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27. Juni 2026 Der Standard

Im rechten Winkel

In Deutschland hat sich die AfD die moderne Architektur, insbesondere das Bauhaus, als Feindbild auserkoren. Die am Vorbild Trump geschulten Argumente der Rechtsextremen für Tradition und Heimat bleiben dabei wolkig und vage.

Zur Geschichte des Bauhaus gehörte seit dem ersten Tag seine Umstrittenheit. 1925 verlegte die heute legendäre Hochschule ihren Sitz von Weimar nach Dessau. Dort war sie bis 1932 ansässig; die letzten Monate in Berlin bis zur endgültigen Schließung 1933 blieben Episode.

Die Gebäude, die wir heute als unmittelbare „Werke des Bauhauses“ verstehen, entstanden daher überwiegend in Dessau. Beide Ortswechsel hatten ebenso politische Gründe wie später die Auflösung in der beginnenden Diktatur: 1925 den Regierungswechsel im Land Thüringen, bei dem der rechtsliberale, vom völkischen Lager einschließlich der NSDAP tolerierte Thüringer Ordnungsbund an die Macht kam; 1932 der NSDAP-Wahlsieg bei den Dessauer Kommunalwahlen.

Dessau liegt heute im Bundesland Sachsen-Anhalt, wo bei den Wahlen im September die Machtübernahme durch die AfD wahrscheinlich scheint. Die Geschichte kann sich zwar nicht wiederholen, denn das Bauhaus gibt es nicht mehr, nur eine Vielzahl von Institutionen, die sein Erbe verwalten oder sich in irgendeiner Form darauf berufen. So können die Rechtsextremen seine Schließung nicht mehr fordern, aber das hindert sie nicht daran, sich nach hundert Jahren an ihm abzuarbeiten. Wie sie das tun, gibt Einblick in die Architekturpolitik heutiger rechter Massenbewegungen. Es zeigt aber auch Defizite in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Architektur und Architekturästhetik, die bestimmte Diskurse erst.

Rechte Kampfrhetorik

Im Oktober 2024 forderte die AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt in einem Antrag die „kritische Auseinandersetzung“ mit dem Bauhaus-Erbe. Die Begründung umfasst vier Punkte. Erstens habe „der Bauhaus-Stil“ „unpersönliche“, „als kalt, abweisend und unattraktiv wahrgenommene“ Bauten hervorgebracht; zweitens habe das Bauhaus einen fragwürdigen Universalismus propagiert, der „traditionellen und kulturell verankerten Vorstellungen von Wohn- und Lebensräumen“ widerspreche; drittens habe es Kunst und Architektur ideologisiert, mit „klarer Nähe zum Kommunismus“; viertens führe die „internationale Verbreitung des Bauhaus-Stils“ zu einem globalen, „regionale Eigenheiten verwässernden“ architektonischen „Einheitsbrei“.

Fast interessanter als die konkreten Behauptungen ist die unpräzise, andeutende Sprache, in der die Punkte vorgebracht werden. Alles Mögliche passiert „oft“: Es „wird oft kritisiert“, „oft“ und „von vielen wahrgenommen“, widerspricht „oft“ irgendwelchen Vorstellungen, X „führt häufig“ zu Y, etwas „wird bezeichnet“ (von wem?). Die AfD scheint sich ziemlich sicher, an Überzeugungen anzuschließen, die so selbstverständlich wirken, dass es ausreicht, sie auf die vagste Weise anzusprechen.

Abgesehen davon, dass es ein populäres Missverständnis ist, von „dem Bauhaus-Stil“ zu reden, als hätte das Bauhaus ein einheitliches architekturästhetisches Programm gehabt: Die Tendenz, mehr oder minder die gesamte moderne Architektur der letzten hundert Jahre irgendwie unter das Schlagwort Bauhaus zu subsumieren und ihr mangelnde Akzeptanz zu unterstellen, findet man überall, nicht nur bei Rechten. Dass es eine breite Ablehnung moderner Architektur aller Art gebe, behaupten auch liberale Feuilletonisten oder Facebook-Kommentare zu Lokalzeitungsbeiträgen, beiläufig und in Nebensätzen. Die Mühe, dies belegen zu wollen, macht sich kaum jemand.

Irgendwie Heimat

Auch dass, je nachdem, wogegen man gerade polemisieren möchte, wahlweise alle moderne (rechter Jargon: „modernistische“) Architektur in einen Topf geworfen oder gleichgesetzt wird mit einzelnen, besonders umstrittenen Stilen wie dem Beton-Brutalismus der 1960er und 1970er, findet man nicht nur bei völkischen Publizisten wie jüngst bei Claus-Martin Wolfschlag in der neurechten Postille Sezession, sondern quer durch das gesamte publizistische Spektrum. Architektur wird allenthalben in den Begriffen einer wolkigen Metaphysik („warm“ gegen „kalt“, „individuell“ gegen „seelenlos“, usw.) und der „Schönheit“ besprochen, als müsste man gar nicht diskutieren, was ein schönes Gebäude überhaupt ist. Die rechte Kampfrhetorik wird durch diese ideologisierten Begriffshülsen letztlich mit ermöglicht.

Die Ablehnung des historischen Erbes des Bauhauses wird im „Regierungsprogramm“ der AfD für Sachsen-Anhalt konsequent auf die Gegenwart ausgedehnt, in einem Passus, für den der rechtsextreme schwäbische Islamwissenschafter Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, verantwortlich zeichnen soll. Dort will man unter der Überschrift „Schöner bauen!“ verhindern, dass „nichtssagende Klötze oder andere kalt wirkende, traditionslose geometrische Formen in die Welt gesetzt“ werden. Zukünftig sollen öffentliche Bauten verpflichtend „eine anerkannte Bautradition“ aufgreifen müssen, explizit nach dem Vorbild eines entsprechenden Erlasses der Trump-Regierung.

Es ist keineswegs so, dass die AfD getreu ihrer historischen Folie Pläne hätte, wieder „NS-Architektur“ als verpflichtenden Stil einzuführen, was schon daran scheitern würde, dass es nie einen einheitlichen NS-Baustil gab. Im Wahlprogramm für Mecklenburg-Vorpommern ist die Rede von einem „architektonischen Heimatstil“, auf den in Zukunft geachtet werden solle; vermutlich ist hier nicht der zuckrige Fachwerk-Heimatstil des Fin de Siècle gemeint, auch nicht der „Heimatschutzstil“, mit dem konservative Architekten in der Zwischenkriegszeit gegen die Moderne mobilisierten, sondern schlicht irgendetwas, das irgendwie „nach Heimat aussieht“.

Wenn man auf das große Vorbild Trump schaut, darf man vermuten, dass eine AfD-Baupolitik sich vor allem darauf kaprizieren wird, Parteispezerln mit Aufträgen für schnörkeligen Kitsch zu bedenken. Sowieso: Sollten in Deutschland erneut faschistische Regierungen an die Macht kommen, wird deren Baupolitik sicherlich wie 1933–45 nur ein (wenngleich wichtiges) Nebenthema neben viel größeren Schweinereien sein. Bis dahin wird es nicht schaden, darauf zu achten, welche Ermöglichungsbedingungen rechter Kulturkampfdiskurse in unserem ganz alltäglichen Reden über das Bauen lauern.

[ Matthias Warkus ist Autor und Philosoph und betreibt den monatlichen Architektur-Newsletter „Der Hingucker“. Er lebt in Jena. ]