Artikel

Architektur des Sorgetragens
Der Standard

Heute kommt es nicht so sehr darauf an, die Welt verschieden zu interpretieren, sondern sie zu reparieren. Die Architektur könnte zur Erreichung dieses Ziels einen wichtigen Beitrag leisten.

22. April 2017 - Elke Krasny
Haben Architekten Sorgen? Eine berechtigte Frage. Es ist anzunehmen, dass ihre Profession den Architekten jeden Tag aufs Neue Sorgen bereitet. Einmal gibt es zu wenige Aufträge, dann fallen wieder zu viele Arbeitsstunden an. Und immer herrscht Zeitdruck. Eine Abgabe hetzt die nächste. Wettbewerbsteilnahmen bleiben erfolglos. Der Sparstift regiert. Vorschriften verunmöglichen vieles. Und zu guter Letzt das Haftungsrisiko, auch nicht ohne. Die Rede ist hier nicht einmal von höhenflugberauschter Spektakulär-Spekulations-Architektur, sondern von einer auf sozialer, ästhetischer und politischer Verantwortung beharrenden Alltagsarchitektur. Ohne Zweifel: Ja, Architektinnen und Architekten haben Sorgen.

Mehr vom Selben

Zeitdruck, Gelddruck, Prestigedruck: Die einen sehen Gefahr, dass die Architektur sich völlig den Zwängen des Markts unterworfen hat und nur mehr developergetrieben agiert. Die anderen bezweifeln, dass sich in der Architektur etwas Neues, Innovatives, Zukunftsweisendes entwickelt, weil doch letztlich immer nur mehr vom Selben gefordert wird.

In der Tat, wir müssen uns Sorgen machen um die Architektur. Doch nicht nur, weil es zu hohen Spekulationsdruck und zu wenig Innovation gibt. Nein, man muss sich größte Sorgen vor allem darum machen, wie die Architektur ihrer zentralen Aufgabe nachkommen kann – nämlich selbst Sorge zu tragen.

Die Philosophin Judith Butler hat vor nicht allzu langer Zeit in einem ihrer Essays darüber geschrieben, dass Architektur für das Sorgetragen wesentlich verantwortlich ist. Butler schreibt über den öffentlichen Raum, über Straßen und Plätze, und sagt, dass diese „materielle Umgebung” als „Stütze des Handelns” dient. Sie führt aus, dass „menschliches Handeln auf Unterstützung angewiesen ist, immer unterstütztes Handeln ist“. Architektur, das muss mit aller Deutlichkeit festgehalten werden, zählt zu den wichtigsten materiellen Stützen des menschlichen Handelns. Und auf Stützen muss man sich verlassen können. Sie müssen zur Verfügung stehen, in ausreichender Zahl, in angemessener Qualität, und zwar für alle.

Butler macht auch klar, dass die materiellen Stützen, die unser Handeln ermöglichen, genau das sind, worüber die größten Verteilungskämpfe ausgetragen werden. Wer kann über sie verfügen? Wem bleibt der Zugang verwehrt? Wer kann sie sich leisten? Und wer muss auf sie verzichten? Die steigende globalisierte Ungleichheit hat mit diesen ungerechten Verteilungen von Unterstützung zu tun. Das betrifft – nicht zuletzt auch – die Architektur.

Die Frage ist: Wie kann Architektur unter den gegenwärtigen Bedingungen von gleichzeitigem massivem kapitalgetriebenem Spekulationsdruck und verheerende Folgen verursachenden austeritätsbedingten Sparmaßnahmen die Aufgabe des Sorgetragens nicht nur übernehmen, sondern diese immanente Aufgabe auch neu definieren? Auf wessen Seite stehen Architekten und Architektinnen im Kampf um die materiellen Unterstützungen, die durch ihre Arbeit entsteht?

Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit. Was lässt sich von der modernen Architektur, von ihren Folgen hier und heute lernen? Die moderne Architektur wollte Lösungen in großem Stil. Für alle. Vom Wohnen für das Existenzminimum über architekturhistorisch kanonisierte Einzelanfertigungen à la Mies van der Rohe oder Richard Neutra bis hin zum staatstragend-versorgenden sozialen Wohnungsbau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Ansprüche waren hoch: funktional, sozial, ästhetisch. Die Architekten waren die Helden, in deren Hand es lag, Tabula rasa zu machen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine problemlose Zukunft aufzubauen.

Totalversagen

Heute leben wir in genau dieser Zukunft. Die globalen Probleme sind rasant gestiegen, die Ziele, die die moderne Architektur erreichen wollte, sind relevanter denn je, zugleich sind sie in größte Erreichungsferne gerückt. Was ist passiert? Kurz gesagt: Die moderne Architektur ist gestorben, und zwar 1972, mit der Sprengung von Pruitt-Igoe in St. Louis. Das war die Zäsur. Das war der Tod.

18 Jahre nach Fertigstellung stand die an Le Corbusier orientierte Wohnanlage, ein Slum-Bereinigungsprojekt, nicht mehr für die Sozialleistungen der modernen Architektur, wie nach der Fertigstellung euphorisch berichtet wurde, sondern nur noch für deren Totalversagen: rassistische Segregation, Armut, Verbrechen, Leerstand, Verwahrlosung. Sorgetragen? Auf allen Ebenen gescheitert. Die Lösung: nicht Reparatur, sondern Sprengung.

Care und Repair

Mit dem Tod der modernen Architektur wurde auch das Postulat der Moderne, der Form-Funktions-Zusammenhang, zu Grabe getragen. Paradoxerweise, so lässt sich im historischen Rückblick erkennen, setzte das eine funktionsbefreite Architektur in Gang, die sich an den Formen berauschen konnte. Aus dem Helden-Architekten wurde der Star-Architekt. Das hat dem Sorgetragen, das die Architektur leisten soll, nicht gut getan. Ganz im Gegenteil. Architektur ist ungleicher verteilt denn je. Und was Star-Architektur anbelangt: Sie ist pflegebedürftiger als die Architektur der Moderne. Instandhalten, Reparieren, Pflegen. Ohne Ende.

Doch wie kommen wir zu einer Architektur des Sorgetragens? Welche Maßnahmen gegen Prekarisierung und konjunkturbedingte Flexibilisierung müssen wir treffen? Welche Baumaterialien müssen wir verwenden? Und welche Arbeitsbedingungen müssen wir schaffen? In einem Sektor wohlgemerkt, der exemplarisch ist für die Ausbeutungsverhältnisse der globalisierten Arbeitsteilung. Es ist kein Wunder, dass es deutlich mehr Daten zur Ökobilanz gibt als zur Sozialbilanz. Daten dazu, wie viel Arbeit die Materialien den Nutzern abverlangen, gibt es, nebenbei bemerkt, gar nicht.

Die Sachlagen sind komplex. Die Zukunft ist – in Zeiten von Krisen, Kriegen, Katastrophen – wenig vielversprechend. Genau deshalb gibt es viel zu tun für eine Architektur des Sorgetragens und der Reparatur. Im kleinen Maßstab, an vielen Orten der Welt wird heute bereits Care- und Repair-Architektur gemacht. Wenn die Inhalte zählen, dann folgen neue und innovative Funktionen und Formen.

Der Philosoph Karl Marx hat in einer Replik auf Ludwig Feuerbach geschrieben: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Heute kommt es nicht so sehr darauf an, die Welt verschieden zu interpretieren, sondern sie zu reparieren. Der Beitrag der Architektur könnte ein wichtiger sein. Dafür hat sie zu sorgen.
Elke Krasny, geboren 1965 in Wien, ist Kuratorin, Stadtforscherin und Kulturtheoretikerin. Sie unterrichtet an der Uni der bildenden Künste in Wien und kuratierte bereits zahlreiche Ausstellungen in Wien, Graz, Montréal und Halifax. Aktuell arbeitet sie mit Angelika Fitz am Forschungsprojekt „Care und Repair“, das im Rahmen der Vienna Biennale und in Zusammenarbeit mit dem Architekturzentrum Wien (AzW) und der TU Wien von 21. Juni bis 31. Juli in der Nordbahnhalle am ehemaligen Wiener Nordbahnhof-Areal präsentiert und praktiziert wird.

teilen auf

Für den Beitrag verantwortlich: Der Standard

Ansprechpartner:in für diese Seite: nextroomoffice[at]nextroom.at

Tools: