Bauwerk

Fussballstadion Maribor
Ofis arhitekti, multiPlan arhitekti - Maribor (SLO) - 2008
Fussballstadion Maribor, Foto: Tomaž Gregorič
Fussballstadion Maribor, Foto: Tomaž Gregorič

Verteidigungsring

Das Stadion in Maribor ist nicht von olympischen Ausmaßen – es bietet nur rund 12 500 Sitzplätze – mit seiner erlesenen Architektur hingegen kann es locker im länderübergreifenden Ringen der Fußballclubs um Aufmerksamkeit und Prestige mitmischen. Konzeptionelle Stringenz und gestalterische Präzision heben den Bau in die architektonische Oberliga. Allerdings sind noch nicht alle Ausbaupläne verwirklicht; die Gelder fließen spärlich, Ansprüche und Bedürfnisse der Hauptnutzer ändern sich.

1. Dezember 2008 - Achim Geissinger
Der NK Maribor ist seit einiger Zeit der erfolgreichste slowenische Fußballverein, und so darf man in der zweitgrößten Stadt des Landes – sie hat 110  000 Einwohner – stolz darauf sein, eine ganze Reihe von Meisterschaften und Pokalsiegen für sich verbucht und es bereits einmal bis in die europäische Champions League geschafft zu haben. Der Fußballverein (Nogometni Klub, abgekürzt: NK) gehört zum Verband der örtlichen Sportvereine mit rund 25 Abteilungen und dem Namen »ZMŠD Braník« – das slowenische Wort Braník steht für Schutz, Abwehr.

Name und Logo von Verband und Vereinen beziehen sich auf das Stadtwappen, das ein wehrhaftes Stadttor zeigt und da¬rüber den göttlichen Schutz in Gestalt einer Taube. Ob allein der spielerische Gegner des Schutzes bedarf – der sich freilich stets warm anziehen muss – darüber lässt sich trefflich philosophieren. Allzu oft gilt es aber auch, während der Spiele die Fans voreinander zu schützen, nicht nur den gegnerischen gegenüber, sondern auch untereinander. Und Schutz brauchen auch jene Stadion-Nutzer, die drohen, vom übermächtigen Platzhirschen in die Ecke gedrängt zu werden. Das wunderschöne, nagelneue Fußballstadion in der beschaulichen Universitätsstadt Maribor muss einiges aushalten.

Volksgarten

Auch das Stadion hat einen der Tradition folgenden Namen: 1873 richtete ein am Ort ansässiger Industrieller am Rande der Altstadt – wohl im Hinblick auf seine eigenen Arbeiter – eine öffentliche Parkanlage zur Förderung der Volksgesundheit ein, Ljudski vrt – zu Deutsch: Volksgarten. Den ersten Leibesübungen im Grünen folgte bald der Fußball: 1920 wurde ein Spielfeld angelegt, das 1952 an der heutigen Stelle als Stadion ein¬gerichtet und 1962 an seiner westlichen Längsseite mit einer Tribünenüberdachung versehen wurde. Mit der Loslösung Sloweniens aus dem jugoslawischen Staatenbund und dem folgenden wirtschaftlichen Aufschwung samt Bevölkerungszuwachs in den Städten wuchs auch der Bedarf an repräsentativen Sportstätten. Den bereits Ende der neunziger Jahre ausgeschriebenen Wettbewerb für die Erweiterung des Ljudski vrt gewann das Gespann aus den beiden in Ljubljana ansässigen und miteinander freundschaftlich verbundenen Architekturbüros OFIS und multiPlan. In ihrem Entwurf verstanden es die Architekten, eine Reihe von Überlegungen und funktionalen Anforderungen in eine Gesamtfigur einzubinden, die zusammen mit der bereits bestehenden Tribünenüberdachung vom Anfang der sechziger Jahre eine einheitlich wirkende Großform ergibt. Die Querträger des alten Dachs lasten im Rücken der Tribüne auf Stützen, zur offenen Seite hin werden sie von einem gewaltigen, leicht zum Spielfeld hin geneigten Stahlbeton-Bogen getragen. Darunter ist ein mittlerweile bedenklich korrodiertes Stahlseilraster gespannt, das wiederum die Dachhaut aus kleinformatigen Aluminiumblechen trägt. Dieser beeindruckenden Bogenkonstruktion entsprechen die wie in einer Wellenbewegung auf- und absteigenden Schwünge des im Hufeisen um die übrigen Spielfeldseiten geführten neuen Tribünendachs. In der Gesamtschau ergibt sich so, egal ob aus der Ferne oder im Inneren, immer ein einheitliches Bild, das zudem mit den sanft geschwungenen Hügeln im Hintergrund korrespondiert.

Dieser Ausgestaltung liegt die Entscheidung zugrunde, an jenen Stellen mit guter Sicht mehr Sitzplätze anzubieten als an denen mit ungünstigem Blickwinkel. Daher wurden die Hauptzugänge in die Ecken gelegt und die Zahl der Sitzreihen dort reduziert. Zentral über dem Spielfeld steigen die meisten Sitzreihen hintereinander auf, und die Dachschwünge erreichen hier jeweils den höchsten Punkt. Im Rücken der Tribüne verläuft als ein zentrales Element des Entwurfs ein durchgehender Umgang, von dem aus alle Plätze erreichbar sind. Beginnend auf Rasenniveau, neben den Auflagerpunkten des alten Tribünenbogens, folgt der Umgang dem Auf und Ab der Tribünenränder und ermöglicht es, frei im gesamten Neubau umherzugehen. Dieser konzeptionellen Durchlässigkeit entspricht auch die Offenheit der Konstruktion: Die Betonpfeiler, auf denen das Dach ruht und von denen aus die weit auskragenden Stahlträger abgehängt sind, fassen jeweils paarweise einen der Zugänge zum Tribünenraum ein. Im Gesamtbild treten sie kaum in Erscheinung und lassen das Dach schwebend erscheinen, zumal die Hinterwand des Umgangs völlig verglast ist und keinerlei Einbauten oder Brüstungen den Blick behindern. Zusammen mit der zweischaligen Dachhaut aus transluzenten Polycarbonatplatten, die nachts von innen beleuchtet werden, entsteht ein offener, heller und sehr heiterer Eindruck – die liebliche Hügellandschaft der Untersteiermark tut dazu ihr Übriges. Diesem luftigen Eindruck können auch die kräftigen Vereinsfarben – Violett und Sonnengelb – nichts anhaben, die sich in großflächigen Plakaten, Beschriftungen und vor ¬allem in den Schalensitzen wiederfinden. Hier ist der mächtige Einfluss des Fußballklubs zu spüren, der das ursprünglich als Sport- und Kulturstätte für ganz Maribor errichtete Stadion mehr und mehr für sich zu vereinnahmen trachtet. Letztlich ist das auch legitim; zwar flossen Gelder aus Töpfen von Stadt (sechzig Prozent), Verein (vier Prozent) und dem EU-Fonds für regionale Entwicklung (36 Prozent); der noch lange nicht abgeschlossene Ausbau ist jedoch nur mit Sponsorengeldern zu bewerkstelligen – und die wird man weniger durch ein freundliches Wesen als vielmehr mit fernseh- und somit werbewirksamen Sportveranstaltungen in der obersten Liga erwirken. Es fehlen bislang die Bestuhlung der allerobersten Sitzreihen und die zweite Glasschale, die den Umgang zu einem rundum windgeschützten Bereich aufwerten soll.

Leider beginnt bereits die Aufweichung des architektonischen Konzeptes. Da die besonders hartgesottenen Fans in ihrer Unbändigkeit nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern eine ganz generelle darstellen, ging man bereits dazu über, sie abgeschirmt vom Gros der Zuschauer in einen eigenen Bereich zu pferchen. Er wird separat erschlossen und ist aus gutem Grund mit Sitzschalen ohne Rückenlehnen ausgestattet.

An der Längsseite ist ein VIP-Bereich ausgewiesen, den es noch einzurichten und vor allem mit Absperrungen auszustatten gilt. Diese sind im Entwurf zwar vorgesehen, dort aber verständlicherweise als kaum spürbare Linien dargestellt. Das Prinzip der freien Bewegung im Stadion, der offene, demokratische Charakter der Anlage wird durch diese Sektionierung ad absurdum geführt. Bleibt also zu hoffen, dass die Organisatoren sich von der Architektur leiten lassen und den Umgang zum Beispiel als Raum für allgemein zugängliche Sponsoren-Präsentationen offen halten.

Welche Planer und Firmen den weiteren Ausbau zu welchen Teilen übernehmen werden, ist unklar. Ein weiteres Architekturbüro, ComArh aus Maribor, ist im Gespräch. Gerne würden OFIS arhitekti retten, was zu retten ist, doch Informationen, wie es weitergeht, gibt es nur spärliche. Das engmaschige Netzwerk im kleinstädtisch wirkenden Maribor ist vom zwei Autostunden entfernt liegenden Ljubljana aus kaum zu durchdringen. Der als Bauherr auftretende Sportverbund stellt den Ausbau für das kommende Jahr in Aussicht, hält sich sonst aber bedeckt.

Dabei wurde mit einem ganz wesentlichen Teil der Anlage noch gar nicht begonnen: Unter den Tribünen wurde auf ¬einem ober- und einem unterirdischen Geschoss Raum geschaffen für einen Fitnessclub mit Schwimmbecken, Läden, Gaststätten und vier Sporthallen, die man in der Stadt dringend braucht – die nebenan gelegene, 2006 eröffnete Sporthalle Lukna steht bisweilen unter Wasser, weil der darunter liegende Kanal zu knapp bemessen wurde. Man scheint dennoch Zeit genug zu haben, schließlich brauchte es vom Wettbewerb bis zum bespielbaren Stadion allein schon zehn Jahre …

Unauffällige Landmarke

Derweil darf man sich auf dem bereits Erreichten aber getrost ein wenig ausruhen. OFIS arhitekti verwirklichten ein zeichenhaftes Gebäude, das selbst auf kleinsten Hotelfernsehschirmen seinen Wiedererkennungswert entfaltet, gleichzeitig aber wie selbstverständlich im Stadtorganismus zwischen Schulen, kleinen Stadtvillen und weiteren Sportanlagen liegt und gegenüber dem umgebenden Straßenraum sogar mit reichlich Understatement auftritt. Dies liegt zum einen an der geringen, weil vom örtlichen Baurecht so vorgeschriebenen Höhenentwicklung. Zum anderen haben die Architekten die nach außen hin ins Gewicht fallenden Bauteile schlicht »schwarz weggestrichen« – alle Metallprofile und Streckmetall-Brüstungen sind anthrazitfarben beschichtet. Der Rest ist Glas. Die weiten Kurven der Tribünen treten nach außen hin nur in Form des Umgangs in Erscheinung, der sich kühn den schmalen Vorplätzen im Norden und im Süden entgegenschwingt und sich dabei elegant über einen eingeschossigen Unterbau erhebt. Diese im Rechteck angelegte »Basis« ist rundum verglast und wartet darauf, an den Schmalseiten mit Büros und Ladenlokalen belegt zu werden. Ihr Dach fungiert als Verteilerebene für die in das Stadion strömenden Fans und als Aufenthaltszone während der Pause.

Was den Bau in die architektonische Oberliga hebt, ist seine konzeptionelle Stringenz und seine gestalterische Präzision. OFIS arhitekti schaffen es immer wieder, auch mit preiswerten Standardmaterialien ästhetisch hochwertige Oberflächen herzustellen und im besten Sinne »durchgestylte« Erscheinungsbilder zu erzeugen. Sie bearbeiten ihre Aufträge schon fast mehr aus Gewohnheit denn aus der Not heraus so, als stünde nahezu kein Budget zur Verfügung. Mitunter handeln sie sich dadurch auch Unlösbares ein: So ergab sich beispielsweise aus der Kombination gekrümmter Dachflächen mit orthogonalen Tragstrukturen eine problematische Geometrie, die weder bei der beleuchteten Dachuntersicht noch an den Endpunkten des Umgangs gestalterisch zufriedenstellend in den Griff zu bekommen war.

Sicher ist jedoch, dass die Anlage den ein oder anderen gestalterischen Angriff gut aushalten wird. Die – ohne Absprache mit den Architekten – noch vor die unterste Sitzreihe gehängten Gitterroste bieten Platz für noch mehr Fans, fallen aber ¬außer durch miserable Sichtbedingungen kaum ins Gewicht. Bleibt also zu hoffen, dass die Stadt sich dauerhaft gegen allerlei Begehrlichkeiten zu schützen weiß und das Entwurfskonzept des Stadions stark genug ist, dem steigenden Verwertungsdruck seitens der Fußballer standzuhalten … ganz im Sinne von »Ljudski vrt«, dem allen Menschen offenstehenden Volksgarten.

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Für den Beitrag verantwortlich: deutsche bauzeitung

Ansprechpartner:in für diese Seite: Ulrike Kunkelulrike.kunkel[at]konradin.de

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