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1. April 1995 Spectrum

Understatement, die Perfektion des Wenigen

Die EA-Generali-Foundation hat mitten in Wien ein Haus für Kunst und Künstler gebaut. Christian Jabornegg und András Pálffy haben auratische Räume erdacht, in denen sich nichts finden läßt, was stört.

In seiner Eröffnungsrede anläßlich der „Inauguration“ des neuen Hauses der EA-Generali-Foundation zitierte der Brüsseler Architektur- und Kunstkritiker Moritz Küng einen umwerfenden Werbeslogan der Gebrüder Saatchi für das Victoria & Albert Museum in London: „An ace caff with quite a nice museum attached“ (Ein irres Café mit einem netten Museum dabei). Besser kann man die heutige Museumslandschaft gar nicht charakterisieren. Sie ist zum Unterhaltungs- und Freizeitgelände verkommen.

Eines muß man also gleich sagen: Da weht einem in der Wiedner Hauptstraße in Wien, auf den Gründen der ehemaligen Hutfabrik Habig, schon ein ganz anderer Hauch entgegen. Küng hat die architektonische Intervention von Christian Jabornegg und András Pálffy (mit Georg Schönfeld) „bescheiden“ genannt. So würde ich sie nicht titulieren. Denn sie tritt mit einer Konzessionslosigkeit und Härte in Erscheinung, die großen konzeptuellen und formalen Anspruch vermuten lassen.

Von der Straße aus ist das Gebäude unsichtbar. Nur das alte Geschäft der ehemaligen Hutfabrik gibt es noch, es ist aber nicht hergerichtet. Später soll ein Kaffeehaus daraus werden, das möglicherweise mit Möbeln von Franz West und Künstlerfreunden eingerichtet wird. Beim gründerzeitlichen Hauseingang zeigt also nur ein Schild an, daß es hier zu den neuen Räumen der EA-Generali-Foundation, sprich: zu zeitgenössischer Kunst, vornehmlich österreichischer Skulptur der Gegenwart, geht.

Soviel darf man zuversichtlich prophezeien: In diesen Räumen werden die Künstler und die Kunstwerke unserer Gegenwart schon bald auf ganz unproblematische Weise heimisch sein. Denn sie haben es in dieser Architektur zwar mit einem durchaus auratischen Raum zu tun, aber nicht mit einem eitlen. Die Architekten haben alle ihre Maßnahmen klar deklariert. Da weist einen schon im Zugangsbereich ein Materialwechsel von Putz und Stuck zu Nirosta und Beton darauf hin, daß es „neu“ weitergeht. Und weitergehen möchte man: Ein lichtdurchfluteter, durch eine 30 Meter lange, schräge Sichtbetonwand schmal zulaufender Ausstellungsraum lockt, in dem außer den scharfen Kanten der rohen Betonwand „fugenlose“ Flächigkeit herrscht. Man könnte auch Glätte sagen, wäre dieses Wort nicht negativ besetzt. Für den spiegelblanken Industriebelag auf dem Fußboden würde es sogar besonders gut passen.

Jetzt, solang es noch keine Kunst an den Wänden oder im Raum gibt, wird das Auge unweigerlich zur Lichtdecke dirigiert. Dabei ist die Decke über diesem Ausstellungshaus in einem beengten Gründerzeithof nicht einmal irgendwie besonders. Es handelt sich um eine ganz normale Industriedecke, die außen mit einem Lamellensystem ausgestattet ist, so daß kein direktes Südlicht einfallen kann, wodurch eine problematische Klimalast auf ganz simple Weise ausgeblendet wurde. Und Tageslicht fällt trotzdem ein.
Man muß von einem der Obergeschosse des fünfstöckigen Hauses in den Hof hinunterschauen, damit man die Dimension und die Lage des neuen Ausstellungsbaus wirklich erfaßt. Er ist regelrecht eingezwängt zwischen dem Gründerzeitbau und einer alten Ziegelmauer, die einen wundervoll bepflanzten Biedermeiergarten begrenzt, der übrigens drei Meter höher liegt.

Dieser Garten ist für die Architekten der Wermutstropfen: Ihren Planungen kann man entnehmen, daß ursprünglich an einen direkten Ausgang vom Ausstellungsraum in diese Idylle gedacht war. Aber letztlich war der Eigentümer doch nicht einverstanden. Baulich ist trotzdem alles so vorbereitet, daß sich unter geänderten Vorzeichen dieser Ausgang auch nachträglich problemlos installieren läßt.

Wenn man innen im Ausstellungsraum steht, sieht man von den Deckeninstallationen nichts. Nicht das Kunstlicht, das es hier selbstverständlich gibt, auch sonst keine technischen Einbauten. Was man sieht, ist eine in großen Feldern (5 mal 2 Meter) gespannte, weiße Kunststoffmembran. Das ist schon ein phantastisches Material: Es stammt von einer Firma, die zum Beispiel mit Frei Otto beim Olympia-Stadion in München zusammengearbeitet hat oder mit Renzo Piano beim Fußballstadion in Bari. Die Bahnen dieses Materials werden stoßgeschweißt, sodaß die Nähte so fein sind wie bei einem Strumpf. Was damit erreicht wurde, ist – abgesehen davon, daß es den hierzulande ja besonders rigorosen Brandschutzbestimmungen entspricht – ein unheimlich gleichmäßiges, angenehmes, blendfreies Licht, das diesem Raum eine ganz eigentümliche Leuchtkraft verleiht.

Die Frage, welche Art von Räumen zeigenössische Kunst braucht, steht ja in Wien seit langem unbeantwortet zur Diskussion. Daß sie in barocken Palais nur allzu leicht zum Sperrmüll degeneriert, sollte sich herumgesprochen haben. Nun darf man darüber nachdenken, wie sich dieses neue, ungemein spannende Ausstellungshaus im Verhältnis zu Krischanitz' Container-Architektur auf dem Karlsplatz bewährt.

Aber natürlich ist die Nutzung in der EA-Generali-Foundation auch anders. Denn hier sollen in Zukunft zwei- oder dreimal im Jahr temporäre Ausstellungen zu sehen sein, die übrige Zeit geht es vor allem um die Präsentation der eigenen Sammlung. Letztere ist seit 1988, dem Gründungsjahr der Foundation, tatsächlich zu einer sehr feinen Skulpturenkollektion angewachsen.

Und man geht auch entsprechend damit um: Das zeigt ein Blick auf die Einrichtungen, die es neben dem Ausstellungsbau noch gibt. Direkt unter der Ausstellungshalle liegt eine Tiefgarage, und noch ein Geschoß tiefer liegt ein Tiefspeicher mit anschließender Werkstätte, wo die Sammlungsstücke fachgerecht gelagert werden können.

Der Studiensaal und die Verwaltungsräume sind im Obergeschoß des Gründerzeitbaus untergebracht, etwa auf der Höhe der Decke über dem Ausstellungssaal. Hier kommt man über eine neue, unbedingt sehenswerte Treppe hinauf. Und hier zeigt sich auch, mit welchem Geschick die Architekten mit dem gründerzeitlichen Grundriß zurechtgekommen sind. Da fahren zwei nackte schwarze Wände mit einem gewissen Tempo durch die historische Bausubstanz und bilden einen schmalen, sehr langen, von oben künstlich belichteten Korridor, der eine angenehm praktikable Mittelerschließung darstellt. Hier, im Studiensaal und in den Verwaltungsräumen, haben die Architekten auch Teile der Einrichtung entworfen. Aber designerische Geschwätzigkeit ist ihre Sache nicht, es geht vom Konzept her äußerst fein durchdacht zu, der formale Wortschatz bleibt wohltuend knapp.

Was am neuen Haus der EA-Generali-Foundation so beeindruckt, ist die sehr weit getriebene Beschränkung der Mittel, die sich die Architekten auferlegt haben. Es ist eine ganz andere Art von Minimalismus als die heute übliche. Hier geht es nicht um das gesuchte architektonische Bild, um den Aha-Effekt. Die räumliche Wirkung ist zwar ebenfalls superb, aber sie verdankt sich eigentlich einer gegenläufigen Strategie. Hier spielt sich der Minimalismus in Flächen ab, die nach Möglichkeit fugenfrei und ohne irgendeine Detaillierung sind; und es geht um die Beschränkung auf ganz wenige Materialien und ganz wenige Farben.

Jabornegg/Pálffy haben natürlich trotzdem einen riesigen Aufwand getrieben: Mit einer einfachen und kostengünstigen Lichtlösung einen Effekt zu erzielen, als befände man sich in einem High-Tech-Bau, das gelingt nicht von ungefähr; auch die Klimatechnik im Haus ist unheimlich raffiniert, weil es ja auch darauf ankam, selbst bei Veranstaltungen mit zwei- oder dreihundert Leuten ein gleichmäßiges Raumklima zu halten; das ist hier mit einem Bimetall-System gelungen, das auf die jeweilige Raumtemperatur reagiert und sich umstellt, sodaß seitlich von der Decke entweder gekühlte oder warme Luft in den Raum eingeblasen wird.

Vom Material her dominieren in den öffentlichen Bereichen eigentlich der „scharfkantige“ rohe Beton, dem man kaum ansieht, daß es Ortbeton ist; die weiße Kunststoffmembran, das Grau des Industriebodens; hinter der schrägen Wand sind in der Decke runde Oberlichten, die mit Industriedrahtglas fix verglast wurden. Im Eingangsbereich kommen Glas und mehrfach Nirosta vor (übrigens sind auch die WCs – von außen bis innen – an den Wänden mit Nirostapaneelen ausgestattet: sehenswert!). Wirklich, man kann diesen „unsichtbaren“ Ausstellungsraum in jede Richtung durchstreifen, es läßt sich nichts finden, was irgendwie stört. Es ist ein Bau für Kunst und Künstler, dessen Understatement in der Perfektion des wenigen liegt.

18. Februar 1995 Spectrum

Für Grubenhunt und Ofensau

Beinahe hätte es gar keine Architektur gegeben. Gegen massiven Widerstand hat Hüttenberg doch noch ein anspruchsvolles Haus für die Kärntner Landesausstellung '94 bekommen - erdacht von Günther Domenig.

Der Ort ist magisch wie Stonehenge. Und tatsächlich wird das sichtbare Bild der Hüttenberger Heft ja auch heute noch von toten Steinen dominiert. Von toten Steinen, die zu denkwürdigen Gebilden formiert sind, die wiederum denkwürdige Namen tragen: Gebläsehaus, Gichthaus, Kohlebarren, Erzbarren, Maschinenhaus, Hochofen.

Der Schauplatz liegt in Kärnten, in der sogenannten norischen Region, noch genauer: im Mosinzgraben, zwei Kilometer von Hüttenberg entfernt; rundherum Berge, durchlöchert von Stollen, wir sind also mitten in einem Bergbaugebiet. Der letzte Hochofen Kärntens ging zwar 1908 aus, aber die mächtigen Ruinen montanistischer Tradition holen hier die Vergangenheit doch sehr unmittelbar in die Gegenwart herauf. Im heurigen Sommer soll dieser Umstand auch Gegenstand einer Landesausstellung sein: „Grubenhunt & Ofensau“ wird vom Reichtum der Erde Kärntens berichten und wohl auch davon, wie er versiegte.

Soll man an dieser Stelle auf die bewegte, ja dramatische Vorgeschichte dieses Unternehmens überhaupt eingehen? Man vergißt darauf, wenn man den Schauplatz selbst aufsucht. Man vergißt sogar dann darauf, wenn man die Abstriche und Einsparungen kennt, die Günther Domenig in Kauf nehmen mußte.

Domenigs Architektur war nie besonders zimperlich. Das ist sie auch in diesem Fall nicht. Aber mit der Kraft eines solchen montanhistorischen Baudenkmals muß sich ein zeitgenössischer Architekt erst einmal messen. Und er muß diese Kraftprobe bestehen, ohne Schaden anzurichten, auch ohne selbst Schaden zu nehmen. Beides ist hier wunderbar gelungen. Wenn man sich der Anlage von Hüttenberg aus nähert, dann sieht man zuallererst jenen Bauteil, wo Domenig am massivsten eingegriffen hat: Man sieht ein vorkragendes, verblechtes Volumen, das irgendwie über der Straße schwebt, und noch weiter darüber eine ebenfalls kühn auskragende, schlauchartige Eisenkonstruktion. Rätselhaft.

Diese architektonische Maßnahme klärt sich erst auf, wenn man den neuen Bauteil umrundet hat. Dann steht man vor dem eigentlichen Haupteingang zur kommenden Ausstellung, dann überblickt man die nach oben, den Hang hinauf leicht abgetreppte, historische Anlage, und man ist ein erstes Mal mit Domenigs neuer, in gewisser Weise messerscharfer Intervention konfrontiert. Natürlich ist der Schlauch ein Stollen, und dieser Stollen schwebt. Er fährt wie ein Hochgeschwindigkeitszug über die ganze Anlage hinweg, funktioniert gleichzeitig auch als eine Art Klammer, die die Einzelteile des Areals zusammenhält, und er gibt eine Richtung an.

Was macht's - oder tut es dem Ganzen womöglich sogar gut? -, daß die Verglasung aus Kostengründen reduziert werden mußte, überhaupt, daß der Stollen sozusagen im Unfertigen endet, als würde er noch irgendwann weitergebaut (oder richtiger: geschlagen). Worauf es hier ankommt, das sind die Perspektiven, die einem diese Passage eröffnet: Sie rückt den Bestand näher, sie läßt ungewohnte Aus- und Einblicke zu, die Landschaft ebenso wie die von Domenig so genannten „toten Steine“ ziehen wie ein Film vorbei, jede Sequenz spannender als die vorherige.

Der Hauptzugang zur künftigen Landesausstellung erfolgt über das Gebläsehaus. Nachdem die Weichteile der Bauten alle längst verschwunden sind, steht auch dieses Haus ohne Tür, ohne Fenster, ohne Dach da. Daran hat Domenig im Grunde nicht gerührt. Maueröffnungen sind mit ganz einfachen, lapidaren Verglasungen geschlossen. Eine Betonscheibe, die das Haus vor dem Auseinanderbröckeln rettet, ist sichtbar eingezogen. Das fehlende Satteldach wurde nicht ersetzt, hinter dem Giebel ist es scheinbar leer. Erst wenn man drinnen ist, realisiert man das Flachdach, das Domenig eingezogen hat. Durch schmale, verglaste seitliche Oberlichtbänder fällt hier auch von oben etwas Licht ein, ansonsten ist das Dach aus Blech.

Mag sein, diese Einsparung schmerzt den Architekten: Er hatte ursprünglich ein Glasdach projektiert, das sicher eine schönere Lichtsituation zur Folge gehabt hätte. Auch dieser Abstrich ist jedoch verschmerzbar: Die schöne Rampe vor Augen, die hinauf zum späteren Mehrzwecksaal führt, möchte man ohnehin nur weitergehen.

Der Mehrzwecksaal selbst befindet sich in jenem organisch geformten, verblechten Baukörper, der einem schon von weitem Besonderheit signalisiert. Domenig, der ja auch der Ausstellungsarchitekt der kommenden Landesschau ist, wird hier seinen „Crocodile Dundee“ präsentieren. In diesem Raum wird Kärnten, das bekanntlich die Form eines aufgerissenen Krokodilrachens hat, durch seine Gebirgsformationen dargestellt. In verschweißten Eisenplatten nachgebaut und ein wenig überzeichnet werden Kärntens Berge über den Köpfen der Besucher schweben. Darunter das, was einmal in der Erde war - allerdings in seiner edelsten und kostbarsten Form; und darüber an einer Schmalseite eine Galerie, von der der Besucher quasi einen Blick auf das ganze Bundesland riskieren kann.

Die „organische“ Form des Saales hat viel mit der Galerie zu tun. In diesem Bereich hat Domenig eine größere Raumhöhe gebraucht. Die leicht gekrümmte Dachhaut und eine Verjüngung des Baukörpers nach vorne, zur Straße hin, sind die Folge.

In den Saal geht es übrigens nicht nur über die Rampe hinauf. Über einen zweiten Eingang und durch ein neues, sehr sachliches Stiegenhaus gibt es auch einen kürzeren Zugang, der später, in der Nachnutzung, vielleicht noch wichtig sein wird. Hier im Stiegenhaus ist außerdem der Zugang zum Lift, der einmal fix installiert sein sollte und jetzt bloß temporär an das Gebäude darangestellt ist. Es ist ein simpler Baulift, zugelassen für sechs Monate, der während der Landesausstellung Behinderten dient. Domenig spricht immer von „toten Steinen“, wenn von den alten Gebäuden der Heft die Rede ist. Er spricht auch davon, daß es keine Architekturen sind, sondern rein funktional begründete Bauwerke. Und dann wieder fallen Sätze über die archaische Kraft des Bestands, über seine skulpturale Stärke. Der kann man sich wirklich nicht entziehen, etwa wenn man die Hochöfen passiert oder das Maschinenhaus. Zwei der Hochöfen sind noch erhalten, einen dritten gibt es als Rudiment. „Kathedralen“ nennt sie Domenig und liegt damit sicher nicht falsch. Er ließ sie unberührt und griff in die Substanz des Maschinenhauses - jetzt, in der Sparvariante - ebenfalls nicht ein. Das heißt: die zwei Ebenen, die hier eingezogen werden sollten, damit auch aus diesem dachlosen Gemäuer ein winterfester Bereich wird, die gibt es nun ebensowenig wie die vorgesehene Treppe; was es gibt, sind lediglich oben zwei kleine Balkone, die man von den verschiedenen Erschließungsebenen erreicht und die wiederum einen spektakulären Ausblick erlauben.

Das trifft generell auf Domenigs Umgang mit dem Bestand zu: Seine Maßnahmen sind durchwegs selbstbewußt formuliert; aber der Zweck, der seine Mittel heiligt, liegt in den alten Bauteilen und darin, wie man sie ihrer Bedeutung gemäß zur Geltung bringt. Hier ergänzen einander alt und neu nicht, sie widersprechen einander aber auch nicht. Dafür ist jede einzelne Nahtstelle zwischen alt und neu demonstrativ vorgezeigt; die Ebene der Distanz, die alt und neu unmerklich trennt - tatsächlich kommt es zwischen beiden nur selten zu Berührungen -, schafft Respekt. Und was nur sehr selten gelingt: Die neuen Bauteile steigern die atmosphärische Wirkung des Alten.

Domenig hat sich natürlich selbst rigorose Beschränkungen auferlegen müssen - womit wir nun doch noch bei der dramatischen Vorgeschichte sind, in der ein vorübergehender Standortwechsel ein völlig neues Projekt erzwungen hat; in der ein massentouristisches Megaprojekt des Herrn Rogner für Aufregung sorgte; in der sich aufgebrachte Hüttenberger durch das Domenig-Projekt um 300.000 Besucher im Jahr und 150 Arbeitsplätze gebracht sahen („Wir wollen Arbeitsplätze und keine Kunst, Domenig-Projekt umasunst“ - Aufschrift auf einem Transparent); in der am Ende fast schon der Verzicht auf jegliche Form von „Architektur“ stand; und in der sich der Architekt auf den halsbrecherischen Drahtseilakt einlassen mußte, durch eine Sparvariante des Ausgangsprojekts seine Konkurrenzfähigkeit mit der architekturlosen Adaptierungsversion zu beweisen, um damit schließlich den fatalen Lauf der Dinge doch noch zu stoppen.

Das Resultat hat darunter trotzdem nicht gelitten. Die jetzige pure, industrielle, arme Version, in der roher Beton und gestrichenes Eisen, außerdem Blech, Glas und Materialien wie Terrazzoplatten oder überhaupt nur Kies eine Rolle spielen, kommt dem Charakter dieser Industrieruine sogar entgegen.

Auch die zurückhaltende Farbigkeit der neuen Bauteile tut gut: Es gibt das Grauschwarz der gestrichenen Konstruktionsteile, die Sepiatöne des winterfest gemachten Gebläsehauses, die Farben des Betons, die Schattierungen von Kies. Was es nicht mehr gibt, ist die zweite Rampe des ursprünglichen Projekts, die durchgehende Verglasung des schwebenden Stollens und, wie gesagt, das winterfest gemachte Maschinenhaus. Diese ganze Komposition und Verschränkung der neuen Maßnahmen mit den alten - das ist auf sehr stille Weise spektakulär.

Der Mehrzwecksaal etwa schwebt genau in der Achse des Gichthauses. Und die Stelle, wo man ins Freie hinaustritt, ist als Kreuz formuliert. Über Stiegen kommt man hinauf auf die Ebene des Kohlebarrens, der Teil des Ausstellungsbereichs ist. Über allem: Der lange, horizontale, schwebende Stollen, die eigentliche Attraktion.

Domenig sagt, diese Ruinen erzählen eine Geschichte, die sich mit heutiger Architektur nicht mitteilen läßt. Darüber müßte man nachdenken: Welche Arten von Geschichte zeitgenössisches Bauen erzählt. Domenig, der gebürtige Kärntner, sagt außerdem, daß er die Kärntner Landschaft liebt und daß er die Kärntner haßt, weil sie Verhinderer jeglicher kreativer Potenz seien. Darüber müßte man auch nachdenken.

28. Januar 1995 Spectrum

Glaspalast im Niemandsland

Nach nur 20 Monaten Bauzeit steht die Eishalle in Wien-Donaustadt: ein Nutzbau, klar und nüchtern, der den Besucher visuell nicht drangsaliert.

Am Anfang war ein Wettbewerb. Aber die internationalen Architekturstars, die zum offenen Verfahren des Jahres 1990 zugeladen waren, die haben letztlich nicht abgegeben. Eine Eishalle bloß mittlerer Größe war anscheinend nicht interessant genug. Was macht's! Jetzt, wo die Eishalle fertig ist, darf man getrost konstatieren: Dieses Wettbewerbsdefizit war verschmerzbar. Denn das gebaute Ergebnis ist auch ganz ohne Prominenz und Internationalität spektakulär.

Die neue Anlage in Wien-Donaustadt besteht genaugenommen aus zwei gleich großen Eisflächen, eine davon in einer großen Halle mit 4350 Sitz- und Stehplätzen, die andere in einer kleinen, als Tonne formulierten Halle. Beide sind zweifach miteinander so verbunden, daß man auf kurzem (auch überdachtem) Weg hinüberwechseln kann. Die Gegend ist nicht gerade superb. Verkehrsmäßig war die Standortwahl zwar richtig - die Endstelle der U1 ist ganz in der Nähe - , aber das Umfeld mit seiner völlig disparaten, heterogenen Verbauung kann man eigentlich nur als dringliches Hoffnungsgebiet für die Stadtentwicklung bezeichnen. Was Architekt Sepp Müller gemeinsam mit Alfred Berger und Werner Krismer ursprünglich für einen anderen Standort geplant hatte, ließ sich jedenfalls problemlos in diese undefinierte Gegend transferieren. Oder noch besser: Jetzt gibt es dort wenigstens einen ersten Akzent, der immerhin so viel architektonische Gewichtigkeit demonstriert, daß eigentlich nicht mehr allzuviel schiefgehen kann.

Sepp Müller, das weiß man spätestens seit seinem Stiegenhauszubau zum österreichischen Museum für angewandte Kunst, ist für eine deklariert industrielle Lösung immer gut. Er setzt nicht auf formale Eigenwilligkeit oder eine irgendwie handschriftliche Geste, er bringt die gedankliche Disziplin auf, ein komplexes Programm mit dem geringsten architektonischen Aufwand optimal umzusetzen.

Das hat zur Folge, daß man sich nicht an irgendeinem besonderen Detail delektieren kann, daß man aber insgesamt von einer Atmosphäre eingehüllt wird, die erfrischend und angenehm selbstverständlich ist. Die Halle wurde im wesentlichen aus Stahlbeton, Stahl und Glas gebaut. Und im Grunde sind alle Funktionen, die es zu erfüllen galt, ganz pur und industriell dargestellt.

Der räumliche und architektonische Eindruck, der auf diese Weise erzeugt wird, ist dennoch: dicht. Von außen macht vor allem die weithin sichtbare Primärkonstruktion einen imposanten Eindruck. Denn ein gewaltiger Stahlfachwerkrahmen - äußere Abmessung: 83 Meter -, dessen Fundierung außerhalb der Halle liegt, überragt den ganzen Bau. An diesem Rahmen hängt nicht nur das ganze Dach, sondern teilweise auch die Sekundärstruktur und der oberste Teil der Gebäudehülle. Der größere untere Teil der Fassade „steht“ auf einem Sockel aus Stahlbeton. Diese konstruktive Lösung ist begründet: Verformungen im Dachbereich - durch Sturm oder Schneelasten - können sich so nicht bis in die Fassade auswirken.

Die gläserne Hülle der Halle spielt jedenfalls alle Stück'ln. Und sie zeigt, was den Architekten ein Hauptthema war: das Licht und die Ausblicks- und Durchblicksmöglichkeiten. Das mag bei einer großen Publikumsveranstaltung nicht besonders wichtig sein. Aber die Sportler, die hier trainieren, werden Luftigkeit und Transparenz des Baus zu schätzen wissen. Licht in einer Eishalle ist gar nicht so selbstverständlich. Denn Sonneneinstrahlung auf der Eisfläche wäre natürlich kontraproduktiv. Dieses Problem kann man heute durch eine entsprechende Verglasung ohne weiteres lösen. Bei der Eishalle ist daher nur ein Teil der Scheiben durchsichtig, der andere Teil, vor allem im oberen Bereich, ist mit Litex beschichtet, sodaß wohl Licht hereinfällt, aber die Sonnenstrahlen abgeschirmt werden.

Die Architekten hatten ein recht vielfältiges Programm zu bewältigen. Davon merkt man als Besucher nicht viel, weil zum Beispiel durch die rigorose Abschottung der Betriebsanlagen von der aufwendigen Kühltechnik nichts als die Schneegrube mit den zwei Eishobel-Fahrzeugen sichtbar ist. Aber wenn man sich genauer umschaut, dann merkt man doch, daß da viele verschiedene Funktionen - von den öffentlichen bis hin zu Trainingseinrichtungen aller Art - unter einem Dach vereint sind.

Man kommt hinein und passiert schon einmal die Cafeteria und eine kleine Sportboutique. Es sind ein paar Verwaltungsräume da und die verglaste Kabine der Hallenaufsicht. Hier muß man sich dann auch entscheiden, ob man zur Eisfläche beziehungsweise den Tribünen will oder hinunter zu den Kegelbahnen, die es ebenfalls gibt. Geht man zur Eisfläche, dann ist der Rundumblick schon sehr „besonders“, gerade weil alles so nackt und industriell ist. Ringsum ragen die Tribünen steil auf - die letzte Reihe befindet sich immerhin auf einer Höhe von rund 13 Metern - , darunter verborgen sind Garderoben und andere notwendige Einrichtungen, darüber ist die Dachhaut frei gespannt. Einen willkommenen Akzent in dieser schönen Regelmäßigkeit setzt nur die sogenannte Medienbrücke, wo auch die VIP-Logen sind. Ansonsten: Es herrscht eine Atmosphäre kühler, technischer Präzision, die sich aber nicht vordrängt.

Die Installationen sind sichtbar geführt, doch wird damit kein inszenatorischer Aufwand getrieben. Den Architekten scheint es im Gegenteil eher darum gegangen zu sein, jede gröbere „Unruhe“ im Raumbild zu vermeiden. So haben sie zum Beispiel die gesamte Klimatechnik nach außen verlagert, sodaß nur die Frischluftdüsen sichtbar sind, mit denen die Luft 35 Meter weit in den Raum eingeblasen wird.

Auch die Akustikmaßnahmen nimmt man nur als dunklere Streifen an der Decke wahr. Dabei war gerade die Bewältigung des Akustikproblems ein unkalkulierbares, letztlich unberechenbares Risiko. Daß es so gut ausgehen würde, konnte vorweg nicht bewiesen werden.

Was aber vielleicht am wichtigsten ist: Schon beim Eintreten ist man irgendwie aufgefordert zum Flanieren, ein rundumführender Wandelgang lädt dazu ein. Das Gefühl einengender Beschränkung kommt also gar nicht erst auf.

Ganz anders die kleine Halle, die an zwei Stellen an die große angedockt ist und erst nach dem Wettbewerb hinzukam. Sie hat zwar eine exakt gleich große Eisfläche, trotzdem ist sie bei weitem nicht so spektakulär: Man könnte sie als langgestreckten Schlauch beschreiben, der an den Schmalseiten schräg abgeschnitten ist. Im Gegensatz zur großen Halle mit ihrer demonstrativen Offenheit herrschen hier Introvertiertheit und auch Intimität.

Die beiden Bauwerke konkurrenzieren einander letztlich überhaupt nicht, sie sind vom industriellen Grundton her aufeinander eingestimmt und ansonsten so unterschiedlich ausformuliert, daß dadurch sogar eine gewisse Spannung entsteht. Die Kleinheit der einen Halle steigert die Wirkung der großen. Dabei hatte ursprünglich, nach dem Wettbewerb, ein Kritiker geschrieben, daß das Projekt zwar sehr schön, aber die Konstruktion nicht realisierbar wäre. Dieses Urteil straft der Bau umso mehr Lügen, als die Konstruktion nicht nur machbar, sondern verglichen mit dem Wettbewerb auch noch minimierbar war. Alles ist ein wenig feiner, ein wenig dünner und noch viel eleganter geworden als seinerzeit geplant. Die ästhetische Kraft des Baus rührt von der Schlüssigkeit des Konzepts her und von einer sehr weit vorangetriebenen Klarheit bei der konstruktiven und architektonischen Umsetzung. Die Architekten haben sich nicht in Nebensächlichkeiten verloren. Es ist ein Haus geworden - praktisch ohne Details. Dadurch kommt auch diese Luftigkeit und Weite zustande, wo einen visuell nichts drangsaliert. Das kommt einer Wohltat gleich.

Es lassen sich zwar immer wieder faszinierende Bilder ausmachen: Etwa die schöne Regelmäßigkeit der „sieben magischen Treppen“ (Architekt Berger) an der Nordfassade; oder die Differenzierung in der Fassade durch das unterschiedliche Glas; auch daß der „industrielle“ Grundton bis hin zur Möblierung konsequent durchgezogen ist, tut gut - selbst wenn hier die Sitze nicht weich gepolstert sind, sondern aus Metall.

Die neue Donaustädter Eishalle ist ein Glaspalast geworden mit einem Sockel aus Stahlbeton. Errichtet in einer Bauzeit von nur 20 Monaten. Bemerkenswert.

Publikationen

2008

Hermann & Valentiny and Partners
Codes

Seit 25 Jahren führen Hubert Hermann und François Valentiny ihre Büros in Wien und Luxemburg. Was sie verbindet, ist eine gemeinsame Haltung, die sie über die Jahre im verbalen und entwerferischen Gedankenaustausch präzisieren. Was sie trennt ist der Standort: Hier die Großstadt Wien, dort das kleine,
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: Birkhäuser Verlag

2005

T-Center St. Marx, Wien / Vienna

Das spektakuläre T-Center Wien wurde von den Architekten Günther Domenig, Hermann Eisenköck und Herfried Peyker entworfen und gebaut. Das kürzlich fertiggestellte Projekt beherbergt auf einer Nutzfläche von 119000 m² Büros für 3000 Angestellte. Der Bau ist eine ungewöhnlich proportionierte, liegende
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm, Günther Domenig, Hermann Eisenköck, Herfried Peyker
Verlag: Birkhäuser Verlag

2005

Wilhelm Holzbauer
Holzbauer und Partner / Holzbauer und Irresberger

Wilhelm Holzbauer zählt zu den bedeutendsten österreichischen Architekten und Architekturlehrern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine architektonische Haltung leitet sich von der Moderne ab, ist aber auch in einen großen geschichtlichen Entwicklungszusammenhang eingebettet. Er versteht es mit
Hrsg: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: SpringerWienNewYork

2004

Nehrer + Medek
30 Jahre Architektur im Kontext

Ein Buch, das fällig ist. Denn es stellt die Arbeit eines Büros vor, das unbeirrt von allen kurzlebigen Trends langlebige architektonische Lösungen präsentiert. Nehrer + Medek gelten als „die Schulbauer“ schlechthin; auf diesem Gebiet haben sie – vor allem auf der Basis von Wettbewerben – Hervorragendes
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: Verlag Anton Pustet

2003

Baumschlager & Eberle
Bauten und Projekte / Buildings and Projects 1996 - 2002

Der aktuelle Werkbericht aus dem erfolgreichen Vorarlberger Architekturbüro. Seit den Anfängen in den achtziger Jahren ist der Name B&E zum Markenzeichen für äußerst intelligente, ökonomische und ökologische Lösungen geworden, die immer auch durch ihre dauerhafte formale Qualität bestechen. Den Dimensionssprung
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: SpringerWienNewYork