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Artikel

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5. Juni 2013 Neue Zürcher Zeitung
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20. Januar 2012 Neue Zürcher Zeitung
17. Oktober 2011 Neue Zürcher Zeitung
4. Juli 2011 deutsche bauzeitung

Heim als Heimat

Seniorenwohn- und Pflegeheim in Schaffhausen (CH)

Seit Jahren wächst die Zahl älterer Menschen, die in einem Wohn- oder Pflegeheim leben. Das Künzle- Heim ist ein gutes Beispiel für eine gleichermaßen hochwertige wie funktionale Architektur, die einen angemessenen und unterstützenden baulichen Rahmen für den Lebensabend schafft.

»Einen alten Baum verpflanzt man nicht «, lautet ein altes Sprichwort. Doch die Gesellschafts- und Sozialstruktur der mitteleuropäischen Konsumgesellschaften sieht anders aus. Immer mehr alte Menschen verbringen ihren letzten Lebensabschnitt nicht mehr in ihrer vertrauten Umgebung. Stattdessen gilt es für sie, die Tür der eigenen Wohnung, in der sie oft Jahrzehnte gelebt, geliebt und gelitten haben, ein allerletztes Mal hinter sich zu schließen, um in einem Wohn- oder Pflegeheim noch einmal neu anzufangen. Etliche Dinge und noch mehr Erinnerungen bleiben dann zurück. Auf einmal befindet man sich außerhalb des bekannten sozialen Umfelds, kommt in eine größere Gemeinschaft fremder, gleichaltriger Menschen, an einem neuen Ort, der Heim heißt und der erst zu einer Heimat werden will. Wie gut dieser tiefgreifende Einschnitt bewältigt wird, hängt auch von der Qualität dieser neuen Umgebung ab. Das Künzle-Heim am Rand des schweizerischen Schaffhausen schafft durch seine Architektur einen qualitätvollen architektonischen Rahmen, in dem es leichter fällt, heimisch zu werden.

Eingebettet in einen schönen alten Baumbestand, fügt sich das Gebäude in malerischer Hanglage auf Z-förmigem Grundriss in die Schaffhausener Vorstadtatmosphäre ein. Durch die Wahl der Gebäudeform ist es den Zürcher Architekten Roland Frei und Lisa Ehrensperger gelungen, den großvolumigen Baukörper mit seinen 57 Wohneinheiten weniger massiv wirken zu lassen und einen behutsamen Übergang zur kleinteiligen Bebauung der Umgebung zu gestalten. Darüber hinaus entstehen durch die Form des Gebäudes geschützte Außenräume, für das Entree ebenso wie für den sichtgeschützten Demenz-Garten auf der Rückseite.

Seinen Namen verdankt das Seniorenheim der »Künzle Stiftung«. Bereits in den 50er Jahren vom Schaffhausener Pfarrer Richard Künzle gegründet, verfolgt sie das Ziel der Vorsorge für das Alter. Heute befindet sich das Heim in gemeinsamer Trägerschaft der Stiftung (Land und Immobilie) und der Stadt Schaffhausen (Betriebsführung). Der im Herbst 2010 eröffnete Neubau ersetzt ein nicht mehr angemessen ausgestattetes Gebäude der 70er Jahre. Von ihm blieben lediglich die beiden UGs erhalten, die über einem Bahntunnel im Hang stehen. Durch seine Hanglage ist der Baukörper straßenseitig fünfgeschossig, im rückwärtigen Bereich teilweise nur zweigeschossig.

Frei und Ehrensperger haben sich in den vergangenen Jahren mehrfach mit der Bauaufgabe Wohnen im Alter befasst. »Es geht uns dabei um gute Gastgeberschaft«, bringt Roland Frei seine Entwurfshaltung auf den Punkt. Doch wie kann eine Atmosphäre entstehen, in der sich alte Menschen wohlfühlen und die dennoch die notwendigen funktionalen und hygienischen Anforderungen für den Pflegefall erfüllt? Schon bei der Fassade des Künzle-Heims fällt die Qualität der Gestaltung auf. So wird das wie schwebend wirkende gläserne Sockelgeschoss durch eine schlanke Geschossplatte aus Beton geschützt, die wie ein Vordach auskragt. Die Fassade der vier OGs mit ihren Holzständern wird durch eine Lattenkonstruktion aus heimischem Lärchenholz abgeschlossen, die einen schützenden Eisenglimmeranstrich erhalten hat. Die überlappend montierte Lattenkonstruktion belebt die äußerste Fassadenschicht durch ein zartes Relief. So entsteht ein behutsamer Gegenpol zur horizontalen Grundstruktur des Hauses mit seinen auskragenden Geschossbändern. In die gut gedämmte Fassade, die den Schweizer Minergie-Standard erfüllt, sind die großen, quadratischen Laibungen der Fensternischen tief eingeschnitten. Mit ihnen wird eine Zwischenzone definiert, die die Qualität des Übergangs zwischen Natur und Architektur besonders betont, welcher in den Bauten von Frei & Ehrensperger eine hervorgehobene Rolle spielt.

Gehobene Wertigkeit

»Wie ein Baumhaus«, so Roland Frei, fügt sich das Künzle-Heim in den dichten Baumbestand seiner Umgebung ein. Auch im Innern des Gebäudes ist dieser »Baumhauseffekt« erfahrbar. Die mächtigen Glasflächen bieten den Bewohnern ungehinderte Ausblicke in das umgebende Grün – und damit auch räumliche Orientierungspunkte. Zudem sorgen sie dafür, dass die ohne Handläufe gestalteten Flure sehr viel Tageslicht erhalten, ganz als würde es sich um innenliegende Laubengänge handeln. Ergänzt wird diese naturnahe Gestaltung durch die Terrassen, die den Geschossen zugeordnet sind, sowie durch die Materialität, auf die Frei & Ehrensperger besonderen Wert gelegt haben. Das wird gleich in der großzügigen Lobby deutlich. Sie erinnert mit dem mit Ulmenholz verkleideten Empfang, der Bar, dem Restaurant, den Sitzecken und dem Kamin an die Ausstattung eines gehobenen Hotels – und straft übliche Vorstellungen eines Seniorenwohnheims Lügen. Das rund 16 Mio. Euro teure Haus dient zudem als »Quartierdienstleistungszentrum«, von dem aus Pflegedienstleistungen für die Umgebung angeboten werden. Neben einem Fitnessraum, in dem nicht nur für die Bewohner des Heims Kurse im Seniorenturnen angeboten werden, und einem Friseur, verfügt der Bau auch über einen Andachtsraum. Es ist eine schlichte Kapelle, die durch ein Oberlicht vor der Rückwand ihre stimmungsvolle Belichtung erfährt. Doch auch die notwendigen Pflegeeinrichtungen sind vorhanden, zu denen u. a. spezielle Bäder für Pflegbedürftige gehören. Die Gesamtwirkung des Gebäudes ist jedoch keineswegs die eines Heims oder Spitals, sondern eines hochwertig ausgestatteten Boardinghauses. Während der Fußboden in den öffentlichen Bereichen aus grau-braunem Muschelkalk besteht, liegt in den 57 Wohnungen Parkett. Die Wände zu den Wohnungen sind ebenfalls mit Ulmenholz verkleidet, dazu fügen sich die tragenden Betonfertigteile der Nasszellen, die zu den Fluren hin durch die Sandstrahlbehandlung eine raue, haptische Oberfläche besitzen. In jenen Bereichen des Künzle-Heims, wo durch die Hanglage keine Ausblicke in die Landschaft möglich sind, wird diese Rolle durch die Fotografien von Guido Baselgia wahrgenommen. Die fenstergroßen Leuchtvitrinen zeigen schwarz-weiße Luftbilder, die als Berglandschaft ebenso wahrnehmbar sind wie als abstrakte Strukturen.

Gebaute Willkommensgesten

Die Eingangszonen zu den 57 Wohnungen sind durch nischenartige Rücksprünge, eine im Boden eingelassene Fußmatte sowie durch ein Oberlicht gekennzeichnet. So entsteht das Gefühl, dass man vom Flur aus nicht einfach nur ein Zimmer betritt, sondern wirklich über einen kleinen Vorraum in seine eigene Wohnung gelangt. Die farbliche Kennzeichnung der Flure ist dabei äußerst zurückhaltend. Sie beschränkt sich auf die Zimmernummern in den Eingangsnischen, die auf die Wand aufgesetzt und damit ggf. bei eingeschränkter Sehfähigkeit ertastbar sind.

Die Normzimmer im Künzle-Heim messen 26 m² zuzüglich der Badzelle (4 m²) und dem Balkon (3 m²) und sind ohne Kochnische ausgeführt. Die Verpflegung erfolgt über das Restaurant. Zudem gibt es sieben Eckzimmer, die jeweils über mehr Fläche verfügen (34 bzw. 36 m²) samt Kochnische. Durch die Ausführung der Trennwände in Leichtbauweise ist es ohne Schwierigkeiten möglich, etwa für Ehepaare, mehrere Zimmer zu einer Wohneinheit zusammenzufassen, was auch bereits genutzt wird. Alle Wohnungen und Bäder sind behindertengerecht erschlossen. Das besondere an den Wohnungen ist – einmal mehr – der intensive Bezug zur Natur. Die in den Baukörper eingezogenen Balkone sind zu drei Seiten hin verglast, um lange natürliches Licht in die Wohnungen zu lassen. Zudem werden die Räume dadurch optisch aufgeweitet. Ein auberginefarbener Sonnenschutz sowie Vorhänge ermöglichen es demgegenüber die gewünschte Privatheit zu erzeugen. Bis auf einen Einbauschrank im Eingangsbereich obliegt die Möblierung den Bewohnern. Die Kosten betragen zwischen 90 und 110 Euro pro Zimmer und Tag, zuzüglich der Kosten für die Pflegleistungen. Getragen werden sie privat bzw. durch Versicherungsleistungen.

Ergänzt wird das Raumprogramm durch Aufenthalts- und Gemeinschaftsräume. Zum derzeit voll belegten Seniorenheim gehört auch eine abgeschlossene Demenz-Abteilung im ersten OG mit 15 Zimmern, die entsprechend den übrigen Zimmern gestaltet sind, und ein ebenfalls geschützter Demenz-Garten. Mit seinem geschwungenen Pflanzbeet samt Cortenstahlbrüstung und Handlauf bietet er die Möglichkeit eines Rundlaufs bei besonderem Bewegungsdrang der Bewohner.

Gemeinschaftliche Wohnkonzepte

In den Bau des Künzle-Heims eingeflossen sind die Erfahrungen, die Frei & Ehrensperger beim Haus Rabenfluh (2006/08) in Neuhausen am Rheinfall gesammelt haben eingeflossen. Bei diesem in Sichtbeton ausgeführten Altersheim findet sich eine verwandte Z-förmige Grundrissgestaltung sowie eine ähnliche Grunddisposition der Zimmer. Die Fenster- und Balkonflächen, die zu einer ausgedehnten natürlichen Belichtung der Wohnungen beitragen, sind im Haus Rabenfluh mit seinen 50 Zimmern jedoch nicht auf die Baumlandschaft der Umgebung ausgerichtet, sondern auf den Rhein, der talwärts vor dem Haus vorbeifließt. Ausgeprägter ist das Orientierungssystem im Rabenfluh: Die auf beruhigenden Grün- und Gelbtönen basierenden Glastrennwände und Tapeten hat Annelies Štrba entworfen. Zwar ist angesichts des geringeren Gesamtbudgets (12,6 Mio. Euro) die Ausstattung weniger hochwertig. Das Konzept der durch Fenster gefassten Ausblicke in die Landschaft als Erinnerungsanker für die Bewohner wurde aber auch dort umgesetzt.

Ein weiteres Projekt der Planer, das jüngst eröffnete Seniorenwohnen in Bonaduz (Graubünden) wirkt wie eine Steigerung dieses engen Landschaftsbezugs. Die Wohnungen mit Küchennische aus Lärche fügen sich zu einer gebauten Skulptur mit unterschiedlichen Fensterformaten zusammen, die wie Gemälde jeweils den Ausblick in die Berglandschaft einfassen. Mit ihrer anspruchsvollen Architektur schaffen Frei & Ehrensperger auch dort den Rahmen für jene behagliche Gastgeberschaft, mit der für die Bewohner aus einem Heim eine neue Heimat wird.

2. Juli 2011 Neue Zürcher Zeitung
6. April 2011 Neue Zürcher Zeitung
1. April 2011 mit Rolf Bachofner
TEC21

Refugium am Gotthard

Das alte Hospiz auf dem Gotthardpass wurde in den Jahren 2008 bis 2010 zum 3-Sterne-Hotel umgebaut und erweitert. Die Architekten Miller & Maranta und die Bauingenieure Conzett Bronzini Gartmann schufen in enger Zusammenarbeit ein modernes Bauwerk, das wirkt, als habe es schon immer an diesem Ort existiert. Es bettet sich selbstverständlich in den räumlichen und historischen Kontext ein, und seine Schlichtheit widerspiegelt sich in Architektur und Tragwerk.

Die Passhöhe des St. Gotthard ist einer der bedeutenden Schweizer Erinnerungsorte, der zugleich eine europäische Dimension besitzt: Der Pass markiert eine der wichtigsten ökonomischen und kulturellen alpinen Schnittstellen zwischen Norden und Süden – ein Drehkreuz, das mit der neuen Röhre des Gotthardtunnels bis heute nichts an seiner verkehrstechnischen Bedeutung eingebüsst hat. Doch der seit Jahrhunderten andauernde über- und unterirdische Ausbau des Gotthards steht nicht nur für die Verbindung zwischen dem deutsch- und dem italienischsprachigen Raum, sondern auch für die daraus erwachsenden Gefährdungen. Erfahrbar wird dies an den Befestigungsanlagen des schweizerischen Reduits, das auch auf dem Gotthard als Sicherung eines unverbrüchlichen Innersten der Schweiz in Zeiten der Bedrohung gilt. Seine vielschichtige Bedeutung sieht man dem kleinen städtebaulichen Ensemble auf der Passhöhe jedoch auf den ersten Blick nicht unbedingt an. Es setzt sich aus der alten Sust, einst Güterumschlagplatz und heute Museum, dem Hotel «St. Gotthard» und dem Hospiz St. Gotthard zusammen (Abb. 1). Trotz ihrem jahrhundertelangen Bestehen sind die Bauten auf der Passhöhe durch ihre stete Transformation gekennzeichnet. Besonders deutlich wird dies am alten Hospiz, dem baulichen Herzstück der Passhöhe (vgl. Kasten S. 20). Von 2008 bis 2010 wurde das Hospiz umgebaut, renoviert und über eine Dachaufstockung erweitert. Damit hat der Bau seine historische Funktion als Gästehaus zurückerhalten. Mehr noch: Das Hospiz ist selbst zum Berg geworden, kantig ragt es auf der einen Seite empor, und steil stürzt es auf der anderen hinab, während das 25 t schwere Bleidach trutzig schwer auf ihm lagert.

Neue Stahlbetonstruktur in Bestand eingebettet

Den 2005 ausgelobten Studienauftrag zum Umbau des Hospizes gewannen die Basler Architekten Miller & Maranta mit einem Projekt, das die klimatische Ausgesetztheit des bestehenden Volumens thematisiert und die beiden Nutzungen – Hotel und Kapelle – unter einem Dach vereint, die Typologien aber ablesbar belässt.

Ein wichtiger Teil des Entwurfes besteht in der Aufstockung des Daches um eineinhalb Geschosse. Dadurch konnte nicht nur die nötige Fläche für den Hotelbetrieb – 14 Zimmer mit 30 Betten – gewonnen werden, die neue Steilheit des Daches verschafft dem denkmalgeschützten Bau auch innerhalb des Ensembles eine stärkere Präsenz. Im Inneren intervenierten die Architekten, die bereits in der Entwurfsphase eng mit den Ingenieuren von Conzett Bronzini Gartmann zusammenarbeiteten: Die Raumstruktur von 1905 war für einen zeitgemässen Hotelbetrieb nicht geeignet. Daher liessen sie die innere Struktur bis auf das erste Obergeschoss zurückbauen. Innenwände und Dachkonstruktion wurden vollständig abgebrochen, die Fassaden aus gemauerten Steinen blieben dagegen stehen. Ebenso wurden die teilweise mit Stahlprofilen bewehrten Betondecken über dem Erdgeschoss rückgebaut, weil der Stahl stark korrodiert war. Im Südteil blieben lediglich die Steintreppe und die steinerne Fassade mit den historischen Fenstern samt Beschlägen in den unteren Geschossen erhalten, im Nordteil die in den 1980er-Jahren renovierte Kapelle mit ihrer gewölbten Decke. Die bestehenden Mauerwerkswände waren teils mehrschichtig und drohten beim Abbruch auseinanderzufallen. Mit vorbetonierten und bewehrten Wänden konnte man sie sichern und tragfähig machen. Im Bereich der Fenster ersetzte man die morschen Holzstürze durch solche aus Stahlbeton, und über den ersten beiden Geschossen wurde innerhalb der Fassaden eine Holzkonstruktion in Ständer-Bohlen-Bauweise eingefügt. Diese Konstruktion – Innenwände aus Ständern mit Ausfachungen aus liegenden Bohlen, eingefügt in massives Mauerwerk – wird aus Brandschutzgründen im Kanton Uri seit dem 15. Jahrhundert verwendet und besitzt gegenüber anderen Holzkonstruktionen wie dem Strickbau den Vorteil, dass sie aufgrund der vertikalen Pfosten weniger schwindet. Die Trockenbauweise und die Vorfertigung der Elemente im Tal erlaubten eine kurze Montagezeit auf der Baustelle. Zudem optimiert die Holzkonstruktion als isolierende Schicht das Gebäude energetisch. Der Zwischenraum zwischen Holz und Aussenwänden wurde zusätzlich gedämmt.

Die neu erstellten Tragwerkselemente – die ergänzten Aussenwände und das Treppenhaus, das bis ins 4. Obergeschoss den Süd- vom Nordteil des Gebäudes trennt – sind vor Ort unter teilweise unwirtlichen Witterungsbedingungen konventionell in Stahlbeton erstellt worden. Sie stabilisieren zusammen mit den massigen bestehenden Mauerwerkswänden in den unteren Geschossen das Gebäude. Die Decken über Erd- und 1. Obergeschoss wurden mit Stahlbeton erstellt, deren Auflager befinden sich auf den neuen Innenwänden aus Beton und über eingespitzte Nocken in den Aussenwänden aus Mauerwerk. Die Nocken sitzen in den vertikal durchlaufenden Wandpartien, damit die Fensterstürze nicht zusätzlich belastet werden.

Präzise Ausführung und ständige Kontrolle

Das Gebäude weist im Grundriss und im Schnitt eine durch den Bestand vorgegebene unregelmässige Geometrie auf, was eine grosse Anzahl an Betonieretappen bedingte. Die Rohbauetappen der Holzeinbauten waren örtlich voneinander getrennt; Nord- und Südteil wurden unabhängig voneinander hochgezogen und treffen sich erst im 5. Obergeschoss. Deshalb erarbeiteten die Bauingenieure eine Datei, in der sie alle Geometriedaten verwalteten und die komplexen Zusammenhänge prüften. Über ein durch eine professionelle Bauvermessung erstelltes Messsystem konnten sie die Ist- und Solllagen der Absteck- und Kontrollpunkte ständig miteinander vergleichen und, falls erforderlich, Massnahmen ergreifen.

Vorgefertigtes Innenleben aus Holz

Die neue Holzkonstruktion, die in die massive Hülle gesetzt ist, reicht bis unters Dach (Abb. 11 und 13) und überzeugt durch ihre handwerkliche Präzision. Die Konstruktion ist unbehandelt im Inneren sichtbar und trägt die Eigen-, Auf- und Nutzlasten sowie die Dachlasten bis auf die Stahlbetondecke über dem 2. Obergeschoss auf der Südseite respektive die Stahl-Beton-Verbundträger auf der Nordseite ab. Die im Werk vorfabrizierten Elemente beinhalteten die Tragkonstruktion, die Schalung der Innenverkleidung, die Dämmungen, Beplankungen und Elektroinstallationen sowie die Ausholzungen für die Sanitärgeräte. Sie weisen also einen hohen Vorfertigungsgrad auf – gerechtfertigt durch die geplante kurze Montagezeit von nur zehn Tagen im September, während der mit schlechtem Wetter gerechnet werden musste. Die Vorfabrikation war vor dem Start der Abbrucharbeiten bereits abgeschlossen.

Die vertikal durchlaufenden Ständer in der Holzkonstruktion sind lediglich durch Stirnholzstösse unterbrochen. Indem die Bauingenieure auf die Schichtung von liegendem Holz verzichteten – was schwindanfälliger ist –, werden die Setzungsdifferenzen der Holzeinbauten gegenüber der Betonkonstruktion minimiert (Abb. 14). Das Stützen-Träger-System wird durch eingeschlitzte Bleche und Stabdübel zusammengehalten und durch die sie umfassende Betonkonstruktion stabilisiert. Die gesamte Holztragkonstruktion weist über die Beplankung aus Holzwerkstoffplatten zwar ebenfalls eine eigene Stabilität auf, diese haben die Bauingenieure aber rechnerisch nicht berücksichtigt.

Die Dachkonstruktion besteht aus Pfetten, die über den Hauptachsen der darunter liegenden Holzkonstruktion angeordnet sind. Auf diesen Pfetten wurden Sparren und Schifter montiert (Abb. 15). Die Sparren weisen einen für diese Höhenlage ungewöhnlich grossen Abstand von über einem Meter auf, wodurch die Gauben dazwischengesetzt werden konnten und auf im Anschluss aufwendige Auswechslungen verzichtet werden konnte. Die Sparrenabstände werden durch eine doppelt geführte Dachschalung von je 30 mm Stärke überbrückt, zwischen der sich die Unterdachfolie und die Konterlattung befinden.

Drei Jahre Bauzeit – zwei kleine Zeitfenster

Der Gotthardpass ist etwa ab Anfang Mai bis Mitte Oktober geöffnet, in der restlichen Zeit besteht kein fahrbarer Zugang. Zudem ist in dieser Höhenlage während des ganzen Sommers kurzfristig mit Schneefall zu rechnen. Diese Witterungsverhältnisse bedingten kurze Baufenster für das Gebäude mit seinen hohen architektonischen Anforderungen. Zusammen mit der komplexen Geometrie des Bestandes und den langen Anfahrtswegen stellten dies Rahmenbedingungen dar, die von den Planenden und Ausführenden ein durchdachtes und exaktes Vorgehen und Arbeiten verlangten. Die Umsetzung des Bauvorhabens wurde daher gezielt von Anfang an in zwei je vier bis fünf Monate lang dauernden Etappen in einem Zeitraum von zwei Jahren geplant.

2008, im ersten Jahr, erfolgten der Abbruch sowie die Rohbauarbeiten bis zum winterdichten Dach und provisorischen Verschluss der Fenster. Nach einer Massaufnahme der erstellten Betonkonstruktion wurden die Montageachsen und Koten des Holzbaus vermessungsseitig abgesteckt. Zuerst wurden die Elemente der Südseite montiert und mit der Dachkonstruktion abgedeckt. Eine zweite Gruppe bereitete die Montage auf der Nordseite vor, die ebenfalls in kurzer Zeit erfolgte. Der Zusammenschluss beider Dachseiten im 5. Obergeschoss offenbarte die genaue Arbeit der Beteiligten. Anschliessend verlegten die Ausführenden die Unterdachabdichtung und schlossen diese wind- und wasserdicht an das Mauerwerk an – womit das Bauwerk für den unmittelbar folgenden Winter vorbereitet war. Im zweiten Jahr erfolgten die Fertigstellung der Fassade und der Dacheindeckung sowie der gesamte Innenausbau. Im dritten Jahr waren nur noch kleinere Fertigstellungsarbeiten vorgesehen. Am 1. August 2010 erfolgte die offizielle Eröffnung.

Das einheitliche Bild wiedererlangt

Im Umgang mit dem alten Hospiz zeigt sich die architektonische Grundhaltung von Miller & Maranta, die die Moderne nicht als einen unversöhnlichen Gegensatz zur Tradition begreift, sondern als deren zeitgemässe Fortführung und qualitätvolle Weiterentwicklung. Diese Zuwendung drückt sich in Details wie dem eisernen Handlauf im Treppenhaus ebenso aus wie in den neuen Wandleuchten mit ihrem alpinen Rückbezug (Abb. 16). Die Zimmermannsarbeit im Inneren ist sichtbar und trägt mit ihrem Duft nach Holz noch zur Sinnlichkeit des Baus bei. Auch die Möblierung der Zimmer – die in Alkoven platzierten Betten aus Fichtenholz, die schwarzen Bugholzstühle und die Stehleuchten von Andreas Christen von 1958 – unterstützt die einem Hospiz gerechte archaische Stimmung (Abb. 17). Das Treppenhaus und die Gemeinschaftsräume im massiven Teil des Baus sind mit einem schimmernden Kalkputz versehen, die Nasszellen der Gästezimmer mit einem wasserfesten, schwarzen Anstrich behandelt.

Spürbar wird die verbindende Haltung vor allem auch in der Art und Weise, in der sich das neue Dach auf das alte Hospiz legt. Die Architekten haben Kapelle und Hospiz unter dem auf den Wetterseiten 52 ° steilen Dach mit einer Eindeckung aus Bleibahnen optisch zu einer Einheit zusammengefasst. Grau und schwer ist es, durchbrochen von Dachgauben, die sich wie mit angezogenen Schultern geduckt hervorheben, um dem Wind und dem Schnee nicht zu viel Angriffsfläche zu bieten (Abb. 2). So liegt eine Selbstverständlichkeit in der architektonischen Gestaltung des neuen alten Hospizes, die den vorhandenen Charakter des Gebäudes unterstützt und stärkt und ihm damit seine ursprüngliche Bedeutung für den Ort zurückgibt.

2. Februar 2011 Neue Zürcher Zeitung
20. Januar 2011 Neue Zürcher Zeitung

Publikationen

2021

Münchner Volkstheater
Lederer Ragnarsdóttir Oei

Wie baut man eigentlich ein Volkstheater? So einfach wie nötig, um beim Publikum keine Schwellenangst aufkommen zu lassen, und so schick wie möglich, weil Theater nicht nur auf der Bühne Inszenierung bedeutet. So lautet die Antwort des Architekturbüros Lederer, Ragnarsdóttir, Oei (Stuttgart) und des
Hrsg: Hans-Jörg Reisch, Andreas Reisch
Autor: Jürgen Tietz
Verlag: avedition GmbH

2021

Essenz
Winking · Froh Architekten

Seit 20 Jahren bearbeiten Bernhard Winking und Martin Froh in Europa und China das gesamte Spektrum architektonischer und städtebaulicher Aufgaben. Mit ihrer preisgekrönten Sanierung der Spiegel-Insel sowie der Ergänzung der Esplanade in Hamburg zeigen Winking · Froh Architekten vorbildlich, wie es gelingt,
Hrsg: Jürgen Tietz
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

TXL. Berlin Tegel Airport

Berlin-Tegel TXL ist der Flughafen der kurzen Wege, eine Ikone der modernen Architektur. Mit seiner markanten sechseckigen Form und dem Prinzip des Gate-Check-in hat Tegel Luftfahrtgeschichte geschrieben. Tegel, das war das heiss geliebte Fenster der ummauerten Inselstadt Berlin (West) in die weite Welt.
Hrsg: Jürgen Tietz, Detlef Jessen-Klingenberg
Verlag: Park Books

2015

Meinhard von Gerkan – Biografie in Bauten 1965–2015
Die autorisierte Biografie

Über 200 Projekte hat Meinhard von Gerkan als Mitgründer des Architekturbüros gmp – von Gerkan, Marg und Partner realisiert, angefangen vom berühmten Drive-to-your-gate-Flughafen Berlin-Tegel über den Berliner Hauptbahnhof bis hin zum Chinesischen Nationalmuseum in Peking. Weniger bekannt, doch nicht
Autor: Jürgen Tietz
Verlag: JOVIS

2015

Meinhard von Gerkan - Vielfalt in der Einheit
Die autorisierte Biografie

Die Biografie Meinhard von Gerkans beschreibt eine beeindruckende deutsche Nachkriegskarriere, die vom Flüchtlingswaisen bis zum internationalen Stararchitekten geführt hat. Zusammen mit seinem Partner Volkwin Marg, mit dem er 1965 in Hamburg das Architekturbüro gmp gründete, zählt Meinhard von Gerkan
Autor: Jürgen Tietz
Verlag: JOVIS

2004

Botschaften in Berlin

Die zweite, aktualisierte Auflage präsentiert auch die jüngst fertiggestellten Gebäude des Oman und der Vereinigten Arabischen Emirate sowie die Botschaft der Niederlande von Rem Kohlhaas. Mit dem Umzug von Bundesregierung und Parlament nach Berlin verlegten die meisten ausländischen Vertretungen ihre
Hrsg: Jürgen Tietz, Kerstin Englert
Verlag: Gebr. Mann Verlag