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Profil

Architekturstudium an der TU Graz
Mitarbeit in Architekturbüros in Wien und Graz (Hermann Czech, Alfred Bramberger, Manfred Wolff-Plottegg und Heinz Wondra)
1990 Ziviltechnikerprüfung
Seit 1992 Architekturpublizistin in in- und ausländischen Fachzeitschriften, seit Herbst 2000 auch für das Presse Spectrum
1997 Hochschulkursus für Kulturjournalismus und kulturelle Öffentlichkeitsarbeit am ICCM in Salzburg.
1997 – 1998 Öffentlichkeitsarbeit für die Sektion Architekten der Ingenieurkammer für Steiermark und Kärnten.
2001 – 2004 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt
2004 – 2009 Inhaltliche Redaktion von www.gat.st
2008 Gründung von architektouren-graz/ljubljana

Lehrtätigkeit

Seit 1996/97 in loser Folge Lehraufträge an der TU Graz, z.B. Grundlagen der Gestaltung, Architekturkritik und Ausgewählte Kapitel Architekturtheorie

Mitgliedschaften

Mitglied von Guiding architects

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Artikel

13. Juli 2013 Spectrum

Das Rad– ein Haus

Sie sind unter uns!“ – Nein, das neue Kulturzentrum im slowenischen Dorf Vitanje beherbergt keine Aliens, sondern hat die „Kulturisation“ des Weltraums im Sinn. Ein architektonisches Erlebnis der anderen Art.

Zugegeben, es gäbe Dringlicheres zu beschreiben. Selbst die Krise konnte das Baugeschehen nicht in ein Sommerloch stürzen. Berichte stünden an: von geplanten Investorenprojekten an höchst sensiblen innerstädtischen Plätzen in Graz, die dem öffentlichen Raum die kalte Schulter zeigen werden – geschlossene Fassaden, privatisierte Erdgeschoßzonen, vom Boom der baulichen Verdichtung zentraler Flächen mit Mittelmaß und Wenigem, das darüber hinaus ragt. Zu erzählen wäre vom zarten Sprießen kleiner, feiner Beherbergungsbetriebe im südsteirischen Weinland. Doch davon ein andermal.

Wovon heute berichtet wird, verlangt dem Leser Ausflugslaune ab, will er diesen Ort und seine neue Attraktion erkunden. Wir fahren in das slowenische Dorf Vitanje, südwestlich von Maribor am Fuß des Bacherngebirges. Dort ist neben Kuhweiden und Streuobstwiesen, zwischen Bach, Fußballplatz und Dorfstraße ein Fremdkörper gelandet – Landnahme eines Raumschiffs oder eines Unbekannten-Flug-Objekts?

Selbst wenn man von dem außergewöhnlichen Bauwerk, das sich „Cultural Center of European Space Technologies“ nennt, schon gehört oder gelesen hat, ist man vor Ort erstaunt ob seiner Größe, die sich gar nicht einfügen will in die kleinteilige dörfliche Bebauung, sondern sich selbstbewusst und singulär positioniert wie die Kirche oben auf dem Hügel und die gotische Peter und Paul-Kirche – drei Orte, die ein unsichtbares Dreieck aufspannen.

Tatsächlich ist es die gebaute Vision zweier kreativer Köpfe, des Designers Miha Turšič, der heute Direktor des Zentrums, ist und des slowenischen Theatermachers Dragan Živadinov, der sich seit 20 Jahren intensiv mit dem heimatlich mit Vitanje verbundenen, 1892 in Pula geborenen Raumfahrtpionier Herman Potočnik und seinen Visionen von der bemannten Fahrt ins All beschäftigt. Seine überraschend umfassend und konkret durchdachten und illustrierten Vorstellungen fasste dieser im Buch „Das Problem der Befahrung des Weltraums“ zusammen, das 1928 unter dem Pseudonym Hermann Noordung veröffentlicht wurde. In Jahr darauf starb der Wissenschaftler verarmt in Wien, seine Ideen wirken jedoch bis heute nach. Das Prinzip heute üblicher geostationärer Satelliten baut darauf auf. Wernher von Braun hat sich in seiner Arbeit auf ihn berufen. Der erste Satellit auf einer geostationären Umlaufbahn wurde 1964 exakt in jene Position gebracht, die Potočnik errechnet hatte. Die Raumstation in Stanley Kubricks Film „2001 – A Space Odyssee“, der auf einem Roman des technisch versierten Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke beruht, ähnelt eindeutig dem „Bewohnbaren Rad“, der ringförmigen Noordung'schen Raumstation mit einem Durchmesser von 30 Metern, die der friedlichen Erforschung des Weltraums dienen sollte.

Potočnik macht sich über die möglichen Seelenzustände von Raumfahrern in der Schwerelosigkeit Gedanken und warnt vor der Gefahr, dass Raumfahrt und Raketentechnologie für militärische Zwecke missbraucht werden. In diesem Wertebild sieht Živadinov, die treibende Kraft der Realisierung, ein geeignetes Vorbild für die Einrichtung einer Institution, die Forschung und Kunst verbinden, Wissenschaftler und Künstler zusammenbringen will – ein Programm zur „Kulturisation“ des Weltraums. In jahrelanger Überzeugungsarbeit gelang es den beiden, für das Vorhaben die Gemeinde und ihre Bewohner, die Republik Slowenien sowie die EU, die das 2,8 Millionen teure Gebäude maßgeblich mitfinanzierte, zu gewinnen. Das Kulturzentrum, in der slowenischen Kurzform KSEVT, will ein Generator von sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Aktivitäten sein. Es soll permanente und wechselnde Ausstellungen beherbergen, Ort für Symposien und Forschungsort für Studierende sein.

Auch die architektonische Entstehungsgeschichte des Gebäudes ist ungewöhnlich. Bevk Perovic, Dekleva Gregoric, OFIS und Sadar Vuga wurden ursprünglich zu einem Wettbewerb eingeladen, doch die vier international bekanntesten slowenischen Architekturbüros verweigerten zu konkurrieren und schlugen stattdessen vor zu kooperieren. Und tatsächlich wurde das Bauwerk in zahlreichen Workshops und Sitzungen vom Entwurfskonzept bis zur Ausführungsplanung gemeinsam entwickelt. Seiner Erscheinungsform ist unschwer abzulesen, dass sie von Potočniks Wohnrad der geostationären Raumstation inspiriert wurde. In einem kreisrunden Grundriss formt eine sich im Anstieg aufweitende Rampe die Ausstellungsfläche und zugleich den äußeren Ring um eine ebenfalls ringförmige, schmale Funktionseinheit, in der die Treppen, der Lift und Nebenräume zwischen zylindrischen Sichtbetonwänden verschwinden. Diese wiederum umfassen eine zentrale Halle, in der die Musikschule auftritt und Bälle und Konferenzen stattfinden.

Ins Dreidimensionale eines Gebäudes übersetzt, wird die Entwurfsidee zum komplexen räumlichen Gebilde aus zwei Zylindern, deren äußerer schräg über den inneren gestülpt ist. Steht man auf dem Vorplatz, entsteht im Kopf des Betrachters eine Rotationsdynamik, die durch einen äußersten, gegengleich geführten Ring verstärkt wird. Hinter einer aluminiumblechverkleideten Brüstung verbirgt sich der Abgang von der begehbaren Dachlandschaft, die als Ausstellungsfläche einbezogen werden kann.

In seiner ersten Ausstellung „100 monumentale Einflüsse“ stellt das KSEVT derzeit das visionäre Werk des vergessenen Visionärs Herman Potočnik Noordung in den Rahmen der Entstehungsgeschichte der Raumfahrttechnik bis heute – vom Direktor Miha Turšič als Designer sehr anschaulich und ästhetisch in Szene gesetzt. Ein weiteres Ergebnis der Suche nach Identität des jungen Staates wird eine Präsentation von großen slowenischen Köpfen sein.

Eine Veranstaltungsstruktur findet sich in dem im September 2012 eröffneten Haus noch nicht. Man würde sich wünschen, dass es sich tatsächlich zum Dampfkessel für neue Ideen einer fruchtbaren Verbindung von Wissenschaft und künstlerischer Tätigkeit entwickelt, dass es von den Bewohnern von Vitanje intensiv genützt wird und dass es zwar grenzenlos produktiv, im ökonomischen Sinn jedoch herrlich uneffizient existieren darf, ohne Schielen auf Besucherzahlen, Quote und Amortisation. Ein Gegenpol zu all der Investorenarchitektur, die uns glauben macht, dass das Ergebnis visionären Denkens Profitmaximierung ist.

27. April 2013 Spectrum

Oslo goes global

Norwegen ist mehr als unberührte Landschaft – vor allem die Ölindustrie floriert. Um sich international besser zu positionieren, wurde 2008 ein Umbau von Oslo gestartet. Das kann einmal gut und einmal weniger gut aussehen.

Der Kandidat der Millionenshow zögert keine Sekunde. Seinen Gewinn würde er in ein Ferienhaus in Norwegen investieren, in der unberührten Landschaft der Hochebene zwischen Oslo und Bergen. Hierzulande wird Norwegen erst mal mit Natur assoziiert: mit glasklarem Wasser, tief eingeschnittenen Fjorden und Gebirgsketten, die das Land von Nord nach Süd durchziehen. Weder die Ölförderung noch der Walfang kann an Norwegens Image rütteln. Tatsächlich ist das Land dünn besiedelt, und 75% der Bevölkerung konzentrieren sich in städtischen Zentren im Südteil des Landes. Oslo hat rund 610.000 Einwohner. Die weitreichend grüne Küstenlinie des Oslofjords, unzählige Seen im bewaldeten Hochland, das die City landwärts einrahmt, machen sie zur grünsten Hauptstadt Europas.

Auch nach der ersten enormen Wachstumsphase mit der einsetzenden Industrialisierung ab 1855, in der die damals Christiania genannte Hauptstadt von 35.000 auf 230.000 Bewohner anschwoll, ist die 1925 wieder in Oslo umbenannte Stadt bis 1960 kontinuierlich gewachsen. Dass die Stadt derzeit, trotz des Niedergangs der Schiffsbauindustrie, jährlich wieder um mehr als zwei Prozent wächst, ist Norwegens Reichtum durch das Öl geschuldet, der den Dienstleistungssektor stetig wachsen lässt. Auch deshalb startete die Kommune vor zehn Jahren die Planung für einen riesigen Stadtumbau. Mit „Fjordjbyen“, der Fjordstadt, wurde 2008 ein Regulierungsplan abgesegnet, der Oslos Wasserfront total umstrukturieren wird. Im Westteil wie im Osten der Stadt entstehen aufeiner Gesamtfläche von 225 Hektar derzeit neue Quartiere, wo bis vor Kurzem Containerhäfen, Lagerhallen und Werften den Zugang vom angrenzenden Stadtzentrum zum Hafengebiet und damit zum Wasser noch nahezu völlig abgeriegelt haben.

Jedes einzelne der dreizehn Projekte, die sich über eine Uferlänge von mehr als zehn Kilometern aneinanderreihen, soll als gemischtes Quartier mit Wohn- und Büronutzung, Geschäften und Freizeiteinrichtungen entwickelt werden, aufgelockert durch Gebäude mit kultureller Nutzung und verbunden durch eine attraktive, autofreie Uferpromenade. Ghettoisierung will man vermeiden. Am ersten, gerade fertiggestellten Projekt Tjuvholmen, früher ein Sperrgebiet, lässt sich dieser Anspruch überprüfen. Die immer wieder künstlich vergrößerte Halbinsel vor dem Viertel Aker Brygge, in den 1990ern im Stil der Londoner Docklands transformiert, wurde von der Stadt nach dem Konzept eines übergeordneten Investorenwettbewerbs parzelliert und verkauft. Heute flaniert man entlang einer Magistrale mit bis zu achtgeschoßiger Bebauung, die in den Erdgeschoßzonen Urbanität mit Cafés, Geschäften und Restaurants herzustellen versucht und auf Vielfalt durch die Addition von Einzelentwürfen setzt. Ein Kanal durchzieht das Quartier, man passiert ein Hotel und Wohnbauten, in denen möglichst viele der Wohnungen verkaufsfördernd mit Meerblick ausgestattet sind, ehe man an die offene Wasserfront gelangt.

Dort bilden ein marmorverkleideter Luxuswohnbau und Renzo Pianos Kunstmuseum für die bedeutende private Astrup Fearnley Collection den grün umrahmten Abschluss einer durchaus ambitionierten Investorenarchitektur, die selbst das Museum in einen kommerziellen Trakt mit Büroflächen und zwei museal genützte Gebäude teilt. Ensemblewirkung soll durch die riesigen, miteinander verbundenen gläsernen Dachsegel entstehen. Das große Plus: Autos bleiben im gesamten Areal weitgehend ausgesperrt, Straßen und Kais sind in der warmen Jahreszeit attraktive Freiräume. Eine gezielte Aufwertung braucht der einst vernachlässigte, von Industrieanlagen stark kontaminierte östliche Stadtteil Bjørvika nach dem Bau der Norwegischen Nationaloper von Snøhetta nicht mehr. Sie, die mit ihrer horizontalen Ausrichtung einen demokratischen Zugang zur Kultur für alle symbolisieren will, steht heute in jedem touristischen Prospekt an erster Stelle, ist jetzt schon der größte Anziehungspunkt des Viertels und wird das sicher auch nach dem gesamten Stadtumbau bleiben. Das riesige, mit weißem Carrara-Marmor belegte Bauwerk ist viel mehr als ein Produktions- und Aufführungsort von Oper und Ballett geworden – es ist eine von Besuchern belebte künstliche Landschaft, die bis ans Wasser reicht, Aussichtsplattform, Laufparcours, Treffpunkt und Rastplatz. Nur eines ist sie nicht: monumental.

Auch dieser Teil der Fjordcity, in dem Kulturbauten das Ufer dominieren sollen, ist weitgehend autofrei geplant. Für eine schwellenlose Verbindung mit der City hat man mit unvorstellbar großem technischem Aufwand eine Hauptverkehrsachse in einen Unterwassertunnel im Hafenbecken verlegt. Derzeit wird die alte Straße lärmend rückgebaut und eine Brückenabfahrt verlegt. Der dahinter liegende Zentralbahnhof soll bei laufendem Betrieb in den nächsten zehn Jahren nach einem siegreichen Entwurf des international besetzten norwegischen Architekturbüros Space Group fast zur Gänze erneuert werden. Mit verdoppeltem Volumen wird er Büroflächen, ein Konferenzhotel und eine Shoppingmall enthalten.

Zwischen den Bahngleisen und der Wasserfront, schräg hinter der Oper, wird gerade ein Projekt fertiggestellt, das dem per Zug Ankommenden sogleich ins Auge sticht: Barcode nennt sich der Büro- und Wohnkomplex aus mehreren tiefen, dicht nebeneinander stehenden Hochhäusern nach einem Masterplan, den MVRDV mit dem norwegischen Büro a-lab und Dark Architekten entwickelt hat. Finanzdienstleister und Unternehmensberater wie PricewaterhouseCoopers sind dort in den ersten acht Etagen vertreten, darüber wird die Mischstruktur von Wohngeschoßen mit Terrassen und großzügigen, begrünten Einschnitten abgelöst. Auch Snøhetta hat hier ein Objekt geplant.

Mit Barcode wird Oslo endgültig global. Es könnte überall in der Welt stehen – nur hier, knapp hinter der Wasserfront, scheint es fehl am Platz. Trotz linearer Anordnung, die laut Baubeschreibung die Verbindung zwischen Fjord und Stadt unterstreichen soll, nimmt die dichte Bebauung nämlich dem dahinter liegenden, leicht ansteigenden Ostteil des Viertels Grünerløkka, das flach bebaut ist, den Blick zum Wasser. Selbst von den die Stadt einrahmenden Hügeln ist der Blick nun eingeschränkt, und so verwundert es nicht, dass sich gegen dieses Projekt riesige Proteste formierten, die augenscheinlich nicht gefruchtet haben. Es mag konservativ scheinen, diesem Beispiel einer auch in Oslo notwendigen Stadtverdichtung ablehnend gegenüberzustehen. Doch die Stadt ist weitgehend flach bebaut. Was Snøhetta bei der Oper bewusst berücksichtigt hatte, wird durch Barcode nun für viele ausgeblendet: der Horizont am Wasser. Die Bewohner der Luxuswohnungen, erste Reihe fußfrei, wird das kaum stören.

28. Februar 2013 deutsche bauzeitung

Wohlbefinden für alle

Hallen- und Freibad mit Wellnessbereich in Graz (A)

Statt ein im Quartier beliebtes Hallen- und Freibad von Grund auf zu sanieren, entschied sich die Stadt Graz für die wirtschaftlichere Variante eines Neubaus. Entstanden ist ein Sportbad mit Wellnessbereich, das sich sowohl durch ein komplexes Raumprogramm als auch durch seine leichte und lichtdurchflutete Atmosphäre auszeichnet. Die Besucher strömen aus allen Stadtteilen.

Es war lange bekannt: Hallenbad und Sauna der Badeanlage aus den 70er Jahren waren desolat, ihr Betrieb nur mit extrem hohen Kosten aufrechtzuerhalten. Ein umfassendes Sanierungskonzept erwies sich als zu teuer und nicht in allen Punkten umsetzbar. Die Verwirklichung eines Orts modernster Badefreuden im einst bedeutenden Arbeiterbezirk Eggenberg im Grazer Westen scheint uns heute folgerichtig, ist aber dennoch bemerkenswert, weil sie auch als Bekenntnis der Stadt gelesen werden kann, sich das kommunale Angebot an Freizeitgestaltung viel Geld kosten zu lassen. Von Anfang an wurden bei diesem Projekt »Nägel mit Köpfen« gemacht – die Stadt als Bauherr und die Freizeitbetriebe der Stadtwerke als Auftraggeber erarbeiteten gemeinsam ein ambitioniertes Programm, Kosten wurden annähernd richtig geschätzt (was heute nicht immer selbstverständlich ist) und ein zweistufiger, EU-weit offener Wettbewerb wurde ausgeschrieben. Wassersportverbände, Schulen und sportliche Einzelkämpfer sollten mit einem wettkampftauglichen 50-m-Becken im Hallenbad angezogen werden, Freunde von Dampfbad und Saunakultur mit einem »Update« des Angebots von der einfachen Sauna bis hin zum bestausgestatteten Wellnessbereich.

fasch&fuchs.architekten konnten den Wettbewerb für sich entscheiden. Hemma Fasch, Gründerin und Miteigentümerin des heute in Wien ansässigen Büros, ist selbst im Grazer Bezirk Eggenberg aufgewachsen. Ihr stadträumliches Konzept sah als eines von wenigen Projekten vor, das geforderte Bauvolumen an die straßenseitigen Grundstücksränder im Norden und Osten zu rücken, um den Becken und Liegewiesen des Freibereichs damit Abschluss und Intimität zu geben. Der langgestreckte, mehrfach sanft geknickte Baukörper formt eine Geste ausgebreiteter Arme und gibt sich damit einladend oder bergend – je nachdem, von welchem Standort aus man ihn betrachtet. Seine zum Straßenraum hin weitgehend geschlossene Fassade aus geschuppten Metallpaneelen in unterschiedlichen Blautönen unterstreicht die Schutzfunktion. In der Diktion der Architekten gleicht das Gebäude der geöffneten Schale einer Muschel: von einer Seite uneinsehbar und verschlossen, zur anderen – nach Süden und Westen hin – weit geöffnet, seinen Inhalt ins beste Licht gerückt. Und tatsächlich war die Metapher der Auster namensgebend.

Entkoppelt und verbunden zugleich

Die horizontale und vertikale Organisation der Grundrisse spiegelt die Zweigeteiltheit der Funktionen deutlich wider: Die beiden divergierenden Raumprogramme von Hallenbad und Spa sind kreuzungsfrei voneinander getrennt, aber so angeordnet, dass der Zugang zu beiden im Zentrum liegt und der Übergang von einem zum anderen möglich ist. So kann auch, wer den Wellnessbereich bucht, von dort über die Schwimmbad-Garderobe im UG direkt in die Schwimmhalle gelangen.

Zum Haupteingang an der Schnittstelle der beiden Funktionsbereiche führt ein deutlich ansteigender Vorplatz mit Wartebänken. Vor dem Besucher liegen die Kasse, dahinter das Selbstbedienungs-Restaurant mit dem direkten Durchgang zum Freibad für den Sommerbetrieb, seitlich der Zugang zum Wellnessbereich und der Abgang in die Garderoben für Individualschwimmer. Sportler erreichen ihre Umkleiden unter der Tribüne über einen gesonderten Zugang. Die Garderoben geben dem Besucher bereits eine treffliche Vorschau auf das, was ihn danach in der Schwimmhalle erwartet. Sie sind hell, fröhlich, übersichtlich und bis ins Detail mit erstaunlicher Sorgfalt gestaltet. Schließfächer wurden zu farbig fein nuancierten Blöcken mit siebbedruckten Glasflächen als Hülle zusammengefasst.

Eine Glaswand ermöglicht schon vom Foyer aus einen ersten Überblick über die beeindruckend große, bis zu 11 m hohe Schwimmhalle, die, als Volumen sanft ins Gelände modelliert, ein Geschoss tiefer erschlossen wird. Der Logik der klaren Trennung unterschiedlicher Bereiche folgt auch die vertikale Schichtung der Funktionen. Über dem Foyer wurde die Verwaltung positioniert – getrennt vom öffentlichen Bereich, jedoch über ein Atrium im Blickkontakt zum Geschehen am Eingang. Das Gesundheitszentrum für Massagen und Anwendungen wiederum bildet eine Funktionseinheit für sich, die zwar über dem Wellnessbereich liegt und von dessen Ruhezone aus zugänglich ist, jedoch auch einen eigenen Zugang von außen hat, der es vom Bade- und Saunabetrieb entkoppelt.

In der Grundrisskonzeption der einzelnen Bereiche folgen die Architekten einem Gestaltungsprinzip, das jede ihrer Arbeiten kennzeichnet: Offenheit, Transluzenz und Transparenz. Sie legen Raumfolgen mit visueller Durchlässigkeit an oder verbinden Bereiche zu einem fließenden Raumkontinuum und schaffen es, selbst die Grenze zwischen Innen- und Außenraum in eine kaum merkliche Trennlinie zu verwandeln.

Modelliertes Raumvolumen

Eine Spezialität von fasch&fuchs.architekten ist die Entwicklung der Gebäudequerschnitte, die man nicht besser als in den Worten des renommierten österreichischen Architekturpublizisten Otto Kapfinger beschreiben kann: »Sie entwerfen Gebäude wie Karosserien, wie kompakte Chassis für leichte Cabriolets, die ihre Sehnen und ihren Knochenbau spüren lassen, die sichtbar auf Sonne und Wetter, auf Stadt und Gelände reagieren können.«

Für ihre kompakten Gehäuse, die zugleich leicht und filigran wirken, entwickeln die Architekten mit Vorliebe Stahltragwerke – in langjähriger befruchtender Zusammenarbeit mit den Tragwerksplanern von werkraum wien. Das Primärtragwerk der Schwimmhalle besteht aus ebenen, geknickten Stahlfachwerkträgern im Abstand von etwas mehr als 10 m, das Dach über der Verteilerzone und dem Wellnesstrakt ist mit Formrohrträgern überspannt. Dem Grundriss des Gebäudes folgend variieren die Trägerspannweiten zwischen 40 m in der großen Halle und 10 m an seinem schmalen Ende, das mit einer Außensauna und dem Zugang zu den Tauchbecken im Saunagarten markiert ist. Straßenseitig lagern die Fachwerkträger auf stählernen Zweibeinen auf, während das Dach an der Gartenfassade, die sich nach Süden hin weit aufspreizt, von Pendelstützen getragen wird, die in ihrer Neigung dem Verlauf der Glasfront folgen. Die große Auskragung des Dachs ist nicht nur Schutz vor der hochstehenden Sommersonne, sie wirkt auch günstig auf das Verformungsverhalten der Struktur. Gedämmte Sandwichelemente zwischen den Trägern mit innen liegenden Rippen als Verstärkung und der für den Transport optimierten Breite von 290 cm bilden nicht nur die innere Schicht der Gebäudehülle, sondern wirken als konstruktiv aussteifende Scheiben.

Leichtigkeit und Farbe

In der Schwimmhalle und im Spa ist die weiß lasierte Dachuntersicht der modularen Elemente je nach Standort durch untergehängte Membranpaneele verdeckt, die – rautenförmig geknickt und mikroperforiert – nicht nur akustisch wirksam sind, sondern auch ein plastisches Bild ergeben. Über variantenreiche farbige Hinterleuchtung können so abends in der Halle abseits der Askese des Wettkampfs stimmungsvolle Szenarien erzeugt werden, die den sportlichen Aspekt des Schwimmens in den Hintergrund treten lassen. Darüber hinaus ist Farbe in der Möblierung der Schwimmhalle nur akzentuierend eingesetzt: bunte Sitzpolster auf der dunklen Tribüne, ein eigens entworfenes, gegossenes Sitz- und Liegemöbel und der Ton des Wassers im Stahlbecken sind Farbtupfer im sonst dominierenden strahlenden Weiß. Kleine Eingriffe wie die Beheizbarkeit der Tribünenstufen, die dadurch als Liegeflächen genutzt werden können, steigern den Komfort.

Der Wellnessbereich ist als organisch geformte offene Raumsequenz für 180 Personen ausgelegt. Trotz seiner beeindruckenden Größe sorgt die differenzierte Gestaltung der verschiedenen Bereiche von Aktivität
und Ruhe, von der Garderobe bis zur Außensauna, für die jeweils angemessene Atmosphäre und erweist sich tagsüber als ungewöhnlich lichtdurchflutet. Er wird beidseitig und von oben belichtet: partiell von der Straßenseite, wo stabförmig gedämmte Glaspaneele Einblicke verhindern, und von der verglasten Parkseite, wo der gut angenommenen Saunagarten durch eine Hecke und ein Höhensprung im Gelände vor Blicken aus dem Freibad geschützt ist. An dieser Wohlfühloase mit ihrer Abfolge von unterschiedlichen Becken, Saunen, Tepidarien, Liegeflächen und der ins Raumvolumen eingehängten Ruhezone zeigt sich die Leidenschaft der Architekten besonders gut, spannenden, vielgestaltig und abwechslungsreich modellierten Raum zu schaffen. Das Anthrazitgrau des Steinzeugbodens ist eine kluge, unverzichtbare Wahl. Es findet auch Verwendung an der Deckenuntersicht der niedrigeren Zone und der Oberfläche der Feuergrotte, die vom Innenbecken aus erkundet werden kann, und bildet die Klammer, die den überbordenden Farb-, Form- und Materialeindruck des ersten Blicks bändigt und Ruhe und Einheit zu vermitteln vermag.

Es wäre ein Missverständnis, aus den ungewöhnlichen Raumfiguren von fasch&fuchs.architekten abzuleiten, dass es ihre Intention ist, einen unverwechselbaren Personalstil zu kreieren oder in jedem Fall originell sein zu wollen. Wer ihre Bauten näherer Betrachtung unterzieht, wird erkennen, dass jedem Konzept die genaue Kenntnis und Analyse des Orts vorangeht. Dass geforderte Funktionen zwar streng hinterfragt und unorthodox interpretiert werden, aber Funktionalität immer ein wichtiger Parameter des Entwurfs bleibt. Mit dem erfreulichen Effekt, dass Bauherr und Auftraggeber des Grazer Bads mit sichtbarem Stolz und ohne Einschränkung von einem rundum gelungenen Bauwerk mit sehr guten Besucherzahlen sprechen, das mittels effizientem Haustechnik- und Energiekonzept im Betrieb kostensparender als das alte, kleinere Bad sein kann.

9. Februar 2013 Spectrum

Raus aus dem Korsett!

In puncto Baumaterialien hat sich viel getan: Der Holzbau befreit sich von seinem Nischendasein und ist in der Stadt angekommen. Blick auf einen prototypischen Büroturm in Dornbirn.

Die gute Nachricht: aus Zuschreibungen, die ihn früher wie ein Korsett einschränkten, hat der Holzbau sich endgültig selbst befreit. Nicht länger haftet dem Material Holz das Image an, exklusiv den alpinen Baustil zu vertreten, womit meist die auf sinnentleerte, platte Bilder reduzierte Tradition des bäuerlichen Bauens gemeint war, noch wird der Holzbau heute mit dem Behelfsmäßigen, Temporären und Billigen der Baracke aus der Nachkriegszeit assoziiert. Dass sich das Bauen mit Holz im letzten Jahrzehnt vom Zimmermannshandwerk hin zu einer systematisierten, mit industrieller Fertigung vergleichbaren Methode des Bauens entwickelt hat, ist auch außerhalb von Vorarlberg, das die Vorreiterstellung im modernen österreichischen Holzbau innehat, allgemein bekannt. Technische Innovation basiert im Wesentlichen auf drei Neuerungen: der Entwicklung von belastbaren, leicht zu bearbeitenden Holzwerkstoffen und Fertigungstechniken, die Produktionsabläufe rationalisieren, und dem Einsatz von EDV-gesteuerten Maschinen, die auch komplexe Konstruktionen wirtschaftlich fertigen können.

Es hat sich viel bewegt. Der Holzbau ist in der Stadt angekommen, und das ist nicht einmal überraschend, wenn man bedenkt, wie gut sich die Vorzüge des Materials für urbane Nachverdichtung, also für Aufstockung, Dachausbau und Sanierung, eignen. Zudem wurde in einem Forschungsprojekt an der Entwicklung eines bis zu 20-geschoßigen, energieeffizienten Hochhauses im Baukastensystem gearbeitet, um der Konkurrenz des Massivbaus etwas entgegensetzen zu können. Problemfelder wie Steifigkeit, Schallschutz oder Schallentkoppelung und der Brandschutz addieren sich dabei proportional zur Anzahl der Geschoße. Die Brandschutzbestimmungen der Länder limitieren die Höhe der Bauten, und so sind gebaute Beispiele von Hochhäusern noch so rar, dass jedes einzelne wie ein Star in den Medien präsentiert wird – der Murray Grove Tower in London, ein neun Geschoße hoher Wohnblock mit in Österreich vorgefertigten Elementen; das siebengeschoßige Wohnhaus einer Baugruppe am Berliner Prenzlauer Berg oder der acht Etagen hohe LifeCycle Tower (LCT) One, ein Büroturm in Dornbirn, der mit 27 Meter Höhe knapp unter der Hochhausgrenze blieb. Streng genommen sind sie alle Mischbauten, wenn auch mit hohem Anteil an konstruktiv eingesetzten Holzwerkstoffen. Sockelgeschoße, Haustechnikschächte und Erschließungskerne aus Stahlbeton als brandsichere Fluchtwege übernehmen dabei jene Aufgaben, die der reine Holzbau nicht oder nur mit großem Aufwand leisten kann.

Der Anspruch der Entwickler des LCT One, Architekt Hermann Kaufmann als Holzbauspezialist und der Vorarlberger Bauunternehmer Hubert Rhomberg als Investor, ging noch einen Schritt weiter. Das „One“ im Namen des Bauwerks verrät es: Dieses Gebäude, in das Forschungs- und Fördermittel geflossen sind, ist der Prototyp einer Holzfertigteil-Systembauweise, die in Zukunft erfolgreich vermarktet werden soll. Dabei produziert die eigens dafür gegründete Firma nicht selbst, sondern berät mit ihrem Know-how, übernimmt die Planung oder tritt als Generalplaner auf. Die Module des Systems, etwa die Hybriddeckenelemente im Holz-Betonverbund, sollen von regionalen Unternehmen vorgefertigt werden.

Die Industrialisierung der Fertigungsprozesse, die darauf abzielt, das Bauen mit Holz auf eine vergleichbare Kostenebene mit Massivbauweisen zu bringen, könnte ein Schritt zur Durchsetzung des Holzbaus im urbanen Raum sein, wo sein Anteil am gesamten Bauvolumen derzeit noch verschwindend gering ist. Während einige Fachleute der Meinung sind, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich Holz im Hochbau der Stadt durchsetzen kann, verweisen andere wie der Architekt Wolfgang Pöschl auf die Gefahr, um jeden Preis an die Grenzen der Anwendung zu gehen. Er plädiert dafür, sich bei jeder Verwendung von Holz die Frage zu stellen, was das Material in diesem Zusammenhang besser kann als andere. Natürliche Stärken von Holz wie seine sinnlichen, atmosphärischen Qualitäten sieht Pöschl gefährdet, wenn etwa extreme Anforderungen verlangen, dass konstruktive Teile in Holz geschützt und damit unsichtbar gemacht werden. Zur Reproduktion eignen sich auch jene spektakulären Bauwerke in Holz nicht, die immer wieder im Hallenbau erprobt werden. Extrem weit gespannte Gitterschalen, Kuppeln oder Schirme wie jene, die das riesige Expo-Dach in Hannover bilden, sprengen konstruktive Grenzen – mit Riesenaufwand. Der Wert des Experimentellen liegt darin, die Leistungsfähigkeit des Materials neu einzuschätzen und etablierte Bauvorschriften zu hinterfragen.

Die derzeit im Künstlerhaus Wien gezeigte Ausstellung „Bauen mit Holz. Wege in die Zukunft“ will uns die Qualität und Alltagstauglichkeit des Holzbaus über die Effizienz der Ressource Holz vermitteln. Holz als nachwachsender und vielfältig einsetzbarer Rohstoff, der Kohlendioxid bindet, wird anhand von fünf realisierten Bauwerken, deren Primärkonstruktion aus Holz besteht, einer vergleichenden Betrachtung von Lebenszyklus und Ökobilanz unterzogen. Zu jedem Gebäude wurde ein identisches Modell der Standardausführung mit einem alternativen Bauprodukt entwickelt. Wer die Bilanz näher betrachtet, Primärenergieverbrauch und Klimaentlastung im Vergleich studiert und sich dazu noch den immensen Holzvorrat in österreichischen Wäldern vorstellt, der fragt sich angesichts der analytischen Bewertung, die der Ressource Holz die größte ökologische Nachhaltigkeit bescheinigt, wieso der Holzbau nicht schon längst sein Nischendasein überwunden hat.

Dass Rohstoffverknappung noch kein schlagendes Argument für ein Umdenken ist, lehrt uns unser zwanghaftes Festhalten am Luxus individueller Mobilität. Der Mensch denkt in kurzen Zeiträumen. Im Kostenvergleich wird sich die überwiegende Mehrheit Bauwilliger für jenen Baustoff entscheiden, der niedrigere Anschaffungskosten verspricht. Vergleichende Energiebilanzen von Gebäuden über die Methode der Lebenszyklusbetrachtung sind selbst im öffentlichen Bau noch nicht obligatorisch.

Sollte es auf dem Weg in eine Holzbauzukunft eine „To do“-Liste geben, so wäre das Ablegen von ideologischen „Reinheitsgeboten“ anzuraten. Materialübergreifend planen: wo Holz gut einsetzbar ist, es verwenden, wo nicht, ein für diesen Zweck besser geeignetes Material wählen. Solcherart entspanntes Denken trägt dazu bei, die Qualitäten des Holzbaus hervorzuheben.

1. Dezember 2012 Spectrum

Die Zeit, die keiner sieht

Viel medialer Wind wurde und wird um die neue Grazer Nahverkehrsdrehscheibe gemacht. Haben sich Aufwand und Einsatz von 90 Millionen Euro gelohnt?

Akustisch hatte sich der Bau der neuen Nahverkehrsdrehscheibe am Vorplatz des Grazer Hauptbahnhofs schon im März vergangenen Jahres ins Gedächtnis der meisten Grazer eingeschrieben. Damals erschütterte der dumpfe Knall der Sprengung einer bei den Bauarbeiten entdeckten, 250 Kilogramm schweren Fliegerbombe das Stadtgebiet. Dass die Bürger wussten, wo der Ort des Geschehens war, als im Radio der Europaplatz genannt wurde, darf bezweifelt werden. Für die Grazer ist der Bahnhofsvorplatz namenlos, reine Funktion, nichts anderem dienend als der Annäherung zur Abreise, der Entfernung und Weiterfahrt nach der Ankunft. Hieß es doch immer: Wir treffen uns am Bahnhof.

Nun hat der Platz eine Aufwertung erhalten, die nicht in erster Linie der Verschönerung zugedacht ist, sondern der funktionalen Optimierung der An- und Abfahrt von 30.000 täglich Reisenden. Nach dem Gesamtumbau des Bahnhofs, in den die ÖBB für den Ausbau und Umbau der Bahnsteige und Personentunnel noch 170 Millionen Euro investieren wird, und vor allem nach dem weiteren Ausbau der Schnellbahn rechnet man mit einem Drittel mehr an Fahrgästen pro Tag.

Bessere und raschere Anbindung an den Bahnhof und witterungsgeschützte Erreichbarkeit der Züge hieß die Devise, mit der Stadt und Land Steiermark das Bauvorhaben Nahverkehrsdrehscheibe finanzierten und in einer Arbeitsgemeinschaft mit der ÖBB-Infrastrukturabteilung planten. Dazu wurde die Trasse der Straßenbahn ab der viel befahrenen Kreuzung der Annenstraße mit dem Bahnhofsgürtel tiefer gelegt, sodass vier Linien der Straßenbahn nun störungsfrei den Bahnhof erreichen – auf einer Ebene unter Vorplatz und Halle, ehe sie in einer großen Schleife ihre Fahrt in den Westen der Stadt fortsetzen. Wer jetzt an der großzügig angelegten, mit Tageslicht klar und übersichtlich gestalteten Haltestelle ankommt, muss erst einmal zum Platzniveau hinauffahren, um von dort, nun immerhin unter einem neuen Dach, einigermaßen witterungsgeschützt in die Halle zu gelangen. Von hier aus musste der Reisende schon bisher per Rolltreppe oder Lift in den Personentunnel abtauchen, um von dort zu den Bahnsteigen noch einmal hinaufzufahren, weil in Graz im Unterschied zu Salzburg die Bahngeleise nicht als Damm geführt werden und deshalb die Bahnsteige nur durch eine Unterführung erreicht werden können. Die neue Haltestelle der Straßenbahn und der alte Personentunnel der ÖBB sind zwar annähernd niveaugleich, eine direkte Verbindung, wie sie sich der zum oder vom Zug Eilende wünschte, ist jedoch technisch nicht möglich, weil dabei immer die Schienentrasse der Straßenbahn gequert werden müsste, um zu jener Haltestelle zu gelangen, von der Ankommende ins Stadtzentrum fahren. Nur für die Abreisenden eine direkte Verbindung zu errichten hat man offensichtlich nicht in Erwägung gezogen. Vielleicht auch, weil dies nicht im Interesse der Bahn läge, die ihre neuen Bahnhöfe mehr und mehr als Einkaufszentren bewirbt.

Die architektonische Gestaltung der Baumaßnahme lag in den Händen des Architekturbüros Zechner & Zechner, das zahlreiche österreichische Bahnhöfe umbauen und erweitern durfte und in Graz aus einem Verhandlungsverfahren als Gewinner hervorging. Das stadträumlich relevante Vordach ihres Projekts wandelte sich im Planungsprozess, in dem das Team einen Gestaltungsbeirat zur Seite gestellt bekam, von einem rechteckigen Dach in eine ovale Scheibe mit einer Aufweitung an der Stelle, wo darunter Bushaltestellen eingerichtet wurden. Dieses Dach mit der goldenen Oberfläche dominiert nun den Europaplatz und rückt, um anzuschließen, an die Bahnhofshalle so nahe heran, dass deren bestehendes Vordach nun vom neuen überlappt wird. Eine Komplettüberdachung für den Ort des Übergangs wurde nach Auskunft der Stadtplanung nie überlegt, der nun nur bedingt erreichbare Witterungsschutz aufgrund der großen Höhe des Daches und der offenen Flanken „wie überall im öffentlichen Raum“ in Kauf genommen. Nur so ist zu erklären, dass auch jetzt nicht von allen Bushaltestellen bei Regen das „trockene“ Einsteigen in die Busse ermöglicht wird und die Taxistandplätze außerhalb des Vordaches liegen, nicht anders als vor der baulichen Aufrüstung. Immerhin scheinen die Fahrradabstellplätze ausreichend dimensioniert und haben ein Dach erhalten. Die fußläufige Verbindung vom Süden her wurde massiv ausgebaut, obwohl sich nun, nach der direkten Anbindung von zwei Linien, die den Bahnhof früher nur tangierten, weniger Reisende zu Fuß dem Bahnhof von der Annenstraße her nähern werden.

Vom Büro 3:0 stammt die Freiraumgestaltung. Grünflächen wurden in geometrisch prägnante Staudenbeete und Rasenflächen mit neu gepflanzten Bäumen unterteilt, in denen die riesige skulpturale Arbeit von Gerhardt Moswitzer, sein Mahnmal zur Erinnerung an die Ereignisse im Jahre 1934, am neuen Standplatz zwischen Beeten, den Platz erhellenden Leuchten und Aufbauten für Rolltreppen und Lifte immer noch wie beiläufig abgestellt wirkt.

Viel medialer Wind wurde und wird um die Nahverkehrsdrehscheibe gemacht. Anlässlich ihrer Eröffnung Anfang dieser Woche sprach der Projektleiter der ÖBB-Infrastruktur gar von einer neuen Epoche, die durch diesen Bau für Graz als wichtige Station an der künftigen baltisch-adriatischen Achse anbricht. Das darf angesichts der nur mit einigen wesentlichen Abstrichen erreichten Optimierung der städtischen Anbindung an den Zugsverkehr unter von Stolz erfüllter Übertreibung abgelegt werden.

Ob sich Aufwand und Einsatz von 90 Millionen Euro gelohnt haben? Ja doch, Zeitgewinn für Reisende ist schon allein dadurch gegeben, dass nun vier Linien den Bahnhof anfahren. Eine stadträumliche Verbesserung wird die Anbindung an die Waagner-Biro-Straße über die geplante Verlängerung des Personentunnels Nord sein, durch die Arbeitsplätze von Pendlern im ehemaligen Industriebezirk Eggenberg, ein von vielen auswärtigen Schülern besuchtes Oberstufengymnasium und die Helmut-List-Halle in fußläufige Reichweite rücken. Ein städtebaulicher Gewinn ist der neue Bahnhofsvorplatz oder präziser, sind seine den Platz füllenden Aufbauten nicht. Das Bedauern über den Verlust der freien Sicht auf die Bahnhofsuhr am riesigen Glasfenster der Bahnhofshalle mag nostalgische Verklärung sein. Die verlorene freie Sicht auf das Bahnhofsgebäude als Gesamtes, auf den repräsentativ überhöhten Mittelbau der Halle aus den 1950ern und ihre beiden niedrigeren, langgestreckten Seitenflügel, die von zwei Hotels eingerahmt werden, schmerzt ein wenig. Ein bautypologisches Symbol des Verreisens hat an städtebaulicher Signifikanz verloren.

15. September 2012 Spectrum

Lust macht Schule

Konzentration und Bewegung: Rückzugsorte, Klassen mit Freiraum und eine Agora. Eine kleine Schule im steirischen Bad Blumau als Einladung zum freigeistigen Denken und Arbeiten.

Die Schulreform – ein Reizwort, vermutlich demnächst zum Unwort des Jahres verkommen. Dabei schreien alle Untersuchungs- und Umfrageergebnisse auf europäischer Vergleichsebene förmlich nach einer Änderung von Unterricht und Schule in Österreich. Aber anstatt endlich daraus Konsequenzen zu ziehen und mit Blick auf gelingende Vorbilder in anderen Ländern die Ärmel hochzukrempeln, lässt man zu, dass Parteien und Bünde jeden umfassenden Reformansatz blockieren, weil sie ihre ideologischen und arbeitsrechtlichen „Besitzstände“ gefährdet sehen.

Solange die flächendeckende Einführung einer Neuen Schule mit radikal anderen pädagogischen Konzepten nicht ernsthaft in Erwägung gezogen wird, bestimmen Stammklassen und Frontalunterricht den Schulbau. Jedes Jahr werden in Österreich Schulen neu gebaut, wird Bestand renoviert und erweitert – geplant nach Richtlinien, die neue pädagogisch-räumliche Konzepte ebenso vermissen lassen wie etwa die Weitsicht, für die naheliegende Einführung der Ganztagsschule gerüstet zu sein. Eine rare Ausnahme war 2011 der Ideenwettbewerb für den Bildungscampus auf dem Gelände des künftigen Wiener Hauptbahnhofs. Die Ausschreibung enthielt nicht viel mehr an Vorgaben als gewünschte Qualitäten und ein Größenlimit. Das siegreiche Projekt des Architekturbüros PPAG ist ein aufwendiges, liebevoll gestaltetes Arbeits- und Lebensumfeld, das zwar eine ideale Schule, aber kein Prototyp einer künftigen Schule werden könnte.

Was aber machen engagierte Architekten, die „Business as usual“ akzeptieren sollten – ein Raumprogramm mit Normklassengrößen und Mindestgangbreiten als Regelwerk, mit Schwerpunkt auf Sicherheits- und Hygienevorschriften und der Einhaltung des Kostenrahmens?

Im steirischen Bad Blumau steht eine neue Volksschule, die zeigt, wie es mit Ambition und großem Einsatz trotzdem gehen kann. Sie ist das Ergebnis eines geladenen Wettbewerbs, den die Grazer Architekten Feyferlik/Fritzer für sich entscheiden konnten. Die nüchternen Fakten: fünf Stammklassen, ein Werkraum, ein Turnsaal, ein Raum für die Nachmittagsbetreuung. Darüber hinaus: Potenzial für vielfältige Inbesitznahme, für ein anderes, lustvolleres Lernen. Die Schule auf einem Plateau über dem Safenbach ist Teil einer Ortserweiterung östlich des Dorfkerns. Sportplätze und ein Tribünengebäude für den Fußballplatz, das die Architekten der Schule gegenüberstellten, ergänzen das neue kleine Schul- und Sportzentrum der Gemeinde.

Bei der Annäherung könnte man das Schulgebäude glatt übersehen. Der lang gezogene, straßenbegleitende Baukörper liegt flach in der Wiese, nur ein Geschoß hoch und von der Einmündung in den Zufahrtsweg her fast nicht zu sehen, weil der Schüttwall des teilweise eingegrabenen Turnsaals den südlichen Abschluss bildet. Kein mächtiges Dach krönt das Haus, kein Ehrfurcht einflößender Zugang mit Stufen oder Schwellen ist sein Entree. Ein schräg geneigter Vorbau, gepolstert und tapeziert mit der dunklen Folie, die auch für das flach geneigte Dach verwendet wurde und sich im schmalen Dachsaum des Vordachs fortsetzt. Darunter Massivholzfassaden und dort, wo keine Öffnungsflügel sind, große Glasflächen mit einfacher rahmenloser Verglasung. Dazu die Verkleidung der Außenwände an den Schmalseiten und an der langen Klassenfront mit vorvergrauten Brettern. Anstelle eines teuren Windfangs, dessen Türen zu Unterrichtsbeginn und –ende sowieso immer offen stünden, installierten die Architekten einen einfachen Industrievorhang aus reißfesten Gummistreifen, wie er in der Landwirtschaft verwendet wird.

Nein, diese Schule will kein Autorität ausstrahlendes Bauwerk sein, das sich von der Lebensrealität der Menschen im Ort abhebt. Sie hat Werkstattcharakter und unterscheidet sich vielleicht gar nicht vom Betrieb, im den Vater oder Mutter täglich zur Arbeit gehen. Betritt man die Schule, so wechseln Atmosphäre und Anmutung. Holz auf dem Boden, an den Wänden von Werkraum und Lehrerzimmern und an der Decke, die diesen straßenseitigen Bauteil überspannt, prägt den ersten Eindruck. In so viel Materialwärme fügt sich die lange Sichtbetonwand, die das Rückgrat der Klassen bildet, harmonisch ein. Zwischen den lose verteilten Raumgruppen auf der einen und dem Klassentrakt auf der anderen Seite spannen die Architekten über die gesamte Gebäudelänge einen weit mehr als hundert Quadratmeter großen Raum auf, der sich vom Flur über die Eingangshalle zur großzügigen Pausen- und Mehrzweckfläche aufweitet.

Es ist ein offener Bereich, der der Erkenntnis Rechnung trägt, dass Kinder Laufen, Springen und Toben brauchen, um dann wieder konzentriert und kreativ arbeiten zu können. Rampe, Sitzstufen und Bücherinseln gliedern diesen offenen Raum, eine tiefe Lesenische ist intimer Rückzugsraum auf zwei Ebenen. Jedes Detail ist sorgfältig geplant und erfüllt mehr als eine Funktion: die Verglasung vom Klassen- zum Pausenraum ist Durchblick und zugleich Sitzbank, die niedrigen Parapete der Klassen sind Sitz- und Arbeitsfläche, Ablage und Stauraum. Klassentrennwand und Fassade sind jeweils polygonal geknickt. Immer wieder, an vielen Stellen, brechen Feyferlik und Fritzer die Strenge der Orthogonalität, die für sie Symbol einer antiquierten Schulform mit Frontalunterricht ist. Ihre Klassen können über Verbindungstüren zusammengeschaltet werden, und jeder ist eine Freiluftklasse vorgelagert. Eine wind- und teils regengeschützte Terrasse, über Glas und ein breites Schiebeelement mit dem Innenraum verbunden, soll zum Unterricht im Grünen motivieren.

Man hofft, dass solche Freiräume nicht nur den physischen Aktionsraum vergrößern, sondern auch den geistigen Spielraum und Horizont – den der Lehrer und der Schüler. Das große Potenzial an vielfältigen Aneignungsmöglichkeiten dieser Schule kann nur dann ganz entfaltet werden, wenn ihre Nutzer es erkennen, schätzen und ausschöpfen. Wolfgang Feyferlik und Susi Fritzer animieren dazu mit ungewöhnlicher Gestaltung und kleinen unkonventionellen Details, die in vielen Gesprächen mit Betreibern und Nutzern ausgehandelt wurden. Was kann uns ein fröhlich-bewegter roter Industrievorhang als Windfang sagen? Lehrer, lasst Fantasie walten in euren Köpfen, auf dass euch ein lustvoller, abwechslungsreicher Unterricht gelingt. Eure Schule unterstützt euch dabei.

10. September 2012 deutsche bauzeitung

Höchste Ambitionen

Kaufhausumbau und -Aufstockung in Graz (A)

Das Kaufhaus Kastner & Öhler ist bekannt für Expansion auf höchstem Niveau – momentan auf Augenhöhe mit den historischen Ziegeldächern von Graz. Der neue Dachaufbau des Stammhauses wird zwar von den UNESCO-Hütern der Altstadt kritisiert, fügt sich aber dennoch ganz selbstverständlich in die Grazer Dachlandschaft.

Die Geschichte dieses Warenhauses, das seit 1883 in der Altstadt von Graz sein Stammhaus hat, zeigt, dass Innovation in diesem Unternehmen nicht nur für den Handel, sondern immer wieder auch für bauliche Erweiterungen angestrebt wurde. Nicht lange nach der Gründung der Grazer Filiale wurde der Kauf von weiteren Bürgerhäusern in der Sackstraße beschlossen, die dem Neubau eines Warenhauses (1912-14, Architekten Fellner und Helmer) weichen mussten, das zu den prunkvollsten und innovativsten dieser Zeit zählte.

Prosperierender Verkauf und Versand führten zu mehreren Aus- und Umbauten des Stammhauses, dem in den 60er Jahren die Glaskuppel der Halle und bald darauf die offenen Galerien zum Opfer fielen. Geschickte Expansionspolitik führte zum Ankauf von Häusern im Karree und auch auf der anderen Seite des Flusses, wann immer sich eine günstige Gelegenheit bot. 1990 war das Unternehmen im Besitz von Gebäuden aus vier Jahrhunderten – heterogene Bausubstanz, die ohne umfassende Planung nicht mehr in ein gut funktionierendes räumliches Kontinuum zu bringen war. Dringender Handlungsbedarf war gegeben. Die Grazer Architekten Szyszkowitz und Kowalski erhielten den Auftrag, ein Konzept der »Corporate Identity« zu entwickeln, das den Zusammenschluss der Häuser in den Gassen rund um das Stammhaus vorsah, ohne ihnen ihre Charakteristik zu nehmen – eine Aufgabe, die gekonnt bewältigt wurde. 2003, im Jahr, als Graz Europas Kulturhauptstadt war, fanden die Um- und Ausbauphasen mit einer konstruktiv aufwendigen Tiefgarage für 650 Autos ihren Abschluss, die fünf Geschosse tief, großteils unter historischem Bestand errichtet wurde.

Mehr als ein neues Dach

2005 war das Unternehmen auf 1500 Mitarbeiter angewachsen und zwei junge Vertreter der fünften Generation hatten die Geschäftsführung übernommen. Im Zuge eines weiteren geplanten Ausbaus der Verkaufsflächen wurden 2005 in einem geladenen, international ausgerichteten Wettbewerbsverfahren Ideen zur Neugestaltung der Dachzonen gefordert. Ein Konglomerat aus unansehnlichen Industriedächern, das den Blick auf die pittoreske Dachlandschaft der Grazer Altstadt, die seit 1999 Kulturerbestätte ist, empfindlich störte, sollte ersetzt werden. In einer ursprünglich nicht vorgesehenen Überarbeitungsstufe von drei Projekten konnten Nieto y Sobejano aus Madrid den Wettbewerb für sich entscheiden.

Ihr Projekt ist eine variantenreiche Sequenz scharfkantig geschnittener, unterschiedlich breiter, hoher und langer Aufbauten in Zeilenform, die in Form und Farbe eine Assoziation mit den historischen Steildächern mit Ziegeleindeckung hervorrufen soll. Bald nach der Wettbewerbsentscheidung, die in der Stadt breite Zustimmung fand, meldete ICOMOS, der internationale Rat für Denkmalpflege, Vorbehalte gegen die radikal moderne Dachlandschaft an und drohte Graz mit der Aberkennung des Status' als Weltkulturerbe, sollte das Projekt unverändert realisiert werden. Schließlich konnte über die Reduktion der Höhen eine Zustimmung erreicht werden, wohl auch deshalb, weil Konsens darüber bestand, dass der Standort des traditionsreichen Warenhauses (im Zuge des Ausbaus wurden 10 000 m² an zusätzlicher Verkaufsfläche geplant) in der Innenstadt erhalten bleiben muss.

Am 20.10.2010 wurden Dach und Kaufhaus, das bei laufendem Betrieb umgebaut wurde, feierlich eröffnet. Der Dachaufbau: Ein Ensemble von dicht aufeinander folgenden, schräg aufragenden Oberlichtbändern, die von Terrassen unterbrochen sind, die in Größe und Lage vom Wettbewerbsprojekt differieren. Zwei der Aufbauten mit den horizontal gekappten Gratabschlüssen ragen deutlich über die anderen hinaus – eine Akzentuierung der Dachlandschaft, die den Architekten aus stadträumlicher Sicht wichtig schien. Der Hochpunkt im Süden überdeckt die darunterliegende Halle im Stammhaus mit den stuckverkleideten Stützen und Galerien, in der die Rolltreppen nun alle Verkaufsebenen und das neue Café im DG erschließen. Jener im Norden verweist auf den Übergang zum zweiten, vormals unabhängigen historischen Gebäude, das nun, nach dem Umbau, mit ersterem zu einem Haus verschmolzen ist.

Das leichte Tragwerk

Als Tragwerk kam ein Stahlfachwerk zum Einsatz. Es wurde auf eine neu errichtete Geschossdecke aufgesetzt, da der vormalige Dachabschluss nicht tauglich war. Die Lasten werden teils über Wandscheiben, teils direkt über die neue Decke auf die bestehenden Stützen verteilt, die sich als sehr tragfähig erwiesen und nur z. T. ertüchtigt werden mussten. Der Dachaufbau ist konventionell: innen Gipskartonplatten, dann eine mineralische Dämmung, darüber ein Aluminiumblech mit Stehfalzen mit Trapezblech als Unterkonstruktion. Die Dachhaut spart im Bereich des Cafés große Bandfenster aus, die im Zusammenspiel mit dem strahlenden Weiß der Wand- und Deckenoberfläche und der Belichtung durch die Sheds für eine wunderbar helle, freundliche Atmosphäre des Raums sorgen. Die Shedverglasung ist überwiegend nach Norden ausgerichtet. Wo Licht von Süden einfällt, ist es durch feststehende Verschattungselemente gedämpft.

Cafélounge und Bar im DG stehen über den Luftraum der zentralen Halle in direkter räumlicher Verbindung mit den Verkaufsebenen und können deshalb nur im Zusammenhang mit den fünf Geschossen des Warenhauses klimatisiert werden.

Innere Stimmigkeit, Äussere Fehlinterpretation?

Glücklicherweise wirkt dieser Dachaufbau aus keinem Blickwinkel wie ein Dachausbau klassischer Prägung. Ihm fehlt die Gedrungenheit »stürzender« Wände, jeglicher Anflug von Rustikalität. Das Dachvolumen ist einladend hell. Seine Qualität liegt in der Bewegtheit der gefalteten Decke mit ihrer stark differenzierten Höhenentwicklung und in der Steilheit der Schrägen. Die weißen Wände, der Einsatz dezenter Grautöne und das satte Braun der Möblierung aus edlem Nussholz unterstützen die großzügige Raumwirkung.

Ein wesentliches Qualitätselement ist die Terrasse, die einen atemberaubenden Ausblick zum Schlossberg und auf die umliegenden Ziegeldächer bietet. Vom weit auskragenden Balkon lassen sich, tief unten, die belebte Straße vor dem Warenhaus, Hauptplatz und Rathaus überblicken. Kein Wunder, dass das Café selbst an regnerischen Tagen gestürmt wird.

Vermutlich wird kaum einem Besucher, der die Aussichtsterrasse betritt, auffallen, dass die Dachlandschaft des Kaufhauses noch nicht fertiggestellt ist. Vielleicht wird man feststellen, dass zur Freifläche im Norden des Cafés kein Ausgang führt, dass sie noch ihren Unterboden zeigt. Nur wenige Eingeweihte, die sich an die einst kursierenden Renderings erinnern, werden erkennen, dass im nördlichen Teil des Dachs noch drei Sheds fehlen und hier eine Lücke klafft. Dies lässt sich nur in der Übersicht vom nahen Schlossberg her entdecken. Vielleicht erinnert sich manch ein Stadtbewohner jedoch an das riesige Transparent außen am Dach des damals noch nicht lange eröffneten Cafés, auf dem zu lesen war, dass die derzeitige Dachfarbe Grau noch nicht die endgültige sei, sondern durch einen Bronzeton ersetzt werden wird. Die farbliche Anpassung und Eingliederung der neuen Dächer in die historische Dachlandschaft war ein wesentliches Kriterium für die Jury, das Projekt von Nieto y Sobejano zur Realisierung zu empfehlen, die ungewöhnliche Form der Information ist als Reaktion des Unternehmens auf die immer wieder auch in den Medien aufgeworfene Thematik des Ist-Zustands zu sehen. Auf Nachfrage bei den Architekten erfährt man, dass die Aufbringung der farbgebenden Paneele, die auf die jetzige Oberfläche aufgesetzt werden soll, erst nach der endgültigen Fertigstellung des Dachausbaus Sinn mache, weil sie andernfalls unterschiedlich verwittern würden. Nachdem der Eindruck einer geschlossenen Dachhaut entstehen soll, ist geplant, auch die Fensteröffnungen zu überziehen, allerdings perforiert.

Ob diese Information die gestrengen Hüter des Weltkulturerbes besänftigen würde, darf bezweifelt werden. Im ICOMOS Band der Reihe »Heritage at Risk«, dem Weltreport 2006/2007 über Denkmäler und historische Stätten in Gefahr, der nach der Einigung auf die Reduktion der Dachhöhen erschien, wird von einem Disaster, einer total inadäquaten und missverstandenen Interpretation einer mittelalterlichen Dachlandschaft ohne Verbindung zur Gebäudetypologie gesprochen. Letzteres mag zutreffen, aber eines ist gewiss: Die Wiederherstellung des historischen Dachs als einzige Möglichkeit, die offensichtlich für ICOMOS vorstellbar gewesen wäre, hätte sicher nicht diese räumliche Qualität des Dachausbaus gebracht, die den Besuch des Kaufhauses heute auszeichnet. Sie wäre mittelmäßig und unzeitgemäß gewesen. Und letztlich ebenso täuschend wie der mit der erhaltenen historischen Fassade getarnte Neubau des nördlichen Hauses, das völlig entkernt wurde, um den Ansprüchen an ein heute erwartetes Einkaufserlebnis zu entsprechen. Viele der Grazer, die vom Schlossberg aus die Dachlandschaft der Altstadt ins Visier nehmen, und auch Besucher, die die Geschichte dieses Dachaufbaus nicht im Detail kennen, glauben, das fertige Dach vor sich zu haben. Der Vorwurf von mangelnder Integration in die Dachlandschaft ist kaum zu hören. Vielleicht können sich die gestrengen Kulturbewahrer damit trösten, dass vom Straßenraum aus nichts vom neuen Dachaufbau zu sehen ist – nur der Balkon mit dem gläsernen Geländer ragt schwindelerregend auf Firsthöhe über die erhaltene Dachhälfte mit Ziegeldeckung hinaus.

21. Juli 2012 Spectrum

Das Spiel um Graz

Die Bewohner sagen Nein zum Kauf des Reininghaus-Areals. Die Abstimmung zeigt, dass die gedeihliche Stadtentwicklung kaum über Bürgerentscheid gesteuert werden kann. Nachrichten aus Graz.

Volkes Stimme hat in Graz gesprochen und entschieden, dass weder eine Umweltzone eingeführt noch das Reininghaus-Areal von der Stadt gekauft werden soll. Bei einer für Bürgerbefragungen recht hohen Beteiligung von mehr als 30 Prozent der stimmberechtigten Grazer stimmten knapp 68 Prozent, das sind rund 48.000 Grazer, gegen den Ankauf. Ihre Motive dürften sich mit jener der SPÖ decken, die sich in einer aufwendigen Kampagne dagegen aussprach, weil die Stadt schon ohne die für einen Kauf notwendige Kreditaufnahme und die daraus erwachsende jährliche Zinsenlast hoch verschuldet sei. Das Nein aus Angst vor den Folgekosten, einer drastischen Beschneidung kommender Jahresbudgets, war vorauszusehen.

Was steckte also hinter der Bürgerbefragung, die der Bürgermeister im Alleingang zu diesem Zeitpunkt initiiert hatte? War es die Angst vor Stimmenverlust bei der baldigen Wahl, wenn eine derart weitreichende Entscheidung im Gemeinderat gefällt worden wäre, oder musste gar eine Ablehnung legitimiert werden gegenüber mächtigen, zum Kauf drängenden Kräften dieser Stadt? Immerhin mussten die derzeitigen Gesellschafter von Asset One in der Nachfolge des Eigentümers Scholdan von der Steiermärkischen Bank die 85 Millionen Schulden übernehmen, die dieser angehäuft hatte, und zehn Millionen Euro investieren. Wer hätte mehr Interesse an einer raschen, sicheren Darlehensabdeckung gehabt als jene beiden Interessengruppen?

Nicht jedes der Argumente, die für den Ankauf der Reininghausgründe ins Treffen geführt wurden, war nachvollziehbar. Das erste: Die Stadt wächst und braucht zusätzliche Wohnungen und Arbeitsplätze. Wenn dem so ist, wird der Markt auf die Nachfrage reagieren, zumindest was den Wohnungsbau betrifft. Die Ansiedelung von Betrieben ist nicht davon abhängig, ob die Stadt das Areal besitzt. Zweites Argument: Mit Reininghaus wird dringend benötigter leistbarer Wohnraum geschaffen, ohne bestehende Wohngebiete im Stadtgebiet zu verdichten. Ob und wo leistbarer Wohnraum geschaffen wird, bestimmen gesetzliche Voraussetzungen und die Grundstückspreise. Auch die Stadt, die das Areal ja nicht selbst entwickeln, sondern weiterverkaufen wollte, hätte unternehmerisch handeln und aus dem Verkauf der Quartiere Gewinne erzielen müssen, um Abtretungsflächen und Infrastruktur finanzieren zu können. Der schon relativ hohe Kaufpreis, Zinslasten für den Kredit und zu erwartende Unwegsamkeiten wie minderwertige Teilbereiche des Areals, vermutete Bodenkontamination oder Einschränkungen durch Denkmalschutz hätten berücksichtigt werden müssen. Ob unter Einberechnung all dieser Unwegsamkeiten Verkaufspreise erzielbar gewesen wären, die gefördertes, leistbares Wohnen möglich machen? Der Faktor Zeit wäre für die Stadt, nicht anders als für den jetzigen Eigentümer, zum Verwertungsrisiko geworden – der Druck zu verkaufen enorm.

Selbst das einzig schlüssige der vorgebrachten Argumente für den Kauf der 52 Hektar großen Fläche hätte das unternehmerische Risiko nicht ausgeschaltet: Als Eigentümerin die Gewinne aus Grundstücksaufwertungen durch Umwidmung zu lukrieren hätte vorausgesetzt, dass die Verwertung in Hinsicht auf den Zeitrahmen, etwaige Altlasten und erreichbare Verkaufserlöse optimal verlaufen wäre. Aus den Ingredienzien für den Verkaufserfolg – Wachstum, gute Konjunkturdaten, eine geschickt kaufmännisch operierende Verwertungsgesellschaft, etwas Glück – wäre nur die Schaffung einer professionellen Organisationsstruktur lenkbar gewesen. Skepsis ist hier angebracht. Wie meinte ein innovationsfreudiger Grazer Unternehmer? Die Stadt könne er sich als Unternehmerin nicht vorstellen.

Ein Argument der Abstimmung für den Kauf war, dass die Stadt als Eigentümerin ihre Vorstellungen von einem ökologischen, lebenswerten und verkehrstechnisch ideal erschlossenen Stadtteil optimal umsetzen könne, dass also eine durch Investoren bestimmte, auf Profit fokussierte Entwicklung hintan gehalten werden könne. Dazu müsste die Stadt das Profil des künftigen Stadtteils noch schärfen und diese Vorstellungen so weit wie möglich in den ihr zur Verfügung stehenden Planungsinstrumenten festlegen. Das Dilemma: Der Flächenwidmungsplan alleine taugt dazu nicht, weil er nicht aussagekräftig genug ist. Bebauungspläne, die auf diesem basieren, schränken in der Regel zu sehr ein und stehen einer Lösung, die Investoren und Stadt befriedigt, im Wege, wenn sie zu einem frühen Zeitpunkt erstellt und nicht im konkreten Prozess in einem Bebauungsplanverfahren entwickelt werden.

Stadtteilentwicklung ist heute ein prozessualer Akt, bei dem einige Rahmenbedingungen als Grundsätze vorgegeben sein müssen. Das erfordert Mut, Rückgrat und die Zuversicht, dass sich dennoch Investoren einfinden. Als Eigentümerin von Grund und Boden hätte die Stadt zweifelsohne bessere Voraussetzungen zur Umsetzung vorgegebener Standards gehabt. Sie hätte Optionen auf Grundstücke oder Teilquartiere ausschreiben können, die an bestimmte Bedingungen geknüpft sind. Interessenten können sich in einem Bieterverfahren bewerben, und wer die Kriterien an ehesten erfüllt, erhält in einer zweiten Phase den Zuschlag für das Grundstück.

Nun, dieses Abstimmungsergebnis macht andere Handlungsstrategien zur Entwicklung von Reininghaus notwendig. Derzeit herrscht eine Art Pattstellung: Asset One muss, um mit der Bank eine Darlehensverlängerung auszuhandeln, bis Ende des Jahres Verkaufserfolge vorweisen. Der noch gültige Flächenwidmungsplan sieht jedoch vorwiegend Gewerbeflächen vor. Die Filetierung und ungeordnete Ansiedlung von Gewerbe deckt sich nicht mit dem Entwicklungsplan der Stadt, und eine befristete Bausperre, wie die Grünen sie fordern, steht rechtlich auf unsicheren Beinen. Die Stadt muss also raschest handeln und verhandeln. An die Umwidmung des Areals auf Basis des bestehenden Rahmenplans müsste im Verhandlungsweg die Bereitschaft des Verkäufers Asset One geknüpft werden, einen Großteil des Aufwertungsgewinns an die Stadt abzutreten. Damit könnte ein Teil jener infrastrukturellen Voraussetzungen finanziert werden, die Investoren als Garantie für den Erfolg ihres Engagements voraussetzen. Der Stadt wird ein tiefer Griff in ihre Budgets zur Abdeckung der kolportierten 130 Millionen für die Infrastruktur nicht erspart bleiben. Vermutlich wird sie die Ablehnung des Kaufs durch die Bürger nicht weniger kosten, auch wenn das Verkaufsrisiko wegfällt. Dies abzusehen fiel sogar dem Stadtrechnungshof und Finanzexperten schwer – zu komplex sind offene Themen und Fragen, zu unsicher Prognosen der Entwicklung. Den Bürgern die Entscheidung zu übertragen war schlicht eine Zumutung.

15. Juni 2012 Spectrum

Wie ins Grün gestreut

Exakt wie eine japanische Pinselzeichnung: Feyferlik und Fritzer versehen ihre Häuser mit Freiräumen, die das sinnliche Erleben der Jahreszeiten ermöglichen.

Die Individualisierung der Gesell schaft führt zu veränderten Le bensformen. Die Splittung des Wohnens nach Generationen bedeutet, zumindest im urbanen Raum, eine starke Zunahme von Single- und Kleinhaushalten, dazu kommen immer mehr Alleinerzieher (in Wien sind es 28 Prozent) und eine steigende Zahl von Altersheimen.

Glaubt man den demoskopischen Werten, so ändert dies nichts daran, dass das Wohnen im Einfamilienhaus die begehrteste Wohnform der Österreicher ist. Das eigene Heim ist Goldes wert, es wird mit Naturnähe gleichgesetzt und bedeutet Prestige und Tradition; es suggeriert Sicherheit und Stabilität und verheißt Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Außerdem ist der Hausbau gemeinschaftsfördernd, denn die Familie hat ein kollektives Ziel.

Dem gegenüber stehen enormer Landverbrauch und Zersiedelung, hohe Kommunalkosten für Aufschließung und Infrastruktur und die Erhöhung des Verkehrsaufkommens durch Zweitautos und lange Wegstrecken. Dennoch wird dem Wunsch nach dem frei stehenden Eigenheim von Seiten der Regierungen kein Regulativ entgegengesetzt. Im Gegenteil: Zuschüsse für Jungfamilien oder energiesparende Maßnahmen geben Anreize zum Bauen und tragen zur Erweiterung der Siedlungsgürtel an Stadträndern und in Umlandgemeinden erheblich bei. Für einen großen Anteil der Bauwilligen bedeutet der Hausbau trotz dieser Unterstützungen, jahrelange finanzielle Verpflichtungen einzugehen, die Notwendigkeit eines Zweiteinkommens und den Verzicht auf freie Wochenenden und Urlaube. Und wofür das alles?

Die Bau- und die Fertighausindustrie bieten dem Häuselbauer ein Haus von der Stange - in der Regel zweigeschoßig mit ausgebautem Dachgeschoß im Satteldach und angehobener Terrasse - und behaupten Individualität durch die Wahlmöglichkeit von Erkern, Haustürfabrikat und Fensterfarben. Mit der Verwendung von Holz als Dekor wird Bodenständigkeit suggeriert und eine solide Bauweise, indem die Leichtbauelemente des Fertighauses mit Putz kaschiert werden, um einen Massivbau vorzutäuschen. Nicht etwa, dass die Leichtbauweise gegenüber dem Ziegelbau Nachteile aufzuweisen hätte, nein, aber man weiß ja, was der Kunde will. Ein solches Haus ist für eine Normfamilie, für Normverhalten und für ein fiktives Normgrundstück geplant. Es geht weder auf die Gewohnheiten seiner Bewohner noch auf die Besonderheiten des Grundstücks und der Umgebung ein und nicht auf die Topografie. Wie wäre sonst zu erklären, dass sich trotz genauer Recherche kein Fertighaushersteller finden lässt, der ein Modell für die Hanglage anbietet?

Liegt also das Heil beim vom Architekten geplanten Haus? Nur rund sechs Prozent der Einfamilienhäuser werden unter Beiziehung von Architekten realisiert. Die Gründe dafür kennt man, sie sind mannigfaltig. Zum Beispiel keine oder falsche Vorstellungen zu haben von der Arbeit des Architekten, der ja „nur einen Plan zeichnet“. Oder zu glauben, dass Architektur nur eine Geschmacksfrage sei. Es sind Vorurteile und Ängste, etwa, dass das Architektenhonorar unleistbar ist und dass der Architekt einem seine Vorstellungen aufzwingen will. Nichts davon trifft auf einen guten Architekten zu. Nur: Was oder wer ist ein guter Architekt? Und: Sind nicht alle Architekten gut?

Auch wenn man sich in erster Linie als Vermittler zwischen Architekt und Gesellschaft sieht, muss man doch zugeben, dass es eine Menge schlechter Architekten und Bauwerke gibt. Viele, die zwar ambitioniert, aber nicht gekonnt arbeiten, und einige, die ihr Handwerk beherrschen, sich jedoch in Verkennung der Aufgaben des Architekten in Selbstdarstellung erschöpfen. Anderes wird, mit der Häufigkeit seines Auftauchens in der Architekturlandschaft, trotz Engagement und Können mit der Zeit schlichtweg langweilig. Man denke an die Mehrzahl der „Schweizer Kisten“, einfache orthogonale Baukörper, deren Varianten doch nur kleine Abweichungen des immer Gleichen sind. Der Kritiker in mir wünscht sich weniger kühle Intellektualität oder Konformität, dafür mehr Fantasie und Überraschung, ein spielerisches Element und größeren Formenreichtum. Nicht das Spektakel, aber die eigenständige Ausformung einer Idee. Ein Wohnhaus sollte immer der gebaute Ausdruck der Bedürfnisse seiner Bewohner sein, eine adäquate Antwort auf ihre Vorlieben und ihre finanziellen Möglichkeiten und eine poetische auf den konkreten Ort.

Das Haus R. der Architekten Wolfgang Feyferlik und Susi Fritzer in Grazer Randlage erfüllt all das und mehr. Bescheiden in den Dimensionen, schmiegt es sich ins Terrain, ein baumbestandenes Grundstück in sanfter Hanglage, das nach Südost ausgerichtet ist. Nach den Wohnfunktionen getrennt, sind unterschiedliche solitäre Baukörper ausgeformt, die wie Glieder einer Kette auf einer Erschließungsachse aufgefädelt sind. Der Wohnbereich als flaches Volumen wirkt leicht und lichtdurchflutet, weil er zweiseitig mit raumhohen Glasfronten versehen wurde, die ihn weniger abschließen als schwellenlos mit der Natur verbinden. Eine Gruppe von Birken und anderen Laubgehölzen spendet sommers Schatten, während im Winter die Sonne durch das schräge Oberlicht an der Fassade weit in den Wohnraum geholt werden kann.

Das „Schlafhaus“ der Eltern, holzverkleidet und kompakt, ist Inbegriff von Privatheit und lässt doch durch das rundum laufende Bandfenster den Blick in Baumkronen und auf den Himmel frei. Es schiebt sich in den Hang, macht damit der Verbindungsachse Platz und formuliert den Eingang. Dem Bedürfnis nach getrennten Bereichen entspricht auch der Kindertrakt, ein „Baumhaus“, das als aufgeständerte Box in die Krone eines Nussbaums ragt und das Ensemble aus gekonnt arrangierten Körpern, die wie ins Grün gestreut wirken, leichtfüßig abschließt.

Die Sorgfalt, mit der die Vorzüge des Grundstücks ausgelotet und mit den Wünschen der Bauherrn verschränkt wurden, zeigt sich bis ins Detail. Entstanden ist ein ins Grün fließendes harmonisches Gefüge aus teils luziden, teils kompakten Körpern mit vielfältigen Freiräumen, die das hautnahe Erleben der Natur und der Jahreszeiten möglich macht. Feyferlik und Fritzer konzipieren ihre Häuser mit leichter Geste und setzen sie exakt wie eine japanische Pinselzeichnung. Dieses Haus erreicht ohne großen Aufwand Niedrigenergie-Standard. Mit und in ihm lässt sich sowohl Energie sparen wie Energie tanken.

27. April 2012 Spectrum

Das Leid mit der Leitlinie

Der aktuelle Baukulturreport streut der Steiermark Rosen, nicht zuletzt ihren „Baupolitischen Leitsätzen“, die 2009 durch die Landesregierung beschlossen wurden. So weit, so gut. Aber wie steht es um die Umsetzung der hehren Vorgaben in die Realität?

Wenn die Steiermark am Rathausplatz Wien grüßt, so präsentiert sie sich bei Blasmusik und Bieranstich. Bodenständiges ist im „Steiermarkdorf“ Programm. Dabei hätte das Land viel mehr vorzuzeigen – zum Beispiel seine Baukultur. War die Steiermark nicht einst ein Pionierland im Bemühen um gutes Bauen, vergleichbar nur mit dem Qualitätsweg der Vorarlberger Baukünstler? Tempi passati, wie viel hat sich seitdem geändert! Baukunst ist längst kein Außenseiterthema, selbst das traditionsgebundene Tirol scheint sich in aufregender Weise einer Qualitätsoffensive verschrieben zu haben. In Salzburg und Oberösterreich wächst baukulturelles Bewusstsein, das bemerkenswerte Früchte zeitigt. Selbst in Regierungserklärungen der Bundesregierung werden, wie 2007, Maßnahmen zur Verankerung qualitativ hochstehender Baukultur festgeschrieben.

Vor Kurzem wurde der zweite österreichische Baukulturreport präsentiert. Der Bericht fokussiert unter anderem auf die Verankerung der Baukultur auf kommunaler Ebene und empfiehlt Innovation als Vergabekriterium bei Wettbewerben. Der Steiermark werden Rosen gestreut, weil sie mit ihren „Baupolitischen Leitsätzen“, die 2009 einstimmig durch die steirische Landesregierung beschlossen wurden, „bisher am umfassendsten“ – von allen Bundesländern – „Baukultur als Querschnittsmaterie und gesellschaftlichen Anspruch erfasst und als Leitbild und Handlungsmaxime für die steirische Politik und Verwaltung vorgegeben hat“. Zeit also für eine Umschau, ob und wie das Pflänzchen Baukultur in der Steiermark gepflegt wird und wo es sprießen kann.

Die Bundesimmobiliengesellschaft, von der Regierung beauftragt, öffentliche Bauten nach marktwirtschaftlichen Kriterien effizient zu entwickeln, realisiert aktuell das Schubhaftzentrum in Vordernberg und das Produktionstechnikzentrum (PTZ) der TU Graz auf den Inffeldgründen. Ein EU-weit offener Architektenwettbewerb „zur Erlangung baukünstlerischer Vorentwürfe“ geht beinahe allen größeren Bauvorhaben der BIG als qualitätssichernde Maßnahme voran. Dennoch gewinnt man den Eindruck, dass bei dem bis zum Herbst dieses Jahres fertiggestellten PTZ von Hans Mesnaritsch Pragmatik über Baukunst gestellt wurde. Die drei neuen Forschungs- und Institutsgebäude, deren größtes Volumen ein Würfel mit 33 Meter Seitenlänge ist, sind genauso wie die vom selben Architekten stammenden beiden Module des Kompetenzzentrums aus 2004, sein im Vorjahr eröffnetes Kinderhaus und das von Thomas Zinterl geplante Gebäude für die Frank-Stronach-Institute aus 2006 durchaus alltagstaugliche Zweckbauten. Sie sind funktionell, bis ins Detail sauber gelöst und mit Nutzung von Geothermie technisch innovativ. Was ihnen fehlt, ist bauliche Innovation, ist Wagnis und Grenzgang des Neuen, neu Gedachten – und ist Esprit und Eleganz, die ein Bauwerk zu Baukunst erhöhen können.

Zugegeben, solche Glücksfälle sind nicht nur in der Steiermark selten. Das neue Besucherzentrum des Joanneums von Nieto Sobejano Arquitectos mit Eep Architekten könnte man dazuzählen. Unter den über die Landesimmobiliengesellschaft abgewickelten Realisierungen der vergangenen Jahre, zu denen auch der noch nicht abgeschlossene Ausbau des Joanneumviertels zählt, findet sich einiges, was als Referenzobjekt landeseigener Hochbauten geeignet wäre. Im kommunalen Hochbau der jüngeren Vergangenheit hingegen lässt sich Vorzeigbares, das über Mittelmaß hinausgeht, an einer Hand abzählen. Ein Beispiel: Beim massiv von Land und Bund geförderten Kindergartenausbau (siehe „Spectrum“ vom 4.Juni 2011) wurde versäumt, durch qualitätssichernde Maßnahmen zu steuern, was die Autoren des neuen Baukulturreports mit Spannung erwarten: erste Umsetzungserfolge der „Baupolitischen Leitsätze“ der Steiermark. Eine vertane Chance.

Das führt uns zum Wohnbau, der dem Land vor einem Vierteljahrhundert internationale Beachtung als Architektur–Eldorado einbrachte. Für den geförderten Wohnbau in der Steiermark konstatiert der aufmerksame Beobachter betrübt, dass er bedeutungslos geworden ist. Was über die Qualität eines „business as usual“ hinausgeht, entsteht mit wenigen engagierten Bauträgern, die Qualität fordern und fördern, weil sie wissen, dass sie die auch verkaufen können, wenn es keine Fördermittel dafür gibt. Was so entstehen kann, sind gelungene Einzelbeispiele. Was fehlt, ist ein politisches Bekenntnis für einen neuen sozialen Wohnungsbau, der nicht nur niedrigen Energieverbrauch zum Thema hat, sondern auch Spielraum lässt, auf geänderte gesellschaftliche Anforderungen freier und fantasievoller reagieren zu können.

Wo die Architektur aus der Steiermark schwächelt, sind die Ursachen nicht auf einen Nenner zu bringen. Im mehrgeschoßigen Holzwohnbau, bei dem mit zwei Beispielen von Hubert Rieß Pionierleistungen erbracht wurden, wurde der gute Anfang nicht konsequent weitergeführt. Heute wird in Wien Wohnbau in Holz umgesetzt, in Vorarlberg entsteht ein erstes Hochhaus, während im Holzland Steiermark Schweigen im Walde herrscht.

Bei anderen Themen wie den Bauten für die alpine Skiweltmeisterschaft 2013 in Schladming gewinnt man den Eindruck (mit Ausnahme des Mediencenters von Riepl Riepl Architekten), dass es den Auftraggebern schlicht an Qualitätsbewusstsein fehlt. Erstaunlich nur, dass die dort entstandenen Bauwerke wie das schon in Kritik geratene Zielstadion von Fachjurien in Wettbewerben ermittelt wurden.

Höchste Qualität, die als Baukunst in die Architekturgeschichte eingehen könnte, ist eben auch dann noch nicht garantiert, wenn man sie über Baukulturreports einfordert und über Leitsätze zur Baukultur verordnet. Dennoch: Allen Bemühungen vorangehen muss, ein breites Bewusstsein für gutes, über brave Alltagstauglichkeit hinausgehendes Bauen zu schaffen – als nachhaltiger Gewinn für jede Gesellschaft. Leitlinien, die sich Bund und Länder als größte Bauherren auferlegen, sind dabei hilfreich unter der Voraussetzung, dass sie nicht papieren bleiben, sondern mit Engagement und Fantasie umgesetzt werden.

24. März 2012 Spectrum

Das Bild der Sprache

Dieser Tage als schönstes Buch Österreichs geehrt, kürzlich in Leipzig gar als schönstes Buch der Welt: „Raum, verschraubt mit der Zeit“, das Architekturjahrbuch der Steiermark, gestaltet von Gabriele Lenz.

Bücher transportieren Inhalte. Gedachtes wird in Schrift, das Bild der Sprache, übertragen. Illustrationen haben die Aufgabe, Inhalte „hell zu machen, zu beleuchten“(lat. lustrare) und ihre Verständlichkeit zu fördern. So weit, so klar.

Zweifellos sind Bücher für Menschen, die sie lieben, aber mehr als Transporteure von Inhalt und Wissen. Sie spenden Trost, können ein Wir-Gefühl schaffen, sind purer Genuss und Leselust. Wer ins Lesen vertieft ist, scheint von seiner Umwelt abgeschnitten. Bücher können imaginäre Räume aufspannen. Und manchmal verwandelt sich die Flachware Buch ganz real in ein ansehnliches Gebilde plastischer Wirkung.

Ein solches Buch ist „Raum, verschraubt mit der Zeit“, das aktuelle Architekturjahrbuch der Steiermark, das den Architekturpreis des Landes 2010 und neun nominierte Bauwerke präsentiert. Wo der Schweizer Kurator Hubertus Adam zum besseren Verständnis die Qualitäten der von ihm ausgewählten Bauten in einen sehr persönlich gehaltenen Reisebericht fasst und diesen assoziativ mit einer zeitgeschichtlichen Analyse der Grazer Architekturbewegung, mit architekturhistorischen Verweisen, einer Sage und einem den Grazer Treppen gewidmeten Gedicht von Erich Fried verknüpft, und wo die Fotografin Herta Hurnaus eine in sich geschlossene Serie von Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Objekte liefert, tritt als kongeniale Partnerin die Wiener Grafikerin und Gestalterin Gabriele Lenz (mit Mitarbeiterin Elena Henrich) auf den Plan.

Die Aufgabe ist komplex. Unterschiedliche Textgattungen in Deutsch und in englischer Übersetzung, Planzeichnungen, Datenblöcke und Bildmaterial sollen miteinander verschränkt werden. Lenz trennt die Schwarz-Weiß-Fotografien von Herta Hurnaus vom Textteil und macht daraus ein eigenes Buch – einen Fotoessay mit dem Vorzug großer Bildformate. Die Texte werden in einer klaren Struktur ineinander verzahnter Textblöcke angeordnet, dezent farblich und in Schriftgröße und Schriftart voneinander abgesetzt und durch feinstrichige Pläne und Zeichnungen aufgelockert. So entstehen zwei Bücher, die mit ihren offenen Buchseiten nach innen nebeneinander angeordnet und in einem gemeinsamen Leineneinband gefasst sind. Der Leser hat die Freiheit, sich nach Lust und Laune in die Texte oder Bilder als eigene Lesestrecken zu vertiefen. Öffnet man beide Bücher bei am Seitenrand höhengleich angelegten feinen Linien, so stellt sich die Kongruenz von Objekttext und Bild ein, ist ein Ganzes.

Der Buchtitel, eine Zeile aus dem Gedicht von Erich Fried, bezieht sich viel eher auf das Kuratorenkonzept der inhaltlichen Verschränkung und die gestalterische Idee, die ihr die Form gegeben hat, die Inhalt und Form „verschraubt“ hat, als auf den Inhalt selbst. Aber er macht im gleichen Maß neugierig auf den Inhalt wie der blaugraue Leinenumschlag mit der Tiefprägung, die sich in eine Andeutung von Schrift auflöst, und die doppelten Buchrücken in Fadenheftung.

Gabriele Lenz orientiert ihre kreative Arbeit in erster Linie an der Frage, wie Typografie den jeweiligen Inhalt am besten transportieren kann. Gute Lesbarkeit, die Übersichtlichkeit von Schrift und Layout, Materialgüte, handwerkliche Qualität und Präzision auch in der Verarbeitung sind ihre Kriterien. An rein formalen Lösungen, an l'art pour l'art, ist die Grafikerin nicht interessiert. Ihr Wahlspruch „Gute Typografie macht keine Geräusche“ stammt von Otl Aicher, dem genialen deutschen Typografen, der die visuelle Gestaltung in den Nachkriegsjahren revolutioniert und immer behauptet hat, dass es schwieriger sei, einen Text gut lesbar anzubieten, als daraus eine schöne Struktur, ein Kunstwerk zu machen.

Mit der Buchgestaltung von „Raum, verschraubt mit der Zeit“ ist der Grafikerin beides gelungen, und so scheint es nur auf den ersten Blick erstaunlich, dass dieses Buch unter 540 Büchern aus 31 Ländern ausgewählt wurde, sich mit dem Titel „Schönstes Buch der Welt“ und einer Goldmedaille schmücken zu dürfen. Letzte Woche wurde diese Auszeichnung, die seit 1965 von der deutschen Stiftung Buchkunst verliehen wird, an Gabriele Lenz im Rahmen der Leipziger Buchmesse überreicht. Die Auswahl kommt traditionell vom Hauptverband des österreichischen Buchhandels, der dieses Buch zuvor mit 14 weiteren Publikationen als „Schönstes Buch Österreichs 2011“ nominiert hat. In dieser Woche wurde nun auch der daraus ausgewählte Österreichische Staatspreis – monatelang ein gut gehütetes Geheimnis – in einem feierlichen Akt für dieses einzigartige Buch vergeben.

Gabriele Lenz' „Büro für visuelle Gestaltung“ zeigt vermutlich nicht zufällig eine auffallende Ähnlichkeit in der Namensgebung mit Otl Aichers „Büro für visuelle Kommunikation“, das dieser nach der politisch motivierten Schließung der von ihm mitbegründeten Hochschule für Gestaltung in Ulm bis zu seinem Tod 1991 geführt hat. Wie für Aicher ist für die Gestalterin Lenz die Typografie, unter der man längst nicht mehr nur Schriftgestaltung und -layout versteht, Mittel und Form zur Erleichterung der Kommunikation – sie ist Kommunikation, die sich in Plakaten, Beschriftungen, in Leitsystemen und in Buchgestaltung ausdrückt. Aichers Piktogramme, Bildsymbole wie jene für die Sportarten bei den Olympischen Spielen 1972, sind weltweit in Verwendung, seine Zeichen für Abflug und Ankunft auf Flughäfen kennt jeder, sein Corporate Design für Braun, Lufthansa oder Erco Leuchten hat Designgeschichte geschrieben.

Gute Lesbarkeit ist bei der typografischen Arbeit, die auf dem Tisch von Gabriele Lenz landet, immer zugleich Motto und Herausforderung. Und so hat sie sich auch mit Leseforschung beschäftigt und im Rahmen einer Studie über das Leseverhalten von 13- bis 19-Jährigen im Team mit Daniela Kraus und Andy Kaltenbrunner 2008 eine Schriftenfamilie für Jugendliche entwickelt. „Typografie ist nichts anderes als die Kunst, jeweils herauszufinden, was das Auge mag, und Informationen so schmackhaft anzubieten, dass es ihnen nicht widerstehen kann“, sagt Otl Aicher. Möge Gabriele Lenz uns noch oft mit ihrer Kunst der Typografie Genuss bereiten.

11. Februar 2012 Spectrum

Wirklichkeit nach Tagsatz

Architektur im Kontext: zu den Fotografien Paul Otts.

Wer die Arbeitsweise des Architekturfotografen Paul Ott kennt, versteht, warum Fotografen Honorare nach Tagsätzen verrechnen. Man trifft ihn am Morgen bei einem abzulichtenden Objekt und kann ihn spätnachmittags noch an derselben Stelle sitzen sehen, wartend auf den Moment, der sein Sujet ins beste Licht rückt. Hell-gleißend ist dieses in Otts Bildern nie, denn es geht ihm nicht um das kontrastreiche, singuläre Hervorheben von Gebautem, sondern im Gegenteil um seine Einbettung in einen Rahmen – den der Stadt, der Landschaft, des Ganzen. Das Grün der Blätter und Halme wird zum Filter. Solche Aufnahmen gleichen Vexierbildern und kommen den Intentionen der Architekten, denen Kontextualität wichtig ist, ganz nahe.

Den Bildern in seinem Band „Fotografie über Architektur“ ist der erkennende Blick des Fotografen anzusehen, aber auch Eigenschaften wie Geduld, Konzentrationsvermögen und Bescheidenheit sind ablesbar. Otts Arbeit als Architekturfotograf ist dokumentarisch; sie bildet Wirklichkeit ab und will zum Verstehen eines architektonischen Konzepts, einer Absicht beitragen. Die Entscheidung, den Aufnahmen weder Titel noch Objektdaten hinzuzufügen, konzentriert den Blick auf Bildgehalt und Bildcharakter, die Wahl von nicht hochglänzendem Papier verschönert ihn. Am Buchende sind Bildsujets und Architekten gelistet.

28. Januar 2012 Spectrum

Die neue Ordnung

Ein buntes Nebeneinander: Belgrad im Winter 2012 zeigt sich als Stadt mit reicher Baugeschichte im Zustand des Verharrens. Die Menschen versuchen dennoch guten Mutes zu sein.

Belgrad im Jänner 2012. Wer wohlwollenden Rat in den Wind schlägt und zur Fahrt ins Hotel den öffentlichen Bus nimmt, betritt am Slavija Platz die Stadt und erhält gleich eine eindrucksvolle Lektion Belgrader Stadtplanung. Fünf große Straßen münden in den Kreisverkehr um die Grünfläche, auf der nicht nur die überdimensionierte Büste eines sozialistischen Schriftstellers steht, sondern auch seine Gebeine liegen. Mit der Bauruine eines Vorstadthauses, Parkplätzen in Baulücken neben dem Hotel Slavija, der ersten osteuropäischen McDonald's-Filiale und einer längst grün überwachsenen Baugrube, über der 1940 (!) ein Warenhaus errichtet werden sollte, bleibt der Platz eine offene Wunde im Gewebe der Kernstadt am rechten Ufer der Save.

Auch hiefür soll Nikola Dobrovic als vielleicht wichtigster Urbanist und Theoretiker Belgrads ein Vorschlag entwickelt haben. Der wurde, wie alle seine Ideen zur städtischen Entwicklung, nie umgesetzt. Immerhin kann man sein siegreiches Projekt beim internationalen Wettbewerb 1929 für die Terazije über Planunterlagen mit dem Istzustand vergleichen. Für das lang gezogene Oval – nicht Platz und nicht Straße – an einer der nicht nur topografisch spannendsten Stellen auf dem Hügel hatte der Architekt eine großstädtische Geste aus kaskadenartig abgestuften Baukomplexen, die einen stattlichen öffentlichen Platz rahmen, vorgesehen. Heute ist dort, mit großartigem Ausblick auf die Ufer der Save und das dahinter aufsteigende Gewirr der Wohnblöcke von Novi Beograd, noch immer eine Brache. Sie wird an einer Seite von einem gerade fertiggestellten, mittelmäßigen Bürohaus gesäumt, auf der anderen von Feuermauer, Hinterhof und Nichts.

Es sind das Nebeneinander und die sich darin ausdrückende Vielfalt, die diese Stadt interessant machen. Sie liegt an zwei Flüssen, an Save und Donau. Ausgedehnte grüne Uferzonen, die von Hausbooten und Radwegen gesäumt sind, geben eine Ahnung von der Lebensqualität der Stadt in der warmen Jahreszeit. Vielfalt liegt schon in der Geschichte der Stadt begründet, die jahrhundertelang als strategisch wichtiger Ort heiß umkämpft war. Vom Barock der Habsburger, die die mittelalterliche, ummauerte Stadt einebneten, um im heutigen Stadtteil Dorcol ein deutsches Viertel für Einwanderer zu errichten, blieb, als die Türken die Stadt eroberten, nur das orthogonale Straßennetz. Selbst an ihre Herrschaft erinnern nur wenige bauliche Spuren.

Was der Stadt an gebauter Substanz erhalten blieb, ist ein buntes Nebeneinander, das den Schritt um jede Ecke zum neuen Erlebnis macht. Neben der eher geringen Zahl an Häusern im serbisch-byzantinischen Stil und einigen sezessionistischen Beispielen fällt der eklektizistische Stilmix an öffentlichen Repräsentationsbauten auf, die bis in die 30er-Jahre errichtet wurden. Zeitgleich, im Widerstreit mit dem monarchischen Zeitgeist, formierte sich eine „Gruppe der Architekten der modernen Bewegung“, der Belgrad Bauten zu verdanken hat, die der europäischen Moderne ebenbürtig sind.

Was der Zweite Weltkrieg auch hier gestoppt hatte, konnte im Nachkriegsbelgrad fruchtbar fortgesetzt werden. Der Weg Titos – die Gründung der Bewegung der blockfreien Staaten und seine Annäherung an den Westen – brachten nicht nur Entwicklungsgelder ins Land, sondern auch die Liberalisierung der jugoslawischen Gesellschaft mit sich. Aus dieser Zeit der Rekonstruktion stammen viele Wohnhäuser im Geist von Moderne und le Corbusier. Einige öffentliche Bauten dieser Ära, in der sich Belgrad zu einer Metropole internationalen Zuschnitts entwickelte, wie die Nationalbibliothek oder die Fakultät für Philosophie, zeigen eine eigenständige regionale Ausformung des Modern Style, in dem unter anderem die facettenreiche Anwendung von Stein Bedeutung erlangte. Preziosen jugoslawischer Baukunst sind auch das Sportzentrum des 25. Mai von Ivan Antic oder sein Museum für Zeitgenössische Kunst in Neu-Belgrad – kraftvoll in Form und Ausdruck.

Novi Beograd, die Stadt aus unzähligen, nicht enden wollenden Wohnquartieren am linken Ufer der Save, in der heute etwa 300.000 Menschen leben, hat seine Existenz nicht nur dem enormen Zuzug nach 1945 zu verdanken, sondern auch der Tatsache, dass die kommunistische Nomenklatura alles Bestehende und damit das alte Belgrad geringschätzte. Novi Beograd war das Symbol der neuen Ordnung – erbaut ab 1960 nach einem Generalplan, mit Einteilung in Blöcke und viel gepriesener Weitläufigkeit.

In der Kälte des zugigen Wintertags ist es hier nur trist. Punkthochhäuser, die lange Schatten auf ihre Nachbarn werfen, und endlos lange, bis zu vierzehn Geschoße hohe Häuserzeilen lassen einen froh sein, dass man diesen Stadtteil nicht zu Fuß durchmessen muss. Durchgrünung ist vom Auto aus kaum zu sehen, hingegen weisen Supermärkte, Behelfshallen und Kioske auf eine Nachverdichtung hin. Weitgehend frei von Bebauung zeigt sich nur die nordöstliche Uferzone des Stadtteils. Hier liegen Symbole der Privatisierungen seit 2001: das berühmte Hotel Jugoslavija und das Einkaufszentrum Usce mit dem Hochhaus, das einst der Sitz des ZK-Komitees war und das heute, nach der Bombardierung 1999 und Renovierung, den Schriftzug „Hypo“ auf dem Dach trägt.

Hier wie dort hat man den Eindruck, dass vieles auf Wiederbelebung wartet. Alle großen Museen sind gesperrt, nur das Nationalmuseum am Platz der Republik ist eingerüstet. Einzig die Kneza Mihaila, die als Fußgängerzone alle internationalen Modeketten aufbietet, zeigt sich herausgeputzt. Viele Bauten sind heruntergekommen und renovierungsbedürftig, was nicht nur mit Krise und politischer Isolierung, sondern wohl auch mit der noch nicht erfolgten Restitution zu erklären ist.

Dennoch ist Belgrad eine Stadt mit pulsierendem Leben, vollen Kaffeehäusern und geschäftigem Treiben. Das Warten auf bessere Zeiten wollen sich die Belgrader trotz prekärer Arbeitsverhältnisse nicht vermiesen lassen. Und so schwärmt Miodrag, der junge Architekt, in einer der Kneipen der provisorisch revitalisierten Beton Hala am Hafen vom dort erlebbaren Wintersonnenuntergang – notfalls auch ohne Kaffeegenuss.

2. Dezember 2011 Spectrum

Licht durch den Trichter

Das Besucherzentrum für das neue Grazer Museumsquartier unter die Erde zu verlegen ist eine Königsidee. Aber sie hat ihren Preis. Joanneumsviertel: eine erste Visite.

Alles Neue ist gewöhnungsbedürftig. Die Bezeichnung Joanneumsviertel für das, was am vergangenen Wochenende in Graz mit großer Zeremonie eröffnet wurde, ist dem einen (dem Uneingeweihten) Verwirrung, dem anderen (den Initiatoren) Programmatik. Das neue Joanneumsviertel – ein Stadtbezirk, ein Museumsquartier oder ein um einen neuen Eingang erweitertes, modernisiertes Museum? Die Absicht hinter der Titelgebung ist nachvollziehbar. Mehrere museale Institutionen unter der Obhut und Verwaltung des „Universalmuseums Joanneum“ wurden neu strukturiert und werden bis 2013 umgebaut und erweitert. Sie alle liegen in einem Straßenkarree „hinter“ dem Hauptplatz, wie Grazer das Quartier um das bis 1886 bestehende Neutor der ehemaligen Befestigung lokalisieren.

Eröffnet wurden nun das sanierte Museum Joanneum und ein neues Besucherzentrum als zentrales Verbindungsglied zwischen dem neobarocken Museumsbau aus dem Jahr 1894, der nach der Übersiedelung der Gemäldesammlung ins Schloss Eggenberg nach Neunutzung rief, und dem Lesliehof, einem als Kloster im 17. Jahrhundert erbauten Geviert, das bis 2009 als veraltetes Museum für Naturkunde diente, sowie der zeitgleich mit dem Joanneum errichteten Landesbibliothek. Drei historische Sammlungs- und Ausstellungsbauten, die bis dahin nur ihre geringe Besucherzahl einte, sollten nicht nur saniert und erweitert werden, sondern durch ein repräsentatives Eingangszentrum eine die große Investition rechtfertigende Belebung erfahren.

Daraus erklärt sich auch die Verlegung der Neuen Galerie von der zentral gelegenen Sackstraße in das sanierte Joanneum. Sich die international renommierte Abteilung für die Sammlung und Präsentation zeitgenössischer Kunst einzuverleiben, die, obschon auch zuvor formal dem Landesmuseum unterstellt, von Peter Weibel und Christa Steinle bis zur nicht friktionsfreien Übersiedlung in weitgehender Autonomie der Programmgestaltung geführt werden konnte, war wohl ein Muss für Peter Pakesch, den Museumsdirektor, um sein neues Museumsviertel zu attraktivieren.

Der Entwurf des spanischen Architekturbüros Nieto Sobejano in Arbeitsgemeinschaft mit „eep architekten“ aus Graz, die das EU-weit ausgeschriebene Bewerbungsverfahren für sich entscheiden konnten, sah vor, die geforderte Kubatur für die Erweiterung der Bibliothek und das neue Besucherzentrum unter die Erde zu legen. Auf trapezförmigem Zuschnitt sind nun Kasse und Garderoben, Entlehnstelle und Freihandbibliothek, die multimedialen Sammlungen, ein Auditorium und der Museumsshop situiert, darunter ein Tiefspeicher für die Bücher. Die auf Straßenebene entstandene freie Fläche ist nicht mehr wie früher als umzäunter Museumsgarten angelegt, sondern als befestigter Platz und öffentlicher Raum, der schwellenlos benützt werden kann – und soll. Fünf große, kegelförmige Trichter aus Glas strukturieren die Piazza und bringen großzügig Tageslicht in die Räume darunter, sodass der Besucher, hat er erst die Rolltreppe, die ihn vom Platz auf die Verteilungsebene führt, verlassen, nie das Gefühl hat, sich unter Terrain zu befinden. An der höchst komplexen Form der verschieden großen Kegelstümpfe, die das Besucherzentrum aus jeder Perspektive und jedem Winkel dominieren, zeigt sich auch die Qualität seiner Detailausbildung am deutlichsten. Die riesigen, unterschiedlich gebogenen und geneigten Gläser mit Punktraster stoßen mit beeindruckender Präzision aneinander. Sie müssen selbst für den Glashersteller eine Herausforderung gewesen sein. Darüber hinaus zeigt die räumliche Gestaltung fein nuancierte Zurückhaltung: Sichtbeton an den Wänden, geschliffener Gussasphalt als Boden, bündig eingelegte Türelemente und frei stehende Möbel im gleichen Holz; Grau, Schwarz und helles Braun als Materialfarben und Weiß als Aufhellung bilden ein stimmiges Ganzes.

Die Königsidee des Entwurfs ist zweifelsfrei die Absenkung des Besucherzentrums um ein Geschoß. Die historischen Bauten, die einander den Rücken zukehren, werden in ihrer Dimension und autonomen Stellung nicht angetastet, die Fläche dazwischen bleibt frei von Hochbauten und könnte so als Platzangebot, in Kürze ergänzt durch ein Café, über den Museumsbetrieb hinaus wirksam werden.

Was stadträumlich schlüssig ist, hat allerdings seinen Preis. Das barocken Grundrissprinzipien folgende Museum Joanneum wurde ursprünglich von der Neutorgasse aus erschlossen und war durch die Raumfolge Vestibül, Prunkstiege und Kuppelsaal geprägt. Nun betritt man das Palais über die neue, zweiläufige Treppe vom Besucherzentrum aus, die in eine Hintertreppe mündet, ehe man, auf dem Treppenabsatz der Prunkstiege angekommen, sieben Stufen ins Vestibül absteigen muss, um von dort nach sieben Stufen Aufstieg die beiden Ausstellungseinheiten des ersten Hauptgeschoßes zu erklimmen. Will man also ins neue Museum der Arbeiten von Günter Brus oder in die Sammlungsausstellung der Neuen Galerie, so hat man 61 Stufen zu bewältigen, und will man gar ins zweite Hauptgeschoß, das mit einer großen Hollein-Retrospektive eröffnet wurde, so folgen weitere 35 Stück.
Man kann auch den neuen Lift nehmen, die repräsentative historische Raumfolge erlebt man dann allerdings nicht. Auch die Enfilade der beiden Ausstellungsebenen ist nur mehr eingeschränkt erlebbar. Der Wunsch nach zusätzlichen Hängeflächen machte es offensichtlich unabdingbar, dass die meisten der größeren Räume ihre natürliche Belichtung verloren. Der Fensterfront wurde eine geschlossene Wand vorgesetzt, die zusammen mit der neuen abgehängten Decke eine Vorsatzschale bildet: Sie enthält die technische Infrastruktur.

Die Absicht ist klar. Dass die Gartenfassade als nun zum Platz gerichtete Hauptfassade vorwiegend Blindfenster zeigt, scheint zweitrangig. Ob nicht auch eine funktionstüchtige Fassade mit Fenstern, die vom Straßenraum aus Bewegung und Leben zeigen und von welchen der Besucher den neu geschaffenen Platz aus überblicken könnte, zur gewünschten Belebung des neuen Viertels beigetragen hätte, zumindest dann, wenn tageslichtverträgliche Werke ausgestellt werden?

5. November 2011 Spectrum

Zwischen hier und dort

Aufbahrungshallen sind Orte des Übergangs, die besondere Achtsamkeit in der Gestaltung verlangen. Drei Beispiele – in Linz, Graz und Slowenien – zeigen, wie unterschiedlich Symbolkraft und Metapher ihren Ausdruck finden.

Wenn Architektur die Fähigkeit hat, an etwas zu erinnern, so ist es kein Zufall, dass die frühesten und wichtigsten Bauwerke in vielen Kulturen Begräbnisbauten waren. Ihnen wurde eine Bedeutung zugeschrieben, die weltliche Architektur lange nicht erreichen sollte. Von Sakralarchitektur erwarten wir uns auch heute, dass sie Stille und Besinnung ermöglicht und sich von der Architektur des Alltags absetzt. Le Corbusiers Wallfahrtskapelle in Ronchamp nimmt in seinem Werk deshalb eine Sonderstellung ein, weil sie eine andere Moderne darstellt, eine, die mit Bedeutung und suggestiver Stimmung aufgeladen ist und daher mit der Neuen Sachlichkeit nichts gemein hatte.

Friedhöfe und ihre Einsegnungs- und Aufbahrungshallen sind Orte des Gedenkens und des Abschiednehmens. Solche Orte sind nie als rein funktionalistische Architekturen konzipiert, sie wollen als Raumkunst und Metapher für religiöse Werte verstanden werden.

Für Ernst A. Plischke, den bedeutenden Vorreiter der Moderne im Österreich der Zwischenkriegszeit, liegt die wesentliche Qualität jeder „voll entwickelten modernen Architektur in der Spannung zwischen Raumkonzept und Funktion einerseits und zwischen der Vision einer Bauplastik und der Konstruktion andererseits“. Ohne diese Spannung gäbe es entweder reinen Utilitarismus oder eine abstrakte Bauplastik.

Diese Kriterien für gute Architektur erfüllt der heurige Preisträger des nach Plischke benannten Preises, der slowenische Architekt und Universitätslehrer Aleš Vodopivec, im Waldfriedhof Srebrnice bei Novo Mesto aufs Beste. Die Friedhofsanlage im südlichen Slowenien mit Einsegnungshalle, vier abgeschlossenen Aufbahrungskapellen und präzise gesetzter Wegeführung vereint funktionale und symbolische Qualitäten in würdevoller Harmonie. Vodopivec bezieht vorhandene natürliche Landschaftselemente, Nadelwald und Waldlichtung, in seinen Entwurf mit ein und gibt ihm damit Richtung. Der monumental überhöhten, offenen Säulenhalle mit 25 Säulen in quadratischer Anordnung stellt er die Stämme einer Baumgruppe vor der Waldgrenze gegenüber. Er gibt der Annäherung an den eigentlichen Ort der Verabschiedung Raum und damit Zeit und inszeniert den Übergang von den Außenräumen zum Innenraum bis hin zur Lichtführung achtsam und präzise. Drinnen und Draußen folgen nicht der Dialektik des Entweder-oder, des Seins und Nichtseins, sondern bilden fließende Übergänge. Auch die Einsegnungshalle ist dreiseitig verglast – Naturraum und gebauter Raum verschmelzen ineinander. Gekonnt ist die Anlage bis ins Detail gelöst: mit Betonscheiben, die den Eingängen zu den intimen Aufbahrungskapellen vorgesetzt sind, um Einsehbarkeit zu verhindern, mit exakt bündig angeschlagenen Türen, deren Material Holz stimmiger Kontrast zur Oberfläche des Sichtbetons ist, und mit schräg gestellten Wandelementen, die Seitenlicht in Nebenräume bringen und damit die durch Gleichmaß bestimmte Ausstrahlung des Bauwerks nicht mit der Banalität von Klofensterformaten konterkarieren.

Die neue Aufbahrungshalle auf dem Steinfeldfriedhof in Graz entspricht dem Anspruch nach Übereinstimmung von Funktion, adäquater Raumerfindung und Baustruktur leider nicht. Hofrichter-Ritter Architekten setzen das „Friedhofscenter“, wie die Anlage von der Stadtpfarre Graz, der Bauherrin, genannt wird, durch seine Form spektakulär in Szene, lassen jedoch grundlegende Voraussetzungen für innere Einkehr außer Acht. Die Annäherung an den oval gekurvten Einsegnungsraum ist unschön asphaltiert und die Einfriedung der Anlage nicht mehr als die formal begründete Fortführung der ebenso schräg gestellten Wand des angebauten Nebentrakts. Der geschützte Vorbereich, der aus der weiterführenden Überdeckung der beiden raumbegrenzenden Wandscheiben des Hauptraums entsteht, ist wiederum zu knapp, um als Ort der Versammlung dienen zu können. Vieles an diesem Bau scheint nicht zu Ende gedacht: die Anlieferung des Sargs in unmittelbarer Nähe zur Urnenwand, die undifferenzierte Deckenführung der Halle über das im Fußboden hervorgehobene Oval der Grundrissfigur hinaus, fantasielose Einschnitte von Tür und Fenstern in schräg gestellte Wände. Auch die Metaphorik des Bauwerks ist vordergründig – das Ovalrund als Zeichen der Endlosigkeit, die sich an einem Ende von der Erde lösenden, „schwebenden“ Wandscheiben oder das billig gepinselte Deckenfirmament bieten kaum Interpretationsspielraum. Es erfordert große Achtsamkeit, für Metaphern, die solch bedeutungsvollen Orten unterlegt werden, den passenden Ausdruck jenseits von Geschwätzigkeit und blasser Andeutung zu finden und sie nicht Kitsch oder Klischee werden zu lassen.

Diesen Ton trifft der Architekt Andreas Heidl – zu Unrecht erst durch seinen Entwurf für den Umbau des Nationalratssaals bekannt geworden – bei Sakralbauten immer. An der Neugestaltung der Aufbahrungshallen und Servicebereiche beim Linzer Stadtfriedhof St. Martin zeigt sich nicht nur Heidls Fähigkeit, funktionelle Ordnung in räumlich-differenzierter Gliederung herzustellen, sondern auch, dass er in der Beschränkung auf wenige, genau gewählte Elemente, Materialien und Farben große atmosphärische Dichte erzeugen kann. Der Architekt macht über Schwellen deutlich, dass man einen Ort der Stille betritt, und lässt dem Besucher Zeit, sich beim Durchschreiten eines Birkenhains darauf einzustellen. Er schafft unterschiedliche Zonen und Stimmungen, indem er dem Zeremoniensaal eine offene Halle für das Versammeln vor dem Begräbnis vorsetzt, die er durch Abstand vom gewachsenen Terrain und vom Hauptbau leichter erscheinen lässt. Ruhe und Gelassenheit des Innenraums erzeugt Heidl mit einheitlichen Oberflächen und Licht- und Farbstimmung. Sollte dahinter eine Symbolik stehen, so lässt sie unterschiedliche Deutungen zu – für mich die Assoziation mit dem Bild des gleichmäßig strahlenden Lichts am Ende eines Tunnels, das eine immer wiederkehrende Nahtoderfahrung beschreibt.

24. September 2011 Spectrum

Über den Wipfeln ist Ruh

Er will kein klassischer Aussichtsturm sein, ist vielmehr eine Raumskulptur mit außergewöhnlicher Wegeführung. Der Murturm im steirischen Gosdorf bietet die verfeinerte Wahrnehmung einer Aulandschaft: ökologische Wald-Etagen statt spektakulärer Rundsicht.

Flüsse bilden Grenzen und sind zugleich verbindend. Mit der Ostöffnung wurden ehemals befestigte Grenzen von Finnland bis ans Schwarze Meer zu einer Kette unberührter Landschaften – Biotope, deren Schutz und Erforschung die EU unterstützt, ist das doch ein Beitrag zur Erhaltung von Biodiversität. Im Süden der Steiermark bildet die Mur knapp 40 Kilometer lang die Grenze zu Slowenien, ehe sie Österreich verlässt. Früher war die Aulandschaft an dieser Stelle eine Terra incognita. Genau das erwiessich als Vorteil für das Überleben von Tieren und Pflanzen, die anderswo längst als bedroht galten. Der Mündungsbereich des Saßbachs in die Mur – eine flache, lose bewaldete Landschaft mit Schotterinseln, die die Strömungsgeschwindigkeit der Mur verlangsamen und damit nicht nur ideale Voraussetzungen zur Renaturierung, sondern auch zur Beobachtung von Vögeln bieten – ist Teil des Programms „Grünes Band Europa“. Mit der sanften touristischen Erschließung dieser Landschaft wurde das Münchner Büro terrain:loenhart&mayr beauftragt. Mit der Steiermark verbunden ist Klaus Loenhart als Leiter des Instituts für Architektur und Landschaft an der TU Graz.

Folgt man im 1000-Seelen-Ort Gosdorf dem leicht zu übersehenden Hinweis auf einen „Murturm“, so passiert man vorerst ländliche Banalität. Rustikale Allerweltsarchitektur als Schenke für Radfahrer des Murradwegs, bescheidenes Ferienglück im längst fix installierten Campingmobil am Ufer des winzigen Sees, ein kleiner Parkplatz am Zugang zur Au, die für den motorisierten Verkehr gesperrt ist. Erlenwald und Feuchtwiesen, befestigte Waldwege, Wanderers Rast beim Insektenhotel, eine neu geschaffene Furt. Doch dann, durchs silbrig glänzende Blattwerk erspäht, ein hoch aufragendes Bauwerk, das es in sich hat, ein stählerner Turm, der sich polygonal in die Höhe schraubt. In seiner komplexen räumlichen Geometrie ist er auf den ersten Blick wenig fassbar, wirkt, als wäre er instabil. Mit Aussichtstürmen, die man landläufig kennt, jenen massiven, wehrhaft wirkenden Holzkonstruktionen, die reine Funktionsgebilde sind und nichts anderes wollen, als den Besucher sicher und rasch zum höchsten Punkt und freien Rundblick zu bringen, hat der Murturm nichts zu tun. Dieser Turm setzt sich auffallend in Szene – wie eine Diva auf dem roten Teppich, die als singulärer Höhepunkt gesehen werden will.

Aufstieg und Abstieg sind in Form einer Doppelhelix. Eine lineare Wegeführung mit zwei gegenläufigen Treppen, die ineinander verdreht nach oben streben und am höchsten Punkt über eine Plattform miteinander verbunden sind, hatten die Architekten von Anfang an im Kopf. Die Geometriefindung der räumlichen Struktur, die die beiden Treppenläufe tragen sollte, erwies sich dennoch als langwieriger und aufwendiger Prozess der Optimierung von Form und Material, als ein stetes Hin und Her zwischen Tragwerksplanern und Architekten. Erste einfache Papiermodelle, die wieder verworfen wurden, zeigen räumlich gekrümmte Rohre in der Figur von Zylindern oder steilen Kegelstumpfen. Formvorstellungen wurden gebaut, von den Tragwerksplanern im digitalen 3-D-Modell gerechnet, und das Ergebnis wurde wieder in ein physisches Modell „übersetzt“. Ein Feilen, so lange, bis Bewegungsablauf und Form optimiert schienen und das Tragwerk in Hinblick auf von außen einwirkende Kräfte, Lastenverteilung und fertigungstechnische Überlegungen dimensioniert war.

Entstanden ist eine Tragkonstruktion aus massiven Formrohren im Rechteckquerschnitt, die sich als doppelter Polygonzug nach oben schrauben. Körperhafte Präsenz, die die Dynamik der Gehspirale erst zur Wirkung bringt, verdanken die Treppenläufe den geschlossenen Brüstungen aus Aluminiumpaneelen und der Verkleidung ihrer Unterseite mit gekanteten Blechen. Statisch betrachtet, handelt es sich um ein Hybridtragwerk aus räumlichen, biegesteifen Knotenverbindungen, die durch eine Kombination aus Druckstäben und Seilen unterstützt werden. Die vorgespannten Seile im inneren Hohlraum der Raumstruktur haben dabei die Aufgabe, Schwingungen und die horizontale Schwankungsbewegung am Turmkopf zu minimieren. Knotenverbindungen, Anschlussdetails für Treppenträger und Seilanschlüsse wurden systematisiert, sodass sie trotz unterschiedlicher Rohrdimensionen und Anschlusswinkel einer geometrischen Logik folgen, die ihre Produktion erleichtern sollte. Knoten wurden im Werk produziert und Rohranschlüsse vor Ort geschweißt und geschlossen. Wer gleich neugierig losstürmt, ohne den Versuch, die Komplexität von Tragkonstruktion und Aufstieg vom Boden aus zu begreifen, der erkennt erst oben, auf der Plattform in 27 Meter Höhe, dass es sich um eine lineare Wegstrecke in einer gleichmäßigen Drehbewegung handelt, die Aufstieg und Abstieg trennt. Der Murturm will zum Erleben des Naturraums in den unterschiedlichen Höhen des Auwaldes animieren – nicht allein die Aussicht oben, vielmehr die differenzierte Wahrnehmung von Landschaft und Vegetation auf dem Weg ist das Ziel.

„... verschraubt den Raum mit der Zeit“, Erich Frieds Metapher über die berühmte spätgotische Doppelwendeltreppe in der Grazer Burg (zu finden im Gedicht „Grazer Treppen“) wird für die Beschreibung des Murturms immer wieder herangezogen. Und sie passt, denn von Beginn des Aufstiegs an sind Raum und Zeit als Dimension präsent.

Der Auftraggeberin, der kleinen Gemeinde Gosdorf, sollte der Turm im Bemühen um die touristische Aufrüstung der südsteirischen Grenzlandschaft ein Alleinstellungsmerkmal sichern. Zur maximalen touristischen Ganzjahresverwertung, für den Bilbao-Effekt, sind Ort und Objekt jedoch nicht geeignet, und Besucherströme in die unberührte Au wären auch nicht im Sinn der sanften Erschließung des Biotops. Der Bürgermeister hält an der Richtigkeit seines Tuns unbeirrt fest, auch wenn es Streit um die Kosten gibt. Dass der Kostenrahmen nicht eingehalten werden konnte und die Stahlbaufirma als Generalunternehmerin nun ein Mehrfaches ihres Anbots auf dem Prozessweg einfordert, ist ärgerlich, denn alle Beteiligten hätten wissen müssen, dass innovative Entwürfe Experimente sind, die aufwendigere Entstehungsprozesse und erheblichen Mehraufwand verlangen. „Nonstandard Structures“ sind im Rahmen heute üblicher enger Kostenkorsette kaum mehr zu realisieren. Und doch sind es aus allen Epochen der Kunst- und Baugeschichte genau jene außergewöhnlichen, zu ihrer Zeit innovativen Bauwerke, die unser besonderes Interesse, unsere Aufmerksamkeit und Bewunderung finden. Auch der Murturm mag, obwohl in struktureller und funktioneller Logik konzipiert, das Gegenteil von gebauter Ökonomie sein. Aber er ist ein Erlebnis, ein singuläres Hoch – erhebend für jeden Einzelnen, der sich auf den Weg macht.

2. Juli 2011 Spectrum

Loge im See

Erlebnisräume sollen den Tourismus am Millstätter See ankurbeln. Die Urlauber wollen indes zurück zur Natur. Über Auswüchse des Erfolgsdrucks im Fremdenverkehr.

Ein Dilemma des österreichischen Tourismus liegt in der Unvereinbarkeit der Zukunftsbilder, die die Werbung als Leitszenarien für die touristische Entwicklung ausgibt. Dem Slogan „Echt Österreich“, in dem sich der angeblich steigende Wunsch des Gastes nach dem unverfälschten Naturerlebnis ausdrückt, folgt sogleich die Empfehlung an die Tourismusbranchen, den Berg zum ultimativen Erlebniscenter auszubauen, zum Erlebnis Berg mit Entertainment rund um die Uhr. Der plakativen Feststellung, dass „die intakte Umwelt Österreichs gefragt“ ist, folgt die Forderung „nach dem Ausbau der Erlebniskultur rund um Seen“. Entweder fallen die Widersprüche niemandem auf, oder man glaubt wirklich, die Gegensätze ließen sich unter einen alles aufs Natürlichste harmonisierenden Hut bringen.

Es wäre naiv, nicht zu sehen und zu erkennen, dass Natur, die touristischer Wirtschaftsfaktor ist, heute mehr denn je eine inszenierte Natur ist, zurechtgestutzt und herausgeputzt zur bequem konsumierbaren Attraktion. Glaubt man den vielen Fachleuten im Tourismus, den Trendforschern und Marketingexperten, so muss Urlaub heute ein Erlebnis auf allen Ebenen sein. Nur keine Langeweile aufkommen lassen! Um dem Gast einen besonderen Kick zu ermöglichen, muss ihm laut Touristiker ein Angebot für ultimative Erlebnisse gemacht werden, und dazu gehört auch die Inszenierung dessen, was als authentisch, als „echt“ angepriesen wird: Natur und Naturlandschaft.

Globale Konkurrenz führt zu einem Profilierungsdruck, der im Ruf nach Markenbildung und strategischen Allianzen gipfelt. Man könnte also durchaus Verständnis aufbringen für den Drang von regionalen Verbänden, örtlichen Tourismusvereinen und Hoteliers, ihr Urlaubsangebot immer wieder zu erweitern und erneuern. Erstaunlich ist allerdings, mit welch abstrusen Ideen es findigen Beratern immer wieder gelingt, den unter Erfolgsdruck Stehenden weiszumachen, ihre Rezepte seien ein Allheilmittel und Garant für künftigen Gästesegen.

Auch am Kärntner Millstätter See hofft man, durch eine Neuausrichtung das als verstaubt geltende Image der Familienurlaubsdestination, die nicht viel mehr als intakte Natur, Wanderwege und einfache Unterkünfte anbietet, loszuwerden und neue, zahlungskräftigere Gäste gewinnen zu können. Wie man das macht? Drei der acht Gemeinden, die seit Jahren im regionalen Tourismusverband zwecks Kooperation zusammengefasst sind, engagieren den als Entertainment-Experte auftretenden ehemaligen Fernsehdramaturgen Christian Mikunda als Berater und das Kärntner Architekturbüro Trecolore, um Ideen zu entwickeln und auf Papier zu bringen. Gemeinsam operieren sie mit blumigen Begriffen und präsentieren Schaubilder für Bauten am und im See, die trendiges Design sein sollen („emotional, aber trotzdem erwachsen“). Eine riesige Holzplattform als künstliche Hügellandschaft im See soll Logenplätze schaffen und die Beziehung zwischen Berg und See im Ort Seeboden in Szene setzen. In Millstatt ist ein 160 Meter langer, wellig geformter Steg mit übereinanderliegenden, auf- und absteigenden Gehflächen vom Stift zu einer neuen Schiffsanlegestelle geplant, in Döbriach ein zwölf Meter hohes Bauwerk in Form eines ungeordneten Bücherstapels, in dem die Geschichte des Sees erzählt werden soll. Als Gewinnversprechen für die Investitionen, die mit acht Millionen Euro beziffert sind, reicht die Behauptung, dass diese die Strahlkraft der Kristallwelten in Wattens erreichen werden. Erstaunlich, dass selbst jene, die ganz nahe dran sind am Thema und an den Problemfeldern des Tourismus, nicht erkennen, dass solche künstlichen Erlebnisräume bestenfalls kurzen Erlebniswert haben, dass ihnen Infrastruktur und die Einbettung in das örtliche Leben fehlen und sie daher weder als Orte von Begegnung und Kommunikation funktionieren noch geeignet sind, den Gast durch mehr Nächtigungen an Seeboden, Millstatt oder Döbriach zu binden.

Eine Erklärung dafür, warum selbst ernannte Erlebnisdramaturgen und Stadtmarketingexperten wie Gurus auftreten können, deren Heilsversprechen diskussions- und kritiklos geglaubt wird, die jedoch für die Folgen ihrer Versprechen nie persönlich haften, liegt im vermeintlich großen Druck in der Tourismuswirtschaft, sich als Marke durchzusetzen und von seinen Mitbewerbern abzuheben. „In der Wiese liegen, mit der Seele baumeln“ – der immer noch erstaunlich bekannte Slogan der österreichischen Fremdenverkehrswerbung ist längst passé. Er galt den Verantwortlichen rasch als zu einfaches, eindimensionales Angebot an den Gast und wurde deshalb schon Mitte der 1990er-Jahre als unzeitgemäß eingemottet. Es muss eine große Angst davor geben, potenzielle Gäste abzuschrecken, wenn man ihnen zumutet, ihre Ferien selbst zu gestalten und sich mit dem zu begnügen, was sie doch angeblich vermehrt suchen: die Authentizität eines Ortes, einer Landschaft und ihrer Bewohner.

Es ist ein Erfolgsdruck, der kritische Reflexion und grundsätzliche Fragen zu Sinn und nachhaltigem Nutzen immer neuer Trends und Projekte ausschließt. Nur so ist zu erklären, dass selbst Investoren mit offenen Armen empfangen werden, die außergewöhnlich schönen, naturbelassenen Ufergrund mit einer drei- bis viergeschoßigen Apartmentwohnanlage bebauen wollen. Auf einem von der Gemeinde zur wirtschaftlichen Verwertung angebotenen Campingplatz in Millstatt wird damit angeblich ein in zweiter Reihe geplantes überdimensioniertes „Kuschelhotel“ finanziert, das als banaler Verschnitt aus Panhans und Tirolerhaus ganzjährig gewinnbringend Gäste anziehen soll.

Der Architektur kommt in der Entwicklung des Tourismus tatsächlich eine immer größere Rolle zu. Als Reisender würde man sich ein Zukunftsszenario wünschen, in dem sich gebaute Qualität zu einer Baukultur verdichtet, die alle Bereiche des Bauens in touristischen Regionen erfasst. Und dass dem Gast endlich zugemutet und zugestanden wird, unecht von echt, billig von qualitätvoll und inszeniert von gelebt unterscheiden zu können. Investitionen in vordergründige Metaphorik und trendiges Design haben darin keinen Platz.

4. Juni 2011 Spectrum

Platz da!

Steirische Kindergartenoffensive: Das heißt wenig durchdachte Konzepte neben geglückten baulichen Umsetzungen. Eine Bestandsaufnahme.

Artig aufgestellt in Reih und Glied verkündete die Bundesregierung bei ihrer Klausur am Semmering zu Beginn dieser Woche eine erste Vereinbarung: Für den weiteren Ausbau der Kinderbetreuung, vorwiegend für unter Dreijährige, werden in den nächsten vier Jahren 55 Millionen Euro frei gemacht. Diesen Fördermitteln wird, wie bei der 2008 initiierten ersten Kindergartenoffensive, eine Kofinanzierung der Länder und Gemeinden folgen müssen. Es soll also weiter kräftig in Einrichtungen für die Jüngsten der Gesellschaft investiert werden, die in diesen „Schutzräumen“ ihre frühe Sozialisierung erfahren.

In der Steiermark hat man 2008 den Kindergarten nicht nur für Fünfjährige, wie in der 15a-Vereinbarung mit der Bundesregierung festgelegt, kostenlos gemacht, sondern für alle Drei- bis Sechsjährigen: ein Angebot, das die steirische Landesregierung im März dieses Jahres allerdings wieder zurückgenommen hat. Eine Vollversorgung mit Kindergartenplätzen bis 2011 wurde angestrebt, und tatsächlich ging man eilig ans Werk. Nach Auskunft der zuständigen Verwaltungsabteilung des Landes sind bis zum von der Bundesregierung vorgegebenen Stichtag im Herbst 2010 mehr als 200 Umbauten, Erweiterungen und Neubauprojekte errichtet worden, die ein Bauvolumen von fast 62 Millionen Euro erreichen. Derzeit werden die Projekte abgerechnet. Evaluierung? Ja, geprüft werden die Einhaltung der gesetzlichen Grundlagen, die Erfüllung des Raumprogramms und der geforderten Größe von Freiflächen und die Kosten.

Kinderkrippen sind die ersten Aufenthaltsorte, in denen sich die Kleinsten ohne familiäre Nestwärme zurechtfinden müssen und Geborgenheit spüren sollen; Räume, in denen Interaktion und Lernen, Kommunikation und auch Rückzug und Ruhe optimal möglich sein sollten – kurz: wo sich Kompetenzen und die Persönlichkeit des Kindes bestens entfalten können. Solche Räume müssen viel können, und ihre Planung muss daher mit jener Sorgfalt erfolgen, deren Basis die Zeit ist und die auf Engagement, Wissen und Erfahrung der Planer aufbaut. Die Zeit war knapp, und man nahm sie sich kaum, weder für vorbereitende inhaltliche Diskussionen noch für die Ausschreibung von Architekturwettbewerben. Ach, höre ich die Pragmatiker sagen, schafft mir diese unverbesserlichen Idealisten vom Hals, wenn alles schnell gehen muss, kann man sich nicht mit Ideologiefragen und Festlegungen von Qualitätskriterien aufhalten. Die Bürgermeister werden das mit ihren Hausplanern schon schaffen. Was, sagt der Zyniker, soll ein Wettbewerb außer zusätzlichen Aufwand, Mehrkosten und Zeitverzögerung bringen?

Immerhin hat es die Stadt Graz geschafft, für die beiden Kinderkrippen am Rosenhain und im Bezirk Andritz geladene Wettbewerbe durchzuführen und beide in einer äußerst kurzen Zeitspanne vorbildlich zu realisieren. Auch aus einigen wenigen steirischen Gemeinden sind Ladungen bekannt. Standortsuche, Förderansuchen, Gemeinderatsbeschlüsse, die Durchführung eines Wettbewerbs und seine bauliche Umsetzung waren also auch trotz knapper Fristen möglich – Bewusstsein und guter Wille vorausgesetzt. Hier wäre die Möglichkeitsform angebracht, denn die Mehrheit der Gemeinden wählte die einfacher scheinende Lösung der Direktbeauftragung.

Die Ergebnisse in Straß, Mellach, Unterpremstätten, Irdning, Ratsch und anderswo geben im besten Fall Anlass, sie kritisch zu hinterfragen, und sind im schlechtesten ein Skandal. Beim Kindergarten in Ratsch an der Weinstraße von Albertoni & Winterstein wurde von der Standortwahl abseits des Ortes am einsamen Waldrand neben dem Bauhof bis zur Situierung des Baukörpers am geneigten Grundstück, von der Wegeführung und räumlichen Funktionsgliederung bis zur Außenraumgestaltung alles falsch gemacht: ein Gruppenraum, der nur vom Norden und Westen belichtet ist, obwohl der Kindergarten zu Mittag schließt, keine Terrasse, die als sommerliche Erweiterung des Gruppenraums dienen könnte, keine Öffnung des Bewegungsraums zum Garten, keine Erweiterungsmöglichkeit. Vergeblich sucht man behindertengerechtes Bauen, denn der einzige Weg in den Garten und zu dem als Spielfläche genützten Bereich unter dem aufgeständerten Bauteil führt über eine lange Freitreppe. Sitzgelegenheiten und Bewegungsflächen, ein Hügel als stilisierter Weinberg mit Klapotetz – so lieblos wurde selten ein Freiraum für Kinder gestaltet.

Dass es auch anders geht, zeigen die beiden aus Holz errichteten Kinderkrippen von Martin Strobl in der Grazer Schönbrunngasse und von Hubert Wolfschwenger in der Prochaskagasse. Letztere ist besonders dazu angetan, das räumliche Erleben und Wohlbefinden von Kindern nachhaltig zu prägen. Die Kleinen werden in einem großen, hellen Zentralraum empfangen, der Orientierung und erste Durchblicke in den Garten bietet, sich aber auch vorzüglich fürs gemeinsame Feiern von Festen eignet. Sie erleben differenziert gestaltete Räume als Spiel- und Ruhezone, einen kaum merklichen Übergang vom Innen- zum Außenraum der geschützten Terrasse und einen Garten mit Rampen und Mulden, mit Verstecken und schützenden Bäumen. Die Entdeckung der Welt ist bei den hier aufgenommenen unter Dreijährigen auch ein räumliches Erlebnis. Wolfschwenger gelang ein Beispiel von großer Nachhaltigkeit – nicht nur, weil das Gebäude Passivhausstandard erreicht, sondern ebenso, weil seine atmosphärische Ausstrahlung zeitlos sein wird.

In solcher Güte hätte man sich alle neuen Kinderbetreuungseinrichtungen gewünscht. Eine substanzielle Kindergartenoffensive müsste das Bewusstsein dafür stärken, dass nicht nur die Qualität der Betreuung, sondern auch die des Raums den Sozialisierungsprozess von Kindern prägt. Die Durchsetzung von höchster Qualität bräuchte jedoch politischen Willen, Steuerung und Koordinierung. Baupolitische Leitsätze für das gute Bauen hat die Steiermark 2009 festgeschrieben. Die bisherige Bauoffensive hätte die Möglichkeit geboten, sie in Baukultur real werden zu lassen. Sie hätte der Steiermark außerdem die Chance geboten, sich im nationalen Architekturgeschehen neu zu positionieren. Das wurde versäumt. Nun winkt eine neue Chance: Das Land möge sie mit Weitblick nützen.

7. Mai 2011 Spectrum

Die Twins am Bosporus

Istanbul erlebt einen Bauboom. Die Vorarlberger Architektin Brigitte Weber hat ihn genutzt. Seit 15 Jahren lebt und arbeitet sie in der Bosporus-Metropole. Ihr jüngster Wurf: die Trump-Towers. Perfektion bis ins kleinste Detail.

Sie zählt zu den derzeit erfolgreichsten österreichischen Architektinnen, und doch ist sie hierzulande kaum bekannt: Brigitte Weber, TU-Wien-Absolventin und ehemalige Mitarbeiterin von Wilhelm Holzbauer, ist Architektur-Export. Seit 15 Jahren lebt und arbeitet die Vorarlbergerin in Istanbul. Dabei wollte sie anfangs gar nicht bleiben, zu widrig erschienen ihr Klima und Arbeitsbedingungen, zu fern ein Erfolg des Büros, das sie mit einem Freund eröffnete. Es sagt viel über den Fleiß, die Zielstrebigkeit und das Durchsetzungsvermögen der Architektin aus, dass sie schließlich blieb, heute als Alleinverantwortliche ein Büro mit zehn Mitarbeitern leitet und als erste und bislang einzige Ausländerin in die türkische Architektenkammer aufgenommen wurde. Ihre Bauherren sind reich und einflussreich, ihre Aufträge inzwischen vom Messestand zum Hochhaus angewachsen.

2005 erhielt Brigitte Weber die Chance, im Stadtteil Mecidiyeköy am Kamm des Hügels zwischen dem Goldenen Horn und dem Bosporus für ein abschüssiges Grundstück, das als schwierig zu bebauen galt, ein städtebauliches Projekt für kommerzielle Nutzungen zu entwickeln. Dem Investor gefiel es, mit der Stadtverwaltung wurde ein Bebauungsplan ausgehandelt, und nun stehen die beiden Trump-Towers vor ihrer Fertigstellung – ein Turm mit 39 und einer mit 37 Geschoßen auf einem lang gestreckten Sockel, der auf fünf Ebenen ein Einkaufszentrum und darunter weitere sechs in den Hang gebaute Ebenen zum Parken enthalten wird. Donald Trump gab als Verwertungsberater das Ausstattungsniveau vor und soll als Lizenzgeber seines Namens für höchste Qualität bürgen. Webers Konzept sah vor, dass Form und Farbgebung der beiden fein gegliederten, schlanken Hochhäuser die Dynamik der Vorbeifahrenden am Kreuzungspunkt zweier wichtiger Verkehrsachsen visuell betonen, und tatsächlich scheinen sich die Türme in der Annäherung des Betrachters um ihre eigene vertikale Achse, den Erschließungskern, zu bewegen. Ein Turm für Büros und einer für rund 200 Wohnungen, die in beeindruckender Perfektion bis ins kleinste Detail designt wurden. Größe und luxuriöse Ausstattung der Wohnungen sind maßgeschneidert für die wachsende, finanzkräftige Mittelschicht Istanbuls, die Eingangskontrollen ebenso selbstverständlich erwartet wie Serviceleistungen und ein großzügiges Angebot an privaten Gemeinschaftseinrichtungen.
Brigitte Webers Wohn- und Bürotürme gliedern sich damit ein in eine ganze Reihe von Prestigebauten, in die reich gewordene Unternehmerfamilien investieren, weil sie erkannt haben, dass sich auch außergewöhnliche Architekturqualität verkaufen lässt.

Im Businessviertel Levent, wo sich seit der Fertigstellung der zweiten Bosporusbrücke 1988 Immobilienspekulanten breitmachten und Industriebetriebe absiedelten, wurden bis zur Finanzkrise etwa 60 Hochhäuser errichtet. – Istanbul als Finanzplatz und Sitz großer, internationaler Unternehmen erlebt derzeit einen Bauboom, der sich von jenem der seit etwa 1985 anhaltenden „Post-Gecekondu-Ära“ gravierend unterscheidet. Damit meint der Stadthistoriker Orhan Esen das unaufhaltsame Verschwinden der Gecekondus, der von den ländlichen Zuwanderern „über Nacht errichteten Hütten“ und informellen Siedlungen aus der Zeit nach 1950. Wo die Gecekondus nicht dem rigorosen Umsiedlungsprogramm der staatlichen Wohnbaubehörde zum Opfer fallen, die an ihre Stelle uniforme Wohnblöcke setzt, werden sie durch bis zu achtgeschoßige Überbauungen in kleinkapitalistische Unternehmen verwandelt. Den Gewinn aus Verkauf oder Vermietung der neuen Immobilie teilen sich die legalisierten Besitzer von solcherart verdichteten Grundstücken und der Investor, der meist auch Projektentwickler und Bauunternehmer ist.
Der andere, hier angesprochene Bauboom bedeutet das Ende der Tradition einer steten, sich wiederholenden Überbauung dieser Stadt – noch höher geht es nicht. Auch die Einschätzung von Lebensdauer und Wert eines Bauwerks ändert sich. Großinvestoren schaffen Inseln exquisiten Wohnens und Arbeitens und orientieren sich dabei an den Wünschen der neuen Upperclass, die einen westlichen Lebensstil pflegt und unter sich bleiben will. Sie errichten Shoppingmalls, Bürotürme und Wohnhochhäuser in zentralen Lagen der 13-Millionen-Stadt und „Gated Communities“ an der Peripherie im grünen Umfeld. Bislang sollen mehr als 650 dieser umzäunten, bewachten Einfamilienhaus- und Geschoßbausiedlungen errichtet worden sein. Ärmere Bevölkerungsschichten treten nur noch als Dienstleister in Erscheinung. Superlative werden geplant. So besitzt Istanbul mit dem eben fertig gestellten, 261 Meter hohen Sapphire-Tower das höchste Wohngebäude.

Brigitte Webers Megaprojekt mit einer Gesamtfläche von 260.000 Quadratmetern wird international nicht weniger Aufmerksamkeit bekommen als der Sapphire. Empfehlungen zum nächsten Auftraggeber durch den Eigentümer der Trump-Towers, den türkischen Unternehmens- und Medienmogul Aydin Doğan, scheinen ihr sicher. Schon jetzt könnte sie aufgrund der Nachfrage ihr Büro auf bis zu 40 Mitarbeiter erweitern. Weil sie die Kontrolle über jedes Projekt behalten will, gern selbst entwirft und die Entwicklung jedes Details begleitet, hat sie nicht vor, zu groß zu werden. Eines betont die Architektin mit Nachdruck, und Türkeikenner pflichten ihr bei: Ihr Erfolg in der Türkei beruht sicher nicht auf einem Exotenbonus der selbstbewussten und attraktiven Ausländerin mit blonder Mähne. Frauen sind in der Technik und im Feld der Architektur in diesem Land traditionell stark vertreten und werden als absolut gleichberechtigt wahr- und ernst genommen. Nicht nur darin erscheint Istanbul fortschrittlicher und weltstädtischer als Wien.

15. April 2011 Spectrum

Design muss sein

Graz als Pensionopolis ist längst Geschichte. Die Stadt war 2003 EU-Kulturhauptstadt, ist Weltkulturerbe und nun laut Unesco eine „City of Design“. Ein Titel, der verpflichtet.

Zweifelsohne: Graz hat, was andere Städte nicht haben. Um von der Unesco den Titel City of Design zu erhalten, müssen Städte besondere Merkmale nachweisen: eine lebendige Designbranche, starke kulturelle Impulse im Bereich des Designs und der modernen Architektur, herausragende Designschulen, international bekannte Kreative und Gestalter und – last, not least – ein unverwechselbares „urban design“. Zehn Städte weltweit haben diesen Titel seit 2004 verliehen bekommen, darunter Buenos Aires, Shanghai, Berlin und Kobe. Design Cities veranstalten Messen, Events und Ausstellungen, die Design fokussieren und ihren „Creative Industries“ zu Bekanntheit und Wachstum verhelfen sollen.

Der Begriff Industrie in einem Atemzug mit Kreativität mag immer noch irritierend sein, und tatsächlich zielen viele Aktivitäten darauf, das wirtschaftliche Potenzial von Kreativität und Design zu maximieren. Folgerichtig stehen hinter den „Creative Industries Styria“, die seit Jahren unter Einsatz erheblicher Geldmittel die Nominierung zur City of Design betrieben haben, die steirische Wirtschaftsförderung, die Industriellenvereinigung, die Wirtschaftskammer und – mit zehn Prozent Beteiligung – die Stadt Graz. Motor und Schutzpatron dieser Initiative ist der Wirtschafts- und zugleich Kulturlandesrat, der als Ziel angibt, viele neue Arbeitsplätze schaffen zu wollen.

Die Beteuerung, dass der Titel nicht der Imagepolitur diene, sondern eine „gelebte Haltung und Ausdruck einer urbanen Kultur ist, die die bewusste, intelligente Gestaltung von Lebensraum als zentralen Wert ansieht“, mutet etwas unbedarft an. Nimmt man diese Aussage dennoch ernst, so stellt sich die Frage, was die Auszeichnung für die Stadt Graz bewirken kann – und vor allem wie ein Gestaltungsprozess strukturiert sein könnte und ablaufen müsste, um sichtbare Auswirkungen auf den urbanen Lebensraum der Grazer zu zeitigen. Zum „Wie“ trifft Eberhard Schrempf, der Geschäftsführer der seit 2007 bestehenden „Creative Industries Styria“, keine Aussage, wenn er auch erkennt, dass ein derartiger Prozess langfristig ausgerichtet sein muss. Richtig: Auch die Verankerung des skandinavischen Designs in den gelebten Alltag der Schweden und Finnen gelang nicht mit einem Handstreich.

Mit kontinuierlich hoher Bauqualität und durch Festivals und hochkarätige Ausstellungen profiliert Graz sich im Reigen der österreichischen Landeshauptstädte schon seit vielen Jahren und versucht damit, Anreize für den Städtetourismus zu schaffen. Der Anspruch von Stadt und Wirtschaft, sich nun als Designhauptstadt zu positionieren und dafür beträchtliche Mittel zur Verfügung zu stellen, berechtigt zur Erwartung, dass Stadtdesign umfassend neu definiert und behandelt wird. Was die „Creative Industries Styria“ in Hinblick auf die Titelverleihung bis jetzt „geliefert“ haben (in Anlehnung an die eigene, auf Wirtschaft zielende Begriffsfestlegung), sind punktuelle Interventionen im Stadtraum, die mehr mit oberflächlichen Bildern der Werbung operieren, als durchdachte, nachhaltige Gestaltungsprozesse zu manifestieren. Dazu zählt ein roter Straßenbelag, der der Belebung einer zentralen Gasse dienen soll, die seit Jahren als Einkaufsstraße kränkelt – Oberflächendesign, das weder originell noch ansehnlich ist. Auch die Möblierung des Vorfelds am Kunsthaus mit Sitzgelegenheiten in Buchstabenform, die den Satz „Graz ist ein Hotspot“ formen, stellt bestenfalls das dar, was Werner Sewing in einem Aufsatz über die Versuchung des Populismus als allgemeine Geschäftsgrundlage heutiger gestalterischer Praxis bezeichnet – die Synthese aus Pop, Subkultur und Kommerz.

Während auf Plakatwänden an zentralen Gebäuden vollmundige Aussagen zur Bedeutung von Design für Graz getroffen werden (die unbeabsichtigt auch die Unschärfe des Begriffs bloßlegen), wird zeitgleich auf dem Schlossberg ein Stück Stadtdesign realisiert, das Graz nicht zur Ehre gereichen wird. In den Kasematten, die bis jetzt zu den schönsten Freiluftbühnen zählten, wurde nach einem Beschluss, der in erster Linie wirtschaftlichen Interessen folgt, die Bühne neu situiert, um einen Durchgang zum Restaurant zu schaffen. Waren die Kasematten früher nicht mehr als eine zarte Rahmung, so verstellt nun ein massiv betoniertes Bauwerk, das jegliche Gestaltungsqualität vermissen lässt, den einst unmerklichen Übergang ins üppige Grün – grob in den Details, unproportioniert und ungekonnt. An einer höchst markanten, exponierten Stelle, in denkmalgeschütztem Ambiente, wurde hier ausschließlich vom Zweck bestimmt geplant und dabei unbeachtet gelassen, was Produktgestaltung und Formgebung ausmacht. Gutes Design ist nach dem Designtheoretiker Jochen Gros das Ergebnis eines erweiterten Funktionalismus, der die formal-ästhetische und die semantische Funktion von Design gleichwertig neben die praktische setzt.

Zweifelsohne impliziert der Anspruch, Designhauptstadt zu sein, auch den Auftrag zu umfassender Gestaltungsqualität. Das würde allerdings bedeuten, dass die Gestaltung des urbanen öffentlichen Raums koordiniert abläuft und dauerhafte ebenso wie temporäre Planungen einem punktuell festzulegenden hohen Gestaltungsanspruch folgen und von einem Gremium geprüft werden. Darunter fiele dann der Zaun für die Rabatte, die der Stadtgärtner zum Schutz der Blumen am Tummelplatz montieren lässt, oder der weihnachtliche Schmuck der Herrengasse genauso wie eine Bühne, die die Grazer Spielstätten als Bauherr im Auftrag der Stadt Graz bauen lässt. Eine Vision in weiter Ferne, die aber zumindest schon angedacht sein sollte, seit die Stadt sich um den Titel „City of Design“ beworben hat.

8. Januar 2011 Spectrum

Was bleibt von der Grazer Schule?

War sie eine Gruppe oder eine Szene, eine Bewegung oder eine Strömung? Fest steht, dass die „Grazer Schule“ einige außergewöhnliche Bauwerke hinterlassen hat. Fest steht auch, dass mit ihren Schlüsselbauten höchst nachlässig umgegangen wird.

Wie eine geschichtliche Epoche definiert wird, worin sie sich manifestiert und wer ihr zugezählt wird, entscheiden immer Nachkommende. Historiker treffen in wissenschaftlichen ArbeitenFeststellungen über ihren Anfang, ihr Ende und ihre Vertreter, in der Kunst wird eine Ära oft über den Weg einer Retrospektive wissenschaftlich „aufgearbeitet“. Gab es keineInitialzündung, etwa die Bildung einer Vereinigung oder eine kollektive Manifestation, und war einer Bewegung ein unauffälliges Verlöschen bestimmt, so lassen sich Anfang und Ende kaum exakt festmachen.

Fragen bleiben oft, doch äußerst selten lässt sich, wie im Fall der „Grazer Schule“, nicht einmal ein Konsens darüber erzielen, ob sie eine Strömung und Gruppe war oder nicht. Charakteristika einer Gruppenbildung wie eine Lehrerpersönlichkeit, ein präzise zu bestimmender Anlass, eine gemeinsame Theorie oder Stilmerkmale kennzeichnen sie nicht. Friedrich Achleitner stellte fest: „Welche Arbeiten oder Architekten auch immer unter diesem Begriff subsumiert werden, das Phänomen ist in seinen Merkmalen so charakteristisch wie eigenständig, dass es in der Geschichte der Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen unangreifbaren Platz einnimmt.“ Der Einzige, der sich umfassend der Entschlüsselung des lokalen Phänomens gewidmet hat, ist Peter Blundell Jones, ein englischer Kritiker und Architekturtheoretiker, der über sein Interesse an Scharoun und an Mitbestimmungsmodellen im Wohnbau den Grazern mit Empathie verbunden ist. Wie Achleitner, der die „Schule“ eher als Szene bezeichnet, nimmt sie auch für ihn ihren Anfang in den Zeichensälen der damaligen Technischen Hochschule in den frühen 1960er-Jahren. Anders als für Achleitner war für Blundell Jones ihr Ende 1998 im Erscheinungsjahr seines Buches „New Graz Architecture“ noch nicht gegeben. Heute muss sie zweifellos als historisch abgeschlossene Phase betrachtet werden.

In einem zweitägigen, international besetzten Symposion versuchte im November 2010 das Institut für Architekturtheorie, Kunst-und Kulturwissenschaften der Technischen Universität Graz eine Annäherung an die Frage, was die „Grazer Schule“ ausgemacht hat und – vor allem – was von ihr bleibt. Die Bedeutung von Architektur-Utopien wurde ebenso diskutiert wie der Einfluss des Strukturalismus, die Rolle der Lehrenden und der autonomen Zeichensäle. Das Ergebnis war mit Sicherheit für die Studenten, die bis dahin über Stillschweigen der Professoren zu dem für Graz ureigensten Thema klagten, erhellend – eine letztgültige Klärung des Phänomens und seiner heutigen Relevanz brachte die Tagung nicht.

Muss das überhaupt sein? Es würde schon genügen, die Bedeutung der „Grazer Schule“ als eine in ihrer Zeit einzigartige Bewegung anzuerkennen. Viele der Arbeiten waren rebellische, ungezähmte, jegliche Tradition verweigernde Antworten auf den gesellschaftlichen Konsens der nur ökonomisch orientierten Jahre des Wiederaufbaus – dramatisch überartikuliert, wie Achleitner es nannte – und, ja, auch rücksichtslos herausgeschrien, auf Selbstverwirklichung bedacht.

Es sind außergewöhnliche Werke, die die Grazer überregional bekannt gemacht haben: Günther Domenigs Mehrzwecksaal der Schulschwestern in Graz (mit Eilfried Huth) und seine Z-Bank in Wien-Favoriten, die ersten Arbeiten von Szyszkowitz & Kowalski und auch das Restaurant Kiang in Wien von Helmut Richter. Es ist Außergewöhnliches, das ihren Ruf festigte: die Mitbestimmungsmodelle von Eilfried Huth, die Gewächshäuser des Botanischen Gartens von Volker Giencke, seine Kirche in Aigen oder auch die Bauten, mit denen Klaus Kadavon der Bezirksstadt Leibnitz aus auf sich aufmerksam machte. Sie alle brachten internationale Reputation und die Berufung zahlreicher Grazer Architekten an österreichische und deutsche Universitäten. Nicht zuletzt ist auch im internationalen Vergleich herausragend, was Vertreter der Grazer Schule auch nach dem Ende dieser Ära hervorgebracht haben, man denke an Domenigs Dokumentationszentrum am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder das T-Mobile Center St. Marx.

Wie aber wird mit dem Erbe der „Grazer Schule“ in Graz, dem Geburtsort, umgegangen? Ein paar Cafés, Läden, Entrees und Überdachungen sind wieder verschwunden. Skizzenhaft, mit Leichtigkeit und Heiterkeit, fallweise auch mit sich abnützendem Witz geplant, war manches von Anfang an nicht anders als temporär gedacht und sein Verschwinden daher nachvollziehbar. Anderes hingegen zeigt einen sträflich nachlässigen Umgang mit Schlüsselbauten. So wurde unmittelbar unter die von Klaus Kada sorgsam in den historischen Botanischen Garten platzierte, auch konstruktiv viel beachtete Brücke, die seine Erweiterung der Pflanzenphysiologie mit dem Laborneubau verbindet, ein banales Industriegewächshaus gesetzt. Der Architekt erfuhr davon aus den Medien.

Schlimmer noch zeigt sich der Umgang mit Domenigs Erweiterungsbau (1994) für die Technische Universität Graz, die 2011 ihr 200-jähriges Bestehen feiern wird. Dort, wo mit Hans Gangoly ein ehemaliger Student die Nachfolge am Institut angetreten hat, das Domenig von 1980 bis 1992 geleitet hat, wurde eine weit in den Park ausgreifende Rampe des Institutsgebäudes, die ohne Zweifel ein integraler, Gestalt gebender Teil des wettbewerbsgekürten Entwurfs war, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entfernt. Dies ohne Rücksprache mit den Architekten und ohne Genehmigung der Altstadtsachverständigenkommission. Die Entfernung ist Teil einer Umgestaltung des Parks, deren Planung pikanterweise weder dem fakultätseigenen Institut für Architektur und Landschaft übertragen noch über einen Wettbewerb ausgeschrieben wurde. Als Paten des Gestaltungskonzepts, das die Rampe als Spur (!) in Form einer langen Sitzbank am Boden in Erinnerung behalten will, bezeichnet der Gebäudeverwalter Studiendekan Gangoly.

Die historische Bewertung der „Grazer Schule“ sollte offen, emotions- und schonungslos geschehen. Manches, nicht nur vom Wohnungsbau dieser Zeit, würde dann in Bedeutungslosigkeit versinken. Die Qualität einiger Schlüsselbauten wäre als zeitlos gültig bestätigt. Anderes könnte als Markstein seiner Zeit, als engagiertes Experiment und Reaktion auf die damals herrschende Baugesinnung anerkannt werden. Den Architekten Szyszkowitz & Kowalski könnte man raten, lieber in den Ruhestand zu gehen, als ein Gebäude zu verantworten, das, wie die jüngst errichtete Erweiterung der Steiermärkischen Sparkasse am Grazer Andreas-Hofer-Platz, einen innovationslosen, peinlichen Rückschritt darstellt.

Ein mit akademischem Anspruch, ohne persönliche Animositäten geführter Diskurs würde dazu beitragen, die Bedeutung der „Grazer Schule“ in das ihr angemessene Licht zu rücken. Ehre, wem Ehre gebührt.

18. Dezember 2010 Spectrum

Kein frommer Anstrich

15 neue Kirchenfenster, von Künstlern gestaltet, und eine Außenhaut mit einer ganzen Flut von Worten und Ausrufen: ein hintergründiger Kirchenumbau im Grazer Griesviertel.

Umbau ist ein Wort mit hohem Symbolwert. Seit zwei Wochen zeigt sich die Kirche St. Andrä imGrazer Griesviertel im neuen Kleid. Es ist das äußere Zeichen einer vor rund zehn Jahren initiierten Öffnung, eines mit Beharrlichkeit und Konsequenz in Gang gesetzten Umbaus des Gotteshauses in einem Bezirk, dessen Ausländeranteil mit 30 Prozent der höchste der Stadt ist.

Zu jener Zeit, als die Vorstadtkirche zur Pfarrkirche wurde, nachdem das dazugehörige Dominikanerkloster durch Josef II. aufgelöst worden war, bildete der Stadtteil eine vitale Mischung aus Gewerbe- und Gastbetrieben, Fuhrunternehmen und Zinshäusern für Arbeiter der neuen, nahen Industriebetriebe. Heute ist das Handwerk fast ausgestorben, und viele der Häuser und Werkstätten sind desolat. Geblieben und neu hinzugekommen sind sozial Schwache: Arbeiter, Alte und Ausländer.

Der Pfarrer der Kirche St. Andrä beschloss, darauf zu reagieren. Hermann Glettler begann, die Kirche zu öffnen – für die afrikanische Gemeinde, die seither jeden Sonntag um zwölf Uhr ihre farbenfrohe, sangesfreudige Messe abhält, für lateinamerikanische Christen und Messen in Spanisch, für Ratsuchende, ehrenamtliche Helfer, die sich in kleinen Gruppen zusammenfanden und für ein Lerncafè, in dem Kinder und Jugendliche – meist mit Migrationshintergrund – Hilfe und Stütze erfahren.

Und der Pfarrer begann umzubauen. Das Besondere: Nicht etwa mehr Raum oder mehr Komfort waren sein Ziel, sondern die Transformation des Kirchenraums in einen spirituell aufgeladenen Ort durch Kunst. Dem Theologen, der auch Kunsthistoriker ist, ist gelungen, namhafte Künstler dafür zu gewinnen, den 15 nach dem Krieg aus ökonomischen Gründen billig verglasten hohen Rundbogenfenstern neue Gestalt zu geben.

Aus einigen der Arbeiten lässt sich der Versuch einer Neuinterpretation des farbigen Kirchenfensters, das in der Gotik als integraler Teil des künstlerischen Gesamtkonzepts galt und immer großen Einfluss auf die Raumwirkung ausübt, ablesen.

In den Fenstern von Johanna Kandl, Gustav Troger, Michael Kienzer und Flora Neuwirth dominiert Farbe. Michael Kienzer lässt eine Folge von sieben Farben im Monitor von übereinander angeordneten, in die Laibung montierten Flachbildschirmen entstehen. Tageslicht fällt, kontrastierend, nur durch Ritzen und Abstände zwischen den Geräten ein, die zudem einen deutlichen Verweis auf die uns beherrschende Bilderzeugung des 21. Jahrhunderts geben. Flora Neuwirth arbeitet mit nur einer Farbe. Magenta als eine der vier Druckfarben ist für sie die konzentrierte Bedeutungsessenz einer farben- und reizüberfluteten (Werbe-)Welt. Ihr Fenster nach Westen – mit Glas, Rahmen und Laibung total in Farbe – strahlt eine staunenmachende ästhetische Wirkung aus, ist reine Poesie. Andere lösen ihre Fensterarbeit aus der ursprünglichen Bedeutung, farbig leuchtende, Licht dämpfende Membrane zwischen kirchlicher und profaner Welt zu sein.

Lois Weinbergers Fenster mit schwarzer Schrift in glasklarem Grund bringt uns den zwar tagtäglich, aber meist nicht worttreu verwendeten Ausspruch „Oh mein Gott“ in seiner Sinndeutung ins Bewusstsein. Manfred Erjautz „A short break in time“ ist ein in seiner Wirkung ungemein starkes und zugleich sympathisch lapidares Ergebnis von gedanklicher und handwerklicher Präzisionsarbeit. Schön auch, wie diese Arbeit in der Taufkapelle auf die dominierende Vertikalausrichtung des dort stehenden kunstvollen Dreifaltigkeitsaltars von 1770 eingeht. Zwei in wenigen Metern Abstand einander gegenüberliegende Fenster sind in gegenläufigen Krümmungen ausgebuchtet, das linke konkav nach innen, das rechte konvex nach außen. Beide sind wie die ursprünglichen Fenster mit schmiedeeisernen Gittern versehen, die exakt den Krümmungen entsprechend nachgebaut wurden. Das daraus entstandene Bild gleicht der Momentaufnahme einer dynamischen Horizontalbewegung. Eines Windsogs? Wer weiß? Sicher ist, hier hat sich etwas bewegt.

Markus Wilfings Fenster und jenes der Gruppe G.R.A.M. haben trotz ihrer Unterschiedlichkeit in Wirkung, Material und Technik etwas gemeinsam: Ihr Symbolwert thematisiert auch die radikal konsequente Öffnung der Kirche an diesem Ort. Markus Wilfing, dessen Uhrturmschatten als eindrucksvollste Arbeit im öffentlichen Raum der Kulturhauptstadt Graz 2003 in Erinnerung blieb, montiert in die transparente Fixverglasung einen Aluminiumrahmen mit Glastüre – eine Türe im Fenster, hoch oben, scheinbar schwebend. Damit öffnet er den sakralen Raum nach außen, in profane Alltagswelten, aber auch nach oben, ins Geistige und schafft ein starkes Bild, das viele Interpretationen zulässt. Günther Holler-Schuster und Martin Behr von G.R.A.M. verwandeln einen in Afrika auf der Straße gefundenen Negativstreifen mit den Portraits festlich gekleideter schwarzer Frauen in transluzente Symbolkraft.

„Seid alle willkommen“ – in der Ausstattung der Kirche durch und mit Kunst will der im besten Sinne eigensinnige Pfarrer Glettler ein Zeichen der Offenheit setzen und ist überzeugt davon, dass dieses von vielen der Kirchenbesucher so empfunden wird. Kunst ist Gastgeschenk, denn „die Kirche ist der Ort, an dem Gastfreundschaft gelebt werden muss“. Akzeptanz und Verstehen der einzelnen Werke sind ihm dabei weniger wichtig als der Dialog, der in der Auseinandersetzung mit Kunst entstehen kann. Der Seelsorger will Reibung, Diskussion provozieren, weil sie im besten Fall in ein Gespräch über die großen existenziellen Fragen des Menschseins münden kann.

Genau aus dem Grund wurde die Außenhaut gezielt so gestaltet, wie sie sich nun allen, auch den bislang nur Vorübergehenden, präsentiert. Der Künstler Gustav Troger, von dem auch Interventionen im Kirchenraum stammen, hat die Fassade mit einer ganzen Flut von Worten und Ausrufungen versehen, die der „Illustration“ einzelner Farben der Adler-Farbkarte entnommen sind. Jedem Farbton ist farbgleich ein Wort in einer bestimmten Schriftart zugeordnet. „Skepsis, Rosine, Bald! Musterknabe und Maikäfer flieg!“ in Arial, Times New Roman und anderen stellen nur einen Augenblick lang die Frage nach dem Warum, erzeugen zugleich Neugier und ein Bedürfnis nach mehr Erfassen, um gleich darauf zu Assoziationen und Fragen anzuregen und zur Rückkoppelung an die Welt rundum.

Der funktionelle Nutzen dieses Kirchenumbaus ist hintergründig, der Anstrich dieserKirchenfassade kein frommer – aber beides ist ein spannungsgeladener und dadurch aktueller Beitrag zu Fragen und Problemen, die in einem Quartier entstehen, in dem so viele fremd sind. Es ist eine legitime Antwort auf die Notwendigkeit interkultureller Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Anderen, Gewöhnungsbedürftigen.

23. Oktober 2010 Spectrum

Neubau, Ausbau, Umbau?

Was ist heute zeitgemäßes Bauen im Bestand? Wie zurechtkommen mit einem städtebaulichen Kontext? Ein Bürobau im heterogenen Gefüge des Grazer Nikolaiplatzes zeigt, wie es geht.

Die Zeiten, in denen ganze Stadtviertel auf der grünen Wiese neu errichtet wurden, sind passé. Stadtentwicklung bedeutet heute vor allem die Transformation der bestehenden Stadt. Stadtumbau ist demnach Abriss und Neubau, ist Umnutzung, Umbau und Ausbau vorhandener Bausubstanz. Stadterweiterung heißt Verdichtung, Lückenschluss. Große Bedeutung kommt dabei dem „Wie“ im Umgang mit Baugeschichte und Baubestand als wesentliches, die Stadt prägendes Merkmal und identitätsstiftende Kraft zu.

Auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig thematisiert Rem Koolhaas mit seinem als Denkwerkstatt eingesetzten Bürozweig AMO den Erhalt und Schutz von baukulturellem Erbe – angeregt durch immense, nun renovierungsbedürftige Baumassen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber weit darüber hinausgehend. Fragen der Bewahrung und des Denkmalschutzes werden in dieser brisanten Schau so gestellt, dass sie Anregung und Aufforderung zu intelligenten Analysen und Konzepten jenseits von Traditionalismus, Schwarz-Weiß-Denken und Schematisierung sind. Derart ideologiefreies, „wildes“ Nachdenken kann nicht in Lösungen gipfeln, die die historische Rekonstruktion von Gebäuden vorsieht, wie sie mit der Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses geplant ist. Es lässt hingegen zu, die Sinnhaftigkeit von Unterschutzstellungen zu hinterfragen, die Ikonen der Architektur wie Koolhaas' berühmtes Haus für einen Rollstuhlfahrer in Bordeaux wenig mehr als eine Dekade nach seiner Errichtung zu einem musealen Objekt macht, das man nicht mehr verändern darf, während gebaute Meilensteine gesellschaftlicher Entwicklung aus den Sechziger- und Siebzigerjahren zerstört werden.

Jedenfalls lässt sich aus Rem Koolhaas' wort- und bildgewaltigem Manifest ableiten, dass das Thema der Bewahrung zu vielschichtig ist, um es als Entweder–Oder zwischen oftmals ökonomisch begründetem Abriss oder musealer Konservierung und nostalgischer Erneuerung abzuhandeln.

Für Graz lässt sich feststellen, dass diese Erkenntnis spätestens um 1990, mit der allgemeinen Akzeptanz des ersten Neubaus in der Altstadt, dem Büro- und Geschäftshauses „M1“ am Färberplatz, zur Handlungsmaxime der Altstadterhalter wurde. Die historische, von der Unesco 1999 zum Weltkulturerbe gemachte Kernzone mit ihrer schützenswerten Substanz wird als funktionierender Organismus gesehen, der immer wieder belebender Injektionen in Form von zeitgemäßer Adaptierung und Erneuerung bedarf, um ihn vital zu erhalten.

Stadtentwicklung inkludiert in Graz auch die Entwicklung der geschützten Altstadt und darüber hinaus der Kernstadt: die Transformation des Bestehenden, die in der Hinzufügung und Überlagerung mit einer zeitgemäßen neuen Schicht resultieren darf. Dies nennt sich wie andernorts Bauen im Kontext oder Bauen im Bestand. Im Amtsdeutsch heißt es dann: „Bauliche Maßnahmen, die schutzwürdige Bauwerke oder Ensembles verändern, sollen auch nach dem Gesichtspunkt der baukünstlerischen Qualität im Sinn einer Legaldefinition des Einfügegebots beurteilt werden.“ Eine allgemeingültige Definition des Einfügegebots kann allerdings heute genauso wenig per Dekret verordnet werden wie allgemein verbindliche Qualitätskriterien für Baukultur. Das ist gut so, denn es erlaubt, von Fall zu Fall spezifische Kriterien der baulichen und stadträumlichen Eingliederung zu definieren, einzufordern – und zu beurteilen.

Der Fischer-von-Erlach-Preis des VereinsGrazer Altstadt, der in diesem Monat zum zweiten Mal seit 2006 vergeben wurde, soll für den sorgsamen Umgang mit alter Bausubstanz und im weiteren Sinn für die Fortschreibung der Geschichte der Baukultur der Stadt Graz stehen. Bemerkenswert ist, dass dieser Preis, der durch die Vereinsvorsitzende in enger Verbindung mit der Altstadt-Sachverständigenkommission steht, das Ergebnis der Entscheidung einer externen Fachjury ist.

Nicht jede der vier aktuellen Prämierungen ist verständlich im zu beurteilenden Kontext – zumindest auf den ersten Blick. Ben van Berkels Konzept für das Haus für Musik und Musiktheater der Kunstuniversität Graz geht weder auf seine benachbarten Bestandsbauten noch auf die landschaftlichen Qualitäten des angrenzenden Parks ein. Die Jury argumentiert mit dem bedeutenden städtebaulichen und sozialen Impuls durch kulturelle Interventionen.

Der Neubau eines Bürogebäudes der Grazer Arbeitsgemeinschaft Bramberger architects mit dem Atelier Thomas Pucher scheint, oberflächlich betrachtet, ein sich selbst genügender Solitär zu sein. Er steht mitten am Nikolaiplatz, einem kleinen, zur Mur hin offenen Platz etwa einen Kilometer südlich des Kunsthauses. Dass er eine präzise Setzung ist – ein prozesshaft immer weiter optimiertes Ergebnis äußerst strikter Vorgaben und Rahmenbedingungen –, lässt sich erst vor Ort und im Wissen um den Kontext erkennen. Vor etlichen Jahren wurde auf dem dreieckigen Platz, der nach dem Patron der Schiffer benannt ist, weil er lange Zeit Anlege- und Verladestelle für Flößer auf der Mur war, eine Tiefgarage gebaut. Das Baurecht auf einer kleinen rechteckigen Parzelle auf der Garage blieb nach dem Abriss eines Lagers erhalten. In herkömmlicher, massiver Bauweise wären maximale Belastung der Tiefgarage und die Ausreizung der erlaubten Dichte schon mit einem zweigeschoßigen Gebäude erreicht gewesen, was weder Anreiz für eine private Investition noch städtebaulich angemessen gewesen wäre.

Die Architekten erarbeiteten mit dem Statiker eine leichtere Stahltragstruktur, die möglich machte, einen Kubus mit fünf oder genau genommen viereinhalb Geschoßen zu errichten. Die Fassaden spiegeln die Notwendigkeit, Gewicht zu sparen, wider. Raumhohe, aluminiumverkleidete Elemente im Leichtbau gehen mit gleich hohen Fixverglasungen ein Wechselspiel ein, das dem Haus Prägnanz und ikonenartige Bedeutung verleiht. Das Bauwerk wird zum visuellen Haltepunkt, gibt dem Platz eine neue Identität, schließt ihn jedoch zur Kaistraße und dem offenen Uferraum nicht ab. Einfügung ist nur in Bezug auf die Proportion des Bauwerks gegeben, seine Längsausdehnung und Höhe, die dem Bestand an der Längsfront des Platzes und dem Neubau an der gekurvten Straßeneinmündung angepasst ist.

Integration und Harmonie im stadträumlichen Kontext ergeben sich aus der richtigen Positionierung und der hohen baukünstlerischen Qualität des Gebäudes.

In Zeiten, in denen das Bauen keinem verbindlichen Regel- und Wertekanon mehr folgt, ist dieses im Prozess gefundene Beispiel eines kontextgebundenen Bauens ein gelungener Beitrag zur Transformation der Stadt Graz. Es zeigt eine Haltung zur Stadtentwicklung auf, die im Umgang mit dem Bestand eine Herausforderung sieht, der man sich nicht nur mit bewahrendem Geist, sondern auch mit Blick in die Zukunft, Mut und Selbstbewusstsein zu stellen hat.

11. September 2010 Spectrum

Wie ein solitäres Möbel

Ein Zusammenspiel von architektonischer Qualität, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit sollte es werden, das neue Chemiegebäude der Universität Graz. Von der Schwierigkeit, dabei die Balance zu halten.

Seit rund 20 Jahren baut die Technische Universität Graz kräftig an ihrer Zukunft. Waren es anfangs städtische Verdichtungen am Areal des Stammhauses in der Rechbauerstraße, die sich in Hörsaaleinbauten im Innenhof und einem Neubau eines Institutsgebäudes von Günther Domenig manifestierten, so verlagert sich der Schwerpunkt der baulichen Aktivitäten für Institutsneubauten seit einem Jahrzehnt zunehmend auf die Inffeldgründe im Süden der Stadt.

Eine andere, schon in den 1950er-Jahren genützte Erweiterungsmöglichkeit boten die Gründe an der Petersgasse. Raimund Lorenz realisierte dort bis 1960, in Nachbarschaft zur „Neuen Technik“ für Elektrotechnik und Maschinenbau, die nach dem Ersten Weltkrieg errichtet worden war, das Chemische Institut der Technischen Universität (TU) als typischen Repräsentationsbau jener Jahre mit einer monumentalen Freitreppe, die den natürlichen Geländesprung verdeutlicht. Szyszkowitz und Kowalski setzten 1991 diesem Funktionalismus eine Betonskulptur für die Biochemie und Biotechnologie entgegen, die in ihrem formal überbordenden Gestus eine typische Zeitmarke einer Architektur der „Grazer Schule“ darstellt. Ernst Giselbrecht schließlich verdeutlichte mit der Biokatalyse von 2004, dass die fetten Jahre vorbei sind und eine auf wenige Aperçus reduzierte Funktionsarchitektur gefragt war.

Weil jede einst noch so moderne Architektur einmal zeitgemäßen Funktions- und Technologieansprüchen nicht mehr genügt, entschied man vor sechs Jahren, das Chemische Institut mit seinen Labors neu zu bauen und die Bundesimmobiliengesellschaft BIG zu beauftragen, dafür einen zweistufigen Wettbewerb auszuschreiben. Das Lorenz'sche Gebäude soll später zu einem gemeinsamen Zentrum der TU und der Medizinischen Universität werden, das Disziplinen an der Schnittstelle von Medizin und Technik vereint.

Am 7. Oktober wird nun die „Neue Chemie“ feierlich übergeben. Sie wurde von Zinterl Architekten geplant, einem Büro, das in Graz und Lissabon seinen Sitz hat und hierorts nicht nur für die Campusbauten der Fachhochschule verantwortlich zeichnet, sondern auch für ein von Frank Stronach gesponsertes Institut der TU auf den Inffeldgründen.

Aufgefallen ist das neue Chemiegebäude den Passanten der Münzgrabenstraße lange vor seiner Fertigstellung schon deshalb, weil es die städtebauliche Charakteristik der Ausfallstraße radikal durchbricht, die von der Linearität straßenbegleitender Gründerzeitbauten und Vorstadthäuser aus dem Biedermeier geprägt ist. Sein fast 100 Meter langer und sechs Geschoße hoher Hauptbau steht nicht an der Straße, sondern weit dahinter in einer Zone, die sonst den von der Straße aus uneinsehbaren Höfen und ihren Einbauten vorbehalten ist. Zur Straße hin öffnet sich die „Neue Chemie“ auf einen in die Tiefe gezogenen Platz, der einen ebenso offenen wie großzügigen Zugang von der Straße und dem Straßenbahnhalt darstellt. Dieses seiner Bedeutung als öffentlicher Bau entsprechende Zurückweichen lässt das Gebäude als Solitär erscheinen, obwohl es nach der Ausschreibungsvorgabe an die offene Seite der U-förmigen „Neuen Technik“ so andockt, dass es diese räumlich zu einem Ring schließt. In der Annäherung über den Vorplatz lässt sich die Anbindung allerdings nur über die Schmalfront erkennen, die zwar hinter den Bestand zurücktritt, ihm jedoch sonst, in der gestalterischen Durchbildung seiner Fassade, keine Referenz erweist. Das erstaunt, geht die Seitenfront doch auch keinen Dialog mit der langen, nach Süden orientierten Hauptfassade ein. Erklärt wird die Divergenz damit, dass sich an den beiden Enden des Baukörpers Büros für die Institute befinden, die eine geringere Raumhöhe als die Studierenden- und Forschungslabors aufweisen und daher – durch Stiegenhäuser beidseits getrennt vom flächenmäßig dominierenden Laborbereich – höhenversetzt angeordnet wurden.

Rund 600 Studierende und lehrende Forscher werden hier Platz finden. Parallel zum langen Trakt haben die Architekten ein zweites, niedrigeres Gebäude in den Innenhof der „Neuen Technik“ gestellt, das an eine bestehende Turbinenhalle angrenzt und mit dem Haupthaus über eine Achse verbunden ist, die im rechten Winkel seitlich an das zweigeschoßige Foyer anschließt.
sDieses Hofhaus, das sich dem eilig Vorübergehenden nur durch einen schmalen Durchgang im Bestand andeutet, enthält einen ansteigenden Hörsaal im düsteren Retrodesign über zwei Geschoße, der wie ein solitäres verschlossenes Möbel inmitten des verglasten Körpers gestellt wurde. Seine Vorplätze auf der Galerie und auf Hofebene sind großzügige Warte- und Kommunikationszonen, die dem Zustrom von maximal 170 Hörern gerecht werden, während die Erschließungszonen zu den Labors mit je zwei langen, schmalen Kunstlichtgängen aufs Äußerste reduziert sind.

Hier wie an den schon durch ihre geringe Raumhöhe beengt erscheinenden Büro- und Besprechungsräumen der einzelnen Institute an den Köpfen zeigt sich das Credo der BIG – „ein perfektes Zusammenspiel zwischen architektonischer Qualität, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit“ anzustreben – in Schieflage zugunsten des Letzteren. Nachhaltig scheint der verständliche Sparwille zumindest in diesem Bereich nicht, wenn man bedenkt, dass derart durch ihre Höhe determinierte Räume im Lebenss-10;0zyklus eines solchen Bauwerks kaum Flexibi-slität zulassen. Was, wenn in 50 Jahren Bürotätigkeiten zentralisiert, hingegen mehr Unterrichtsräume gefragt sein werden?

Als gestalterisch dominierendes Element und Aufputz leistet man sich die in zwei vertikalen Ebenen installierte Glasfassade. Der raumabschließenden Glashülle haben die Architekten schmale, durch Siebdruck punktbeschichtete Glasscheiben in horizontal gegliederter Bänderung vorgesetzt, die sich im Bereich der Fenster schuppenartig öffnen lassen und für den notwendigen Sonnenschutz sorgen sollen. Dass dabei das Kriterium äußerster Ökonomie nicht im Vordergrund stand, zeigt die Tatsache, dass auch die nur geringfügig von der Nordausrichtung abweichende zweite Längsfassade, die keine Sonneneinstrahlung erfährt, denselben konstruktiven Aufbau zeigt.

Wird die Qualität eines Entwurf schon im Wettbewerb vorwiegend nach funktionellen und wirtschaftlichen Kriterien gewertet, so ist die Gefahr groß, dass in der Realisierungsphase der naturgemäß einsetzende Prozess der „Abschleifung“ zu Kompromissen führt, die ein Projekt in den Grenzbereich zu reiner Gebrauchsarchitektur stellen. Funktionell gekonnt – aber nicht mehr.

3. Juli 2010 Spectrum

Wie Finger am Rückgrat

Kann man einem Krankenhaus baulich Atmosphäre geben und Schwere nehmen? Das neue Klinikum Klagenfurt und das Landeskrankenhaus Gmunden. Ein Vergleich.

Klagenfurt hat ein neues Krankenhaus. Es ist kein Umbau, Zubau oder weiterer Pavillon im heterogenen Ensemble der Stationsbauten im Norden der Stadt – nein, hier ist (fast) alles neu seit Mai 2010.

Die Bezeichnung „Klinikum Klagenfurt am Wörthersee“ soll für sich sprechen, mit Rekonvaleszenz im Grünen oder Erholung am Wasser assoziiert werden und nicht mit „Spitalsgeruch“. Für das Land Kärnten und die Kärntner Krankenanstaltengesellschaft KABEG ist das neue Landeskrankenhaus ein Jahrhundert-Projekt. Es sollte Hotelcharakter haben und folgt damit einem generellen Trend im modernen europäischen Spitalsbau. Zugleich ist das neue chirurgisch-medizinische Zentrum ein hoch technisierter Großbetrieb, der mit 627 Betten beinahe die Hälfte der Klagenfurter Gesamtbettenzahl in einer funktionellen und baulichen Einheit konzentriert. Sein Standort bildet den nördlichen Abschluss des weitläufigen Krankenhausgeländes, das im letzten Jahrhundert auf 35 Pavillons und ein Wegenetz von zehn Kilometern angewachsen ist.

Eine mit drei Ebenen relativ niedrige kammartige Bebauung für Behandlung und Pflege bildet mit dem ebenfalls neu errichteten Wirtschaftstrakt eine lineare Einheit. Seiner Bedeutung entsprechend ist das neue Krankenhaus am Nordrand nun nicht der Ausgang, sondern das neue Entree in den Krankenhausbezirk. Über die neue Brücke der Glan kommend, die für den Neubau des CMZ an die Grundgrenze verlegt wurde, fährt nun der städtische Bus vor, entschwindet der im Auto anreisende Besucher in der Tiefgarage und betreten ambulante Patienten und Besucher über die Piazza unter einem riesigen Vordach das neue Haus.

Kärnten hat sich, anders als Wien beim aktuellen Projekt des Krankenhauses Nord in Wien Floridsdorf, für ein Finanzierungsmodell ohne private Partner und damit gegen ein PPP-Modell entschieden, wodurch die Entscheidungsgewalt über Bau und Betrieb beim Errichter bleibt. Den europaweiten Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren konnte eine Arbeitsgemeinschaft von Feichtinger Architectes aus Paris mit den Wiener Büros Priebernig, Müller-Klinger Architekten und Fritsch, Chiari & Partner für sich entscheiden. In ihrem Konzept sah die Jury die Forderung nach höchster Wirtschaftlichkeit bei zugleich hoher Aufenthaltsqualität erfüllt.

Tatsächlich gleicht das Klinikum einem in die Fläche ausgreifenden und dennoch kompakten Apparat, der in seinem auf den ersten Blick ablesbaren Ordnungsmuster Funktionslogik, Effizienz und störungsfreie Abläufe ausdrückt. Jeder Grundriss kann ohne Schritt zur Vereinfachung als Funktionsschema gelesen werden: Untersuchungs- und Behandlungsräume in den im Erdgeschoß gelegenen Ambulanzen bilden gemeinsam mit der zentralen Notaufnahme ein starkes Rückgrat, das durch eingeschlossene kleine Höfe aufgelockert und belichtungsoptimiert wird. Begleitet wird das von einer schnurgeraden Erschließung der teils über Galerien mehrgeschoßig verbundenen Magistrale, die im Erdgeschoß Wartezone, Orientierung und Verteiler in die Fachzentren ist und darüber im Südtrakt den Operationsbereich und gegenüber die Pflegestationen umfasst, die wie Finger an das Rückgrat andocken. Dazwischen öffnen sich Höfe – Themengärten genannt – die, um sie eindeutig zu charakterisieren und Orientierungshilfe zu sein, in ihrer Bodengestaltung und Flora auf je eine Farbe beschränkt wurden. Jedes der einheitlich nur mehr mit zwei Betten bestückten Krankenzimmer in den Pflegestationen orientiert sich zu einem dieser Höfe. Die „Finger“ der Pflegestationen sind als zweihüftige Baukörper ausgebildet, wodurch die Zimmer entweder Ost- oder Westsonne erhalten und durchgehend mit Sonnenschutz-Screens ausgestattet werden mussten.

Alle Funktionen sind sinnfällig gestapelt und zugeordnet, logisch verknüpft und kollisionsfrei gehalten. Neben der Magistrale für ambulante Patienten und internen Transport erschließt ein zweiter, leicht geschwungener Weg, der unmittelbar vom Eingang in die mehrgeschoßige Empfangshalle zu den Trakten zwischen den Höfen führt, die einzelnen Pflegestationen für Besucher und das Pflegepersonal. Die Qualität beider Erschließungen liegt in der Querung der Höfe, die beste natürliche Belichtung von Norden her ermöglicht.

Die Beschränkung auf wenige robuste Materialien im Inneren – Glas in massiver Stahlkonstruktion, Linoleum, Geländer aus dunklem Stahl und eine wandbündige Täfelung als Prallschutz –, auf die dominierende Farbe Weiß und äußerst sparsamen Farbeinsatz betont den Funktionscharakter des Gebäudes. Es wirkt elegant, aber zugleich etwas kühl. Auch die dunkelgraue Metallhaut, die konsequent alle Trakte überzieht, ist ungewöhnlich für ein Krankenhaus. Im hellen Licht eines Sommertages, als Hintergrund für Blüten und das Pflanzengrün der Höfe und als Gegenüber der Uferbepflanzung der Glan, gibt sie dem Krankenhaus eine ruhige Fassung. Ob sie auch ein stimmiger Hintergrund für graue Wintertage sein wird, muss bezweifelt werden.

Derart große Bauwerke mit so komplexen Anforderungen an Wirtschaftlichkeit und Funktionalität, an reibungslose Ver- und Entsorgung, Hygiene und Sterilität ähneln perfektionierten Maschinen, und es stellt sich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, sie atmosphärisch aufzuladen und ihnen Bedeutungsschwere zu nehmen.

Mit der Erweiterung des Landeskrankenhauses Gmunden ist dem Büro fasch@fuchs. dieser Trapezakt gelungen. Ihre neue Akutgeriatrie mit Tagesklinik strahlt jene gelassene Heiterkeit aus, die vergessen lässt, wo man gelandet ist. Erreicht wurde das durch gar nicht sparsamen, aber sorgfältig differenzierten Einsatz von Licht, Farben und Holz und die unmittelbare Nähe und Aussicht aller Krankenzimmer auf den Therapiegarten auf dem sanft schrägen Dach der Tiefgarage. Die Architekten schaffen Aufenthaltzonen mit Wohnzimmercharakter und konnten durchsetzen, dass den großzügig verglasten Krankenzimmern ein gedeckter Balkon mit Sitzbank und Terrassendielen aus Holz vorgelagert ist – ein traditionelles regionales Bauelement.

Gemeinsame Qualität beider Krankenhäuser ist, dass sie lichtdurchflutet und offen wirken, dass sie reichlich Bewegungsflächen und differenzierte Aufenthalte bieten, Kontakt zum Landschaftsgrün ermöglichen und mit wunderbar gestalteten Gärten eine Bereicherung des Aufenthalts schaffen.