Disput um Umbau eines Linzer Architekturdenkmals
Die Pädagogische Hochschule der Diözese Linz soll saniert und erweitert werden. Der ursprüngliche Architekt Franz Riepl erweist sich aber als streitbarer Widersacher
Wenn man so will, ist es ein Stück Helsinki mitten in Linz: Seit Mitte der 1970er-Jahre befindet sich am Fuße des Freinbergs die Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz (PHDL). Seither werden in dem Komplex, bei dem sich mancher Trakt tief in die Erde duckt, Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet, außerdem haben hier auch das Sozialpädagogische Kolleg der Diözese Linz und die Schule für Sozialbetreuungsberufe der Caritas ihre Heimat.
Geplant wurde der Komplex einst von den Architekten Franz Riepl und Othmar Sackmauer. Bei der viertelkreisförmigen Aula samt einladender Freitreppe ließ man sich von Alvar Aalto, dem finnischen Meisterarchitekten, inspirieren, erzählt Riepl.
70-Millionen-Euro-Projekt
Das Gebäude ist heute denkmalgeschützt. Und es ist in die Jahre gekommen, soll deshalb modernisiert werden - und erweitert. In den 1990er-Jahren hat man das schon einmal gemacht, damals wurde unter anderem ein Turnsaal angebaut, nach Plänen von Riepl, der ein gebürtiger Oberösterreicher ist, an der TU Graz lehrte und in München, wo er zuvor auch Assistent an der Technischen Hochschule gewesen war, jahrzehntelang ein Architekturbüro führte.
Rund 70 Millionen Euro wird die – wie es in einer Aussendung hieß – „tiefgreifende technische und thermische Sanierung“ kosten, die die Diözese nun vorhat und mit finanzieller Beteiligung des Bundes und des Landes Oberösterreich durchführen will. 2023 wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt, der Grazer Architekt Thomas Pucher setzte sich mit seiner Idee eines „Campus der Menschlichkeit“ durch. Der Entwurf sieht einige voluminöse Aufbauten auf den Bestand vor, in leichter Holz-Stahl-Konstruktion. Ganz im Norden, beim Salesianumweg (in der Visualisierung oben ganz rechts zu sehen), wo sich die alte Schwimmhalle und der Turnsaal aus den 1990er-Jahren befinden, soll es aber auch eine Erweiterung auf der grünen Wiese geben. „Das Projekt überrascht mit seiner einzigartigen konzeptionellen Lösung“, urteilte Roland Gnaiger, Architekt und Juryvorsitzender des Architekturwettbewerbs. „Anstelle von Zubauten wird der Bestand durch eine Aufstockung in die Höhe entwickelt.“
In erster Linie sei das Ganze „ein Bildungsprojekt, weil das Gebäude als Bildungsstandort irrsinnig gut funktioniert“, erklärt Johann Hintermaier, der für den Bau zuständige Bischofsvikar der Diözese Linz, dem STANDARD. Im Wintersemester 2028/29 will man fertig sein, dann können hier 2000 statt 1500 junge Menschen studieren.
Einer ist von den Planungen aber alles andere als begeistert – nämlich der ursprüngliche Architekt Franz Riepl. Der heute 93-Jährige lädt den STANDARD zu einer Besichtigung ein, auch der Kunsthistoriker und Denkmalexperte Wilfried Lipp ist dabei, einst Landeskonservator für Oberösterreich und bis 2018 auch Präsident des österreichischen Ablegers von ICOMOS, des Internationalen Rats für Denkmalpflege. Beiden ist klar, dass Sanierungsarbeiten nötig sind; doch die geplanten An- und Aufbauten werden dafür sorgen, dass der denkmalgeschützte Bau „völlig verlorengeht“ unter den voluminösen Holz-Stahl-Strukturen. „Es verschwimmt alles“, sagt Lipp.
„Man nimmt die Luft“
Riepl erzählt, wie er und sein Kollege Sackmauer sich damals „in sehr engen Widmungsgrenzen“ bewegen mussten. Kreative Lösungen waren gefragt; Schwimmbad und Turnhalle wurden in die Erde eingegraben; verglaste „Gänge“ an den Decken sorgen für natürliche Belichtung.
„In der Zeit seiner Entstehung wurde der Neubau als bahnbrechender, bauästhetisch markanter Meilenstein gefeiert“, sagt Lipp. Völlig zu Recht sei der Bau deshalb später auch unter Denkmalschutz gestellt worden, was ja nichts weniger bedeute, als dass „das öffentliche Interesse an der Erhaltung festgestellt wurde“.
Auf seine aufgrund enger Platzverhältnisse kreativen Lösungen nehme man jetzt aber keine Rücksicht mehr, klagt Riepl, „ebensowenig wie auf die Umgebung“.
Lipp anerkennt, dass Puchers Entwurf „die Formensprache grundsätzlich aufnimmt und weiterführt“. Der denkmalgeschützte Bau gehe jedoch „völlig verloren. Man nimmt dem Haus die Luft.“
Riepl und Lipp kritisieren außerdem, dass nach Ende des Wettbewerbs noch Umplanungen stattfanden; jüngste Visualisierungen würden deutlich vergrößerte Aufbauten sowie zusätzliche Neubauten zeigen – „inzwischen auch auf bisher unbebauten Flächen“. Dies sei eine „Unkultur“ (Riepl) und widerspreche ursprünglichen Zielsetzungen des Wettbewerbs.
Die beiden sind mit ihrer Kritik nicht alleine. Auch Albert Kirchengast von Docomomo Austria, der in dem Bau ein „bedeutendes Beispiel österreichischer Schularchitektur“ sieht, spricht von einer „alarmierenden Situation“. Man habe nur die Erhaltung des Bildungsstandorts im Blick, auf die Erhaltung des Denkmals werde kaum geschaut, kritisiert er im Gespräch mit dem STANDARD. Es sei im Wettbewerb erlaubt worden, „ganze Trakte“ zu entfernen, ohne deren Erhaltungswürdigkeit geklärt zu haben. „Am Ende erkennt man das Bauwerk nicht wieder.“ Und dass man den ursprünglichen Architekten nicht eingebunden habe, wäre „in vielen Ländern Europas undenkbar“.
Bischofsvikar Hintermaier verweist zunächst darauf, dass das Gebäude schlicht und ergreifend umfassend saniert werden müsse, weil etwa Wasserleitungen, Elektrik und Heizung „am Ende der Lebensdauer“ angekommen seien. „Beim Dach regnet es an manchen Stellen herein“, das Gebäude sei zudem nicht barrierefrei. Die anhaltende Kritik versteht er gleichwohl nicht. Die Pläne seien nach dem Wettbewerb abgeändert worden, weil das Denkmalamt Änderungen einforderte, erklärt Hintermaier. Und von dem, was Riepl kritisiere, sei manches berücksichtigt worden. Auch ein „Raumbuch“, in dem jeder einzelne Raum erfasst wurde, wie etwa von Kirchengast gefordert, sei erstellt worden. „Das liegt seit Monaten auf.“ Wenn es diesbezüglich Unklarheiten oder Fragen gebe, „dann bitte ich alle, sich an uns zu wenden, damit wir die Fragen und Sorgen gut besprechen können“.
Mit Riepl sei man im Austausch, sagt Hintermaier, „wir haben ihm unsere Pläne vorgestellt, bevor sie öffentlich bekannt wurden“, man habe auch „über weite Strecken“ Einvernehmen herstellen können, „bedauerlicherweise aber nicht in allen Details“. Doch man verwirkliche nun auch Dinge, die Riepl eigentlich geplant hatte, die aus Kostengründen damals aber nicht umgesetzt wurden, sagt Hintermaier – „etwa die großzügige Dachbegrünung“. Die Dachflächen werden kaum genutzt, nun mache man daraus „Begegnungsflächen für Studierende. Wir machen diese Flächen also erstmals auch nutzbar.“
„Transparenter Prozess“
Riepl sei nicht in der Jury gewesen, „aber das Ganze war ein öffentlich ausgeschriebener Wettbewerb, ein transparenter Prozess“, betont Hintermaier. „Die Wettbewerbsbeiträge wurden beispielsweise im Architekturforum präsentiert und auch das Ergebnis diskutiert.“
Den Grund für Riepls Unmut glaubt der Bischofsvikar darin zu sehen, dass „wir halt nicht auf alles eingehen, was er gerne hätte“. Rein rechtlich betrachtet hat Riepl jedenfalls tatsächlich nichts mitzureden, wie er auch selbst weiß. Er dürfe verlangen, am fertigen Bauwerk eine Hinweistafel anzubringen, und das werde man auch tun, sagt Hintermaier. „Aber wir entwickeln das Gebäude nach unseren Vorstellungen weiter, bodensparend und nach einem zukunftsweisenden Konzept. Es tut mir sehr leid, dass er da nicht mitgeht.“