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27. März 2026 Spectrum

Ein neuer Blick auf Hoffmann und Co in der Schausammlung des Wiener MAK

Markus Schinwald gestaltete im MAK die Ausstellung „Wien 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk“ neu. Der Schauwert ist hoch, etablierte Sichtweisen werden hinterfragt. Obwohl die Schau auch den Alltag im Titel führt, liegt ihr Fokus auf dem Gesamtkunstwerk.

Wien um 1900, das ist seit der Ausstellung „Traum und Wirklichkeit“ im Wiener Künstlerhaus im Jahr 1985 ein kultureller Markenbegriff. Hans Hollein gestaltete damals eine spektakuläre Inszenierung, von der sich zumindest die Dachaufbauten auf dem Künstlerhaus – eine nackte Frauenfigur im Stil Gustav Klimts auf der einen Seite und eine abstrahierte Darstellung des Karl-Marx-Hofes auf der anderen – ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben.

Über 600.000 Besucher kamen, denen anhand von Bildern, Modellen und 1:1-Rekonstruktionen, etwa des Portals der Loos-Bar oder des Depeschenbüros der „Zeit“ von Otto Wagner, eine Kulturgeschichte der Jahre 1870 bis 1930 erzählt wurde, mit der Veröffentlichung von Freuds „Traumdeutung“ genau in der Mitte dieser Zeitachse.

Durchdringung des Alltagslebens mit Kunst

Die Epoche ist geprägt vom Hang zum Gesamtkunstwerk, also der Durchdringung des Alltagslebens mit Kunst, wie es die Wiener Werkstätten und ihre Gründer Josef Hoffmann und Koloman Moser propagierten, und von der radikalen Kritik an dieser Position, wie sie am schärfsten von Adolf Loos formuliert wurde: In seiner Zeitschrift „Das Andere. Ein Blatt zur Einführung abendländischer Kultur in Österreich“ fordert er 1903 eine vom Gebrauch und vom Handwerk her gedachte Ästhetik, die sich am amerikanischen Pragmatismus und am britischen Understatement orientierte. Eine mittlere Position zwischen diesen Extremen nahm Josef Frank ein, der als „modern“ nur eine Architektur gelten lässt, die „uns vollkommene Freiheit“ gibt. Das schließt die kritische Verwendung historischer Formen und Ornamente ein, zur Bereicherung des Alltagslebens, aber nicht als stilistisches Korsett.

Der in den Jahren von 1890 bis 1914 maßgeblichste und von allen Parteien in diesem Konflikt geschätzte Architekt war Otto Wagner, der mit seinem 1912 im amerikanischen „Architectural Record“ publizierten Text „The Development of a Great City“ auch einen der Leittexte des modernen Städtebaus verfasste. Am sozialen Wohnbau des Roten Wien hatte der 1918 verstorbene Wagner indirekt Anteil: Viele Gemeindebauten stammen von seinen Schülern, so auch der Karl-Marx-Hof von Karl Ehn.

Einzigartige Sammlung mit Arbeiten von Klimt, Schiele, Kokoschka und Gerstl

Seit der Ausstellung „Traum und Wirklichkeit“ sind über 40 Jahre vergangen, und man darf sich fragen, an welchen Stellen dieses ihr zugrundeliegende Narrativ brüchig geworden ist. Veranstalter der Ausstellung im Künstlerhaus war das heutige Wien Museum. Obwohl es einige Exponate, nicht zuletzt die originale Einrichtung der Wohnung von Adolf Loos, besitzt, sind zwei andere Museen von ihrer Positionierung her näher am Thema, nämlich das ­Leopold-Museum und das MAK, die beide in ihren Dauerausstellungen einen Bereich mit demselben Titel, „Wien 1900“, zeigen. Im ­Leopold-Museum stammt die Präsentation mit dem Untertitel „Aufbruch in die Moderne“ aus dem Jahr 2019 und umfasst neben der einzigartigen Sammlung mit Arbeiten von Klimt, Schiele, Kokoschka und Gerstl eine Raumsequenz, in der das Werk von Hoffmann, Loos, Moser und Wagner anhand von Möbeln und Fotografien zueinander in Stellung gebracht wird. Raumhohe fotografische Porträts zelebrieren, in Kombination mit Texttafeln zur Biografie, den Genie-Status der Akteure.

Dass eine solche Ausstellung heute nicht mehr möglich ist, liegt an neueren Erkenntnissen über die Protagonisten. Dass Adolf Loos 1929 wegen massiven sexuellen Missbrauchs von drei Mädchen bedingt zu vier Monaten Arrest verurteilt wurde, war bekannt, wurde in der Fachliteratur aber verharmlost und als politisch motiviertes Fehlurteil dargestellt. 2015 tauchte in einer Verlassenschaft der verloren geglaubte Gerichtsakt auf, der keinen Zweifel an Loos’ Schuld und an der fragwürdigen Rolle seiner Zeitgenossen bei der Vertuschung ließ. Angekratzt ist auch der gute Ruf Otto Wagners: Tagebucheinträge belegen, dass der große Architekt ein kleinkarierter Antisemit war. Und auch Josef Hoffmanns „unpolitische“ Haltung im Ständestaat und im NS-Regime wird heute eher als Opportunismus gedeutet.

Politischer Kontext anhand von Wahlplakaten ermittelt

Das Problem ist: Ohne Wagner, Loos und Hoffmann lässt sich nur schwer eine konsistente Geschichte der Wiener Moderne erzählen. Das gilt auch für das MAK, das seine Schausammlung zuletzt 2013 unter dem Titel „WIEN 1900. Design / Kunstgewerbe 1890–1938“ neu aufgestellt hatte. Die Präsentation folgte in drei Räumen einem chronologischen Aufbau: von der Überwindung des Historismus Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1938. Der erste Raum zeigte Wagner, Loos und andere Protagonisten bei der Suche nach einer „modernen“, rationalistischen Ästhetik; der zweite thematisierte das Gesamtkunstwerk mit einer 1:1-Werkzeichnung eines Mosaikfrieses von Gustav Klimt für Josef Hoffmanns Palais Stoclet in Brüssel als zentralem Ausstellungsobjekt; der dritte Raum zeigte Wiener Beispiele in Kombination mit internationalen Design-Klassikern der Zwischenkriegszeit, deren politischer Kontext anhand von Wahlplakaten vermittelt wurde.

Das Wagnis ist aufgegangen

Dass diese Aufstellung trotz ihrer hochwertigen Ausstellungsarchitektur nach zwölf Jahren eine Erneuerung brauchen konnte, war klar, nicht zuletzt wegen der Kette von Sonderausstellungen, die es seither im MAK gegeben hatte, unter anderem: „Josef Hoffmann. Fortschritt durch Schönheit“, 2022; „POST-OTTO-WAGNER: Von der Postsparkasse zur Postmoderne“, 2018; „Josef Frank, Against Design“, 2015; „Wege der Moderne: Adolf Loos, Josef Hoffmann und die Folgen“, 2014. Wer erwartet hatte, dass dieses geballte Know-how des MAK direkt in die neue Aufstellung fließen würde, war über die Ankündigung überrascht, dass Lilli Hollein, die neue Direktorin des MAK, den Künstler Markus Schinwald beauftragt hatte, die Neuaufstellung in Zusammenarbeit mit den Kustoden des Hauses zu gestalten. Das knüpft an die vom ehemaligen Direktor Peter Noever etablierte Strategie des MAK an, in Räumen der Sammlung eigene Kunstwerke zu installieren und mit dem Bestand in Dialog zu bringen. Das Herzstück der Sammlung komplett in die Hände eines einzelnen Künstlers zu legen ist allerdings ein Wagnis. Um es vorwegzunehmen: Das Wagnis ist aufgegangen. Es lebt von einem einfachen Prinzip: Kunst darf alles. Auch eine Ausstellung mit dem Titel „Wien 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk“ ankündigen und dann Exponate aus den 1950er- und 1970er-Jahren präsentieren oder trotz des Titels wenig Alltag und viel Gesamtkunstwerk zeigen.

Im Gesamtkunstwerk verbindet sich das Große mit dem Kleinen

Im Eingangsbereich wird der Besucher von einem 1:1-Modell eines Fassadendetails empfangen, das zum Pavillon gehört, den Josef Hoffmann 1925 in Paris für die „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ entworfen hat. In einer Vitrine auf der Rückseite ist aus Metallarbeiten mit ähnlichem Profil eine kleine Skyline aufgebaut – im Gesamtkunstwerk verbindet sich das Große mit dem Kleinen. Zentrales Ausstellungsobjekt bleibt die wunderbare Stoclet-Werkzeichnung von Klimt; Otto Wagners Rationalismus wird anhand einer ins Unendliche gespiegelten Bürosituation mit Wagner-Mobiliar visualisiert. Mit einem „Boudoir für einen großen Star“ präsentiert sich Hoffmann auf der Weltausstellung 1937 als Großmeister des Art déco; im MAK bildet der mit glänzenden Metallwänden und Bodenspiegeln ausgestattete Raum den Rahmen für ein Standbild aus Fritz Langs Film „Metropolis“. In der Raumnische nebenan werden Architekturfotos gezeigt, großteils Innenräume, viele davon auch in faszinierenden, digital kolorierten Versionen.

Der Schauwert der Ausstellung ist insgesamt hoch, und sie irritiert geschickt etablierte Sichtweisen. Loos wird im Wortsinn schubladisiert (am Ende der langgezogenen Vitrine über die Wiener Werkstätten) und weitgehend auf den „Fall Loos“ reduziert. Dass auch Josef Frank in diesem Konzept keinen Platz gefunden hat, ist bedauerlich. Seit die Villa Beer wieder öffentlich zugänglich ist, sollte er aus der Kulturgeschichte Österreichs nicht mehr wegzudenken sein.