Lust auf Lustenauer Senf? Eine Senffabrik öffnet ihre Pforten
Architektin Julia Kick hat für ein Familienunternehmen in Vorarlberg eine neue Produktionsstätte mit Shop und Ausstellungsbereich entworfen. Gebäude und die Produktion von Lustenauer Senf sind so auch für Kundinnen und Besucher erfahrbar.
Am Ortsrand von Lustenau entsteht zwischen zwei zur Rheintalautobahn führenden Hauptverkehrsachsen ein neues Gebiet für Gewerbe- und Produktionsbetriebe. Hierher hat Lustenauer Senf, dessen Gründungshaus nach 100 Jahren inmitten eines dicht besiedelten Wohngebiets liegt, seinen Unternehmenssitz samt Produktion verlegt. Den Senf gibt es von Vorarlberg bis Wien auch im Supermarkt zu kaufen, aber nur in der neuen Senferei erhält man neben dem gesamten Sortiment auch Einblicke in die Produktion.
Konsequenter Holzbau, ressourcenschonende Logistik
Das Gebäude vereint auf zwei Geschoßen Herstellung, Abfüllung, Lager, Administration, Ausstellung und Verkauf. Die Architektin Julia Kick hat dafür einen Holzbau mit gut 1300 m² Nutzfläche entworfen: Arbeits- und Besuchsbereich verzweigen sich dabei räumlich an verschiedenen Stellen. Für ihr Bauprojekt sind Julia Kick als Architektin und die Lustenauer Senf Bösch GmbH als Bauherrin im Jahr 2025 für den österreichischen Staatspreis Architektur in der Kategorie Industrie und Gewerbe nominiert worden: „Der konsequente Holzbau, ressourcenschonende Logistik und effiziente Abläufe zeigen beispielhaft nachhaltige Industriearchitektur“, heißt es in der Jury-Begründung. Planung und Ausführung der einzelnen Gewerke ihres Gebäudeentwurfs wurden an regionale Unternehmen mit kurzen Anfahrtszeiten vergeben, nach Möglichkeit wurden regionale Werkstoffe und Baumaterialien eingesetzt.
Als Besucherin betritt man die Senferei über einen überdachten Eingangsbereich barrierefrei im Erdgeschoß und wird gleich eingangs durch den Holzgeruch im Windfang auf den Besuch eingestimmt, bevor man sich im Shop entweder mit verschiedenen Produkten eindecken kann oder den Weg zur Ausstellung wählt, der über die raumbildende Treppe ins Obergeschoß zur Küche führt. Bereits beim Aufgang erhält man eine erste Einsicht in die Produktionshalle. Der Küchenbereich mit Ausgang zur Dachterrasse wird auch für Veranstaltungen genutzt – und für Videoaufnahmen. Auf Social-Media-Kanälen stellt die Firma Gerichte mit Senf vor.
Eine senfgelbe Bodenmarkierung führt durch den Ausstellungsbereich
Nach diesem Auftakt führt der Weg durch die Ausstellung: Als Besucher blickt man durch verglaste Öffnungen und Wände in die Produktions- und Lagerhalle. Die einzelnen Teile der maschinellen Anlage zur Senfproduktion sind mit großen von der Decke abgehängten gelben Pfeilen markiert. Die Unternehmenshistorie und Senfproduktion sind als Erlebnisrundgang durch das Innere des Gebäudes inszeniert und didaktisch anschaulich auf grünen Holztafeln aufbereitet (Gestaltung: Robert Rüf und Super BfG). Als verbindendes grafisches Element führt eine senfgelbe Bodenmarkierung durch den Ausstellungsbereich.
Die tragenden Elemente in der neuen Senferei sind in Holzskelettweise ausgeführt, Decken und Wände im Besuchsbereich sind aus Holz. Nur die Betontreppen sowie die Böden aus Beton-Estrich setzen sich als Material notwendigerweise auch aus brandschutztechnischen Gründen deutlich ab. Installationen und Leitungen wie Haustechnik und Elektrik sind nicht in Zwischendecken und Wänden versteckt verbaut, sondern können wieder demontiert werden, sie können also sowohl rückgebaut werden als auch erweitert.
Der Holzbau hat in Vorarlberg eine lange baukulturelle Tradition und die regionalen Material- und Handwerksressourcen kommen auch bei der Senferei Lustenau mit höchster Präzision zum Tragen. Das Verwenden von Holz macht ein Bauprojekt allerdings nicht per se nachhaltig. Nachhaltiges und ressourcenschonendes Planen und Bauen bedeutet nicht nur die Wahl eines bestimmten für das Bauprojekt adäquaten Baustoffes, sondern erfordert bei Neubauten insbesondere, dass bereits in der Entwurfsphase konsequent Aspekte von Kreislaufwirtschaft berücksichtigt werden. So lassen sich Baustoffe sortenrein trennen und wiederverwenden oder nach ihrem Lebenszyklus wiederverwerten. Darüber hinaus werden alle Flächen und Oberflächen nach Möglichkeit genutzt. Vom Erdreich wird mit Geothermie das Gebäude nachhaltig und energiesparend beheizt und gekühlt, die Dachflächen finden als begehbare Terrasse, als Begrünung sowie für die Photovoltaik-Paneele Verwendung. Die Fensterbänder im Erd- und Obergeschoß bringen Tageslicht in die Arbeitsräumlichkeiten, vor Sommerhitze und hohem Sonnenstand schützen außen liegende Textil-Screens.
Geschickt gelöstes Branding
Durch die Blickbeziehungen im Gebäudeinneren überrascht der Innenraum mit Abwechslung, anders, als es die ruhig gegliederte Außenhülle vermuten lässt. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich das geschickt gelöste Branding des neuen Unternehmenssitzes. Lustenauer Senf hat grafisch prägnante Senftuben, mit kursivem Marken-Schriftzug auf kariertem erdfarbenen Hintergrund. Das Karomuster wird im Inneren des Gebäudes aufgenommen, andere Elemente des Verpackungsdesigns finden sich an der Gebäudehülle: erdig, gerastert, der Marken-Schriftzug in schwungvollem Senfgelb. Wiederkehrende Elemente wie das Rankgerüst rahmen die Dachterrasse und ermöglichen zur warmen Jahreszeit Beschattung. Im Erdgeschoß bildet das Rankgerüst nicht nur den Befestigungsrahmen für das prägnante Firmenschild, sondern dient auch als Fahrradständer. Donnerstags und freitags wird hier die Fahne gehisst. „Offen“ steht auf der weißen Flagge und signalisiert, dass Shop und Erlebnisrundgang für Besucher geöffnet sind.
Senf mit Geheimrezept
Während der Lustenauer Senf weiterhin nach Geheimrezept produziert wird, werden die „Zutaten“ des neuen Gebäudes des Unternehmens gleich beim Eingang auf einer diskret platzierten Tafel aufgelistet. Dass die an der Planung und Ausführung beteiligten Firmen alle namentlich aufgeführt werden, ist leider immer noch eine Ausnahme, dabei sind bei hochwertigen Gebäuden von der Architektur über die Tragwerksplanung und die technische Gebäudeausrüstung bis zur Landschaftsplanung stets viele Beteiligte involviert.
Zwei der vielen Beteiligten öffnen anlässlich der Architekturtage ihre Architektur- und Planungsbüros für die interessierte Öffentlichkeit: Julia Kick Architekten sowie Frau Sturn Landschaftsarchitektur. (https://architekturtage.at)