Prunk fürs Proletariat
Zum 100. Jubiläum des Amalienbads im Arbeiterbezirk Favoriten ist im Waschsalon des Karl-Marx-Hofs die Ausstellung „Auch für Nichtschwimmer“ zu sehen. Dort kann man ins Bäderwesen des Roten Wien eintauchen.
Für den Bau des Amalienbads wurde einst Material in einer bis heute eindrucksvollen Größenordnung herangeschafft: mehr als 3000 Waggons voller Zement, Betonschotter und Ziegel, dazu 900 Spiegel, 553 Umkleidegelegenheiten und 600 Badevorleger. Allein die Montage der 35.000 Quadratmeter Keramik verschlang 170.000 Arbeitsstunden. Als es am 8. Juli 1926 erstmals seine Pforten öffnete, ging in Wien gewissermaßen der Klassenkampf baden.
Dass ein Bad von solcher Pracht ausgerechnet im „Proletarierbezirk“ Favoriten eröffnet wurde, stieß der konservativen Presse damals nämlich sauer auf. „Fast möchte man meinen, dass dieser Prunkbau mit seiner monumentalen Fassade und seiner luxuriösen Einrichtung ins unrechte Milieu geraten sei“, schrieb etwa das Neue Wiener Tagblatt im Sommer 1926. Seit fast einem Jahrhundert erhebt sich das markante Gebäude am heutigen Reumannplatz. Doch wie kam es überhaupt zu seiner Entstehung?
In der von Lilli Bauer und Werner T. Bauer kuratierten Jubiläumsschau Auch für Nichtschwimmer – 100 Jahre Amalienbad und das Bäderwesen im Roten Wien , die im Waschsalon des Karl-Marx-Hofs eigentlich gleich zwei Ausstellungen unter einem Dach vereint, findet man darauf ausführliche Antworten. Zur Eröffnung des Amalienbads soll der damalige sozialistische Bürgermeister Karl Seitz, eine der zentralen Figuren im Roten Wien zwischen den Weltkriegen, gesagt haben, man wolle, dass Körperkultur in die breitesten Massen des Volkes dringe; es solle hier deutlich gezeigt werden, dass der arbeitende Mensch der Luft, des Lichtes und des Wassers bedarf.
Um das Bäderwesen dieser Zeit jedoch wirklich erfassen zu können, muss man noch weiter zurückblicken. „Ich bin grundsätzlich keine Freundin davon, jede Ausstellung bei den Römern zu beginnen“, erklärt Lilli Bauer. „Aber in diesem Fall ist es nicht anders gegangen.“ Als ältestes der Wiener Bäder gelte nämlich das Theresienbad in Meidling, von dessen Schwefelquelle sich schon ein Zenturio namens Titus Vettius Rufus zur Zeit des Römischen Reichs Heilung versprach.
„Luxusbedürfnis der Reichen“
Nach Jahren in Vergessenheit wurde die Quelle im 18. Jahrhundert wiederentdeckt. Kaiserin Maria Theresia ließ an der Stelle ein Badehaus errichten, das 1822 von einem Privatier umgebaut wurde und gegen Ende des 19. Jahrhunderts schließlich in den Besitz der Stadt Wien überging. Während Baden bis dahin ein „Luxusbedürfnis der Reichen“ war, fand es bald auch Einzug in das Leben der breiten Masse.
Um den hygienischen Bedürfnissen der damals stark wachsenden Bevölkerung gerecht zu werden, entstanden zu jener Zeit erste Volksbäder – aufgrund ihrer spärlich fließenden Wassermenge wurden sie „Tröpferlbäder“ genannt. Die Schau im Waschsalon zeigt jede Facette wienerischer Badebedürfnisse: von den Strombädern im Donaukanal über die Kinderbäder bis hin zu den Strand- und Sommerbädern wie dem Krapfenwaldl, in dem in den 1990er-Jahren ein aus der kultigen Dating-Show Herzblatt bekannter Georg aus Wien im Sommer immer seinen Schabernack trieb. Im Wien des Jahres 1933 soll es 58 Badeanstalten gegeben haben, darunter das Jörgerbad, das Kongressbad und das Dianabad. Letzteres existierte im Laufe der Zeit in vier verschiedenen Ausführungen, ist aber seit 2020 geschlossen.
„So wie der Karl-Marx-Hof als Aushängeschild des Wohnbaus galt, war das Amalienbad das Flagschiff des Wiener Bäderwesens“, erklärt Lilli Bauer. Das von den Architekten Karl Schmalhofer und Otto Nadel entworfene, rund zehn Millionen Schilling teure Gebäude war mit einer 14 Meter hohen Schwimmhalle ausgestattet, bot Platz für 1300 Badegäste und verfügte über ein bewegliches Glasdach. Sprungtürme, Tribünen, Wannen- und Brausebäder, ein Kinderbecken, hochwertige Wandverfliesungen sowie kunstvolle Mosaikarbeiten gehörten zur Ausstattung. Benannt wurde es nach der Sozialdemokratin Amalie Pölzer, die 1919 als eine der ersten Frauen in den Gemeinderat einzog.
Bereits elf Monate nach der Eröffnung konnte das Bad seinen millionsten Gast begrüßen. Vielleicht waren es die im Vergleich zu privaten Bädern moderaten Preise, die den Erfolg des Amalienbads begründeten. 1926 kostete einmal duschen 20 Groschen – nach heutiger Kaufkraft knapp ein Euro. 1930 führte man zudem ermäßigte Zeitkarten ein: Statt 1,30 Schilling zahlte man für die Schwimmbadnutzung inklusive Kabine nur 78 Groschen. Jedoch war das Amalienbad nicht nur Freizeitvergnügen, sondern zugleich Wiens erste Kuranstalt in einem städtischen Bad. Man konnte sich in Schlammbecken der Heilung hingeben, ergänzt von Kohlensäure-, Sauerstoff- und Luftperlbädern.
Ein eigener Organismus
„Im Zweiten Weltkrieg wurde auch das Amalienbad sechsmal von Bomben getroffen“, erzählt Lilli Bauer. Besonders schwer beschädigt wurde der Männertrakt auf der linken Seite, in dem auch das Dampfbad untergebracht war. Der Frauentrakt auf der rechten Seite hingegen blieb weitgehend unversehrt und ist bis heute in seinem ursprünglichen Zustand erhalten. Mit dem Wiederaufbau wurde erneut der Architekt Otto Nadel betraut, der bereits am ursprünglichen Bau beteiligt gewesen war und den prunkvollen Originalzustand wiederherstellte.
Das Amalienbad funktioniere mit seinen verschlungenen Wegen wie ein eigener Organismus, sagt Bauer. Und so steht es mit den aus der Zeit gefallenen Jugendstil- und Art-déco-Elementen noch immer am Reumannplatz – vielleicht nicht am naheliegendsten Ort, aber gerade deshalb genau am richtigen. Nur die Preise haben sich inzwischen verändert: Für einen Tageseintritt zahlen Erwachsene heute 5,90 Euro.
[ Ausstellung: „Auch für Nichtschwimmer. 100 Jahre Amalienbad und das Bäderwesen im Roten Wien“, Waschsalon Karl-Marx-Hof, bis 5. September 2027 ]