nextroom.at

Artikel

29. September 2001 Der Standard

Ganz nackig ist der Beton am schönsten

Adolf Krischanitz organisiert eine Massivbau-Mustersiedlung für Wien

Neun internationale Architekten wollen am Wienerwald-Rand im 14. Bezirk eine Mustersiedlung errichten, die nicht nur ihren künftigen Bewohnern, sondern vor allem dem hierzulande imagemäßig ein wenig unterkühlten Baustoff Beton huldigt. Beton ist sozusagen verflüssigter, in Form gegossener, wieder hart gewordener Stein, und er kann ein fades, aber auch ungemein aufregendes Architekturmaterial sein. Wenn er präzise verarbeitet wurde, ist er nackt, wie die Schalung ihn schuf, eigentlich am schönsten.

Dass der traditionsreiche Baustoff sich heutzutage viel zu oft von aufgepappten Oberflächen und Fassaden verkleiden lassen muss, schmerzt seine Liebhaber, und die befinden sich natürlich vor allem unter den Architekten. Der Wiener Adolf Krischanitz, dem angesichts seiner meist ordentlich massiven Architekturen ein fast erotisches Verhältnis zu Betonmischern nachgesagt werden darf, hatte deshalb gemeinsam mit den Betonierern von Lafarge-Perlmooser die Idee zu einer architektonischen Beton-Offensive in Form einer Mustersiedlung: Im vergangenen Jahr planten die Architekten Peter Märkli, Marcel Meili & Markus Peter, Roger Diener (alle Schweiz), Hans Kollhoff, Otto Steidle (Deutschland) sowie die österreichischen Kollegen Hermann Czech, Heinz Tesar und Adolf Krischanitz eine solche, fanden in der GSG und dem Österreichischen Siedlungswerk Bauträger sowie aktive Unterstützung aus der Bauindustrie, die sich zu einem Sponsorenkonsortium (Alu König Stahl, doka, Ernstbrunner Kalktechnik, Foamglas, Lafarge-Perlmooser, Oberndorfer, Schiedel, UTA) vereinigt hat. Gruppensprecher Johann Marchner: „Wir sind auf der gemeinsamen Suche nach Innovation, die den Wohnwert und Wohnnutzen hebt.“

Nach Krischanitz' säuberlichem, übersichtlichem Masterplan werden zwölf Mehrfamilien-Wohnhäuser entstehen, eingebettet in eine ansehnliche Menge Grün. Wiens Planungschef Rudolf Schicker steht dem Projekt nicht zuletzt deshalb wohlwollend gegenüber, weil die relativ lockere, das Platzangebot dennoch ökonomisch nutzende Siedlung Vorbild für ein „neues Wohnen in Wien“ sein könnte. Die einzelnen Entwürfe sind höchst unterschiedlich, nicht alle wirklich kreativ, einige jedoch durchaus interessant. Kollhoff stellt eine Art Südstaatenvilla auf die Wiener-Wald-Wiese, Märkli hat sich offenbar De-Stijl-Villen genauer angeschaut, Tesar ist es deklariertermaßen wurscht, wer den Einkauf über das Stiegerl in den zweiten Stock schleppen darf. Kreativ sind hingegen die drei Wohnskulpturen, die Krischanitz aus dem ihm - übrigens via Los - zugeteilten Block sprengt, erfrischend auch der Ansatz von Czech, der die zur Verfügung stehenden betonenen Speichermassen mit einem Wintergarten zum energiesparenden Passivhaus veredelt, und interessant, wie Roger Diener mit verschiedenen Raumhöhen jongliert.

Die Planungen sind jedoch noch nicht abgeschlossen, die Tugenden des Betons werden weiter erforscht, und im Frühjahr sollen die endgültigen Projekte einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden.

22. September 2001 Der Standard

Macht fängt in der Leere an

Ist der Wolkenkratzer tatsächlich das überragende Symbol der Macht in der Architektur? Oder beeinflussen die verschiedensten Machtmechanismen heute nicht viel subtiler und vielfältiger unsere gebaute Umwelt? Ute Woltron sprach mit dem niederländischen Architekturtheoretiker Bart Lootsma, der die Dinge differenziert betrachtet wissen will.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel geht, primitiv und kurz angerissen, so: Die Menschen hatten sich zusammengefunden, sie alle sprachen eine gemeinsame Sprache, und das machte sie stark und mächtig. Um dieser Macht Ausdruck zu verleihen, begannen sie einen Turm zu errichten, der bis in den Himmel ragen sollte, um dort oben Gott zu schauen. Da Gott aber nicht angeschaut und damit entweiht werden wollte, verwirrte er die Turmbauer, indem er ihnen viele Sprachen schickte. Diese babylonische Sprachverwirrung entzweite die Menschen, und ihr Turmbauprojekt zerstörte sich in weiterer Folge quasi von selbst.

Der Wolkenkratzer, der bis in den Himmel ragt, muss nicht erst seit den Ereignissen der vorvergangenen Woche als architekturgewordenes Symbol der Macht herhalten. Die Wolkenkratzer der Geschichte hießen Zikkurat, Pyramide, Minarett, Kirchturm. Dann begann man Mitte des 19. Jahrhunderts Hochhäuser aufzutürmen. Und diese allerersten Himmelskratzer, so schrieb ein Kommentator in der aktuellen Ausgabe des New Yorker, „zogen die Kontrolle der Skyline von Gott ab und übergaben sie Mammon, der sie bis heute so ziemlich innehat“.

Doch so mächtig Mammon gestern, heute, morgen auch sein mag: Die Welt besteht nicht nur aus Geld. Viele andere Mächte wirken auch auf die Architektur ein, formen sie und prägen ihre Gestalt spürbar. Der holländische Architekturtheoretiker und Publizist Bart Lootsma sagt: „Die Macht fängt in einer gewissen Leere an.“ Wer diese Leere füllt, dem fällt auch Macht zu, und heutzutage verstehen es vor allem die Medien, prächtig mit ihren Bausteinen in dieser Leere zu spielen.

Als vor einigen Jahren eine Boeing der El-Al direkt in ein Amsterdamer Hochhaus stürzte, war Lootsma gerade im Zug und auf dem Weg nach Hause und musste das Geschehen aus der Ferne beobachten. Er hatte seine Wohnung in unmittelbarer Nähe des Unglücksortes und rekapituliert heute: „Ich habe hautnah die merkwürdige Spaltung erfahren, mit der man als Bewohner einerseits und in den Medien andererseits so etwas erlebt. In den Medien schien das Ereignis heftiger, kräftiger, scheinbar sogar echter zu sein. Ihre Rolle stellt für mich heute das größte Problem dar: Diese ständige tagelange Wiederholung derselben Bilder, diese Stimmen der Reporter, die etwas lauter sind als sonst, obwohl sie nicht mehr zu berichten haben als eine Viertelstunde zuvor, dieses dauernde Bombardement mit medial aufbereiteten Facts. Wer nahe einem Crash war, der weiß, dass das alles nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hat, und hier haben wir wieder diese Leere, von der ich vorhin gesprochen habe.“

Macht, so Lootsma, würde ihre Kraft auf subtilen Wegen entfalten und sei heute nicht mehr so leicht greifbar wie in der Vergangenheit: „Die symbolische Gestaltung der Macht stimmt nicht mehr mit der Art und Weise überein, wie sie tatsächlich ausgeübt wird, nämlich über Medien, Werbung, Gesetze und Regeln.“ Seien die geschrieben oder ungeschrieben. „Es ist nicht mehr so klar zu sagen, wer sie ausübt, und dann wird es sofort schwierig, dem symbolisch Ausdruck zu geben.“ So gesehen folgt ein Erdölkonzern wie Petronas eigentlich einem sehr altmodischen, gleichwohl wirkungsvollem Muster der Repräsentationsgebärde, wenn es einen „von einem italienischen Amerikaner islamitisch dekorierten“ Doppelwolkenkratzer in Malaysia ohne ökonomischen Zwang wie Hochhausbauer in Hongkong, Tokio, Manhattan, die aus teuren Baugründen möglichst hohes Kapital in Form möglichst hoher Gebäude schlagen müssen, auf die - noch leere - grüne Wiese stellt.

In den 70er-Jahren etwa versuchte man in Europa eine aufgeklärte Demokratie auch über Gebäude darzustellen. Eines der Beispiele dafür steht in Form eines Bürogebäudes in Apeldoorn, heißt Central Beheer und wurde von seinem Architekten Hermann Herzberger im Sinne einer offenen Gesellschaft mit vielen Aus- und Eingängen versehen. Lootsma: „Diese Eingänge sind heute alle zugemacht - alle, bis auf einen, der kontrolliert werden kann. Der Versuch, offene Strukturen aufzubauen, ist damit gescheitert. Überhaupt ist das Thema Sicherheit und Überwachung zu einem zentralen Thema der Architektur geworden. Einerseits glauben wir alle, in offenen Demokratien zu leben, andererseits bedienen wir uns unglaublicher Sicherheitsstandards, die die Organisation und damit die Form der Gebäude stark beeinflussen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob man Gebäude immer noch demokratisch aussehen lassen soll, obwohl sie es eigentlich tatsächlich gar nicht mehr sind“.

In der alltäglichen, gebauten Umwelt schlägt sich der architektonische Ausdruck von Macht vor allem in Details nieder. In der einerseits überwachbaren, andererseits gleichmachenden Großraumbüroboxenkultur etwa, in der einschüchternden Foyerinszenierung wichtiger Konzerne oder in der überaus aufwendig gewordenen Gestaltung der Sicherheitszonen von Flughäfen. Dort lässt sich sofort klar ablesen, wer wo durchgeschleust wird, wer kraft seiner Destination die Berechtigung hat, Duty-free einzukaufen, und wer von diesen Zonen steuerermäßigten Konsums ein paar Meter weiter ausgesperrt bleibt. „Man sieht auch daran, wie Macht ausgeübt wird, und eigentlich ist das peinlich. Man gibt vor, demokratisch zu bauen, und dann wird ständig etwas davon weggenommen, werden Zäune und Barrieren eingefügt.“

Dass die Architektur der Macht auch in der Vergangenheit keineswegs immer als ein kräftiges, außenwirksames Signal auftrat, das zeigt die Architekturmaschinerie des Dritten Reichs sehr deutlich. Obwohl hier gedanklich stets die monumentalen Repräsentationsbauten Albert Speers die Hauptrolle übernehmen, solle man sich, so Lootsma, genauer überlegen, welche Gebäude die Macht der NS-Zeit am besten verkörperten - und das seien die, keineswegs monumentalen, Konzentrationslager. „Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen der Repräsentation von Macht und der Art und Weise, wie die Macht tatsächlich ausgeübt wird“.

Die momentane Hysterie derjenigen, die nach dem Attentat auf das World Trade Center plötzlich den gesamten Hochhausbau infrage gestellt sehen wollen, kann Lootsma nicht verstehen. „Wir werden selbstverständlich auch weiterhin Wolkenkratzer errichten, ganz einfach, weil wir mit Grund und Boden äußerst sparsam umgehen müssen. Die Hälfte der Menschheit wohnt heute mittlerweile in Städten, und die breiten sich ständig aus.“

Wer heute eine Volkswirtschaft wirklich lahm legen wolle, der müsse, so Lootsma, in ein so genanntes Serverhotel krachen. Serverhotels sind jene riesigen bunkerartigen Bauten, in denen die lebenswichtigen Schnittstellen kommerzieller und privater Computernetze untergebracht sind. Sie sind meistens unauffällig, mitunter sogar getarnt, werden geheim gehalten und sind nichts anderes als versteckte Zeichen neuer Mächte, die sich optisch, geographisch nicht deklarieren wollen. Und auch hier bedient sich die Macht wieder einer, diesmal architektonischen, Leere.

15. September 2001 Der Standard

Gegen die optische Verwüstung unserer Umwelt

Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au, Dekan an der Angewandten, sieht ein verändertes Rollenbild des Architekten heraufdämmern. Damit das Licht der Profession nicht ausgehe, hat er eine Reihe internationaler Architekturleuchten als Post-Graduate-Lehrer nach Wien geholt.

ALBUM: Entspricht die Architekturausbildung in Österreich internationalen Standards?

Wolf D. Prix: Man kann immer wieder hören, dass es in Österreich zu viele Architekturschulen gibt. Ich denke das auch. Zu viele Architekturstudenten lernen schlecht betreut an unmöglichen Orten einer ungewissen Zukunft entgegen.

Sie selbst lehren Architektur an der Universität für angewandte Kunst, trifft diese Aussage auch dort zu?

Prix: Die beiden Akademien in Wien sind dazu geeignet, the best of the best auszubilden, was an der Struktur der Betreuung liegt. Wie die hochqualifizierten amerikanischen Schulen haben wir die Möglichkeit, nur die besten Studenten aufzunehmen, was die Massenuniversitäten nicht können. Heuer führen wir erstmals ein hochbetreutes Post-Graduate-Studium ein, das eine strategische Architekturausbildung beinhaltet, über vier Semester läuft und ein intensives Lehrangebot zu den verschiedensten Themen bietet.

Wie etwa?

Prix: Urbane Strategien: Privater und öffentlicher Raum, das sind Felder, die neu zu definieren sind.

Warum bekommen Studenten diese Ausbildung nicht schon während ihrer Studienzeit angeboten?

Prix: Gesetzliche Regelungen schreiben gewisse Lehrinhalte in festgesetzter Zeit vor, und in diesem knappen Zeitraum können zusätzliche Überlegungen nicht angestellt werden. Daher müssen wir neue Zeiträume schaffen, in der internationale Gäste theoretische und technische Kurse betreuen, mit den Studenten in Diskurs treten. Ich glaube auch, dass die intensive Erfahrungsvermittlung in kleinen Gruppen die Zukunft ist.

Sie sprechen im Zusammenhang mit Ausbildung immer wieder über ein sich änderndes Rollenbild in der Architektur. Können Sie diese Aussage präzisieren?

Prix: Das Bild verändert sich entscheidend in zwei divergierende Richtungen. Es wird in der Zukunft Investorenarchitekten geben, die eigentlich nur noch Facility-Manager oder Stimmungsbildmaler sind und unsere Umwelt dementsprechend optisch verwüsten. Und es wird den Architekten geben, der landläufig als Stararchitekt bezeichnet wird und als Einziger die Chance hat, in das Baugeschehen strategisch verändernd einzugreifen.

Inwieweit werden diese „Stars“ den Architekturdiskurs überhaupt beeinflussen können?

Prix: Nur punktuell. Aber strategisches und konzeptuelles Denken fördert das frühzeitigen Erkennen von Trends und beeinflusst damit die Diskussion. Vor allem die Schulen werden reagieren müssen. Die Ausbildung muss jene Architekturcluster fördern, die später weite Felder aufmachen können.

Sollte sich eine solche Unterstützung nicht auch abseits der Universitäten abspielen? Das heißt, bräuchte das Land und seine Architektur nicht so etwas wie unvoreingenommene professionelle Architekturvermittler?

Prix: Schauen Sie nach Holland. Die jungen Architekten dort - Rem Koolhaas vor allem, Nox, van Berkel, MVRDV und viele andere - wurden gezielt aufgebaut. Die mischen jetzt bei so gut wie jedem internationalen Wettbewerb mit. Das funktionierte deshalb, weil die Holländer ihre Eigenart erkannt, ihr calvinistisches Denken in Diagramme übertragen und zum Markenzeichen gemacht haben.

Die niederländische Architektur wird international derzeit heftig kopiert, könnte es im Dienste der Architekturvielfalt nicht auch einen Gegenschlag dazu geben?

Prix: Die österreichische Architektur wäre schlecht beraten, einem Trend wie dem holländischen hinterherzulaufen. Sie sollte sich lieber auf ihre spezifische Qualität konzentrieren, und die ist das Zelebrieren des Raumes. Günther Domenig, Hans Hollein, Raimund Abraham und nicht zuletzt wir sind Vertreter dieser Richtung. Aber auch eine Menge junger Leute wie etwa next enterprise, Fuchs, Stattmann und Harnoncourt, ESCAPE*spHERE, oder aus der mittleren Generation Artec und Pauhof sind räumlich hochtalentiert. Das ist der Unterschied zu Holland: Die Holländer zählen die Gulden, wir zählen die Raumsequenzen.

Die Niederländer fahren aber auftragsmäßig nicht schlecht mit ihrer Guldenzählerei und haben die bekannteren Leute.

Prix: Dennoch hat unsere Architektur den weit höheren Anspruch. Es ist lächerlich, über Diagramme zu diskutieren, während der Trend schon eindeutig zu hybriden Strukturen geht. Wir müssen unsere jungen Architekten wieder anregen, stärker über ihr eigenes Talent nachzudenken, aber leider bekommen sie momentan keinen oder wenig theoretischen Hintergrund geliefert, und es gibt keine profunde Auseinandersetzung über Architektur, was eigentlich auch Aufgabe der Architekturkritik wäre. Das ist also eine Aufforderung an die Theoretiker und Protagonisten der Architektur, sich endlich darüber klar werden, wo die Stärken der österreichischen Architektur liegen, anstatt abgedroschenen minimalistischen Trends hinterherzulaufen. Das heißt nicht, dass alles über einen Leisten gebogen wer- den muss, denn eine ordentliche Bandbreite ist nicht nur gut, sondern ohnehin jetzt schon in unserem Land vorhanden.

Fühlen Sie sich und die Richtung der Architektur, die Coop Himmelb(l)au vertritt, hierzulande vernachlässigt?

Prix: Natürlich nicht. Aber es ist durchaus eine österreichische Taktik, sich gegenseitig eher auszuschließen, statt synergetisch miteinander umzugehen. Das ist auch der Grund, warum es an großzügigen Konzepten im städtebaulichen Maßstab fehlt.

Sprechen Sie damit das Talent an, gute Einzelprojekte da und dort nicht sinnvoll miteinander verknüpfen zu können?

Prix: Klar. Man hat zum Beispiel nicht erkannt - aus welchem Grund auch immer -, dass die beiden großen Wiener Projekte Gasometer und Museumsquartier - wie auch immer man dazu steht - einen synergetischen Effekt hätten erzeugen können, der Wien weit über die Grenzen hinaus auf eine andere Ebene gebracht hätte. Diese Diskussion hätte auf städtebaulicher Ebene geführt werden müssen, doch so etwas tut man hierzulande nicht, was ich für absolut idiotisch halte.

Wer steuert diese Denkart?

Prix: Das Ausschließlichkeitsprinzip hat Tradition. Es geht von den Schulen aus und von den Kritikern, die nie über den eigenen Schatten gesprungen sind und daher die Eigenart der österreichischen Architekturentwicklungen nie erkannt haben.

Über die so genannte Neue Sachlichkeit, die einige prominente österreichische Vertreter aufweisen kann, wird doch sehr wohl sehr viel geschrieben?

Prix: Die neue Sachlichkeit ist ja nichts Neues. Die Spanier kultivieren sie schon seit 15 Jahren, die Schweizer seit Herzog & de Meuron, also seit zehn Jahren, die Holländer seit Rem Koolhaas. Achtung. Der kopiert neuerdings Marcel Breuer. Die österreichische Stärke ist vielmehr das komplexe Denken, doch wird das hier weder praktisch noch theoretisch diskutiert.

Wo sind Ihrer Meinung nach die tonangebenden internationalen Theorieschulen?

Prix: In Amerika, denn dort hat es Tradition, dass die Kunsthistorikerausbildung weitläufiger ist. Das Denken erfolgt konzeptueller und verknüpft verschiedenste Ebenen. Kritiker und Theoretiker sind dort - mit einem Wort - allgemeingebildeter als bei uns. Die Schulen, an denen sie lehren, haben entsprechend große internationale Ausstrahlungskraft.

Einige dieser Theoretiker konnten Sie nun ja für die Architekturstudenten der Angewandten verpflichten.

Prix: Ja, denn ich halte es als Dekan einer Schule nicht für sinnvoll, einen provinziellen Justamentstandpunkt zu vertreten und zu sagen: Wir sind die Größten. Wir müssen uns mit globalem Wissen vernetzen. Die österreichische Architektur muss schlagkräftiger werden, allerdings darf man nicht in Vorarlberg die Spitze des Berges sehen. Hybride Architektur, neue Entwurfstheorien und innovative Ausführung sind die Zukunft der Architektur, und es wäre Wahnsinn, wenn unsere jungen Architekten nicht aufgefordert werden, sich intensiv und vor allem international damit auseinander zu setzen.

Wie soll diese Intensivierung erfolgen?

Prix: Architektur kann nicht mehr an Massenuniversitäten unterrichtet werden. Ich glaube auch, dass dieses sich ändernde Rollenbild der Architekten eindringlich vermittelt werden muss und dass die Schulen ihre Auseinandersetzung mit der Realität neu definieren sollten.

14. September 2001 Der Standard

Hollywoodrosa Malewitschschwarz

Eine Ode an die Farbe in Design und Architektur von Koolhaas, Foster und Mendini

Die Moderne, so die landläufige Meinung, habe in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Farbe von der Architektur wegradiert. Weiß mussten die Häuser fürderhin sein, auf dass, wie Le Corbusier es so gerne sah, die hell-farblosen Gebäude vom Spiel des Lichtes und des Schattens erst schön herausmodeliert würden.

Diese These, das erlauben wir uns an dieser Stelle anzumerken, stimmt nicht. Diverse Moderne-Architekten und Designer haben, oft in Zusammenarbeit mit Künstlern aller Art, gar kräftig in Farbtöpfen herumgerührt und Wände, Tische, Treppen, Sitzgelegenheiten knallbunt angemalt. Und auch Le Corbusier hat sich intensiv mit Farben beschäftigt und ganze Abhandlungen darüber geschrieben. Doch bunt ist nicht bunt, und wer sich an die Farbe in Design und Architektur heranwagt, der braucht Mut, denn an Farben scheitert es sich leichter als am neutralen Weiß. Der Umgang mit Farbe und Raum ist eine Kunst, die die Beachtung komplizierter Gesetzmäßigkeiten einfordert.

Was sich heutzutage an Farben „zwischen Oberfläche und Raum“ so abspielen kann, beschreibt ein aktuelles Buch mit Titel „Colours“. Die drei Designer und Architekten Rem Koolhaas, Norman Foster und Alessandro Mendini, alle international mit ihren Arbeiten durchaus farbkräftig unterwegs, um nicht zu sagen tonangebend, geben darin ihre persönlichen Ansichten zum Thema Farbe zum Besten. Untermalt werden die - durchwegs ziemlich kurzen - Statements von einer Fülle Architektur- und Designbeispielen.

Koolhaas lässt gleich alle seine Mitarbeiter ihre Lieblingsfarben samt entsprechenden Exempeln ausbreiten und verkündet: „Die Zukunft der Farbe schaut strahlend aus.“ In seinem OMA-Büro spricht man denn auch von Farben als „Typischer Travertin“ (ein Beige), „Meniskus“ (ein dunkles Himmelblau) oder „Post-It-Gelb/extra frisch“ (Post-It-Gelb, nur ein bisschen heller). Der Brite Norman Foster geht es etwas cooler an, er listet einfach seine eigenen farbigen Architekturen auf: Grau und Rot für den HKSB-Sitz in Hong Kong, Weiß und Gelb für die Kommerzbank in Frankfurt. Und der Italiener Alessandro Mendini veranschaulicht verspielt seine liebsten Bunttöne anhand verschiedenster Gegen- und Zustände, Malereien, Landschaften, Lichtstimmungen, von Pompeisch-Rot bis Hollywood-Rosa.

Der König der Farben bleibt für Mendini gewissermaßen das Malewitsch-Schwarz, das, physikalisch betrachtet eh schon wissen, keine Farbe, sondern die Absenz derselben ist, was dem Betrachter aber egal sein kann. Mendini verbeugt sich vor der Schwärze, denn: „Schwarz muss respektiert werden. Nichts kann es korrumpieren. Es schmeichelt nicht dem Auge, und es erweckt kein Gefühl der Sinnlichkeit. Es ist viel eher ein Agent des Geistes als die lieblichen Farbtöne auf der Palette oder jene des Prismas.“

So gesehen hätte Le Corbusier seine hervorragenden Villen eigentlich zur Probe einmal schwarz anpinseln müssen. Kollegen wie Bruno Taut wagten Experimente mit ihren eigenen Wohnhäusern, und Vertreter von Bauhaus und De Stijl gaben es ebenfalls mitunter ziemlich bunt. Nur ein eindeutiger Farbhasser ist überliefert: Vitruv. Der lästerte seinerzeit immer wieder über die Monstrositäten der Farbgebung seiner römischen Zeitgenossen. Aber das ist schon lange her.


[Colours, Verlag Birkhäuser, öS 759 / EURO 55,2 ]

25. August 2001 Der Standard

Welzenbachertrara

Wie man in einem Wettbewerb siegt, aber nicht gewinnt.

Vergangene Woche berichtete das ALBUM über die Rettung einer Architekturperle in Hall in Tirol. Dort werden die Architekten Marta Schreieck und Dieter Henke das Turmhotel Seber (*) von Österreich-Moderne-Urahn Lois Welzenbacher aus dem Jahr 1931 nach Maßgabe in seinen eleganten, derzeit kaum noch zu erahnenden Originalzustand rückführen und mittels eines zweiten Turmes sowie anderer notwendiger Zubauten zu einem modernen Kongresshotel aufwerten.

Die Initiative Welzenbacher - eine Chance für Hall in Tirol hatte die Rettung des alten Hauses dank mehrjähriger Aktionen und intensiver Bemühungen, alle waltenden Kräfte zusammenzubringen, zustande gebracht. Was aus den Unterlagen, die sie dem STANDARD betreff den Welzenbacher-Wettbewerb zur Verfügung stellten, leider nicht hervorging, ist der Umstand, dass ihn eigentlich ein anderer gewonnen hat, und zwar der Architekt Gerold Wiederin. Er konnte mit seinem Projekt im Mai sowohl die Architektenjuroren als auch die Vertreter der Stadt Hall überzeugen und räumte den ersten Preis einstimmig ab. Wiederins Hotelarchitekturen wurden jedoch - ebenfalls geschlossen - zu einer Nachbearbeitung empfohlen.

Die Phase der sogenannten Nachbearbeitung eines Wettbewerbs ist natürlich sinnvoll, zugleich aber auch ausgesprochen gefährlich und heikel. Leicht fallen ihr ganze Projekte aufgrund gezielter Verstümmelungsmaßnahmen der Auftraggeber zum Opfer, und, wo solches architektenseits verhindert werden will, zerkrachen die gerade erst aufgenommenen Beziehungen zwischen Bauherren und Architekten gleich wieder. Sehr schwierig, sehr kompliziert, sehr abhängig von den Temperamenten auf beiden Seiten.

Gerold Wiederin und die Stadt Hall konnten zueinander jedenfalls auch nach sechswöchiger Frist und mehreren Überarbeitungen nicht finden, weshalb die Stadtväter schließlich dem zuvor zweitgereihten Projekt von Henke & Schreieck den Vorzug gaben. Da die beiden anständige Architektenkollegen sind, verlangten sie, dass die Jury nochmals einberufen werde. Die trat zähneknirschend unter ihrem Vorsitzenden, dem Schweizer Architekten Quintus Miller, zusammen, befand mit vier gegen drei Stimmen, dass die Überarbeitung nicht ausreichend und überzeugend ausgefallen sei. Sie empfahl jedoch auch nicht explizit die Realisierung des zweiten Preises, weil die Haller Henke & Schreieck von sich aus und ohne Jurybeschluss zur Überarbeitung gebeten hatten, was nicht gerade zum guten Bauherrenton gehört.

Quintus Miller denkt sich jedenfalls sein Teil. Der Schweizer meint: „Darüber war ich nicht erstaunt, sondern erzürnt, denn diese Vorgangsweise war nicht gemäß unserer Abmachung. Was die Stadt Hall tut, bleibt ihr überlassen, aber es ist sehr ärgerlich und unverständlich. Da kamen ganz unterschiedliche Haltungen zu Architektur und Städtebau zum Ausdruck, und vor allem die Politik, die eben ihre eigenen Wege geht. In dieser unoffenen Art habe ich das als praktizierender Architekt anderswo allerdings noch nie erlebt.“

Ob er als Schweizer künftig Architekturwettbewerbe in Österreich - sei es als Juror oder als Teilnehmer - meiden will? Miller: „Ja, ich würde mich zuvor jedenfalls sehr genau informieren und eine Teilnahme von den Bedingungen, den Fachjuroren, dem Umfeld, abhängig machen. Die Bauherrenschaft muss sich, wie das andernorts üblich ist, verpflichten, das Wettbewerbsresultat anzuerkennen und umzusetzen und die Sache nicht dem politischen Geschmack überlassen. Die Grundlage eines guten Wettbewerbswesens ist die korrekte, für Architekten kalkulierbare Abwicklung des Verfahrens. Der politische Wind hingegen ist etwas nicht kalkulierbares.“

25. August 2001 Der Standard

Kathedralische Sehnsuchtsobjekte

Alpbach revisited: Von Architekten, Verbrechern und anderen Schlingeln

Das Schöne an den Alpbacher Architekturgesprächen - wie bereits vermeldet waren sie die ersten in der Alpendorfgeschichte - war vor allem die Durchmischung der Disziplinen, eine Tugend, die gute Architektur naturgemäß in hohem Maße verkörpert. Das zu vermitteln ist verflixt schwierig, die Architekten bringen es jedenfalls zur Zeit nicht so recht zusammen, weshalb sie häufig unschuldig gescholten werden, und so kam es vor, dass sie sogar in Alpbachs Intellektuellenhallen publikumsseits als Verbrecher bezeichnet wurden. Wie dumm und kurzsichtig.

Adolf Holl kennt sich mit Verbrechern aus, schließlich ist er Theologe. Er war als einer dieser außerdisziplinären Gäste zum Vortrag geladen. Seine „Erinnerung an eine Architektur der Extravaganz, der Verschwendung und Großzügigkeit“ sah allerdings die Missetäter eher auf der anderen Seite, und zwar auf jener der Bauherren. Holls Architektur der Extravaganz steigt dem Betrachter in Form von Kathedralen zu Gemüte, es sind die Gotteshäuser aller Art, die Gläubige und Ungläubige gleichermaßen seit Jahrhunderten weihevoll zu durchschauern vermögen.

Ja, solche Sachen müsste man heute noch zustande bringen, raunten Teile des Publikums in Verklärung, und stellten zum siebenhundertfünfundachtzigmilliardsten Mal die vorwurfsvolle Frage, warum zeitgenössische Architekten derartige Stimmungsbomben nicht zustandebrächten.

Die Antwort liegt auf der Hand: Weil heute keine gesamten Volkswirtschaften hinter Projekten wie diesen stehen, schlicht, weil es - zum Glück für alle Nichtkathedralenbewohner - hierzulande keine Bauherren dieser Art mehr gibt. Für die Verschandelung der Gegend, die man ausschließlich den Architekten anlastet, braucht es erst einmal diejenigen, die den Unsinn in Auftrag geben. Vielleicht sind die Missetäter dort zu suchen.

20. August 2001 Der Standard

Die Lösung ist: Es gibt keine

Die Alpbacher Architekturreferenten zerstreuten sich auf der Suche nach dem Letztgültigen

Alpbach - Rund um Alpbach weiden Kühe, drinnen in Alpbach steht ein Holzstadel, in dem kann rund um die Uhr die Milch abgeholt werden. Die Kühe sind echt, die Milch ist echt, und die Architektur des Stadels ist auch echt. Sie steht jedenfalls da, hineingezimmert in ein Dorf, in dem alles so geputzt und auf älplerisch gemacht ist, dass das Neue wie alt und das Alte wie neu ausschaut. Aber ist er, als Architektur, wirklich echt, der Stadel? Oder ist er nur dann echt, wenn er wirklich alt ist, obwohl er ausschaut wie neu?

Letztlich pendelten die Diskussionen über Architektur, mit denen das Europäische Forum Alpbach heuer eröffnet wurde, zwei Tage lang zwischen Polen wie diesen hin und her: Zwischen Alt und Neu, zwischen Gut und Böse, zwischen Kommerz und Kultur, zwischen Investorenbrutalität und Architektenengagement. Die reine Lehre wurde nicht gefunden, weil es sie nicht gibt. Fein war aber mitanzuschauen, wie jeder einzelne Referent (dazwischen mit Ulrike Lauber eine einsame Referentin) in ihren architektonischen Weltformeln so lange alle lästigen Variablen eliminierten, bis in sich logische Konstrukte stehen blieben, was auch eine Kunst für sich ist.

Gekonnt bewies etwa Kari Jormakka (von der TU Wien) anhand schlüssiger rhetorischer Schlenker, dass die Architektur eine keineswegs langsamere Disziplin sei als etwa der Journalismus oder die Popmusik. Ebenso tadellos wies TU-Kollege Manfred Wolff-Plottegg den überwältigenden Einfluss des Prozesses auf das damit erzielte Ergebnis nach, und während alle völlig Recht haben, wird in einem Stadel ein paar Häuser weiter Milch verkauft, von dem keiner mit Recht behaupten kann, er sei echt oder falsch.

Wie die Prozesse des Bauens und Städtemachens ablaufen, und wie sie sich in zunehmendem Maße in beängstigende Richtungen bewegen, lässt sich hingegen klar definieren.


Die Männer der Tat

Ob Politik oder Investorentum die Metropolen von morgen formen werden, darüber unterhielten sich Stadtplaner - wie Jörn Walter (Hamburg), Dietrich Henckel und Dieter Hoffmann-Axthelm (beide Berlin). Diese Männer der Tat kamen zwei Stunden lang vorzüglich ohne das Wort „Architekt“ oder „Architektin“ aus, der Begriff Architektur fiel zumindest ein einziges Mal, und zwar in Zusammenhang mit Kostensteigerung infolge Architekturstarbeschäftigung.

Hier, ganz genau an dieser bröckeligen Stelle zwischen Stadt, Investor und Architekt, beginnt es wirklich spannend zu werden, denn die Architektenbranche nimmt in naher Zukunft entweder ein Ende oder einen neuen Anfang. Wollen sich die Architekten sowohl kommerziell als auch mit ihrem gestalterischen Können künftig einmischen, dann müssen sie sich aggressiver, aktiver neu positionieren und sich den rasant ändernden Rahmenbedingungen mit Schläue anpassen.

„Die Branche, die das nicht zusammenbringt“, behauptete Marktforscher Christian Hehenberger (Pregarten), „die wird ziemlich alt aussehen.“

Wenn die Alpbacher Architekturgespräche des kommenden Jahres Beton in diese geborstenen Beziehungen zwischen den Planern und dem Rest der Welt gießen wollten, so wäre das ziemlich begrüßenswert.

Darüber, ob der Stadel echt oder falsch ist, kann man ja später weiterstreiten.

18. August 2001 Der Standard

Architekturgekräusel auf den Oberflächen

Das Forum Alpbach startete mit Architekturgesprächen

Alpbach - Alpbach, das liebliche Nest, ist wie jedes Jahr mit seinem Europäischen Forum über uns gekommen, man hat den Start am Freitag mit Architekturgesprächen genommen. Das Thema steht erstmals in der Geschichte des Forums auf dem Programm, die ganz tollen Superstars unter den Referenten (wie die angekündigten Zaha Hadid, Peter Eisenman, Wolf D. Prix) sind - heuer noch - ausgeblieben, der Publikumsandrang ist nicht berauschend, aber zumindest süffig.

Der erste der beiden Architekturtage warf mehr Fragen als Antworten ins Auditorium, die gekonntesten kamen dabei nicht von Architekten, sondern vom Philosophen Rudolf Burger. Er moderierte die erste Runde und stellte nach ein paar lässigen Jongleursübungen mit Zitaten Nietzsches und anderen Kollegen Venturis architektonische Frage nach Unterkunft und Dekoration: Inwieweit ist die Architektur die Fassade der gesellschaftlichen Moderne? Und wie tief reicht dieses „Gekräusel auf den Oberflächen“ unter dieselbe?

Georg Franck von der TU Wien strapazierte, weil es so am einfachsten funktioniert, die vermeintlichen Gegensätze Erlebnisarchitektur (Gehry & Co) und neue Sachlichkeit (Zumthor & Co), doch seine Plauderei über Eventkultur und die daraus folgenden Baukonstrukte, vom McDonald's-Häusl bis zum Guggenheim Bilbao, blieben ihrerseits Oberfläche und konnten bis zu den Fundamenten des Architekturgeschehens nicht durchdringen.

Straff und knapp grub Bau- manager Jürgen Ehrlich tiefer, indem er Funktion und Struktur der Deutschen Immobilien Fonds AG bloßlegte: „Für uns zählen Architektur und Wirtschaftlichkeit, Spleenigkeiten und Verrücktheiten können wir nicht beachten. Die Immobilie als Ware.“ Auch eine Sicht der Dinge, und, mit guten Architekten gut angepackt, nicht die dümmste.

Doch diese Konstellation, konterte Ulrike Lauber, sei selten anzutreffen. Die deutsche Architektin geißelte sodann den mittlerweile weltumspannenden Architekturstarterror samt Epigonen und rief auf, sich der Qualitäten sorgfältiger Ortsansässiger zu bedienen, denn: „Die Gehrysierung der Provinz wird schrecklich werden.“

18. August 2001 Der Standard

Ohne Titel

Der famose und unbedingt empfehlenswerte amerikanisch-britische Reiseautor Bill Bryson beschreibt eine seiner Begegnungen mit einer jener Durchschnittshotelgrauenhaftigkeiten, wie sie heute überall am Rande idyllischer Buchten und Städte zu hocken pflegen - in diesem Fall im schönen Südstaatenstädtchen Savannah - folgendermaßen: „Ein bedrückender Anblick. Bei dem massiven Betonklotz handelte es sich um ein Produkt jener architektonischen Schule, deren Baumeister nach dem Grundsatz Leckt-mich-doch-alle-am-Arsch die Landschaft verschandeln. Nichts an diesem Bau, weder seine Größe noch sein Erscheinungsbild, passte sich in irgend einer Weise den alten Gebäuden seiner Nachbarschaft an. Der ganze Bau schien sagen zu wollen: ,Du kannst mich mal, Savannah.'“

Savannah ist mittlerweile überall, wo sich Touristen hin verirren, und die Tradition, Liebe, Kultur, Muße und Geschmack - jawohl, Geschmack - in neue Hotelarchitekturen fließen zu lassen, tröpfelt eher spärlich in das alles verschlingende Meer der Hyatt Regencys, Intercontinentals und Holiday Inns. Umso erfreulicher ist die Botschaft, die zu berichten wir an dieser Stelle nun das Vergnügen haben: Heimlich und nur von architektonischen Insidern als solche erkannt, hat eine angetagte und entsprechend nur mehr matt schimmernde Hotelperle in Hall in Tirol die Zeiten von 1931 bis heute überdauert. Das Warten hat sich ausgezahlt, der vormals ausnehmend elegante, von diversen Um- und Zubauten allerdings etwas ramponierte Bau von Lois Welzenbacher wird demnächst restauriert, erweitert, neu belebt. Er wird, wohlgemerkt, nicht weggerissen und durch einen Standardklotz ersetzt, sondern gerettet und zu altem Glanze aufpoliert.

Zu verdanken ist das natürlich keiner internationalen Hotel-, sondern einer kleinen Architektengruppe, die das abgewrackte einstige Kurflaggschiff der Region dauerte, weshalb Unterschriften und Unterstützungsschreiben gesammelt, Ausstellungen, Homepages und Kongresse zum Thema organisiert wurden, so lange, bis etwas erreicht war, was in der Architektur so selten ist wie ein geschmackvolles Bild an einer Hilton-Hotelzimmerwand: Konsens.

Mittels eines Architekturwettbewerbes (DER STANDARD hat über die Vorgeschichte berichtet) entschied man schließlich diese Woche, dass das in Wien ansässige Tiroler Architektenteam Marta Schreieck und Dieter Henke den Welzenbacher-Komplex zu einer Vier-Sterne-Seminarhotel-Anlage umbauen werden: „Die ursprüngliche räumliche Konzeption des Parkhotels wird durch den Abbruch aller Zu- und Einbauten annähernd in den Originalzustand versetzt. Dem bestehenden Turmhotel wird ein zweiter kreisrunder Solitärkörper hinzugefügt. Das neue Gebäude ist auf Grund seiner Geometrie und seiner architektonischen Gestaltung als Gesamtform lesbar, wodurch die sensible Gliederung des von Welzenbacher gebauten Hotels nicht gestört, sondern vielmehr verstärkt bewusst gemacht wird.“

Lois Welzenbacher (1889 - 1955) verkörperte seinerzeit das Gegenteil der forschen Leckt-mich-und-so-weiter-Architekturmentalität, die Bill Bryson angesichts der unsensiblen Blockherbergen anprangert. Der Tiroler inhalierte quasi das räumliche Umfeld seiner Baustellen und komponierte zu den natürlichen Umgebungsharmonien seine eigene Architekturmusik dazu. Er verwob dabei Bodenständiges mit den klaren Klängen der Moderne und spielte sich damit in die allererste Architektenliga, die im Österreich des vergangenen Jahrhunderts den Ton angab. Nur wenige, viel zu wenige seiner Bauten sind erhalten. Das ehemalige Turmhotel der Familie Seeber, seit etwa vier Jahren im Besitz der Stadt Hall, kann, wenn man jetzt auch seinen neuen Architekten die nötige Kompositionsfreiheit lässt, ein aufregender Wohlklang aus Alt und Neu werden. Die Stadt Hall und ihr Bürgermeister Leo Vonmetz darf sich eines Architekturjuwels rühmen, die Architektengruppe, die sich so engagiert hat, verdient den entsprechenden Architekturorden.

1999 hatte sich die Initiative Lois Welzenbacher - Eine Chance für Hall in Tirol formiert, die Gründer waren Feria Gharakhanzdaeh, Inge Andritz und Bruno Sandbichler. Ihre Bemühungen wurden vom Architektur Zentrum Wien (www.azw.at), nextroom - architektur im netz (www.nextroom.at) sowie silverserver (www.sil.at) unterstützt. Auf der Homepage der Initiative, anzusurfen unter http://welzenbacher.sil.at, wird man nicht nur über die Aktion und ihre zahlreichen Unterstützer informiert, man kann auch historische Aufnahmen des Hotels besichtigen und über die Person des Architekten Welzenbacher sowie seinen Einfluss nachlesen. „Je stärker der Pulsschlag einer Zeit ist, umso stärker macht sich sein Pochen beim Schaffen geltend“, hatte er seinerzeit niedergeschrieben: „Starke Individuen bilden starke Werke, gehen eigene Wege, drücken ihren Erzeugnissen unverkennbar den Stempel einer persönlichen Eigenart auf.“ Die riesigen Kommerzhotelkisten, die mit ihrer persönlichen Eigenart das Grauens ihrerseits in die Landschaft stempeln, werden mit dem neuen Welzenbacher-Henke&Schreieck-Seminarhotel in Hall eine feine Konkurrenz bekommen.

8. August 2001 Der Standard

Alles nur Fassade

Leistungsschau: Architektur in Berlin 2001

Wien - Die Berliner Architektenkammer hat heuer zum dritten Mal eine Leistungsschau organisiert, und diese „relevante Auswahl aktueller Arbeiten zur Stadtplanung, Architektur, Garten- und Innenraumplanung“ ist in Form einer Ausstellung ab heute auch in der Wiener Planungswerkstatt zu sehen.

51 Arbeiten wurden von einer Jury ausgewählt, und dass die Berliner Architektur derzeit nicht eben zu Höhenflügen ansetzt, kann an den Projekten ab- und im Katalog zur Schau nachgelesen werden. Jurymitglied Heinrich Moldenschardt, Architekt und Architekturprofessor, äußert sich im Bericht des Auswahlgremiums ausgesprochen kritisch über die Kollegenschaft sowie über die Rahmenbedingungen, unter denen Architektur in Deutschlands Hauptstadt entsteht.

Der Soziale Wohnbau existiere fast nur „als Gegenstand von Fassadensanierung“, die Innovationen der neuen Vorstadtsiedlungen manifestiere sich zumeist „in neuen städtebaulichen Mängeln“, ehrgeizigen Schulprojekten scheine „ein eigenes Einzugsgebiet abhanden gekommen zu sein“ und durch „städtebaulich verständnislose Planungen“ wie jene der Wasserstadt Spandau würde „kaum jemals Urbanität durch Dichte, durchaus aber höherer Bodenwert entstehen“.

Die besten neuen Häuser Berlins sind die privaten, die meisten größeren Komplexe verströmen den Totengeruch der Investorenstrenge. Das sei symptomatisch für den aktuellen Aufgabenbereich, merkt Moldenschardt an: „Zahlreiche ansehnliche bis luxuriöse Einfamilienhäuser belegten den fortschreitenden gesellschaftlichen Umverteilungsprozess ebenso wie die wachsende Stadtflucht.“ Fazit: „In der Innenstadt wird nicht mehr gearbeitet, sondern Dienst geleistet“, und diesen Diensten würden die rechten Formen halt fehlen.


[Architektur in Berlin 2001, Wiener Planungswerkstatt, 1., F.-Schmidt-Platz 9, (01) 408 80 70, bis 14. 9., Eröffnung heute um 17.00.]

4. August 2001 Der Standard

Alpbacharchitektur

Diskussionen über Architektur eröffnen heuer Forum Alpbach

Alpbach - Erstmals in der Geschichte des Europäischen Forum Alpbach, das am 16. August eröffnet wird, steht Architektur auf dem Diskussionsprogramm. Bauen und Städteplanen wird als erster Programmpunkt gefahren, die Idee, der Architektur diesen Stellenwert einzuräumen, stammt von Erhard Busek. Prinzipiell wollen die Veranstalter die Frage nach „Rückbesinnung auf die ganzheitliche Rolle des Architekten“ erörtern. Als Organisatoren treten die Unternehmen D. Swarovski & Co. sowie das Planungsbüro ATP Achammer-Tritthart & Partner auf. Als Sponsoren beteiligen sich neben dem STANDARD die BTV-Bankengruppe, die Ast-Holzmann BauGesmbH, die Isovolta AG sowie die Planung-, Bauleitung-, Projektleitungs-GesmbH von Georg Malojer.

Der Reigen der Referate beginnt am Freitag, die Einstimmung dazu bereits am Donnerstagabend nach der allgemeinen Eröffnung des Forums durch Erhard Busek, John M. Roberts, Franz Hackl sowie Peter Sloterdijk. Die darauf folgende Eröffnungsveranstaltung der Alpbacher Architekturgespräche nennt sich „architects welcome alpbach“ und steigt ab 19 Uhr in der luftigen Höhe des Widersberger Horns, je nach Wetterlage vor oder im Bergrestaurant Hornboden.

An den folgenden zwei Tagen werden ab neun Uhr bis abends verschiedenste Themenkreise durchgekaut: Am Freitag referieren, angeleitet von Rudolf Burger, Jürgen Ehrlich, Georg Franck und Ulrike Lauber über Feststellung oder Frage „der architekt als fassade“. Andreas Braun von Swarovski dirigiert Christian Mikunda, Adolf Holl und Gregory Beck in das „erlebnis architektur“. Manfred Wagner moderiert die Runde „pop(ular)-entertainment als globalisierter nonsens“ mit Querkraft, Christoph Lieben-Seuter und Helmut Rösing. Am Samstag befragt Christoph Achammer Christian Hehenberger, Rudolf Schicker und Franz Meyer über „architektur und eigentum“. STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl geht mit Dieter Hoffmann-Axthelm, Jörn Walter, Joachim Tenkhoff der Frage von „stadtplanung oder immobiliengetriebener eigendynamik“ nach, und schließlich diskutieren Hannes Pfau (UN Studio van Berkel & Bos), Manfred Wolff-Plottegg und Kari Jormakka über die „schnelligkeit der architektur“.
Forum Alpbach/Architekturgespräche, 16.-18. 8.

4. August 2001 Der Standard

Ich, der Unveröffentlichte

Zwei Fotobände zeigen bisher unveröffentlichte Fotografien von Adolf-Loos-Architekturen, die der Radikalo seinerzeit selbst inszeniert hat.

Im Wiener Album Verlag sind gerade zwei Bücher über den Architekten Adolf Loos erschienen, die Freude machen. Loos ist wohl einer der bestdokumentierten und meistpublizierten Baumänner des 20. Jahrhunderts, trotzdem werfen die beiden Bildbände, von Markus Kristan unter den schlichten Titeln „Adolf Loos: Villen“ und „Adolf Loos: Wohnungen“ herausgegeben, neue Lichter auf die Arbeiten des 1870 in Brünn zur Welt gekommenen, 1933 in Wien gestorbenen Architekturradikalos. Denn zu sehen sind hier viele bis dato nicht veröffentlichte Fotografien von noch bestehenden sowie bereits vernichteten Objekten. Loos hat diese Fotoarbeiten oft selbst aktiv mitinszeniert, was den heutigen Betrachter die verschiedenen Wohnlandschaften und Villen gewissermaßen posthum mit den Augen ihres Architekten sehen lässt. Herausgeber Kristan: „In dieser Hinsicht bietet das vorliegende Loos-Buch auch für den Loos-Kenner einige Neuigkeiten oder zumindest - und dies im doppelten Sinn des Wortes - andere Perspektiven.“

Geschossen hat die Fotos um 1930 der Wiener Industrie- und Architekturfotograf Martin Gerlach junior. Er bereitete damals eine große Loos-Monographie zu dessen 60. Geburtstag vor. Die Fotoplatten ruhten neben vielen anderen Zeitdokumenten jahrzehntelang in Gerlachs Privatarchiv, erst Mitte der 90er-Jahre erwarb die Albertina die Glasplatten als Ergänzung zum Loos-Archiv, hier werden sie großteils erstmals öffentlich vorgestellt.

Die Bücher sind nicht allzu fette Fotobände, ergänzt von ebenfalls nicht zu umfangreichen Vorworten sowie ausgewählten Texten des Architekten. Schön gemacht und sehr interessant. Der Steinmetzsohn, der bis 1893 in Dresden Architektur studiert und bereits mit seiner ersten größeren Arbeit, dem kargen Wiener Café Museum, einen kollektiven Aufschrei des Entsetzens in der schnörkelgewohnten Gesellschaft verursacht hatte, verunsicherte seine Zeitgenossen nachhaltig, und viele seiner Zitate verunsichern bis heute jene, die sich nicht der Mühe unterziehen, seine umfangreichen Abhandlungen über Architektur und Kultur genauer zu studieren. Seine Aussage, das Ornament sei ein Verbrechen, ist wohl eine der missverstandensten der Architekturgeschichte, und wer die Album-Bücher erst liest, dann studiert und mittels Zeitfaktor in die richtige Position dividiert, kann für sich herausfinden, was Loos damit wirklich gemeint hat.

Natürlich erscheinen vor allem seine Wohnungseinrichtungen heute verstaubt, üppig, finster, überfrachtet, durchaus ornamentiert. Doch wie er trotz beengter Verhältnisse mit dem Raum spielt, mit Mauerdurchbrüchen und Raumstrukturen arbeitet, beeindruckt außerordentlich. Leichter ist dieses Raum- und Formtalent des Architekten in seinen Villen zu lesen, die ihm selbstverständlich mehr Gestaltungsfreiheit als die Wohnungsumbauten boten.

Kluge Leute haben Loos eingehend studiert, so schrieb etwa Heinrich Kulka bereits 1931: „Durch Adolf Loos kam ein wesentlich neuer, höherer Raumgedanke zur Welt: Das freie Denken im Raum, das Planen von Räumen, die in verschiedenen Niveaus liegen und an kein durchgehendes Stockwerk gebunden sind, das Komponieren der miteinander in Beziehung stehenden Räume zu einem harmonischen, untrennbaren Ganzen und zu einem raumökonomischen Gebilde.“ Und Friedrich Kurrent sieht in der Verbindung zwischen der „mediterranen Kultur der Alten Welt und der amerikanischen der Neuen Welt“ den „Stoff für die Loossche Synthese im Wohnungsbau“.

Die Persönlichkeit Adolf Loos selbst muss für ihre Zeitgenossen eine mindestens so harte Nuss gewesen sein wie seine architektonsichen Ausnahmeprodukte. Er selbst zweifelte am Transportmittel der Fotografie, zumindest was seine Raumkonstrukte anbelangt: „Ich aber sage: Ein rechtes bauwerk macht im bilde, auf die fläche gebracht, keinen eindruck. Es ist mein größter stolz, daß die innenräume, die ich geschaffen habe, in der photographie vollständig wirkungslos sind.“ Als weniger wirkungslos empfand das gesunde, gleichwohl gekränkte Ego Loos' sein eigenes Schaffen. So veranstaltete er Wohnungsführungen für Interessierte und schrieb darüber 1907 in einem Essay: „Man glaube nicht, daß ich die Kopisten unter ihnen fürchte. Im Gegenteil: Ich wäre glücklich, wenn jeder Architekt in meinem Sinne schaffen würde. Aber sie werden es nicht tun. Sie werden nur mißverstehen.“ Und 1910 stellte er, leicht angesäuerlt und dennoch von der eigenen Tugend quasi durchdrungen, fest: „Auf die ehre, in den verschiedenen architektonischen zeitschriften veröffentlich zu werden, muß ich verzichten. Die befriedigung meiner eitelkeit ist mir versagt. Und so ist mein wirken vielleicht wirkungslos. Man kennt nichts von mir. Da aber zeigt sich die kraft meiner ideen und die richtigkeit meiner lehre. Ich, der unveröffentlichte, ich, dessen wirken man nicht kennt, ich bin der einzige von den tausenden, der wirklich einfluß besitzt.“


[Adolf Loos: Wohnungen. öS 504,-/ EURO36,65/ 103 Seiten.
und zum selben Preis: Adolf Loos: Villen, 128 Seiten.
Beide Album Verlag, Wien 2001]

13. Juli 2001 Der Standard

Platzhirsche röhren vor der Brunft

Der Architekturwettbewerb zur Renovierung und Revitalisierung der Volksoper ist zwar entschieden. Das Rennen zwischen den Erstgereihten, dem Berliner Team Zerr-Hapke-Nieländer und Wilhelm Holzbauer, geht aber über den Sommer in die entscheidende Runde, was das übliche Platzgerangel ausgelöst hat. Die endgültige Entscheidung treffen nun Georg Springer und Dominique Mentha.

Wien - Die Jury unter Vorsitz von Gustav Peichl zur Findung des besten Architekten für die Sanierung der maroden Volksoper hat ihre Arbeit getan. Am Mittwoch vergangener Woche entschied man in der zweiten Runde des Wettbewerbs, dass man sich eigentlich nicht entscheiden könne, und erklärte zwei Projekte ex aequo zum Sieger. Das eine stammt vom Wiener Wilhelm Holzbauer und wurde auch schon heftig in zwei Zeitungen publiziert. Das andere kommt von den Berliner Kollegen Zerr-Hapke-Nieländer, es wird vom STANDARD hier erstmals vorgestellt.

Holzbauers mediales Vorpreschen noch vor der letztgültigen Entscheidung erregt nicht nur den Unwillen von Georg Springer, der als Chef der Bundestheater-Holding der Bauherr ist: „Ich garantiere, dass die veröffentlichten Bilder nicht von uns kamen. Wir müssten uns selbst ins Knie schießen wollen, hätten wir einen der beiden Entwürfe an die Medien gespielt. Ich empfinde es als unfaire Geschichte, wenn vom Platzhirsch so stark PR in eigener Sache betrieben wird, zumal sich die anderen weit vom Schuss in Berlin befinden.“

Auch die ebenfalls siegreichen Kollegen zeigen sich vom Geröhre des „Platzhirschen“ Holzbauer noch vor der Brunft unangenehm berührt. Andreas Zerr sagte dem STANDARD gegenüber: „Ich bin irritiert und verärgert über dieses unkollegiale Vorgehen. Ich denke, dass es auch das Eingeständnis der qualitativen Unterlegenheit des Entwurfes ist. Wir hatten im Sinn der Loyalität zu Springer und Mentha nicht vorgehabt, an die Presse zu gehen, doch die Situation zwingt uns nun dazu zu antworten.“

Auf die Frage, wie er seine Chancen als Berliner Baumann einschätze, im architektonisch traditionell wienlastigen Wien tatsächlich aktiv zu werden, antwortete Zerr: „Wir haben aus Berlin gehört: ,Vergesst einen Wettbewerb in Wien, wir kennen keinen Berliner, der dort schon gebaut hätte.' Umgekehrt ist das allerdings ständig der Fall. Trotzdem schätzen wir unsere Chancen nach wie vor gut ein, obwohl wir wissen, dass die politische Situation in Wien gegen uns spricht. Eines ist aber klarzustellen: Es gab kein fixes Budget außer den vorgegebenen 50 Millionen Schilling für die Fassadensanierung, was wir eingehalten haben. Holzbauer hatte offensichtlich Insiderinformationen, wonach für diese Summe sowohl Fassade als auch Foyer saniert werden sollen.“

Während das Team aus Berlin ein unterirdisches Foyer vorsieht, will Holzbauer den Vorplatz bebauen. Holzbauer sieht es als „grundsätzliche Entscheidung, ob man mit dem Pausenraum in den Keller geht oder ihn oben, wie in meinem Entwurf, im Foyer unterbringt“. Anzumerken ist, dass dieses Foyer nicht Thema des Wettbewerbs war.

Bauherrn Springer, der „seine“ Häuser in den kommenden Jahren um rund 183 Millionen Schilling sanieren muss („63 davon müssen wir selbst aufbringen, 120 hoffen wir, im Rahmen einer PP-Partnership vom Bund zu bekommen“), kämen Kostenreduktionen selbstredend gelegen, dennoch will er gemeinsam mit Volksoperndirektor Dominique Mentha größten Wert auf die Architekturqualität legen. Er sagt: „Das billigere Projekt hat natürlich die Versuchung des Angenehmen, doch die Beträge liegen nicht so weit auseinander.“

Über den Sommer werden beide Projekte von den Architekten nachbearbeitet, anhand von Modellen werden Mentha und Springer „spätestens im November, Dezember die Entscheidung treffen, damit wir am 1. Juli 2002 die Sanierung der Volksoper mit Full Power in Angriff nehmen können“. Schon seit zwei Jahren sei das Haus so undicht, dass „sogar Faxgeräte abgesoffen sind“.

Die Berliner Architekten haben sich derweilen sicherheitshalber ihre Wettbewerbsarchitektur zum Teil patentieren lassen, denn, so Zerr: „Man kriegt den Eindruck, dass in Wien im Allgemeinen Kräfte im Hintergrund wirken, die sich nicht allein auf die architektonische Arbeit beziehen. Es scheint, als ob große Projekte aufgeteilt würden und selbst Architekten wie Coop Himmelb(l)au nur an der Peripherie bauen dürften. Ich empfehle, den Wiener Klüngelverein der Architektenpensionisten aufzulösen, dann wird sich die Qualität der Architektur in dieser Stadt schlagartig verbessern.“

7. Juli 2001 Der Standard

Kaugummiautomatencollier in der Schatzkammer

Die Bewilligung eines Neubaus in einer historischen Parkanlage Hietzings stellt die schwammige Gesetzeslage der Wiener Stadtplanung unter Beweis und demonstriert einmal mehr die Ohnmacht der Denkmalpfleger.

Vor zwei Wochen begaben sich zwei Herren quasi Hand in Hand auf ein Grundstück in Hietzing und starrten mit einer gewissen Fassungslosigkeit in eine ordentlich ausgehobene, ordentlich tiefe Baugrube. Sie tat sich dort auf, wo wenige Tage zuvor noch ein prachtvoller alter Park inmitten des historischen Villenviertels bei Schönbrunn gelegen hatte. Der 91 Jahre junge Architekt Roland Rainer schwang sich stockbewehrt über Schutthügel und inspizierte die gut ein dutzend Meter hohen Kiefern am Rande des Baulochs, die, mit Seilen gesichert, in selbiges hineinzustürzen drohten. Ihm folgte ein schweigsamer, betroffener Géza Hajós - als Gartenspezialist des Bundesdenkmalamtes mit schwerem Los geschlagen. Wie das gesamte Denkmalamt ist auch sein Ressort chronisch unterdotiert, obwohl Hajós eine tragende Funktion ausübt.

„Ein Baum“, bemerkte Rainer angesichts des Loches im Park, „ist genau so wichtig, wie ein Haus.“ Ein Baum, gab Hajós zur Antwort, könne sogar wichtiger sein, als ein Haus, es komme ganz auf die Umstände an, und die stellen sich in diesem konkreten Fall so dar: Der Park der historisch nicht unwichtigen Villa Schratt in unmittelbarer Nähe von Schloss und Park Schönbrunn wurde, nachdem das Gesamtensemble zu teuer und also nicht an den Käufer zu bringen war, geteilt, veräußert, teils abgeholzt und soll nun mit einer stattlichen Einfamilienvilla bebaut werden. Das 2.461 Quadratmeter große Areal wurde 1997 von Privatleuten erworben, die Festsetzung des Flächenwidmungsplanes und des Bebauungsplanes erfolgte ein Jahr später. Der zuständige Abteilungsleiter der MA 21 B ist Walter Vokaun. Er meint dazu: „Wir waren äußerst restriktiv und haben beschränkt, wo man beschränken kann.“ Das Übel sei vorprogrammiert gewesen, denn: „Die Schratt-Villa hätte mit dem Park schon früher als Gesamtes unter Denkmalschutz gestellt werden sollen. Jetzt bleibt nur mehr eine liebevolle Story von früher übrig.“

Diese Story betrifft die jahrzehntelange Freundschaft zwischen Kaiser Franz Joseph und der Schauspielerin Katharina Schratt, der die Villa und der exquisit mit Badehaus und diversen Figuren ausgestaltete Park damals gehörte. Man traf einander regelmäßig dort zum Frühstück, lustwandelte über das gepflegte Areal und nahm im feschen Gartenpavillon den Tee. Der Pavillon steht noch. Wenige Meter neben der Baugrube. Weder er noch das Badehaus noch die alte Villa und schon gar nicht, wie gesagt, der Park, sind denkmalgeschützt. Eva-Maria Höhle, Generalkonservatorin des Denkmalamtes für Wien, wusste auf Anfrage des STANDARD nicht einmal, dass das Villa-Park-Ensemble gerade ruiniert wird. Auf die Frage, wie so etwas übersehen werden könne, berief sie sich auf die Zahnlosigkeit des Denkmalschutzgesetzes vor allem hinsichtlich historischer Garten- und Parkanlagen. Ein solches Berufen hat Tradition - vielleicht sollte man einmal genau hier ansetzen und zu einem neuen denkmalpflegerischen Bewusstsein kommen? Das Denkmalamt empfielt zwar etwa die außerordentlich aufwendige Restaurierung von Gipsverzierungen in Museumsquartiergefilden, die kein Mensch zu Gesicht bekommen wird. Andererseits schauen seine wichtigsten Vertreter offenbar betreten zur Seite, wenn wirklich wichtige Ensembles ausgeschlachtet werden. Eine Unverhältnismäßigkeit, die endlich zur Debatte gestellt werden muss.

Derweilen haben die neuen Grundeigentümer, die korrekt einen Baugrund der Extraklasse erworben haben, die rechtsgültige Baubewilligung sowie die schriftliche Versicherung, der Park bleibe erhalten, sorgfältig am Bauplatz straßenseitig am Zaun angeschlagen. Der Bauherr der neuen Villa versteht den Unmut von Anrainern und Denkmalschützern absolut nicht: „Seit wann ist ein Privathaus städtebaulich relevant? Ich habe ein Grundstück für sehr viel Geld gekauft, habe einen zweijährigen Spießrutenlauf hinter mir und will dort jetzt rechtmäßig mein Haus bauen. Es gibt keinerlei Unregelmäßigkeiten, es wurden nur dort Bäume gefällt, wo die Baugrube hinkommt, und alles wurde mit der MA 42 abgestimmt.“

Tatsächlich ist Städtebau keine Privatsache. Er wird von Fachleuten diktiert, von Beamten exekutiert. Oft ziemlich willkürlich. Sabine Gretner, Stadtplanungsreferentin der Wiener Grünen, ist von der lockeren Vorgangsweise kaum überrascht. Sie meint: „Es werden in Wien ständig Flächenwidmungen gemacht, die sich in keiner Weise an übergeordnete Planungsziele halten. Die ausgearbeiteten Konzepte müssten dringend auf eine gesetzliche Grundlage gestellt werden. Das war hier allerdings ohnehin bereits der Fall, denn der Park der Villa, sowie die gesamte Umgebung, sind im geltenden Flächenwidmungsplan unmissverständlich als Schutzzone ausgewiesen.“

Tatsächlich ist in der vom Gemeinderat am 30.9.1998 per Beschluss genehmigten Stadtkarte, dem offiziellen Plandokument Nr. 7119, das Areal rosa unterlegt eindeutig als Schutzzone definiert. Laut §7 (1) der Wiener Bauordnung, die eigentlich Gesetz ist oder offenbar nur sein sollte, bedeutet das folgendes: In den Flächenwidmungs- und Bebauungsplänen können die wegen ihres örtlichen Stadtbildes in ihrem äußeren Erscheinungsbild erhaltungswürdigen Gebiete als in sich geschlossenes Ganzes (Schutzzonen) ausgewiesen werden. Und weiter unter 1(a): Bei der Festsetzung von Schutzzonen sind die prägende Bau- und Raumstruktur und die Bausubstanz sowie auch andere besondere gestaltende und prägende Elemente, wie die natürlichen Gegebenheiten oder Gärten und Gartenanlagen, zu berücksichtigen.

Diese Berücksichtigung erfolgte hier sicher nicht. Der geplante Neubau in „historisch anmutendem Stil“ (so der Text des Anschlags neben der Bautafel) beeinflusst selbstverständlich ein wegen seines „äußeren Erscheinungsbildes erhaltungswürdiges Gebiet“ und ruiniert eine Parkanlage. Das eigentlich Bedenkliche an der Angelegenheit ist, dass sie überhaupt möglich ist. Das Grundstück ist noch dazu doppelt besichert, es befindet sich außer in der besagten Schutzzone auch noch in der Pufferzone rund um das von der Unesco zum Weltkulturdenkmal ernannte Schloss Schönbrunn und die dazugehörige Gartenanlage. Géza Hajós: „Auch die benachbarten Gärten gehören zur Schönbrunner Kultur dazu. Wenn dieses Beispiel Schule macht, wird die Pufferzone sukzessive zerstört. Dieser Fall zeigt sehr klar, wie schwach der Begriff der Gesamtanlage, zu der der Garten dazugehört, im Gesetz verankert ist, denn Villa und Park bilden eine untrennbare Einheit. Das Bundesdenkmalamt hat aber leider keine gesetzliche Möglichkeit, jene Gärten zu schützen, die nicht explizit im Gesetz genannt werden, deshalb sind wertvollste Areale immer wieder akut gefährdet.“

Der Städtebau dokumentiert nicht nur anhand dieses Beispiels, wie matt, lückenhaft und schwammig an sich sinnvolle Bestimmungen formuliert sind, und drückt mit dieser Widmung und schließlich der Baugenehmigung die Bereitschaft aus, das Villenviertel Hietzings zum Bauhoffnungsland erster Klasse zu machen. Das Bundesdenkmalamt muss auf der anderen Seite wieder einmal eine Totalniederlage zur Kenntnis nehmen. Verantwortung übernimmt keiner. Ex-Stadtplanungspolitiker Roland Rainer wohnt in der Nähe des Schratt-Ensembles, er kennt das Areal also beruflich und privat gut. Er sagt: „Es gibt in Wien kaum einen schützenswerteren und wertvolleren Stadtteil als diesen stark durchgrünten historischen Bezirk, und der Park der Villa Schratt kann als eines der Zentren dieses Gebietes betrachtet werden. Ich frage mich, wozu es ein Denkmalschutzgesetz gibt, wenn es in einem dermaßen eklatanten Fall nicht angewendet werden kann. Ich frage mich, warum die zuständige Magistratsabteilung umgewidmet und einen herrlichen Park vernichtet hat. Das öffentliche Interesse ist für Umwidmungen vorrangig, ich frage mich, welches gibt es da? Diese Fragen richten sich alle nicht an den Besitzer, sondern an die offiziellen Stellen. Wenigstens in dermaßen wichtigen historischen Bereichen sollte der billige Fortschrittsglaube nicht Anwendung finden, doch scheinbar gibt es keinen Halt mehr. Man hat mir berichtet, dass außer diesem auch mehrere andere Grundstücke umgewidmet wurden, doch konnte ich das bisher noch nicht nachprüfen.“ MA 21 B-Chef Vokaun widerspricht dem: „Ich wüsste nicht, was dort irgendwo noch gebaut werden sollte.“

Quer über den ehemaligen Prachtgarten der Villa Schratt wuchert übrigens eine nur wenige Jahre jungeThujenhecke. Sie wurde offenbar als Sichtschutz entlang der neuen Grundstücksgrenze gepflanzt. Sie nimmt sich zwischen den alten Baumriesen aus wie ein Kaugummiautomatencollier zwischen den Juwelen der Schatzkammer.

30. Juni 2001 Der Standard

Erlebnistrunkenes Wandeln

Spektakelcenter oder Andachtshalle: Haben die architektonisch aufregenden Museumsbauten der vergangenen Jahrzehnte die Kunstszene verändert, oder sind sie vielmehr Produkt einer veränderten Kunstszene? Und bleibt zwischen schiefen Wänden und in schrägen Raumschluchten eigentlich noch Platz für die Kunst? Ute Woltron versucht einen Abriss des Diskurses zwischen Künstlern und Architekten.

Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung", schrieb Walter Benjamin im Jahr 1936: „Die Art und Weise, in der die menschliche Sinneswahrnehmung sich organisiert - das Medium, in dem sie erfolgt - ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt.“ Benjamin bezog sich mit seinem Zitat bekanntlich auf „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, doch lässt es sich ohne weiters heute auf das Medium Ausstellungshaus im Zeitalter des internationalen Museumsbooms umlegen.

Das Museum ist zur Spielwiese und zum Laboratorium für innovatives Architektur-Allerlei geworden. Nicht nur die Häuser, auch die Ausstellungskonzepte erfuhren seit den 60er-Jahren radikale Wandlungen, was natürlich in Zusammenhang steht, und es hat sich auch die „Art und Weise der Sinneswahrnehmung“ der menschlichen Kollektive innerhalb kürzester Zeit stark verändert.

In den vergangenen dreißig Jahren wurden weltweit mehr Museen eröffnet als es bis dato überhaupt gab. Allein unter der Regentschaft des Fran¸cois Mitterand, Europas regstem Bauherren der jüngeren Vergangenheit, sperrten in Frankreich 400 neue oder frisch restaurierte Kunsttempel ihre Portale auf, in den USA entstanden ab 1970 über 600 neue Kunstmuseen. Die Architekturhistorikerin Victoria Newhouse recherchierte für ihre Publikation über Museumsarchitektur im 20. Jahrhundert, Wege zu einem neuen Museum, dass innerhalb eines Jahres allein in Amerika über eine Million Menschen in die diversen Kunsttempel pilgert, in Europa gibt es bevölkerungsanteilig etwa eben so viele Museumsbesucher.

In Österreich, das traditionell ein Land vieler, allgemein allerdings eher rückwärts gewandter Kunst- und Kulturhäuser ist, übergibt man dieser Tage mit dem Museumsquartier in Wien einen der größten Kulturbezirke Europas feierlich der Öffentlichkeit. DER STANDARD hat darüber in der vergangenen Woche intensiv berichtet. An den neuen Gebäuden der Architekten Ortner&Ortner und den dazugehörigen denkmalpflegerischen Eingriffen im Areal der ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen von Manfred Wehdorn entzündeten sich nun verschiedenste Architekturdebatten. Eine davon ist museal-architektonischer Natur und wird nicht immer ganz sauber abgehandelt. Die neuen Museen der Brüder Ortner - das weiße Museum Leopold, das schwarze Museum moderner Kunst, sowie die Kunsthalle im roten Ziegelkleid - so behaupten die MQ-Gegner, seien in ihren starren Raumkonzepten reaktionär, ungeeignet für den heutigen Kunstbegriff sowie dessen Produkte und insgesamt als ein bedauerlicher Schritt in die Vergangenheit zu sehen.

Um diese Feststellungen auf ihren Wahrheitgehalt überprüfen zu können, bedarf es einer ausgedehnten historischen Wanderung durch die baulich aufregenden Museumsmaschinen der Jetztzeit, durch die Pinakotheken und Galerien der Vergangenheit bis hin zu den Kuriositätenkabinetten der Renaissance, die heute als Keimzelle für Museen jeder Art angesehen werden. Diverse Fragen müssen beantwortet werden: Welche Aufgabe hatten Sammlungen, Museen, Ausstellungshallen früher, welche haben sie heute? Welche treibenden Kräfte bestimmen Standort, Bespielung, innere und äußere Gestalt? Welche Rolle spielt in diesem komplizierten Mix aus Bedürfnissen, Anliegen, Aufgaben eigentlich die dazugehörige Architektur? Und inwieweit steht heute noch die Kunst per se im Vordergrund?

Die heftigste Kritik am momentanen Museumsboom, vor allem an den von internationalen Kunstkonzernen wie Guggenheim perfekt vermarkteten architektonischen Sensationen und gelegentlich auch Eskapaden, kommt tatsächlich von Seiten der Künstler, die diese Häuser bespielen, und die sich häufig von den Architekturgewalten überrollt und missverstanden fühlen. Das Kunsthaus Bregenz hat unlängst die kritischen Stimmen zu einer hochinteressanten Doppelpublikation zusammengefasst. Im Band Museumsarchitektur werden teils verwirklichte, teils idealtypische Projekte von KünstlerInnen vorgestellt, im Band Das Museum als Arena sind „institutionskritische“ Texte gebündelt. So beklagte Markus Lüpertz bereits 1985, also noch lange vor den aufsehenerregenden Architekturskulpturen eines Frank O. Gehry, einer Zaha Hadid oder eines Daniel Libeskind, den Drang der Architekten, mit neuen Museumshäusern zugleich auch Kunst bauen zu wollen. Die Architektur, so wetterte der deutsche „Malerfürst“, bediene sich der Brutalität des Kunstwerks, um eine eigene, elitäre, auch unmenschliche, romantische Vorstellung realisieren und verkaufen zu können. „Mit künstlerischem Anspruch vernebeln heutzutage Architekten meistens die Tatsache, ihre Notwendigkeit verloren zu haben“, urteilte Lüpertz und beklagte: „Das klassische Museum ist gebaut, vier Wände, Oberlicht, zwei Türen, eine zum Reingehen, eine zum Rausgehen. Dieses einfache Prinzip musste leider der Architekturkunst weichen.“

Ganz ähnlich argumentieren viele Kollegen wie etwa die kalifornische Malerin Marcia Hafif und die deutsche Künstlerin Katharina Fritsch. Für Walter Pichler, der sich die Häuser, oder besser Räume, für seine Skulpturen selbst zu bauen pflegt, sind Museen „Bezugspunkte in jeder Stadt, so eine Art Heimat“. „Im Prinzip“, meinte er 1988 im Gespräch mit Christian Reder für die Wiener Stadtzeitung Falter, „ist eine Halle notwendig, in der du einfach alles aufführen kannst, mit jeder Möglichkeit der Technologie. Es muss jede Art von Beleuchtung möglich sein, vom Tageslicht bis zu ausgeklügelten Systemen, es muss möglich sein, Wände hinein zu mauern, das Klima muss stimmen, man muss den Boden streichen oder verändern können.“

Die derzeit selbst bei Museumsmuffeln so populären Kunsttempelaufreger, wie etwa das Titanschuppenungetüm Gehrys in Bilbao, erfüllt diese Bedingungen mit seinen komplizierten Innenräumen, die den Betrachter wie begehbare Raumskulpturen umfassen, wohl nicht. Häuser wie diese haben aber andere, ausgezeichnete Talente. Peter Weibel führt den Argumentationskreis für oder wider solche Häuser in seinem hervorragenden Essay Quantum Daemon. Institutionen der Kunstgemeinschaft elegant zu Benjaminschen Thesen zurück. „Jede Architektur, jede Präsentation“, so behauptet er, „diktiert bestimmte Formen des Genießens und Erkennens.“ Weibels Schlussfolgerung lautet: „Bei Räumen für Kunst und bei Kunstausstellungen geht es also um mehr als bloß um eine Architektur-Debatte: Wenn Kunst eine Instanz der Selbstbeobachtung der Gesellschaft ist, dann geht es im Grunde beim Museumsdiskurs um die Funktionsweise und Struktur der Gesellschaft selbst.“

Das war freilich von Anbeginn so. Die Geschichte des Museums setzt mit den privaten Kuriositätenkabinetten betuchter Renaissancefürsten ein, die mit ihren schauerlichen, schönen, absonderlichen Exponaten nichts anderes als zu Stimmungserzeugern zusammengestoppelten Sammlungen waren. Auch die Kunstkammern und Galerien des Adels waren stets Privatvergnügen und nie öffentlich zugänglich, ebenso die Schatzkammern des Klerus. Laut Newhouse sind die meisten großen Kunstmuseen von heute aus Privatsammlungen dieser Art hervorgegangen. Ihre Geburtstunde schlug, als mit der Französischen Revolution im Jahr 1793 auch die königliche Kunstsammlung im Louvre für das Volk geöffnet wurde.

Die längste Zeit wurde Kunst in stillen weihevollen Hallen mit feierlicher Inbrust und im Flüsterton zelebriert. Erst in den 50er Jahren zerschmetterte Frank Lloyd Wright mit seinem spiralförmig in den Stadtraster Manhattans gebohrten Guggenheim-Architekturskulptur aufmüpfig dieses schöne Bild. Die Kunstbewegungen der 60-er Jahre begannen sich Künstler und Künstlergruppen der Bevormundung der Kunstinstitutionen zu verweigern. Für Allan Kaprow war das Museum 1967 „ein verknöchertes Überbleibsel aus einer anderen Epoche“, die Guerilla Art Action Group forderte gleich den „sofortigen Rücktritt aller Rockefellers aus dem Vorstand des Museums of Modern Art“. Renzo Piano und Richard Rogers antworteten in den 70ern in Paris mit ihrem Centre Pompidou auf die neuen Stimmen und Kunstströme, sie zelebrierten mit einer regelrechten Museumsmaschinerie das Weihevolle der Technologie und Maschinerie. Das aufsehenerregende Haus kann als Kristallisationspunkt für ein neues Museumszeitalter angesehen werden, in dem die Unterhaltung eine wichtige Rolle spielt. Bilbao gehört hier genau so dazu wie etwa das aufregende Musée des Confluences, das Coop Himmelb(l)au für Lyon entworfen haben, oder das in Bau befindliche Rosenthal Center for Contemporary Art von Zaha Hadid für Cincinnati. Spektakulär dürfte auch Daniel Libeskinds Imperial War Museum in Manchester ausfallen und sein Galeriezubau an das Londoner Victoria & Albert Museum.

Der Museumsbesuch ist für viele heute zum Zeitvertreib geworden, das Museum zum Konsumgut. Der Abstecher in den Museumsshop und das Erwerben vermeintlich kunstträchtiger Mitbringselobjekte befriedigen die allgemeine Konsumwut und sättigen den Kommerzhunger der Museumsbetreiber. „Zur Logik des Spätkapitalismus, der ein multinationaler, auf elektronischer Produktion aufgebauter Kapitalismus ist, gehört die universale Verwandlung von allem in Ware, auch der Kunstwerke“, schreibt Peter Weibel, und er meint das durchaus kritisch. Doch abseits der Populärkunstmaschinen entstehen nach wie vor klassische, hochinspiriert und teils magisch schön in die Architektursprache von heute übersetzte Kunsthäuser, die die Sache etwas ruhiger angehen. Das Kunsthaus Bregenz von Peter Zumthor ist ein Beispiel dafür, das Kunstmuseum Liechtenstein von den Architekten Morger, Degelo, Kerez, oder das O-Museum von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa in Japan. Auch Mischformen wie Steven Holls Museum of Contemporary Art in Helsinki kommen vor.

Das Museum gibt es heute also nicht mehr, man könnte, wie Rem Koolhaas von den „vielen Wahrheiten der Architektur“, von den vielen Wahrheiten der Museen sprechen. Jedes hat seine eigene, charakteristische Aura, seine Originalität, die, laut Benjamin, sowohl subjektiv als auch objektiv vorhanden ist. Das stille besinnliche vor sich Hinschlurfen hat die selbe Berechtigung wie das „erlebnistrunkene Wandern von Schauraum zu Schauraum“ (Weibel). Museen für dieses wie jenes dürften zur Genüge vorhanden sein.

28. Juni 2001 Der Standard

Detonation als Chance

Dynamit und Architektur im AZW

Wien - Das Architektur Zentrum Wien widmet seine nächste Ausstellung einem herrlich destruktiven, nachgerade dekonstruktivistischen Thema, nämlich dem brachialen Entfernen großer Gebäude unter prächtigem Getöse: Detonation Deutschland nennt sich die Schau, die bereits seit ein paar Jahren durch Europa tourt, jetzt in Wien Halt macht und in Form einer Collage aus Video- und Filmausschnitten - zum Glück samt Ton - demonstriert, wie es ausschaut, wenn Architektur mittels Dynamit und anderen zündenden Stoffen blitzschnell dem Erdboden gleichgemacht wird.


1000 deutsche Minutentode

Ganze Häuserblocks sacken hier majestätisch unter Gepuffe zu Schutthaufen zusammen. „Minutentod“ nennen die zuständigen Ausstellungsmacher Julian Rosefeldt und Piero Steinle diesen Akt des letzten staubigen Seufzers. Die beiden haben die seit 1945 in Deutschland vernichteten Bauwerke genau recherchiert, quasi in ein System gebracht und sehen die Detonationen „als Teil eines historischen Prozesses. Sie stehen als Metaphern für Vergänglichkeit von Systemen, Ideologien, Machtstrukturen und ihren Statussymbolen.“

Etwa tausend Sprengungen wurden unter die Lupe genommen, zu sehen ist etwa die seinerzeitige Vernichtung eines riesigen Hakenkreuzes auf dem Nürnberger Reichstagsgebäude, die Beseitigung von Kriegsruinen, aber auch ganzer Stadtteile Ostdeutschlands, die den DDR-Plattenbauten Platz zu machen hatten, die ihrerseits nach dem Fall der Berliner Mauer mit Sprengstoff und Abrissbirne bearbeitet wurden. Die Präsentation dieser Architektursterbehilfe erfolgt im abgedunkelten Raum über sieben Projektionsflächen und eine geschickte Verspiegelung, die eine Art Bildröhre suggeriert.

28. Juni 2001 Der Standard

Baustelle betreten erlaubt!

Das Wiener Museumsquartier der Architekten Ortner & Ortner und Manfred Wehdorn ist noch nicht fertig gestellt, wird aber sicherheitshalber eröffnet. Bereits jetzt steht fest: Bevor das alte Gemäuer mit dem Neuen die Ehe vollziehen konnte, sind beide aneinander verstorben.

Wien - Es war nicht die Thuje, es war die Eibe. Es war die Eibe, für die man sich entschied, um den Vorplatz des neuen Wiener Museumsquartiers zu gestalten. Frisch gesetzte Heckchen in größeren und kleineren U-Formen sticken ein imperial-grafisches Muster in das Areal vor dem frisch gefärbelten ehemaligen Messepalast, der heute noch so tut wie vor 100 Jahren, als hinter dem stattlichen Riegel kaiserliche Rosse wieherten.

Pferde und Kaiser sind von uns gegangen, bleiben musste die alte Architektur, kommen durfte nur zaghaft und versteckt Neues. Die Eibenhecken verraten Flaneuren, Hunden und Vorbeiradelnden nicht, dass hinter der gelben Fassade einer der größten Kulturbezirke Europas liegt. Warum sollten sie auch? Alt und neu ringen dort im Verborgenen miteinander wie die Capulets und Montagues, und vor allem in den Zwischenzonen fließt schmerzlich Blut.


Versteckspiel

Die gesamte Anlage zelebriert ein kompromisslerisches Versteckspiel auf allen Ebenen, die Architektur zu bieten hat: Die neuen Museumsblöcke in Weiß und Schwarz verstecken sich vor den Augen der Stadt hinter historischer Bausubstanz. Die neue Kunsthalle in Ziegelrot verbirgt sich hinter der ehemaligen Winterreithalle. Die reichen, schwülstigen Stukkaturen derselben verschwinden - frisch und aufwendig restauriert und fürderhin nur von Spinnen und Mäusen zu besichtigen - hinter den neu eingebauten Wänden der Veranstaltungshalle sowie hinter Vorhängen rattengrauer Raffung, wie man sie vielleicht einst in den Vorstadtkinos zu schätzen wusste.

Verwirrend und ein Vexierspiel auch die Wegeführung durch den Komplex: Die Besucher gehen in Zwischengängen, Treppenhäusern, Foyers und Vor-Foyers verloren, stets auf der Suche nach dem Ein- oder Ausgang der diversen Institutionen. Die dunkel verspiegelten neuen alten Fenster der Reithalle glotzen als blinde Attrappen in den Hof, der pompös treppenbeflankte historische Eingang führt schon lange nirgendwohin, die Steintapetentüren darunter ins Unbekannte.

Der jahrzehntelange und in ermüdende Medien- und Besserwissergemetzel ausgeartete Versuch, hier Altes mit Neuem zu einem überregional einflussreichen Kulturbezirk zu verheiraten, ist in einer erstaunlichen, zuweilen hilflosen, gelegentlich fast ordinären Material- und Detailflut grandios abgesoffen. So gibt es etwa eine unverständliche Vielfalt verschiedenartigster Geländer - hier verglast, dort in lackiertem, geschwungenem Metallgeflecht ausgeführt, dann wieder mächtig hirschgeweihartig verröhrt.

Allein die diversen Inschriften auf der Fassade der Winterreithalle malen deutlich an die Wand, wie viele Kräfte hier sinnlos walteten: In der Mitte verkündet Schwarz auf Rosa der Schriftzug des Franz Joseph die Botschaft untergegangener, jetzt scheinbar entstaubter Zeit. Gleich rechts davon beeilt sich in Neonorange und flott elektroverkabelt die Kunsthalle auf ihre Existenz hinzuweisen, und wieder daneben prangt in Weiß eine Lichtanzeige für die dort befindliche Nebenhalle.


Trügerische Hoffnung

Im Jänner dieses Jahres war noch Hoffnung gewesen. Damals übergab man die neuen Einbauten der Architekten Ortner & Ortner ihren Betreibern, und Zement- und Kiesstaub deckten noch gnädig jene Zwischenzonen zu, die nun das Gesamtprojekt architektonisch völlig zur Strecke gebracht haben. Die einzelnen Blöcke des Museums Leopold und des Museums moderner Kunst - man mag zu den althergebrachten und im Vergleich zu den meisten zeitgenössischen Museumsbauten sehr konservativ ausgefallenen Raumkonzepten stehen, wie man will - lagen durchaus proper in der Quartierlandschaft. Das Neue war mit dem Alten noch nicht wirklich verbunden, der gestalterische Pas de deux der Architekten Ortner und Manfred Wehdorn setzte erst später so richtig ein.

Die nun präsentierte Architekturinszenierung ist misslungen, sie nimmt sich ähnlich absurd aus wie der Tanz der kleinen Schwäne, patschert vorgetragen von Otto Schenk und Helmut Lohner.

Die neuen Stahl-Glas-Portale etwa in den alten Trakten schreien das dem Betrachter förmlich entgegen: Horizontal verläuft unverständlicherweise ein wellig-konturierter, historisierender Sturz - wahrscheinlich ein Versuch, die Architektursprache der Vergangenheit ins Zeitgenössische zu übersetzen. Unmittelbar darunter befinden sich gerade Türen im Portalensemble. Hinter diesen Formalmassakern lagen einmal alte, durchaus charmante Stiegenhäuser. Sie mussten terrazzoversiegelten Treppenanlagen weichen, die nun den Charme des sozialen Wohnbaus der Sechzigerjahre atmen.

Während das Neue also unbeholfen mit dem Alten zu kommunizieren versucht, ist auch die gemütlich patinierte Aura der historischen Gemäuer nach der Restaurierung einer seltsamen, unwirklichen Stummheit gewichen. Zu diesem Nichts-mehr-sagen-können-oder-Wollen passt letztlich auch die erdrückende Gestaltung des großen Platzes.

Dort befinden sich 14 fein säuberlich in Linie aufgestellte, aus Stein gehauene und sorgfältig polierte Sitzblöcke. Die Trümmer liegen stumm und ergeben da wie große Sarkophage, unter jedem könnte man einen Architekten, einen Bürgermeister, einen Zeitungsbaron mitsamt seinem persönlichen, idealen Museumsquartier argwöhnen. Die Szene hat etwas Schauerliches und wird verstärkt durch das Gerücht, der Sammler Rudolf Leopold habe schon für die Ewigkeit vorgebaut und ein marmornes Nischerl in seinem Museumsblock für seine Urne reservieren lassen.

Auch die schnurgerade Reihe der hölzernen Sitzbänke gegenüber hat etwas Friedhofsartiges, Stimmung kommt hier keine auf. Der Platz wirkt wie tot, und dass hier die schlampigsten Steinarbeiten zu besichtigen sind, die in den vergangenen Jahrzehnten in Europa verbrochen wurden, verstärkt die Aura der Freudlosigkeit, die über dem gesamten Areal liegt.

Die Errichtung des MQ war ein gut dokumentiertes, oft durchgespieltes Drama in vielen Akten. Eröffnet werden nun leere Häuser, in die das Leben wahrscheinlich langsam über die vielen Wege der Kunst einkehren wird. Doch die Liebe zur Architektur, die wirklich gute Gebäude erst leben und atmen lässt, hatte hier nie eine Chance. Sie ruhe sanft hinter Eibenhecken, in wienerischer Selbstbeweihräucherung.

28. Juni 2001 Der Standard

Architekturzentrum

Zu Beginn, im Jahr 1993, war alles noch ziemlich improvisiert, doch sehr rasch etablierte sich das Architektur Zentrum Wien (AZW) samt seinem Chef und Vordenker Dietmar Steiner zur quirligsten Architekturinstitution der Bundeshauptstadt.

Zu Beginn, im Jahr 1993, war alles noch ziemlich improvisiert, doch sehr rasch etablierte sich das Architektur Zentrum Wien (AZW) samt seinem Chef und Vordenker Dietmar Steiner zur quirligsten Architekturinstitution der Bundeshauptstadt. Architektonisches Geschick verwandelte mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln die alten Hallen im Messepalast zu einem tadellosen Treffpunkt der Szene, organisatorischer Weitblick und Steiners weltweite Architekturkontakte holten interessante Ausstellungen, vor allem aber internationale Gäste nach Wien. Rem Koolhaas trug hier sein Architekturcredo genauso vor wie die französischen Newcomer Anne Lacaton und Philippe Vassal. Letztere zeichnen auch für die Gestaltung des neuen Zentrums-Cafés verantwortlich.

Steiners Absicht war immer, internationale Trends nach Wien zu holen, nicht aber, als deklarierte PR-Agentur für die heimischen Baukünstler zu wirken. Dennoch strahlt das Zentrum auch ins Ausland: Zum Beispiel wanderte die Ausstellung über die Nachwuchsriege der Architektur mit dem Titel emerging architects nach Kopenhagen und Frankfurt, ab dem Herbst wird sie in Budapest zu sehen sein.

Das neue AZW wird sich über 2000 Quadratmeter erstrecken. Während die Bibliothek im Oktogon, die neue Halle und das Archiv noch fertiggestellt werden, hat die alte Halle mit der Ausstellung Detonation Deutschland bereits eröffnet. Die Inbetriebnahme der Cafeteria erfolgt am 12. September, die endgültige Eröffnung findet am 10. Oktober mit der Ausstellung Sturm der Ruhe. What is architecture? statt.

21. Juni 2001 Der Standard

Mit Schlamm werfen oder Architektur feiern

Abraham zur verzögerten ÖKI-Fertigstellung

Die Eröffnung des Österreichischen Kulturinstituts in New York war für Oktober geplant.

Die Eröffnung des Österreichischen Kulturinstituts in New York war für Oktober geplant. Aufgrund von Verzögerungen im Baufortschritt wird sie erst im kommenden Frühjahr erfolgen. Dem STANDARD gegenüber gab Architekt Raimund Abraham Ende September als vorläufig angepeiltes Fertigstellungsdatum an. - „Das ist allerdings nur eine Annahme. Den Baufortschritt können Bauherr, die BIG, und Architekt nur sehr schwer beeinflussen.“

Abraham gibt als Grund für die Verzögerung und die dadurch entstehende Verteuerung Probleme mit der Baufirma und deren Subunternehmern an, die teils „inkompetent“ und nicht mit der nötigen Sorgfalt zu Werke gegangen seien. Das Betonunternehmen habe sich nach den ersten drei Geschoßen als „unfähig“ erwiesen, es musste gewechselt werden. Die aus gewerkschaftlichen Gründen engagierte New Yorker Fassadenfirma, die die aus Österreich von der Firma Gig angelieferten Elemente für das komplizierte vorgehängte Gesicht des Hauses montiert, habe „die Komplexität der Fassade völlig unterschätzt“.

Abrahams Architekturskulptur, die von internationalen Architekturkritikern als die erste „wirkliche Architektur in New York seit dem Guggenheim“ gefeiert wird, lebt von der Sorgfalt der Ausführung, und für eine solche sind heutige amerikanische Bauunternehmen nicht eben berühmt: „Es ist eine Präzision verlangt, die in Amerika unbekannt ist. Hier wurden 60 Jahre lang gerade, hohe Häuser schnell und ökonomisch gebaut. Wegen der amerikanischen Gesetzeslage kann ich persönlich mit keinem Subunternehmer kommunizieren, das darf nur der Generalunternehmer. Wenn ich also auf die Baustelle komme und einen Fehler sehe, der gerade im Entstehen ist, kann ich nicht direkt einschreiten, sondern muss den Bauherren bitten, Korrekturen zu verlangen.“

Das Haus ist nun fast fertig gestellt, ist es dennoch zur Zufriedenheit gelungen? „Ja, ich würde schon sagen. Es gibt viele geringfügige Abweichungen, die korrigiert werden müssen.“ Die Korrekturen, so Abraham, seien allerdings nicht für die kolportierte Verteuerung des Gebäudes um zirka 50 Millionen Schilling verantwortlich, der eigentliche Kostenfaktor seien die Verzögerungen und Forderungen etwa von der geschassten Betonfirma. - „Dadurch verliert jeder Geld, alle versuchen, es wieder hereinzubekommen. Es gibt nun Forderungen, die teils gerechtfertigt sind, in vielen Fällen aber nicht. Eine Kommission wird in den kommenden Monaten darüber entscheiden. Die letztgültigen Baukosten werden erst dann feststehen, wenn diese Forderungen, deren Höhe ich nicht kenne, bestätigt werden oder nicht.“

Die kolportierte Verteuerung von 24 auf 27 Millionen Dollar will Abraham keinesfalls bestätigen: Diese Zahlen seien fiktiv. Auch den Vorwurf, er habe unpräzise Pläne vorgelegt und sei deshalb zur Verantwortung zu ziehen, weist er zurück: „Die Betonfirma versucht natürlich Ausreden zu finden, doch mit den- selben Plänen, mit denen sie schludrig gearbeitet hat, wurden von einem anderen Unternehmen später 18 Stockwerke perfekt fertig gestellt.“

Wann auch immer die politische Eröffnung des Hauses vor der kulturellen nun stattfinden soll, Abraham will ihr fernbleiben, wenn nicht der Bundespräsident höchstpersönlich anstelle eines Regierungsmitglieds das Seidenband durchschneidet. „Meine Position hat sich nicht geändert. Dieselbe Koalition ist am Werk. Ich bin Architekt und immer noch Idealist. Die Medien waren entscheidend mitverantwortlich dafür, dass dieses Gebäude in der kritischen politischen Situation überhaupt gebaut wurde. Dass jetzt knapp vor der Fertigstellung eine Schlammschlacht stattfindet, erstaunt mich. Man sollte die Fertigstellung des Hauses feiern und nicht völlig übliche technische Umstände sowie Preisspekulationen dazu verwenden, um das Ereignis der Architektur infrage zu stellen.“

15. Juni 2001 Der Standard

Schmuckkästchen in der Glitzerparade

Der neue Cartier-Shop bildet ein elegantes Entree für den Wiener Kohlmarkt

Der Wiener Kohlmarkt war immer schon eine piekfeine Adresse, doch in den vergangenen Jahren hat sich die noble Gasse in der Innenstadt mit den neuen Shops von Gucci, Chanel und seit kurzem auch Louis Vuitton zielstrebig zur mit Abstand attraktivsten Nobelgeschäftszeile Wiens gemausert, neben der sich die ehemals flotte, qualitätsgeschäftsmäßig mittlerweile leider ziemlich abgebaute Kärntnerstraße wie ein Flohmarkt ausnimmt.

Was dem Kohlmarkt bisher fehlte, war das entsprechend würdige Entree, das den vom Graben kommenden einbiegenden Flaneur empfängt. Doch auch das ist nun gelungen: Der neue Cartier-Shop, direkt an der prominenten Ecke gelegen, hat die historische, denkmalgeschützte Fassade aus dem Jahr 1897 wieder enthüllt und reiht sich als ein neuer Edelstein in diese elegant herausgeputzte kleine Glitzerparade ein. Das mit 180 Quadratmetern viermal so große Geschäft wird die kleine traditionelle Cartier-Schmuckschachtel, die zwei Häuser weiter liegt, ersetzen, und auch sein Outfit kommt großzügiger, jugendlicher, frischer daher als der etwas schwülstige gold-rot-grünmarmorne Vorgänger.

Der französische Nobeljuwelier und Uhrmacher Cartier baut sein Image überhaupt ein wenig um, auch die neue Schmuckkollektion, die im Herbst auf den Markt kommt, wird spritziger und jünger sein, als man das von den betont vornehmen Goldkünstlern gewohnt ist. Zu diesem neuen Imagekurs gehört selbstverständlich auch ein entsprechendes Shopkonzept, das alle Stückchen spielen muss. Vor zwei Jahren hat Cartier denn auch damit begonnen, seine rund 200 Shops weltweit mit demselben exquisiten, zugleich aber unprotzigen Architekturgewand einzukleiden.

Den Schnitt dazu erfand der Architekt Jean-Michel Wilmotte, die Ausführung übernahm der Kollege Christophe Carpente, die neuen Möbel entwarf Pierre Deltombe. Prägend sind vor allem die Stoffe, mit denen die Architekten arbeiten. Der auffälligste und schönste davon ist ein norwegischer Stein, der in den Innenräumen zur Anwendung kommt. Er heißt Pillarguri und schimmert wie Perlmutt, das aber schwarz, was ganz prachtvoll aussieht. Würdige Rahmen geben ihm sandgestrahlte, also ziemlich stark riffelige und anschließend weiß getünchte Eichenpaneele, die Außenfassade wird mit grauem Schiefer eingefasst.

Alle Geschäfte haben, wie gesagt, sehr ähnliche Schnitte, die gleichen Stoffe, und doch sind Konfektionsgrößen und persönlicher Pepp ganz unterschiedlich. Jean-Michel Wilmotte beschreibt sein Konzept folgendermaßen: „Durch besondere Betonung von Ebenholz oder gekalktem Holz oder Stein kann man Varianten von bestimmten Grundnoten erzielen. In manchen Boutiquen wird es mehr Schmuck geben - da werden wir mehr Akzente mit Pillarguri, Kristall, gekalktem Holz setzen.“ Und zu den ausgewählten Materialien meint er: „Pillarguri ist das Symbol der Juwelierkunst. Ebenholz der Wunsch, dass das Holz in den Hintergrund tritt, indem man die Eleganz seiner grauen Venen herausarbeitet, als Anspielung auf den Schiefer, der die silbrigen Fäden als Übergänge einsetzt.“

Eine üppige Beschreibung - doch das Wiener Geschäft bietet einen angenehm zurückgenommenen, eleganten, fast möchte man sagen einfachen Anblick. In die graue Steinfassade sind schlanke, hohe Glasschreine eingelassen, in denen die Schmuckstücke lagern und durch die der Passant flüchtige, unpräzise Einblicke in das Geschäftsinnere erhaschen kann. Drinnen herrscht Ruhe, Klarheit. Die Vitrinen-Schautische aus Palisanderholz stehen auf dunkelrotlila Teppichflausch, eine Treppe führt in die noch exquisitere, privatere Zone im Untergeschoß, wo - erstmals in Wien - auch die Haute-Joaillerie von Cartier, also Einzelstücke oder Schmuck, der nur in ganz geringen Stückzahlen auf den Markt kommt, zu haben sein wird.

Das neue Cartier-Shopkonzept kam bisher bereits etwa in Tokio, Paris, Kuala Lumpur, Osaka und Singapur zur Anwendung. In den kommenden fünf Jahren soll die gesamte Flotte umgebaut sein. Doch was passiert mit dem traditionellen Cartier-Rot, das sich jedem einprägt, der das Glück hat, ein Stück aus dem guten Hause zu besitzen, weil das stets in diesen knallroten Schmuckkästchen von Verpackung steckt? Keine Sorge, meint Christophe Carpante: „Das Rot bleibt mit der Verpackung erhalten und wird auch im Geschäft und in der Präsentation der Stücke wie ein Eyecatcher wirken.“

26. Mai 2001 Der Standard

Große klare Linie, keine Verschleierung

Planungsstadtrat Rudolf Schicker und Baudirektor Arnold Klotz zur architektonisch-städtebaulichen Zukunft Wiens

Arnold Klotz (rechts): „Wenn Schicker Bürgermeister gewesen wäre und ich sein Berater, hätten wir die Hundert- wasser Spittelau sicher nicht gemacht.“

Standard: Sie sind seit knapp drei Wochen als Wiener Planungsstadtrat im Amt. Welche architektonischen und städtebaulichen Maßnahmen stehen dringend an?

Schicker: Wir haben einige größere Flächenwidmungen vorzubereiten, wo wir wenig Spielraum haben. Da gehört der Bereich der Messe dazu, hier ist der Zeitdruck sehr groß.

STANDARD: Was passiert dort gerade?

Schicker: Die Verträge mit dem Messebetreiber Reed zielen darauf ab, dass wir 2004 schlüsselfertig übergeben. Wenn man die Vorlaufzeiten von Ausschreibung und Flächenwidmung bedenkt, dann ist die Zeit beinahe abgelaufen. Spätestens im August müssen wir mit einem Widmungsentwurf hinaus. Bis dahin müssen die großen Linien klar sein, Verkehrserschließung, Parkflächen und dergleichen.

STANDARD: Wie weit ist Messeplanung, die direkt ohne Wettbewerb vergeben wurde, tatsächlich gediehen?

Schicker: Die sind mittendrinnen.

Klotz: Die Hallen wurden unter der Führung von Gustav Peichl geplant. Jetzt geht es um Parkgaragen und Stellplätze.

STANDARD: Die Hallen sind durchaus simpel ausgefallen, wofür hat man Gustav Peichls Rat eigentlich benötigt?

Klotz: Für die Gestaltung und die Organisation kann man schon einen guten Architekten brauchen, das war eine Auflage.

Schicker: So etwas kann eine Lagerhalle werden oder eine interessante Ausstellungshalle.

STANDARD: Ihr Vorgänger Bernhard Görg hat angekündigt, noch nicht vergebene Messeteile mittels Wettbewerbs verwerten zu wollen. Wie werden Sie das halten??

Schicker: Es ist der reine Messebereich, der mit Fritsch, Chiari und Peichl abgewickelt wird. Die restlichen Flächen werden einzelnen Wettbewerbsverfahren unterzogen.

Klotz: Alles was neu vergeben wird, soll über Wettbewerbe laufen. Da gibt es eine Menge neuer Nutzungen. Die Redimensionierung der Messe führt zum Thema Freizeit und Kultur in der südlichen, nun frei werdenden Zone des Geländes. Auch da muss man über Wettbewerbe zu Lösungen kommen, es gibt derzeit Vorschläge, Anfragen, aber nichts Konkretes.

STANDARD: Bleiben wir in dieser Gegend: Was wird sich auf dem Nordbahnhofgelände tun?

Schicker: Hier wird die Widmung für den nächsten, dahinter liegenden Abschnitt vorbereitet, mit Parkanlage, Wohnen, Schulen.

STANDARD: Maßgeblich bestimmt hier die Bundesbahn. Ab Juli stellt ein neuer ÖBB-General die Weichen: Orten Sie bereits Richtungsänderungen in Sachen Immobilien und Architektur?

Schicker: Das kann man noch nicht sagen.

Klotz: Angedacht war hier jedenfalls auch die neue Zentrale der ÖBB. Ob sich daran etwas ändern wird, dürfte man sehen.

STANDARD: Stichwort Bundesbahnen: Was tut sich eigentlich tatsächlich im Bereich Westbahnhof? Hier gab es wiederholt Studien, unter anderem von Holzbauer und Peichl, doch was wird konkret passieren?

Schicker: Die Bahnhofsoffensive ist wieder zurückgefahren worden. Übrig geblieben ist für Wien der Bahnhof Wien-Mitte, alles andere ist in die zweite Phase gerutscht. Zurzeit liegt die Realisierungschance irgendwann in der ferneren Zukunft.

STANDARD: Gar nicht absehbar?

Schicker: Unendlich. Die bestehenden Projekte sind teilweise mit der Stadt abgesprochen, etwa der Turm an der Ecke Felberstraße und die größere Bebauung vor dem bestehenden Areal.

Klotz: Teilweise gab es überdimensionierte Ansprüche seitens der ÖBB. Wir haben zu Draxler gesagt, er soll sich auf eine erste Stufe und nicht auf Utopien einlassen. Für die wären umfassende Infrastrukturmaßnahmen notwenig, doch wer zahlt die? Die Deutsche Bahn etwa zahlt ihre Infrastruktur, die sie für Nutzung und Entwicklung eines Standortes braucht, zur Gänze selbst.

STANDARD: Sie ist allerdings auch ziemlich defizitär unterwegs.

Schicker: Vielleicht deshalb, aber wie auch immer. Man könnte nun versuchen, mittels eines Wettbewerbs weiterzukommen. Doch dafür gibt es kein Geld. Diese Planungsoffensive müsste eigenfinanziert über die Verwertung der ÖBB-Grundstücke laufen. Dagegen ist nichts zu sagen, solange nicht der Knoten Wien infrage gestellt wird. Das ist das große Problem. Die ÖBB versuchen, den Westbahnhof mit dem Anschluss an das deutsche Netz massiv zu pushen und die Verbindung nach Mittel- und Osteuropa nur noch niederrangig zu führen. Da gibt es betriebsinterne Überlegungen, die absolut nicht im Interesse der Stadt sind. Wenn ich den ICE nur bis nach Wien ziehe, und dahinter fahre ich mit der schlechtesten Garnitur bis nach Budapest um 30 Minuten länger als bisher, dann ist das fast ein feindlicher Akt gegen die EU-Beitrittskandidaten.

Klotz: Unser Vorschlag wäre, zügig den Süd-Südostbahnhof in Angriff zu nehmen. Das ist natürlich eine langfristige Geschichte, ein Zehn-, Fünfzehn-Jahre-Programm.

STANDARD: Wir stehen aber eher im Jahr minus eins, der Südbahnhof verslumt vor sich hin.

Schicker: Auch für den normalen Bahnbetrieb ist der Südbahnhof nicht mehr wirklich tauglich, die Signalanlagen sind am Ende, es gibt noch andere Probleme. Er müsste also wirklich in die Hand genommen werden. Die Station Südtirolerplatz müsste komplett umgebaut und damit die Verknüpfung zwischen U- und S-Bahn verbessert werden. Ich denke, dass man mit den Immobilien, die auf dem Areal vorhanden sind, die Finanzierung auch schaffen kann. Die Gefahr ist nur, dass bei der Zerschlagung der ÖBB, die jetzt offenbar geplant ist, die Immobilien herausgenommen und extra verwertet werden. Damit wäre der Zug abgefahren, dann ist ein Bahnhof Wien nicht mehr realisierbar.

STANDARD: Wie weit ist man am Betriebsbahnhof Erdberg?

Schicker: Die Überplattung wird gerade gebaut, für die Hochbaumaßnahmen braucht es noch die Widmung. Die Architektur ist durchaus in Ordnung, doch angesichts der Dichte wird es ohne Verbesserung der Verkehrssituation dort nicht gehen, obwohl die U-Bahn genau darunter fährt. Das neue Gebäude von Günter Domenig für Max Mobil ist ebenfalls gewidmet. Neu-Erdberg wird ein ziemliches Architekturmuseum. Da entsteht einiges.

STANDARD: Zurzeit läuft ein Wettbewerb rund um Schönbrunn, dessen Ziel nicht ganz klar scheint. Sucht man im großen Stil nach einer Lösung für die schwer belasteten Fiat-Gründe?

Schicker: Die Fiat-Gründe sind natürlich ein Teil davon. Doch grundsätzlich sucht die Schönbrunn Gesellschaft nach ergänzenden Attraktionen. Die Überlegungen, das Parkareal im Bereich der Maria-Theresien-Kaserne, wo es nicht mehr als Park genutzt wird, zurückzugewinnen, ist eine spannende Idee. Die Stadt könnte mit einer Nutzungsänderung durchaus leben, allerdings nicht in Form einer neuen, kompakten Bebauung. Der frühere Park- und Waldcharakter des Fasangartens sollte zurückgewonnen werden. Wir werden sicher keine Höhenentwicklung zulassen. Der Wettbewerb, den wir rundherum veranstalten, soll Ideen bringen, wie das Umfeld eingebunden werden kann. Das hat natürlich etwas mit den Fiat-Gründen zu tun. Die Hochhaustendenz dort ist aber offensichtlich endgültig weg,

STANDARD: Warum?

Schicker: Wegen des Standorts, wegen der Bürgerproteste, wegen des kulturhistorischen Bestands.

STANDARD: Wie werden Sie künftig die so genannte Public-Private-Partnership handhaben? Darf weiterhin hoch hinausgebaut werden, wo das eigentlich gar nicht vorgesehen war?

Schicker: Die Hintergründe dieses speziellen Fiat-Areals belasten eine generelle Diskussion. Meine Vorstellung ist prinzipiell folgende: Wenn wir ein Areal haben, auf dem ein Investor beabsichtigt, eine Entwicklung zustande zu bringen, dann ist absehbar, dass er das mit Gewinnabsicht tut. Das Gebiet muss allerdings erstens an die infrastukturellen Gegebenheiten angebunden werden, und die Vorhaben müssen zur strukturellen Entwicklung des Gesamtareals passen. Nur: Wer finanziert das? Wenn die Stadt starkes Interesse an einer Entwicklung hat, werden die Anforderung an den Investor nicht besonders hoch sein. An Punkten, wo dieses Interesse aktuell nicht besteht, der Investor aber früher dran sein möchte und stadtstrukturell nichts dagegen spricht, wird er die entsprechenden Infrastrukturkosten mitzutragen haben. Das geht von der Straßenadaptierung und dem, dass man Grundstücke zur Verfügung stellt, bis hin zum Bau von Schulen.

STANDARD: Im Falle des geplanten Uniqua-Gebäudes am Donaukanal hat man den Investor nicht eben zur Kasse gebeten. Warum?

Schicker: Uniqua erstellt den Durchgang zum Donaukanal.

STANDARD: Die Kosten dafür sind im Verhältnis zum Gewinn durch die Widmung ein Lapperl.

Schicker: Ja. Das ist aber auch ein Standort, wo vonseiten der Stadt Interesse besteht, dass sich die Donaukanalzone weiterentwickelt.

STANDARD: Hätte man da nicht mehr verlangen müssen?

Schicker: Sind wir schon am Ende der Fahnenstange?

STANDARD: Sagen Sie es mir.

Schicker: Ich denke, dass man dort mithilfe der Uniqua noch das eine oder andere zustande bringen kann.

STANDARD: Was denn?

Schicker: Man kann noch nichts Konkretes sagen.

Klotz: Es gibt Visionen.

STANDARD: Apropos Visionen: Manche träumen von einem beschwimmbaren Donaukanal. Bestehen Chancen?

Schicker: Nur wenn man ihn abdichtet und mit Hochquellwasser füllt - also nein.

STANDARD: Sie haben angekündigt, die städtischen Einkaufsstraßen aktiv fördern, quasi gegen die Einkaufszentren der Peripherie verteidigen zu wollen. Wie legen Sie das an?

Schicker: Allein die Fahrbahn herzurichten, ein paar Bäume zu pflanzen und Bankerl aufzustellen ist zu wenig, wenn sich die Geschäftsgrößen zwischen nur 100 und 150 Quadratmetern bewegen und nicht rentabel zu führen sind. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man in der Widmung Möglichkeiten schafft, etwa Hofzonen und Obergeschoße als Geschäftsflächen mitzunutzen. Weiters bedarf es eines professionellen Managements, damit die Einkaufsstraßen dieselben Qualitäten anbieten wie Einkaufszentren, etwa die Sicherheit, dass zur selben Zeit alle Geschäfte offen haben. Das Beispiel Landstraßer Hauptstraße etwa ist für mich ein Horror. Ein Geschäft sperrt um zehn Uhr auf, das andere überhaupt nicht mehr, das dritte hat durchgehend offen. Ich glaube, dass man hier mit der Handelskammer eine Einigung erzielen könnte, wenn die Stadt mit Widmungen entgegenkommt.

STANDARD: Kommen wir zum Stichwort Architektur: Die Szene hungert danach, ihre Gesinnung kennen zu lernen. Was mögen Sie denn so an Architektur?

Schicker: Ist das wirklich wichtig?

STANDARD: Sicher, bei Ihren Vorgängern war's das immer.

Schicker: Aus der Konkurrenz und dem Wettbewerb entsteht etwas, bei dem ich mich nicht entscheiden muss, ob es mir gefällt. Prinzipiell bin ich aber eher für Geradlinigkeit, ich mag biedermeierlichen Schnickschnack nicht und lehne auch die Verschleierung der Inhalte eines Gebäudes ab. Mit anderen Worten: Ich anerkenne zwar die touristische Wirksamkeit der von Hundertwasser gestalteten Müllverbrennung Spittelau, trotzdem ist das eine Art der Verschleierung von Inhalten, die mir nicht behagt.

STANDARD: Beraterkreise und Kaminrunden um Planungsstadtrat und Bürgermeister haben Tradition. Werden auch Sie eine solche Runde pflegen?

Schicker: Ja. Ich bin kein Architekt, deshalb brauch' ich die Breite.

STANDARD: Wie werden Sie Ihre Berater auswählen?

Schicker: Demnächst wird es ein paar ungezwungene Termine mit Architekten geben. Eine Gruppe besteht aus arrivierten, die andere aus jungen Architekten.

STANDARD: Wo sind die in der Mitte? Die bleiben in der offiziellen Gunst derzeit scheinbar auf der Strecke?

Schicker: Zu mir hat man gesagt, die Jungen sind alle bis Mitte Fünfzig. Aber Scherz beiseite. Das Mittelalter werden wir eher zu den Arrivierten zählen. Mit den Top-Internationalen wird es wahrscheinlich Einzelgespräche geben.

STANDARD: Welchen Input erwarten Sie sich von diesen Architekturfachleuten?

Schicker: Ich erwarte spannende Überlegungen und Ideen für zukünftige Konzepte, die wir an städtebaulich neuralgischen Punkten verwirklichen können. Ich erwarte mir auch eine Klarheit dort, wo ich persönlich, als Raumplaner und als Sozialdemokrat, Schwierigkeiten mit allzu freizügigen Handhabungen der Bauordnungen habe.

STANDARD: Zum Beispiel wenn's allzu hoch hinausgeht?

Schicker: Das ist nur ein Punkt. Kritisch wird es überall, wo Wohnqualität und Architektur einander nicht treffen, sondern gegeneinander stehen. Ein weiterer Punkt, über den man intensiv reden muss, ist die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Bauingenieure haben gewöhnlich wenig Freude, wenn sie auf Architektenlösungen Rücksicht nehmen sollen, und bei Anrainern fühlen sich durch architektonische Gesamtkonzepte oft nicht verstanden. Da müssen wir eine Mischung finden, die der Stadt nicht den Ruf einträgt, sie vertreibe die Architekten, und die andererseits die Realisierungen von Platzneugestaltungen zügig vorantreibt.

STANDARD: Wann gibt es den neuen Stadtentwicklungsplan?

Schicker: Spätestens 2005. Sobald die Erweiterung der EU in Kraft tritt, sollten wir mit einem neuen Step gerüstet sein. Ich glaube nicht, dass Wien seine Gatewaysituation halten kann, wir müssen frühzeitig mit anderen Städten wie Prag und Bratislava in Kooperation treten.

STANDARD: Zurück zu ihrem eigenen Bereich: Derzeit sucht man einen neuen Kopf für die MA19, also eine architektonische Schlüsselposition der Stadt. Wann wird der/die MA19-ChefIn feststehen?

Schicker: Es gibt zum Glück 17 interne und externe Bewerber, eine schöne Mischung aus Frauen und Männern von innen und außen. Bei dieser großen Zahl wird es Hearings und ein sorgfältiges Auswahlverfahren geben. Bis zur Entscheidung wird es also noch ein Zeitl dauern.

STANDARD: Man munkelt, es gäbe drei heiße Favoriten, nämlich Leopold Dungl, Grete Cufer und Erich Raith?

Klotz: Wir werden mit großer Sorgfalt und Engagement eine Neupositionierung finden.

12. Mai 2001 Der Standard

Qualität durch Selbstaufopferung

Die Grünen wollen das Architekturwettbewerbswesen in Wien gründlich reformieren

„Totalreform der Architekturwettbewerbe der Stadt Wien“: Einen Antrag dafür werden die Grünen am 23. Mai im Gemeinderat einbringen. Anlass sind die „sich häufenden Formalfehler im Zuge der Wettbewerbsverfahren“, wie etwa im verunglückten Wettbewerb Katharinengasse. Christoph Chorherr fordert „Mindeststandards“ für die Wettbewerbsabwicklung, qualifizierte Preisrichter, transparente Juryentscheidungen, eine Verbindlicherklärung der Wettbewerbsordnung, sowie Geld für qualitätssichernde Verfahren.

Dass der Wettbewerb zwar ein probates, doch bei Missbrauch tückisches Mittel zur Findung der besten Architektur sei, hatte der Architekt Hermann Czech schon 1965 in einem Essay festgehalten: „Was nützen die zahlreichen Wettbewerbe, wenn die Ergebnisse sich nicht von bloßen Aufträgen unterscheiden können, weil in den Preisgerichten praktisch nur der Bauherr bestimmend ist?“

Czech war vergangenen Mittwoch neben zwei Dutzend weiteren prominenten Vertretern der Architekturszene im Rathaus von den Grünen zu einem Stadt- expertInnengespräch über das Wiener Wettbewerbswesen geladen, das Thema war auch 36 Jahre später das selbe: Verantwortlich für ein gutes Verfahren, so Hermann Czech, sei letztlich die Jury, doch komme es vor, dass Juroren die Hälfte ihrer Zeit darin verschwenden, herauszufinden, von wem die jeweiligen Projekte stammten.

Prinzipiell habe sich die gesamte Wettbewerbsszene, so Architekt Manfred Nehrer, in den vergangenen Jahren zu einem „Unwesen“ entwickelt: „74 Architekten rittern in einem Wettbewerb ohne Bezahlung um einen 150-Millionen-Schilling-Auftrag, während Milliardenaufträge wie die Wiener Messe frei an Planungsbüros vergeben werden. Architekten sind keine Bittsteller, wir haben nichts zu verschenken, und wenn Wien zu Recht von uns verlangt, dass wir alle Vorschriften einhalten, dann soll die Stadt sie selbst auch einhalten.“

Kammerchef Peter Scheifinger prangerte vor allem die Bauträgerwettbewerbe als „jämmerliches Geschehen, das eigentlich nur noch über die Juristerei“ abhandelbar sei, an. Kollege Martin Treberspurg brachte die Situation der Architekten auf den Punkt: „Wie lange noch können wir Qualität durch Selbstaufopferung aufrechterhalten?“ Das Hauptproblem der Architektur sei das politische Desinteresse an qualifizierten Bauten: „Allein für die Oper wird mehr Geld ausgegeben.“

Während Wettbewerbsverfahren dem einzelnen Architekten enorme Kosten von gelegentlich bis zu einer Viertelmillion Schilling aufbürden, setzen zwei Drittel aller heimischen Architekturbüros mittlerweile unter zwei Millionen jährlich um. Erstmals häufen sich Konkurse, die Branche droht von der raschen Blockbaumentalität des Großinvestorentums erdrückt zu werden. Dabei, so Chorherr, sei „das Bauen in der Stadt ein öffentlicher Akt“, und erfordere größte Sorgfalt bei der Entscheidung „warum was wo wie groß hinkommt“, sowie die bestmögliche aller Architekturen.

5. Mai 2001 Der Standard

„Das muss alles anders werden“

Das Wettbewerbsverfahren Katharinengasse wird nun zum Fall für den Vergabekontrollsenat

Zumindest zwanzig der 74 Teilnehmer am Architekturwettbewerb Katharinengasse werden das Verfahren gemeinsam juristisch anfechten. Das steht nach einer dreistündigen Debatte zwischen Teilnehmern und Juroren fest, die vergangenen Mittwochabend zu einem Gespräch in der Wiener Architektenkammer zusammenfanden.

Rund 50 großteils aufgebrachte Architektinnen und Architekten waren gekommen, um die Jury, vertreten durch ihren Vorsitzenden Architekt Ernst Giselbrecht, Architekt Michael Kohlbauer und Rüdiger Hälbig von der MA19, zu den erhobenen Vorwürfen bezüglich der eklatanten Verfahrensfehler zu befragen, über die das ALBUM wiederholt berichtet hat. Ebenfalls anwesend war Vorprüfer Leopold Dungl. Die Moderation des Gesprächs übernahm ein um Beschwichtigung bemühter Michael Buchleitner, er sitzt der Architektenkammer für Wien, Niederösterreich und Burgenland vor.

Was eine Klärung des Verfahrens hätte bewirken sollen, vertiefte letztlich den Missmut der Beteiligten, da die Entscheidungsfindung der Jury trotz heftiger Diskussion mehr Fragen offen als beantwortet ließ. Lediglich Rüdiger Hälbig schüttete öffentlich Asche auf sein Haupt und betonte, dass zukünftige Zusammenarbeiten sowohl zwischen Wettbewerbsteilnehmern als auch der Kammer als kontrollierendem Organ fruchtbarer abgewickelt werden sollten. Im Laufe der Jahre, so der MA19-Senatsrat, hätten sich die Nichtarchitekten in den Jurys zulasten der Architekten zu stark vermehrt. Künftig solle zumindest ein Gleichgewicht zwischen Fach- und Sachpreisrichtern herrschen, das sei mit der Stadtbaudirektion bereits abgestimmt, ein Gespräch mit dem neuen Planungsstadtrat Rudolf Schicker solle dieses Vorhaben demnächst finalisieren. Die Hauptvorwürfe mussten sich allerdings die in der Jury vertretenen Architektenkollegen gefallen lassen, die auf eine saubere Abwicklung gemäß der Wettbewerbsordnung hätten achten müssen, jedoch nicht genannte Juroren per Abstimmung zugelassen hatten.

20 der Beteiligten hatten die Aussprache am Mittwoch noch abgewartet, um zu entscheiden, ob der Vergabekontrollsenat eingeschaltet werden solle. Dies ist nun der Fall, die Rechtsanwaltskanzlei Pflaum, Karlberger und Wiener wurde beauftragt, einen Antrag auf Einleitung einer Nachprüfung des Verfahrens einzubringen. Ob auch Antrag auf eine einstweilige Verfügung und Planungsstopp eingebracht werden soll, dürfte in den nächsten Tagen entschieden werden.

Peter Scheifinger, Bundeskammer-Vorsitzender der Architekten, betonte, dass nun vor allem die Politiker aufgerufen wären, die Rahmenbedingungen für transparente, nachvollziehbare und ordnungsgemäß abgewickelte Wettbewerbsverfahren zu schaffen, wie sie etwa neuerdings bei der BIG „hervorragend“ abgeführt würden. Denn: „Wer von uns kann sich zwei, drei derartige Verfahren wirtschaftlich überhaupt noch leisten?“

Michael Buchleitner schloss nach drei hitzigen Stunden die Runde mit der Bitte, es möge „die Wut, die hier zu spüren war, in einen langen Atem umschlagen“. Während der Länderkammerboss einer juristischen Nachbehandlung der Angelegenheit eher reserviert gegenübersteht, sind die meisten Beteiligten der Ansicht, dass dieses Verfahren als Präzedenzfall aufgegriffen werden soll, weil man sich den „schludrigen Umgang“ mit Wettbewerbsteilnehmern sowie -beiträgen nicht länger gefallen lassen wolle.

Das Argument, dass man nach einem Einspruch lediglich einen „Scherbenhaufen“ und verbrannte Erde zurücklasse, zähle in diesem Fall nicht. Außerdem, das hat früher jeder Bauer gewusst, schließt ein heftiges Verbrennen abgestandenen Erdreichs allerlei Mineralien erst auf, und gebranntes Erdreich ist, neben Fäkalien, das älteste Düngemittel der Welt.

28. April 2001 Der Standard

Wer war Kurt?

Der Wettbewerb Katharinengasse könnte ein gerichtliches Nachspiel haben und wird zum Präzedenzfall. Derzeit prüfen Kammer und Vergabejuristen das Verfahren.

Am 12. März wurde der Architekturwettbewerb zum „Neubau einer Volksschule und eines Kindertagesheimes in Wien 10, Katharinengasse“ entschieden. 74 Büros hatten sich daran beteiligt. Das Entscheidungsverfahren war für zwei Tage angesetzt. Schon am späten Nachmittag des ersten Tages standen Sieger und Ankäufe fest. Wie das ALBUM berichtete, wirft nach Meinung der beteiligten Architekten die Art und Weise der Entscheidungsfindung diverse Fragen auf, denen nun nachgegangen wird. Eingeschaltet wurden unter anderem die Architektenkammer sowie Juristen und Vergabeexperten.

In einem Brief an den Auslober, die MA 19, stellen vierzehn der 74 am Verfahren beteiligten Architekturbüros Folgendes fest: "Wir erheben Einspruch gegen die Unvollständigkeit des Juryprotokolls, das ohne Genehmigung (Unterschrift) durch die Preisrichter an die Teilnehmer versandt wurde. Wir erheben Einspruch gegen die ,Aufhebung der Anonymität', da bei der persönlichen Abgabe der Wettbewerbsunterlagen im Büro des Vorprüfers Herrn Architekt DI Dungl die Unterschrift abverlangt wurde. (...)

Wir erheben Einspruch gegen die Abwicklung des Prüfverfahrens, wo in nur einer Wertungsrunde von den 74 eingelangten Projekten - ohne Angabe von Kriterien - 67 Projekte ausgeschieden wurden." Und weiter: „Die Jury hat in nur 150 Minuten 74 Projekte eines komplexen Bauvorhabens vom Vorprüfer erläutert bekommen. Die einfache Division von 150 Minuten durch 74 Projekte ergibt 121,6 Sekunden (d.s. 2 Minuten und 1,6 Sekunden) je Projekt. Eine protokollierte Begründung, warum die einzelnen Projekte ausgeschieden bzw. weitergeführt wurden, liegt den Teilnehmern nicht vor. Wir erheben dagegen massiven Einspruch, da es nach den Erfahrungen aus ähnlich komplexen Wettbewerbsprojekten unmöglich ist, dass unter anderem ein Mitglied der Jury, das erst um 12.30 eintrifft, um 13.00 bereits mitstimmt und über den Ausgang des Verfahrens mitentscheidet. Wir betrachten das als Missachtung der Bestimmungen des Wettbewerbsverfahrens und der Wettbewerbsordnung 1988.“ Und: „Wir behalten uns weitere rechtliche Schritte vor.“

In einem zweiten Schreiben an den Auslober, diesmal gezeichnet von elf beteiligten Architekten, wird ähnlicher Einspruch erhoben, unter anderem gegen die „Aufhebung der Anonymität“, gegen „nicht nachvollziehbare Ausscheidung von Projekten“, ein „ungültiges Juryprotokoll“, das „ohne Unterschrift (Genehmigung) durch die Preisrichter an die Teilnehmer versandt“ wurde und die „Nominierung von zusätzlichen Juroren in der Ausschreibung nicht genannter Personen“.

Auch dem Rechtsexperten der Architektenkammer, Christian Fink, wurde das Verfahren dargelegt. Er stellt fest, dass „bei entsprechender Antragsstellung an den Vergabekontrollsenat Wien der Auslober wohl mit einem Widerruf der Auslobung zu reagieren hätte“, unter anderem weil das Mitstimmen vorher nicht nominierter Personen „geeignet ist, die Unabhängigkeit des Preisgerichts in Zweifel zu ziehen“.

Ob gegen das Verfahren tatsächlich rechtlich vorgegangen wird, dürfte am Mittwoch der kommenden Woche entschieden werden, wenn sich alle Beteiligten - Architekten, Auslober, Juroren, Juristen - in der Kammer an einem Tisch zusammenfinden. Der Wettbewerb Katharinengasse stellt jedenfalls einen Tiefpunkt der Architekturkultur dar, und egal, ob das Verfahren neu aufgerollt wird oder nicht, die Kammer wird, so Länderkammerchef Michael Buchleitner, künftig „Verfahrensfehler verstärkt aufgreifen“, „Absprachen auf das Schärfste verurteilen“, „Ergebnisse künftig aktiv evaluieren“.

Gemeinsam mit der Gemeinde Wien soll im Herbst eine Vergabeenquete stattfinden, desgleichen werden Seminare zur Vorbereitung für das Abhalten von Wettbewerben veranstaltet. Buchleitner: „Es soll eine Art Führerschein geben, den die MA 19 künftig von Juroren auch verlangen wird. Wir nehmen den Fall Katharinengasse zum Anlass und verlangen jetzt von Wien eine konkrete Verbesserung der Wettbewerbssituation. Die arrogante Haltung, 67 Projekte einfach in den Papierkorb zu werfen, kann nicht hingenommen werden.“


Die Persönlichkeit der Jury

Architekt Roland Rainer über Notwendigkeit und Missbrauch des Prinzips Wettbewerb

der Standard: Was halten Sie vom Prinzip Wettbewerb?

Roland Rainer: Der Wettbewerb ist nicht nur in der Architektur, sondern auf fast allen Gebieten das natürliche Ausleseprinzip. Das beginnt mit der Biologie und endet mit der Architektur, was nicht sagen soll, dass es dort das Schlechteste ist - was man allerdings manchmal glauben könnte.

Was führt Sie zu diesem Glauben?

Die Erfahrung, vor allem der letzten Zeit. Architektur ist immer eine Aufgabe, die von sehr vielen verschiedenen Elementen beeinflusst ist. Das sind die künstlerischen, es sind aber auch die wirtschaftlichen und die politischen Aspekte. Wenn alle diese Elemente zusammen zu einem Ergebnis führen sollen, dann kann es eine Menge Probleme und Ungenauigkeiten und auch Missbrauch geben. Trotzdem bleibt der Wettbewerb die notwendige Art der Auslese, gerade auch in der Architektur.

Glauben Sie, dass die Rahmenbedingungen, unter denen Wettbewerbe heute stattfinden, passend sind, oder wären Verbesserungen notwendig?

Ich glaube, dass sie, so wie vieles andere heute, zu bürokratisiert sind. Aber das ist schwer abzuwägen. Meine großen Aufträge, die meine Arbeit als junger Architekt bestimmt haben, habe ich durchwegs aus Wettbewerben erhalten, wie etwa 1953 im Falle der Wiener Stadthalle. Wichtig ist: Es geht bei einem Wettbewerb meist nicht um die Lösung einer normalen Bauaufgabe, sondern um die Erörterung neuer Fragestellungen. Das heißt, je ungewohnter und spezieller eine Aufgabe ist, desto notwendiger ist es, eine große Zahl von Vorschlägen einzuholen. Außerdem macht man glücklicherweise nicht nur bei Großbauten Wettbewerbe. Selbstverständlich kann auch der Gedanke einer Siedlung, eines Kindergartens, einer Schule sehr wohl dieser allgemeinen Mühe wert sein. Ich bin der Meinung, man veranstaltet prinzipiell viel zu wenig Wettbewerbe.

Hatten Sie negative Erfahrungen mit Wettbewerbsverfahren?

Die negativen Erfahrungen gibt es, vor allem, wenn man den Eindruck gewinnt, dass eben nicht der beste Entwurf prämiert wurde. Andererseits - welcher ist aber der beste Entwurf? Und da sind wir an einem irrationalen Punkt angelangt, denn es gibt die verschiedensten Bewertungskriterien, sachliche, technische, künstlerische, und dann gibt auch den kommerziell besten Entwurf. Aber wer entscheidet?

Um den kommerziell besten Entwurf zu finden bedarf es eigentlich keines Wettbewerbs.

Das ist natürlich auch ein Gesichtspunkt. Ist Architektur eine kommerzielle Angelegenheit? Bis zu einem gewissen Grad natürlich. Ich habe nichts gegen wirtschaftlich optimale Lösungen, aber wenn gelegentlich Kritik geübt wird, dann weniger weil man einen Gesichtspunkt wie die Wirtschaftlichkeit ungebührlich in den Vordergrund gestellt hat, sondern weil überhaupt kein anderer Gesichtspunkt da ist, als irgendein persönlicher Vorteil. Das zu entscheiden ist sehr schwer und hängt von den Persönlichkeiten ab, die in der Jury sitzen.

Der Bauherr kann mit der Jurybesetzung den Wettbewerbsausgang bestimmen?

Im höchsten Grade. Mit der Bestimmung der Jury entscheidet er bereits, ob er die sachlich beste Lösung kriegt, oder eine, die irgend welchen persönlichen oder politischen Interessen entspricht. Es gibt kaum etwas, das komplizierter ist, von mehr Einflüssen abhängt und labiler ist, als ein Wettbewerb. Gerade wird eine Wettbewerbsentscheidung sehr kritisiert. Das sollte man sich vorbehalten dürfen. Sicherlich müsste jede Jury dazu bereit sein, in der Öffentlichkeit zu allen Einzelheiten Stellung zu nehmen, alles dazu beizutragen, dass die Ursachen einer Entscheidung geklärt werden.

Der Trend geht derzeit allerdings genau in die Gegenrichtung. Viele Wettbewerbsergebnisse werden derzeit nicht einmal öffentlich präsentiert.

Architektur ist keine Privatsache, sondern eine Angelegenheit, die diese Umwelt, in der wir leben, in hohem Grad bestimmt. Architektur ist eine res publica, und das hören Leute nicht gern, die ihr Geld investieren. Doch ein Wettbewerb ist nicht nur dazu da, dass Geld gut angewendet wird, sondern dazu, eine öffentliche Aufgabe auf das allerbeste zu lösen. Aus öffentlichen Diskussionen zu diesen Fragen könnte sehr viel gewonnen werden, an Information über Architektur, über die Gestalt des Raumes und der Stadt.

Sie selbst sind mit Wettbewerben groß geworden. Derzeit hat man den Eindruck, als ob in Wien immer dieselben Arrivierten zum Bau kämen. Ist das so, weil die Älteren so gut oder die Jüngeren so schlecht sind?

Die Jungen sind meiner Erfahrung nach sogar sehr gut. Welcher Architekt wirklich als gut angesehen wird, ist oft Sache des Vorurteils. Ich erinnere mich an die Zeit, als Clemens Holzmeister noch ein bedeutender und einflussreicher Mann war. Da war er oft in Jurys, und es gab Fälle, wo die Träger des ersten Preises ihn dann am Bau beteiligt haben. Im Falle des Funkhauses zum Beispiel, wo er die Fassade machte. Oder bei der Reichsbrücke, wo er die Lampen entwarf. Irgendwo hat man einem prominenten Architekten da Dinge zugebilligt, die außerhalb der Norm waren. Man kann nicht sagen, dass das korrupt war, denn schließlich haben alle gemeint, sie seien dafür. Doch hier liegt eine Möglichkeit der Beeinflussung, der Ungenauigkeit, der Missverständnisse, die ungeheuer ist. Die augenblicklich dominierenden Persönlichkeiten wie Holzbauer, Peichl und auch Hollein kommen aus der Schule Holzmeisters, und der war ein Symbol für eine bestimmte Art von Architektur, aber auch für eine verhältnismäßig kluge und geschickte Taktik.

Hollein hat hierzulande allerdings nur wenige Wettbewerbe gewonnen.

Er ist weniger der Macher als der sicherlich künstlerisch Potensteste der Gruppe. Aber es ist mir zum Beispiel unbegreiflich, dass Holzbauer, der reine Machtarchitektur macht, einen derartigen Aufschwung erlebt. Ich führe das auf die Regierungsumbildung zurück.

Die politische Machtentwicklung spiegelt sich direkt in der Architektur wider?

Sicher, ist doch ganz klar, Denken Sie an die Wiener Stadtentwicklung in den Zwanzigerjahren: Sehr gut. Die Entwicklung jetzt: weniger gut. Niemals war das deutlicher. Ohne Macht wird's nie gehen. Solange sie demokratisch ist, geht es, aber sie rutscht leicht in die Demokratur ab. In manchen Fällen hat der Zugriff der Macht alles zerstört, das klassische Beispiel dafür ist das Museumsquartier. Wer hat da nicht alles dreingeredet.

Eine intelligente und auch verbindliche Wettbewerbsordnung tut Not?

Man muss darauf achten, dass die Sachen zumindest korrekt und sinnvoll abgewickelt werden. Die Verhältnisse hier sind sicher in einigen Punkten verbesserungsbedürftig. Jurys nehmen die Sache gelegentlich offenkundig nicht sehr ernst. Vor allem der Bauherr, der öffentliche Gelder verwaltet, ist in besonderem Maße verpflichtet, allerhöchste Kriterien anzuwenden.

Würde sich etwas bessern, wenn Wien endlich die Wettbewerbsordnung für Architekten anerkennen würde?

Sicherlich wäre das das Logische, doch wer kann sie zwingen? Letzten Endes kann eine gewisse Kontrolle dadurch entstehen, dass sich Medien intensiv mit diesen Dingen beschäftigen und klar berichten. Es hat ja einen Grund, wenn eine öffentliche Einrichtung wie die Stadt Wien die Öffentlichkeit ausschaltet. Wir haben viel zu wenig offene Diskussion über Architektur. Architektur ist Lebensraum, über den immer wieder geredet werden muss, und zwar sachlich und nicht über Geschmacksfragen.

27. April 2001 Der Standard

Planet Shopping

Wenn Stararchitekten für Modestars maßschneidern, kommt ein flottes Outfit raus. Rem Koolhaas und Herzog & de Meuron haben für die neuen Shops und Verkaufshäuser von Prada Maß genommen

Begegnungen mit Rem Koolhaas sind immer spannend und überraschend, weil der Architekt aus Rotterdam das scheinbar Nebensächliche mit konzentriertem Ernst und scharfsinnigen Ideologien in den Mittelpunkt zu rücken pflegt. Was man denn da in der Hand halte, fragt der gewöhnlich sehr Schweigsame beispielsweise zuzeiten aus dem Nichts heraus überrumpelte Plastiksackerlträger. Na, man habe halt nebenbei gerade eine Kleinigkeit eingekauft, so die zaghafte und verlegene Antwort, und Koolhaas hat wieder einmal eine Bestätigung seiner derzeit wichtigsten Theorie erhalten, die da lautet: Die Zukunft heißt einkaufen, einkaufen, einkaufen.

Die neoliberale Demokratie, so predigt der asketische Architekt, bringe keine Bürger, sondern Konsumenten hervor, keine Gemeinschaften, sondern Einkaufszentren. Wie aber schaut im dritten Jahrtausend der ideale Shop für eine Nobelmarke aus, wenn die Einkaufszentrumswut alle und alles erfasst und die früher vereinzelt vorkommenden Geschäfte zu riesenhaften Einkaufsstädten vereint hat? Wie kann sich eine einzelne Marke heutzutage architektonisch profilieren und sich bereits mit seinen raffiniert und markant gemachten Geschäften vom Einheitsbrei deutlich abheben?

Der italienische Mode-Multi Prada hat diese Frage an Rem Koolhaas und seine Schweizer Kollegen Jacques Herzog und Pierre de Meuron delegiert und jetzt ein paar atemberaubende Antworten bekommen. Unter dem von Prada ausgegebenen Motto, Kultur und Konsum elegant zu vereinen, entwickelten die Architekten für Standorte in San Francisco, New York, Tokyo, Los Angeles und Arezzo Prada-Shops, Prada-Gebäude, Prada-Verwaltungszentren mit den verschiedenartigsten Architekturcharakteren. Denn, so die Auftraggeber aus Mailand: Man hege nichts weniger als die Sehnsucht nach einer radikalen Neuerfindung und Neudefinition des Einkaufens schlechthin.

Nicht ein schöner, aber auf der gesamten Welt stereotyper Shop-Stil, der mit den immer gleichen Shop-Elementen, wie ihn etwa Chanel oder Gucci von Paris bis Sydney vornehm pflegen, für Wiedererkennung sorgt, soll fürderhin Pradas Erscheinungsbild markieren. Jeder große Standort möge vielmehr seine eigene, ganz spezielle Atmosphäre entwickeln. Die Architektur beschränkt sich dabei nicht auf das Bereitstellen von Verkaufsflächen und auf die Konzeption spektakulärer Räume, sondern sie wird das Thema Einkaufen selbst ganz neu und aufregend aufrollen. Schließlich wird hier von Stararchitekten für Modeprofis maßgeschneidert.

Suggestive Architektur nennt man das heute, und was damit gemeint ist, wird beispielsweise im Falle des zehngeschossigen Prada-Blocks von Rem Koolhaas in San Francisco deutlich. Der ist mit seiner metallverkleideten und rundlich käseartig durchlöcherten Haut ein städtebauliches Landmark. Weiters werden hier die in den letzten Jahren ausgefeilten Shop-Konzepte optimiert.

Da erstrecken sich exklusive VIP-Bereiche über ganze Geschosse, da locken gemütliche Kaffeehäuser und Bars zum Verweilen, liegen Catwalks im Scheinwerferlicht und intime Kundenzonen zum Kleideranprobieren im Verborgenen.

Konzeptuell ähnlich, in seiner Architektursprache aber ganz anders, wird das extravagante Prada-Haus von Herzog & de Meuron für Tokio funktionieren. Für alle Häuser und Shops entwirft die japanische Architektin Kazuyo Sejima ein Verkaufs-und Präsentationssystem, das die „Prada Beauty Line“ angemessen zur Geltung bringen wird.

Das Einkaufen ist bereits jetzt Hobby und Freizeitbeschäftigung der privilegierten Weltbevölkerung. Mit Prada soll es zum Spektakel werden. Wie Architekten und Unternehmen ihr Ziel, die Marke Prada zu stärken und zugleich die Individualität ihrer Kunden hochzuhalten, verwirklichen werden, wird erst ein Probeshopping in den neuen Planeten dieser „Prada universe“ weisen.

Rem Koolhaas selbst neigt dem Einkaufen übrigens weniger zu. Erstens hat er zu wenig Zeit dazu, und zweitens geht er lieber Dauerlaufen. Wenn es sein muss, sogar in der Stadt - auch wenn man sich da zwischen Plastiksackerlträgern durchschlängeln muss.

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag