Architekturtage in Österreich: Die oft geheime Architektur unseres Alltags
Wasserleitungen, Bahntrassen, Brücken und Energiesysteme sichern das Funktionieren einer Gesellschaft, bleiben aber meist unsichtbar. Die Architekturtage werfen jetzt einen ausführlichen Blick darauf.
Alle zwei Jahre finden in ganz Österreich die Architekturtage statt, ein „Festival für Baukultur und Ingenieurtechnik“, wie es im Untertitel heißt. Von „ganz Österreich“ kann man insofern sprechen, als es in jedem Bundesland ein eigenes Programm gibt, das sich mit einem gemeinsamen Thema befasst. Der Gegenstand der Architekturtage ist immer derselbe, nämlich die Qualität der gebauten Umwelt, wobei „gebaut“ sehr weit gefasst ist: Die gestaltete Landschaft und der öffentliche Raum gehören ebenso dazu wie Straßen, Brücken und der gesamte Bestand an Häusern, in denen im Zuge der Urbanisierung immer mehr Menschen den Großteil ihres Lebens verbringen.
Das Jahresthema legt einen Blickwinkel fest, unter dem diese gebaute Umwelt betrachtet wird. Im Jahr 2024 war das Thema „Geht’s noch? Planen und Bauen für eine Gesellschaft im Umbruch“. Dabei ging es um die Klimakrise und ihre Folgen, um das Bauen in und mit dem Bestand, aber auch um Mobilität, Kreislaufwirtschaft und Energieraumplanung. Bei den aktuellen Architekturtagen geht es um den Begriff der Infrastruktur, der historisch vor allem die unsichtbaren Teile der gebauten Umwelt meint, heute aber oft verwendet wird, um etwas als unverzichtbaren „Unterbau“ (so die wörtliche Übersetzung des Begriffs) zu deklarieren. Der Langtitel der Architekturtage 2026 – „Infrastrukturen des Alltags. Was uns verbindet“ – deutet schon an, dass es hier nicht nur um technische Infrastrukturen wie das Kanalsystem geht, so faszinierend das im Detail sein mag, sondern auch um die Bedeutung, die eine Gesellschaft diesen Systemen zumisst. Wenn Infrastruktur den Status des Unverzichtbaren erreicht hat, darf sie auf Erhaltung hoffen, „whatever it takes“. Vor diesem Hintergrund bezeichnen sich auch Großbanken inzwischen als „kritische Infrastruktur des Finanzwesens“.
Infrastruktur der Architektur
Auf die Gefahr hin, den Begriff zu überdehnen, könnte man auch den Trägerverein der Architekturtage als „Infrastruktur der Architekturvermittlung“ bezeichnen. Er ist das Ergebnis einer auf das Jahr 2000 zurückgehenden Kooperation zwischen der Kammer der Ziviltechniker:innen auf der einen und der Architekturstiftung Österreich auf der anderen Seite. Die Kammer wollte damals ein Zeichen setzen, dass sie mehr ist als eine Berufs- und Interessenvertretung, dass sie im Kontakt mit einer breiten Öffentlichkeit wichtige Themen der Zeit aufzugreifen imstande ist. Die Stiftung, in der Architektur-Vermittlungsinstitutionen aus allen Bundesländern verbunden sind, vom Vorarlberger Architektur Institut im Westen bis zum Architektur Raumburgenland im Osten, war dafür der ideale Partner. Die ersten Architekturtage fanden im Herbst 2002 statt. „Jetzt ist alles offen!“, lautete damals der Slogan, mit dem man „neugierige Stadtbewohner, global denkende Lokalpatrioten und ambitionierte Bauherren“ anlocken wollte. Offen waren für die Architekturtage viele Bauten, darunter auch solche, zu denen man sonst schwer Zugang bekommt, sowie die Büros von Ziviltechniker:innen, die ihren potenziellen Kunden und Nutzern vor Ort vermitteln wollten, wie Architektur entsteht.
Ein Opfer des Erfolgs
Anfangs waren diese Ateliers ein zentraler Baustein der Architekturtage mit großem Angebot. Allein in der Steiermark öffneten 43 Büros. Dieses Format wurde Opfer seines Erfolgs, weil es für ein so großes Angebot nicht genug Interessierte gab. Heute beträgt die Gesamtzahl der offenen Ateliers in ganz Österreich knappe 70, darunter sechs aus dem Bereich Landschaftsplanung und drei aus der Tragwerksplanung. Verständnis für die Sache Architektur und für die Rahmenbedingungen ihrer Produktion kann aber auch außerhalb der Ateliers vermittelt werden, wenn die Programmpunkte gut kuratiert sind. Deshalb setzen die Programme auch oft auf Führungen mit mehreren Stationen, in denen nicht nur Einzelobjekte bestaunt werden, sondern auch ihre Rolle in der Entwicklung eines Viertels transparent gemacht wird.
Beim Thema Infrastruktur kommt hinzu, dass es kaum etwas zu sehen gibt, zumindest, wenn man den Begriff eng fasst. Der Hochstrahlbrunnen auf dem Wiener Schwarzenbergplatz ist zwar ein attraktiver Aufenthaltsort, der eigentliche Star ist hier aber die Wiener Hochquellwasserleitung, für die die Stadt Wien gerade in Neusiedl am Steinfeld in Niederösterreich den weltweit größten geschlossenen Wasserspeicher errichtet, der 140 Meter in die Tiefe reichen und eine Milliarde Liter Volumen haben wird. (Auf dem Programm der Architekturtage steht sein kleiner Bruder am Wienerberg, der 160 Millionen Liter fasst.) Wie bei vielen Infrastrukturen steht hier nicht das gebaute Objekt im Zentrum, sondern der Fluss von Materie und Energie: Wasser, Strom, Verkehr – immer geht es ums Fließen. Das heißt nicht, dass die Elemente der Infrastruktur unsichtbar bleiben müssen: Brücken, Kraftwerke, Umspannwerke und Ähnliches können durchaus Gestaltungsaufgaben sein.
Die Monumentalität von Getreidesilos und Kraftwerken
Architekten der klassischen Moderne wie Erich Mendelsohn und Walter Gropius waren fasziniert von der Monumentalität von Getreidesilos und Kraftwerken, deren Qualität sich ohne baukünstlerische Absicht rein aus der Eigenlogik der Aufgabe ergab. Diese Idee einer Architektur ohne Architekten hat ihre Faszination bis heute nicht verloren, und sie hat bei den aktuellen Architekturen einige starke Auftritte. Die Häuser der Architektur in Graz und Klagenfurt reisen mit der neuen Koralmbahn, zu deren beeindruckendsten Elementen die vom Ingenieurbüro FCP Fritsch Chiari und Partner geplante Brücke zur Überquerung der Drau gehört. Mit ihrer leichten Krümmung und den konisch geformten Stützen hat sie hohe skulpturale Qualität. Wirklich absichtslos ist ihre Form zwar nicht, aber doch stark von den enormen Kräften definiert, die hier wirksam sind.
Ein autonomes Brückenbauwerk
Dass es auch ohne diese Kräfte produktiv sein kann, eine infrastrukturelle Ästhetik zu nutzen, beweisen Querkraft Architekten mit dem Museum Liaunig, das als autonomes Brückenbauwerk in der Landschaft an der Drau sitzt und an beiden Seiten spektakulär auskragt. Die Anlehnung an die Ästhetik des Ingenieurbaus ist hier nicht oberflächlich, sondern konsequent vom Baukörper bis zu den Details des Tragwerks und der Konstruktion durchgehalten. Für die Tragwerksplanung waren hier Werkraum Ingenieure verantwortlich. In der gegenseitigen Befruchtung von Architektur und Ingenieurbau liegt jedenfalls ein hohes Potenzial.
Die Gestalter unserer zukünftigen Umwelt werden die Präzision von Raketeningenieuren mit der Geduld von Gärtnern verbinden müssen.