Die schwierige Geburt einer Ikone: Sydney hat einen neuen Fischmarkt
Ein 836 Millionen Dollar teurer Neubau am Hafen von Sydney soll zu einem Wahrzeichen der Stadt werden. Die Architektur soll auch einem hochgegriffenen Vergleich standhalten.
Am 19. Januar öffnete Sydneys neuer Fischmarkt seine Tore, und die Betreiber gaben sich keine Mühe, ihre Ambitionen zu verbergen: Der Markt sei «Sydneys bedeutendstes Hafengebäude seit dem Opernhaus», so heisst es in offiziellen Mitteilungen. Ein gewaltiger Anspruch für einen Ort, an dem täglich ab 5 Uhr 30 rund fünfzig Tonnen Fisch gehandelt werden. Immerhin ist das einst von Jørn Utzon entworfene Sydney Opera House ein Wahrzeichen Australiens.
Das dänische Architekturbüro 3XN hat gemeinsam mit den australischen Partnern BVN und Aspect Studios tatsächlich etwas Spektakuläres geschaffen: einen riesigen, elegant geschwungenen Holz- und Aluminiumschirm, der sich über dem Wasser ausbreitet – halb schützende Welle, halb schimmernde Fischhaut. Das 230 Meter lange, wellenförmige Dach aus 594 aus Brettschichtholz gefertigten Balken und 407 Dachkassetten ist mit seinen 2500 Tonnen das grösste seiner Art auf der südlichen Hemisphäre. Und es sieht aus, als hätte jemand die Oberfläche eines gigantischen Barramundi in weiss-silberne Schuppen zerlegt und dann sanft über die Bucht drapiert.
Spektakel unter dem Dach
«Dieses Gebäude wird viele Funktionen erfüllen: ein lebendiger Fischmarkt, eine Bereicherung für die Stadt, ein kulturelles Ziel, ein städtebauliches Bindeglied und ein inspirierendes Wahrzeichen», erklärte Kim Herforth Nielsen, Gründungspartner von 3XN, nicht ganz ohne Pathos. Die Architekten betonen, dass sie «mehr als nur einen Fischmarkt» schaffen wollten, nämlich «in erster Linie eine bedeutende kulturelle Einrichtung».
Doch mit dem hohen Anspruch wächst auch die Skepsis. Auf Reddit wird bereits lebhaft darüber diskutiert, ob die ikonische Geste nicht etwas gar zu dick aufgetragen sei. Während einige die futuristische Effizienz und die Brettschichtholz-Technologie loben, kritisieren andere das Gebäude als «hostile architecture» – oder schlicht als «Einkaufszentrum». Ein Nutzer merkt trocken an, das Dach wirke «wie ein Eierkarton, wenn es schmutzig ist». Die Instagram-Ästhetik – sehr fotogen, sehr «look-at-me» – kommt nicht bei allen gut an.
Tatsächlich schwebt der neue Fischmarkt irgendwo zwischen maritimem Traum, nachhaltigem Statement und leichtem Architekturspektakel. Bei bestimmten Lichtverhältnissen funkelt und changiert die Oberfläche wirklich schön, fast wie ein lebendiger Fischschwarm am Himmel. Das eigentliche Erlebnis entfaltet sich jedoch im Inneren.
Die monumentale Dachkonstruktion schwebt wie ein massives, aber elegantes Puzzlespiel über den Besuchern – 407 Kassetten, von denen 80 Prozent aus standardisierten Modulen bestehen, fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk. «Es ist nicht nur ein Dach, es erfüllt wichtige Funktionen aus der Perspektive der Nachhaltigkeit», erklärt der Projektleiter John Sham von 3XN. Die nach Süden ausgerichteten Oberlichter formen die prismatische Struktur, während die Ost-West-Ausrichtung Raum für die integrierten Photovoltaikmodule bietet.
Die offene Gestaltung macht den Markt zu dem, was der alte Standort nie war: transparent und nach aussen gerichtet. «Im Moment ist es sehr nach innen gerichtet», so beschreibt Sham die alte Anlage im Vorort Pyrmont. Bisher habe niemand die praktische Seite des Marktes gekannt. Der neue Bau hingegen soll den Besuchern Einblicke in die gesamte Arbeitsweise geben, von der morgendlichen Auktion über das Filetieren bis zum Verkauf. «Das ist die Idee eines Marktes», sagt Sham über die sichtbare Betriebsamkeit.
Anstelle geschlossener Ladenfronten entstanden ringsum zugängliche Verkaufsstände, verbunden durch einen klaren Nord-Süd-Boulevard. Die warmen Holztöne des Daches kontrastieren bewusst mit der naturbelassenen Palette darunter: Beton bleibt Beton, keine Verkleidungen, keine Spielereien. Die gläsernen Bereiche und Amphitheater-Treppen bieten attraktive Plätze mit Blick auf Blackwattle Bay.
Mit Nachhaltigkeit im Kern konzipiert, strebt der Bau eine 5-Sterne-Green-Star-Bewertung an. Die über 400 Solarpanel-Kassetten sollen etwa 345 Megawattstunden Energie jährlich erzeugen. Regenwasser wird über die gesamte Dachfläche gesammelt, die gleichzeitig als Rinne fungiert, und zu zwei Tiefpunkten geleitet. Biofiltersysteme sollen das Wasser reinigen und zugleich Lebensraum für heimische Vögel bieten.
Wahrzeichen mit Fragezeichen
Doch ausgerechnet bei der Verkehrsanbindung hapert es gewaltig. Der neue Fischmarkt soll laut Prognosen über sechs Millionen Besucher jährlich anziehen – eine Verdoppelung gegenüber dem alten Standort. Dennoch gibt es vor Ort nur etwa 400 Parkplätze und mindestens im ersten Jahr keine Fährverbindung. «Es ist etwas faul an diesem Fähranleger-Debakel», so kommentiert ein lokales Medium trocken. «Der Veranstaltungsort soll das Opernhaus für Fisch werden. Der Bau eines Anlegers, um Touristen anzulocken, müsste da ein Kinderspiel sein.»
Der gerne bemühte Vergleich mit dem Opernhaus ist vielleicht das grösste Problem des neuen Fischmarkts. «Ikone ist ein sehr starkes Wort, und ich denke, ob etwas zur Ikone wird, entscheidet am Ende die Öffentlichkeit», meint Sham denn auch zurückhaltend. «Wir wollten nie eine Ikone entwerfen. Wir wollten wirklich etwas für die Stadt und die Menschen gestalten.»
Das Opernhaus, Jørn Utzons Meisterwerk von 1973, war radikal und unerwartet, ein architektonisches Wagnis, das die Welt überraschte. Der neue Fischmarkt verfolgt einen anderen Ansatz – weniger revolutionär vielleicht, dafür leichter zugänglich. «Man muss nichts bezahlen, um diese Räume zu nutzen. Man muss keinen Fisch kaufen. Man kann einfach zum Joggen vorbeikommen oder sich zum Mittagessen hinsetzen», so Sham. Darin sieht er durchaus eine Parallele zum Opernhaus: «Diese Idee der öffentlichen Domäne und der Promenade» – sie verbinde die Bauten.