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22. August 2026 Der Standard

Auf bröckelndem Beton

Die Geschichte der fast vergessenen Kunststadt Gibellina in Westsizilien: Nach einem Erdbeben im Jahr 1968 wurde eine zerstörte Stadt an einem anderen Standort neu aufgebaut – und die Avantgarde mit ihren Kunstwerken herbeigeholt.

olge mit Travertin und Basaltstein schachbrettartig bepflastert. Ein gigantischer Rohbau mit Wellendach und insektenhafter Physiognomie. Eine große, weiße Kirchenkugel, die über der Stadt zu schweben scheint und von einem Amphitheater halbumrundet wird. Dazwischen die Kunst: abstrakte Stahlkonstruktionen, eine sechs Meter hohe Ackerpflug-Nachbildung, eine Foto-Ausstellung in einer Unterführung, eingeklemmt zwischen zwei Fahrstreifen. Gibellina Nuova gilt als die Stadt mit den meisten modernen Kunstwerken Italiens. Nicht Mailand, nicht Rom, sondern eine verwaiste Betonwüste im sizilianischen Hinterland.

Aufbruch in die Moderne

Die Geschichte Gibellina Nuovas beginnt mit dem Ende Gibellinas. Sie beginnt 18 Kilometer entfernt auf einem abgelegenen Bergrücken. Dort erschüttert am 15. Jänner 1968 ein Erdbeben das Inselinnere Siziliens. Mehrere Städte des Belice-Tals werden vollständig zerstört, Zehntausende verlieren über Nacht ihre Häuser. Die Katastrophe wirft ein Schlaglicht auf eine der ärmsten Regionen Europas. Auf dem Festland stellen sie geschockt fest, dass dort in den schwer erreichbaren Bergdörfern des ohnehin rückständigen Siziliens nahezu mittelalterliche Verhältnisse herrschten. Dörfer, in denen acht- bis neunköpfige Familien auf weniger als 30 Quadratmetern zusammenlebten, in denen die Kinder neben dem Vieh schliefen.

Nach der Zerstörung sehen die Behörden eine Chance, sich der ökonomisch abgehängten Region zu entledigen: Visa werden ausgestellt, Prämien gezahlt, die Emigration staatlich vorangetrieben. Doch es regt sich Widerstand. Viele wollen bleiben und kämpfen für eine Zukunft ihrer Dörfer. Die Solidarität im Rest des Landes ist groß, der politische Druck wächst. Schließlich wird der Wiederaufbau beschlossen. Im Gegensatz zu den anderen zerstörten Städten gibt Gibellina seinen alten Standort auf. Das neue Gibellina soll die Rückständigkeit hinter sich lassen und den Aufbruch in die Moderne wagen.

Der Schriftsteller Leonardo Sciascia identifizierte die Unsicherheit als den wichtigsten Faktor in der sizilianischen Geschichte. Damit meinte Sciascia zum einen die zahlreichen Herrschaftswechsel seit der Antike, zum anderen spielte er auf die wiederkehrenden seismischen und vulkanischen Katastrophen an. Zerstörung und Wiedergeburt haben sich seit jeher in die Insel eingeschrieben. So entstanden in Catania und Noto nach schweren Erdbeben im 17. Jahrhundert einzigartige Barockstädte. Ähnliches haben die Planer vor Augen, als sie sich eine neue Zukunft für Gibellina imaginieren.

Es gibt viele Antworten darauf, weshalb die Vision scheiterte. Man könnte über die aus Rom aufoktroyierte Stadtplanung sprechen, die sich an den skandinavischen New Towns orientierte und zu einem fundamentalen Bruch mit der lokalen Architektur führte. Man könnte versickerte Gelder, die Zementmafia und ausufernde Straßenbauprojekte anführen. Acht Jahre nach der Katastrophe ist kein einziges Haus in der neuen Stadt fertiggestellt. Noch 18 Jahre nach dem Beben leben tausende Erdbebenopfer in provisorischen Ersthilfebaracken. Dort finden sich Familien erneut zusammengepfercht auf 30 Quadratmetern wieder. Diesmal nicht in Häusern aus Ziegel und Mörtel, sondern in Hütten aus Wellblech: willkommen in der Moderne.

Leerstand mit Kunst befüllt

Während die Häuser von Gibellina Nuova auf sich warten lassen, lotst Ludovico Corrao die Avantgarde nach Westsizilien. Auf den Ruf des exzentrischen Bürgermeisters folgen internationale Stars wie Beuys, Krier, Consagra und Burri. Corrao lässt den Leerstand mit Kunst auffüllen. Jeder Künstler, der sein Werk der Stadt stiftet, entscheidet selbst, wo es stehen soll. Die eindrucksvollste Arbeit entsteht jedoch außerhalb der Planstadt. Alberto Burri lässt die Trümmer des alten Ortes mit Beton überziehen. Der Cretto di Burri zählt zu den größten Land-Art-Kunstwerken der Welt, 90.000 Quadratmeter fasst das Labyrinth aus weiß gekalkten Betonschollen. Aus der Ferne wirkt der quadratische Monumentalbau wie eine Küchenfliese inmitten bewirtschafteter Felder. Burri selbst sollte die Fertigstellung nicht mehr miterleben. Immer wieder stockte die Finanzierung. Der Cretto begann zu verwahrlosen, das Leichentuch bekam Risse.

So wie Burris Cretto erging es auch anderen Großprojekten. Pietro Consagras Theater im Zentrum der neuen Stadt verblieb als Rohbauskelett. Die Kirchenkugel der Chiesa Madre krachte kurz vor der Eröffnung in sich zusammen und war für Jahrzehnte unbetretbar. Gibellina Nuova haftete fortan der Ruf der gescheiterten Idealstadt an. Ein riesiger Parkplatz für eine Utopie, die nie eingetroffen war. Ausgelegt für 15.000 Menschen, zählt die Stadt heute etwa 3000 Einwohner.

Leonardo Sciascias Schriftstellerkollege und Freund Gesualdo Bufalino prägte von Sizilien das Bild der „isola plurale“: eine multikulturelle Identität, die sich aus der Geschichte der ständig wechselnden Herrschaften herleitet. Eine Identität, zusammengesetzt aus heterogenen Teilchen, wie sie sich etwa im normannisch-arabischen Baustil Palermos niederschlägt. Wer sich nicht von den entleerten Betonflächen abschrecken lässt, erkennt auch in Gibellina Nuova das sizilianische Identitätsthema. Die Straßen und Plätze sind nicht nach den üblichen Nationalhelden benannt, sondern nach sizilianisch-arabischen Dichtern, nach Literaten und Künstlern, nach Mafia-Jägern und Bauernaufständen. Das Schachbrettmuster des weitläufigen Platzsystems besteht aus Travertin, der im nahegelegenen Alcamo abgebaut wird, und Basaltstein vom Ätna.Mit dem Palazzo di Lorenzo wurden indes Teile eines Palasts aus den Trümmern gerettet und in die neue Stadt transloziert. Gibellina Nuova ist, anders als es dem schlappenden Besucher zunächst erscheinen mag, kein Ort der Resignation. Einer Bürgerinitiative ist es zu verdanken, dass Burris Cretto 30 Jahre nach Baustart endlich vollendet wurde.

Noch heute engagieren sich Ehrenamtliche, um den Beton von Unrat zu befreien. Auch die Kirchenkugel der Chiesa Madre ist mittlerweile wieder hergerichtet. Der Insekten-Rohbau des Consagra-Theaters wurde 2018 beendet. Im Zuge des Kunstjahres ist er in diesem Jahr zum ersten Mal für ein breites Publikum geöffnet.

Kein Ort der Resignation

Es ist eine Eigenart dieser Insel, dass die Dinge auf den zweiten Blick anders erscheinen. Die Wolke, die im Abendlicht kitschig über der Hügelkette hängt, ist keine Wolke, sondern Rauch. 800 Hektar des Waldes auf dem Montagna Grande brennen. Die Bedrohung ist auf Sizilien immer präsent. Es ist ein Leben auf unsicherem Terrain. Nicht nur der Boden verrutscht, wie zuletzt Anfang des Jahres in Niscemi, sondern seit einigen Jahren auch die ganze Klimazone. Leonardo Sciascia sprach einst von Sizilien als einer Metapher für globale Entwicklungen. Gibellina Nuova kann wiederum als eine Metapher für die sizilianischen Verhältnisse gelten. Eine Stadt aus Bruchstücken einer heterogenen Identität. Eine Stadt, die an der Logik zerrt und ihre Widersprüche ausreizt. Eine postutopische, postkatastrophische Stadt aus bröckelndem Beton, versehen mit Gegenwartskunst, die selbst bereits zu Geschichte geworden ist.

[ Hinweis: Am 2. September erscheint das Buch „Leere Plätze oder Gibellina come teatro“ von Suna Ozankan (Kerber-Verlag). ]