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Zuschnitt 09
Holz im Möbel
Zuschnitt 09
zur Zeitschrift: zuschnitt
Verleger: proHolz Austria

Angenommen, Sie brauchen einen Tisch...ich wette, Sie kriegen Probleme

15. März 2003 - Roland Gnaiger

Angenommen, Sie brauchen einen Tisch. Sie wollen ihn zum Essen, Arbeiten oder Spielen. Angenommen, Sie möchten, dass Ihr Tisch sicher und mehrere Jahre steht. Ihren Beinen wünschen Sie unter ihm Bewegungsfreiheit und ihren Stühlen Stauraum. Der Tisch sollte kindlichem Ungeschick und lebhaften Diskussionen gewachsen sein.

Angenommen, Sie sind sich Ihrer so sicher, dass der Tisch für Sie nicht renommieren muss. Sie schätzen seinen Erfinder, aber nicht er, sondern der Tisch soll ein Leben lang in Ihrer Wohnung stehen. Er muss funktionstüchtig sein, in Ihre Wohnung passen und sollte Ihr Leben erleichtern. Und er sollte Charakter haben! Er darf erkennbar sein - aber nicht unbedingt auf den ersten Blick. Sie brauchen also nur einen Tisch … ich wette, Sie bekommen Probleme!

Haben Sie gar einen Blick für sorgfältige Ausführung, suchen Sie nach einer gereiften Form, wünschen Sie mit Ihrem Tisch auch noch eine sinnliche, eine haptisch willkommene Begegnung? Wollen Sie zu alledem noch einen angemessenen Preis oder suchen Sie über den Tisch hinaus gar noch Stühle, ein Bett und einen Schrank? Haben Sie schon Abende lang Prospekte studiert und ganze Samstage Möbelhäuser durchforstet? Ich vermute, Sie kommen zu dem Ergebnis: Etwas ist falsch - entweder das Angebot oder Ihr Anspruch.

Im Verlauf einer jahrhundertelangen Entwicklung von Wohnkultur und Möbelbau, nach einem Jahrhundert des Aufbruchs, sozialer Wohnkonzepte und einem radikalen Wandel der Fertigungstechnik mit dem Anspruch »Höchste Qualität in möglichst großer Breite« bleibt wenig bis nichts übrig: eine exklusive schmale und hohe Spitze, die aus einer flächendeckenden Qualitätslosigkeit ragt. Wir haben heute ein breitenwirksames Niveau erreicht, das den Tiefpunkt der für uns überblickbaren Geschichte der Wohn- und Alltagskultur markiert.

An der Spitze der Qualitätsarmut stehen die »Delikatessenläden des Möbelhandels« ,welche jene Schicht bedienen, die selbst nach dem Hausbau noch über Mittel für die Ausstattung verfügt. Die breite Masse wird von »den Großen« versorgt, welche die Niveaulosigkeit, der sie folgen, unablässig selber schaffen. Dazwischen gibt es nichts!
Ein differenzierter, feinkörniger Markt wurde systematisch und erfolgreich aufgerieben. Hier immer weniger »Marken« mit umso höherem Image beladen Häppchen. Dort ein überbordendes Angebot ohne geistigen, intellektuellen oder emotionalen Nährwert.

Zurück bleibt Mangel, Hunger angesichts überquellender Regale. Mangel am Nötigen, mehr als genug vom Überflüssigen. Auf der Strecke bleibt jener Konsument, der, würde man meinen, das Naheliegendste und »Normalste« sucht: ein qualitätsvolles Möbel für entsprechende Kosten.

Was ist passiert? Die Grundidee der Industrialisierung - Serienfertigung in großen Stückzahlen von hoher Qualität - wurde durch die Entwicklung konterkariert. Und zwar in einem Maße, das die Logik der Industrialisierung im Bereich des Möbels infrage stellt. Der Idee industrieller Serienfertigung hat sich eine »andere« Idee von Ökonomie entgegengestellt – die des Konsums und seiner Loslösung von kulturellen Zielen: Diese »Ökonomie« pflegt den Verschleiß als konsumbelebendes Element. Dazu muss die große geistige Befreiungsbewegung des 20 .Jahrhunderts, die Individualisierung, instrumentalisiert werden. Individualität begründet ein vielfältiges Angebot. In Konsequenz wurde aber Qualität durch Quantitäten ersetzt. Einzigartigkeit ist wichtiger als Qualität.

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Für den Beitrag verantwortlich: zuschnitt

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Kurt Zweifelzweifel[at]proholz.at

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