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nextroom fragt: Andres Schenker, Michael Salvi und Thomas Weber
nextroom fragt: Andres Schenker, Michael Salvi und Thomas Weber © Architektur in Progress

Schenker Salvi Weber Architekten gründeten 2009 ihr Büro in Wien und Bern. Die Projekte immer und immer wieder zu hinterfragen, bis die beste Lösung gefunden ist, bedeutet für sie Qualität. Mit der Post am Rochus realisierten sie ein städtebaulich bedeutendes Bauwerk in Wien. Nicht nur in Österreich, sondern auch in der Schweiz und Deutschland entstehen im partnerschaftlichen Prozess mit Bauherrschaft und allen Beteiligten vielfältige Projekte. Andres Schenker, Michael Salvi und Thomas Weber im Interview mit Martina Pfeifer Steiner.

23. April 2018
In welchen Bürostrukturen arbeiten Sie?

Wir finden, dass wir in sehr flachen Strukturen organisiert sind und das hat sich eigentlich so ergeben. In unserem Büro kann man nicht auf den ersten Blick erkennen wer die Chefs sind, weil unsere Arbeitsplätze mitten drin sind. Das stetige Wachsen mit den immer größeren Aufträgen war dann die Herausforderung zu strukturieren. Ganz klassisch: Es gibt Projektleiter mit Teams von drei bis vier Leuten. In der Regel begleiten vor allem Thomas und Michael die Projekte, die aktuell in Planung und Bau sind und Andres leitet so eine Art Wettbewerbsabteilung, die im zweiten Stock situiert ist.
Das funktioniert bei uns sehr gut und hat den Vorteil, dass wir näher an den Projekten sind, direkt kommunizieren können und Barrieren verschwinden. Denn über den Tisch hinweg entstehen auch noch andere Gespräche, was uns für den sozialen Zusammenhalt sehr wichtig ist.
Gefunden haben wir uns in diesem Haus, wo wir alle drei in „Tischmiete“ waren. Michael und Andres kannten sich als Schweizer (genauer aus Bern) von früher. Bei einer Rauchpause am Gang stellte sich heraus, dass Thomas am gleichen Wettbewerb arbeitete. Vernünftig schlossen wir uns zusammen, machten dafür jedoch gleich zwei Wettbewerbe parallel und erreichten mit einem die zweite Stufe. Für ein seriöses Auftreten (Zürich!) in der nächsten Runde setzten wir kurzerhand eine Webseite auf mit den gesammelten Referenzen und damit war das Büro gegründet.
Ähnlich lief es dann 2012 beim offenen Wettbewerb für die Post am Rochus. Zweite Stufe. Erst dann studierten wir die erforderlichen Nachweise genauer! Referenzen, Haftungen etc. waren erforderlich, die wir alleine nie und nimmer aufbringen konnten. Also haben wir uns mit Gmeiner Haferl & feld72 verstärkt.
Nach nunmehr acht bis neun Jahren haben sich gewisse Automatismen eingespielt und da ist es spannend auch mit einem anderen Büro wieder einen Wettbewerb zu machen, sich auf neue Denk-, Arbeits- und Herangehensweisen einzulassen. Selbstreflexion ist in diesem Zusammenhang wichtig. Wenn etwas vor fünf Jahren funktioniert hat, heißt das lange nicht, dass es jetzt noch funktioniert. Wir müssen uns dem Prozess stellen, bei zunehmend fehlenden zeitlichen Kapazitäten effizienter ohne austauschbar zu werden.

Was inspiriert Sie?

Wir sind ja ständig mit Wettbewerben beschäftigt und unabhängig vom Ergebnis ist man immer mit mannigfaltigen Lösungen und Ansätzen der anderen teilnehmenden Büros konfrontiert. Wir versuchen diese als eine Art Bibliothek von Juryprotokollen zu systematisieren. Gewiss nicht um etwas 1:1 in die Entwurfsarbeit aufzunehmen, doch kann so eine Anregung einen Schlüsselreiz auslösen. Inspiration unter KollegInnen gibt es auch bei den informellen Treffen zur Wettbewerbs-Nachbesprechung, ein selbstgemachtes Format in unserem Büro, zirka alle zwei Monate, um fünf, bei Snack und Bier.
Andere Inspirationsquellen ergeben sich aus meiner Arbeit (Salvi) an der TU Wien. In einem Grundkurs analysieren die StudentInnen eine Ikone der Architekturgeschichte auf Tragwerk, Lichtstimmungen etc. und dabei entsteht ein reicher Fundus, mit dem man sich im Alltagstreiben gar nicht beschäftigen könnte.
Heute haben wir auch über die Medien ganz einfachen Zugriff auf unheimlich viel Wissen und Bilder, können dies vernetzen, interpretieren. Wir studieren zum Beispiel Architekturen in Australien, alles ist erreichbar, was früher weit entfernt war. Andererseits sind auf einmal Blogs mit interessanten, relevanten Grundrissen aus der Renaissance oder aus den 1950er / 60er-Jahren verfügbar mit denen wir sonst nie konfrontiert wären. Wir müssen jedoch auch lernen mit solcher Bilderflut umzugehen, zu differenzieren, sie zu filtern.

Was begrenzt die Verwirklichung Ihrer Visionen?

Der größte Visionsverhinderer ist der ökonomische Druck, der auf einem selbst beziehungsweise auf dem gesamten Büro lastet. Wir geben viel Geld für die Akquise aus. Unsere Strategie war deshalb von Beginn an, dass wir die Wettbewerbe so aussuchen, dass wir uns Chancen ausrechnen – zweifellos eine Gratwanderung. Dazu kommt, dass es eine Bauherrschaft braucht, die gut beraten ist oder eine Architektenkammer, die es schafft eine Jury zusammenzustellen, die neue Ideen auch lesen kann. Erstaunlicherweise kommt es immer wieder vor, dass eine Jury als Entscheidungsgremium fungiert, deren Mitglieder selbst noch nie entsprechende Bauaufgaben in Dimension und Kategorie gelöst hat, das ist absurd. Der Einsatz ist so immens, deshalb machen wir durchschnittlich nur sieben Wettbewerbe im Jahr. Wir sind sehr langsam im „Brüt-Prozess“, nehmen uns viel Zeit um in die Tiefe zu gehen und für das ständige Hinterfragen. Ob das ein Nachteil oder doch eine große Qualität ist?
Ansonsten gibt es natürlich eine Normenüberfrachtung und in jedem Land brennt es anders, das sind jedoch recht interessante Phänomene und keine Hindernisse, damit müssen wir umgehen.

Welches Ihrer Projekte möchten Sie hervorheben?

Alle schön! Da unsere Auftrags-Akquise zu fast 99 % über Wettbewerbe funktioniert, haben wir schon das Gefühl, dass wir mit jedem unserer Gebäude eine Idee vermitteln konnten. Wenn wir „alle“ sagen, dann im Bewusstsein, dass diese realisierten Bauwerke ja von einer Jury unter vielen hochkarätigen ausgewählt wurden. Wir hatten im Rückblick betrachtet eigentlich auch immer Glück, weil – zumindest in Österreich – die gewonnenen Projekte zeitnah gebaut wurden und – wir wagen zu behaupten – auch in der Umsetzung die Qualität auf hohem Niveau gehalten werden konnte.
Erfreulich, dass uns der Quart Architekturverlag aus Luzern für eine Monografie in der Buchreihe De aedibus international anfragte. Ein besseres Portfolio könnten wir uns für die Projekte nicht wünschen, die uns lieb sind. Selbstverständlich präsentieren wir darin die Post am Rochus, welche in allen Belangen wie Organisation, Verantwortung, mit der Bauherrschaft, dem ganzen Vertragswesen durchaus ein Riesensprung war nach unserer ersten großen geförderten Wohnanlage Sillblock in Innsbruck, eine Blockrandbebauung die sich mit vielfältigen räumlichen Qualitäten in die Tiefe des Volumens entwickelt. Dokumentiert sind unter anderem auch die Erweiterungsbauten der Volksschule Absam, Tirol, und der in Realisierung befindliche Dachaufbau mit Luxuswohnungen im 1. Bezirk, Wien, oder die Volksschule in Holzbauweise in Wolfurt, Vorarlberg.

Worüber sollten ArchitektInnen reden, einen Diskurs anzetteln?

Wir sollten überhaupt mal in Diskussion kommen!
Und dabei müssen wir kein dogmatisches Thema vorgeben, es gibt endlos viele, die mit Raum zu tun haben. Wir müssen Themen positionieren, die auch die Politik aufnehmen kann. Vielleicht passiert das auch schon zunehmend in Wien, dass städtischer Raum neu gedacht wird, nämlich nicht mehr zwischen den Häusern sondern als Auftakt zum Haus! Dass man die Sockelzone der Stadt wider flexibel gestaltet, mit vier Metern Raumhöhe oder nur Volumen bzw. Flächen definiert, als Baufenster, in dem man sich bewegen und so auch zu anderen Typologien finden kann. Wir tragen zudem eine soziale Verantwortung und der Diskurs zum Thema Stadt müsste mehr in Richtung Raum sowie Zusammenleben gehen und nicht im Formalismus stecken bleiben.

Eine sehr gute Initiative ist Yo.V.A.4 (Young Viennese Architects) der MA 19, Wien. Wir durften als Vertreter der elf teilnehmenden Büros zur Eröffnung der Wanderausstellung in Indonesien (Jakarta, Yogjakarta) über die hiesige Baukultur und Utopien dazu sprechen.
»nextroom fragt« ist ein neues Format für die in der nextroom Architekturdatenbank vertretenen PlanerInnen und Planer, das Raum für eine übergeordnete Eigenpräsentation schafft. Fünf gleichbleibende Fragen laden ein, Einblicke in den Arbeitsalltag und die Bedingungen für Architektur zu geben - ungeachtet ob aus der Sicht junger oder arrivierter, großer oder kleiner Büros.

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