Bauwerk

Neue Synagoge Dresden
Wandel Hoefer Lorch + Hirsch - Dresden (D) - 2001
Neue Synagoge Dresden, Foto: Roland Halbe / ARTUR IMAGES
Neue Synagoge Dresden, Foto: Roland Halbe / ARTUR IMAGES

Steinerne Kuben an der Elbe

Ein Meisterwerk der Synagogenarchitektur in Dresden

14. November 2001 - Roman Hollenstein

Exakt 63 Jahre nach der Zerstörung der Semper-Synagoge in der «Reichskristallnacht» konnte in Dresden die neue Synagoge von Wandel Hoefer Lorch + Hirsch eingeweiht werden. Der aus zwei Steinkuben bestehende Neubau, der das Elbpanorama der Stadt abschliesst, darf als ein Meisterwerk der Sakralarchitektur bezeichnet werden.

Wiederaufbau und Rekonstruktion sind die beiden grossen Themen, die Dresdens Altstadtdiskussion beherrschen. Während am Schloss und an der Akademie noch immer gebaut wird, ist soeben das Cosel-Palais wie ein Spielberg'scher Dinosaurier aus der Retorte wiedererstanden; und schon bestehen Vorstellungen, wie mit weiteren Barockfassaden der ganze Neumarkt rekonstruiert werden könnte.

Vorerst präsentiert er sich aber noch als zugiges Niemandsland - halb Parkplatz und halb Lapidarium -, auf dem sich der mittlerweile über 40 Meter hohe Würfel der Frauenkirche erhebt. Rechtzeitig zur Achthundertjahrfeier Dresdens soll sie 2006 wieder ihre einstige Höhe von 95 Metern erreichen. Zwei kleinere Kuben, von denen der höhere 24 Meter misst, stehen seit kurzem am Rande der Altstadt zwischen der Ruine des Kurländer Palais, der Brühlschen Terrasse, der Elbe und der Carola-Bücke. Es handelt sich dabei um die neue Synagoge, die exakt 63 Jahre nach der Reichspogromnacht am vergangenen Freitag feierlich eingeweiht werden konnte.

Auf dem abschüssigen Restgrundstück am verkehrsreichen «Hasenberg» stand einst als östlicher Abschluss des berühmten Elbpanoramas Gottfried Sempers 1840 vollendete Synagoge, welcher der grosse Architekt wenig später am Westende der Altstadt die Semperoper gegenüberstellte. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde dieses für die Entwicklung des Synagogenbaus so bedeutende Gotteshaus niedergebrannt, die Steine wurden auf Kosten der jüdischen Gemeinde Dresdens abgetragen und für den Strassenbau verwendet. Nachdem nach der Wende die Gemeinde durch Zuzug aus dem Osten wieder gewachsen war, kam bei den inzwischen fast 400 Gläubigen der Wunsch nach einer neuen Synagoge auf. Doch wollten sie, obwohl die Stadt das Gelände der einstigen Synagoge in Aussicht stellte, nichts von einer Rekonstruktion des Semper-Baus wissen, weil die dunkle Vergangenheit nicht einfach ausgeblendet werden sollte.

Im Februar 1997 wurde ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, an dem 57 Büros aus ganz Europa teilnahmen und den Livio Vacchini und Heinz Tesar ex aequo für sich entscheiden konnten. Die Bauherrschaft favorisierte aber das nächstplacierte Projekt des jungen deutschen Teams Wandel Hoefer Lorch + Hirsch, das sich wie kein anderes mit der Theorie des Synagogenbaus beschäftigt. Der damals kritisierte Entscheid erwies sich schliesslich als richtig, ist doch ein architektonisch, künstlerisch, kultisch und symbolisch gleichermassen überzeugender Baukomplex entstanden, in dem Synagoge, Gemeindezentrum und Mahnmal eine grosse Einheit bilden.

Das Architektenteam, das bereits mit seiner Frankfurter Shoah-Mauer internationale Beachtung fand und kürzlich den Wettbewerb für ein jüdisches Zentrum mit Museum in München für sich entscheiden konnte, baute keine der Tradition verpflichtete Anlage in der Art von Alfred Jacobys Darmstädter Synagoge, die letztlich nur eine postmoderne Interpretation der Dresdner Semper-Synagoge darstellt. Vielmehr strebten Nikolaus Hirsch und Wolfgang Lorch nach einer möglichst abstrakten Umsetzung der Bauaufgabe. Bastionsartig setzten sie die Synagoge und das Gemeindehaus in der Form von zwei aus den gleichen sandsteinfarbenen Betonformsteinen gemauerten Kuben auf ein knapp 100 Meter langes und 26 Meter schmales Podest und trennten die beiden Bauten durch einen ummauerten Hof. Der wurde zum Gotteshaus hin mit einer Platanengruppe wie auf der Brühlschen Terrasse bepflanzt, zum Gemeindezentrum hin aber frei gelassen. Denn hier stand einst die Semper-Synagoge. Deren nachgeformte Leerstelle füllte man - an die «Kristallnacht» gemahnend - mit Bruchglas auf und mauerte die bei den Bauarbeiten ans Licht gelangten Grundsteine des Altbaus als Erinnerung in die östliche Hofwand ein.

Das altstadtseitige Gemeindehaus, das wegen seiner waagrechten Fensterschlitze von lokalen Kritikern als «Bunker mit Schiessscharten» angegriffen wurde, ist eine Art Guckkasten aus Beton mit selbst tragender Steinverkleidung und vitrinenartiger Verglasung zum Hof hin. Es beherbergt Gemeindeverwaltung, Schulungsräume, eine Tagessynagoge sowie einen mit Seiten- und Oberlicht erhellten Mehrzwecksaal. In dem zum Hof hin sich öffnenden Vorraum soll - für Synagogen einmalig - ein öffentliches Café eingerichtet werden. Während sich das Gemeindehaus als eine Architektur des frühen 21. Jahrhunderts zu erkennen gibt, wirkt die zur Elbe hin orientierte, massiv gemauerte Synagoge fast archaisch - wäre da nicht die seltsame Drehung der orthogonalen Steinlagen, die das 26×23×24 Meter messende Gebäude in einen minimalistischen, zwischen Sol LeWitt und Altägypten oszillierenden Cube verwandeln. Diese Torsion, die die Architekten mit der Ausrichtung des Gebäudes nach Osten begründen (obwohl die im Talmud geforderte Hinwendung nach Jerusalem hier eigentlich nach Südosten weist!), verleiht dem abstrakten Synagogenbau skulpturale Qualität. Eine scharf eingeschnittene Glastüre, auf deren Kämpfer ein von der Semper-Synagoge geretteter Davidstern steht, führt vom Hof ins Innere des Kubus, dessen schweres Gemäuer von einer Kassettendecke zusammengehalten wird. Von ihr ist ein Baldachin aus goldfarbenem Metallgeflecht abgehängt. Verweist der massive Aussenbau mit seinen «dauerhaften (Klage-)Mauern» auf den Tempel in Jerusalem, so gemahnt das textile Innere an das Stiftszelt. Derart eigenwillig ist das nach Salomon Korns Theorie die jüdische Tradition prägende Gegensatzpaar von Dauerhaftem und Provisorischem wohl noch in keinem Synagogenbau zum Ausdruck gebracht worden.

In den zeltartigen, mit dem Thoraschrein exakt nach Osten ausgerichteten «Raum im Raum» wurden Bänke und Empore wie Möbel hineingestellt. Zentral im Raum steht die durch ein Oberlicht erhellte Bima mit dem Pult für die Thoralesung. Die für aschkenasisch-orthodoxe Synagogen typische Trennung von Thoraschrein und zentraler Bima, die ebenso wie die Frauenempore für den in Dresden praktizierten liberalen Ritus nicht gefordert ist, wählten die Architekten wohl, um eine neue Lösung für die ebenfalls von Korn herausgearbeitete synagogale «Raumantinomie» zwischen Langhaus und Zentralbau zu bieten. Trotz dieser Theorielastigkeit und den vielen gelehrten Bezügen zum Talmud resultierte aus der architektonischen Recherche von Hirsch und Lorch kein akademisch trockenes Gebäude. Entstanden ist vielmehr ein Gotteshaus von materialsinnlicher Einfachheit, in dem sich ähnlich wie in Louis Kahns nicht realisierter Hurva-Synagoge in Jerusalem alles um Spiritualität, Mystik, Licht und Schatten dreht. Dieser ebenso innovative wie symbolträchtige Sakralbau könnte für Dresden, das sich bis heute schwer tut mit eigenständiger neuer Architektur, zum Hoffnungsschimmer werden. Beweist er doch, dass zeitgenössisches Bauen selbst im schwierigen Kontext der Altstadt möglich ist.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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