwinden gewissermaßen, zumindest aus der Ferne betrachtet werden sie unsichtbar. Und das gehört mit zum Konzept der Architekten, das fällt unter das Stichwort der Durchsichten.

Man muß bei diesem Kindergarten auch ein Wort zum Mobiliar sagen. Denn es macht sich sehr gewinnbringend bemerkbar, daß die Architekten weitgehend auch die Einrichtung entwerfen konnten. Das betrifft zum Beispiel im Garderobenbereich Bänke für die Kinder, das betrifft aber auch die Kücheneinrichtung. Man spürt es mehr, als daß man es sieht.

Aber auf diesen Unterschied kommt es an. Es gibt architektonische Spitzfindigkeiten, die man nicht erkennt, wenn man sie nicht weiß. Dazu gehören vor allem niedrige Wände, mit denen das Gelände markiert, mit denen es abgesteckt ist. Sie setzen ein Zeichen, das nur im Vorübergehen wahrgenommen wird. Wenn überhaupt. Aber auch dieses Detail spielt eine Rolle. Den Kindern wird mit diesem Kindergarten ein geradezu luxuriöses Angebot gemacht. Wenn man sich die Umgebung anschaut – wir befinden uns mitten in Favoriten, in einem Quartier, das aus Zinskasernen besteht –, dann weiß man dieses Angebot erst richtig zu schätzen.

Natürlich sind jeder Gruppe Freibereiche zugeordnet, natürlich sind alle Gruppenräume „maßstabgerecht“interpretiert, also auch für die kindliche Perspektive zugeschnitten. Und natürlich ist in den Innenräumen eine Einheitlichkeit des Materials durchgehalten, die den Eindruck von Großzügigkeit vermittelt. Kein unnötiges Detail, keinerlei Zierat – aber ein reizvolles Spiel mit Baukörpern, mit Transparenz und Geschlossenheit, mit Oberflächen und Farben, mit Blickwinkeln.

Man könnte sagen, daß mit diesem Kindergarten eine Lektion formuliert ist, die gerade in dieser Umgebung einen eigenen Stellenwert hat. Denn was Raumerlebnisse sind, was sie bedeuten können, werden die meisten der Kinder, die hier ihre Tage verbringen, zuallererst hier erfahren. Nicht in den Zinskasernen, in denen sie wohnen. Und später vielleicht auch nicht mehr.

15. Mai 1999 Spectrum

Fortsetzung erwünscht

In Sichtweite des Reichstags, anschließend an die alte Humboldt-Universität und direkt an der Spree: Laurids &Manfred Ortner wurden der Prominenz des Bauplatzes gerecht und haben mit dem ARD-Hauptstadtstudio die eleganteste Lochfassade Berlins entworfen.

In der zeitgenössischen Architekturlandschaft sind die Brüder Laurids und Manfred Ortner nicht schlecht unterwegs: Sie bauen an den drei größten Kulturbauten, die derzeit in Europa entstehen – in Wien, Dresden und Zürich –, und im Rahmen der Berliner Hauptstadtplanung schließen sie auch so manche Baulücke. Am Pariser Platz etwa hat der Rohbau eines Hauses gerade das dritte Obergeschoß erreicht, und im Spreebogen geht das Hauptstadtstudio der ARD am 22. Mai offiziell in Betrieb.

Was letzteres betrifft, darf man eines vorweg behaupten: Unter allen Berliner Lochfassaden neueren Datums – und die sind hier an der Spree ja „Doktrin“ –haben die Ortners mit Sicherheit die eleganteste geplant. Sie trägt ein äußeres Fassadenkleid aus ziegelroten Betonfertigteilen und einer außenbündigen Fixverglasung, die der eigentlichen Fassade mit den Holzfenstern vorgestellt ist.

Die Zweischaligkeit dieser Fassade sieht man also, sie wurde sogar ganz gezielt als Gestaltungsmittel eingesetzt. Denn die füllt nicht die ganze Fensteröffnung der äußersten Fassadenschicht aus, sie einen breiten Streifen frei. Dadurch kommt es zu einer reliefartigen, rhythmisierten Plastizität in der Fassadenhaut.

Das neue ARD-Hauptstadtstudio hat einen prominenten Es ist in Sichtweite des Reichstags, direkt an der Spree, und schließt mit einem zweiten, kleineren und niedrigeren Baukörper an die bestehende der alten Humboldt-Universität an. Für alle Neubauten in Berlin gilt ja die eherne Regel: 20 Prozent des Volumens müssen Wohnungen vorbehalten sein. Laurids und Manfred Ortner haben diese 20 Prozent aus dem eigentlichen ARD-Gebäude herausgelöst und in einem eigenen Haus untergebracht, das nun als „Gelenk“ zum Sichtziegelmauerwerk des angrenzenden Bestandes fungiert. Diese Lösung scheint ebenso vernünftig wie die höhenmäßige Abtreppung zum Bestand. Daß sich die Fassadensprache des Studiogebäudes in einer vereinfachten Variante auch über den Wohnbau zieht, darüber kann man hingegen diskutieren. Das Haus wird dadurch nämlich irgendwie beiläufig, die Vermittlerrolle zwischen Bestand und Hauptstadtstudio hätte durchaus eine entschiedenere Haltung vertragen.

Das ARD-Gebäude schaut mit seiner Nordfassade zur Spree. Hier ist im Erdgeschoß auch ein relativ großes Lokal, das demnächst eröffnet und die gastronomische Versorgung der hier Tätigen übernehmen wird (es gibt keine Kantine im Haus), aber auch öffentlich zugänglich ist. Der Haupteingang zur ARD liegt nicht hier, an der Spree-Seite, sondern um die Ecke und ist durch eine riesige Verglasung, die darüber in der Fassade sitzt, unübersehbar in Szene gesetzt. Daß sich hinter der Verglasung ein Kunstwerk befindet – das ARD-Logo, in Kunststofflamellen übersetzt –, sieht man allerdings nur, wenn es einem gesagt wird. Diese Installation bedürfte noch einer Nachbearbeitung.

Drinnen: ein großzügiger, eleganter Empfangsbereich, nicht aufdringlich, nicht übertrieben. Nach dem Empfang: die eigentliche Sicherheitsschleuse. Und erst wenn man die passiert hat, wenn man also ins Herz des Gebäudes vorgelassen wird, dann ist man auch der architektonisch-räumlichen Hauptsache konfrontiert: einer großen, gebäudehohen, von oben belichteten Halle.

Man muß zunächst noch eine kurze, breite Treppe überwinden, bevor man diese Halle ganz überblickt. Aber was man vom tiefer gelegenen Eingang davon sieht, zieht einen ohnehin magisch weiter. Der Raum nimmt den sanften Schwung auf, mit dem das Gebäude dem Spreebogen folgt, dadurch bekommt er Dynamik. Außerdem spielt er mit dem Effekt einer leichten perspektivischen Verjüngung.

An der dem Eingang gegenüberliegenden Schmalseite des Atriums ziehen verglaste, übereinandergestapelte Raumboxen die Blicke auf sich: Es sind die Besprechungsräume, die auf diese Weise „veröffentlicht“ sind. Links und rechts laufen offene Galerien, mit denen die einzelnen Geschoße erschlossen sind, eine einläufige Treppe führt hinauf. Sie ist seitlich plaziert, wobei Brücken mit gläsernen Brüstungen die beiden Gebäudeflanken auf jedem Geschoß verbinden.

Wenn man unten steht und hinaufschaut, ergibt sich damit ein ziemlich spannendes Bild: Die gläsernen Brücken staffeln sich, durch den Treppenverlauf versetzt, nach oben. Wobei es nicht in erster Linie die Dramatik des Raumeindruckes war, die zu diesen Querverbindungen geführt hat, die haben auch ganz pragmatische Gründe: So werden die Wege kürzer, und man muß nicht erst um das halbe Atrium herumlaufen, um auf die andere Seite zu kommen.

Der Raumeindruck ist einfach toll. Das hat mit dem Zuschnitt dieses Atriums zu tun, mit seiner Größe, mit seiner Höhe. Aber natürlich auch damit, wie es sich visuell präsentiert. Denn die Ortners haben sich ein im Grunde einfaches, aber effektvolles Gestaltungsmittel für diese Halle einfallen lassen: Es besteht aus geschoßhohen, fast textil wirkenden Paneelen aus einem Messinggeflecht, die unregelmäßig im Raum verteilt und vor die offenen Galerien gehängt wurden. Diese Paneele leuchten goldfarben und geben dem Raum einen geradezu festlichen Anstrich.

Schwierigkeiten machte der Fußboden. Es sollte ein leuchtend blauer Kunstharzboden sein, der zum Messing einen reizvollen Kontrast dargestellt und sich von oben betrachtet vermutlich wie ein See ausgenommen hätte. Und der über die Stufen der Treppe bis hinauf durchgezogen werden sollte.

Aber das hat die ausführende Firma schlicht und einfach nicht geschafft. Der Boden war so unexakt gearbeitet, daß er herausgerissen werden mußte und nun durch eine konventionelle Lösung ersetzt ist: einen sandfarbenen Natursteinbelag.

Im ARD-Hauptstadtstudio sind sowohl Radio- als auch Fernseharbeitsplätze. Wer sich allerdings eindrucksvolle Technik erwartet, der wird vermutlich enttäuscht. Denn die Zeiten der großen Studios sind vorbei: Radio wird heute hauptsächlich an Computerarbeitsplätzen gemacht, von denen auch gleich gesendet werden kann. Studios für kompliziertere Sendungen gibt es hier nur wenige. Und das große Fernsehstudio, das sich oben am Gebäude durch seine Übereckverglasung auch nach außen sichtbar zeigt, ist zwar prall gefüllt mit Technik, aber die gibt visuell kaum etwas her: viele, viele Scheinwerfer, Kameras, ein paar Monitore und der Platz für den Moderator, das ist alles, und mehr wird auch nicht gebraucht.

Dafür ist der Blick, den man aus dem Fenster hinüber zur Reichstagskuppel derzeit noch genießen kann – nicht mehr lang, denn dazwischen wird gebaut –, spektakulär. Und auch der Blick auf die Spree ist wunderbar. Aber den kann man ja über die gesamte Länge des Gebäudes genießen. Und für den nimmt wohl auch wirklich jeder gern in Kauf, daß sein Arbeitsplatz nach Norden orientiert ist.

Die Gebäuderückseite ist deutlich sparsamer ausgefallen als die Schauseite zur Spree. Da gibt es keine zweischalige Fassadenlösung mehr, da hat man sich mit einer Vollwärmeschutzfassade begnügt, deren heller Ockerton – genau wie die Farbgebung der Betonfertigteile an der Schauseite – ebenfalls auf die Sichtziegelbauten des umliegenden Bestandes reagiert und wiederum beiden Häusern gemeinsam ist, dem ARD-Gebäude und dem Wohnbau.

Der Wohnbau selbst ist übrigens nicht nur in seiner Formulierung als städtebauliches Bindeglied zwischen Bestand und ARD ein wenig problematisch. Die Schwierigkeit liegt dabei in dem Umstand begründet, daß die Spree im Norden verläuft. Und dadurch, daß die Wohnungen um einen Innenhof organisiert und durch Laubengänge erschlossen sind, kommt es nun dazu, daß die einen zwar die schöne Aussicht haben, aber nach Norden schauen, während die anderen zwar nach Süden orientiert sind, aber vor sich eine recht heruntergekommene Hofsituation haben. Das ist kein wirklich befriedigendes Wohnen. Und einer der Bewohner soll auch schon geklagt haben, daß er zwar immer davon geträumt habe, an der Spree zu wohnen – aber sonnig. Da hätte er allerdings in die häßlichen Plattenbauten schräg gegenüber ziehen müssen.

Das ARD-Hauptstadtstudio ist ein wirklich gelungener Bau. Und er ist durchaus dazu angetan, einen mit den Berliner Architektur-Usancen – Lochfassade und was sonst noch dazu gehört –zu versöhnen. Laurids und Manfred Ortner haben nämlich etwas geschafft, was hier nicht selbstverständlich ist: Das Haus vermeidet die altertümelnde Gestik, es tritt eher zurückhaltend und schlicht auf, aber sehr großstädtisch und frisch, um das Wort „zeitgemäß“ nicht über Gebühr zu strapazieren. Diese Haltung ist in Berlin eine Wohltat.

Man kann nur hoffen, daß sie ein paar Blöcke weiter, am Pariser Platz, ihre Fortsetzung findet. Dort bauen die Ortners unmittelbar im Anschluß an einen Komplex von Hans Kollhoff. Und dessen Haus verkörpert so ziemlich das Gegenteil, es verkörpert all das in Reinkultur, was man der heutigen Berliner Architektur vorwerfen muß: Es historisiert geradezu penetrant. Diese Orgie in grauem Stein ist einfach bedrückend.

24. April 1999 Spectrum

Ist hoch sein wirklich alles?

Er ist sehr viel höher als der Stephansdom – der Millennium-Tower von Peichl, Podrecca und Weber am Wiener Handelskai. Über seine architektonischen Qualitäten läßt sich allerdings streiten.

Noch ist er eine Baustelle, der 202 Meter hohe Millennium-Tower in Wien. Mit 4000 geladenen Gästen gab es zwar Mitte der vergangenen Woche erste Eröffnungsfeierlichkeiten, aber die hatten lediglich das Einkaufszentrum zum Gegenstand, das sich mit seinen zahlreichen Geschäften auf zwei Ebenen des großen Neubaukomplexes erstreckt. Der Rest – ein Nutzungsmix der sattsam bekannten „urbanen“ Art, in der Hauptsache bestehend aus 400 Wohnungen und 38.000 Quadratmeter Bürofläche – harrt noch seiner Fertigstellung.

Wiens erstes Hochhaus – es überragt den Stephansdom – ist natürlich weithin sichtbar, es setzt ein neues Signal in der Stadtsilhouette. Denn richtige Hochhäuser hat es in Wien zuvor nie gegeben. Was in den letzten Jahren an der Wagramer Straße, auf der Platte, am Wienerberg entstanden ist, das waren möglicherweise hohe Häuser –Hochhäuser sind eine ganz andere Kategorie. Der entspricht das Projekt von Boris Podrecca, Gustav Peichl und Rudolf Weber –zumindest in seiner Höhe.

Trotzdem wird man darüber nicht glücklich. Denn ein architektonisches Highlight ist diese Bebauung nicht. Die spektakuläre Aussicht aus dem zwölfeinhalb Meter hohen, schräg verglasten Raum der „Kapuze“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß architektonisch wenig übrigbleibt.

Doch läßt sich dieser Bau nicht einfach polemisch abkanzeln – die „Verhältnisse“ sind zweifellos besondere: Die Nettobaukosten am Handelskai sind so exorbitant niedrig, daß sie Auswirkungen auf die architektonische Lösung haben müssen. Das Projekt kann und bietet nichts, was man nicht anderswo schon viel aufregender gesehen hätte. Es hält keine konzeptuellen Innovationen parat, es bietet technologisch nichts Besonderes, es ist in jeder Hinsicht so „schlicht“, wie es unter solchen finanziellen Umständen eben angesagt ist.

Einige städtebauliche Überlegungen Podreccas waren sicher richtig: etwa daß der Turm nicht einfach parallel zur Donau steht, sondern schräg, sodaß der Blick auf die Donau eindeutig attraktiver ist; gleichzeitig wird dadurch auch der Blick in Richtung Turm, auf seine schlanke „Hüfte“, zu einem bescheidenen optischen Vergnügen, weil da etwas nicht einfach nur plump in die Höhe ragt.

Städtebaulich ebenfalls richtig ist es außerdem, daß sich Podrecca geweigert hat, die Wohnbebauung als Front zur Donau zu formulieren. Das hätte die Stadt Wien zwar lieber gesehen, offenbar weil sie der Verkehrsbelastung am Handelskai derzeit noch hilflos gegenübersteht, aber Verkehrslösungen lassen sich ändern.

Die Kammstruktur der Wohnbebauung ist längerfristig das deutlich bessere Konzept. Die gläsernen Schallschutzwände, die die Höfe nun abschirmen, sind eine Übergangslösung, die man gegebenenfalls leicht eliminieren kann.

Podrecca hat das Hochhaus an eine Stelle gesetzt, die ihm städtebaulich besonders „heiß“ erschien: Es gibt eine Blickschneise zum Stephansdom, es gibt die Andeutung einer städtebaulichen Achse vom Donaukanal – und Podreccas Bau für die Basler Versicherung –bis zum Millennium-Tower. Letztere bedarf allerdings ohne Zweifel eines weiteren Ausbaus, damit sie wirklich nachvollziehbar wird.

Was die architektonische Durchbildung angeht, ist das Vorhaben schon sehr viel problematischer. Da nennt sich ein Projekt Millennium-Tower – und was steht dann da? Eine Wohnbebauung der konventionellen Art – man würde kein Wort darüber verlieren, wäre in diese Bebauung nicht auch das Hochhaus integriert. Und dann eben dieses Hochhaus. Es steht auf Stützen, die aus der Erde wachsen – sein „Fuß“ ist also nicht in irgendeinen Sockel verpackt –, es hat einen Schaft mit einer Glasfassade, und es hat darüber einen „Kopf“, bei dem der Glashaut noch eine Lamellenschicht vorgeschaltet ist.

Wie das Hochhaus aus der Erde wächst, auch wie es oben abschließt, das ist gelungen. Auch das Grundrißkonzept ist in Ordnung. Die Form des Hochhauses basiert auf zwei Kreisen, die einander überschneiden. Die Erschließung – es gibt zehn Lifte – und Nebenräume sowie Fluchtstiegen sind in den Kern eingerückt, an der donauabgewandten Seite, also Richtung Stadt, schiebt sich ein kantiger Block aus dem Gebäude heraus, der ein zusätzliches, großzügiges Raumangebot darstellt. Insofern ist das Hochhaus gelungen: Man kommt mit dem Lift irgendwo an, aber man sieht durch das Haus durch sowohl in Richtung Donau als auch in Richtung Stadt, man kann sich also immer orientieren.

Und das Konzept hält auch für den Verwerter etwas parat: Alle Flächen, die an der Fassade liegen, sind reine Nutzflächen, es gibt keine sekundäre Nutzung an der Fassade. Und Grundrisse und Erschließung sind so konzipiert, daß nicht nur in der Fläche vermietet werden kann, sondern daß auch Geschoße zusammengeschaltet werden können. Das sind Vorteile, die die Intelligenz der Lösung bezeugen.

Aber die trösten einen nicht über diese sehr bescheidene architektonische Gestalt hinweg. Podrecca wollte an der Schnittstelle der beiden Kreise, die die Hochhauskonfiguration bestimmen, eine Art Zippverschluß artikulieren. Hier sollten sich die Geschoße verzahnen wie an einer Naht.

Aber das hätte zusätzliche Kosten bedeutet, weil eine solche Lösung ein Mehr an Dämmung mit sich gebracht hätte. Jetzt wird die Naht durch eine spezielle Profillösung angedeutet, die allerdings nur ornamentalen Wert hat. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, daß zu einem Preis gebaut wurde, der eigentlich unter der Gürtellinie liegt.

Gerade von einem ersten wirklichen Hochhaus in Wien hätte man sich innovative Lösungen gewünscht. Und man hätte sich gewünscht, daß es einen gewichtigeren öffentlichen Part übernimmt, als es mit seiner schlichten Büronutzung tut. Die Nutzflächen für die Öffentlichkeit sind viel zu gering veranschlagt, um hier wirklich ein neues – urbanes – Zentrum zu schaffen.

Worin liegt der Nutzen dieses Projekts? Wer gewinnt daran? Die Architekten bestimmt nicht. Auch die Baufirmen nicht, denn die mußten Dumpingpreise durchziehen, frei nach dem Motto: Dabeisein ist alles. Der Gewinner ist schlicht und einfach jener Mittzwanziger, der alle Flächen verwertet, die am Handelskai zur Verfügung stehen; da geht es um die Dimensionen einer kleinen Stadt. Und das bedeutet ungeschmälerten Gewinn in mehrfacher Millionenhöhe.

20. März 1999 Spectrum

Vom Entziffern und Enträtseln

3,6 Kilo Frank Gehry und 500 Gramm Zaha Hadid, gewichtige Darstellungen von Gesamtwerken und schmale Dokumentationen einzelner Gebäude, prächtige Neuerscheinungen und kostbare Reprints: die Architekturbücher des Frühlings – ein Überblick.

Die in jeder Hinsicht gewichtigste – 3,6 Kilogramm! – Neuerscheinung dieses Frühjahrs hat die Deutsche Verlags-Anstalt herausgebracht: Sie ist Frank Gehry gewidmet und enthält neben zwei aufschlußreichen Einleitungstexten von Francesco Dal Co und Kurt Forster eine ganz ausgezeichnete Dokumentation seines Gesamtwerks.

Der Pritzker- (und umstrittene Kiesler-) Preisträger Gehry zählt ja schon seit langem zu den schillernden „Leading figures“ der internationalen Architekturbühne. Sein bisheriges Opus magnum legte er mit dem Guggenheim Museum in Bilbao vor – dem übrigens vor gar nicht so langer Zeit eine eigene, ziemlich „überzogene“ Publikation gewidmet war, die der Hatje Verlag vertreibt.

Zum Unterschied von letzterer, die dazu angetan ist, daß man sich an den unzähligen Variationen und Details zum einen, einzigen Thema des Buches auch satt sieht, ist „Das Gesamtwerk“ eine ausgesprochen spannende Lektüre, weil es eine Entwicklung nachvollziehbar macht, die zwar in sich konsequent, die aber nicht frei von deutlichen Niveauschwankungen ist. Das liegt in der Natur der Sache: Kreative Entwicklungsarbeit, wie sie Gehry betreibt, schließt Brüche, manchmal sogar Formalismen ein, die hart an der Grenze zur Banalität verlaufen. Aber bekanntlich sind es nicht selten gerade die schwächeren Arbeiten, die besonders aufschlußreich sind, die ein an sich komplexes Konzept durchschaubar machen.

Die Deutsche Verlags-Anstalt hat noch ein zweites „Gesamtwerk“ herausgebracht, das auf einer inhaltlich verwandten Ebene angesiedelt ist: das von Zaha Hadid. Der Band ist ungleich bescheidener, was damit zu tun hat, daß Hadid zwar eine ganze Reihe graphisch super aufbereiteter Projekte zu zeigen hat, aber – abgesehen vom Feuerwehrhaus in Weil am Rhein und wenigen „Miniaturen“ – praktisch keine realisierten Arbeiten. Der Wohnbau für die IBA in Berlin kommt zwar auf zwei Doppelseiten vor, allerdings wurden dem so gravierende Veränderungen zwangsverordnet, daß von einer „echten“ Zaha Hadid eigentlich nicht mehr die Rede sein kann.

Entsprechend distanziert ist auch die Projektbeschreibung ausgefallen. Aaron Betsky be-kostbare sich redlich, die künstlerischen Intentionen von Zaha Hadid plausibel zu machen, die Begleittexte zu den einzelnen Arbeiten sind äußerst sachlich. Dadurch wird andererseits in so manchem Fall die Schwierigkeit besonders offenbar, diese ästhetisch unheimlich reizvolle Plangraphik, für die Hadid bekannt ist, wirklich zu „lesen“, zu entziffern, zu enträtseln.

Was die „internationalen Stars“ betrifft, sind in diesem Zusammenhang noch drei weitere Publikationen zu erwähnen; sie sind jeweils nur einem einzelnen Gebäude gewidmet, aber das macht sie nicht weniger interessant. Bei Birkhäuser sind Bände zum Konzertsaal von Jean Nouvel in Luzern und zum Ausstellungshaus für die Fondation Beyeler von Renzo Piano erschienen, Prestel hat eine Dokumentation zum Jüdischen Museum von Daniel Libeskind in Berlin herausgebracht. Alle drei sind aus unterschiedlichen Gründen empfehlenswert.

Nouvels Haus ist nicht nur aufregende Architektur, es ist auch insofern ein Vorzeigeprojekt, als sich daran nachweisen läßt, wie heute mit entsprechenden Marketingstrategien ein Kulturbau – und für die kleine Stadt Luzern ist der Konzertsaal ein sehr, sehr aufwendiger Kulturbau – einer breiten Öffentlichkeit gegenüber argumentiert werden kann. Pianos Ausstellungsgebäude mit seiner bemerkenswerten Tageslichtdecke ist ein wunderbares Beispiel für eine Architektur, die in den Naturraum eines Landschaftsparks hineinkomponiert ist, die Eigenwert beansprucht und die doch der Kunst großartige Räume zur Verfügung stellt.

Und Libeskind hat es in Berlin geschafft, die Masse der spektakulären (und zum Teil viel größeren) Neubauten weit hinter sich zu lassen. Es ist sein erster Bau, er hat eine überaus komplizierte, schwierige Entstehungsgeschichte hinter sich, aber das Ergebnis rechtfertigt die Hartnäckigkeit und die Kompromißlosigkeit des Architekten. Nirgendwo sonst läßt sich die Leere, der Gestalt gewordene abstrakte Raum unmittelbarer erfahren.

Zum Thema Kulturbauten muß man auch einen schmalen Band nennen, der im Verlag der Buchhandlung König erschienen ist. Er dokumentiert drei Projekte des Wiener/Berliner Architekturbüros Ortner &Ortner. Daß Laurids und Manfred Ortner in den letzten Jahren bei Wettbewerben international erfolgreich waren, hat man mehr en passant zur Kenntnis genommen. Der vorliegende Band führt vor, daß die Ortners auf dem Gebiet der Kulturbauten – neben Wien – auch noch in Zürich und Dresden Projekte in Arbeit haben, die jede Aufmerksamkeit verdienen. Dabei ist im weitesten Sinn allen drei Projekten – dem Theater- und Kulturzentrum für das Schauspielhaus Zürich, der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden und dem Museumsquartier in Wien – etwas gemeinsam: Sie sind alle nicht für die grüne Wiese geplant, sie fügen sich in einen zwar jeweils unterschiedlichen, aber äußerst komplexen Bestand ein. Und sie tun das ungemein differenziert. Damit werden sie fast zu Lehrstücken, die die Möglichkeiten heutiger architektonischer Intervention demonstrieren.

Wem auch ein Blick in die Vergangenheit lohnend erscheint, dem könnte man, neben zwei „besonderen“ Bilderbüchern, vor allem den verdienstvollen Reprint von Adolf Behnes „Der moderne Zweckbau“ empfehlen, eine Art Fibel der Moderne, der allerdings eine wenig glückliche Geschichte beschieden war: Behne hat es 1923 niedergeschrieben, aber nicht gleich einen Verleger dafür gefunden, sodaß ihm Gropius mit seinem ersten Bauhaus-Buch, in dem zum Teil die gleichen Beispiele enthalten waren, zuvorkam. Der Wermutstropfen, der sich in die Freude darüber mischt, daß dieses ganz besondere Buch wieder erhältlich ist: Die Reprints der Werkkunst-Reihe des Gebrüder Mann Verlages sind unverhältnismäßig kostspielig.

Last, but not least die zwei erwähnten „Architektur-Bilderbücher“: Davon gibt es ja sehr viele – welche hebt man hervor? Ich würde meinen, der Band von Lewis W. Hine über das Empire State Building hat es verdient. Es ist das Buch eines Photographen, kein Architekturbuch im engen Sinn. Hines hat den Bau des Empire State Building dokumentiert, im Brennpunkt seines Objektivs war dabei aber nicht der Bau selbst, es waren die Menschen, die den Bau realisiert haben. Dabei sind Bilder entstanden, die unerhört subtile Beobachtungen in aufregendem Schwarzweißkontrast festschreiben, es gibt aber auch bestechend expressive, durch und durch artifizielle Bildkompositionen.

Das zweite „Bilderbuch“ist atmosphärisch vom ersten noch nicht einmal so weit entfernt, wie es zunächst den Anschein haben mag: Es heißt „The Metropolis of Tomorrow“ und enthält die visionären Zeichnungen von Hugh Ferriss. Sie sind wirklich grandios und nur jenen Bildern vergleichbar, wie sie gewisse utopische Hollywood-Produktionen auf die Leinwand werfen – „Blade Runner“, um nur ein Beispiel zu nennen. Unglaubliche Metropolen-Visionen (aber ganz ohne Menschen, nur an Architekturen festgemacht!), ver-rückt in die Unschärfe. Da sind alle Optionen auf die Zukunft völlig offen. Ferriss denkt gebaute Architektur in seinen Zeichnungen weiter. Das Ergebnis: Imaginationen von suggestiver Kraft. Ein Reprint der Sonderklasse, der erst seit kurzem wieder verfügbar ist.


Francesco Dal Co, Kurt Forster, Hadley Arnold Soutter
Frank O. Gehry – Das Gesamtwerk
592 S., geb., S 1314, ,€ 95,49
(Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart)

Zaha Hadid – Das Gesamtwerk
Mit einer Einführung von Aaron Betsky,
176 S., brosch., S 715, ,€ 51,96
(Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart)

Architekturgalerie Luzern (Hrsg.)
Jean Nouvel – Konzertsaal Luzern
Mit einemVorwort von Hubert Tonka,
112 S., brosch., S 424, € 30,81
(Birkhäuser Verlag, Basel)

Fondation Beyeler (Hrsg.)
Renzo Piano – Fondation Beyeler
144 S., geb., S 424, € 30,81
(Birkhäuser Verlag, Basel)

Daniel Libeskind – Jüdisches MuseumBerlin
Mit einemVorwort von Daniel Libeskind,
64 S., brosch., S 146, € 10,61
(Prestel Verlag, München)

Europäisches Design Depot, Klagenfurt (Hrsg.)
Ortner & Ortner: 3Bauten für europäische Kultur
92 S., Ln., S 496, € 36,05
(Verlag der BuchhandlungWalther König, Köln)

Adolf Behne
Der moderne Zweckbau
84 S., Ln., zahlreiche Abb. und Tafeln, 1445 S, € 105,01
(Gebrüder Mann Verlag, Berlin)

Freddy Langer (Hrsg.)
LewisW.Hine – The Empire State Building
96 S., geb., 496 S, € 36,05
(Prestel Verlag, München)

Hugh Ferriss
The Metropolis of Tomorrow
200 S., geb., S 497, € 36,12

27. Februar 1999 Spectrum

Unter die Erde mit der Kunst!

Ein Ausstellungssaal und ein „kaltes“ Foyer: das war die Innsbrucker „Galerie im Taxispalais“ vor dem Umbau durch Hanno Schlögl. Heute präsentiert sie sich als großzügige, durchlässige Raumfolge, mit rigoroser Konsequenz bis in kleinste Details gestaltet.

An Bauten für (zeitgenössische) Kunst ist Innsbruck, ist Tirol nicht gerade reich. Immerhin stammen aber gleich zwei bemerkenswerte Umbauten, die dort in den vergangenen Jahren auf diesem Gebiet realisiert worden sind, von einem Architekten: Hanno Schlögl hat sowohl die Adaptierung des Salzlagers in Hall (Fertigstellung 1997) zu einem räumlich spannenden Ausstellungsund Veranstaltungsort umsetzen können als auch die Erweiterung und architektonische Neuordnung der eben erst eröffneten „Galerie im Taxispalais“ in Innsbruck.

Doch während der erstgenannten Arbeit, so gelungen sie baukünstlerisch ist, kein glückliches Schicksalbeschiedenzu seinscheint–weil kein lokaler Politiker hinterderEinrichtung einer Kunsthalle steht –, verspricht die Weichenstellung in Innsbruck eine erfolgreiche Zukunft. Allein schon, daß man sich mit Silvia Eiblmayr eine wirklich kompetente Leiterin für das Haus geholt hat, weckt berechtigte Erwartungen.

Die Situation, die zur Erweiterung und zum Umbau der Ausstellungsräume im Palais Taxis geführt hat, war übrigens tatsächlich „dringlich“. Denn eigentlich bestand die Taxisgalerie räumlich aus nicht viel mehr als einem „kalten“ Foyer, nämlich der Durchfahrt in den Hof, wo sehr viel früher Stallungen waren, und einem Ausstellungssaal. Das Foyer war mit Vitrinen vollgestellt, der Ausstellungssaal – 75 Quadratmeter groß und 1964 von Josef Lackner umgebaut – entsprach längst nicht mehr dem heute geforderten Standard an Ausstattung.

Das nach italienischen Palazzo-Vorbildern um1690 von Johann Martin Gumpp dem Älteren errichtete Gebäude hat eine bewegte Geschichte, die sich auch in Form sehr unterschiedlicher Um- und Einbauten im Gebäude selbst niederschlug. Damit räumte Hanno Schlögl radikal auf: Die Taxisgalerie, die man heute betritt, ist eine großzügige, durchlässige Raumfolge, zu der ein paar historische Architekturpartikel in reizvollem Kontrast stehen und die ihre Zweigeschoßigkeit atmosphärisch sehr wohltuend entfaltet.

An sich war das Projekt Taxisgalerie in einer – auch budgetär – kleineren Variante architektonisch schon in fester Hand. Erst heftige Tiroler Debatten erzwangen einen geladenen Wettbewerb. Wichtigste Forderung dieses Verfahrens: ein zusätzlicher großer Ausstellungs- und Mehrzwecksaal. Hanno Schlögl entschied dieses Verfahren für sich, weil er eine „Königsidee“ hatte: Er schlug nicht die naheliegende Lösung der Glasüberdachung des Hofes zwischen Palais Taxis und Landhaus vor, er legte vielmehr den neuen Saal im Hof unter die Erde.

Man sieht heute, wieviel diese Lösung gebracht hat. Wenn man sich den historischen Bestand mit seinem Balkon an der Hofseite genauer anschaut, wird ziemlich rasch klar, daß eine Verglasung hier immer eine gequälte Maßnahme gewesen wäre. Und man muß hinzufügen: Die gläserne Einhausung eines Innenhofes führt immer dazu, daß plötzlich aus Außenfassaden – für Ausstellungszwecke unbenützbare –Innenwände werden. Das heißt, im neuen Raum hätte man dann nur mit Stellwänden arbeiten können. Und das ist nie optimal. Schlögls Konzept überzeugt in seiner Schlichtheit und Konsequenz. Das beginnt schon beim Eingang, der früher eben nur ein Durchgang zum„kalten“ Foyer war. Schlögl wünschte sich ein Glasportal, dem Denkmalschutz war eine Altstadt-konforme Holztür lieber. Jetzt ist die Tür tatsächlich aus Glas, doch dahinter steht ein Eichenholzrahmen mit Flügeltüren, die während der Betriebszeiten in geöffneter Stellung arretiert sind. Viele Worte über eine kleine Maßnahme? Gewiß, aber es drückt sich genau in solchen Maßnahmen der Mehrwert baukünstlerischer Leistung aus. Das „Design“ dieses Eingangs ist nicht beliebig, es leitet sich von den Fensterläden her, die früher gang und gäbe waren. Dieser Portalentwurf ist also die spezifische Interpretation eines tradierten Motivs.

Das Foyer, in das man durch diesen signifikanten Eingang kommt, ist genaugenommen fünfschiffig. Das resultiert daraus, daß Schlögl die Substanz freigelegt hat. Und dabei kam neben eigenartigen Scheingewölben eine historische Schicht am Rand zutage, die als räumlicher Tatbestand einen eigenen Stellenwert behauptet. Der Boden dieses Foyers ist schräg. Das war er auf Grund des Geländeverlaufes immer. Jetzt ist die Steigung ein wenig dramatischer (aber durchaus verkraftbar), einfach weil hinten im Raum, wo es zum neuen Saal im Untergeschoß geht, in der Längsentwicklung etwas abgezwackt und einem neuen, zweigeschoßigen Bereich zugeschlagen wurde, der dem eingegrabenen, glasgedeckten Saal unter dem Hof vorgeschoben ist.

Die Raumfolge im Erdgeschoß der alten Substanz entwickelt sich logisch: In Nischen links und rechts vom Eingang, die sich aus den Umbaumaßnahmen ergeben haben, sind die Garderoben untergebracht. Links geht es in eine Abfolge von drei Ausstellungsräumen. Diese können durch Schiebewände abgeschlossen werden, sodaß die Möglichkeit besteht, hier auch kleinere Ausstellungen zu zeigen. Für diesen Fall gibt es einen zweiten Zugang, der im hinteren Bereich des Foyers, beim Café liegt. Letzteres ist zum Hof orientiert und wird sich im Sommer nach draußen öffnen.

Der dritte, ebenfalls zum Hof orientierte Ausstellungssaal hat übrigens – im Unterschied zu den anderen, nur künstlich belichteten Räumen – eine besondere Eigenheit. Schlögl führte eine „schwebende“, nämlich 15 Zentimeter vom Boden abgehobene Wand ein, so daß man den Hof und das Tageslicht in diesem Saal trotz seiner relativen Abgeschlossenheit immer spürt.

Rechter Hand ist im Zentrum des Foyers der Kassenbereich plaziert, hier geht es über einen Nebenausgang ins Treppenhaus des Palais, wo sich im Obergeschoß ein großer Barocksaal befindet, der so auch an die Galerie angeschlossen werden kann. Ebenfalls rechts liegen die Bibliothek, ein weiterer Ausstellungssaal und der Verwaltungsbereich.

Der Abgang ins untere, zweigeschoßige Foyer und zum neuen Saal hat durch den hinterleuchteten Glaskubus des Behindertenlifts einen deutlichen Akzent erhalten. Schlögl hat den neuen Saal mit seinem Glasdach wie einen Teich, wie ein Wasserbecken im Hof aufgefaßt. Die Glasfläche des Daches mußte – zum Leidwesen des Architekten – aus pragmatischen Gründen geringfügig bombiert sein, hat also einen leichten„Sattel“ und ist an beiden Längsseiten von Holzstegen gefaßt. An der Stirnseite zum Landhaus ragt eine Sichtbetonscheibe auf – insgesamt neun Meter hoch –, sodaß der Hof hier eine eindeutige Abgrenzung gegenüber dem Nachbarn Landhaus erfährt.

Die architektonische Qualität der neuen „Galerie im Taxispalais“ besteht nicht nur in der Sinnhaftigkeit ihres räumlichen Konzepts. Nein, die hat auch mit der rigorosen Konsequenz zu tun, die Schlögl in allen Gestaltungsdetails an den Tag legt. Er hat diesen Um- und Erweiterungsbau äußerst kostengünstig realisieren können: Einschließlich Einrichtung, Klimatechnik et cetera kostete der Bau nicht mehr als 37 Millionen Schilling; kaum zu glauben, wenn man etwa bedenkt, daß alle Holzeinbauten aus Eiche sind und im Foyer ein eher aufwendiger Steinboden liegt – graugrüner Schiefer.

Auch die Beleuchtungstechnik war ein gewichtiger Kostenpunkt. Schlögl konnte daher nur im Foyer eine maßgeschneiderte, äußerst elegante Lichtlösung einsetzen, während in den Ausstellungssälen selbst ein – modifiziertes – Fertigprodukt zum Einsatz kam. Preisgünstig, dabei von sehr angenehmer Materialqualität sind dort auch die Böden: ein Gußestrich, der angeschliffen und oberflächenbehandelt wurde. Alle Stahlteile haben einen sehr dunklen, fast schwarzen Eisenglimmer-Anstrich erhalten, auch die Rückwand beim Stiegenabgang zum unteren Saal ist so gefärbt.

Schlögl hat jedes „zeithaltige“ Gestaltungsdetail vermieden. Hier findet man nichts, was „typisch neunziger Jahre“ ist. Ein Lochblech als Brüstung war schon montiert, da ließ es der Architekt austauschen, weil ihm bewußt wurde, daß damit ein neues, womöglich modisches Element in den Bau eingeführt würde. Und das Mobiliar – vom Portalrahmen des Eingangs über Kassenbereich, Bibliothek, Café und Verwaltung –ist so minimiert wie nur möglich, aber auch hier nicht im modischen Sinn. Vielmehr muß man das Thema, das sich durch alle Maßnahmen Schlögls zieht, anders definieren: Kunst, diese besondere Ware, verlangt nach besonderen Räumen. Sie verlangt nach Räumen, die eine eigene baukünstlerische Qualität behaupten, die aber trotzdem Raum lassen, damit dieser nicht definierbare Stoff, aus dem Kunst gemacht ist, den entsprechenden Wirkungs(spiel)raum hat. Und das ist Schlögl ganz hervorragend gelungen.

6. Februar 1999 Spectrum

Wo Finger in den Raum ragen

Glas, Aluminium und Schaltafel-Bretter - die Materialien sind so schlicht, wie die Gestaltung minuzös durchdacht ist: die Bibliothek des Grazer „Justizpalastes“ von Bettina Götz und Richard Mahnal.

Der Grazer „Justizpalast“ – hier sind das Oberlandesgericht und das Landesgericht untergebracht – ist ein gewaltiger Kasten vom Ende des vergangenen Jahrhunderts, der schon einmal bessere Tage gesehen hat. Er hat Kriegsschäden hinnehmen müssen, er war aber auch einem kontinuierlichen Anwachsen des Justizapparates ausgesetzt. Das hat der ursprünglichen Gebäudestruktur nicht gutgetan. Die um einen Innenhof umlaufenden Gänge zum Beispiel waren auf drei Stockwerken abgemauert; es war dort jeweils ein Teil der Bibliothek untergebracht. Um es auf den Punkt zu bringen: Das ursprüngliche Konzept des Gebäudes hat nicht mehr wirklich funktioniert.

Als Artec – das sind Bettina Götz und Richard Manahl – mit der Aufgabe konfrontiert wurden, hier eine neue Bibliothek einzurichten, war dann auch das erste, was ihnen bei der Gebäudebegehung auffiel, die fundamentale Notwendigkeit der Neuorganisation innerhalb des Bauwerks. Immerhin – für diesen Vorschlag fanden sie offene Ohren, und in derFolge war es möglich, die 4,80 Meter hohe Beletage soweit freizubekommen, daß eine zentrale Bibliothek eingerichtet werden konnte.

Aber dabei allein ist es nicht geblieben, denn wenn man jetzt das Grazer Gerichtsgebäude betritt, dann ist man schon im hohen klassizistischen Foyer mit einem ersten deutlichen Hinweis konfrontiert, daß hier eine zeitgenössische Intervention stattgefunden hat. Quer durch den Raum zieht sich nämlich eine neue Schicht, gläsern, transparent, die in der Höhe gerade so dimensioniert ist, daß der Raum in seiner Gesamtwirkung keinen Schaden nimmt. Diese neue Raumschicht löst verschiedene Probleme: Sie nimmt den kontrollierten Ein und Ausgang für die Beschäftigten auf, sie enthält den Sicherheitszugang für die Besucher, und vor allem schafft sie auch für das Personal ein erträgliches, nicht länger zugiges, kaltes Raumklima.

Übrigens wird man schon hier ein erstes Mal mit der Materialsprache konfrontiert, für die sich Artec bei allen im Gebäude realisierten Eingriffen entschieden haben. Quer durch den Raum ist ein Stahlträger gespannt, der breit genug ist, daß auch ein Kabelkanal darin Platz gefunden hat; und der Sicherheitsschranken – ein an sich abstoßend häßliches Fertigprodukt – ist in einem minimierten Kleid aus Betonschalplatten verborgen, aus denen auch anderes Mobiliar im Haus gefertigt wurde.

Wenn man weitergeht, trifft man auf der Ebene des Hochparterres auf eine zweite Intervention von Artec. Hier wurden im Vorfeld der Verhandlungssäle Arbeitsplätze für Praktikanten gebraucht. Die umlaufenden Gänge des Bestands haben dabei eine Breite, die es ohne weiteres erlaubte, einen Einbau vorzunehmen, ohne daß die Durchgängigkeit der Substanz davon beeinträchtigt wurde. Daher haben Artec an die Südfassade zum Hof ein gegliedertes langes Einbauelement gestellt, bei dem sich Arbeitsplatz an Arbeitsplatz reiht, fast wie die Abteile eines Zuges. Die Wand zum Gang – mit Schiebetüren–wird durch raumbildende, tiefe Spinde, in denen die Praktikanten ihre Unterlagen versperren können, formuliert.

Die Bibliothek selbst liegt im Geschoß darüber und drückt sich im Gang durch eine vorgeschobene gläserne Schicht aus, die aus zwölf zwei Meter langen Glastafelnbesteht,also24 Meter lang ist. An einem Verwaltungsbereich vorbei kommt man unter der neu eingeführten Galerie in den hohen, von allen Zwischenwänden befreiten Raum hinein. Die Bibliotheksregale schauen wie Finger in den Raum,ein Lesepult mit Ablagefläche ist zwischen die tragende Innenmauer und diese Regale geschoben, sodaß der Raum in seiner gesamten Länge nachvollziehbar und überschaubar ist. Über diesen Lesepulten hat sich eine gelochte Holzdecke – wie alle Holzeinbauten aus Betonschaltafeln – inzwischen als sinnvolle akustische Maßnahme herausgestellt.

An der Fensterfront nach Norden sind zwischen den Fenstern Computerarbeitsplätze angeordnet. Das Mobiliar dafür haben Artec selbst entwickelt, aus den genannten Schaltafeln, sichtbar verschraubt – sehr ein fach, sehr praktikabel und daher sehr überzeugend.

Natürlich hat die zweigeschoßige Lösung im 4,80 Meter hohen Raum einer sorgfältigen Planung bedurft. Denn so ganz einfach ist es ja nicht, mit einer solchen Raumhöhe auszukommen. Also ging es darum, einen Galerieaufbau zu entwickeln, der so wenig wie möglich von der Raumhöhe wegnahm. Die Stahlträger, die sich jetzt über die gesamte Raumtiefe spannen, sind daher besonders minimiert. Sie sind nur zehn Zentimeter hoch, sodaß man eigentlich nicht sagen kann, daß sie eine neue Ebene in den Raum einführen.

Oben, auf der Galerie, zieht sich nahezu über die volle Länge des Raums ein Lesetisch, der zur Nordfassade mit den Fenstern orientiert ist. Die Bücherregale belasten den Galerieeinbau nicht; auf der Galerie sind sie abgehängt. Das System, das Artec für die Bibliotheksschränke entwickelt haben, ist dabei in seiner durchdachten Schlichtheit bestechend.

Man könnte sagen, es besteht aus Aluminiumwannen, in die entsprechend dimensionierte Bretter aus den Schaltafeln eingeschoben sind. Und die Front ist durch Glasschiebeelemente verschlossen. Das ist wirklich simpel, aber ungemein elegant und sehr praktikabel. So eine Bibliothek möchte man auch zu Hause haben.

Artec haben vorausgedacht: Denn sie haben nicht einfach nur Bücherschränke aufgestellt, sie haben jede Möglichkeit genützt, um langfristig Platz zu schaffen, sie haben ein Entwicklungspotential eingeplant.

Was allerdings nur durch Schiebeelemente möglich war, und die wiederum verlangten eine minuziöse Umsetzung. Denn schieben läßt sich etwas, das noch dazu so gewichtig ist wie Bücher, nur, wenn es wirklich exakt horizontal verläuft. Und das ist in einem Altbau mit einem gewissen Aufwand und gegebenenfalls mit Nachrüstung verbunden. Darauf wurde viel Sorgfalt verwandt.

Insgesamt muß man jedenfalls wieder einmal resümieren: Für den Architekten selbst ist eine Neuplanung zweifellos befriedigender als die funktionell erzwungene Adaptierung bestehender Substanz. Andererseits: Wenn aus der räumlichen Not – wie in Graz –eine Tugend wird, wenn muffige, dunkle Räume zu einer überraschend großzügigen Lösung mutieren, dann wird sehr einleuchtend manifest, was Architektur vermag.

Und es wird manifest, daß sie keine ästhetische, bloß formale Spielerei ist, sondern vor allem eine Frage von inhaltlichen Konzepten.

30. Januar 1999 Spectrum

Was auf den Teller kommt

Die Vorgaben waren rigoros, die Ansprüche hoch: Im Palmenhaus des Wiener Burggartens war ein vielseitig bespielbares Lokal auszustatten. Die Gestaltung durch Eichinger oder Knechtl setzt Maßstäbe für die Adaptierung von Räumen dieses Formats.

Am Palmenhaus des Friedrich Ohmann (1901 bis 1907 erbaut) im Wiener Burggarten ist man jahrzehntelang vorbeigegangen und dachte sich: Was für ein wunderbares Gebäude! Und: Ein Jammer, daß nichts damit geschieht. Das hat sich nun geändert. Denn inzwischen wurde es unter den kritischen Augen des Denkmalamtes von Herbert Prehsler renoviert.

Es ist nicht alles optimal gelungen: Zum Beispiel das Design des Windfangs des neuen Lokals, dessen Standort jetzt in den Mitteltrakt verlegt ist. Als dessen Betreiber Eichinger oder Knechtl mit der Ausstattung beauftragte, war der Raum schon mit allen Einrichtungen und Installationen, die ein Restaurantbetrieb braucht, ausgestattet: Das gilt nicht nur für den Windfang, sondern auch für den hellen Natursteinboden, für die Position der Küche, den WC-Abgang und die Ausstattung der WC-Anlagen, für Lüftung und Heizung. Im Grunde hatten sich Gregor Eichinger und Christian Knechtl also auf die – nennen wir es: Benutzeroberflächen für den Gast zu konzentrieren.

Vom Programm her ist das Lokal höchst vielschichtig konzipiert. Da das Glashaus an einer touristischen „Hauptverkehrsader“ liegt – auf dem Weg von der Oper zur Hofburg –, geht es schon vormittags los. Hier kann man daher frühstücken und mittagessen, nachmittags gibt es Kaffeehausbetrieb, abends Essen – wobei besonderer Wert auf ein spezielles Weinangebot gelegt wird –, nachts Barbetrieb, gelegentlich sogar mit DJ und zeitgenössischer Musik.

Obendrein soll das Lokal als Veranstaltungsort etabliert werden: etwa für Modeschauen. Und in der warmen Jahreszeit wird zu den150 Sitzplätzen im Glashaus noch ein gewaltiger Terrassenbetrieb hinzukommen, der sich nicht nur auf dem Niveau des Ohmann-Baus, sondern auch unten, auf der Ebene des Burggartens, abspielen wird und sage und schreibe 500 Sitzplätze umfassen soll.

Eigentlich würden diese unterschiedlichen Nutzungen nach entsprechend differenzierten „Milieus“ verlangen. Ein Kaffeehaus, ein anspruchsvolles Restaurant und eine Bar unter einen Hut zu bringen ist keine Kleinigkeit. Doch Eichinger oder Knechtl sind erfahrene Lokalarchitekten. Sie haben Restaurants, Kaffeehäuser, Bars gemacht, „Szenelokale“ gewissermaßen, und daher haben sie diese Gratwanderung auch mit Bravour absolviert. Funktionen wie Bar und Küche wurden an der (massiven) Rückwand des Glashauses angelagert, der Sitzbereich für die Gäste ist zwischen Glashaut und der Mittelachse des Bauwerks situiert, und dazwischen ist soviel Platz frei, daß man auch eine Modeschau durchführen kann. Wobei der linke Seitentrakt, in den die Schmetterlinge aus Schönbrunn Einzug gehalten haben,zwar tabu bleibt, der rechte aber, wo derzeit eine Fülle von Topfpflanzen überwintert, in der wärmeren Jahreszeit leer steht und bei solchen spezifischen Veranstaltungen mitbenützt werden könnte. Übrigens kommt diese Vorgabe, so einschränkend sie auf den ersten Blick sein mag, dem gesamten Raumklima eindeutig zugute. Denn die Möblierung wirkt dadurch sparsam, man hat nirgendwo das Gefühl, daß die Raumausnutzung auf die Spitze getrieben ist.

Eichinger oder Knechtl haben die Küche selbst offen konzipiert, nur ein funktionell notwendiger Zusatzbereich ist abgeschirmt. Ihm ist eine Stiege hinauf in eine neu eingeführte Ebene vorgelagert, auf der sich das kleine Büro des Betreibers befindet – eine Art Cockpit, von dem aus man den gesamten Mitteltrakt überblickt. Das schildartige Element, hinter dem sich der Zugang zum Küchenbereich und die Treppe verbergen, ist aus mattiertem Glas.

Die Bar mißt ungefähr acht Meter. Sie hat eine Art „Handlauf“, der abgehoben ist, auf den man sich aber sehr gut stützen kann – er ist sozusagen „körpergerecht“ konzipiert–,während man die Gläser auf dem Niveau der Arbeitsfläche des Barkeepers abstellt.

Hinter der Bar gibt es offene Regale mit Flaschen, wie das so üblich ist, es gibt aber vor allem auch gekühlte Vitrinen (mit Glastüren),in denen unter anderem die edlen Weißen verwahrt werden, die die Weinkarte bietet. Außerdem findet sich an der „massiven“ Gebäuderückwand noch ein beigefarbener, teflonbeschichteter Gitterscreen, der so durchscheinend ist, daß selbst das Denkmalamt nicht bemängeln konnte, daß er den Blick auf die historische Substanz verstellt. Er ist andererseits so funktionstauglich, daß man darauf projizieren kann. Nächtens, bei Barbetrieb, wirft derzeit ein einzelner Projektor Künstlervideos auf diesen Schirm; geplant ist eine Bespielung des gesamten Screens mit drei Projektoren.

Tische und Sessel sind, wie gesagt, locker gruppiert. Die Sessel stammen aus Italien, ein Serienprodukt, das einfach, aber bequem ist und das es derzeit praktisch noch nicht auf dem Markt gibt. Eichinger oder Knechtl haben die erste Serie dieses Produkts beauftragt, eine zweite ging nach Neuseeland; erst jetzt wird die Produktion wieder aufgenommen. Die Tische sind ein Entwurf von Eichinger oder Knechtl selbst. „Dabei“, sagt Gregor Eichinger, „sind wir kein Risiko eingegangen. Wir haben an die zehn Lokale in Wien exakt vermessen und gescannt, einschließlich traditioneller Vorstadtlokale, und dann erst – selbstverständlich unter Berücksichtigung der Tellergrößen – die exakte Dimensionierung der Tische festgelegt.“

Jetzt sitzt man jedenfalls sehr angenehm dort, man ist nicht zu weit voneinander entfernt, um auch intime Gespräche zu führen, man hat aber auch nicht zu wenig Platz. Solche Dinge tragen wesentlich zur funktionellen Qualität eines Lokals bei. Ebenso wie die Belichtung: Besonders in einem eher anspruchsvollen Restaurant will man sehen, was man auf dem Teller hat. Andererseits will man aber nicht in einem gleichmäßig ausgeleuchteten Raum sitzen, denn das widerspricht der Individualität des jeweiligen Tisches.

Mit dem Licht hat Gregor Eichinger so seine Erfahrungen: Er kenne ein Lokal, in dem in zwei Räumen unterschiedliche Belichtungssysteme eingesetzt wurden. In bei den Räumen wurde das gleiche Essen serviert. Dort, wo die Raumbeleuchtung gleichmäßig diffus gewesen sei, sei es immer wieder zu Reklamationen gekommen; dort, wo der einzelne Tisch ausgeleuchtet worden sei, habe alles bestens funktioniert.

Eine Lektion, der man im Palmenhaus nur unter extrem erschwerten Bedingungen Folge leisten kann. Denn der Raum mißt in der Höhe immerhin 15 Meter, und das bedeutet, daß für eine intime, aber effiziente Tischbeleuchtung sehr viel Licht benötigt wird. Gregor Eichinger meint, daß dieses Problem noch nicht optimal gelöst sei. Tatsächlich fühlt man sich aber ausgesprochen wohl. Und die Tatsache, daß auf Tage hinaus im Palmenhaus kein Tisch zu bekommen ist, dürfte das wohl bestätigen.

Räume, wie sie der Ohmann-Bau bietet, haben internationales Format. In Wien tendiert man dazu, dieses auch anderweitig reichlich vorhandene Potential zu vernachlässigen. Dem Burggarten-Lokal kommt bei der Behebung dieses Mankos möglicherweise Schrittmacherfunktion zu. Das gilt besonders im Hinblick auf den Terrassenbetrieb: Denn da braucht nicht um 22 Uhr Ruhe zu sein, er liegt schließlich in einem Park und weitab von jedem Wohnviertel, und da ist dann auch genügend Platz, um sich an einem spektakulären Ort zu verabreden, wo man aber nicht notwendigerweise zuvor einen Tisch reservieren muß, weil einfach so viele Sitzplätze da sind. Einer Großstadt steht das wohl an.

Eichinger oder Knechtl sind mit dem Palmenhaus souverän umgegangen. Tatsächlich gibt es hier ja nur sieben Palmen. Und die wachsen aus recht unschönen Töpfen. Aber natürlich mußten sie einbezogen werden. Das ist in der Hülle eines„technischen“ Möbels geschehen, das die Töpfe verbirgt, das gleichzeitig elektrische Installationen sowie die sogenannten Kellnerstationen beinhaltet und das obendrein eine starke Lichtquelle enthält, das die jeweilige Palme ausleuchtet.

Offen bleibt die Frage, wie sich das Palmenhaus im Sommer bewähren wird. Die Glashaut ist beschattbar, die Laternen und die Glasfront kann man öffnen, es wird – möglicherweise – ein Sog entstehen, der die heiße Luft nach oben abtransportiert. Ganz abgesehen davon, daß man in der wärmeren Jahreszeit natürlich draußen sitzen wird. Trotzdem: Erprobt ist das alles nicht. Denn als Eichinger oder Knechtl mit ihrer Planung begonnen haben, war das Glashaus vollständig eingerüstet. Und bis sie den Auftrag in der Tasche hatten, war räumlich und von den Installationen her das meiste vorgegeben.

Wie auch immer. Der Raum ist 15 Meter hoch und kann viel verkraften. Und was die rigorosen Ansprüche und Vorgaben betrifft, muß man einfach konstatieren: Eichinger oder Knechtl wissen Bescheid. Selbst wenn es um ein sehr spezifisches Programm geht: Auch sie können viel verkraften.

19. Dezember 1998 Spectrum

Was in Lienz der Fall ist

Lienz, Osttirol. Im Neubau der Wirtschaftskammer-Bezirksstelle sind unterzubringen: Büros, Schulungs- und Seminarräume und ein großer Festsaal. Wie Renate Benedikter-Fuchs und Karlheinz Peer alles in einer „Schachtel“ organisiert haben, ist beispielhaft.

Aus architektonischer oder auch aus einer an Gestaltung interessierten Perspektive hat man in aller Regel seine Schwierigkeiten damit, wie sich die österreichische Wirtschaft nach außen präsentiert: Das fängt bei Ausstellungen oder Messeauftritten an und hat hoffentlich beim letzten österreichischen Weltausstellungsbeitrag aufgehört, auf dem untersten Qualitätslevel zu passieren.

Unter diesen Vorzeichen betrachtet, muß man beinahe von einem Glücksfall reden, wenn es einmal gelingt, daß ein - schon von seinen Dimensionen her - repräsentativer Bau der Österreichischen Wirtschaftskammer architektonisch Maßstäbe setzt. In Lienz ist das der Fall. Dort hat die Wirtschaftskammer Tirol ein ausgesprochen beispielhaftes Gebäude für seine Osttiroler Bezirksstelle realisiert.

Am Anfang war ein Wettbewerb, und den haben die Innsbrucker Architekten Renate Benedikter-Fuchs und Karlheinz Peer gewonnen. Der Schauplatz liegt, übrigens gar nicht weit entfernt vom architektonisch ebenfalls bemerkenswerten Dolomitenstadion von Peter Jungmann, an einer Geländekante nahe der Drau.

Das Haus ist ziemlich groß, obwohl das, was heute dasteht, schon eine deutlich verkleinerte Version dessen ist, was ursprünglich im Wettbewerb gefragt war. Es ist lang hingestreckt an der Geländekante plaziert, und es hat wieder einmal die Form einer Schachtel. Zugegeben, bald kann man sie schon nicht mehr sehen, diese Schachteln, vor allem die mit den Holzlattungen nicht. Im vorliegenden Fall handelt es sich aber um eine „raffinierte“ Schachtel, eine verräumlichte, eine plastisch durchgebildete. Und das merkt man gleich, wenn man sich über den großzügig angelegten, sehr klar gestalteten Vorplatz dem Gebäude nähert. Unten drunter ist bis etwa zur Hälfte ein geschoßhoher Körper geschoben, der zwar tatsächlich eine Fassade aus Lärchenholzlatten hat, aber die beiden Geschoße darüber setzen durch ihre Eternit-Stülpschalung und die Alulamellenhaut vor den großen verglasten Teilen doch einen reizvollen Akzent, sie sorgen für ein durchaus spannendes Fassadenbild.

Außerdem weist die Differenzierung in der Erdgeschoßzone - eine verglaste, hinter die Stützenreihe zurückverlegte Zone, dann der wie untergeschobene Baukörper mit den Holzlatten - dem Besucher den Weg zum Haupteingang.

Benedikter-Fuchs und Peer haben bei der Organisation des Hauses großes Geschick bewiesen. Denn gefordert waren nicht nur Büros, Besprechungs-, Schulungs- und Seminarräume, gefordert war auch ein großer, repräsentativer Festsaal. Die Architekten sind aber nicht der Versuchung erlegen, diesen Festsaal als zentrales räumliches Ereignis aufzufassen und in den Vordergrund zu rücken. Dabei ist dieser Raum groß, technisch bestens ausgestattet, und er kann sich auch in gestalterischer Hinsicht sehen lassen, aber er liegt doch - im Obergeschoß.

Die Thematik, die den Besucher gewissermaßen „empfängt“, ist dennoch alltäglicherer Art: Sie signalisiert, daß hier gearbeitet wird. Dieses Konzept - nicht die repräsentativen Inhalte in den Vordergrund zu rücken, sondern die tagtäglichen Aufgaben der Kammer - war sicher auch im Wettbewerb ein entscheidendes Argument, das für die Lösung von Benedikter-Fuchs und Peer gesprochen hat. Schließlich geht es in einem solchen Haus um Arbeit, um „Dienstleistung“.

Und das sieht man jetzt auch schon von außen, wenn man zum Haupteingang geht. Denn man sieht in die Büros hinein. Das Foyer ist dann allerdings überaus großzügig und elegant formuliert, auch räumlich sehr reizvoll. Unter einer Galerie hindurch kommt man in einen zweigeschoßigen Raum, der durchaus zu beeindrucken vermag: Sichtbeton, Glas, Holz dominieren die Szene, eine schöne Arbeit von Ernst Trawöger setzt einen zusätzlichen Akzent.

Dieses Foyer fungiert für das gesamte Haus gewissermaßen als Drehscheibe, es hat Verteilerfunktion. Man kann sich auf Anhieb orientieren. Der betonierte Stiegenhausturm, der als eigener Körper „eingestellt“ ist, setzt sich mit seiner rauhen Bretterschalung von den glatteren Sichtbetonwänden und -decken reizvoll ab, der Durchgang zu den Büros ist diskret ausgewiesen.

Benedikter-Fuchs und Peer haben sich besonders bei den Materialien rigorose Selbstbeschränkung auferlegt. Sie kommen mit wenig aus, aber das ist dafür sehr sinnvoll eingesetzt und jeweils von höchster Qualität. Der Sichtbeton zum Beispiel: Er dominiert das Haus sehr weitgehend - von den Wänden bis zu den Massivdecken. Andererseits wurde aber auch mit Holz nicht gespart: Es ist durchwegs Eiche und kommt in Form gelochter Wand- und Deckenbekleidungen vor, teilweise als Parkett auf Boden, zum Beispiel aber auch an der Innenseite der Fensterrahmen im Eternit-verkleideten Fassadenteil.

Denn gewisse spielerische Feinheiten im Umgang mit den Materialien haben sich die Architekten dann doch nicht versagt. Daher sind die Fenster in jenen Bereichen, wo der Fassade eine Alulamellenhaut vorgespannt ist, aus Aluminium, während sie in der Eternitfassade nur außen aus Aluminium sind, innen sind sie, wie gesagt, aus Holz.

Die Ausstattung des Hauses ist in gestalterischer Hinsicht bemerkenswert. In den halböffentlichen Bereichen etwa liegt auf dem Boden ein besonders schöner, grauer Sandstein, daneben gibt es auch Teppichböden und Industrieparkett. Auch die Einbauten und das bewegliche Mobiliar sind von ausgesuchter Eleganz und angenehmer Einheitlichkeit, sogar bis hin zum Detail der Heizkörper.

Man kommt zwar wieder einmal nicht umhin festzustellen, daß sich die Nutzer selbst nach wie vor schwer mit dem Sichtbeton tun - er wurde in einem Büro ohne Wissen der Architekten verspachtelt.

Offenbar sind die Image-Schwierigkeiten dieses Materials noch lang nicht korrigiert. Andererseits haben die Architekten den Nutzern aber nichts zugemutet, was nicht bei einigem guten Willen und einer offenen, unvoreingenommenen Haltung verkraftbar wäre. Und in Wirklichkeit sind ja durchaus auch die sogenannten „warmen“ Materialien nicht zu knapp präsent.

Eine eigene Anmerkung ist die Hausmeisterwohnung wert. Sie ist an einem Ende des Gebäudes situiert und insofern interessant, als sie zwar nur einen kleinen Teil der Grundfläche in Anspruch nimmt, dafür aber den gesamten Gebäudequerschnitt. Man könnte auch sagen, sie ist als Reihenhaus konzipiert, das sich über alle Geschoße erstreckt - einschließlich eines Terrassen- und Gartenanteils. Denn das Haus hat in einem Teilbereich auch eine Terrasse: Diese schaut nach Süden, zum Garten beziehungsweise Richtung Drau, und macht die landschaftlich reizvolle Situation für die Nutzer unmittelbar erlebbar.

An dieser Gebäudeseite wird dann auch deutlich, wie die Architekten mit der Geländekante umgegangen sind. Sie haben den Baukörper nämlich so plaziert, daß unter der auf Platzniveau verlaufenden Terrasse noch ein zusätzliches, natürlich belichtetes Geschoß untergebracht werden konnte.

An der Südfassade ist das Haus überdies sehr weitgehend geöffnet, wobei den großen Glasbändern der beiden Obergeschoße wiederum Alulamellen vorgeschaltet sind, die als Beschattungselemente dienen und außerdem das Licht gleichmäßig streuen.

Es gab eine Wettbewerbsauflage, die den Architekten schmerzliches Kopfzerbrechen bereitet hat: Das Haus mußte unbedingt ein Satteldach aufweisen. Und das paßt zu einer solchen Gebäudekonfiguration natürlich nicht ideal, ein Flachdach hätte dem Zuschnitt, den Proportionen des Hauses besser entsprochen. Aber auch in diesem Punkt haben die Architekten Geschick bewiesen. Ihr Satteldach ist so flach ausgefallen, daß man es praktisch nicht als solches wahrnimmt, wenn man das Haus frontal anschaut. Man muß den Blickwinkel schon bewußt suchen, aus dem das Satteldach tatsächlich sichtbar wird.

Wie gesagt, das Haus ist ein Glücksfall. Das wird einem besonders bewußt, wenn man die unmittelbare Umgebung betrachtet. Denn gleich daneben ist fast zeitgleich ebenfalls ein Neubau entstanden, ein Verwaltungsbau, der mit seiner üblen Allerweltsarchitektur jeder Beschreibung spottet.

Überhaupt muß man in Lienz die architektonisch bemerkenswerten Gebäude vorläufig noch suchen. Von ein paar schönen Einfamilienhäusern und ganz wenigen Wohnbauten abgesehen, reichen die Finger einer Hand aus, um sie aufzuzählen: Da gibt es die Bank von Raimund Abraham auf dem Hauptplatz, einen M-Preis-Markt von Wolfgang Pöschl, das Dolomitenstadion von Peter Jungmann und jetzt auch die Wirtschaftskammer-Bezirksstelle Osttirol.

Das ist nicht viel. Andererseits ist gerade mit letzterer ein architektonischer Beitrag entstanden, dem schon allein von seiner Größe her, aber natürlich auch auf Grund der Bedeutung der Institution, besonderes Gewicht zukommt. Dem Vernehmen nach waren es dabei nicht die Lienzer selbst, die diesen Schritt in die richtige Richtung konsequent vorangetrieben haben, sondern es war vor allem der Innsbrucker Bauherr, die Wirtschaftskammer Tirol.

Das zeigt eben wieder einmal, wie sehr es in der Architektur auf einen durchschlagskräftigen, engagierten Auftraggeber ankommt. Wenn man den trifft, dann wird Beispielhaftes möglich.

28. November 1998 Spectrum

Geräuschlose 800 Kilogramm

Cool, lässig, großstädtisch, durchlässig: die zwei Ebenen des „Guess-Clubs“ von Markus und Kinayeh Geiswinkler. Selten wurde der Innen-außen-Bezug so scharf in Szene gesetzt wie bei dem neuen Lokal in Wien-Mariahilf.

Was einem beim Anblick des „Guess-Clubs“ in der Wiener Kaunitzgasse in den Sinn kommt, das sind zeitgeistig-urbane Schlagworte: Coolness, großstädtisches Nomadentum, Vernetzung, Kommunikation, virtuelle Bilder, Geschwindigkeit . . . Aber die Arbeit von Markus und Kinayeh Geiswinkler hält mehr parat.
Der „Guess-Club“ befindet sich in einem Gründerzeithaus aus dem Jahr 1872 mit herkömmlicher Lochfassade, allerdings auf einem Terrain, dem eine gewisse Eigenart innewohnt: Das Haus steht auf der Geländekante zum Wiental hinunter, eine Stiegenanlage mit denkmalgeschütztem Mauerwerk (Otto Wagner) überwindet diesen Geländesprung. Wohlgemerkt, von einem Lokal ist die Rede. Von einem „urbanen“ Lokal. Einem, wo sich seit der Eröffnung ein Publikum festsetzt, das mit banaler („Erlebnis“-)Dekoration allein kaum zu ködern wäre.

Und doch muß man sagen, daß die Botschaft, die der „Guess-Club“ in das städtische Umfeld morst, nicht etwa einem Geheimcode unterliegt, sie ist für jedermann auf Anhieb zu entschlüsseln: Was hier signalisiert wird, hat mit Offenheit zu tun, mit dem kommunikativen Austausch zwischen draußen und drinnen, mit einem lässigen, ganz unprätentiösen Selbstverständnis. Daran sind die Architekten nicht „unschuldig“.

Der „Guess-Club“ erstreckt sich über zwei Ebenen und hat folgerichtig zwei Eingänge. Oben geht es in die Bar, unten, am Fuß der Treppe, ins Restaurant. Intern sind beide Ebenen natürlich ebenfalls verbunden, können im Fall spezieller Veranstaltungen in der Bar aber problemlos getrennt werden. Zur Stadt hin blickt ein gewaltiges Schaufenster - acht mal fünf Meter - , das beide Ebenen einsehbar macht. Es ist zweigeteilt und läßt sich im Barbereich aufschieben: Mit Hilfe eines Elektromotors fahren die 800 Kilogramm Glas der oberen Scheibe geräuschlos hinunter.

Im Barbereich selbst ist die solcherart gewollte städtische Schlucht nur durch eine Glasbrüstung ohne Handlauf konterkariert, von weitem teilt sich diese notwendige Sicherheitsmaßnahme also gar nicht mit. Da steht man und schaut verwundert, auch ein wenig irritiert hinüber, und man fragt sich: Ja, darf denn das sein? Das vorrangige Thema ist damit aber klar definiert: Der Innen-außen-Bezug wurde hier mit ungewöhnlicher Schärfe in Szene gesetzt.

Die Geiswinklers hatten bei diesem Bau mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Allen voran: Wie reagiert ein gründerzeitliches Ziegelmauerwerk, wenn man es entkernt? Man ist schrittweise vorgegangen: Es wurde entkernt, es wurde abgefangen, es wurde weiter entkernt, und es wurde weiter abgefangen. Jetzt stecken in der Decke ungefähr 40.000 Kilogramm Stahl, und im oberen Bereich zeugt die Position des Barbereichs mit seinem elliptischen Kern noch vom konstruktiv nicht wegzubringenden Restbestand der alten Mittelmauer.

Die Bar ist schlicht schön: hinterleuchtetes Glas, vie- le Flaschen, angenehm für jedes Auge. Der große, durchlässige Raum wurde geradezu leger behandelt. Sehr dunkler Kunststein auf dem Boden, ein metallisches Gittergeflecht an der Decke, schwarzer Granit an der Bar. Und Glas in allen Variationen: als hinterleuchtete Milchglasscheiben, als durchsichtige Screens, als dunkles, fast schwarzes Plexiglas-Kleid und als schwarze Wand, die gleichzeitig Projektionsfläche ist. Denn das ist das Besondere dieser Bar: Sie treibt mit den technologischen Möglichkeiten von heute ihr Spiel.

Da wird einerseits dem Besucher die Möglichkeit geboten, zum Drink aktiv im Internet zu surfen, er kann aber auch unversehens passiv zum Gegenstand eines Medienspektakels werden: Versteckte Kameras filmen das Geschehen in der Bar, auf der schwarzen Glaswand tauchen diese Bilder dann wie aus dem Nichts auf. Später einmal, wenn es auch in anderen Städten „Guess-Clubs“ geben wird - Günter Kerbler, dem Besitzer, schwebt eine solche Lokal-Kette vor - , wird sich dieses Spiel noch erweitern lassen: Dann kann man in Wien zeitgleich miterleben, was sich in Berlin oder Mailand tut.

Die Architekten haben bei der Möblierung der Bar auch das Detail beachtet. Man sitzt auf Barhockern von Castiglioni, und die Stühle stammen von Charles Eames. Nur die Sitzbänke sind ein maßgeschneiderter Entwurf. Feinheiten lassen sich dabei erst ausfindig machen, wenn man ins Restaurant hinuntergeht und dort auf die gleiche Möblierung trifft. Denn dort haben die Eames-Sessel ein Sitzkissen, und die Rückenlehne der Bänke ist eine Spur stärker geneigt als oben. Bequemlichkeit ist also angesagt.

Grundsätzlich sind die Materialien, die man in der Bar vorfindet, bis in das Restaurant im Untergeschoß durchgezogen. Die Anordnung der Tische - jeweils an den Wänden entlang - wirkt hier durch einen leichten, eleganten Schwung wie eine großzügig einladende Geste. Ein kleiner Teil des ursprünglichen Gewölbes korrespondiert homogen mit den alten Ziegelmauern, die nur abgeschlagen, aber nicht verputzt wurden. Trotzdem kommt keine rustikale Kelleratmosphäre auf. Dem rauhen Mauerwerk ist nämlich eine dunkle Plexiglasbahn vorgespannt, eine artifizielle „zweite Haut“ sozusagen.

Man könnte sagen, daß ein Hauptziel der Architekten die Vereinheitlichung und Beruhigung, die Durchlässigkeit und Großzügigkeit der beiden Geschoße war. Obwohl natürlich viel Technik installiert werden mußte, zeigen die Geiswinklers diese Technik nicht her, das heißt: ausschließlich auf den WCs.

Sie hätte viel zuviel Unruhe in die Räume gebracht, sie hätte das Raumklima belastet. Jetzt deckt das Metallgeflecht an der Decke alle Leitungen und Rohre ab, und durch das Geflecht hindurch wird auch noch die verbrauchte Luft unsichtbar abgesaugt.

An „Kinderkrankheiten“ wären zu vermerken: Ein Bewegungsmelder sollte dafür sorgen, daß das Bild der Speisekarte auf einem Bildschirm erscheint. Das tut es viel zu spät - ein Software-Problem. Und im Barbereich fehlen noch die Kameras bei den Bildschirmen, die es dem Gast ermöglichen sollen, bei seiner Internet-Kommunikation auch selbst auf dem Schirm zu erscheinen.

Vor allem aber: Wie das großzügige „Aufschneiden“ des Lokals, wie der kommunikative Austausch mit dem Straßenraum tatsächlich funktioniert, wie es ist, wenn die gewaltige Scheibe nach unten fährt und unten bleibt, das kann man wohl erst hautnah erfahren, wenn es wieder wärmer ist.

10. Oktober 1998 Spectrum

Zehn Hektar um einen Schilling

Es ging um die Öffnung einer „Stadt in der Stadt“, um die Adaptierung historischer Bausubstanz an heutige Nutzungen. Wie ein Architektenteam unter rigorosen Kostenauflagen aus dem Wiener Alten AKH einen Universitätscampus machte. Eine Erfolgsstory.

Nun hat Wien also einen Universitätscampus. Er wurde in jahrelanger und sehr planungsintensiver Arbeit auf dem Gelände des Alten Allgemeinen Krankenhauses errichtet, das ja ursprünglich fast zur Gänze im Besitz der Stadt war, die es allerdings - für den symbolischen Betrag von einem Schilling - 1989 der Universität Wien zum Geschenk gemacht hat. Wenn auch unter einer Auflage: Ein Teil des Areals sollte der Öffentlichkeit, speziell den Anrainern, zugute kommen.

Das Areal mit seinen beeindruckenden zehn Hektar Größe und der differenzierten Hofstruktur, die von den schmalen Krankenhaustrakten gefaßt ist, hat eine dreihundertjährige, höchst wechselhafte Baugeschichte hinter sich. Und wenn die Höfe nicht großteils begrünt und mit verschiedenen „Denkmälern“ durchsetzt wären, man würde noch heute oft nicht so recht sicher sein, ob man sich wirklich auf einem ehemaligen Krankenhausareal oder nicht doch in einer etwas verwinkelten Kasernenanlage befindet.

Tatsache ist, daß sich der ausgedehnte Baubestand vom umliegenden Bezirk immer rigoros abgeschottet hat, daß er sich fast wie eine wehrhaft befestigte „Stadt in der Stadt“ präsentierte. Eine der wichtigsten Maßnahmen im Zuge der Revitalisierung zielte daher auf die Öffnung des Areals, auf seine übersichtliche und sinnvolle Durchwegung ab. Dabei hatte die Arge Altes AKH Architekten - das sind die Büros Hugo Potyka, Friedrich Kurrent (künstlerische Koordination) & Johannes Zeininger, Sepp Frank und Ernst M. Kopper (geschäftliche und technische Koordination) - kein leichtes Spiel: Denn das äußere „Gesicht“ der Bebauung sollte dadurch so wenig wie möglich beeinträchtigt oder verändert werden, ganz abgesehen davon, daß in einem Teilbereich die neue Notenbankdruckerei von Wilhelm Holzbauer mit all ihrer Pracht der bescheidenen - und relativ niedrigen - Bebauung des Alten AKH fast schon obszön naherückt.

Und doch sind das im Verhältnis zur Gesamtleistung des Planungsteams bestenfalls Nebensächlichkeiten. Denn es ging nicht nur um die Öffnung des Areals, um die Wiederherstellung der alten, kammartigen Hofstruktur, um die Eliminierung zahlloser Einbauten, die sich vor allem seit dem 19. Jahrhundert hier angelagert hatten; es ging auch um die sinnvolle Konzentration von öffentlichen Nutzungen - vor allem Supermarkt, Gastronomie, Geschäfte - im (größten) ersten Hof und um vorbereitende Maßnahmen für ein künftiges Zentrum der Geisteswissenschaftlichen Fakultät im zweiten Hof; aber in erster Linie ging es darum, die alten Krankenhaustrakte mit ihrer geringen Tiefe, dafür oft ungewöhnlichen Raumhöhe so zu adaptieren, daß sie langfristig ihrer neuen Nutzung entsprechen.

Und dies alles unter dem Druck eines Kostenlimits, wie es rigoroser nicht hätte sein können. Die Frage war: Was geht trotzdem noch, wenn aus ökonomischen Gründen eigentlich nichts mehr geht?

Anfang der neunziger Jahre, nach dem von Friedrich Kurrent erfolgreich absolvierten Gutachterverfahren, machten ominöse 400 Millionen Schilling (28,8 Millionen Euro) Baubudget für die Realisierung des Gesamtprojekts die Runde. Wer damals etwas vom Bauen verstand und das Areal kannte, der mußte angesichts dieser Vorgabe schlicht den Kopf schütteln. Die tatsächlichen Nettoherstellungskosten der Universität werden denn auch jetzt mit 673 Millionen Schilling (48,4 Millionen Euro) beziffert, jene für die Geschäfte, Büros und andere Nutzungen mit 129 Millionen Schilling (9,3 Millionen Euro).

Aber selbst diese Kosten sind so extrem niedrig, daß man die planenden Architekten ob dieses Auftrages nicht beneiden mag. Es muß in jeder Hinsicht eine Gratwanderung gewesen sein. Gelohnt hat sie sich aber. Das Ergebnis kann sich nicht nur sehen lassen, man muß es gesehen haben. Hier wurde atmosphärisch etwas - nicht bewahrt, sondern nach langer Zeit wieder hergestellt, was man zu AKH-Zeiten schon längst nicht mehr wahrnehmen konnte. Diese sehr schlichten, schmalen, niedrigen Bauten haben ihren ganz eigenen Reiz. In den Höfen herrscht eine Stimmung wie außerhalb der Zeit, ruhig, unprätentiös - einfach gelassen. Und diese Stimmung teilt sich heute, nach der Öffnung des Areals und all den zeitgenössischen Interventionen, stärker mit als je zuvor.

Nichts gegen rahmenlose Punktverglasungen. Nichts gegen diffizile, minimierte Leichtkonstruktionen. Nichts gegen geschliffenen Sichtbeton. Aber es geht auch ohne. Das Resultat mag der trendigen Ästhetik vom Ende der neunziger Jahre nicht entsprechen. Man wird es langfristig dennoch anschauen können. Es ist klar, wie die Architekten in diesem Fall gestalterisch vorgehen mußten: Nachdem das Raum- und Funktionsprogramm festgelegt war, nachdem geklärt war, welche Sanierungsmaßnahmen in den einzelnen Bauten unumgänglich waren, ging es darum, eine definierte Palette an Materialien, Oberflächenqualitäten, Farben, Beleuchtungssystemen et cetera festzulegen, die in die jeweils unterschiedlichen räumlichen Situationen des Bestandes implantiert werden konnten, die aber doch Einheitlichkeit, einen „Raumfluß“ herstellten.

Wie gesagt: Rahmenlose Verglasungen wird man hier nicht finden. Friedrich Kurrent hat zwar ein System verglaster „Pawlatschen“ zur Relativierung der geringen Trakttiefen entwickelt, das in den Höfen zwei, acht und neun auch tatsächlich realisiert wurde, aber es ist sehr viel pragmatischer und ökonomischer, als das irgendein Architekt mit High-Tech-Anspruch heute machen würde. Er nennt diese Zubauten „Vorgelege“, und sie beinhalten eine großzügige Erschließungszone, über die in die angrenzenden Räume immer noch genug Tageslicht fällt.

Ästhetisch reizvoll ist das Fassadenbild dieser gläsernen „Vorgelege“. Durchsichtige Glasflächen wechseln mit grünlich-opaken ab, die zu öffnenden Glasteile stechen rot hervor, textile weiße Jalousien sorgen für einen zusätzlichen Akzent. Auch das Problem des Anschlusses dieser „Vorgelege“ an die angrenzenden Fassaden ist ausgezeichnet gelöst. Sie rücken geringfügig davon ab, wobei das Ende der Glashaut durch ein „Einschubelement“ mit Eternitverkleidung ganz unauffällig formuliert ist.

Sehr reizvoll ist auch, daß die Architekten das Motiv der unterschiedlichen Stiegenlösungen im Bestand aufgegriffen und weitergeführt haben. Der Einbau der vorgeschriebenen Fluchtstiegenhäuser wurde statementhaft und formal differenziert gelöst, wodurch diese in einer zeitgenössischen Interpretation der Besonderheit dieser Substanz umso besser entsprechen.

Alle formalen Maßnahmen im neuen Alten AKH sind sehr einfach, wenngleich keinesfalls ruppig. Die Galerieeinbauten in den hohen Räumen sind zwar letztlich anspruchslos ausgefallen, meist mit simplen Stahlprofil-Konstruktionen, in selteneren Fällen (Brandschutz) mit Stahlbeton. Aber selbst in den WC-Anlagen wurde auf eine Verlegung der Fliesen geachtet, die geeignet ist, das Manko der „unregelmäßigen“ Bausubstanz wieder auszugleichen.

Der inhaltliche Wert dieses Projekts, soviel steht jedenfalls fest, ist nicht nach den gängigen Mustern der heutigen Architekturkritik zu beschreiben. Denn es hat nichts Spektakuläres an sich, kein angestrengtes Suchen nach Innovation in welcher Richtung auch immer.

Hier geht es um die Anstrengung, historischer Bausubstanz mit Respekt und Einfühlung zu begegnen und die heutige Neunutzung mit zeitgemäßen Mitteln auszudrücken, aber auch unter ökonomischen Bedingungen, die so hart waren, daß man sich fragen muß, ob sich die Universität Wien - deren Repräsentanten sich gern als Bannerträger der Kultur sehen - als Bauherr ihrer Rolle als Beförderer der (Bau-)Kultur in diesem Land überhaupt bewußt gewesen ist.

Daß dieses Projekt einfach richtig, stimmig und eben angemessen ist, muß man allein dem Konto der Architekten gutschreiben. Man muß es ihrer Haltung gutschreiben, daß mit fast nichts ein qualitativer Mehrwert hergestellt wurde, dem jede Anerkennung gebührt.

Damit haben sie aber auch uns, den Architektur-Freaks, eine Lektion erteilt. Denn wenn wir nicht nur oberflächlich und unreflektiert von zeitlosen Gestaltungsqualitäten reden wollen, wenn wir solche Qualitäten ernst nehmen und tatsächlich schätzen, dann müssen wir zugeben, daß wir ihnen beim Alten AKH begegnen. Und dann müssen wir eben Farbe bekennen. Reden wir nur so dahin von den nicht trendigen, zeitlosen Qualitäten - oder meinen wir es auch?

Vieles ist übrigens noch ungelöst im Alten AKH. Der Narrenturm steht nach wie vor unrestauriert da, noch ist keine Nutzung dafür festgelegt. Der Kindergarten, der in der Nähe des Narrenturms geplant war, wurde ebenfalls nicht gebaut. Genauso steht der Einbau eines großen Hörsaals im zweiten Hof, der nicht nur für den Universitätsbetrieb, sondern auch im Hinblick auf ein „Zentrum“ des neuen Campus notwendig wäre, noch in den Sternen.

Und Friedrich Kurrents Lieblingsidee, im sechsten Hof einen „Monotheistenplatz“ - mit ehemaliger Spitalskapelle, bestehender (aber noch nicht instand gesetzter) kleiner Synagoge und einer (ebenfalls kleinen) Moschee - zu errichten, ist vorläufig ebenfalls gescheitert.

Sagen wir es so: In der Causa Universitätscampus Altes AKH sind noch einige letzte Worte ausständig. Aber vielleicht sagt sie ja eines schönen Tages noch jemand.

3. Oktober 1998 Spectrum

Von den Details zur Hauptsache

Eben erst mit dem höchstdotierten Architekturpreis ausgezeichnet, dominiert Peter Zumthor auch den einschlägigen Bücherherbst. Weiters herausragend: Monographien über Joseph Frank und Franz Baumann sowie ein sorgfältigst dokumentierter Band über M.Breuer.

Es ist der Bücherherbst des Peter Zumthor. Denn von ihm beziehungsweise über ihn stapeln sich derzeit gleich drei Publikationen auf den Tischen der Fachbuchhändler. Bei Lars Müller erschien eine erste repräsentative und umfassende Monographie. Sie trägt den bescheidenen Titel „Häuser“ und ist mit den ungewöhnlich delikaten Architekturphotos von Hélène Binet illustriert. Natürlich vor allem schwarzweiß - die Farbaufnahmen sind ganz bewußt eingesetzt und meistens kleinformatig - und natürlich brillant gedruckt.

Man kann die Art und Weise, wie Zumthor seine Bauten dokumentiert, nur „erlesen“ nennen. Wobei dieses Adjektiv wohl auch seine Architektur nicht verfehlt, und nicht zuletzt deswegen hat er, so steht zu vermuten, gerade den Carlsberg-Architekturpreis bekommen, die höchstdotierte einschlägige Auszeichnung überhaupt.

Zumthors Architektur wird nicht jedem liegen, dafür zelebriert er sie vermutlich zu sehr, bis hin ins scheinbar nebensächliche Detail, das bei ihm eben durchaus zur Hauptsache wird. Dafür läßt sich der Grad an Perfektion, in dem die Materialien in seinen Bauten verarbeitet sind, nicht überbieten. Eine noch aufwendigere Schlichtheit ist praktisch nicht vorstellbar.

Außerdem existiert der Anspruch des „zeitgemäßen“ oder gar „fortschrittlichen“ Bauens in seiner Architektur als Thema nicht. Er nützt, was es gibt und was er brauchen kann, um sicher etwas Neues zu kreieren, aber irgendwo bleibt seine Architektur durch eine auch noch so dünne Nabelschnur dennoch mit archetypischen Vorstellungen von (Bau-)Körpern, Räumen und den Verhaltensweisen der Menschen darin verbunden.

Genau darüber gibt das zweite, ebenfalls bei Lars Müller erschienene, Buch, „Architektur denken“, Auskunft. Es enthält Texte (Vorträge, Aufsätze) aus der Feder Zumthors, in denen nicht sachlich stichhaltig von Bauwerken die Rede ist, sondern von einem Architektur-„Feeling“, von einer Bedeutungsebene, die über oder zwischen den Ebenen des Faktischen angesiedelt ist. Diese Texte sind - wie immer bei Zumthor - sehr persönlich formuliert, man liest sie mit Genuß. Aber auch für sie gilt, was man Zumthors Architektur nachsagen muß: nicht jedermanns Sache.

Das dritte Buch ist in der sehr spezifischen und spannenden kleinen Buchreihe des Kunsthauses Bregenz erschienen und macht ebendieses zum Gegenstand einer sehr ausführlichen Dokumentation und Erläuterung. Edelbert Köb nimmt in diese Buchreihe nur solche Bauten auf, in denen der Zwischenbereich „zwischen Kunst und Architektur“ auf besondere Weise manifest wird. Und was diesen Anspruch betrifft, ist das Kunsthaus Bregenz ja gleich mehrfach codiert.

Bei einem anderen neuen Band der Reihe „Werkdokumente“ scheinen die Verhältnisse auf den ersten Blick klarer: Denn die Architektur der „Nachtwallfahrtskapelle Locherboden“ stammt von Gerold Wiederin, der künstlerische Beitrag dazu - farbige Glasbrocken in der Wand hinter dem Altar - von Helmut Federle. Erst der zweite Blick zeigt, daß auch hier zwischen Architektur und Kunst keine eindeutige Grenzziehung möglich ist, weil die strenge Rationalität dieser Pavillonarchitektur mit den Glasbrocken, die das Licht filtern und färben, eben doch kippt, transzendiert. Für das Bauwerk gilt dasselbe wie für die Publikation: sehr schön, besonders.

Eine wichtige Neuerscheinung für Architekten: der „Glasbau Atlas“ des Birkhäuser Verlages, der so ziemlich alles abdeckt, was es rund um dieses wichtigste Material der zeitgenössischen Architektur zu wissen gibt. Die Autoren arbeiten seine Geschichte und seine Anwendungsmöglichkeiten auf, sie behandeln aber vor allem die heutigen Glasbautechnologien in breiter Ausführlichkeit. Welche Glasart welche Eigenschaften hat, welches Glas für welche Aufgabenstellung geeignet ist - hier erfährt man es. Der Band führt in einer Vielzahl von Zeichnungen auch zahlreiche Konstruktionstechniken vor, die heute zur Verfügung stehen. Außerdem dokumentiert und analysiert er eine ganze Reihe realisierter Bauten, in denen Glas beispielhaft eingesetzt wurde. Noch ein zweites thematisch angelegtes Buch ist - allerdings nicht nur Architekten, sondern vor allem auch potentiellen Bauherren - nachdrücklich zu empfehlen. Es wurde vom britischen Architekten David Lloyd Jones verfaßt und stellt zeitgenössische bioklimatische Bauten vor. „Architektur und Umwelt“ behandelt also ein sehr zeitgeistiges Thema des heutigen Bauens, das zwar ohne Zweifel bedeutsam, dabei aber sehr ambivalent besetzt ist, weil das Verhältnis zwischen (technischem, finanziellem) Aufwand und („ökologischem“) Effekt nicht immer stimmt. Jones rückt da etwas zurecht, weil den Bauten, die er beispielhaft vorstellt, komplexe Konzepte zugrunde liegen, die auf einer Vielzahl von Einzelmaßnahmen basieren, und diese erst im Zusammenwirken dieser unterschiedlichen Komponenten ihre Wirksamkeit entfalten.

Sehr interessant ist auch, wie Jones im historischen Teil mit den Vorwürfen aufräumt, die gegen die Bauten der klassischen Moderne so gern erhoben werden: daß diese sich nicht um Umweltfragen bekümmert und jeglichen Naturbezug zugunsten eines einmal festgeschriebenen Formenvokabulars aufgegeben habe. Nach Jones hat das zwar für die Achse Gropius - Mies van der Rohe - Breuer einige Geltung, nicht aber für die Bauten eines Corbusier, Wright oder Aalto.

Unter den zahlreichen monographischen Publikationen der letzten Zeit haben vor allem zwei besondere Aufmerksamkeit verdient, weil sie österreichischen Architekten dieses Jahrhunderts gewidmet sind. Maria Welzig legt im Böhlau Verlag eine längst überfällige, fundierte und umfassende Arbeit über das Werk von Josef Frank vor. Und bei Folio ist ein Band über den viel zuwenig bekannten Tiroler Architekten Franz Baumann erschienen, dessen Bauten für die Nordkettenbahn zwar viele kennen, aber ohne etwas über ihren Schöpfer und sein sonstiges, sehr eigenständiges Werk zu wissen. Beiden Büchern sind zahlreiche Leser zu wünschen.

Wer sich für das schier unerschöpfliche Thema der internationalen klassischen Moderne interessiert, der sollte zum Band „Marcel Breuer - Die Wohnhäuser 1923 bis 1973“ von Joachim Driller greifen. Darin finden sich Entwürfe aus Breuers Zeit in Deutschland, aber auch Arbeiten, die in Partnerschaft mit Alfred und Emil Roth in Zürich, mit F. R. S. Yorke in England und mit Walter Gropius in den USA entstanden.

Driller hatte Zugang zum Nachlaß Breuers und kann daher auch Material vorlegen, das bisher noch nie veröffentlicht wurde. Seine Arbeit ist durchaus dazu geeignet, das Bild, das es von Breuers Bedeutung innerhalb der modernen Bewegung gibt, zu bereichern, wenn nicht zu vervollständigen. Breuer hatte ja leider nie Gelegenheit, Wohnbau im „großen Stil“ zu betreiben. Er projektierte und realisierte vor allem Einfamilienhäuser und Villen sowie kleine Apartmenthäuser, obwohl sich auch interessante Studien zum Thema Kleinsthaus in Vorfabrikation - etwa das „Kleinmetallhaus“ aus den zwanziger Jahren - aufspüren lassen.

Die Projekte sind durchwegs sehr sorgfältig dokumentiert, ihre Entwurfsgeschichte ist geradezu minuziös aufgearbeitet. Neben einem sehr verdienstvollen kommentierten Werkverzeichnis ist vor allem ein wohltuend sachlicher Exkurs zur strittigen Frage der Zuordnung von Projekten aus der Zeit der Partnerschaft mit Gropius hervorzuheben.

Peter Zumthor - Häuser 1979 - 1997 320 S., zahlreiche Abbildungen, zum Teil in Farbe, geb., S 934, Euro 67,7 (Verlag Lars Müller, Ennetbaden)

Peter Zumthor Architektur denken 64 S., Schwarzweißabbildungen, Hardcover, S 248, Euro 18 (Verlag Lars Müller, Ennetbaden)

Peter Zumthor: Kunsthaus Bregenz Texte von Friedrich Achleitner und Peter Zumthor, 108 S., 63 Abb., davon 15 in Farbe, brosch., S 184, Euro 13,3 (Verlag Gerd Hatje, Ostfildern) Gerold Wiederin, Helmut Federle: Nachtwallfahrtskapelle Locherboden 80 S., 41 Abb., davon 32 in Farbe, brosch., S 145, Euro 10,5 (Verlag Gerd Hatje, Ostfildern)

Schittich, Staib, Balkow, Schuler, Sobek Glasbau Atlas 328 S., 120 Farb-, 980 Schwarzweißabbildungen, geb., S 1446, Euro 104,8 (Birkhäuser Verlag, Basel)

David Lloyd Jones Architektur und Umwelt 256 S., 320 großteils farbige Abbildungen, Hardcover, S 1168, Euro 84,6 (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart) Maria Welzig Josef Frank (1885 - 1967) Das architektonische Werk, 280 S., zahlreiche Abb. in Farbe und Schwarzweiß, geb., S 980, Euro 71 (Böhlau Verlag, Wien)

Horst Hambrusch, Joachim Moroder, Bettina Schlorhaufer Franz Baumann - Architekt der Moderne in Tirol 240 S., Abb., brosch., S 530, Euro 38,4 (Folio Verlag, Wien)

Joachim Driller Marcel Breuer Die Wohnhäuser 1923 - 1973, 240 S., 333 Schwarzweißabbildungen, S 1168, Euro 84,6

Publikationen

2008

Hermann & Valentiny and Partners
Codes

Seit 25 Jahren führen Hubert Hermann und François Valentiny ihre Büros in Wien und Luxemburg. Was sie verbindet, ist eine gemeinsame Haltung, die sie über die Jahre im verbalen und entwerferischen Gedankenaustausch präzisieren. Was sie trennt ist der Standort: Hier die Großstadt Wien, dort das kleine,
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: Birkhäuser Verlag

2005

T-Center St. Marx, Wien / Vienna

Das spektakuläre T-Center Wien wurde von den Architekten Günther Domenig, Hermann Eisenköck und Herfried Peyker entworfen und gebaut. Das kürzlich fertiggestellte Projekt beherbergt auf einer Nutzfläche von 119000 m² Büros für 3000 Angestellte. Der Bau ist eine ungewöhnlich proportionierte, liegende
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm, Günther Domenig, Hermann Eisenköck, Herfried Peyker
Verlag: Birkhäuser Verlag

2005

Wilhelm Holzbauer
Holzbauer und Partner / Holzbauer und Irresberger

Wilhelm Holzbauer zählt zu den bedeutendsten österreichischen Architekten und Architekturlehrern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine architektonische Haltung leitet sich von der Moderne ab, ist aber auch in einen großen geschichtlichen Entwicklungszusammenhang eingebettet. Er versteht es mit
Hrsg: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: SpringerWienNewYork

2004

Nehrer + Medek
30 Jahre Architektur im Kontext

Ein Buch, das fällig ist. Denn es stellt die Arbeit eines Büros vor, das unbeirrt von allen kurzlebigen Trends langlebige architektonische Lösungen präsentiert. Nehrer + Medek gelten als „die Schulbauer“ schlechthin; auf diesem Gebiet haben sie – vor allem auf der Basis von Wettbewerben – Hervorragendes
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: Verlag Anton Pustet

2003

Baumschlager & Eberle
Bauten und Projekte / Buildings and Projects 1996 - 2002

Der aktuelle Werkbericht aus dem erfolgreichen Vorarlberger Architekturbüro. Seit den Anfängen in den achtziger Jahren ist der Name B&E zum Markenzeichen für äußerst intelligente, ökonomische und ökologische Lösungen geworden, die immer auch durch ihre dauerhafte formale Qualität bestechen. Den Dimensionssprung
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: SpringerWienNewYork