nextroom.at

Profil

Tobias Hagleitner hat 2008 an der Kunstuniversität Linz im Fach Architektur diplomiert und 2018 promoviert. Seit 2007 freischaffend in den Bereichen Baukunst, Gestaltung und Architekturkommunikation. Als Architekturkritiker schrieb er u. a. für die OÖNachrichten, in Vorarlberg für die vom vai Vorarlberger Architektur Institut kuratierte Reihe zur Baukultur „Leben & Wohnen“ in den VN. Er ist freier Mitarbeiter und Kurator im afo architekturforum oberösterreich (2020/21 interimistischer Leiter) und Redakteur für die nextroom-Sammlungstätigkeiten von afo und vai.

Lehrtätigkeit

seit 2012 Lehraufträge zu Raum, Architektur und Kunst im öffentlichen Raum an Kunstuniversität Linz und KU Linz

Veranstaltungen

10/2025–04/2026 Mädchen* sein!?, Lentos Kunstmuseum Linz (Ausstellungsarchitektur gemeinsam mit Margit Greinöcker)
11/2023–04/2024 Stadtlabor, Nordico Stadtmuseum Linz (Gestaltung und Kuratierung gemeinsam mit Klaudia Kreslehner)
09/2023–09/2030 Linz Blick, Dauerausstellung Nordico Stadtmuseum Linz (Gastkurator)
04/2023–09/2023 schee schiach Ep. 1 & 2, afo architekturforum oberösterreich (Co-Kurator)
11/2021–02/2022 Kühne, Schulte, Gegenwart. Soziale Stadtbausteine der Zwischenkriegszeit in aktueller Perspektive, afo architekturforum oberösterreich (Konzept und Gestaltung)
11/2020–03/2021 Das gewisse Etwas. Über die Begeisterung für Architektur in fünfundsechzig Dingen, afo architekturforum oberösterreich (Konzept und Gestaltung)
05/2021–09/2021 Sehnsuchtsort Schule, afo architekturforum oberösterreich (Kurator mit Teresa König und Uschi Reiter)
01/2020–07/2020 Egon Hofmann–Linz. Künstler Industrieller Kosmopolit, Nordico Stadtmuseum Linz (Ausstellungsgestaltung mit Margit Greinöcker)
03/2019–08/2019 Es zog mich durch die Bilder. Kubin@nextcomic-Festival, Landesgalerie des OÖ Landesmuseums (Ausstellungsgestaltung)
03/2017–04/2017 Erfahrene Landschaft II, Architektur Haus Kärnten (Kurator, Konzept und Gestaltung)
05/2016–07/2016 Erfahrene Landschaft I, afo architekturforum oberösterreich (Kurator, Konzept und Gestaltung)
09/2013–02/2014 Kunterbunt. „Klasse Kunst“ zum Thema Farbe, Landesgalerie Linz (Ausstellungsgestaltung mit Margit Greinöcker)
04/2013–06/2013 Innenansicht Suedost. Vorarlberg, vai Vorarlberger Architektur Institut (Co-Kurator und Gestaltung mit Azra Akšamija, Margit Greinöcker et al.)
07/2012–08/2012 Innenansicht Suedost. Linz, afo architekturforum oberösterreich (Co-Kurator und Gestaltung mit Azra Akšamija, Margit Greinöcker et al.)

Auszeichnungen

2022 Forschungspreis Architektur der zt: Bundeskammer
2013 START Stipendium „Architektur und Design“ des bmukk
2011 Schütte-Lihotzky-Projektstipendium
2008 Kunstpreis der Diözese Linz
2008 Talentförderungsprämie Land Oberösterreich

Bauwerke

Artikel

26. September 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Die fabelhaften Fünfziger

Im Rahmen der Ausstellung „Geteilte Stadt“ bietet das Stadtmuseum Nordico eine Führung zu interessanten Linzer Bauten der 50er Jahre – Architektur, die zu Unrecht oft verkannt wird.

Nicht alles, was das vergangene Jahrhundert an Architektur hervorgebracht hat, wird gleichermaßen geschätzt. Manchmal braucht es etwas Abstand. Die Qualitäten der sogenannten Nachkriegsmoderne, also der Architektur der Wiederaufbauphase ab 1945 werden gerade erst wieder entdeckt. In der Zwischenzeit ist vieles verloren gegangen. Teils wurden Gebäude durch unkundige Renovierungen entstellt, teils einfach abgerissen ohne Verständnis für deren kulturellen Wert. Noch in jüngster Vergangenheit gibt es traurige Beispiele dafür: der elegante Pavillonbau der „Milchbar“ im Volksgarten, der 2010 dem Musiktheater weichen musste oder das ehemalige Parkhotel (später Volkshochschule) von Artur Perotti und Gottfried Zellinger in der Coulinstraße, das im selben Jahr abgerissen wurde.

Höchste Zeit also, dass die Bauten der späten 40er und 50er Jahre mehr Wertschätzung und Interesse bekommen. Schließlich sind sie „besser als ihr Ruf“, wie Architekturkritiker Friedrich Achleitner das treffend formulierte. Es sind Gebäude, die meist unter Zeitdruck, mit knappen finanziellen Mitteln und beschränkten Material-Ressourcen errichtet wurden. Die Bedingungen waren schlecht, die Qualität der Umsetzung allerdings bestmöglich. Architekten wie Handwerker arbeiteten materialgerecht, mit solidem Bauwissen in allen Belangen. Robust konstruiert und schlicht in der Gesamterscheinung überraschen die Häuser durch Eleganz im Detail und durch fein gearbeitete, vielgestaltige Oberflächen.

Vor allem öffentliche Bauten wurden durch „Kunst am Bau“ aufgewertet, mit Reliefs, Sgraffiti, Malereien oder kunstvollen Schriften versehen. Zu verdanken ist das nicht zuletzt Architekt Fritz Fanta, der von 1938 bis 1943 und wieder von 1945 bis 1971 Leiter des Entwurfsamts in Linz war. Er setzte sich im Magistrat für die Einrichtung einer eigenen Haushaltsstelle zur künstlerischen Ausgestaltung von städtischen Bauvorhaben ein. Seine weitsichtige wie zurückhaltende Planungsarbeit prägt das Stadtbild bis heute: Etwa in der Altstadt, mit deren Sanierung er beaufragt war (mit dem malerischen Aufgang vom Tummelplatz zum Schloss), am Südbahnhofmarkt, dessen bis heute beliebte und funktionierende Anlage er konzipierte oder im Dörfl am Römerberg, wo das Egon-Hofmann-Haus nach seinen Plänen errichtet wurde – seit knapp 60 Jahren als Atelierhaus beinah unverändert in Betrieb.

19. September 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Flüchtlingskrise als Chance für den Wohnbau

Die Frage nach ansprechendem und leistbarem Wohnraum für Jene, die in Österreich bleiben, wird sich schon in Kürze stellen. An kompetenten Antworten müsste jetzt gearbeitet werden.

Vorerst steht noch die Suche nach Notquartieren im Vordergrund. Zeltlager und andere Behelfsunterkünfte werden eingerichtet. Couragierte Personen, Organisationen und Behörden versuchen – nicht selten vergeblich – zumindest einige der vielen ungenutzten oder unternutzten Räume in öffentlicher wie privater Hand zur temporären Unterbringung der Schutzsuchenden aufzutreiben. So schwierig das sein mag, es ist nur der Anfang. Die Frage nach ansprechendem und leistbarem Wohnraum für Jene, die in Österreich bleiben, wird sich schon in Kürze stellen. An kompetenten Antworten müsste jetzt gearbeitet werden. Die aktuelle Herausforderung könnte ein Ansporn sein, ernsthafter und mutiger über günstigen Wohnbau nachzudenken als das bisher der Fall war. Es geht dabei keineswegs nur um die Flüchtlinge. Auch für die einheimische Bevölkerung fehlt vielfach das Angebot an dauerhaft leistbaren Wohnungen.

Eine Anregung aus Düsseldorf: Dort wird gerade in Zusammenarbeit mit dem Bund Deutscher Architekten (BDA) ein Pilotprojekt auf den Weg gebracht. Flüchtlinge – darunter selbstverständlich auch Handwerker und Ingenieure – werden voraussichtlich auf einem Grundstück der Stadt ein eigenes Haus errichten können. Von Betrieben vor Ort sollen „Paten“ für die einzelnen Gewerke bereit gestellt werden. Während die Planung und Bauleitung von Architekten übernommen wird, sind Bauherrschaft und Erbauerschaft in Personalunion die Flüchtlinge selbst. Sie haben dadurch Beschäftigung und erhalten zugleich Gelegenheit ihre eigene Zukunft aktiv mitzugestalten.

Das Experiment reaktiviert die Idee des gemeinschaftlich organisierten, professionell geplanten und betreuten Selbstbaus als Strategie für günstiges Wohnen, die hierzulande beinah in Vergessenheit geraten ist. Sicherlich haben nicht alle die Zeit, das Können oder die Lust, sich in einer Baugruppe zu organisieren und beim Bauen selbst Hand anzulegen. Dennoch: Es ist eine jener interessanten Ideen, die diskutiert werden müssen, wenn die Schaffung dauerhaft günstigen und dauerhaft beliebten Wohnraums künftig ein gesellschaftliches Anliegen ist.

12. September 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Begegnungszonen zum Davonrennen

Nach Jahrzehnten autogerechter Stadt- und Raumplanung hat sich ein Zweiklassensystem etabliert: Die aus eigener Kraft bewegte Menschenspezies hat sich den Auto-Mobilen unterzuordnen.

Der verlorene Anteil am Raum der Stadt wird allerdings zurückgefordert. Die Dominanz des Pkw ist bei Weitem nicht gebrochen, aber wird zumindest da und dort in Frage gestellt.

„Share Space!“ lautet dabei einer der Leitsprüche. Von Pionieren wie dem niederländischen Verkehrsplaner Hans Monderman wurden seit den 1980er Jahren unter diesem Motto Straßengestaltungen erprobt, die den Verkehrsraum wieder zum Lebensraum machen sollen: weniger Ampeln, Schilder und Barrieren, stattdessen die Wiederentdeckung sozialer Fähigkeiten. Sicherheit und Entspannung ergeben sich durch Blickbeziehung, respektvolle Begegnung und aufmerksame Kommunikation. Je nach Nation sind aus dem Appell zum „shared space“, zur gemeinschaftlich geteilten Nutzung des Raums, unterschiedliche Konzepte und Standards in der EU entstanden.

In Österreich entspricht die seit 2012 in der Straßenverkehrsordnung verankerte „Begegnungszone“ grob der Idee. Oberösterreich hat die neue Möglichkeit im Bundesländervergleich besonders fleißig implementiert. Enns, Freistadt, Lochen, Ottensheim, Wels oder Ried sind nur einige Beispiele. Linz hat sich damals gleich 27 Stück der neuartigen Verkehrsflächen verordnet und einige davon bereits umgesetzt.

Ein Gesetz und ein neues Taferl machen aber noch keine neue Stadt. Nicht immer ist die gute Idee erfreulich umgesetzt. Oft fehlt es an der passenden Gestaltung, aus der sich ein achtsameres Miteinander von sich aus ergeben würde. Wie müssten solche Straßen und Plätze ausschauen? Statt all der amtlich ausgetüftelten Regelwerke würde sich eine einfache Formel empfehlen: Plant nicht Straßen für Fahrzeuge, sondern macht städtische Landschaften, die für das erstaunlich intelligente, sinnlich begabte und agile Lebewesen Mensch geeignet sind! Das funktioniert allerdings schlecht von oben herab – Mit dem Begriff des „sharing“ war nicht nur das Teilen von Räumen gemeint, sondern auch das Beteiligt-Werden am Prozess ihrer Entstehung.

6. September 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Was haben wir von Le Corbusier?

Seine waghalsigen Stadtvisionen sehen aus heutiger Sicht wie Karikaturen aus, die den modernen Städtebau mit seinem nicht selten menschenvergessenen Maßstab ironisch überzeichnen.

Le Corbusier, der berühmte schweizerisch-französische Architekt, prägend für die Architektur des 20. Jahrhunderts wie kaum eine andere Persönlichkeit, meinte es aber ernst mit seinem „plan voisin“ für die Umgestaltung von Paris Mitte der Zwanziger Jahre: Neben dieser Megastruktur an 60-geschoßigen Wohnklötzen hätte Manhattan mit seinen großzügig angelegten Häuserblocks wie eine Spielzeugstadt ausgesehen.

Le Corbusier, der eigentlich Charles-Édouard Jeanneret hieß, hatte einen Hang zum Großen und Radikalen und war wahrscheinlich auch deshalb totalitären Regimen und faschistischen Ideen nicht abgeneigt. Zynismus war es aber wohl nicht, was ihn als Architekturschaffenden antrieb. Er dachte über die Herausforderungen seiner Zeit nach, war begeistert von den technischen Möglichkeiten, von einer wenige Jahre zuvor noch ungeahnten Mobilität. Er versuchte mit seinen Entwürfen, den Neuigkeiten einen passenden Raum zu geben, sie weiter zu denken und ohne Kompromisse an einer andersartigen Zukunft zu arbeiten.

Vergangenen Donnerstag vor 50 Jahren, am 27. August 1965, ist der Architekt nach einem schaffensreichen Leben mit 78 Jahren verstorben. Hinterlassen hat er nicht nur utopische Stadtkonzepte, die bis heute für Streit sorgen und zum Teil, wie im indischen Chandigarh, auch umgesetzt wurden. Es gibt auch eine große Zahl an Wohnhäusern und anderen Bauten zu besichtigen. Viele davon waren bahnbrechend und definierten das mit, was noch heute in der Architektur als „modern“ gilt. Eins seiner beeindruckendsten Werke, die Wallfahrtskirche von Ronchamp in Frankreich, feiert ebenfalls ein Jubiläum: Seit 60 Jahren fasziniert diese skulpturale Beton-Kapelle Fachpublikum wie Laien. Wer Gelegenheit hat, sie zu besuchen, kann ganz unmittelbar erleben, warum der nicht unumstrittene Jubilar für die Architekturgeschichte so bedeutsam ist.

8. August 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Ist das der Beginn einer Wende?

So wie wir derzeit bauen, schaden wir uns selbst, findet Baubiologe Alfred Ruhdorfer. Er hat in Sarleinsbach ein Musterhaus errichtet, um zu zeigen, wie es anders geht.

Der Haselhof liegt versteckt hinter einer Hügelkuppe südlich von Sarleinsbach. Rundherum ist viel Natur, die sich am Grundstück in ungewöhnlicher Vielfalt zeigt. Kein Wunder, sind doch vitale Wälder, Wiesen und Äcker für Alfred Ruhdorfer die Ressourcen der Zukunft. Baumaterialien aus „nachwachsenden Rohstoffen“ bieten schadstofffreie Wohnumgebung, sind komplett kreislauffähig und außerdem ohne lange Transportwege direkt vor Ort zu beschaffen. Es muss kaum erklärt werden, warum das gegenüber derzeit gängigen Baustoffen ein großer Gewinn für Mensch und Umwelt wäre.

Nur darüber zu reden, ist Ruhdorfer zu wenig. Sein Wunsch war es, zu erproben, wie alternatives Bauen wirklich umgesetzt werden kann. So ist ein regionales Netzwerk entstanden, das unter dem Namen „ecoforma“ Bauleute, Betriebe und Forschungseinrichtungen zusammenbringt. Das Vorhaben ist ambitioniert: das Mühlviertel zur Modellregion einer neuen Baukultur zu machen, die lokale Ideen, Arbeitskräfte und Rohstoffe nutzt, die umfassend gesund und ökologisch ist. Mit dem „Ecohaus“ ist ein prototypisches Gebäude entstanden, das erlebt und erforscht werden kann.

Auf den ersten Blick ist es ein gewöhnliches Holzhaus, ein Quader mit schindelgedecktem Zeltdach über einem durchlaufenden Fensterband. Die Gesamterscheinung tendiert ins Brave. Halten wir uns aber an die These, dass es in diesem Fall vor allem auf die „inneren Werte“ ankommt. Das Haus soll beweisen, dass das Bauen mit natürlichen Baustoffen aus der Region nicht nur umweltfreundlich ist, sondern auch heutigen Ansprüchen an Komfort, Technik und Kosten genügt.

Außergewöhnliche Materialien

Unter dieser Voraussetzung betrachtet, erschließen sich die Qualitäten des Projekts. Es ist ein spannender Fundus an neuartigen Aufbauten und Bauteilverbindungen. Die Materialien stehen im Vordergrund und sind in ihren unterschiedlichen Wirkungen sinnlich erfahrbar. Brandschutzmittel aus den Samen der Lupine, Hanf- statt Gummimatten oder Proteinkleber aus Topfen sind nur eine illustre Auswahl aus einer ganzen Reihe innovativer Patente, die bei dem Gebäude zum Einsatz kamen. Sie absolvieren unter technischer Überwachung einen Langzeit-Gebrauchstest – Hightech zur Erkundung, wie wenig Technik für ein wohliges Raumklima nötig ist.

Ganzheitliche Baukultur

„Ecoforma“ will wachrütteln, daran erinnern, dass wir bei der Gestaltung unseres menschlichen Habitats den Gesamtzusammenhang nicht aus den Augen verlieren. Wir brauchen gesunde Luft, reines Wasser und fruchtbare Böden – das muss bei jedem Bauwerk mitbedacht werden. Eine Bauwirtschaft, die auf Ausbeutung von menschlichen wie materiellen Ressourcen fußt, wo Wertschätzung für handwerkliches Können und dauerhafte Materialien vor lauter Kostendruck keinen Platz mehr haben, gibt Anlass zur Sorge. Der ganzheitliche Ansatz ist daher zu begrüßen.

Schade, dass die Frage der Ästhetik bisher noch zu wenig beachtet wird. Natürlich könnte behauptet werden, dass die Schönheit der Dinge aus ihren „inneren“ Qualitäten sich von selbst ergibt. Wer durch das Potpourri an Raumgestaltungen, Oberflächen und Möblierungsstilen am Haselhof wandelt, muss allerdings erkennen, dass diese These auf wackeligen Beinen steht. Es ist sinnvoll und richtig, traditionell verwendete, lokal vorhandene Materialien mit heutigen Technologien und Know-how wiederzubeleben und aufzuwerten.

Das Vorhaben einer neuen „Baukultur“ wird allerdings ohne die intensive Einbindung der gestaltenden Disziplinen dem eigenen Anspruch umfassender Werthaltigkeit nicht gerecht. Etwas mehr professionelles Design, etwas engagiertere Architektur – dann könnte das tatsächlich den Beginn einer baukulturellen Wende für die Region bedeuten.

18. Juli 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Altersgerechtes Mittelmaß

Schärding hat ein neues „Bezirksalten- und Pflegeheim“. So bürokratisch das klingt, so ist es auch umgesetzt. Architektur ist nur mühsam errungenes Beiwerk.

Das Grundrezept für ein Altersheim in Oberösterreich: Man erhebe den Bedarf, nehme einen genossenschaftlichen Bauträger, leite aus der Pflegeheimverordnung das Raumprogramm ab, ergänze um Normen aus dem Baugesetz sowie Förderrichtlinien und passiere das Ganze durch einen Architekturwettbewerb. Das mag relativ kostengünstig sein und sich nach statistischen Kriterien bewähren. Eine besonders originelle Antwort, wie das Dasein der Betreuungs- und Pflegebedürftigen aussehen könnte, kommt dabei nicht heraus.

Richtige Antworten

Sicherlich wurde in Schärding einiges richtig gemacht. Ein ordentlich durchgeführter Wettbewerb ist immer noch nicht selbstverständlich und deshalb erwähnenswert. Mit Gärtner + Neururer erhielten zudem Architekten den Zuschlag, die schon mehrfach gezeigt haben, dass sie das Bauen von Alten- und Pflegeheimen gut beherrschen und dem engen Korsett an Vorgaben einiges an Qualität abtrotzen. Von diesem Know-how profitiert das Gebäude: Zwei Trakte wurden abgestuft ins Grundstück gesetzt, sodass hinten ausreichend Gartenfläche bleibt und sich nach vorne der Straßenraum vor dem Haus erweitert. Die Gänge enden mit großen Glasflächen zur Belichtung und Aussicht. Brüstungen und Fensterbänke wurden in der Höhe den besonderen Bedürfnissen angepasst.

Die Einzelzimmer sind gut eingeteilt und ermöglichen angemessene Privatsphäre. Das Kontingent an halb öffentlichen Flächen für das soziale Leben der Bewohnerschaft wurde geschickt umgesetzt, pro Wohngruppe wurden nach dem Modell der Hausgemeinschaft je eine helle Wohnküche, Aufenthaltsbereich und Loggia eingerichtet.

Der Bau erfüllt den definierten Zweck ordentlich, pragmatisch und – je nach Farbgeschmack – auch ganz ansehnlich. Dennoch: Architektur, also gesteigerte Lebensqualität durch den einfallsreichen Umgang mit Raum und Material, kommt deutlich zu kurz. Es fehlt an wohnlicher Atmosphäre, an Verweilräumen, die Geborgenheit vermitteln, an räumlicher Abwechslung. Abgesehen von den individuellen Zimmern stellt sich kaum das Gefühl ein, angekommen zu sein, kaum eine Allgemeinfläche, die sich nicht ein bisschen wie ein Gang anfühlt. Es mangelt aufgrund der Lage an Verbindung mit der Stadt und dem Geschehen in ihr.

Falsche Fragen

Den Architekten ist das kaum anzulasten. Ihre Kompetenz kam erst ins Spiel, als wesentliche Entscheidungen bereits getroffen waren. Wenn die relevante Berufsgruppe im Rahmen eines Wettbewerbs gerufen wird, ist die spannende Frage, wie und wo geeigneter Wohnraum für die Ältesten in einer übermäßig alternden Gesellschaft eigentlich realisiert werden soll, bereits irrelevant. Gefragt wird nur noch nach der besten Lösung für ein isoliertes Teilproblem: Wie bauen wir zum festgelegten Preis ein Heim mit 90 Betten, mit genauen Flächenangaben pro Bewohner, fixen Gangbreiten und definierter Parkplatzmenge so, dass es am Ende nicht ausschaut wie ein Käfig?

Die Menschen werden älter, damit gibt es auch mehr Pflegebedürftige. Das ist eine Herausforderung, die in nächster Zukunft keinesfalls abnehmen wird. Umso mehr müssten alternative Konzepte erprobt werden, wie qualitätsvolles Wohnen für diese immer größer und anspruchsvoller werdende Gruppe gewährleistet und gestaltet werden kann. Architektur könnte helfen, adäquate Antworten zu finden. Dafür müsste allerdings der Rahmen geschaffen werden, in dem das Wissen der Disziplin tatsächlich zum Tragen kommt.

Mit den Fördermitteln, die reichlich in Projekte dieser Art fließen, hätte die Politik ein Instrument in der Hand, mit dem sich nicht nur „Bezirksalten- und Pflegeheime“ produzieren ließen, sondern auch neue Ideen, Raumnutzungen, Gebäudetypen.

20. Juni 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Stadtdiskurs statt Hochhausdebatte

Wem schadet, wem nützt es? Die weise Gewichtung verschiedener Interessen müsste jedem Bauprojekt vorangehen. Je höher das Haus, umso größer die Verantwortung.

Ihre gebirgshafte Präsenz beeindruckt, sie bieten Orientierung, das Panorama lockt. Für das Kapital sind sie interessant: Bis zu einer gewissen Höhe ermöglichen Hochhäuser die ökonomisch optimierte Ausnutzung wertvoller Stadtfläche. Es ist nicht wahr, dass sie zum dauerhaften Aufenthalt für Menschen nicht geeignet wären, zu Vereinsamung, Krankheit und Entfremdung führen, wie Kritiker behaupten. Da müsste das säuberlich umzäunte Einfamilienhaus am Land mindestens so verdächtig sein. Hochhäuser sind nicht das Problem. Hinterfragt werden müssen die Umstände ihrer Entstehung: Wo wird gebaut? Ist städtebauliche Integrität gegeben? Wer profitiert vom Turmhaus? Was hat die Allgemeinheit davon? Genügt die Architektur höchsten Ansprüchen? Die besondere Größe der Bauform erfordert die besonders gründliche Klärung und transparente Vermittlung dieser Fragen.

Bei den „Towers“, die jüngst in Linz emporschossen, blieb das aus. Sie zeigen, wie es nicht sein soll. Das Bahnhofsviertel wurde bestenfalls aus der Vogelperspektive durchgedacht. Unten ist eine Erdgeschoßzone entstanden, die mit zeitgemäßer Urbanität nichts zu tun hat. Verflochten vom Straßen- und Parkplatzgewirr am Boden zeigen die Bauklötze ansonsten keinerlei Zusammenhang. Wer sich zu Fuß vom Wissensturm über Kärntnerstraße und Bahnhof-„Platz“ in den Eingangsschlurf des Finanzamts durchkämpft, weiß, wovon die Rede ist.

Zweifelhafte Ikonen

Hochhäuser gelten seit jeher als Verkörperung von Fortschritt und Moderne, als Beweise wirtschaftlicher wie sozialer Dynamik einer Stadt. Waren die ersten Häuser dieser Art im Linz der 50er-Jahre Wahrzeichen des Wiederaufbaus, scheinen sie heute Metropolenglanz für die Mittelstadt zu versprechen, ein Stückchen Welt für die Provinz.

Wenn in Krisenzeiten die symbolischen Qualitäten ins Wanken geraten, wird mit Sachzwängen argumentiert: Das Wachstum der Stadt erfordere höhere „Dichte“, Hochhäuser seien nötig, um den Standort für Investments attraktiv zu halten oder bedeutende Unternehmen verlangten nach Flächen im Büroturm. Kommunale Planungsgremien und Gestaltungsbeiräte stimmen die bekannten Hochhaus-Mantras an von städtebaulich wichtigen „Dominanten“ und identitätsstiftenden „Torsituationen“. Nichts davon ist ganz falsch. Wesentlich ist allerdings: All die Argumente führen nicht zwingend zu Hochhäusern, zumal wir in Linz ohnehin von Schrumpferln unter der 100-Meter-Marke sprechen.

Es ist nicht New York, nicht Dubai oder Guangzhou. Die Stadt kann sich auf anderem Weg Geltung, Bildwirksamkeit und Mehrwert schaffen. Mehr Kreativität beim Planen und Bauen ist gefragt. Statt 15 Geschoße auf einen Diskonter am Bulgariplatz zu packen, könnten all die Supermarkt-Flachbauten dieser Stadt um zwei bis fünf Geschoße wachsen.

Statt marktverzerrenden Büroraum hochzuziehen, braucht es Erhebungen zum tatsächlichen Leerstand von Büro- und Wohnflächen und Konzepte zur verbesserten Raumauslastung. Es müsste darüber nachgedacht werden, wie im inneren Stadtgebiet durch maßvoll höheres Bauen attraktiv nachverdichtet werden kann und welche baurechtlichen Rahmenbedingungen dafür notwendig sind.

Hochhaus mit Konzept

Wenn schon Hochhaus, dann bitte gut: durchmischte Nutzung, der Sockel freundlich und durchlässig, öffentlich zugänglich. Und warum nicht aus heimischem Holz gebaut (wie 2012 in Vorarlberg oder demnächst in der Wiener Seestadt Aspern)? Für die künftige Umsetzung von Hochhausprojekten braucht es ein verbindliches stadtübergreifendes Konzept, das festlegt, wo unter welchen Bedingungen ein solches Bauwerk entstehen darf und welche Gegenleistungen von den Investoren aus den erwirtschafteten Mehrgewinnen für die Öffentlichkeit erbracht werden müssen. Von München könnte sich Linz das Konzept der sozialgerechten Bodennutzung abschauen, vorbildliche Richtlinien für die Planung und Beurteilung von Hochhausprojekten hat sich die Stadt Zürich verordnet.

16. Mai 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Luftorgel im Grünen am Berg

Standorte für die neue Bruckner-Privatuni hätte es auch in der Kernstadt gegeben. Nun steht sie auf der grünen Wiese. Die Architektur weiß damit umzugehen.

So privat hätte es auch für eine „Privatuniversität“ nicht sein müssen: Der Öffentlichkeit leicht entrückt, auf den Hagen-Gründen am Fuß des Pöstlingbergs, sahen die Location Scouts des Landes den passenden Bauplatz der neuen Ausbildungsstätte für Musik, Schauspiel und Tanz. Eine Uni im Park ist es nun – das, was in Amerika einst mit „Campus“ gemeint war. Das hat keineswegs nur Nachteile, vor allem wenn es gelingt, die landschaftlichen Vorzüge herauszuarbeiten und der Atmosphäre im Gebäude anzueignen. Das schafft der Entwurf des Linzer Architekturbuero 1, der sich im offenen Wettbewerb unter fast 50 Beiträgen durchsetzen konnte, ausgezeichnet.

Alles ist im Fluss

Während das Haus zur Hagenstraße seinen Baukörper in konischem Schliff und voller Höhe eher hermetisch präsentiert, zeigt es sich hangseitig räumlich differenziert. Wie ein Arm umfängt es die Gartenebene, die so zur geschützten Open-Air-Aula wird. Eine Freitreppe verbindet die Terrasse im ersten Stock mit dem Naturraum. Sie kann Bühne und Tribüne für Vorstellungen werden oder als Gartenhörsaal dienen. Die alten Bäume runden das Ensemble ab.

Natur bestimmt als Metapher auch den Innenraum des Passivhauses: Die Foyer- und Erschließungsflächen werden von Architekt Matthias Seyfert als „Fluss“ bezeichnet. Er mäandriert vom Haupteingang an der Hagenstraße südlich zur gläsernen Parkfassade, um sich dann talwärts quer durch das Gebäude Richtung Stadt zu bewegen. Ein Oberlichtband im Dach begleitet die Bewegung und bringt Helligkeit in die Erschließungswege der beiden oberen Stockwerke und bis ins Erdgeschoß.

Harfe, Akkordeon, Luftorgel?

Das beachtliche Raumprogramm wird von sanft gekurvten Wänden behaust. Dazwischen gibt es Licht, Luft und viel Fläche für die Kommunikation und gemeinsamen Aktivitäten einer Uni. Ein dunkler Korridor findet sich in dem organischen Gefüge nicht. Zahlreiche Sichtverbindungen in die innenliegenden Volumen und ins Freie ergeben jederzeit beste Orientierung. Das ist für ein Gebäude dieser Größenordnung ein besonderer Vorzug.

Das wichtige Thema der Akustik wurde neben der technischen Relevanz auch bildlich aufgefasst. Die Lamellen an der Fassade sollen an ein Instrument erinnern. Wenn die Alu-Teile für die vorgeschlagene Assoziation mit einer Harfe auch etwas klobig geraten sind – die „Musikalität“ der Bauform wirkt sich jedenfalls positiv aus: Die schiefen Außenwände helfen das Flatterecho in den Übungsräumen zu vermeiden.

Zur klanglichen Optimierung des großen Konzertsaals ließen sich die Architekten ein Wandpanel aus gewelltem Gipskarton einfallen, was einiger Modellversuche und technischer Tricks der Professionisten bedurfte. Die gestalterische Ambition aller an der Planung und Umsetzung Beteiligten wird in einzigartigen Details wie diesem deutlich. Das zeichnet den Bau in vielen Punkten aus und macht ihn zur unverwechselbaren architektonischen Errungenschaft.

Schade, dass der Ehrgeiz offenbar nicht alle Bereiche erfasst hat. Im Südosten zeigt das Gebäude Schwachstellen. Nicht nur, dass für die Gestaltung des Außenraums bei dieser Panoramaseite Richtung Stadt offenbar das Geld ausging und der benachbarte Obstgarten aus unerfindlichen Gründen nicht zugänglich gemacht wurde.

Bedauerlich ist vor allem, wie hier mit vorgestellten Betonwänden ein Zugeständnis an den Bebauungsplan gebastelt wurde. Der sieht für das gesamte Grundstück maximal drei Geschoße vor und erforderte deshalb in diesem tiefer liegenden Bereich das teilweise Eingraben. Die Planenden, das Land als Bauherrschaft und die Stadt Linz als zuständige Baubehörde hätten sich hier eingehender miteinander beschäftigen und eine ansprechendere Lösung zulassen müssen. Ähnliches gilt für die Blitzschutzanlage am Dach: dass dieser dominante Himmelszaun die einzige Möglichkeit sein soll, geltenden Bestimmungen gerecht zu werden, darf hinterfragt werden.

18. April 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Mehr braucht es nicht zum Glück

Wohnhaus in Gramastetten: Eine Portion Pragmatismus, etwas Sparsamkeit, Gespür für schlichte Schönheit und Achtsamkeit im Umgang mit der Landschaft.

Es ist nicht nötig, nach Vorarlberg oder bis nach Skandinavien zu pilgern, um Architektur mit diesen Qualitäten zu bestaunen. Seltene Kostproben davon gibt es auch in Oberösterreich. Denkmalartig erinnern sie daran, dass Ökonomie der Mittel und lebensbejahende Ästhetik kein Widerspruch sein müssen. Gerade die jüngste Architekten-Generation zeigt das Know-how und die richtige Haltung dafür. Die engagierten, meist kleinen Büros sind aber aufgrund mangelnder Nachfrage und Wettbewerbsmöglichkeiten häufig auf private Klein- und Kleinstaufträge beschränkt und bleiben vorerst oft unter der Wahrnehmungsschwelle.

Mit dem zarten Architektenalter von 34 Jahren ist Dietmar Hammerschmid eines dieser Nachwuchstalente. Er ist das „h“ im jungen Grazer Team „hpsa“ (Hammerschmid, Pachl, Seebacher Architekten) und stammt aus Oberösterreich. In Gramastetten betreibt er eine kleine Außenstelle des Büros. Für diesen Standort neben Graz und Salzburg wollten sich der Architekt und seine Partnerin den passenden Wohnraum schaffen. Von ihren Eltern wurde der Grund zur Verfügung gestellt. Die in den 1970er-Jahren übliche Großzügigkeit der Grundstücke macht es möglich, dass in der Ecke des Gartens neben dem Schwimmteich noch genügend Platz für ein zweites Häuschen ist.
Vier Kosten-Schrauben

Der finanzielle Aufwand sollte minimal bleiben: „Als erstes haben wir an der Quadratmeter-Schraube gedreht“, lächelt Hammerschmid unbekümmert, „wir haben uns gefragt: Was ist das Minimum?“ Eine zweite Schraube betraf den Umgang mit der Landschaft: „Möglichst wenig Erdbewegung, möglichst wenig Beton.“

Auf vier Punktfundamenten wurde ein Ständerbau aus Stahl in die bestehende Gartenlandschaft gestellt und damit eine über Teich und Zufahrt schwebende Tragfläche für die Holzkiste geschaffen. Dritte Kosten-Schraube: Ab Fertigstellung des Unterbaus wurde mit Ausnahme von Dach und Verglasung alles in Eigenleistung erledigt. Das gesamte Holz kam bereits abgelängt auf die Baustelle und wurde dann mit Freunden und Familie in nur drei Tagen zur fertigen Grundstruktur zusammengefügt. Vierte Stellschraube: Haustechnik auf das Minimum reduzieren. Der Holzofen versorgt über eingefräste Kupferrohre im Speichermantel zwei lehmverputzte Wandheizungen mit Warmwasser. Ansonsten: Fenster zum Lüften, ordentliche Verschattung außen, Strom und Wasser kommen vom Haupthaus, fertig.

Ein von oben belichteter Sanitärkern unterteilt das Volumen in einen Schlafbereich hinten und den großen Wohnraum mit Küche vorne. Der nötige Stauraum findet hinter einer schlichten Kastenfront Platz. Sie wurde wie Boden und Decke aus Birkensperrholz gefertigt. Im Bad- und Küchenblock kamen Eternit und Ortbeton zum Einsatz. Außen wurde landschaftliche Einbettung angestrebt. Der Fassadenschirm aus sägerauem Fichtenholz wurde mit schwarzer Schlammfarbe abgedeckt und dadurch wirksam zurückgenommen.

„Von uns ist das als Übergangslösung gedacht. Wir wissen einfach noch nicht, wie sich die Dinge genau entwickeln werden“, sagt Dietmar Hammerschmid und spricht eine allgemein gültige Tatsache an, die von vielen Häuslbauern verdrängt wird. Diese Leichtigkeit in der Grundhaltung zu einem Haus ist dem Gebäude nicht nur anzusehen, sie bestimmt auch das planerische Konzept: „Es ist statisch so ausgelegt, dass es mit dem Tieflader abtransportiert und dann zum Beispiel zum Büro an einem anderen Standort werden kann.“ Theoretisch könnte eine weitere Box seitlich angegliedert oder oben aufgesetzt werden. Oder aber die elterliche Nachbarschaft begeistert sich einst dafür als Auszugshaus. Möglich wär’s.

21. März 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Wohnform zwischen Stadt und Land

Architektin Marie-Theres Süßner hat einen Supermarkt in eine Wohnanlage verwandelt. Ein Konzept wie aus der Großstadt, das dem ländlichen Raum genauso gut steht.

Schwanenstadt ist schon dem Namen und auch dem Rang nach eine Stadt. Einen Steinwurf vom Stadtplatz entfernt beginnt dennoch unübersehbar das „Land“ mit der hierzulande üblichen Streumischung aus Ackerland, Gewerbeflächen und Häuserteppich.

Trotz dynamischer Bevölkerungsentwicklung der Region ist die Grundstruktur noch immer auszumachen: Die ovalförmige Verdichtung mit dem langgezogenen Stadtplatz in der Mitte liegt wie ein kompaktes Samenkorn im umgebenden Ackerland. Diese Typologie macht den typischen Charakter von „Schwauna“ aus.

Umso erfreulicher, wenn nicht nur draußen auf der Wiese neu gebaut, sondern wie im Fall der Wohnanlage „Loft 393“ auch in der bestehenden Struktur in Zentrumsnähe nachverdichtet wird. Als die Architektin Marie-Theres Süßner das Grundstück mit dem leerstehenden Supermarkt aus den 1980er-Jahren und einem benachbarten Lokal zu bearbeiten begann, gab es Überlegungen, das Ganze abzureißen und ein neues Wohnprojekt auf dem Areal zu errichten. „Im Gespräch mit den Behörden wurde dann klar, dass die bestehende Substanz einen großen Vorteil hat“, erinnert sich Süßner an den Anfang des Projekts: „In diesen Baugrenzen mit eher geringen Abständen zu den umliegenden Gründen wäre ein künftiges Bauwerk nicht mehr möglich gewesen.“
Vorhandenes als Qualität

Zudem hätte eine komplett neue Wohnanlage eine ganze Menge mehr gekostet. So wurde der Bestand nicht weiter als Altlast gesehen, sondern zum Möglichkeitsraum für das Neue umgedeutet.

Es sind auf den ersten Blick nicht die besten Bedingungen für attraktives Wohnen: Im Westen, auf der ehemaligen Zugangsseite für die Kundschaft des Lebensmittelmarkts, liegt ein ausgedehnter Parkplatz. Die Fläche wirkt ein bisschen wie der vernachlässigte Hinterhof des adretten Stadtkerns.

Auf der anderen Seite ist „ländlicher Raum“, nicht unbedingt als Idyll, sondern intensiv bewirtschaftete Ackerfläche.

Süßner verstand die Schnittstelle zwischen den zwei Landschaften dennoch als Reiz und versuchte das vormals hermetische Volumen der Halle etwas aufzulösen und mit der Umgebung zu verschränken. Das konstruktive Grundgerüst des Betonbaus wurde dabei komplett erhalten, die neue Fassade lediglich in den bestehenden Öffnungen ein Stück nach innen gerückt.

So sind nun kleine Wohnhöfe entstanden, die jeder Wohnung einen intimen Außenraum geben. Der Hauptzugang wurde auf die Ostseite verlegt. Eine schmale Gasse zwischen den beiden Bestandsgebäuden erschließt zur Linken das renovierte Geschäftslokal mit Wohnung im Obergeschoß, rechts im ehemaligen Supermarkt sind barrierefrei sieben neue Wohneinheiten erreichbar. Der Hallenbau wurde mit einem Mittelgang längs geteilt. Vier Einheiten schauen nach Westen Richtung Stadt, drei nach Osten hinaus aufs Feld.

Loft kommt von Luft

Im Innenausbau wurde ganz nach dem Motto „Loft“ auf den besonderen Charakter eines umgenutzten Lagerraums mit dem luftigen Flair von fast vier Metern Raumhöhe geachtet. Die Einrichtung ist beschränkt auf das Wesentliche, funktional und einfach.

Abgesehen vom kompakt gehaltenen mittigen Sanitärkern stellen sich den Nutzenden keine Massivwand, keine Tür und keine Zwischendecke in den Weg. Schiebewände aus lichtdurchlässigen Stegplatten schirmen die einzelnen Raumzonen flexibel voneinander ab. Nach außen zeigt das Projekt ein etwas hartes Gesicht.

Dass eine gewisse Abgrenzung zum Parkplatz notwendig und gewünscht ist, leuchtet ein. Dass die Abschottung in Form und Material so rigid ausgefallen ist, schadet dem Gesamteindruck – wenn auch die jungen Kirschbäume in den Wohnhöfen vor allem in der warmen Saison bald mehr Natürlichkeit und Weichheit bewirken werden.

Insgesamt ist das Projekt als gelungener Versuch hervorzuheben, das Wohnen auf dem Land in eine alternative Richtung neu zu denken. Ein oberösterreichisches Pionierprojekt, wenn es darum geht, leer gefallene Gewerbeflächen einer Wohnnutzung zuzuführen.

28. Februar 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Grün ist die Farbe der Hoffnung

Man kann nur hoffen, dass mehr Wohnbauten wie das Stadtterrassenhaus in Urfahr entstehen, Häuser, die der Freude am Stadtleben zu neuer Form verhelfen.

Noch ist es nicht ganz fertig. Der grüne Bewuchs aus wildem Wein wird die Fassade erst komplettieren. Schon jetzt allerdings fällt das Gebäude angenehm aus dem Rahmen der üblichen, nicht selten üblen Wohnprojekte, die das Bild bestimmen: Eine Investorenburg folgt da der nächsten, wohnbaugenossenschaftliches Einerlei türmt sich allerorten. Das im Vorjahr fertiggestellte Stadtterrassenhaus von Kleboth Lindinger Dollnig Architekten in Urfahr ist eine der seltenen Ausnahmen: ein attraktives Stadthaus auf der Höhe der Zeit.

Andreas Kleboth steht vor einem Regal mit etlichen Entwurfmodellen zum Projekt, Volumenstudien aus Holz und Styropor: "Uns ist wichtig, dass Gebäude sich zum Raum der Straße ‚weich’ verhalten", meint der Architekt, „das bewirkt eine ganz andere Offenheit städtischer Räume und letztlich auch der Menschen, die sich darin bewegen.“ Das Bemühen um einen stimmigen Ausdruck, die Suche nach der passenden Form im Gefüge, die bestmögliche Verwebung von innen und außen ließ das Team den Baukörper stets überarbeiten und weiter entwickeln. Eine derart ernsthafte Auseinandersetzung mit architektonischen Grundfragen ist keine Selbstverständlichkeit und kostet viel Zeit und Energie.

Geglückter Kraftakt

Das ehrgeizige Vorhaben für das Wohn- und Bürohaus in der Ferihumerstraße – anfangs als Architekturbüro und Projektentwickler in Personalunion betrieben – wurde denn auch zu einem Jahre dauernden Kraftakt mit viel Herzblut und hohem Risiko. Hervorzuheben ist die positive Rolle, die der Gestaltungsbeirat für die Genese des Projekts gespielt hat. Das Potenzial der Entwürfe wurde erkannt und die wesentlichen Züge in die zu erstellenden Bebauungspläne einbezogen. Die Bauhöhe wurde um zwei Geschoße angehoben, um der stadträumlich richtigen Geste den nötigen Entfaltungsraum zu geben.

Unerschrocken und mit freundlicher Offenheit begegnet die Sockelzone des Gebäudes der stark frequentierten Straße. Darüber treppt das Haus scherenschnittartig zurück und erobert Stück für Stück den Luftraum und differenzierte Blicke in die Stadt, hofseitig um nichts weniger komplex. Im Inneren ergibt die Verjüngung nach oben Wohnungen unterschiedlichsten Zuschnitts. Die Attraktionen beschränken sich nicht auf eine „Penthouse-Etage“. Es gibt Wohnungen mit Atrien in der Mitte, Maisonetten, intime Appartements zum Hof oder Panorama-Lofts in Richtung Stadt.

Vielfalt braucht die Stadt

Die Vielschichtigkeit ist nicht einfach eine Zier. Deutlich unterschiedene Wohnungsformen erhöhen die Chance, verschiedene Lebensmodelle und unterschiedliche Altersgruppen unter einem Dach zu haben – das ergibt Vielfalt und das braucht die Stadt.

Es ist erfrischend zu sehen, was sich mit Hingabe und Hartnäckigkeit aus der Aufgabe städtischen Wohnens machen lässt. Das gilt für den frei finanzierten Wohnungsbau. Es ließe sich aber auch auf die öffentlichen Projekte übertragen, selbst im sozialen Wohnungsbau wäre vergleichbar Erquickendes möglich. Die derzeitige Fixierung auf eine sehr kurzfristig und oberflächlich gedachte Baukostenreduktion müsste dafür aufgegeben werden. Es kommt ohnehin nichts als zynischer Existenz-Minimalismus dabei heraus.

Die Kreativität und das Engagement aller Beteiligten – von der Politik und Beamtenschaft bis hin zur Planungs- und Bauzunft – müssten sich um die Verbesserung der Rahmenbedingungen bemühen, sodass wieder mehr „Architektur“ zum Wohnen entsteht, die diesen Namen auch verdient hat . Bis es allerdings so weit ist, wird die Fassade des neuen Hauses in der Ferihumerstraße vermutlich schon üppig zugewachsen sein.

31. Januar 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Ankommen statt Umsteigen

Der Zug hält. Nichts „Hässliches“ stört mehr den Blick. Ein normaler Bahnhof. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich: Was ist mit dem Ort dahinter?

Von der „hässlichsten“ Haltestelle des Landes war in Umfragen stets die Rede. Keine Spur mehr. Nach dem Umbau herrschen in Attnang-Puchheim bahnhofsoffensive Sauberkeit und Klarheit.

Von den schnittigen grauen Flugdächern über die gläsernen Aufzüge bis zum Granitboden gibt es vorerst wenig Überraschendes. Das könnte auch der Bahnsteig von Feldkirch, St. Pölten oder Linz sein. Kein Einwand! Ein Bahnhof ist ein Bahnhof, und was funktioniert, muss nicht täglich neu erfunden werden. Die aktuelle Design-Linie der ÖBB ist etwas grau und hart, aber die Dinge erfüllen ihren Zweck, wirken gut detailliert, robust und langlebig – hässlich keineswegs.

Wir begeben uns ins unterirdische Kernstück des Gebäudes. „Früher war das ein Fluchtbahnhof“, erinnert ÖBB-Projektleiter Franz Hujber drastisch an die dunkle Unterführung von einst. Gemeinsam mit dem Wiener Architekturbüro Skyline ist es nun gelungen, bei relativ engen Raumverhältnissen ein natürlich belichtetes Aufnahmegebäude unter Terrain zu entwickeln, das freundlich und geräumig wirkt.

Hier finden sich Reisecenter, WC-Anlagen, Sitzbereiche und Backladen. Der oberirdische Bauteil, der Reisende von der Park-&-ride-Zone an der Bundesstraße aufnimmt und den „Hausbahnsteig“ bedient, zeigt konzeptionelle Lücken, die wohl bei der Übertragung des Vorbilds Linz entstanden sind. Hier gibt es zwei Geschoße hoch viel Glas um nichts. Die „Riesen-Laterne“ ist sicher eine Möglichkeit, ein sichtbares Zeichen in den Straßenraum zu setzen und zugleich Licht nach unten zu bringen. Dennoch: Es ginge auch subtiler.

Der Schienenknoten ins Salzkammergut und Richtung Ried hat bis zu 8000 Fahrgäste pro Tag aufzunehmen. Klar: Eine leistungsfähigere Verkehrseinrichtung war längst überfällig. Für die Stadt ist ein Bahnhof aber längst nicht nur ein Bahnhof. Gerade Attnang-Puchheim ist besonders eng mit der Entwicklung der Bahn verbunden.
„Brückenkopf“ ins Zentrum

„Ein neues Gesicht“, wie Bürgermeister Peter Groiß das ausdrückt, war schon viele Jahre lang der Wunsch. Dabei ging es nicht nur um ein schöneres Image nach außen, sondern zugleich darum, positive Identifikation mit dieser wichtigen Infrastruktur wiederzuerlangen – um ein Stück Identität.

Für das „Gesicht“ in Richtung Stadt war das ortsansässige Architekturbüro Gilhofer verantwortlich. Das Paar hatte einen Wettbewerb zur Gestaltung des unmittelbar anschließenden Busterminals für sich entscheiden können. In der Materialisierung noch ganz „ÖBB“ ergibt sich mit dem Bau als stadtseitigem Haupteingang diesseits der B1 eine Geste Richtung Marktstraße und Rathausplatz, die bisher nicht vorhanden war – ein „Brückenkopf“ ins Zentrum.

Es ist eine Aufforderung, von diesem erneuerten Rückgrat aus mit weiteren stadträumlichen Akzenten anzusetzen. Ein anziehendes Platzgefüge kann hier entstehen, das wie von selbst vom Bahnhof in den Stadtkern leitet.

Die Errichtung des Terminals erfolgte zeitgleich und in enger Abstimmung mit dem Bahnhofsprojekt. Für die Stadt hervorragend: Die neue Bahnstation ist barrierefrei direkt ins Wegesystem integriert, ob zu Fuß, mit Auto, Rad oder per Bus. Die Warteinseln mit ihrer aufgeräumten Organisation von Service-, Aufenthalts- und Leitfunktion sind vorbildlich. Wünschenswert, wenn dies nach der „Bahnhofsoffensive“ der ÖBB der Beginn einer „Busoffensive“ von Land und Gemeinden wäre.


Daten und Fakten

Objekt: Bahnhof Attnang-Puchheim
Bauherrschaft: Österreichische Bundesbahnen
Architektur: Skyline Architekten, Wien
Baubeginn: Herbst 2010
Fertigstellung: Herbst 2014
Gesamtkosten: rund 44 Millionen Euro
Maßnahmen: Neubau Bahnhofsgebäude, Umbau von Gleisanlagen, Errichtung Personendurchgang zum Dr.-Karl-Renner-Platz, Adaptierung Personendurchgang inkl. Errichtung Liftanlagen und Rolltreppen, Errichtung von zwei neuen Inselbahnsteigen

Objekt: Busterminal
Bauherrschaft: Land Oberösterreich und Stadtgemeinde Attnang-Puchheim
Architektur: Büro Gilhofer, Attnang-Puchheim
Gesamtkosten: 4,8 Millionen Euro
Maßnahmen: getrennte Bushaltestellen, Warteinseln, Geschäftsflächen, Fahrradabstellanlage

3. Januar 2015 Oberösterreichische Nachrichten

Vom kultivierten Umgang mit dem Raum

Architekt Friedrich Goffitzer

Entgegenkommend im Gebrauch, umfassend im Anspruch an Kultiviertheit und Schönheit: Friedrich Goffitzers Werk ist zeitlos. Mehr Beachtung würde gut tun.

Er war Designer, Bühnenbildner, Architekt. Fritz Goffitzer, der 2010 im Alter von 83 Jahren verstorben ist, war ein wahrer Universalist der Gestaltung. Sein vielseitiges Werk reicht vom stapelbaren Bierglas über Orgeln bis zum Löschfahrzeug. Er plante Ausstellungspavillons, Firmengebäude und Wohnhäuser. Forschend widmete er sich der Harmonie- und Proportionslehre oder barrierefreiem Design.

In der Architekturgeschichte des Landes nimmt er nicht nur durch seine Bauten eine hervorragende Stellung ein. Goffitzer hat auch als Lehrender gewirkt und geprägt. Über zwanzig Jahre war er Professor der Meisterklasse für Innenarchitektur, kurzzeitig auch Rektor an der damaligen Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz.

Es sind nicht einfach Gebäude, die Goffitzer hinterlassen hat, eher Kompositionen. Ob Autohaus, Villa oder Synagoge – sie zeugen von künstlerischer Energie, handwerklicher Versiertheit und Sinn für Form und Material. Es sind menschenfreundliche, wohlproportionierte Räume, die eine moderne, wohltuend optimistische Idee von gesellschaftlicher Freiheit und Selbstbestimmtheit ausstrahlen.

Knapp ein halbes Jahrhundert nach Fertigstellung einiger seiner wichtigsten Werke inspiriert diese Haltung: Gute Architektur wurde als Errungenschaft einer technisch, sozial wie künstlerisch hoch entwickelten Kultur verstanden, gepflegt und verfeinert. Das hiesige Bauwesen dieser Tage könnte sich das zum Vorbild nehmen und die heutigen Ansprüche nachjustieren.

Die Synagoge für die Israelitische Kultusgemeinde von 1968 in der Linzer Bethlehemstraße gilt als Hauptwerk und ist dennoch kaum beachtet. Dabei ist das Gebäude nicht nur im Oeuvre Goffitzers herausragend, es ist für die Architekturlandschaft in Oberösterreich von höchstem Stellenwert.

Besonders deutlich wird bei dem Bethaus das szenografische Talent des Architekten. Mit der Bewegung durch den Raum ergibt sich ein feiner dramaturgischer Bogen. Das räumliche Arrangement berücksichtigt Geschwindigkeit und Rhythmus der Annäherung, bedenkt Pausen und Wendepunkte, den ruhevollen Moment des Ankommens. Niveausprünge, Materialwechsel, Lichtveränderungen verbinden sich zum zusammenhängenden Raumerleben.

Die Gestalt des Raums

Im Fall der Synagoge sind das tiefe Ruhe und Geborgenheit. Das verdankt sich unter anderem auch den Fresken von Fritz Fröhlich – nur ein Beispiel gelungener Kooperation des Architekten mit Kunstschaffenden. „Architektur“, schrieb Goffitzer in einer Publikation, „ist mehr als nur ein Gestalten von Räumen. Sie ist die Lehre von der Gestalt des Raums“.

Was wie ein Wortspiel klingt, muss als präzise Abgrenzung zum bloßen Bauen gelesen werden. „Architektur“ bedeutet also, die Wirkung der „Raumgestalt“ auf Leib und Psyche des Menschen zu studieren und ernst zu nehmen, Räumlichkeit nach diesen Erkenntnissen zu entwickeln. Die Bauten Goffitzers sind tatsächlich nie einfache Container oder Kisten. Sie sind körperlich gedacht, oft plastisch überarbeitet.
Wohl proportioniert

Der Raum ist dreidimensional durchformt, nicht eine Grundrisszeichnung mit Wänden und Decke. Wie die Glieder eines Menschen sind die Einzelteile eines Baus und Gebäude mit der Umgebung in einem Maßzusammenhang. Es gibt Verhältnisse und Beziehungen zwischen oben und unten, innen und außen, sowie Kommunikation zwischen den Teilen und Rhythmik.

Dass Fritz Goffitzer das nicht nur bei sakralen Räumen und edlen Wohnhäusern umzusetzen wusste, zeigt sich gut an dem Autohaus mit knapp 12.000 Quadratmetern Werkstatt- und Verkaufsflächen, das er Mitte der 1960er-Jahre im Linzer Hafenviertel errichtete. Selten verbreiten Gebäude von dieser Größe und Funktion so viel Leichtigkeit, Offenheit und Charme. Die Besichtigung dieses Objekts sei insbesondere all jenen ans Herz gelegt, die im Hafen künftig „Großes“ planen.

13. Dezember 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Kommet, ihr Hütten!

Ein Zwölftel des Jahres beherrscht Christkindl-Themenarchitektur Straße, Park und Platz. Eine vorweihnachtliche Betrachtung zur Verstandelung unserer Städte.

Alle Jahre wieder: mit Leuchtmitteln und Tannenreisig behangene Stromkabel und blecherne Blasengel in der Luft, auf dem Boden eine unübersehbare Zahl von Standln und Hütten der diversen Adventmärkte. Ihre Architektur schöpft aus dem reichen Formenschatz an religiösen Motiven, volkstümlichen Traditionen und der Erzählwelt des Marketings, die sich um das Weihnachtsfest angereichert haben.

Temporäre Hüttensiedlungen breiten sich in der Standlhauptstadt Linz genau so aus wie auf dem Welser Stadtplatz. Sie sind in der „Christkindl-Region“ Steyr zu finden, aber auch in Freistadt, Gmunden oder Ried. Manche lieben, andere hassen sie.

Fakt ist, dass die Weihnachtsmärkte so viele Menschen an die städtische Frischluft locken, wie das selten sonst der Fall ist. Trotz Nebel und Kälte ist die Stadt belebt, Jung und Alt verabreden sich im „öffentlichen Raum“, es wird flaniert und verhandelt, es herrscht herzerwärmendes Gedränge. Es wäre zu einfach, die belebende Wirkung alleine Punsch und Glühmost zuzuschreiben. Was ist das räumlich-ästhetische Erfolgsgeheimnis der Christkindl-Architektur? Was haben diese inszenierten Räume, das die „echte“ Stadt nicht hat?

Das sonst so harte Licht ist in glitzerndes Leuchten verwandelt, über dem Pflaster der Straße das weiche Stroh. Die Stadt hat in den Hintergrund zu treten, lediglich barocke Schauseiten dürfen zart illuminiert als Kulisse herhalten.
Die Verniedlichung der Stadt

Der Rest der urbanen Wirklichkeit wird in diesen Wochen ausgeblendet, zur Schneekugel verkleinert oder zur naiven Malerei verniedlicht. Die Verdörflichung des Städtischen ist Teil des christkindlichen Raumprogramms. Bei allem Verständnis für das Bedürfnis nach mehr Überschaubarkeit und „menschlicherem“ Maßstab: Die oberösterreichischen Städte haben hochwertige Altstadt-Räume.

Würden die bestehenden – teils leerstehenden – Läden und Lokale mit einigen ergänzenden Angeboten auf der Straße räumlich geschickt verwoben, wären diese Qualitäten ohne Scheinwelt zu haben. Weihnachtsmärkte dieser Art wären eine Gelegenheit, die Augen zu öffnen für das Liebliche und Liebenswürdige an der tatsächlich vorhandenen, „echten“ Stadt.

Harmlose Heimatlichkeit, Nostalgie und Gemütlichkeit sind essentiell im Christkindlgeschäft. Und welches Material ist derart heimelig? Selbstverständlich Holz. Die gemütliche Hütte ist aus Holz (nebenbei: die Hütten auf dem Linzer Hauptplatz bestehen unter der Oberfläche aus 35 Tonnen Stahl).

Das Vorbild Berghütte wird bis gegen Unkenntlichkeit pervertiert und kommt im Durchschnitt irgendwo zwischen Schlepplifthäuschen und alpenländischer Schneekrippe zu liegen. Verbindendes Erkennungsmerkmal sind die Holzverschalung in möglichst rustikaler Verarbeitungsweise und verschnörkelte Giebelgesimse als Zier. Schade nur, dass dieses für die Stimmung so wichtige „Holz“ fast ausschließlich in geschändeter Form zu finden ist, dick lackiert und überall dort verschlagartig aufgeschraubt, wo es gerade passend scheint.

Das hochwertige Material, aus dem Jahrhunderte überdauernde Möbel, Wohnbauten und Industriehallen errichtet werden, hat damit nichts zu tun. Der Christkindlmarkt wäre idealer Ort der Vermittlung dieses Baustoffs – konstruktiv, in seiner Wirkung am gebauten Objekt, nicht zum sinnentleerten Dekor degradiert.
Stadt mit allen Sinnen

Es liegt nicht nur an Form und Material. Die besondere Anziehungskraft geht vom sinnlichen Angebot der Weihnachtsstädte aus: verlockende Klänge und Düfte, die Sichtbarkeit menschlichen Schaffens, der Reiz einer Wärmequelle mitten in der Kälte, Schauen und Gesehenwerden, das zwischenmenschliche Drängen und Beieinandersein.

All das, was die „normale“ Stadt oft zurückdrängt und versteckt, ist hier erlebbar. Die Standlstadt hat mehr Sinnlichkeit zu bieten. „Etwas mehr Sinnlichkeit“ – das gehört auf den Wunschzettel an die richtige Stadt.

15. November 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Kommunale Baukultur in Serie

Braucht ein Zweckbau Architektur? Sechs Abfallsammelzentren im Bezirk Grieskirchen zeigen: Öffentliche Baukultur endet nicht bei Theatern und Museen.

Der Umgang mit Altstoffen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Recycling ist nicht nur ökologische Pflichtübung für alle, sondern ein öffentlich-rechtliches Geschäftsfeld geworden, das nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktioniert.

Im Bezirksabfallverband (BAV) Grieskirchen wurde rechtzeitig erkannt, dass sich mit dem neuen gesellschaftlichen Verständnis auch die Anforderungen für die räumliche Gestaltung der Abfallentsorgung gewandelt haben. Wie Nahversorgungseinrichtungen sollten Sammelzentren künftig nicht „versteckt“, sondern an der Kundschaft orientiert, leicht zugänglich und ansprechend gestaltet sein.

Gebäude mit optimierten Abläufen waren gewünscht, deren Erscheinungsbild und Herstellungsweise zugleich das zugrundeliegende Thema eines ökologisch nachhaltigeren Umgangs mit Ressourcen nachvollziehbar machen sollten. Diese Denkweise ergab sich nicht von selbst. Voraussetzungen waren die Überzeugungsarbeit vorausschauender Entscheidungsträger in Verband und Gemeinde und die Bereitschaft, sich im Ideenfindungsprozess von Anfang an professionell beraten und begleiten zu lassen.

Mittel der Wahl: Wettbewerb

Auf das komplexe Anforderungsprofil aus gesellschaftlichen, funktionalen und ästhetischen Ansprüchen kann nur im Rahmen eines Wettbewerbs eine erfreuliche Antwort gefunden werden. Das kompetitive Verfahren erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen hervorragenden Entwurf. Sein Wert liegt aber auch darin, dass die Bauherrschaft aus der Zusammenschau hochwertiger Ideen die eigentlichen Bedürfnisse und Anforderungen schärfen und folglich mit umso präziseren Kriterien ein Projekt prämieren und umsetzen kann.

Zehn oberösterreichische Architekturbüros wurden um Vorschläge für das Pionierprojekt der Grieskirchner Geschäftszentrale des BAV mit integrierter Sammelstelle gebeten.

Den Zuschlag bekam Architekt Wolf Grossruck, der heute auf insgesamt sechs Projekte zurückblickt, die er mit seinem Team auf der Grundlage des prämierten Beitrags in den vergangenen fünf Jahren verwirklicht hat.

Dabei sind nicht etwa ein Prototyp und fünf Kopien entstanden. Das Grundmodell wurde in steter Weiterentwicklung für die jeweiligen Standorte angepasst und moduliert. Möglich war das, weil die Planungen über den gesamten Zeitraum in der Hand des Architekten blieben. Selbst die Grundstückssuche wurde mit ihm koordiniert, um die Anlagen behutsam in die Landschaft einzupassen (Konzept war beispielsweise, für die vertiefte Position der Trennmulden jeweils natürliche Geländeneigungen zu nutzen).

Lokale Betriebe engagiert

Die Gestaltung wurde aus der Zielsetzung bestmöglicher Gebräuchlichkeit entwickelt. Das meint mehr als die Optimierung von Arbeitsabläufen im jeweiligen Objekt und hat wenig mit der missverständlichen Zauberformel „Form folgt Funktion“ zu tun. Es ging eher darum, die Bauaufgabe „Abfallsammelzentrum“ möglichst ganzheitlich zu erfassen und daraus einen zeitgemäßen Typus zu kreieren.

Das beginnt bei der sensiblen Standortwahl im örtlichen Kontext und endet bei Details, wie etwa der Entscheidung für automatische Glasschiebetüren, die ein kundenfreundliches Entrée wie im Supermarkt ermöglichen. Nicht nur die Planung wurde jeweils maßgeschneidert, auch die bauliche Umsetzung erfolgte ortsspezifisch durch lokale Betriebe.

„Wir haben den Holzbau so konzipiert, dass auch kleinere, ortsansässige Zimmerer mitbieten konnten“, erläutert Grossruck. Die Vergabe vor Ort war neben der Wert-schöpfung auch ein wichtiger Faktor für die lokale Wertschätzung der Anlagen. „Internationale Delegationen staunen oft, wie toll das bei uns funktioniert“, freut sich Rudolf Pichler vom BAV über die gute Nutzungsfrequenz, die nicht zuletzt wegen der gelungenen Architektur in den vergangenen Jahren stark gestiegen sei.

18. Oktober 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Goldstück, Wolke, weißer Riese

Lichtenberg: Verstreute Schlafsiedlung über der Nebelgrenze? Das war einmal. Lichtenberg hat jetzt einen Ortskern.

Jetzt gibt es eine Mitte!“, zeigt sich Bürgermeisterin Daniela Durstberger erleichtert und blickt nicht ohne Stolz über den neuen Platz. Nebenan genießen Ausflügler aus Linz Kaffee und Kuchen, vor dem Turnsaal unterhält sich ein Grüppchen Schüler, unter der Pergola sitzt ein junger Mann mit Laptop auf den Knien.

Die Szenerie wirkt ungewohnt, noch etwas unnatürlich. Neben dem neuen Haus für die Gemeinde mit Café, Bücherei und Bankfiliale ist eine freie Fläche für das öffentliche Leben entstanden, die in vielfältiger Art genutzt, bespielt, belebt werden will. Lichtenberg ist jung. Erst ab den 1950er Jahren entstanden mit dem regen Zuzug von Wohnbevölkerung nach und nach ein eigenes Gemeindeamt, die Volksschule, ein Pfarrheim ohne Kirche, Freizeitanlagen, Infrastruktur. Zunehmend sei der Wunsch nach einem Ortskern da gewesen, erläutern die Architekten Christian Stummer und Andreas Fiereder (alias Two in a Box) die Vorgeschichte.

Bereits 2008 hatten sie Gelegenheit, die Entwicklung in einem Masterplan vorzuzeichnen. Bei aller Jugend der Gemeinde war die Standortwahl für einen Platz von den Gegebenheiten eingeschränkt: als Ersatz für das Pfarrheim hatte die Diözese eben erst ein neues Seelsorgezentrum mit Kirchenraum konzipiert und damit den räumlichen Schwerpunkt für die Gemeinde festgelegt. Der Ortsplatz sollte auf dem Geviert entstehen, das von Kirche im Süden, Turnsaal im Westen sowie der Straße im Osten und Norden definiert war.

Mit der Ausgangslage wurde raffiniert umgegangen. Die belebte Straßensituation konnte durch eine Vorrangänderung etwas entschärft werden. Durch die Positionierung der neuen Baukörper ist es gelungen, alle Gebäude um den Platz einzubeziehen und einen attraktiven Außenraum zu schaffen. Das verdient Anerkennung, denn weder Turnsaal noch Pfarrkomplex, schon gar nicht der neue Wohnbau der Lawog sind für sich genommen dem angenehmen Gesamteindruck zuträglich.

Dass es geglückt ist, verdankt sich der selbstbewussten, zugleich dienenden Haltung des Amtsgebäudes. Es bietet dem Platz den nötigen Rückhalt und bleibt doch eigenständiges Einzelobjekt. Der „goldene“ Fassadenschirm – eigentlich metallisch erdfarben – ist Teil dieser Strategie und sollte nicht als Überheblichkeit verstanden werden. Im Inneren verdeutlicht sich das. Zugänge sind leicht ersichtlich, Wege selbsterklärend. Der Platz erfährt mit dem hellen Atrium eine Fortführung, die quer durch das Gebäude weiterleitet.

Auf einen Blick lassen sich die unterschiedlichen Nutzungen ausmachen: oben Verwaltung und Bürgersaal, straßenseitig die Bank, zum Platz das Café, nordwärts Bücherei und Bürgerservice. Materialien und Oberflächen sind sachlich, etwas kühl, aber angenehm.

Dass der gemeinsame Raum zwischen den Gebäuden, das Öffentliche, allen Beteiligten ein echtes Anliegen war, zeigt sich in der Qualität der „Kunst am Bau“. Hervorgegangen aus einem Wettbewerb der Diözese ist der „Wolkenteppich“ des Kollektivs Kompott ein spannender Versuch, dem Ort und seiner neuen Mitte eine Identität anzubieten – nicht als Festlegung, sondern als subtiles Zeichen: Es erschließt sich nicht auf den ersten Blick, sondern wird erst durch Gespräche, Bilder und Geschichten zu seiner eigentlichen, ortstypischen Bedeutung finden.

Presseschau

20. September 2014 Alexander Zens
Oberösterreichische Nachrichten

Österreich verliert an Boden: „Langfristig großer Schaden“

Architekturkritiker Hagleitner fordert höhere Steuern auf Widmungsgewinne und strengere Förderregeln.

OÖNachrichten: Zehntausende Hektar Gewerbe- und Industrieflächen in Oberösterreich liegen brach. Dennoch gibt es immer neue Widmungen. Woran liegt das?

Hagleitner: Erstens weil es wirtschaftlich interessant und Grund zu billig ist. Gewidmetes Bauland wird gehortet. Das führt zu Verknappung. Zweitens gibt es festgefahrene Planungsmodelle: Ein Neubau ist einfacher zu konzipieren als die Umnutzung eines brachliegenden Areals. Drittens gehen Verkehr und Widmungen oft Hand in Hand. Grundstücke sind vergoldet, ehe die Umfahrungsstraße errichtet wird.

Ist das gut für den Wirtschaftsstandort oder schlecht wegen Zersiedelung und teurer Infrastruktur?

Aus Sicht des einzelnen Investors oder Eigentümers ist es kurzfristig gut. Aber gesamtwirtschaftlich und langfristig entsteht großer Schaden. Zum Standort gehören auch Aspekte wie Lebensraumqualität.

Wie kann man das ändern?

Wir brauchen einen Bewusstseinswandel. Seit den 1950er-Jahren gab es Entballung, jetzt ist Zeit für Verdichtung. Das bedeutet nicht Käfighaltung oder Übereinanderstapeln etwa von Wohnungen, sondern intelligentes Nutzen vorhandener räumlicher Strukturen.

Generell werden in Österreich täglich 22 Hektar Boden verbaut und versiegelt. Freut das die Architekten wegen der Bautätigkeit?

Nein, die Zahlen müssen jeden alarmieren. Architekten, Bauunternehmer, Politiker, Investoren sind Menschen, die auf ihre Ressourcen achtgeben sollten. Leider herrscht der Massenbau vor. Nicht nur Fläche liegt brach, sondern auch geistiges Kapital der Architekten.

Wie soll man den Verbrauch landwirtschaftlicher Böden senken?

Es muss rentabel sein, Böden zu bewirtschaften. Regionale Nahrungsmittel müssen einen Wert haben. Außerdem braucht es höhere Steuern auf Widmungsgewinne. Und Einfamilienhäuser sollten weniger stark gefördert werden: Die Folgen eines Neubaus bei Energie, Raumordnung und Infrastruktur müssen berücksichtigt werden.

Derzeit wird auf Landesebene eine Raumordnungsnovelle verhandelt. Was erwarten Sie sich davon?

Dass Mängel behoben werden und der Flächenverbrauch sinkt. Ein Gesetz ist aber nicht alles. In Österreich gäbe es eines der strengsten Gesetze für den Einzelhandel, doch es scheitert an der Umsetzung. Bestehende Siedlungskerne sollten weiter entwickelt werden.