Bauwerk

Bibliothek von Alexandria
Snøhetta - Alexandria (ET) - 2001

Sonnenscheibe und Computerchip

Am 16. Oktober wird die neue Bibliothek von Alexandria endlich offiziell eröffnet. Sie soll, wie ihre vor rund 2000 Jahren untergegangene berühmte Vorgängerin, das Wissen der Vergangenheit und der Zukunft an einem Ort zusammenbringen.

05. Oktober 2002 - Ute Woltron

In den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts verdichtete sich die Idee: Ein paar Professoren mit Spezialgebiet Alte Geschichte spintisierten an der Universität von Kairo immer wieder herum, man müsse die alte Bibliothek von Alexandria wieder auferstehen lassen, man sollte ein neues international ausgerichtetes Zentrum der Bücher und des Wissens in der Arabischen Welt errichten: Es war ein ehrgeiziges, fast unmöglich erscheinendes Unterfangen.

Denn wie lässt sich derartig viel Geld auftreiben, das zum Bau eines solchen Gebäudes nötig ist? Wie lässt sich in Architektur gießen, was neu und trotzdem zugleich uralt ist? Und wie und womit soll die Bibliothek eigentlich bestückt werden?

Die Professoren leisteten ganze Arbeit. Sie veranstalteten Kongresse, überzeugten Regierungen und Politiker und zapften allerlei Geldhähne an. Sie trieben schließlich mit der Unesco einen wichtigen Partner auf, und sie halfen, einen der größten internationalen Architekturwettbewerbe der Geschichte ins Leben zu rufen und erfolgreich abzuwickeln. Sie bewiesen letztlich, wie seinerzeit Euklid den Satz des Pythagoras in der alten Bibliothek bewiesen hatte, dass Ideen Berge, und seien die aus Baumaterial, versetzen können.

Am Wettbewerb im Jahr 1989 beteiligten sich 520 Architekturbüros weltweit, es gewann überraschend ein norwegisch-österreichisch-schwedisches Team namens Snohetta. Ad personam sind das Kjetil Thorsen, Christoph Kapeller und Craig Dykers.

Ihr Entwurf überzeugte durch städtebauliche Großzügigkeit, die innenräumlichen Qualitäten des Großkomplexes, und nicht zuletzt durch eine sanfte, unaufdringliche Symbolik, die sich, beginnend mit der Grundrissform der Sonnenscheibe Res, bis zur Oberflächengestaltung mittels der verschiedensten Schriftzeichen durch das gesamte Gebäude zieht. 80.000 Quadratmeter bietet das Haus, verteilt auf insgesamt elf Etagen, der angeblich größte Lesesaal der Welt erstreckt sich über sieben Stockwerke, dank ausgeklügelter Schalllenkungen soll es angenehm leise in ihm sein.

Knapp 200 Millionen Dollar hat die Bibliotheca Alexandrina gekostet. Am 16. Oktober wird sie nun offiziell eröffnet - nach 13jähriger Bauzeit und unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen, und nachdem der Eröffnungstermin aufgrund der politischen Situation in Nahost bereits mehrfach hatte verschoben werden müssen. Die noch nicht aufregende Befüllung des großen Hauses mit lediglich 400.000 Büchern wurde zwar wiederholt kritisiert, doch gut Ding braucht Weile, und was noch nicht in Papier oder Papyrus vorhanden ist, lagert immerhin bereits im Internet: Hier kann auf rund 300.000 seltene Bücher und Manuskripte zugegriffen werden. Die Computerreise in die Bibliothek ist so weit nicht hergeholt: Der österreichische Architekt Christoph Kapeller hatte die Idee zum Entwurf, so sagt er, seinerzeit angesichts eines 486er-Computerchips. Der soll genau so ausschauen wie das Dach des Bibliotheksbaus. Vergangenheit und Zukunft - diese Bibliothek hat es tatsächlich in sich.

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