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    „Gibt es keine Stadtbaumeister mehr?“
    Der Standard

    Auf den Tag genau vor 100 Jahren ist Otto Wagner gestorben. Wir haben den wichtigsten Architekten des Fin de Siècle für einen Frühlingsspaziergang zum Leben erweckt: das heutige Wien durch den Zwicker des visionären Stadtplaners gesehen.

    11. April 2018 - Maik Novotny

    Gestatten, Otto Wagner, Architekt im Ruhestand, sehr erfreut. Danke für die Einladung zum Spaziergang durch Wien. Ich war seit 100 Jahren nicht mehr hier. Ich bin gespannt, was von meinen Werken und Visionen geblieben ist. Und natürlich auch von jenen meiner Mitstreiter.

    Wir stehen hier inmitten der Stadt, vor der Hofburg, und ich muss sagen, ich hätte mir das anders vorgestellt. 100 Jahre sind vergangen, und Wien sieht immer noch aus wie damals. Hat sich nichts geändert? Warum sieht man hier in der Innenstadt so wenig neue Technologien? Neue Baustoffe? Leben die Wiener immer noch in der Vergangenheit? Das kenne ich. Was glauben Sie, wie ich angefeindet wurde, als ich meinen „Nutzstil“ propagierte.

    Meinem Kollegen Adolf Loos erging es, wie sie sicher wissen, ähnlich mit seinem Haus hier am Michaelerplatz. Schön, dass es noch da ist, das Kaiserhaus scheint sich damit angefreundet zu haben. Was? Es gibt keinen Kaiser mehr? Allerhand. Sie wissen sicher, wie ich Franz Joseph verehrt habe. Ich habe Ausbaupläne für die Hofburg erstellt und mich 1896 selbst zum Hofburgarchitekten ernannt. Aber moderne Architektur und imperiale Repräsentation, das war dem Kaiserhaus dann doch zu viel.

    Gehen wir zum Graben und auf die Kärntner Straße. Wie die Leute heute gekleidet sind. Ein erster warmer Frühlingstag, und sie laufen halbnackt herum! Die würden in meinem Atelier keinen Job bekommen. Wo bleibt die Würde? Aber reden wir lieber von Architektur. Hier, das Ankerhaus, Graben / Ecke Spiegel- und Dorotheergasse. Hat sich gut gehalten, nicht?

    Den Kritikern war es damals zu wenig gediegen, zu unkünstlerisch. Das acht Meter hohe Schaufenster aus Eisen und Glas war eben funktionaler Hightech. Zweck, Material und Konstruktion als Einheit. Und eine gute Rendite für die Geschäfte! Ich habe ja wirtschaftlich gedacht. Ich war immer schon Investor, dank meiner Zinshäuser hatte ich ein gutes Auskommen und konnte es in Architekturentwürfe ohne Auftrag investieren. Publicity und PR nennt man es heute.

    Was ist mit dem alten Haas-Haus passiert? Lustig schaut’ das neue ja aus, aber ich verstehe diese Architektur nicht. Wo ist der Sinn und Zweck? Aha, postmodern ist das. So etwas gab es im 19. Jahrhundert auch schon, da hieß es Historismus. Ich habe damals bald gemerkt, dass das eine Sackgasse ist. Was nicht heißt, dass man die Geschichte über Bord werfen soll, keineswegs. Die dorische Säulenordnung der Griechen habe ich schließlich in meiner ganzen Karriere verwendet.

    Gehen wir zur Postsparkasse! Eines meiner besten Werke, leider auch eines meiner letzten. Am Ende konnte ich ja nicht mehr viel bauen, obwohl ich so viele Ideen hatte. Na, sieht doch noch prachtvoll aus. Sehen Sie die Bolzen in der Fassade? Da hat man sich gestritten, ob sie nur Dekoration oder konstruktiv waren. Dabei ist es doch offensichtlich. Alles muss seinen Zweck haben. Eine Fassade aus Steinplatten, die vorgehängt sind, muss man als solche erkennen. Was ich heute in Wien sehe, diese scheußlichen Natursteinplatten, die massiv aussehen, aber dann ist nichts als Styropor dahinter? Billige Augenwischerei.

    Ach, und gegenüber am Ring steht noch das Ministerium. Ärgerlich! Ein eitles Monstrum, das die Verbindung vom ersten Bezirk zum Donaukanal versperrt. Mein Entwurf wäre besser gewesen! Damals hieß es Kriegsministerium. Als ich starb, war der Krieg noch im Gange.

    Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus heißt es? Ernsthaft? Fangen Sie bloß nicht an, mir das zu erklären, dafür habe ich keine Zeit. Gehen wir den Ring entlang, kommen Sie! Ich will mir den Karlsplatz anschauen. Vielleicht hat in den letzten 100 Jahren jemand eine Idee gehabt, wie man ihn in den Griff bekommt. Ich habe es ja oft versucht, aber die intriganten Wiener haben es immer vereitelt.

    Das Gesicht des Löwen

    Na ja, so wie es aussieht, ist der Karlsplatz immer noch eine Gstätten. Was haben sie mit meinen Stadtbahnpavillons gemacht, die stehen ja völlig falsch! Aber immerhin, vor dem Wien-Museum: mein Name groß auf einem Foto vom Nussdorfer Wehr. Wissen Sie, dass das ein Lieblingsprojekt war? Einer der Löwen dort trägt meine Gesichtszüge. Sagt man. Ob’s stimmt? Ich sag nur: Genau diesen Löwen hab ich danach zu meinem Emblem gemacht. Aber Moment, ist das wirklich ein Museum? Etwas bescheiden für ein Stadtmuseum, finden Sie nicht? Das muss viel repräsentativer sein. Die Karlskirche braucht schließlich einen Rahmen!

    Hier am Naschmarkt wäre der Anfang meines Wiental-Boulevards gewesen. Den „Broadway Wiens“ habe ich ihn genannt. Er sollte, wenn ich mich zitieren darf, „an imponierender Anlage die Ringstraße weit in den Schatten“ stellen. Ist auch nichts daraus geworden. Zum Flanieren lädt das ja nicht ein, das ist mehr eine Autobahn.

    Wenigstens die Wienzeilen-Häuser durfte ich bauen. Sehen immer noch gut aus. Im Haus ums Eck hatte ich, wie in vielen meiner Häuser, eine Wohnung. Mit Glasbadewanne. Die hat die 100 Jahre nicht überlebt, leider. Die Touristen fotografieren natürlich nur das Majolikahaus, weil es so schön bunt ist. Gehen wir schnell weiter, sonst wollen die alle noch ein Selfie mit mir.

    Fahren wir lieber mit der Stadtbahn! Mein größter Auftrag, Dutzende Leute in meinem Atelier haben daran gearbeitet, einige sind berühmt geworden. Ein Massenverkehrsmittel für die Großstadt des 20. Jahrhunderts. Funktioniert noch. Die schöne Haltestelle Meidling-Hauptstraße haben sie nur leider ruiniert. Wie geht’s meinem Spital am Steinhof? Geplant habe ich ja nur die Anlage, nicht die Pavillons, aber die Kirche ist eines meiner besten Werke – eine technisch ausgeklügelte Kirche, das war damals ein Novum.

    Heute streitet man am Steinhof, die Bürgerinitiativen berufen sich gern auf mich. Das schmeichelt, wobei ich heute sicher kein Architekt wäre, der sich mit Bürgerinitiativen herumschlägt. Als k. u. k. Oberbaurat, Professor und, sagen wir es ruhig, Genie, weiß ich ja wohl selbst, was gute Stadtentwicklung ist. Und wenn das Spital aus- und eine Universität einzieht, muss man die Architektur eben der Nutzung anpassen. Am liebsten würde ich mich gleich daran setzen. Haben Sie Stift, Zeichenpapier? Nein? Schade.

    Dann zeigen Sie mir wenigstens von hier oben, wie sich Wien entwickelt hat. Wo es die neuen Achsen gibt, wo die wichtigen Schneisen geschlagen wurden, wo die Großstadt groß geworden ist. Keine Boulevards? Stimmt, das sieht alles nach Kraut und Rüben aus. Alles verhüttelt! Gibt es keine Stadtbaumeister mehr? Keine Visionen?

    Ich glaube, ich muss mich wieder hinlegen. Feiern Sie mich schön in meinem Jubiläumsjahr. Zum 200. Todestag machen wir dann wieder einen Spaziergang.


    Ausstellungen

    Mehr als ein halbes Jahrhundert liegt die letzte große Retrospektive zu Otto Wagner in Wien zurück. Im 100. Todesjahr gibt nun das Wien-Museum unerhört umfassende Einblicke in Leben und Werk des „Weltstadtarchitekten“: Neben nie gezeigten Modellen werden dort insbesondere auch wenig bekannte Zeichnungen dieses Vaters der Moderne gezeigt (bis 7. 10.).

    Der Frage, was in der Baukunst zwischen „Postsparkasse und Postmoderne“ geschah, also dem vielgestaltigen Erbe Wagners, widmet sich dann ab Ende Mai das Museum für angewandte Kunst mit der Ausstellung Post Otto Wagner, (30. 5. bis 30. 9.). Bereits aktuell zu sehen ist dagegen die Jubiläumsausstellung des Hofmobiliendepots zur Wiener Moderne: Möbeldesigns Wagners werden darin Entwürfen von Adolf Loos und Josef Hoffmann gegenübergestellt (bis 7. 10.). (rg)

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