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Profil

Architekturstudium in Graz und Delft
Seit 1999 Arbeit als Architektin in Hamburg
Seit 2005 freie Architekturjournalistin in Wien
2009 – 2020 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt
Seit 2022 Podcasterin: www.morgenbau.at

Lehrtätigkeit

Seit 2024 MSA Münster

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Artikel

9. Juni 2026 newroom

Clemens Foschi – Kirchenräume öffnen

Was passiert mit Kirchengebäuden, die nicht mehr für Gottesdienste und Gemeindearbeit gebraucht werden? Diese Frage stellt sich in ganz Europa – und die Antworten reichen von Profanierung bis Leerstand. Im fünften Wiener Gemeindebezirk ist ein Pilotprojekt entstanden: Eine nicht profanierte, denkmalgeschützte Kirche wurde als Kirche erhalten und zugleich zu einem offenen Sozial- und Begegnungszentrum für die Stadt umgenutzt. Das sogenannte Kirchenschiff verbindet Gottesdienst mit Lebensmittelausgabe, Wärmestube und Sozialberatung – und ist damit ein Beispiel für soziale Infrastruktur im besten Sinne.
Clemens Foschi begleitet das Projekt als Projektleiter von Anbeginn. Vorher war er für den Aufbau von Magdas Hotel zuständig, einem ehemaligen Pflegeheim, das die Caritas Wien mit minimalem Budget zu einem laufenden Hotelbetrieb umgestaltete. Im Gespräch erzählt Foschi, wie ein Kirchenraum für Gottesdienst, Konzerte und Lebensmittelausgabe zugleich genutzt werden kann – und warum eine Gesellschaft solche sozialen Infrastrukturen braucht, um zusammenzuwachsen. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„2012 habe ich begonnen, bei der Caritas den neuen Bereich für Social Business mit aufzubauen. Eines der Projekte, das wir damals entwickelt haben, war Magdas Hotel, das von und mit Flüchtlingen betrieben wird. Wir haben als erstes Pilotprojekt ein ehemaliges Pflegeheim in ein Hotel umgenutzt. Das Projekt ist inzwischen an einem neuen Standort sehr gut etabliert und ab 2027 wird ein zweites Hotel im Wiener Prater eröffnet. Im Social Business muss man einen sozialen Mehrwert schaffen und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig sein. Am Anfang war nicht absehbar, ob uns diese Balance gelingen wird. Darum haben wir für dieses Pilotprojekt auch eine temporäre bauliche Nutzung vorgenommen. Das hat es ermöglicht, mit relativ geringen Kosten, mit viel Einsatz von Freiwilligen und bestehenden Ressourcen ein doch relativ großes Haus mit über 100 Zimmern umzugestalten. Das Thema Nutzung von Bestandsgebäuden ist für die Caritas die einzige Lösung, um in Zukunft klimagerecht bauen zu können.

Wir sind jetzt mit dem Kirchenschiff hier im 5. Wiener Gemeindebezirk aktiv. Die Kirche selbst ist eingebettet in einen Wohnbau mit ungefähr 100 Wohnungen. Sie wurde 1971 fertiggestellt und steht inzwischen unter Denkmalschutz. Wir nutzen den Kirchenraum und die angrenzenden Räume im Erdgeschoss als Sozial- und Begegnungszentrum. Wir haben insgesamt über 1.200 Quadratmeter mit ganz unterschiedlichen Raumtypologien zur Verfügung, die wir auch ganz unterschiedlich nutzen können. Die Kirche wurde aber nicht profaniert, es finden nach wie vor Gottesdienste hier statt.

Wir haben uns natürlich im Vorfeld andere Kirchennachnutzungen im Ausland angeschaut, und manche von ihnen gehen ein bisschen in unsere Richtung: Öffnung hin zur Nachbarschaft, Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Unsere Gesellschaft braucht solche sozialen Räume, um zusammenzuwachsen. Genau darin liegt auch ein großes Potenzial des Projekts. Wir haben viele Kirchen in Wien, die bis auf die Gottesdienste sehr wenig genutzt werden. Das sind Räume, die potenziell für die Nachbarschaft zur Verfügung stünden. Darin liegt eben eine große Chance, diese Räume für die Nachbarschaft zu öffnen. Auch die Kirche könnte davon profitieren, indem sie wieder ein Ort von Gemeinschaft wird, ein Ort, der soziale Funktionen übernimmt und stärkend in die Gesellschaft wirkt.
Die architektonische Qualität solcher Räume ist enorm wichtig, egal wofür sie genutzt werden. Gerade Menschen, denen es nicht so gut geht, die keinen Ort haben, an den sie sich zurückziehen können, haben einen Anspruch auf einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen können. Diesen Anspruch haben wir hier in der Kirche mit dem Wiener Büro ViA Architektur sehr gut umgesetzt. Die Einbauten fügen sich gut in die bestehende denkmalgeschützte Architektur ein und erlauben eine flexible Nutzung des Kirchenraumes.“

Clemens Foschi lebt und arbeitet in Wien und ist bei der Caritas Wien Projektleiter für Kooperationsangelegenheiten. 2012 initiierte er für die Caritas das Magdas Hotel im Wiener Prater – Österreichs erstes Social Business Hotel, das zuerst temporär in einem ehemaligen Seniorenheim entstand und heute an einem neuen Standort dauerhaft gemeinsam mit Geflüchteten betrieben wird. Aktuell leitet er das Projekt Kirchenschiff in Wien-Margareten, eine Pfarrkirche aus den 1970er-Jahren, die zu einem offenen Sozial- und Begegnungszentrum transformiert wurde.

5. Mai 2026 newroom

Renate Hammer und Peter Holzer – Innerhalb der planetaren Grenzen handeln

Das Institute of Building Research & Innovation ZT-GmbH, kurz IBRI, ist ein Forschungs- und Beratungsinstitut aus Wien, das sich mit unterschiedlichen Aspekten des Bauwesens vertieft auseinandersetzt. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung mit praktischen Lösungen von der Klimawandelanpassung, Dekarbonisierung und Kreislauffähigkeit bis hin zu einer sozial gerecht gestalteten Umgebung. Renate Hammer und Peter Holzer gründeten 2013 miteinander das IBRI. Im Gespräch schildern sie, wie sie die Transformation im Bauwesen mitgestalten, warum gerade jetzt entschlossenes Handeln gefragt ist und wie wichtig es ist, sich gegenseitig Mut zu machen und voneinander zu lernen.

„Wir befinden uns im Anthropozän. Es wird sich alles verändern: von den ökologischen Rahmenbedingungen über das Soziale und Kulturelle bis hin zur Ökonomie. Im Bauwesen mit seiner hohen Ressourcenintensität einerseits und seiner Bedeutung für das Zusammenleben andererseits wird diese Transformation besonders wirksam.

Unsere Firma nennt sich Institute of Building Research & Innovation. Research bedeutet, dass wir Veränderungen erforschen. Und Innovation heißt, dass wir das Wissen in konkreten Projekten entwickeln und erproben. Es geht uns im Besonderen um diese Verbindung von Forschung und Praxis. Herausforderung und Faszination liegen dabei in der Vielschichtigkeit der Projekte. Entsprechend können wir Transformation nicht mit nur einer Art von Maßnahme oder einer Strategie unterstützen. Darüber hinaus kann man nicht alles wissen, was man wissen müsste, um die Veränderungen in all ihren Zusammenhängen zu begreifen. Es bleibt nicht mehr genügend Zeit, um zweifelsfreies Handeln durch Vorabwissen abzusichern. Wir müssen den Mut aufbringen, miteinander beim Tun zu lernen.

Wir verwenden dafür gerne das Modell der planetaren Belastungsgrenzen: Es besagt, dass wir in etlichen Bereichen bereits mit hohem Risiko agieren. Welche Maßnahmen erscheinen dennoch wirksam und damit sinnvoll, um dem Klimawandel oder dem Biodiversitätsverlust entgegenzuwirken? Oder wir stellen die Frage, welche Materialien verbaut werden. In den letzten 50 Jahren haben wir künstliche Materialien ins Bauen eingebracht, von denen wir nicht wissen, wie sie auf die Umwelt wirken oder was sie mit uns selbst machen. Im Modell der planetaren Grenzen spricht man von den „unknown unknowns“. Das bedeutet, dass wir einfach nicht wissen, was der Einsatz dieser Materialien für das Leben auf diesem Planeten bedeutet. Daher sagen wir ganz klar: Es gilt, Stoffe, deren Wirkungen wir nicht einschätzen können, nicht einzusetzen. Das macht deutlich, was klares Handeln abseits gesicherten Wissens, aber auf der Grundlage einsichtiger Erkenntnis bedeutet.
Die Transformation gelingt leichter und schneller, wenn man versteht, dass ein Wandel stattfindet und dass es erlaubt und notwendig ist, Dinge anders zu machen als bisher. Wir wünschen uns deshalb eine gesamtgesellschaftliche Wandelanpassung mit Wohlwollen und Anerkennung für das Bemühen, eine lebensfreundliche Umwelt zu gestalten.“

Das Institute of Building Research & Innovation ZT-GmbH (IBRI) mit Sitz in Wien befasst sich mit Forschungsfragen zum zukunftsfähigen Bauen und unterstützt konkrete Projekte als Planungs- und Beratungspartner. Renate Hammer und Peter Holzer haben es 2013 miteinander gegründet.
Renate Hammer, studierte Architektur und Philosophie in Wien sowie postgradual Urban Engineering in Tokio und Solararchitektur in Krems. Von 1998 bis 2013 war sie an der Donau-Universität Krems tätig, zuletzt als Dekanin der Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur. Seit 1999 ist sie selbstständige Architektin. Ihr Arbeits- und Interessenschwerpunkt liegt in der Umsetzung umfassender Nachhaltigkeit im Bauwesen. Peter Holzer ist Ingenieur und Experte für nachhaltiges Bauen, Bauphysik und Gebäudetechnik. Er studierte Maschinenbau an der TU Wien.
Beide waren viele Jahre am Department für Bauen und Umwelt der Donau-Universität Krems tätig und verbinden Forschung mit praktischer Planungserfahrung. Gemeinsam promovierten sie zum Thema „Tageslicht in Innenräumen“.

7. April 2026 newroom

Jan Edler – Schwimmen in der Stadt

Vor rund 30 Jahren veröffentlichten die Brüder Jan und Tim Edler erstmals ihre Idee, den Spreekanal in Berlin zum Schwimmen zu nutzen. Daraus entwickelte sich die Initiative Fluss Bad Berlin, die sich seit 2012 dafür einsetzt, dass die Menschen wieder in der Spree baden gehen dürfen. Jan und Tim Edler leben und arbeiten in Berlin und agieren mit ihrem Büro realities:united an der Schnittstelle von Kunst und Architektur. Sie sind vielen sicher durch die Medienfassade des Kunsthaus Graz bekannt.
Berlin war einmal Vorreiter mit der Idee, in der Stadt schwimmen gehen zu können, doch bis heute konnte diese wegen zahlreicher Widerstände nicht umgesetzt werden. Städte wie Kopenhagen; Basel oder Paris hingegen haben längst urbanes Schwimmen möglich gemacht.
Der Verein Fluss Bad Berlin agiert dennoch weiterhin. Er hat mehr als 500 Mitglieder und organisiert nun, weil es derzeit keine öffentliche Unterstützung mehr für das Projekt gibt, regelmäßige Schwimmdemos. Jan Edler erzählt im Gespräch, warum sich der Verein lange mit dem Thema der Wasserqualität beschäftigt hat und warum es ihm ein so großes Anliegen ist, einen Ort in der Stadt zu schaffen, der für alle da ist, kostenlos nutzbar ist und Abkühlung ermöglicht.

„Ende der 90er-Jahre haben Tim, mein Bruder, und ich das Konzept entwickelt, den Spreekanal in Berlin wieder zum Schwimmen zu nutzen, um eine durchmischte Nutzung und damit ein lebendiges Miteinander an der Spreeinsel mit zu ermöglichen. Der Kanal, der zusammen mit der Hauptspree die Museumsinsel umfließt, wird für die Schifffahrt nicht mehr wirklich genutzt. Deshalb kam uns die Idee, hier doch schwimmen gehen zu können.
Das Projekt hat verschiedene Facetten: Die Stadtmitte soll lebenswert bleiben. Der Distrikt rund um die Museumsinsel ist ja zu großen Teilen durch Repräsentation und öffentliche Nutzung geprägt. Wir wollen dort eine authentische, natürliche Nutzung implementieren, um zu verhindern, dass eine disneyfizierte Blase entsteht. Der Aspekt der Nachhaltigkeit, die Idee eines angenehmen Lebens in der Stadt, ist über die Jahre wichtiger geworden. Berlin befindet sich im Klimawandel, und da können natürliche Gewässer zur Abkühlung einen Beitrag leisten. Ein weiterer Aspekt ist die Teilhabe. Es soll ein Ort sein, der für alle Menschen da ist, ein Ort, der die Menschen zusammenbringt und wo man keinen Eintritt zahlt.
Wir haben das Thema der in der Spree stark schwankenden Wasserqualität ausreichend beleuchten lassen. Das Kompetenzzentrum Wasser Berlin kommt in seinem „Bericht zur Quantitativen mikrobiellen Risikobewertung (QMRA) am Standort Spreekanal“ vom 15. Januar 2025 zu dem Schluss, dass Schwimmen mit einem Monitoring-System in Zeiten mit ausreichender Wasserqualität ermöglicht werden kann. Diese Risikobewertung kommt auf Basis existierender WHO-Richtlinien zu der Schlussfolgerung, dass das Erkrankungsrisiko nach drei Tagen ohne Regen im akzeptierten Bereich für gute bis ausreichende Badegewässerqualität nach EU-Badegewässerrichtlinie liegt. Trotz dieser neuen Möglichkeiten zur tagesaktuellen Bewertung der Wasserqualität verbietet die Behörde das Schwimmen in der Spree immer noch kategorisch.
Berlin war mal Vorreiter und ist dafür bewundert worden, dass es so etwas wie die Idee für ein Flussbad gibt. Viele haben damals nach Berlin auf das Flussbad geschaut – als Referenzprojekt. Jetzt ist es umgekehrt: Wir schauen ins Ausland, nach Paris oder Kopenhagen, wo man in der Stadt schwimmen kann.
In Berlin fehlt der politische Wille bzw. dessen Durchsetzung. Deswegen wurde die öffentliche Förderung unseres Vereins zwischenzeitlich eingestellt, es folgte eine eher depressive Phase. In dieser Gemengelage entstand die Erkenntnis: „Wir können in Zeiten ohne öffentliche Förderung auch wieder anders agieren als NGO. Wir können zum Beispiel schwimmend demonstrieren gehen.“ Das haben wir dann letztes Jahr erstmalig gemacht und das war ganz fantastisch und friedfertig. Bei der zweiten und größten Demo im Sommer waren mehr als 700 Leute im Wasser. Und vor allen Dingen waren die Teilnehmer:innen glücklich. Das ist ein interessantes Phänomen. Normalerweise ist Berlin ja eher dafür bekannt, dass die Leute wahnsinnig griesgrämig sind.
Das Projekt Fluss Bad Berlin hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Als Konzept unserem Büro entsprungen, ist es in Form unseres gemeinnützigen Vereins flügge geworden und hat sich dann durch die Beteiligung verschiedener Fachleute und der Öffentlichkeit stark verändert, zum Beispiel durch Dr. Carsten Riechelmann, unseren Wasserspezialisten. Wenn er über die letzten Jahre nicht so stark am Monitoring gearbeitet hätte, wäre unsere heutige Forderung, dass das Flussbad mehr sein kann als nur der Spreekanal – nämlich eigentlich die ganze innerstädtische Spree –, gar nicht denkbar.“

3. März 2026 newroom

Elke Delugan-Meissl – Die Charakteristik des Bestands weiterentwickeln

DMAA Delugan Meissl Associated Architects stellten 2024 zwei große Umbauprojekte fertig: Gemeinsam mit Josef Weichenberger Architects verwandelten sie den Franz-Josefs-Bahnhof in Wien, einen Bau von Karl Schwanzer, in ein modernes Bürogebäude, das Francis. In Bremen transferierten sie ehemalige Silotürme der Firma Kellogg’s in ein Hotel.
Im Gespräch erzählt Elke Delugan-Meissl, warum gerade das Francis Vorbild für viele Bestandsobjekte sein kann und warum ihr bei der Beurteilung eines Gebäudes auch immer die Qualität des Städtebaus wichtig ist. Sie betont, dass nicht jede Struktur für eine Konversion geeignet ist, sondern nur solche, deren Umbau einen architektonischen, funktionalen, ökologischen, sozialen sowie städtebaulichen Mehrwert bietet.

„Der Ausgangspunkt für die Entscheidung zum Umbau des ehemaligen Bankgebäudes und Bahnhofs von Karl Schwanzer war ein kooperatives Verfahren: Bauträger und Stadt Wien waren zu gleichen Teilen beteiligt. Drei Architekturbüros wurden eingeladen, ein städtebauliches Konzept für die angedachten Nutzungen zu entwickeln. Gemeinsam mit querkraft architekten und Josef Weichenberger Architects war auch DMAA Teil dieses kooperativen Verfahrens. Basierend auf dem Ergebnis entstand in der Realisierung die Zusammenarbeit mit Josef Weichenberger Architects. Das Verfahren fand im leer stehenden Bestandsgebäude statt. Die Arbeit vor Ort, die Stimmung, das Ambiente haben uns inspiriert und uns bei der Entscheidungsfindung geholfen.

Viele Wienerinnen und Wiener können sich sicher an die Spiegelfassade des Gebäudes aus den 1970er-Jahren erinnern. Der Bau von Karl Schwanzer war, seiner Funktion als Bankgebäude entsprechend, ein eher abweisendes Gebäude. Unser Anliegen war es, diesen Baukörper besser ins Stadtgefüge einzubinden.
Begonnen haben wir mit der Entwicklung eines städtebaulichen Konzepts, das unserer Meinung nach Barrieren aufbricht und einen zukunftsorientierten Beitrag im urbanen Gefüge darstellt. Ich kann mich noch gut an die erste Phase erinnern: Die Teams haben sich mit unterschiedlichen Ideen der Aufgabenstellung angenähert – es war ein sehr interessanter, spannender und produktiver Diskussionsprozess. Gemeinsam haben wir das Gebäude sowie die stadträumlichen Bezüge untersucht, diskutiert und analysiert – und uns am Ende des Tages für den Erhalt des Bestands entschieden, in dem wir vielfältiges Potenzial wie Raumhöhen und Achsraster geortet haben. Die Räume haben eine Höhe von bis zu 3,50 Metern, das Achsraster beträgt 10 mal 10 Meter. Diese Flexibilität, die ja auch Nachhaltigkeit impliziert, wäre in einem Neubau nie umsetzbar gewesen. Dieser Umstand hat uns neben vielen anderen Vorzügen, wie der Einsparung von CO₂, dem ökologischen Fußabdruck, davon überzeugt, den Bestand zu erhalten. Natürlich gab es auch Bedenken bezüglich der wirtschaftlichen Umsetzung – dem Bauträger war es wichtig, ein Projekt zu verwirklichen, das in ökologischer, ökonomischer sowie funktionaler und stadträumlicher Hinsicht auch den Vorstellungen des Bezirks und der Stadt Wien entspricht.

Wir wollten die Charakteristik des Bestands beibehalten – das Gebäude hat eine starke Präsenz im urbanen Kontext. Wenn man ein Refurbishment-Projekt umsetzt, dann sollte auch die Charakteristik Bestand haben. Wir haben versucht, den Bestand zukunftstauglich weiterzuentwickeln. Das Francis war in gewisser Hinsicht ein Testprojekt für Wien in seiner Dimension im Sinne des Refurbishments, der Konversion für Wien. Ich denke, es gilt in Zukunft noch mehr als bisher, Bestandsobjekte bezüglich ihrer Potenziale zu prüfen.

Hier möchte ich noch ergänzen: Man kann nicht jede Bestandsstruktur revitalisieren. Es muss der Stadt auch einen architektonischen und stadträumlichen Benefit bringen.
Letztendlich bestimmt die architektonische und stadträumliche Qualität auch das soziale Miteinander. Deshalb sollte man die Betrachtung nicht nur auf wirtschaftliche, funktionale und ökologische Aspekte reduzieren.“

Elke Delugan-Meissl ist Architektin und Mitgründerin des international tätigen Büros DMAA Delugan Meissl Associated Architects. Sie studierte Architektur an der Universität Innsbruck und gründete 1993 mit Roman Delugan das Architekturbüro Delugan Meissl. 2004 erfolgte die Erweiterung zu DMAA mit den Partnern Dietmar Feistel und Martin Josst. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet und international ausgestellt wie das Porsche Museum in Stuttgart (2009), das EYE Filmmuseum in Amsterdam (2011), das Festspielhaus Erl (2012), das Hyundai Motorstudio Goyang (2017) oder der Expo Cultural Park Greenhouse Garden in Shanghai (2024). DMAA wurde 2015 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Architektur ausgezeichnet. Elke Delugan-Meissl ist zudem als Jurorin und Vortragende tätig.

3. Februar 2026 newroom

Josef Weichenberger – Lesen, verstehen und Potenziale erkennen

Josef Weichenberger ist Architekt in Wien. Gemeinsam mit Delugan Meissl Associated Architects transformierte er das ehemalige Bankgebäude über dem Franz-Josefs-Bahnhof, 1978 von Karl Schwanzer errichtet, in ein modernes Bürogebäude, das Francis. Zuvor hatte er bereits ein weiteres Bauwerk von Karl Schwanzer, das Philips Haus in Wien, in enger Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt saniert. Bei beiden Bauten blieb die charakteristische äußere Erscheinung erhalten, während das Gebäude an eine neue Nutzung und an moderne Anforderungen wie Energieeffizienz, Schall- und Brandschutz angepasst wurde. Im Gespräch erzählt Josef Weichenberger, wie er sich diesen Gebäuden annäherte, deren Potenziale erkannte und warum es ihm so wichtig ist, ihnen nicht nur ein zweites, sondern im besten Fall auch ein drittes Leben zu ermöglichen.

„Abriss oder Umbau – um diese gravierende Entscheidung treffen zu können, müssen sehr viele Aspekte, wie die städtebauliche, architektonische, funktionelle Eignung untersucht werden. Wie viel kann man tatsächlich erhalten? Wie viel muss man neu dazubauen? Reichen die Fluchtwege für eine zukünftige Bespielung oder Nutzung des Gebäudes? All das mussten wir bei der Transformation des Franz-Josefs-Bahnhofs überprüfen, und zwar in einem möglichst hohen Detaillierungsgrad bereits im kooperativen Verfahren.

Natürlich ist ein Umbau in der Beurteilung und im Risikomanagement anders zu bewerten als ein Neubau. Bei einem Neubau können Sie auf solide Daten zurückgreifen. In einem Gebäude aus den 1960er-, 1970er-Jahren schlummert immer ein gewisses Risiko. Das konnten wir im kooperativen Verfahren, auch wenn wir noch so genau hingeschaut haben, nicht bis ins kleinste Detail minimieren. Gemeinsam mit dem Auftraggeber haben wir es getragen und das Projekt letzten Endes zum Erfolg gebracht.

Wir haben das Gebäude von Anfang an als architektonische Herausforderung betrachtet. Wir wollten es nicht komplett entfremden, sondern uns ging es um die Umkehr des Erscheinungsbildes. Das Bankgebäude von Karl Schwanzer wirkte sehr hermetisch, weil es bei Sonnenschein große Reflexionen gab. Das war wahrscheinlich ein gewollter Ansatz. Eine Bank muss sicher sein. Genau das wollten wir mit der Konversion umkehren: das Gebäude transparenter machen – weg von den verspiegelten, hin zu nicht verspiegelten Gläsern – und die horizontale Struktur, die Bandstruktur herausarbeiten. Statt eines hochglanzverspiegelten Fassadenmaterials wählten wir ein geprägtes Edelstahlformat, das auftreffende Sonnenstrahlen zerstreut wie eine Streulinse und damit die Blendung wegnimmt.

Neben der Leidenschaft, bestehende Projekte immer zweimal anzuschauen, war die Erkenntnis aus Francis, dass es viele Gebäude gibt, nicht nur in Wien, sondern weltweit, die es verdienen würden, genau hinzuschauen und zu überlegen: Wann muss das Gebäude abgerissen werden? Gibt es eine Chance, es zu erhalten? In Beton und Stahl ist das meiste CO2 gebunden. Genau dort muss man ansetzen. Es geht uns in erster Linie darum, die Bestandsstruktur, die Tragstruktur zu erhalten.

Im Hinblick auf den Wettbewerb zur Neuplanung des Campus Althangrund, der alten WU, würde ich mir wünschen, dass es gelingt, dieses Projekt mit unserem Projekt, mit Francis, zu verlinken. All das soll zusammenhängend stadträumlich wirken und einen gemeinschaftlichen Lebensraum bilden.“

Josef Weichenberger ist Architekt in Wien. Nach seinem Architekturstudium in Innsbruck war er Projektpartner bei Coop Himmelb(l)au. 2002 gründete er sein eigenes Atelier Josef Weichenberger Architects.

13. Januar 2026 newroom

Habitat 2030 – Bauen radikal transformieren

Habitat 2030 ist ein Zusammenschluss von Vertreter:innen aus Architektur, Bauträgerschaft, Bauunternehmen, Klimaaktivismus, Medien, Verwaltung, Wissenschaft und Forschung. Gemeinsam setzen sie sich für eine grundlegende Transformation der Bauwirtschaft zur Klimaneutralität bis 2030 ein sowie für die Schaffung zukunftsfähiger Lebensräume innerhalb der planetaren Grenzen.
Drei Mitglieder von Habitat 2030, Architektin Katharina Kothmiller, Architekt Markus Zilker und Elfriede Mörtl von der gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft Alpenland erzählen im Gespräch, was ihnen Hoffnung gibt und warum der wöchentliche fachliche Austausch im sogenannten Klimafrühstück und die intensive Beschäftigung mit der vergleichenden Ökobilanzierung für ihre Arbeit zentral ist. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Habitat ist eine Genossenschaft mit mehr als 52 Mitgliedern über viele Bereiche der Baubranche hinweg. Das ist ein Netzwerk und mittlerweile auch eine Genossenschaft aus engagierten Menschen und Unternehmen, die Emissionen reduzieren wollen, die Antworten finden wollen auf die Klimakrise. Eines der Ziele von Habitat 2030 war immer, kein Othering mehr zuzulassen, nicht mehr die Schuld anderen Teilen der Branche zu zuweisen. Die Größe der Frage ist viel zu relevant und zu dramatisch, als dass wir uns ständig nur auf andere ausreden können. Wir wollen wirklich einen Unterschied machen, Dinge auf den Boden bringen und einen Impact generieren, zum Beispiel die Emissionen so schnell wie möglich reduzieren.

Es reicht nicht mehr aus, dass wir uns irgendwo drei, vier Stunden zu einem Workshop treffen oder uns erzählen, was wir alles ohnehin schon wissen und schon geschafft haben. Es geht wirklich darum, sich auf dieses Nichtwissen, auf diese irgendwie unbewältigbare Herausforderung einzulassen, mit allem, was wir können, wissen und fühlen.
Aus dem heraus ist die Idee der Zukunftswerkstatt entstanden. Das ist eine partizipative Methode, die auf Robert Jungk zurückgeht. Im Herbst fand die dritte Zukunftswerkstatt statt. Dabei haben wir uns mit der Frage beschäftigt: Wie gelingt uns eine radikale Transformation der Bauwirtschaft zur Klimaneutralität bis 2030? Warum radikal? Es geht nicht mehr darum, in Projekten ein bisschen was besser zu machen. Das reicht nicht mehr ansatzweise aus. Es braucht ein radikales, an die Wurzel gehendes Vorgehen. Es geht nicht mehr um Einzelmaßnahmen, sondern wirklich um eine radikale Transformation.

Unser Ziel ist die Klimaneutralität bis 2030. Vor zwei Jahren haben wir das noch für unmöglich gehalten. Jetzt wissen wir durch Forschungsprojekte und durch ganz konkrete Gebäude, dass es möglich ist, zumindest eine Netto-Null auf CO₂-Äquivalent-Ebene in Herstellung und Errichtung zu erreichen, und das im Rahmen des geförderten Wohnbaus.

Durch die Beschäftigung mit der vergleichenden Ökobilanzierung ist deutlich geworden, dass vor allem die materielle Ebene und die grauen Emissionen im Zentrum stehen. Die grauen Emissionen machen heutzutage in Neubauten 50 bis 80 Prozent der Emissionen über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes aus. Im Bestand ist es anders. Das heißt, die materialbezogenen Emissionen sind der Gamechanger. Wir müssen mit Stoffen bauen, die Kohlenstoff speichern wie Holz und Stroh – das sogar einjährig nachwachsend ist.

Habitat 2030 ist inzwischen eine Genossenschaft. Wer Mitglied werden will, findet auf der Homepage den Antrag. Es gibt aber auch ohne Mitgliedschaft zahlreiche Möglichkeiten, sich bei Habitat 2030 zu engagieren. Uns macht es Mut, in diesem Netzwerk Unterstützung zu erfahren. Es bereitet uns Freude, gemeinsam zu lernen, und es stärkt unsere Handlungsfähigkeit. So können wir aktiv mitgestalten und aus der passiven Rolle heraustreten. Wir laden alle herzlich ein, hier mitzumachen.“

Habitat 2030 ist ein Zusammenschluss von Vertreter:innen aus Architektur, Bauträgerschaft, Bauunternehmen, Klimaaktivismus, Medien, Verwaltung, Wissenschaft und Forschung. Sie setzen sich für eine grundlegende Transformation der Bauwirtschaft zur Klimaneutralität bis 2030 ein. Ihr Ziel ist die Schaffung zukunftsfähiger Lebensräume innerhalb der planetaren Grenzen. Seit 2025 ist Habitat 2030 eine Genossenschaft, bei der jede:r Mitglied werden kann.
Habitat 2030 hat das Format „Klimafrühstück“ etabliert – ein regelmäßiges Onlinetreffen, bei dem neue Erkenntnisse und Fachwissen zu unterschiedlichen Aspekten der Klimaneutralität ausgetauscht werden – und hat große Fortschritte im Bereich der Ökobilanzierung gemacht. Dazu wurde ein Leitfaden entwickelt, der Rahmenbedingungen für die Vergleichbarkeit schafft.

2. Dezember 2025 newroom

Katja Fischer – Ländliche Räume stärken

Von 2012 bis 2023 stand die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen unter dem Motto „StadtLand“. Im Gegensatz zu früheren IBAs, die oft in Großstädten stattfanden, konzentrierte sich die IBA Thüringen auf den ländlichen Raum und die Kleinstädte. Die Projekte, Netzwerke und Kooperationen, die während dieser Zeit entstanden, zeigen, wie durch Umbau und gemeinschaftliches Handeln wieder Orte der Gemeinschaft und Begegnungen entstehen können. Katja Fischer war Projekt- und Programmleiterin der IBA Thüringen und ist heute Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen. Sie erzählt im Gespräch, wie sich ihr Blick auf die ländlichen Regionen im Zuge der IBA verändert hat und welche Zukunftsfähigkeit in diesen Räumen steckt. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Es war ein Angebot an die Zukunft, das das Land Thüringen mit der IBA gemacht hat. Man wusste, dass unter diesen Rahmenbedingungen – einer demografischen Entwicklung, der Situation von kleinteiligen Ortschaften und einer ganzen Generation, die in den 1990er-Jahren verloren gegangen ist – das Leben und die Daseinsvorsorge hier finanziell herausfordernd werden. Thüringen hat die IBA auf das klein und ländlich geprägte Lebensmodell ausgerichtet, weil hier strukturell etwas verändert werden musste und man das Zukunftspotenzial dieser Räume aktivieren wollte.
Man nützte die Gunst der Stunde, aber auch das Narrativ der ländlichen Räume hat sich im Zuge des IBA-Zeitraums generell verändert. Ländliche Räume wurden wieder mehr als ein Aufgabengebiet für uns Planende verstanden. Unser Ansatz bei der IBA Thüringen war, dort hinzugehen, wo Menschen sich für ihre Räume engagieren. Wir müssen uns an die Seite dieser Menschen stellen. Dann entsteht die Zukunft von ganz alleine. Da muss man nicht von außen mit einer Rezeptur kommen und glauben, man kann etwas bewirken. Man muss so eine Art Sparringpartner sein für ihre Ideen und ihren Alltag und muss dann gemeinsam weiterdenken und Lösungen entwickeln. Das war auch unser Selbstverständnis der IBA Thüringen. Wir sind da hingegangen, wo Engagement war. Dabei entsteht einerseits eine Art Selbstwirksamkeit, ein Stolz auf das, was man tut, andererseits eine Stärkung der eigenen Identität und der eigenen Heimatbezogenheit. Das stärkt im Endeffekt die Situation in den ländlichen Räumen. Es entstehen wieder Orte, die Gemeinschaft und Begegnungen ermöglichen.

Der ländliche Raum, die Dörfer und die Kleinstädte haben ja schon die Besonderheit, dass hier sehr unkompliziert Gemeinschaft gelebt wird, im Gegensatz zur anonymen Großstadt. Diese Gemeinschaft wieder zu reaktivieren und zu stabilisieren, im Sinne einer gemeinsamen Zukunft, das war unsere Aufgabe. Wir wissen heute, dass wir in Prozessen denken müssen und nicht in Projekt und Ergebnis. Bei einer IBA geht es ja nicht um das Neuerfinden, sondern darum, eine Veränderung zu begleiten.

Natürlich sind wir besorgt über die aktuellen politischen Entwicklungen. Aber wir sind der festen Überzeugung, und das ist auch unsere Erfahrung, die wir im Laufe der IBA gemacht haben, dass es sehr viele, sehr engagierte Menschen in diesem Land gibt, die nicht AfD wählen. Sie setzen sich mit komplexen Rahmenbedingungen und Polykrisensituationen auseinander und versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden. Wir können jetzt resignieren oder wir können versuchen, mit unseren Mitteln etwas zu bewirken. Mein Mittel als Architektin, als Gestalterin von Regionen ist es, einen gesellschaftlichen Transformationsprozess entlang von baulichen Interventionen, Ingebrauchnahmen und Begegnungsräumen zu kuratieren und Kooperationen für ein gutes Zusammenleben und Miteinander zu fördern.

Mehrere Jahre vor dem Ende der IBA entschied die Landesregierung, dass es eine Verstetigung dieser Strukturen braucht, um die während der IBA entstandenen Netzwerke zu pflegen und die Erkenntnisse, die wir alle in den Projekten gemacht haben, zu skalieren. Das zeigt ja auch, dass für diese aufsuchende Arbeitsweise der IBA auf der Landesseite ein großes Verständnis entstanden ist.
Mit der Stiftung Baukultur Thüringen geht es nun nicht mehr in erster Linie um Projektentwicklungen, sondern darum, dass unser aktuelles Wissen in die Fläche skaliert und dort wirksam wird. Wir verstehen uns als Partner der Transformation in Thüringen, Baukultur ist für uns die Strategie der Bauwende. Als Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen setze ich mich daher für ein zirkuläres, ressourcenbewusstes Bauen, vor allem ein Umbauen und eine Gemeinwohlorientierung ein. Mit den einzelnen Modellprojekten der IBA konnten wir den Paradigmenwechsel im Bauen, also die Verwendung nachwachsender Rohstoffe, Rezyklate, die Aktivierung und Pflege des Bestands, erst einmal nur anstiften und punktuell erproben. Es ist klar, dass das ein kultureller Prozess ist, der Zeit braucht, und dass wir alle gebraucht werden, damit die Bauwende gelingt.“

Katja Fischer ist geschäftsführende Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen.
Nach ihrem Studium an der Bauhaus-Universität Weimar widmete sie sich in Forschung und Lehre den Themen Wohnungsbau sowie Stadt- und Raumentwicklung. Von 2012 bis 2023 war sie Projekt- und Programmleiterin der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen.
In ihrer heutigen Position als Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen setzt Katja Fischer Impulse für eine zukunftsfähige Bau- und Planungskultur: Sie fördert innovative Prozesse im Spannungsfeld von Stadt und Land, Bau und Transformation, Nachhaltigkeit und Gestaltung.

4. November 2025 newroom

Renowave.at – Mehr Bestand sanieren

Derzeit liegt die Sanierungsrate beim österreichischen Wohnungsbestand bei ca. 1,7 Prozent. Zur Erreichung der Klimaziele sind mindestens 3 Prozent nötig. Doch statt zu steigen, ist die Sanierungsrate in den letzten Jahren eher gesunken. Mit ein Grund dafür sind die gestiegenen Preise. Renowave.at ist ein Innovationslabor für klimaneutrale Gebäudesanierung und Quartierentwicklung. Es wurde gegründet, um die Sanierungsrate in Österreich zu erhöhen und den Gebäudebestand Schritt für Schritt klimaneutral zu gestalten. Die Genossenschaft vernetzt Forschung, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft, um neue Lösungen für nachhaltige Sanierungen zu entwickeln, zu testen und in die Praxis zu bringen.
Ulla Unzeitig und Susanne Formanek, im Vorstand von Renowave.at, erzählen, wie sie die Sanierung voranbringen wollen und warum sie sich jetzt zusätzlich zu Innovation und Technologie auf die Finanzierung als einen von drei Schwerpunkten konzentrieren wollen.

„Renowave.at will die klimaneutrale Sanierung im Bestand voranbringen. Dafür braucht es nicht nur neue technologische, sondern auch prozessorientierte Innovationen.
Gemeinsam mit unseren Genossenschafter:innen und Fachleuten aus der Branche schauen wir genau hin, wo die Stellschrauben liegen. Uns gibt es jetzt seit vier Jahren – und in dieser Zeit haben wir viele wertvolle Erfahrungen gesammelt.
Zu Beginn haben wir gemeinsam mit unseren Genossenschafter:innen acht Themenfelder identifiziert, an denen wir arbeiten wollten, um die Sanierungsrate zu erhöhen. Ein wesentlicher Schwerpunkt lag dabei auf Innovation und Technologie. Inzwischen haben wir jedoch erkannt, dass der Erfolg viel stärker von den Rahmenbedingungen abhängt – also von rechtlichen und finanziellen Faktoren, die bestimmen, ob ein Gebäude saniert wird oder nicht.
Wir haben drei zentrale Bereiche definiert, in denen wir zuallererst Veränderungen anstoßen müssen: die Finanzierung, die Governance sowie die stufenweise und serielle Sanierung. Wenn es gelingt, diese Hürden zu überwinden, sind wir überzeugt, dass die Sanierung wieder an Fahrt gewinnen wird.
Unser Ziel ist nach wie vor die umfassende Sanierung. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass dies sehr schwierig ist, weil der Sprung meist zu groß ist. Deshalb konzentrieren wir uns nun auf ein stufenweises Vorgehen. Wenn man einen Sanierungsplan für ein Gebiet oder eine Liegenschaft erstellt, muss nicht alles auf einmal umgesetzt werden – man kann das Projekt in Teilbereiche gliedern. Für diese lassen sich mitunter unterschiedliche Stakeholder oder Finanzierungsmodelle finden. So lässt sich das große Ziel Schritt für Schritt erreichen.
Im Zuge der neuen EU-Gebäuderichtlinie wird im kommenden Jahr der Renovierungsplan eingeführt – ein sogenannter Renovierungspass für Gebäude, der derzeit ausgearbeitet wird.
Es gibt große Stellschrauben, an denen nur die Politik drehen kann. Ein Beispiel dafür ist das Erneuerbare-Wärme-Gesetz: Darauf wurde intensiv hingearbeitet – und am Ende kam das Gesetz doch nicht.
Wir hingegen arbeiten an vielen kleinen Stellschrauben. Wir stoßen Innovationsprozesse an, initiieren Forschungs-, Demonstrations- und Pilotprojekte und bringen sie ins Laufen. Wir vernetzen Akteure, vermitteln Wissen und analysieren, was bereits vorhanden ist und wer über welches Know-how verfügt. Darüber hinaus engagieren wir uns zunehmend auch im Bereich der Weiterbildung – insbesondere für die Bauwirtschaft.
Unser Ziel ist es, eine Sanierungsrate von 3 Prozent zu erreichen. Davon sind wir derzeit noch weit entfernt. Wir haben sogar den Eindruck, dass es zunehmend schwieriger wird.
Aber wir bleiben dran. Der Sanierungspass wird kommen, und damit auch die stufenweise Sanierung. Außerdem rückt der Gebäudebestand immer mehr in den Mittelpunkt – das war vor ein paar Jahren noch anders. Das macht uns optimistisch.“

Renowave.at ist das Innovationslabor für klimaneutrale Gebäude- und Quartierssanierungen in ganz Österreich. Als unabhängige Anlaufstelle für Innovationsvorhaben im Sanierungsbereich unterstützt es u. a. Initiator:innen von Demonstrationsgebäuden und -quartieren, um Impulse für einen klimaneutralen Gebäudebestand zu setzen. Das Innovationslabor steht allen Stakeholdern und Interessierten offen. Es möchte hochwertige Sanierungen einfacher, kostengünstiger und rascher umsetzbar machen und forciert dafür Innovationen. Der Vorstand von Renowave.at besteht aus Ulla Unzeitig und Susanne Formanek. Die Genossenschaft hat derzeit 42 Mitglieder.

7. Oktober 2025 newroom

materialnomaden – Bauteile ernten statt entsorgen

Andrea Kessler und Peter Kneidinger von den materialnomaden sind Pioniere der Wiederverwendung von Bauteilen. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht stets die Optimierung von Lebenszyklen von Objekten, Bauteilen und Materialien. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, diese wertvollen Ressourcen in bestehenden Bauten zu ernten und neue Anwendungen dafür zu suchen.
Ihnen geht es dabei nicht nur um den Kreislaufgedanken, sondern auch um die Bewahrung der Identität. In Oberösterreich erproben sie gerade an einem konkreten Bauvorhaben, wie die Wiederverwendung bei Sanierung und Neubau ökonomisch und ökologisch am besten funktionieren kann, damit die Kreislaufwirtschaft auch bei größeren Bauvorhaben zur Normalität wird.
Andrea Kessler und Peter Kneidinger von den materialnomaden erzählen im Gespräch, wie sie den Rückbau und die Weiterverwendung von Bauteilen effizienter gestalten wollen und wie mithilfe des parametrischen Designs eine neue Architekturästhetik entsteht. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Wir sind FachplanerInnen für Re:Use. Wir finden Bauelemente, die ein Potenzial zur Wiederverwendung haben, und entwickeln Prozesse, um diese Elemente einer Wiederverwendung zuzuführen.

HarvestMAP ist die erste Firma, die wir gegründet haben. Es ist eine Genossenschaft zur Vermittlung von Re:Use-Bauteilen. Die Firma Bauteiler ist unsere Umsetzungsfirma, die prototypisch Projektumsetzung macht. Und aus einem gemeinsamen Projekt dieser beiden Unternehmen ist dann die Dachmarke, die Firma materialnomaden, entstanden, die spezifische Fachplanung sowie Produkt- und Projektentwicklung betreibt.

Das, was viele Menschen als Müll bezeichnen, ist überhaupt kein Müll. Dabei helfen uns die neuen Technologien, die Kreisläufe wieder zu schließen. Die Prozesse der Wiederverwendung beginnen am Lebensende eines Gebäudes und gehen über in einen Planungsprozess und dann in den Bauprozess. Wir werden beauftragt, Bauteilkataloge zu erstellen. Das läuft parallel zu einer Schad- und Störstofferkundung, die ab einem gewissen Volumen notwendig ist, wenn man Gebäude umbauen möchte. Wir erkunden die Potenziale der Produkte und Materialien, die verbaut wurden. Das hilft dem Eigentümer, sein Gebäude kennenzulernen und zu wissen, was er mit dem Gebäude machen kann. Idealerweise bleibt der Bestand oder zumindest die Struktur eines Gebäudes stehen. Hier haben wir am meisten Potenzial, CO2-Emissionen einzusparen. Wir loten dann aus, welche Bauteile und Materialien gut in einem nächsten Lebenszyklus weiterverwendet werden können, und fassen diese Informationen in einer Datenbank zusammen.

Unsere vierte Firma ist die circular house gmbh, eine Entwicklungs-GmbH. Mit dieser sanieren wir gerade Haus Lena, ein Einfamilienhaus, und verdichten diesen Standort um zwei neue Wohneinheiten. Das Ziel dieses Projekts ist es, Methoden zu entwickeln, die vervielfältigbar sind. Die Lebensdauern von Gebäuden und ihren Bauteilen sind sehr unterschiedlich. Wir müssen die Produkte kennenlernen, um sie weiterzuverwenden. Wir erschließen uns hier vor allem beim Rückbau Bautechnologien, Verbindungen, Bauweisen. Das ist wichtig, um etwas Neues zu entwickeln. Diese Verbindung aus Alt und Neu, Geschichte und Zukunft ist für uns ein wesentliches Antriebsmoment. Die transdisziplinäre Arbeit mit den vielen unterschiedlichen Materialien, den vielen Gewerken ist das, was uns jeden Tag bei der Arbeit bereichert.

Idealerweise bleibt der Bestand oder zumindest die Tragstruktur eines Gebäudes bestehen – dadurch können wir die meisten CO2-Emissionen einsparen. Die Bauteile und Bauelemente können gut in einer neuen Anwendung weitere Jahrzehnte funktionieren. Wir entwickeln Methoden, wie wir Bauteile, die uns zu dem Zeitpunkt zur Verfügung stehen, neu einsetzen können. Die ökologische, die ökonomische und die soziale Frage bilden genau das Dreieck, das unserer Meinung nach ein wesentlicher Bestandteil für unsere Zukunft ist. Auch das, was wir tun, muss ökonomisch sein.

Wir müssen nicht erkennen, dass etwas wiederverwendet wurde, sondern das muss einfach zum neuen Normal werden. Wir wollen weg von dieser Collagenästhetik, auch in der Ästhetik in eine höhere Wertigkeit kommen. Es geht nicht mehr um die Frage, ob etwas wiederverwendet wird, sondern das ist einfach das Material, mit dem wir arbeiten und mit dem wir schöne Gebäude umbauen und errichten.“

Die Architektin Andrea Kessler und der Bauingenieur Peter Kneidinger gründeten 2019 das Unternehmen materialnomaden, das sich auf Re:Use und Circular Design spezialisiert hat.
Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Optimierung der Lebenszyklen von Objekten, Bauteilen und Materialien – stets mit dem Ziel, eine zukunftsfähige Kreislaufwirtschaft zu fördern. Als Planer:innen für Re:Use begleiten sie Projekte in unterschiedlichsten Maßstäben: von klein bis groß, von der Konzeption bis zur Umsetzung.
Zur Stärkung und Verankerung der Kreislaufwirtschaft in der Baubranche engagieren sich die materialnomaden auch in der Lehre – etwa bei BASEhabitat der Kunstuniversität Linz, der Technischen Universität Wien und der Akademie der bildenden Künste Wien.

2. September 2025 newroom

Breathe Earth Collective – Natürlich kühlen

Karlheinz Boiger ist Architekt, Partner bei Hohensinn Architektur und Teil des interdisziplinären Breathe Earth Collective, das 2015 den österreichischen Pavillon auf der Expo in Mailand gestaltete. Im Mittelpunkt stand die Klimaleistung des Waldes. Um diese für die Besucher:innen spürbar zu machen, konnte man in dem Expo-Pavillon durch einen echten Wald flanieren.
Es folgten kleinere Pavillons, die das Kollektiv für die Österreich Werbung entwickelte: der Klima Kultur Pavillon für das Kulturjahr in Graz 2020 und kürzlich für Sankt Pölten eine Brunnenskulptur, der sogenannte Windfänger. Im Mittelpunkt seiner Bemühungen steht immer das Interesse, den Hitzeinseln in der Stadt und damit auch dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. Karlheinz Boiger erzählt im Gespräch, warum ihn die Klimaleistung des Waldes so fasziniert und wie das Kollektiv eine neue Klimakultur formen und dazu Menschen zum Gespräch und Informationsaustausch zusammenbringen will.
Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Wir vom Breathe Earth Collective haben uns an der TU Graz am Institut für Architektur und Landschaft kennengelernt, wo wir als Lehrbeauftragte gearbeitet haben. Wir waren mit den Studierenden in Istanbul, im Belgrader Wald. Das große Waldgebiet nordöstlich von Istanbul ist die grüne Lunge der Stadt und versorgt sie mit kühler Luft und Wasser. Diese riesige natürliche Ressource der Stadt hat uns fasziniert. Gemeinsam haben wir dann bei der Ausschreibung für den Expo-Pavillon in Mailand mitgemacht. Wir wollten diese Leistung des Waldes in den Mittelpunkt unseres Pavillons stellen und die Architektur mit der Natur verknüpfen. Mit dem Konzept haben wir den Wettbewerb gewonnen. So ist das Breathe Earth Collective entstanden.

Im Zentrum des Expo-Pavillons stand ein echter, lebender Wald. Wir haben ihn technisch unterstützt, mit Sprühnebel angeregt und konnten damit einen Temperaturunterschied von 6 bis 10 Grad gegenüber der Außentemperatur erzeugen. Wir waren selbst erstaunt, dass es so gut funktioniert hat. Das war dann auch der ausschlaggebende Punkt, warum wir als Kollektiv weitermachen wollten.
Wir haben im Auftrag der Österreich Werbung mobile Pavillons entwickelt. Das Airship 01 – eine von uns designte Struktur mit einem kleinen Wald im Inneren – wurde in Padua, Mailand und Rom aufgestellt. Vor zehn Jahren wurde der Heat-Island-Effekt noch nicht so breit diskutiert wie heute. Inzwischen spüren wir tagtäglich, dass die Überhitzung in den Städten zu einem großen Problem geworden ist. Wir aber wollten schon damals darauf aufmerksam machen.

Den Begriff der Klimakultur haben wir das erste Mal im Kulturjahr 2020 in Graz verwendet, als wir auf dem Freiheitsplatz den Klima Kultur Pavillon aufgestellt haben. Wir brauchen eine neue Kultur, um mit dem Thema Klima und Klimawandel anders umzugehen. Viele Leute erkennen, dass wir ein großes Problem mit unserem Klima haben, wissen aber nicht, was sie tun sollen. Das Thema ist so global und komplex, dass man sich als einzelner Mensch schwertut, irgendwas zu tun. Wir wollen eine Plattform schaffen, auf der wir über die Themen diskutieren, uns austauschen und gemeinsam Lösungsansätze generieren. Letztlich sind unsere Pavillons ja Versuche, so etwas zu tun. Wir sind nicht nur ein Thinktank, sondern auch ein Dotank. Wir versuchen, dort etwas umzusetzen, wo andere – und das kritisieren wir auch immer ein bisschen – viele Tonnen Papier produzieren. Wir haben nicht mehr 20 Jahre Zeit, Papier zu produzieren, wir müssen ins Tun kommen.
Letztlich sind die Stadt oder die urbanen Ballungsräume die großen Impact-Flächen, wo viel Überhitzung produziert wird. Der öffentliche Raum wird leider nach wie vor zu mehr als 80 Prozent für den ruhenden Verkehr verwendet. Das können wir ändern. Der öffentliche Raum gehört uns allen. Das ist die Fläche, die wir verwenden können, um das Stadtklima zu drehen.“

Karlheinz Boiger ist Architekt und CEO von Hohensinn Architektur. Boiger verbindet klassische Architektur mit innovativen, ökologischen Ansätzen – sichtbar in seiner Mitgründung des interdisziplinären Breathe Earth Collective und dessen internationalen Präsentationen wie in Montreal und Mailand. Für die dortige Expo konzipierte und gestaltete das Breathe Earth Collective 2015 den österreichischen Pavillon.
Es folgten einige kleinere Pavillons für die Österreich Werbung und der Klima Kultur Pavillon in Graz im Kulturjahr 2020.
Zuletzt baute das Breathe Earth Collective gemeinsam mit Hohensinn Architektur in Graz-Reininghaus die unter Denkmalschutz stehende Tennenmälzerei für eine temporäre Nutzung um und verwendete dabei Re-Use-Materialien.
Zum Breath Earth Collective gehören Karlheinz Boiger,  Lisa Maria Enzenhofer, Markus Jeschaunig, Andreas Goritschnig und Bernhard König.

5. August 2025 newroom

AbbrechenAbbrechen – Umbau statt Abriss

Das Strafjustizzentrum in München ist ein brutalistisches Gebäude-Ensemble aus den 1970er-Jahren. Seit bekannt wurde, dass die Strafjustiz 2026 von ihrem jetzigen Standort an der Nymphenburger Straße in einen Neubau umziehen wird, herrscht Unklarheit über die Zukunft des bestehenden Gebäudes – auch ein Abriss steht im Raum. Als Reaktion auf diese Pläne formierte sich im Oktober 2022 die Initiative JustizzentrumErhalten/AbbrechenAbbrechen. Ihr zentrales Anliegen ist der Erhalt des Bestandsbaus. In einem offenen Diskussionsprozess will sie alternative Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen und eine breitere Debatte anstoßen. Jan Fries und Laura Höpfner, Aktivist:innen der Initiative, erklären im Gespräch, warum man anhand des Strafjustizzentrums viele Themen rund um die Bauwende aushandeln kann, warum für den Erhalt solcher Gebäude breite Allianzen gefunden werden müssen und welchen Zweck Kartierungsspaziergänge in diesem Kontext haben. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Als Reaktion auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung Ende 2022 hat sich die Initiative AbbrechenAbbrechen gegründet. In dem Artikel hieß es, dass das Strafjustizzentrum aus dem Gebäudeensemble ausziehen soll und die Zukunft des Bestands unklar ist. Ein Abriss schien wahrscheinlich. Wir wollen einen Abriss verhindern und in einem offenen Prozess eine gemeinwohlorientierte Nutzung des Gebäudes verhandeln. In unserem Positionspapier stehen drei Kernforderungen: Erstens soll es keinen Abriss geben, sondern einen Umbau. Zweitens soll hier ein „offenes Haus“ entstehen, was wir als Chiffre für eine gemeinwohlorientierte Nutzung verstehen. Und drittens fordern wir einen offenen Prozess. Die Bauwende ist ein fundamentales Thema und unumgänglich. Wir müssen neu verhandeln, wie wir mit unseren Gebäuden umgehen wollen.
Weil niemand anders sich für diesen Aushandlungsprozess zuständig fühlte, haben wir damit begonnen. Im Endeffekt aber ist es eine Angelegenheit der Stadtgesellschaft von München. Jede Person, die betroffen ist und sich angesprochen fühlt, sollte dabei mitsprechen dürfen. Das beginnt beim unmittelbar umgebenden Viertel, dem St.-Benno-Viertel, und geht dann in konzentrischen Kreisen weiter über die angrenzende Innenstadt, die ganze Stadt und darüber hinaus.

Konkret geht es uns um die Ideenfindung und die Bedarfsermittlung für das Objekt. Wir haben versucht, die Bedürfnisse und Wünsche mit Workshops, Infoveranstaltungen mit Bürger*innen und einem Open Call, also einem offenen Ideenwettbewerb für die Nachnutzung des Gebäudes, zu ermitteln. Auf den Open Call bekamen wir über 100 sehr vielseitige Einreichungen. Dadurch sind ganz verschiedene Bilder und Visionen für dieses Gebäude entstanden. Diese Vielfalt müsste auch im weiteren Prozess aufgegriffen werden.
Wir haben von verschiedenen Stellen gespiegelt bekommen, dass es zwischen dem zuständigen Ministerium und weiteren Stellen Gespräche gab und dass der Beschluss vom bayerischen Ministerrat, eine Machbarkeitsstudie zu machen, schon mal ein Erfolg für unsere Initiative ist. Uns geht es im Allgemeinen um eine Diskursverschiebung. Grundsätzlich muss man raus aus der Fachbubble und mit den Menschen reden, die betroffen sind oder betroffen sein könnten. Man muss breite Allianzen schließen. Die Dondorf-Druckerei in Frankfurt am Main ist ein Erfolgsbeispiel. Sie haben es wirklich geschafft, dass das Gebäude nun erhalten und umgenutzt wird. Menschen aus dem linken Spektrum haben mit Bürger*innen aus einem eher konservativen Bereich zusammengefunden und waren mithilfe ganz unterschiedlicher Taktiken, die den jeweiligen Milieus eigen sind, erfolgreich. Bei uns hingegen ist die Zukunft des Münchner Justizzentrums noch ungewiss.

Darüber hinaus versuchen wir, eine bestandsorientierte Bauwende mit verschiedenen Formaten allgemein zu platzieren. Ein gutes Werkzeug, um Raumpotenziale in der Stadt sichtbar zu machen, ist zum Beispiel das gemeinschaftliche Kartieren. Wir haben in Zusammenarbeit mit der Hans Sauer Stiftung in zwei Stadtteilen von München Kartierungsspaziergänge veranstaltet. Dabei werden gemeinschaftlich mit der Stadtbevölkerung Leerstand und Brachen erfasst. Diese Orte oder Räume werden dann gemeinschaftlich neu gedacht: Was kann dort in Zukunft passieren? Wie könnte man mit dem Bestand umgehen? Welche Bedarfe gibt es aus der lokalen Bevölkerung? Da sind spannende Ideen zustande gekommen.
Die dominante Erzählung bei uns in der Bundesrepublik ist noch immer: „Bauen hilft“. Vor diesem Hintergrund sind Kartierungsspaziergänge ein Weg, um Druck von unten aufzubauen, die Potenziale im Bestand zu nutzen. Abriss und Leerstand sind oft ein Symptom von Immobilienspekulation, also dem Priorisieren des Profits Einzelner vor den Interessen der Stadtgesellschaft
Wir sehen einen Mehrwert darin, wenn Bürger:innen verstehen, dass es auch jetzt schon im Viertel Platz für ihre Bedürfnisse gibt. Nur wird der Raum noch nicht richtig und gemeinwohlorientiert genutzt.“


Das Justizzentrum München wird in absehbarer Zeit von seinem jetzigen Standort an der Nymphenburger Straße in einen Neubau am nördlich gelegenen Leonrodplatz umziehen. Über die Zukunft des bestehenden Ensembles aus dem Jahr 1977 herrscht Unklarheit – ein Abriss steht im Raum. Als Reaktion auf diese Pläne formierte sich im Oktober 2022 die Initiative AbbrechenAbbrechen. Ihr zentrales Anliegen ist der Erhalt des Bestandsbaus. In einem offenen Diskussionsprozess will sie alternative Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen und eine breitere Debatte anstoßen. Der Eigentümer, der Freistaat Bayern, prüft derzeit, ob „maximal viel bezahlbarer Wohnraum“ entweder durch einen Umbau oder im Rahmen eines Neubaus realisiert werden kann.

Jan Fries ist Urbanist, Regionalplaner, GIS-Spezialist und Mitinitiator von AbbrechenAbbrechen. Er ist zurzeit bei der Regierung von Oberbayern als Landes- und Regionalplaner tätig.

Laura Maria Höpfner ist Architektin und Stadtgestalterin und neben ihrer selbstständigen Tätigkeit bei der Landeshauptstadt München als Projektkoordinatorin für die IBA „Räume der Mobilität“ zuständig. Sie ist zudem aktiv bei AbbrechenAbbrechen.

1. Juli 2025 newroom

Robert Temel – Die Lösung liegt in guter Baukultur

Die Plattform Baukulturpolitik wurde 2002 gegründet mit dem Ziel, die Rahmenbedingungen für Baukultur zu verbessern. In den ersten Jahren wurden ein Beirat für Baukultur und der regelmäßige Baukulturreport erreicht. Heute bemüht sich die Plattform um die Einrichtung einer österreichischen Agentur für Baukultur und um ein jährliches Förderbudget zur Initiierung und Unterstützung von Baukulturprojekten in Städten und Gemeinden. Robert Temel, der gemeinsam mit Caren Ohrhallinger und Rupert Halbartschlager Sprecher der Plattform Baukulturpolitik ist, erzählt hier, warum diese Baukulturförderung sich am Vorbild der deutschen Städtebauförderung orientiert und warum sie so wichtig wäre für die weitere Entwicklung von Österreichs Städten und Gemeinden.

„Die Plattform Baukulturpolitik gibt es seit mehr als 20 Jahren. Am Beginn brachten Barbara Feller, Roland Gruber und Volker Dienst verschiedene relevante Institutionen zusammen mit dem Ziel, die Rahmenbedingungen für Baukultur zu verbessern, insbesondere auf bundespolitischer Ebene. 2004 wurde dann im Nationalrat beschlossen, einen Beirat für Baukultur einzurichten und alle fünf Jahre Baukulturreports über den Stand der Baukultur in Österreich zu verfassen. Heute sind wir ein Verein mit an die 40 institutionellen Mitgliedern. Caren Ohrhallinger, Rupert Halbschlager und ich sind die Sprecher*innen.
Das Ziel der Plattform ist, die politischen Rahmenbedingungen für Baukultur zu verbessern. Die Grundidee war schon von Beginn an, dass öffentliche Mittel fürs Bauen an Qualitätskriterien gebunden sein sollen. Da das schwierig umzusetzen ist, sind wir in den letzten Jahren bei einer spezifischen Forderung gelandet: Es braucht in Österreich ein Baukulturförderprogramm für Städte und Gemeinden nach dem Vorbild der deutschen Städtebauförderung. Den Begriff Städtebauförderung finde ich in Österreich schwierig, weil die österreichischen Gemeinden sehr kleinteilig strukturiert sind und viele sich vom Begriff ‚Städtebau‘ nicht angesprochen fühlen. Deswegen sprechen wir von einer Baukulturförderung für Städte und Gemeinden. Die Idee ist, dass es vom Bund in Kooperation mit den Ländern Geld gibt, das direkt in die Gemeinden fließt und dort für hochqualitative Planung und Umsetzungsprozesse ausgegeben wird: für eine Neugestaltung des Ortskerns, für die Umplanung des öffentlichen Raums, für Verkehrsberuhigung, für zentral gelegenes Wohnen und so weiter. Es gibt bereits hervorragende Beispiele in Österreich, aber leider zu wenige, weil es wirklich schwierig ist, solche Projekte umzusetzen.
Elias Molitschnig, heute Leiter der Abteilung Architektur, Baukultur und Denkmalschutz im Bundesministerium Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport, hat jahrelang in Kärnten die Gemeinden bei der Umsetzung solcher Projekte unterstützt. Fährt man in die Gemeinden und fragt nach, wie sie entstanden sind, kommt man darauf, dass für ein Miniprojekt, das vielleicht zwei Millionen Euro gekostet hat, zehn verschiedene Förderprogramme notwendig waren. Eine Gemeinde mit ein paar tausend Einwohnern hat aber nicht die Strukturen, um so etwas zu organisieren. Es gibt so wenige gute Projekte, nicht weil die Leute kein Verständnis für Baukultur haben, sondern weil sie den Aufwand nicht tragen können. So eine Förderung, das sieht man auch bei der deutschen Städtebauförderung, finanziert sich quasi von selbst. Es gibt Untersuchungen über die Wirksamkeit der Städtebauförderung in Deutschland, die zeigen, dass ein Euro Städtebauförderung sieben weitere Euro Investitionen hervorruft. Das kommt vor allem der regionalen Wertschöpfung zugute. Kein anderes Förderprogramm ist so effektiv.
Die Plattform für Baukulturpolitik ist eine Plattform des Austauschs. Diese enge Kooperation, der laufende Austausch über all diese Themen, ist eine wesentliche Grundlage dafür, dass wir es schaffen werden, dieses Förderprogramm umzusetzen. Hier fallen diese Vorschläge auf fruchtbaren Boden und werden als sinnvoll wahrgenommen.“

Die Plattform Baukulturpolitik ist ein gemeinnütziger Verein, der jene Institutionen vereint, die sich in Österreich mit Architektur und Baukultur befassen und diesen Themen eine politische Dimension beimessen. Die Plattform hat es sich zum Ziel gesetzt, Bewusstsein für Baukultur speziell dort zu schaffen, wo Verantwortungsträger:innen weitreichende Beschlüsse fassen. Im Wesentlichen agieren die Mitglieder der Plattform in drei Wirkungskreisen: In der Architektur- & Baukulturvermittlung, in der Ausbildung, Lehre, Forschung und als Standesvertretungen und Interessengemeinschaften. Rupert Halbartschlager, Caren Ohrhallinger und Robert Temel sind derzeit die Sprecher*innen der Plattform Baukulturpolitik.

3. Juni 2025 newroom

Mario Abl und Erich Biberich – Ortskerne stärken

Wenn Stadt- und Dorfzentren veröden, ist das ein schleichender Prozess, der schwer aufzuhalten ist. Längst sind es nicht mehr nur die Einkaufszentren an den Stadträndern, sondern auch der Onlinehandel, der zu Leerständen im Zentrum führt. Wer dem etwas entgegensetzen will, braucht einen langen Atem. Die Stadt Trofaiach in der Steiermark begann vor genau zehn Jahren, sich aktiv um die Belebung ihrer Stadtmitte zu kümmern, und schuf dafür eine eigene Stelle. Bürgermeister Mario Abl erzählt, warum die Gemeinde aktiv und als Vorbild vorangehen muss. Innenstadtkoordinator Erich Biberich, der den Prozess vom ersten Bürgerbeteiligungsprozess an begleitet, berichtet, wie er konkret gegen den Leerstand vorgeht. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

Mario Abl, Bürgermeister von Trofaiach:
„Spätestens als die Banken und die Apotheke aus der ehemaligen Hauptstraße wegzogen, kehrte Tristesse ein. Es gab immer mehr Leerstände und uns war klar, dass wir dem in irgendeiner Form entgegenwirken müssen. Wir haben dann 2015, vor genau zehn Jahren, einen Bürgerbeteiligungsprozess gestartet. Rund 2.000 Menschen nahmen teil und brachten ihre Ideen ein. Das war der Start für den Veränderungsprozess.
Auch als Stadt haben wir in die Hauptstraße investiert: Wir haben eine alte Bank ankaufen können und dort unsere Musikschule angesiedelt. Wir haben den Trofaiach Tandler aufgemacht, einen neuen Busterminal errichtet und ein Jugendzentrum eröffnet. Und plötzlich haben die Leute gesagt: ‚Na ja, der Stadt ist das auch wichtig. Sie investieren selbst.‘ Dann gab es auch ein paar private Initiativen. Aber es funktioniert leider nicht immer alles. Man hat einen Erfolg und ein bisschen später sperrt doch wieder wer zu. Da muss man ständig dranbleiben. Auch die Rahmenbedienungen können sich plötzlich komplett verändern: erst die Pandemie, jetzt die schwierige Finanzsituation. Das spielt alles zusammen in so einem Entwicklungsprozess. Man muss nachjustieren und sich wieder etwas Neues überlegen. Und dazu braucht es eben auch jemanden, der das professionell tut, und das ist in unserem Fall Erich Biberich, unser Innenstadtkoordinator.“

Erich Biberich, Innenstadtkoordinator von Trofaiach:
„Die Bevölkerung wünschte sich eine Veränderung. Das war unbestritten. Sie wollte, dass sich das Stadtbild verändert, dass die beginnende Verwahrlosung aufhört. Der wichtigste Punkt war aber die Steigerung der Aufenthaltsqualität. Zuallererst haben wir eine Bestandserhebung gemacht. Zu Beginn ist der Leerstand ja nur ein Gefühl. Es ist leer, es ist schmutzig, es kümmert sich niemand mehr. Wir haben für das definierte Innenstadtgebiet den Katasterplan aus dem Bauamt ausgehoben und sind dann von Geschäft zu Geschäft, von Haus zu Haus gegangen, um uns zu informieren über den Zustand, die Größe, die Besitzverhältnisse, eventuelle Vorhaben und so weiter. Das Teuflische am Leerstand ist ja, dass er schleichend ist. Er fällt nicht auf, zumindest am Anfang nicht. Man sagt ja, ab 10 Prozent Leerstand beginnt er aufzufallen. Bei der Analyse der Geschäfte habe ich bemerkt, dass im Jahr nur ein Geschäft weggefallen ist. In zehn Jahren aber sind das zehn Geschäfte, und wenn sich keiner kümmert, bald auch zwanzig.

Grundsätzlich möchte natürlich jeder Eigentümer sein Geschäft vermieten. In einer solchen historischen Hauptstraße ist das aber nicht mehr so einfach möglich. Bis heute weisen einige Mietflächen, genau genommen ganze Objekte, gar nicht den erforderlichen technischen Zustand auf, um sie vermieten zu können: verschachtelte Grundfläche, Feuchtigkeit, schlechte Bausubstanz und so weiter und so fort.
Für mich war es deshalb ein Meilenstein, als ich ein paar Jahre nach Beginn des Prozesses erkannt habe, dass ich mich vor allem darum kümmern muss, dass die Gebäude saniert werden. Das betrifft nicht nur die Geschäfte, sondern auch die Wohnungen darüber. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass jedes Objekt an einen meist öffentlichen Raum grenzt. Auch der gehört drastisch verändert. Darum gefällt mir der Fokus rein auf das Leerflächenmanagement nicht. Leerflächenmanagement ist dann fast ein Nebeneffekt und Zusatznutzen aus den Hausaufgaben, die zu machen sind.
Das Durchhalten als Gemeinde ist die Kunst an der Sache. Es reicht nicht, einfach eine Funktion zu schaffen wie meine Stelle als Innenstadtkoordinator, sie muss in der Gemeinde auch eingebettet sein in den Willen und die Zusammenarbeit vom Bürgermeister bis zur Verwaltung. Nur dann funktioniert es.“

Trofaiach ist mit ca. 11.000 Einwohner:innen die zweitgrößte Stadt in der Region Leoben. Sie nennt sich Lebensmittelpunktgemeinde, weil die Menschen hier vor allem wohnen, zur Arbeit aber vielfach pendeln. 2015 startete die Stadt einen Prozess, um die Innenstadt wieder zu beleben.
Dafür wurden der Gemeinde zahlreiche Preise verliehen, unter anderem der Baukulturgemeindepreis, der ÖGUT-Umweltpreis und der VCÖ-Mobilitätspreis.

Mario Abl ist seit 2013 Bürgermeister der Stadtgemeinde Trofaiach und Mitglied des Bundesparteivorstands der SPÖ. Schon vor der damaligen Neugründung und Zusammenlegung von Trofaiach mit den Nachbargemeinden Hafning bei Trofaiach und Gai war er seit 2009 Bürgermeister der Stadt Trofaiach gewesen.
Erich Biberich ist seit 2015 Innenstadtkoordinator der Stadt Trofaiach.

6. Mai 2025 newroom

Daniel Baur – Zu 100 % Reuse

Daniel Baur ist Landschaftsarchitekt in Basel. Mit seinem Büro Bryum hat er für den Energieanbieter Primeo Energie in Münchenstein bei Basel einen Vorplatz gestaltet aus 100 % wiederverwendetem Material. Da sie nicht wussten, mit welchen Materialien sie bauen würden, erstellten sie anstelle einer Visualisierung Regeln: Alle benötigten Materialien sollten aus einem Umkreis von maximal 10 km kommen oder das Material sollte zu 100 % verwendet werden und nicht teilweise wieder weggeworfen werden, nur weil es nicht in das Gestaltungskonzept passt oder einen kleinen Makel hat. Reuse-Konzepte erfordern einen flexiblen Entwurfs- und Planungsprozess. In diesem Fall ermöglichte das flexible Konzept der Streifen Änderungen im Materialbezug und im Bauprozess. Daniel Baur erzählt im Gespräch, warum bei Reuse-Projekten neue Kompetenzen von Planenden und Ausführenden gefordert sind, warum sich das Verhältnis von Entwurf und Planung radikal verändert und warum die schöne Visualisierung kontraproduktiv für Reuse-Projekte ist. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Das fertige Bild funktioniert in der Wieder- und Weiterverwendung nicht, weil man nicht weiß, welches Material man bekommt. Für den Energieanbieter Primeo Energie haben wir in Münchenstein bei Basel einen kompletten Platz im Sinne des Reuse-Gedankens neu gestaltet. Wir haben Regeln aufgestellt und diese auch simuliert. Eine Regel war: Wir wollten nicht nur eine 100 %ige Wiederverwendung von Material, sondern wir wollten das Material, das wir bekommen, auch zu 100 % verwenden. Wir wollten nicht die Hälfte der Chargen wegschmeißen. Man sieht dem Platz an, dass es ein Reuse-Projekt ist. Es gibt zwar ein erkennbares Gestaltungskonzept, aber es ist schon ein bunter Hund geworden. Es ist ein Zeitzeuge und wir würden sehr vieles heute anders machen. Aber ich glaube, es ist wichtig, so etwas auszuprobieren.
Ich denke, in Zukunft wird es nicht mehr nötig sein, solch bunte Hunde zu bauen. Wenn wir die Materialströme besser kennen, dann können wir eigentlich bauen, wie wir das gewohnt sind. Wenn man diese Netzwerke aufbaut, dann weiß man ziemlich genau, welches Objekt wann zurückgebaut wird oder wo welche Ressourcen frei werden. Das ist planbar. Das ist eine Erkenntnis aus diesem Projekt. Zuerst hatten wir Angst, dass wir auf eBay Platten kaufen müssen, und dann kommt die ganze Zeit der DHL-Wagen und lädt Paletten ab. In der Diskussion mit den Baufirmen haben wir gemerkt, dass es viel planbarer ist als gedacht. Was auch noch interessant ist, ist, dass viel Material weggeworfen wird, das eigentlich ein Restposten ist oder Material mit einem Schaden. Das kann eine kleine Kalkausblühung sein, die nach zwei Jahren weg ist, aber die Platten kann man heute nicht mehr verkaufen. Das hat uns sehr überrascht und auch erschreckt.
Das zirkuläre Bauen erfordert einen anderen Entwurfsprozess. Wenn ich nicht mehr das Objekt erschaffe, sondern die Regeln bestimme, wie das Objekt aussieht, muss ich mich eigentlich mit den Regeln identifizieren. Das braucht extrem viel Mut. Und dieser Mut ist ein Widerspruch zum Schöpferischen. Das fertige Bild, die Visualisierung funktioniert in der Wieder- oder Weiterverwendung nicht, weil man nicht weiß, mit welchem Material man arbeiten wird. Die Schöpfung ist nicht mehr der Entwurf, sondern die Schöpfung ist der Prozess des Entstehens und des Zusammensetzens. Und da merken wir, dass die Architektur im Moment noch mit der hohen Qualität des Bildes, der Nachvollziehbarkeit, wie es genau aussehen soll, ganz woanders steht, als wir es für das zirkuläre Bauen brauchen. Ich würde überhaupt nicht sagen, dass man die Gestaltung hintanstellen muss, sondern dass durch das Momentum der Ressource sich auch ganz tolle räumliche Qualitäten ergeben, die nie entstanden wären, wenn man auf dem Reißbrett anfängt, den perfekten Raum zu zeichnen.“

Daniel Baur ist Landschaftsarchitekt und Stadtentwickler. Er ist Inhaber und Mitglied der Geschäftsleitung von Bryum, einem Büro für urbane Interventionen und Landschaftsarchitektur mit Sitz in Basel, und Professor für Landschaftsarchitektur an der Berner Fachhochschule für Architektur, Holz und Bau. In Lehre wie Praxis legt er immer wieder einen Fokus auf das Thema Reuse und auf die Bedeutung für Entwurf und Ausführung.

1. April 2025 newroom

Ulrike Schartner – Leistbarer Wohnraum für alle

Vor etwa zwei Jahren gründeten Mitglieder der Kammer der ZiviltechnikerInnen für Wien, Niederösterreich und Burgenland den Ausschuss für Wohnbau und Leistbarkeit. Das Angebot an leistbarem Wohnraum geht seit Jahren zurück – auch wegen der hohen Baukosten und der geringeren Neubauproduktion. Rechtzeitig zur Landtagswahl in Wien hat der Ausschuss ein Schreiben an PolitikerInnen initiiert, um aufzuzeigen, wie es gelingen kann, günstigen Wohnraum für alle zu schaffen und zugleich die Klimaschutzziele einzuhalten. Architektin Ulrike Schartner, Vorsitzende des Ausschusses Wohnbau und Leistbarkeit, erklärt, warum im Stadtumbau eine Chance liegt, mehr leistbaren Wohnraum zu schaffen, und warum es dafür eine Umbauordnung braucht. Denn der Umbau bestehender Bauten muss konkurrenzfähig zum Neubau sein.

„Unser Ausschuss heißt Wohnbau und Leistbarkeit. Wir haben diesen Bauausschuss vor zwei Jahren gegründet, als es überall Baustopps gab, vor allem im Wohnbau, egal ob frei finanziert oder gemeinnützig. Wir wollten die Leistbarkeit im Wohnbau unter die Lupe nehmen und schauen, welche Hebel es gibt, damit Wohnen wieder günstiger wird. Ein erster Hebel, um leistbares Wohnen zu gewährleisten, ist unserer Ansicht nach die Baupreis-Transparenz. Inzwischen haben sich die Baupreise zwar beruhigt, aber dennoch wird immer mehr funktionell ausgeschrieben. Das macht es der Bauherrschaft und uns Architekten und Architektinnen schwer zu sehen, wo Einsparungsmöglichkeiten liegen. Deshalb fordern wir eine konstruktive Leistungsbeschreibung anstatt einer funktionellen.

Bei den Bemühungen um leistbares Wohnen dürfen wir den Klimaschutz nicht außer Acht lassen. Wenn wir weiter wie bisher neu statt im Bestand bauen, werden wir die Klimaziele nicht erreichen, egal wie ökologisch der Neubau ist. Wir müssen den Leerstand aktivieren und die Rahmenbedingungen für das Bauen im Bestand verbessern. Unsere Bauordnung ist eine Neubauordnung. Wir aber brauchen eine Umbauordnung, denn Wien ist eine Bestands- und keine Neubaustadt.

Durch einen Stadtumbau können wir wieder zu einer Leistbarkeit des Wohnens kommen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, mehr aus dem zu machen, was bereits da ist. Durch Umbau und Nachverdichtung vermeiden wir Abbruch. Damit Sanierung günstiger wird als Neubau, muss der Bestand neu bewertet werden, indem auch ökologische Werte wie die Lebenszykluskosten und die graue Energie mit in die Betrachtung einfließen. Wir müssen Umbau in den Ausschreibungen priorisieren und in die Förderungen einbringen. Die Einführung einer Umbauordnung und des Gebäudetyps E würde zudem die Rahmenbedingungen für das Bauen im Bestand deutlich verbessern.

Unser zweites Hauptthema neben dem Stadtumbau sind Quartiere für leistbares und gesundes Leben. Wir müssen hier Synergien schaffen durch Förderung liegenschaftsübergreifender Sanierungen und Weiterentwicklungen und wir müssen innovative, alternative Wohnmodelle und deren Finanzierung fördern. Wenn wir wieder mehr leistbaren Wohnraum schaffen und zugleich etwas für den Klimaschutz tun wollen, reicht es nicht, nur an einer Schraube zu drehen. Wir müssen die Gesamtzusammenhänge erkennen.“

Ulrike Schartner führt mit Alexander Hagner das Architekturbüro gaupenraub+/-. Sie lehrt an verschiedenen Universitäten und ist im Sektionsvorstand ArchitektInnen der Kammer der ZiviltechnikerInnen der ArchitektInnen und IngenieurInnen für Wien, Niederösterreich und Burgenland. Sie ist Vorsitzende des Ausschusses Wohnbau und Leistbarkeit.

4. März 2025 newroom

Martin Mackowitz – Bauen mit Lehm

Der Vorarlberger Architekt Martin Mackowitz arbeitet bei Lehm Ton Erde, einem Unternehmen, das der Lehmbaupionier Martin Rauch in den 1980er Jahren in Vorarlberg gründete. Das Unternehmen errichtet weltweit Stampflehmbauten und arbeitet dabei mit renommierten Architekturbüros zusammen. Martin Mackowitz, der hier für Architektur und Marketing zuständig ist, ist zudem Mitbegründer von Erden Studio, einem auf Lehmbau spezialisierten Entwurfsstudio und von der Lehmit GmbH, einem Unternehmen, das die Entwicklung von Holz- und Lehmbausystemen fokussiert. Im Gespräch erzählt er, was ihn am Werkstoff Lehm so fasziniert und wie er die Industrialisierung dieser Bauweise vorantreiben und Lehmbau für alle leistbar machen will. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Mich fasziniert die Verfügbarkeit: Lehm gibt es auf der ganzen Welt. Es ist ein erodiertes Gestein, ein einfaches Material, das man anfeuchten und dann formen kann.
Eine Mischung aus etwa zwei Drittel Steinen und einem Drittel Lehm ist sehr druckfest. Man kann mit einer 35 Zentimeter dicken Stampflehmwand drei- bis viergeschossige Gebäude bauen. Man kann mit Lehm aber auch feinere Oberflächen herstellen. Lehmöfen zum Beispiel werden mit einer feineren Körnung gestampft und haben eine glattere Oberfläche. Mischt man Kasein, Lehm, Kalk und Flachsfaser, entsteht eine Spachtelung für sehr feine Oberflächen. Kombiniert man diese mit farbigen Pigmenten, kann man sogar Ornamente damit herstellen. Dieses Spektrum des Werkstoffs Lehm ist unglaublich spannend.

Unseren Standort in Schlins sehen wir als Forschungs- und Entwicklungszentrum. Der Holzbau hat den Schritt zur Industrialisierung schon geschafft. Wir wollen jetzt Lehmbauteile so entwickeln, dass auch sie skalierbar sind. Gerade an der Schnittstelle von Lehm und Holz gibt es viel zu entwickeln. Wie wird ein Holzelement mit Lehm gefüllt, um Masse in den Holzbau zu bringen? Wo sind die Schnittstellen zwischen Baumeister, Lehm- und Holzbauer? Zusammen mit dem Holzbauunternehmen Blumer Lehmann und der gbd Holding haben wir eine neue Firma gegründet, die Lehmit. Wir wollen mit großen Partnern die Systeme so weiterentwickeln, dass sie skalierbar und dann auch leistbar sind.

Um effizienter zu werden, müssen wir auch die Maschinen weiterentwickeln. In unserer Werkhalle haben wir eine Maschine namens Roberta. Eine zweite Maschine, die Roberta 2.0, steht gerade in Bordeaux und stampft dort ein Weingut mit schöner bordeauxroter Erde. Das ist eine mobile Maschine, die auf zwei Lkws passt und im Frühjahr zurückkommt. Die Idee dabei ist, dass man bei großen Bauvorhaben mit lokalem Aushubmaterial vorgefertigt produzieren kann. Eine Feldfabrik wird aufgebaut und aus dem lokalen Aushubmaterial eine Rezeptur erstellt. Diese wird so komponiert, dass die Druckfestigkeit zertifiziert werden kann. Und mit dieser Mischung werden Fertigteile gestampft, die dann versetzt werden können.

Der Wunsch ist ja, dass man das schwere Material nicht in der Gegend herumfahren muss. Martin Rauch sagt immer, es wäre toll, wenn es etwa alle 400 Kilometer eine Lehmsteine- oder Stampflehmelemente-Produktion gäbe. Aber es ist eben auch möglich, die Maschine zum Bauvorhaben zu bringen, um dort mit dem lokalen Aushubmaterial zu arbeiten.

Obwohl wir wissen, dass wir genügend Aushubmaterial zur Verfügung haben, dass das Leben in einem Lehm- und Holzbau angenehm ist und dass diese Gebäude rückbaubar sind, wird eine Tonne Erde um 40 Euro entsorgt. Diesen Gap wollen wir überbrücken.

Momentan werden so viele apokalyptische Bilder kommuniziert, wenn man über die Bauindustrie spricht. Es heißt, man darf nicht mehr bauen, es gibt einen Baustopp. Ich bin total dafür, dass man nicht auf der grünen Wiese und keine Einfamilienhäuser mehr bauen darf. Wenn wir mit Lehm bauen, haben wir die Chance, weiter bauen zu dürfen. Denn grundsätzlich ist Bauen eine der schönsten kollektiven Aufgaben.“

Martin Mackowitz ist als Architekt tätig bei dem Unternehmens Lehm Ton Erde Baukunst GmbH, das von Martin Rauch gegründet wurde. Er ist dort für den Bereich Strategische Ausrichtung, Innovation und Unternehmenskultur zuständig. Zudem ist er Mitbegründer von Erden Studio, einem Entwurfsstudio, das auf Lehmbau spezialisiert ist, und von Lehmit, einem Unternehmen, das Bausystemen aus einer Kombination von Holz- und Lehmbau entwickelt. Als Dozent an der Universität Liechtenstein baut Martin Mackowitz gemeinsam mit der Architektin Anna Heringer ein neues Kompetenzzentrum für Lehmbau auf.

4. Februar 2025 newroom

Barbara Pampe – Bildung verbindet

Acht Bildungseinrichtungen mitten in Köln hatten Sanierungs- oder Neubaubedarf: Anstatt jede Einrichtung für sich zu betrachten, entschied sich die Stadt Köln gemeinsam mit den Montag Stiftungen, diese zur Bildungslandschaft Altstadt Nord zusammenzufassen.
In zahlreichen partizipativen Workshops, auch mit dem Stadtteil und vor allem den Kindern und Jugendlichen, wurden die Bedarfe ermittelt. Heute teilen sich die Einrichtungen räumliche, personelle und inhaltliche Ressourcen. Dank der kristallinen, kleinteiligeren Gestaltung durch das Architekturbüro gernot schulz : architektur fügen sich die Neubauten sehr gut in die bestehende Stadtstruktur ein.
Barbara Pampe ist Vorständin der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und begleitete den Prozess über viele Jahre. Sie erzählt hier, wie es gelang, dass sich hier acht Bildungseinrichtungen räumliche und personelle Ressourcen miteinander teilen und inwiefern Stadt und Schule von den offenen Strukturen profitieren. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Die Bildungslandschaft Altstadt Nord ist ein Verbund von acht Bildungs- und Jugendeinrichtungen. Wir haben das Projekt vor 18 Jahren gemeinsam mit der Stadt Köln gestartet. All diese Einrichtungen hatten einen Sanierungs- oder Neubaubedarf. Die Idee war, nicht jede Einrichtung für sich zu betrachten, sondern alle im Verbund, auch weil sie in räumlicher Nähe zueinander liegen.
Obwohl es eigenständige Schulen und Jugendeinrichtungen sind, teilt man heute nicht nur räumliche, sondern auch personelle und inhaltliche Ressourcen miteinander. Zum Beispiel bieten die Schulen und Jugendeinrichtungen gemeinsame AGs an, in denen sich alle Kinder und Jugendlichen aus den unterschiedlichen Einrichtungen begegnen. Die Idee ist, über den ganzen Bildungsweg Verbindungen zu schaffen. Auch der Stadtteil und der Park dienen dabei als Lernmöglichkeit.

Wir haben in einem sogenannten Phase-Null-Prozess die Bedarfe ermittelt: Wer braucht welche Räumlichkeiten und Flächen? Welche davon können auch gemeinsam genutzt werden? Dabei haben wir Eigen-, Misch- und Verbundnutzungen ermittelt. So ist das Raumprogramm entstanden. In der Realschule zum Beispiel gibt es die Lehrküche, die von allen Einrichtungen mitbenutzt werden kann. Zu den sogenannten Verbundnutzungen zählen das Studienhaus und die Mensa, die zentral und gut erreichbar für alle sind. Da die Mensa von allen Einrichtungen genutzt wird, war es möglich, eine Frischkochküche einzurichten. Diese sogenannten Synergieeffekte haben sich im Laufe des Prozesses herauskristallisiert.
In der Planung von Bildungseinrichtungen kommt so viel zusammen, gerade an so einem Standort. Es gibt die Belange des Quartiers, der Politik, die Vorgaben der Stadt und des Landes und natürlich die spezifischen Anforderungen der Einrichtungen. Zusätzlich braucht es noch den Blick in die Zukunft, der in den Regularien nie abgebildet ist. Dafür ist die Bereitschaft aller nötig, sich an einen Tisch zu setzen, die Dinge miteinander zu verhandeln. Für unsere Stiftung ist es ein ganz besonderes Projekt, weil es die Anfänge der pädagogischen Architektur bedeutete und weil wir es über einen so langen Zeitraum, fast 18 Jahre, begleiteten.
Ein Gewinn aus diesem ganzen Prozess ist auch der gemeinsam von den Bildungseinrichtungen und dem Stadtteil genutzte Außenraum. Der Park wurde dabei aufgewertet: Von einem sauberen Park mit mehr Spiel-, Aufenthalts- und Bewegungsangeboten profitieren alle.
Der Entwurf für die Neubauten von gernot schulz : architektur überzeugte die Jury. Die polygonalen Stadtbausteine führen dazu, dass der öffentliche Raum durch die Bildungslandschaft fließt. Ich glaube, das Neue und Überzeugende ist, dass dadurch eine Kommunikation zwischen Schule und öffentlichem Raum entsteht. Die Menschen, die an den Gebäuden vorbeilaufen, können in die Schule reingucken. Und genauso sind auch die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in den Einrichtungen immer mit dem Stadtteil verbunden. Das ist der Mehrwert des Ortes und des Entwurfs der Neubauten.
In Zukunft geht es nun darum, diese Verknüpfung, diese Kooperationen und räumlichen Synergien mit dem Quartier weiterzuentwickeln.“

Barbara Pampe ist Vorständin der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Sie hat Architektur und Internationales Projektmanagement in Bordeaux, Weimar, Delft und Stuttgart studiert, im Bereich Schulbau geforscht und gelehrt. Sie ist Autorin und Initiatorin diverser Publikationen und Projekte zum Thema zukunftsfähiger Schulbau. Parallel zu ihrer Tätigkeit in den Montag Stiftungen lehrte sie an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

Die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft ist eine unabhängige gemeinnützige Stiftung, die zur Gruppe der Montag Stiftungen in Bonn gehört. Sie engagiert sich für eine chancengerechte Alltagswelt, die Kindern und Jugendlichen bestmögliche Entwicklungs- und Bildungschancen eröffnet.

31. Dezember 2024 newroom

ALLIANZ FÜR SUBSTANZ – Verbindlicher Substanzschutz

ALLIANZ FÜR SUBSTANZ ist eine österreichische Initiative, die sich für einen verbindlichen Substanzschutz einsetzt. In einem offenen Brief an das Klimaschutzministerium hat sie ihre Forderungen formuliert. Damit knüpfen die Initiator:innen an die Initiativen aus den Nachbarländern an wie das Abrissmoratorium Deutschland, Countdown 2030 oder architects4future Deutschland. Anne Isopp trifft Carina Sacher, Martin Hess und Georg Scherer, drei Vertreter:innen der Allianz für Substanz, in einem der Hörsäle der Alten WU in Wien. Hier erzählen sie über ihre Motivation, Ziele und Aktionen und warum es neben Änderungen auf struktureller Ebene auch immer wieder konkrete Anlassfälle braucht.

„Wir haben vor etwa einem Jahr den offenen Brief „Bestand als ökosoziale Ressource“ mit acht Forderungen für einen verbindlichen Substanzschutz an das Klimaschutzministerium geschrieben. Es geht uns um einen Paradigmenwechsel, bei dem Abriss zur Ausnahme und Sanieren, Umbauen und Weiternutzen zur Regel werden.

Es reicht nicht mehr aus, punktuell gegen den Abriss von Gebäuden zu kämpfen, es muss sich etwas auf der strukturellen Ebene ändern. Österreich wird sein CO2 Restbudget Mitte 2025 aufgebraucht haben. Es braucht also einen effektiven Hebel. Diesen sehen wir in einem verbindlichen Substanzschutz, bei dem Maßnahmen den Abriss drastisch minimieren und das Transformieren von bestehenden Gebäuden zur Selbstverständlichkeit wird. In der Architektur, der Baukultur und in den Klimagerechtigkeitsbewegungen ist das bereits Konsens. Das zeigte auch die breite Unterstützung unserer Forderungen seitens vieler österreichischer Institutionen und Initiativen. Wir brauchen einen raschen Stopp der Ressourcenverschwendung, die mit dem Zyklus von Abriss und Neubau einhergeht. Deshalb benötigt es dringend Überarbeitungen von Gesetzen und Förderungen. Wir sind davon überzeugt, daß Umbauen auch zu mehr Qualität in der Architektur führt. Die Nutzung spielt eine entscheidende Rolle, dass Gebäude erhalten und gepflegt werden.

Auch den Bodenschutz können wir nicht ohne den Substanzschutz denken und vice versa. Sobald wir Boden schützen, wird der Druck auf den Bestand erhöht. Und andersrum. Deshalb ist beides zusammenzudenken. Bauen ohne Boden zu verbrauchen, impliziert umzubauen und den Bestand bestmöglich zu nutzen. Ein wesentlicher Punkt ist somit nicht nur die Mobilisierung von Leerstand, sondern auch die Umverteilung von Raumressourcen und das kluge Programmieren von bestehenden Strukturen. Wenn Raumprogramme ohne Bestand entworfen werden, dann werden sie zum Argument für den Abriss und Neubau.

Es gibt leerstehende oder vielfach untergenutzte Gebäude, die für bestimmte Funktionen errichtet wurden wie die alte Wirtschaftsuniversität Wien (WU Wien). Für den Erhalt der gerade einmal 42 Jahre jungen Struktur setzt sich nun die Allianz alte WU ein. Die alte WU könnte ein Leuchtturmprojekt für Umbaukultur und ein Testlabor für neues Handwerk werden. Die öffentliche Hand sollte vorbildhaft agieren und Wettbewerbsausschreibungen dezidiert auf das Um- und Weiterbauen ausrichten.“

ALLIANZ FÜR SUBSTANZ versteht sich als Impulsgeberin und Plattform zur Verknüpfung relevanter Themen und Akteur:innen für einen Paradigmenwechsel im Bauwesen, der Bestand als ökosoziale Ressource begreift. Die Petition an das Klimaministerium mit den Forderungen für den Substanzerhalt ist auf der Webseite der Initiative nachzulesen. Am 12. Dezember 2024 übergab ALLIANZ FÜR SUBSTANZ – vertreten durch Architetcts4Future, Architekturzentrum Wien, IG Architektur, Plattform Baukulturpolitik und LobauBleibt – die Petition an Ministerin Leonore Gewessler. Die Forderungen werden ebenfalls an die kommende Regierung gestellt. Die Petition wurde verfasst von Christian Eibel, Martin Hess, Norbert Mayr, Maik Novotny, Jürgen Radatz, Carina Sacher und Lukas Vejnik.

3. Dezember 2024 newroom

Andreas Hofer – Im Gewerbegebiet leben

Die Internationale Bauausstellung 2027, die IBA’27, findet in der Stadtregion Stuttgart statt. Ihr Fokus liegt auf der Transformation von reinen Gewerbe- und Wohnvierteln sowie monofunktionalen Großstrukturen in eine durchmischte produktive Stadt.
Künstlerischer Leiter der IBA’27 ist der Schweizer Architekt Andreas Hofer. Als Mitbegründer der Zürcher Bau- und Wohngenossenschaft „Kraftwerk1“ und Koordinator der Baugenossenschaft „mehr als wohnen“ war er maßgeblich an der Entwicklung und Renaissance des genossenschaftlichen Wohnungsbaus in Zürich beteiligt. Für die Stadt der Zukunft sieht er ein großes Potenzial in der Weiterentwicklung von Gewerbegebieten. Gerade in der von Hochtechnologie geprägten Region Stuttgart, in der es noch immer viel produzierendes Gewerbe gibt, bietet die Nutzungsdurchmischung von Arbeit und Wohnen in Gewerbegebieten neue Möglichkeiten. Sie würde nicht nur Impulse gegen die Wohnungsnot setzen, sondern auch die Entwicklung von produktiven und zukunftsfähigen Stadtquartieren forcieren. Andreas Hofer erklärt, warum er in der produktiven Stadt die Stadt der Zukunft sieht und wie er diese Mischgebiete vor Gentrifizierung schützen will. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Für uns sind die Gewerbegebiete die interessanten Orte der Zukunft. Im Moment haben sie mit ihren riesige asphaltierte Parkierungsflächen keine Qualität. In Fellbach, unmittelbar angrenzend an die Stadt Stuttgart, liegen 110 Hektar Gewerbegebiet mit angrenzender intensiver Landwirtschaft. Die intensive Landwirtschaft verbraucht zu viel Trinkwasser von der Kommune, die Gewächshäuser werden fossil beheizt. Im Gewerbegebiet auf der anderen Straßenseite hat man hingegen ein Überflutungs- und ein Überhitzungsproblem, wenig Aufenthaltsqualität und Produktionsanlagen, die die Abwärme wegkühlen. Da sind wir jetzt in einer spannenden Diskussion, wie man die Dinge zusammenbringt. Das hat ökologische, soziale und ökonomische Gesichtspunkte. Das Stichwort ist immer ‚Potenziale schöpfen‘ – mehr machen als vorher.

Erst seit 2017 gibt es im deutschen Planungsrecht die Kategorie ‚Urbanes Gebiet‘, die eine intensive Nutzungsmischung ermöglicht. Wohnen und Gewerbe sind meistens verträglich. Aber natürlich hat der Gewerbetreibende Angst, dass er herausgeklagt wird. Die Wohnenden befürchten, dass es lärmig ist. Wenn man das aber auf eine clevere Art und Weise strukturiert, kriegt man das in den Griff. Da hilft mir persönlich die Erfahrung aus Zürich, weil wir ja immer an unmöglichen Orten gebaut haben. Unsere Strategie war „arm, aber clever“. Wir bauten auf Grundstücken, die niemand haben will. Da mussten wir auch Wohnungstypologien erfinden, die vor Lärm schützen. Der große Vorteil des Gewerbegebiets ist, dass es Parzellengrößen hat, bei denen man sich auch typologisch vor Lärm schützen kann. Man kann das dann sogar in Bebauungs-Plänen verrechtlichen, dafür braucht es clevere Juristen sowie eine Verwaltung und eine Kommunalpolitik, die bereit sind, neue Wege zu gehen. Dafür gibt es jetzt erste Beispiele. Das ist alles sehr anspruchsvoll und kompliziert, aber ich glaube, dass das die richtige Richtung ist.

Es geht sicher nicht überall und mit allen Formen des Gewerbes. Aber es gibt einen interessanten Zwischenbereich – von Forschung und Entwicklung über Prototyping, Softwareentwicklung und kleinteilige Hightech-Produktion bis hin zu lokalen Handwerkern und Gewerbe –, in dem spannende Kombinationen mit Wohnen, Freizeit und Kultur entstehen können, mit einem Nutzen für alle Seiten. Da wird es auch ökonomisch spannend. Allerdings besteht die Gefahr, dass diese Projekte so erfolgreich sind, dass sie zur Gentrifizierung in Gewerbegebieten führen. Wir brauchen dafür neue Instrumente, um diese Nutzungsmischung dauerhaft zu sichern.

Es gibt eine Initiative in Zürich, die eine neue Gebietskategorie für urbane Produktion einführen möchte. Hier könnte ein kreatives Miteinander entstehen, in dem die Grenzen zwischen Wohnen, Arbeiten und Kultur aufgeweicht werden. Das sind dann sehr dynamische, komplexe Systeme, die man auch gut verwalten, betreiben und entwickeln muss. Aber der Gewinn an Qualität ist hoch. Die Zehn-Minuten-Stadt geht nur so.“

Andreas Hofer ist künstlerischer Leiter der Internationalen Bauausstellung IBA’27, die 2027 in der Stadtregion Stuttgart stattfindet. Er hat an der ETH Zürich Architektur studiert. Als Mitbegründer und Projektleiter der Genossenschaften „mehr als wohnen“ und „Kraftwerk1“ war er maßgeblich an der Entwicklung und Renaissance des genossenschaftlichen Wohnungsbaus in Zürich beteiligt.

5. November 2024 newroom

Olaf Grawert – No to Demolition

HouseEurope! ist eine europäische Bürgerinitiative, die Renovierung und Umbau zur Norm machen will. Die Initiative braucht eine Millionen Stimmen, damit das Thema von der Europäischen Kommission behandelt wird. Schon jetzt kann man sich für den Newsletter anmelden und ab Januar 2025 können alle ihre Stimme dafür abgeben. Olaf Grawert ist Mitinitiator von HouseEurope!. Er ist Architekt, Lehrender und Forschender an der ETH Zürich und führt gemeinsam mit Arno Brandlhuber, Jonas Janke and Roberta Jurčić das Designbüro b+ (bplus.xyz). Hier erzählt er, wie die Idee zu HouseEurope! entstand und mit welchen Forderungen die Initiative an die Europäische Kommission herantreten wird. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„HouseEurope! ist eine Initiative, die Renovierung und Umbau zur Norm machen will. Die Idee dazu entstand aus unserer Praxis. b+ ist ein kollaboratives Designbüro, das sich auf die adaptive Umnutzung bestehender Gebäude konzentriert. Ein Beispiel dafür ist der Mäusebunker. Das ist ein riesiges Gebäude in Berlin, ein ehemaliges Tierlabor. Dieses Labor hätte abgerissen werden sollen. Wir von b+ haben einen Gegenvorschlag gemacht, wie man das Gebäude erhalten und nachnutzen kann. Während der Arbeit daran hat aber unser Banker zu uns gesagt, dass wir das aufgrund der finanziellen Hürden nicht schaffen können.
In dem Moment haben wir realisiert: Es reicht nicht mehr, dass wir als ArchitektInnen beweisen, dass man ein Gebäude nachnutzen kann, sondern wir müssen darüber hinaus etwas an den Gesetzen und am System ändern. Deswegen haben wir HouseEurope!, eine europäische Bürgerinitiative, gegründet. Die EU ermöglicht ihren BürgerInnen, selbst einen Gesetzesvorschlag einzubringen. Wir haben ein Jahr Zeit, eine Million Stimmen zu sammeln. Wenn uns das gelingt, kommt der Gesetzesvorschlag in die EU-Gremien, und diese verpflichten sich dann, ihn zu bearbeiten und umzusetzen.

Renovierung statt Abriss ist einfach ein größeres Thema, das über Wahlzyklen, Legislaturperioden und Parteibücher hinaus behandelt werden muss. Deswegen heben wir es auf europäische Ebene und sammeln eine Million Stimmen für unsere drei Gesetzesvorschläge. Im Oktober reichen wir diese ein. Drei Monate später, im Januar 2025, kommen sie zur Abstimmung. Dann haben wir ein Jahr Zeit, die Stimmen zu sammeln. Das Ziel der Initiative ist, Renovierung und Umbau zur Norm zu machen. Renovierung und Umbau sind einfacher, sozialer und ökologisch verträglicher als neu zu bauen. Wir schlagen kein Verbot von Abriss vor, sondern bieten mit unseren drei Gesetzesvorschlägen ein Anreizmodell.

In unserem ersten Gesetzesvorschlag fordern wir eine Reduktion oder die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Renovierung, das beinhaltet sowohl die Renovierungsarbeiten als auch das Material. Das gibt es bereits in verschiedenen europäischen Ländern. In Italien zum Beispiel kosten alle Dinge, die mit Renovierung von bestehenden Gebäuden zu tun haben, nur 10 statt 22 Prozent Mehrwertsteuer. Auf Secondhand-Material, das neu genutzt wird, wird gar keine Steuer eingehoben, weil in der Vergangenheit die Mehrwertsteuer ja schon bezahlt wurde. Es soll zur europäischen Norm werden, dass Renovierungsarbeiten und wiederverwendetes Material deutlich günstiger und damit konkurrenzfähiger sind.
Zweitens fordern wir transparente Regeln bei Gutachten. Es ist ein Unterschied, ob ExpertInnen alle Risiken oder alle Potenziale eines Gebäudes aufschreiben. Diese Listen sind die Grundlage für die Bank zu entscheiden, ob sie einen Kredit vergeben oder nicht. Im Fall des Mäusebunkers hat unser Banker gesagt, dass er für ein Renovierungsprojekt ein Drittel mehr Kapitalsicherheit braucht. Also wollen wir mit unserem zweiten Vorschlag die Entscheidungsgrundlage für solche Gutachten verändern. Auch das gibt es schon in anderen Ländern, wo man sich auf die Potenziale konzentriert bzw. auch die Risiken eines Neubaus auflistet. Der dritte Vorschlag umfasst viele Punkte, zusammenfassend geht es darum, der Energie, die im Gebäude steckt, einen Wert zu geben, um aus den Konsequenzen unseres vergangenen Handelns ein Potenzial für die Zukunft zu machen. Dazu zählt, dass das CO₂, das in den Gebäuden steckt, ermittelt werden muss. Das ist die Grundlage für die Schaffung eines Anreizmodells, um den Bestand zu erhalten.

Damit diese Gesetzvorlagen von der Europäischen Kommission behandelt werden, brauchen wir eine Millionen Stimmen. Schon jetzt kann man sich auf der Website www.houseeurope.eu für den Newsletter anmelden oder freiwillige Helferin oder Helfer werden – ab Januar 2025 kann man seine Stimme abgeben. Wir brauchen dann jeden Tag 3.000 Unterschriften. 3.000 mal 365 ist eine Million. So gelingt es uns, Renovierung und Umbau zur Norm zu machen.“

Olaf Grawert ist Gründungspartner und Architekt des kollaborativen Designbüros b+ (bplus.xyz), das sich auf die adaptive Umnutzung bestehender Gebäude konzentriert. Er ist Forscher und Programmdirektor bei s+ (station.plus), dem Lehrstuhl für Architektur und Storytelling an der ETH Zürich, sowie Mitinitiator und Kampagnenmanager von HouseEurope! (houseeurope.eu), einem Non-Profit-Policy-Lab und einer europäischen Bürgerinitiative für die Renovierung und gegen den Abriss von bestehenden Gebäuden.

24. September 2024 newroom

Simon Pories – Für einen verbindlichen Bodenschutz

Simon Pories ist beim WWF zuständig für die Bodenschutzkampagne. Er fordert vor der Nationalratswahl alle Parteien auf, sich für einen verbindlichen Bodenschutz einzusetzen. Bei der Veranstaltung „Baukultur im Nationalrat?“, die Anfang September 2024 im Architekturzentrum Wien stattfand, konnte er gemeinsam mit der Plattform Baukulturpolitik und Allianz für Substanz Fragen an die anwesenden PolitikerInnen von Grünen, Neos und SPÖ (ÖVP und FPÖ sagten ihre Teilnahme ab) richten zum Thema Bodenschutz, Bestandserhaltung, Baukulturförderung. Er erzählt hier, warum das 2,5-Hektar-Ziel nicht mehr ausreicht und der WWF einen maximalen Bodenverbrauch von 1 Hektar pro Tag fordert, welche Maßnahmen für den Bodenschutz erforderlich sind und wie diese umgesetzt werden sollen.

„Ich bin seit zwei Jahren beim WWF Sprecher und Experte für das Thema Bodenschutz. Der WWF führt seit einigen Jahren eine Kampagne für den Bodenschutz. Damit setzen wir einen Schwerpunkt auf das Thema, um das Bewusstsein dafür zu schärfen und Druck auf die Politik auszuüben. Auf der einen Seite zeigen wir Probleme und Negativbeispiele auf, wie zum Beispiel den Sonnenweiher Grafenwörth oder das Chaletdorf auf der Turracher Höhe. Solche konkreten Projekte können wir nur schwer verhindern. Aber wir zeigen daran auf, was strukturell schiefläuft, und können dann hoffentlich in Zukunft weiteren ähnlichen Verbauungsprojekten vorbeugen. Denn anscheinend ist es für Gewerbetreibende immer noch billiger und einfacher, auf der grünen Wiese zu bauen, anstatt Bestand zu nutzen oder im Ortskern zu bauen. Das liegt an der Raumordnung, die hier nur unzureichende Grenzen setzt, aber auch am Steuersystem. Das ist ein österreichweites strukturelles Problem.

Wir sehen deshalb in drei Bereichen große Hebel für den Bodenschutz. Der eine ist das Steuersystem. Eine Studie der Technische Universität Wien zeigt auf, dass das Steuersystem keine wirklichen Anreize für eine flächensparende Nutzung bietet.
Ein weiterer Hebel besteht auf Landesebene. Hier müssen die konkreten Raumordnungsprogramme und -gesetze verbessert werden. Der dritte Hebel ist ein strengerer Naturschutz. Die Schutzgebiete müssen ausgeweitet und zugleich strenger vor Verbauung geschützt werden. Und ganz allgemein wäre es wichtig, österreichweit eine Obergrenze für den Bodenverbrauch festzulegen. Wir fordern eine Reduktion auf 1 Hektar pro Tag, denn in den letzten 20 Jahren lag der Verbrauch übermäßig hoch über dem schon seit längerem geforderten 2,5 Hektar-Ziel.

Die Diskussion mit den VertreterInnen von SPÖ, Grünen und Neos im Architekturzentrum fand ich konstruktiv. Das Thema Bodenschutz ist inzwischen so weit etabliert, dass die Parteien, zumindest die, die anwesend waren, nicht mehr daran vorbeikommen. Würden ihre Ankündigungen, die sie im Architekturzentrum gemacht haben, auch umsetzen, wären wir einen großen Schritt weiter. Da wurde ja das Steuersystem angesprochen, eine Reform der Kommunalsteuer, die Notwendigkeit, Leerstand zu bekämpfen und die Errichtung von Einkaufszentren auf der grünen Wiese zu unterbinden. Darüber hinaus braucht es aber noch andere strukturelle Maßnahmen. Was ich sehr schade finde, ist, dass ÖVP und FPÖ niemanden zu der Veranstaltung geschickt haben. Das zeigt für mich eine geringe Priorität für dieses Thema.

Wir müssen endlich Verbindlichkeiten schaffen. Wer auch immer in den nächsten fünf Jahren in der Bundesregierung ist: Es braucht ein klares Bekenntnis zum Bodenschutz und es braucht auf Bundesebene ein Maßnahmenpaket, das es Österreich leichter macht, diesen Flächenfraß einzudämmen. Da geht es einfach um die Sicherheit und die Lebensqualität von uns allen.
Es liegen Lösungen auf dem Tisch. Ich glaube, die Bevölkerung ist bereit für echten Bodenschutz. Jetzt liegt es an der Politik, die strukturellen Maßnahmen so zu setzen, damit das auch wirklich passiert.“

Simon Pories ist Bodenschutz-Campaigner beim WWF. Er war vorher aktiv in der Fridays-for-Future-Bewegung und studiert derzeit Raumplanung an der TU Wien. Er war einer der ersten, der mit einem Tweet auf die Missstände bei der Umwidmung in Grafenwörth aufmerksam machte.

3. September 2024 newroom

Maria Auböck – Klimagerechter Stadtumbau

Der Umbau des Michaelerplatzes in Wien zu einem klimafitten Platz rief internationale Kritik hervor, die in einen offenen Protestbrief an den Bürgermeister mündete. Obwohl die Bauarbeiten schon im Gange sind, fanden im Frühjahr 2024 weitere Gespräche zwischen Befürworter:innen und Kritiker:innen statt. Dabei entbrannte eine spannende Diskussion darüber, wie das historische Stadtbild mit einem klimagerechten Stadtumbau zusammenkommen kann. Die Wiener Landschaftsarchitektin Maria Auböck ist in diese Gespräche immer wieder eingebunden. Im Gespräch erzählt sie, wie man die Stadt in all ihren Dimensionen klimafit machen kann und warum es nicht einzelne Maßnahmen, sondern ein Regelwerk für die Begrünung der Stadt braucht. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Ich habe lange in Deutschland gearbeitet. Ich hatte in München eine Professur und konnte viele Projekte mit meinem Mann János Kárász in Deutschland machen. Dort ist es ganz üblich, dass die Stadtverwaltungen nach einem gewissen Regelwerk vorgehen, wie sie die Stadt bepflanzen. Die Forderung hier in Wien von vielen Kolleginnen und Kollegen ist, dass es auch hier solche Regelwerke für die Begrünung der Stadt geben muss.

Im letzten Jahr formierte sich die Initiative SOS Michaelerplatz aus Fachleuten, professionellen Kollegen aus Denkmalpflege, Architekturgeschichte und Architektur. Diese Gruppierung schrieb einen offenen Brief an den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, mit etwa 450 Unterschriften aus dem In- und Ausland. Dieser Brief wurde leider nicht beantwortet. In einem Gespräch Ende Juni 2024 bestätigte Stadträtin Ulli Sima, dass eine Nachdenkpause gar nicht mehr möglich sei, weil die Baustelle bereits läuft. Aber sie akzeptierte doch eine Abänderung des Projekts. Es wird keine Wasserspiele vor dem Looshaus geben, die Möblierungen und die Beleuchtungskörper werden überplant. Und die Baumgruppe inmitten der archäologischen Grabung wird ebenfalls durch Bäume einer anderen Art ersetzt.

Ich meine, dass es hier in Zukunft um verträgliche Entscheidungen für neue Gestaltungen gehen muss, damit eine richtige Verteilung von Licht und Schatten auf den Plätzen der Stadt stattfindet. Und dass ein Ort wie der Michaelerplatz, eine symbolträchtige und historisch bedeutende Örtlichkeit, nicht dazu geeignet ist, ein Fanal für den Klimawandel zu bilden. Ich glaube, dass es an anderen Stellen der Stadt weitaus sinnvoller ist, klimafitte Bepflanzungen zu machen, wie es die großen Ausfallstraßen in Wien sein könnten. Diese Baumpflanzungen verbessern das Leben in den Außenbezirken.

Die Abteilungen, die für die Straßengestaltung, für die Stadtkultur im öffentlichen Raum zuständig sind, sollten Programmierungen wie einen Masterplan mit Materialhandbuch haben, in dem steht, in welchen Gebieten der Stadt welche Art von Gestaltung sinnvoll ist. Damit könnte man in Zukunft Aufregungen wie die um den Michaelerplatz minimieren, denn ein Großteil der Bevölkerung hat bereits verstanden: „Für Pessimismus ist es zu spät.“ Das ist ein Zitat von Helga Kromp-Kolb, einer bekannten Klimaforscherin. Wir müssen etwas tun, wenn wir unser Leben in der Stadt aktuell fit machen wollen. Man weiß aus der Wissenschaft, dass wir hier in Wien bis 2040 das Klima von Neapel haben werden. Wir müssen vorsorgen, dass die heißen Sonnentage, die immer mehr werden und für die Menschen eine große gesundheitliche Belastung darstellen, minimiert oder zumindest mit Schattenwirkungen erträglicher werden.

Die Stadt München entwickelte bereits ab 2021 ein Rahmenkonzept für die historischen Grünflächen der Innenstadt. Wir können genauso gut auch Maßnahmen der Städte wie Paris oder Barcelona betrachten. Seit mehreren Jahren formuliert man in Barcelona das Rastersystem von dem Stadtplaner Ildefons Cerdà zu nachbarschaftsorientierten Begegnungsinseln um. Diese Herangehensweise in Barcelona nennt man taktischen Urbanismus, weil es gar nicht darum geht, die alte Stadt zu überformen, sondern Taktiken zu entwickeln, wie man das Klima in den alten Städten kanalisiert, ordnet und verbessert.

Mein Mann und ich arbeiten an zahlreichen Projekten, bei denen es um alle Ebenen der Stadt geht. Das Dach als fünfte Fassade und Fassadenbegrünungen sind große Themen. Wir haben auch viele Projekte gemacht, bei denen wir Regenwasser in Zisternen sammeln. Ich könnte mir gut vorstellen, in den Straßenräumen Regenwasserzisternen anzulegen. Was das Regenwasser uns bietet, ist ein Geschenk. Dasselbe gilt auch für Geothermie, bei der man in Straßen und Plätzen genauso wie in Gärten und anderen Naturräumen Tiefenbohrungen in die Erde führt, um so für eine nachhaltigere Energieversorgung zu sorgen. Wenn wir alle diese Bausteine zusammenstellen, dann können wir die Stadt klimafit in die Zukunft bringen.“

Maria Auböck ist Landschaftsarchitektin und führt gemeinsam mit János Kárász das Büro Auböck + Kárász Landscape Architects. Maria Auböck war von 1999 bis 2017 Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in München. Sie ist Präsidentin der Zentralvereinigung der Architekt:innen für Wien, Niederösterreich, Burgenland. 2015 erhielt sie das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien. 2023 bekamen Maria Auböck und János Kárász den österreichischen Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur verliehen.

6. August 2024 newroom

Barbara Feller – Baukulturelle Bildung geht uns alle an

Bink ist eine österreichweite Initiative, die Kindern und Jugendlichen Baukultur vermittelt und das Interesse und Verständnis für die gestaltete Umwelt stärken will. Der gemeinnützige Verein, ein Zusammenschluss von Initiativen und Projekten in Österreich, erarbeitet didaktisches Material für den Unterricht, organisiert Symposien und Vernetzungstreffen. Seit der Gründung des Vereins 2010 ist Barbara Feller die Obfrau. Sie war von 1996 bis 2021 auch Geschäftsführerin der Architekturstiftung Österreich und erzählt im Gespräch, warum Baukulturelle Bildung mehr ist als eine rein ästhetische Bildung, warum sie in viele Unterrichtsgegenstände integriert werden kann und warum Baukultur uns alle angeht.

„Bink, die Initiative Baukulturvermittlung für junge Menschen, ist ein Zusammenschluss von Personen, Institutionen, Vereinen, aber auch Universitäten aus ganz Österreich, die sich mit dem Thema der Baukulturellen Bildung auseinandersetzen. Wir haben uns vor knapp 15 Jahren zusammengeschlossen, um gemeinsam Themen zu bearbeiten, die über die konkrete Arbeit vor Ort hinausgehen.
Es geht uns bei Baukultureller Bildung überhaupt nicht um einen Unterricht in Architektur, sondern darum, dass junge Menschen und ihre Pädagoginnen und Pädagogen lernen, ihre Umwelt bewusst wahrzunehmen, und erkennen, dass sie sich bei deren Gestaltung einbringen können. Wo und wie wir wohnen, arbeiten, unsere Freizeit verbringen, ist ja für die gesamte Gesellschaft bedeutsam. Dazu braucht es eine Sprache, in der man miteinander kommunizieren kann. Wenn man von ‚Architektur in der Schule‘ spricht, denken die meisten an eine bildnerische Erziehung, an Stilkunde und so weiter. Natürlich geht es auch darum, Gebäude besser anschauen zu können, aber wichtiger sind mir Fragen der Raumplanung, der Boden- und Ressourcennutzung. Es ist ein breites Themenfeld, das in unterschiedlichen Unterrichtsgegenständen verortet werden kann.

Mehr Baukulturelle Bildung in die Schulen zu bringen, halte ich für sehr wichtig, weil damit viele Themen unserer Zeit verbunden sind, zum Beispiel der Traum vom Einfamilienhaus im Grünen. Vielen Menschen ist nicht klar, dass das einen enormen Bodenverbrauch bedeutet, dass oft zwei bis drei Autos pro Familie verwendet werden und der Allgemeinheit hohe Kosten für den Ausbau und Erhalt der Infrastruktur entstehen. Es ist allerdings ein fest verankertes Traumbild und in solchen Bereichen merken wir, dass wir an unsere Grenzen stoßen. Deshalb scheint es uns auch besonders wichtig, jungen Menschen ein Gefühl dafür zu vermitteln, welche Auswirkungen das für sie persönlich und für die Gesellschaft hat.

Wir von bink verstehen uns als eine gemeinsame Plattform. Wir entwickeln unterstützende Materialien oder organisieren Veranstaltungen. Meine Kollegen und Kolleginnen des Netzwerks setzen das dann konkret um und machen mit Kindern und Jugendlichen Workshops in der Schule oder in der außerschulischen Jugendarbeit. Ich würde mir wünschen, dass wir mit diesem Thema in unserem Bildungsministerium ankommen. Denn wenn wir kleine Förderungen bekommen, dann ist das immer aus dem Kunst- und Kulturministerium oder von den Architektenkammern. Am Bildungsministerium beißen wir uns die Zähne aus.
Ich weiß, die Schule hat viele schwierige Themen zu bewältigen. Und doch finde ich, dass wenig Innovation stattfindet. Mir ist wichtig zu sagen, dass Baukulturelle Bildung eben keine rein ästhetische Bildung ist, sondern in viele Unterrichtsgegenstände und auch in die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit integriert werden kann. Sie ist ein Thema, das für ein gutes Leben von uns allen bedeutsam ist.“

Barbara Feller setzt sich schon seit vielen Jahren für die Baukulturvermittlung für junge Menschen ein. Seit 2010 ist sie Obfrau der österreichweiten Initiative bink – Baukulturvermittlung für junge Menschen. Seit 2001 betreut sie den Bereich Architektur beim OeAD – Agentur für Bildung und Internationalisierung. Zudem war sie von 1996 bis 2021 Geschäftsführerin der Architekturstiftung Österreich und von 2003 bis 2009 Sprecherin der Plattform für Architekturpolitik und Baukultur.
Auf der Webseite von bink findet man Informationen, Anregungen und Materialien zu Baukulturprojekten in der Kinder- und Jugendarbeit, zum Beispiel die neun Ausgaben des Baukulturkompasses zu Themen wie Wohnen, Klima, Raumplanung oder Partizipation mit konkreten Projektbeispielen, die direkt im Unterricht angewendet werden können.

9. Juli 2024 newroom

Transsolar – Technik minimieren

Transsolar ist ein international tätiges Büro, das auf Klimaengineering von Gebäuden spezialisiert ist. Sein Motto lautet High Comfort – Low Impact, also hoher Nutzerkomfort bei minimalen Auswirkungen auf die Umwelt. Statt aufwendiger Haustechnik setzt es auf die Grundlagen der Physik und gestaltet robuste Systeme, die mit wenig Technik auskommen. Für die Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Alpenvereins in München integrierte Transsolar in die Fassade ein Zuluftelement mit Nacherwärmung, das trotz hoher Lärmbelastung und Winddruck eine natürliche und komfortable Lüftung der Büros erlaubt. Dieses Lüftungselement bewährt sich und wurde inzwischen auch bei einer Schule in Tirol eingesetzt. Anne Isopp spricht mit Stefan Holst, dem Leiter des Münchner Büros von Transsolar, darüber, wie man mit weniger Technik im Gebäude auskommt und warum Lowtech mehr Aufwand in der Planung und Baubegleitung bedeutet.

„Die Forderung nach Lowtech kommt aus dem Verständnis heraus, dass die globale Klimaentwicklung so weit vorangeschritten ist, dass wir im Gebäudebereich radikal anders agieren müssen. Wir müssen nicht nur mit der Energie, sondern auch mit den Ressourcen haushalten. Hinzu kommt, dass die klassischen Systeme, die mit sehr viel Technik arbeiten, fehleranfällig sind.
In den letzten zwei Jahren, seit die Energiepreise durch die Decke gingen, kamen viele Bauherren zu uns und sagten: „Lasst uns mal ein Monitoring für unser Gebäude machen. Wir bezahlen inzwischen ein Vielfaches für Energie.“ Diese Effekte führen dazu, dass man sich darüber Gedanken macht, wie es einfacher gehen kann. Wir haben dazu ein Motto entwickelt, das heißt High Comfort – Low Impact, also hoher Nutzerkomfort bei minimalen Auswirkungen auf die Umwelt. Wir hinterfragen derzeit, ob High Comfort noch die richtige Formulierung ist. In Zukunft müssen wir schauen, wie wir ein sinnvolles Komfortlevel mit einfachen Methoden erreichen können.
Man muss ja nicht jeden Raum mit einem Idealklima über eine Klimaanlage ausstatten, sondern kann auch gewisse Dinge, die das Gebäude in seiner Struktur schon bietet, wieder freilegen, indem man zum Beispiel Abhangdecken entfernt. Damit können wir auch in der Sanierung – wir machen sehr viele Sanierungsprojekte – den Bauherren zeigen, dass die Struktur, die sie gekauft haben, viel mehr kann als das, was sie in den letzten zehn Jahren damit gemacht haben. Wir müssen Dinge wieder herausnehmen und eine gewisse Akzeptanz dafür schaffen, dass die Decke nicht perfekt gespachtelt ist, sondern nur gestrichen, dass sie dadurch aber wieder ihre thermisch-aktive Funktion bekommt.
Auch im Alpenverein wurden die Betondecken freigelegt. Es gibt keine Abhangdecke mehr. Über die von uns entwickelten Dauerluft-Elemente in der Fassade haben wir im Prinzip eine Art passive Klimatisierung. Im Sommer, wenn die Temperaturen 28 Grad erreicht haben, können die Mitarbeitenden den Deckenventilator einschalten. Diese klassische kühle Brise, die wir über einfache, langsam drehende Ventilatoren erzeugen, senkt die Temperatur dann gefühlt um 2 Grad wieder ab.
Lowtech heißt zwar, dass man weniger Komponenten braucht, aber diese aufeinander abzustimmen, ist komplexer. Die natürlich angetriebenen Prozesse und die sehr einfachen, auch ohne doppelte Absicherung errichteten Gebäude muss man gewerkeübergreifend sehr viel besser planen und auch in der Umsetzung begleiten. Der Aufwand liegt in der Planung am Anfang und im Dabeibleiben bei der Umsetzung. Das ist notwendig, weil man die eingebauten Sicherheiten aus Gründen der Ressourceneinsparung und Optimierung herausnimmt. Was nicht wirklich nützt, wird weggelassen.“

Stefan Holst leitet das Münchener Büro von Transsolar, einem international tätigen, auf Klimaengineering von Gebäuden spezialisierten Büro. Er ist ausgebildeter Physiker mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich Energieforschung und energieoptimiertem Bauen.
Für die Geschäftsstelle des Deutschen Alpenvereins in Münchner entwickelte Transsolar ein Lüftungskonzept, das mit wenig Technik auskommt und stattdessen auf die Grundlagen der Physik setzt. Das Gebäude wurde 2023 mit dem Deutschen Holzbaupreis ausgezeichnet und war für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert.

28. Mai 2024 newroom

Smartvoll Architekten – Umnutzen statt abreißen

In Bergheim bei Salzburg wurde ein Versandlager zu einem lebendigen Komplex für produzierende Unternehmen, Büros und Gastronomie umgestaltet. Um das großzügige Raumgefühl und die Nutzungsoffenheit der Hallen zu erhalten, durchzogen smartvoll Architekten die Räume mit nutzungsoffenen Plattformen und verdichteten die Nutzfläche im Handelszentrum 16 von 43.000 auf circa 57.000 Quadratmeter. Gemeinsam mit dem Bauherrn Marco Sillaber zeigten sie, dass es sich lohnt, solche Bestandsbauten zu erhalten. So wurde der Bestand klug umgenutzt. Durch die minimalinvasive Herangehensweise blieb der Geist des Industriebaus erhalten und rückte zugleich in einen neuen ästhetischen Kontext.
Im Gespräch erzählen Christian Kircher und Philipp Buxbaum von smartvoll, worin das Potenzial solcher Industrieareale liegt und warum deren Umnutzungen nicht lineare Prozesse erfordern. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Die Wiederbelebung von Industriebrachen ist zu einem unserer Steckenpferde geworden. Im Gewerbegebiet von Bergheim gibt es das ehemalige Universal-Versand-Zentrallager. Ein Konglomerat von Gebäuden, das seit 2002 mehr oder weniger leer steht, weil sich die Nutzungsbedingungen der Logistik geändert haben. Für die Umwandlung solcher Industriebauten braucht es einen experimentellen, nicht linearen Zugang, einen nutzungsoffenen Prozess vom ersten Schritt weg. Kein Entwickler hat gleich eine Antwort darauf, was daraus werden soll. Das ist ein iterativer Prozess, bei dem man Sachen ausprobiert. Dann bekommt man langsam ein Gefühl dafür, was an diesem Ort möglich ist.

Der Startpunkt ist immer der gleiche: Wir kommen zu Projekten, die im Nirgendwo sind. Sie sind heruntergewirtschaftet, sehen desolat aus, mit eingeschlagenen Fenstern und so weiter. Da will keiner hin. Selbst der beste Entwickler kann damit schwer etwas machen. Deswegen muss man in Vorleistung gehen, ohne dass man den Nutzer, das Nutzerprofil oder die Funktion kennt. Man muss nutzungsoffen planen. Von Chronologie und Linearität kann man sich in diesen Prozessen wirklich verabschieden. Man schiebt alles parallel an. Die leichtesten Flächen, die gut belichtet sind, werden zuerst transformiert. Dort ziehen dann die ersten Mieter ein, währenddessen baut man woanders weiter. So arbeitet man sich zu den schwieriger zu transformierenden Flächen vor. Wir haben hier im Handelszentrum 16 die Nutzfläche von circa 43.000 auf circa 57.000 Quadratmeter nachverdichtet, indem wir neue Ebenen eingezogen haben. Wir bauen diese Gebäude minimalinvasiv um und generieren dabei einzigartige Räume. Das sind Attraktoren, die den Nutzer ansprechen. Dadurch entsteht ein Will-haben-Effekt, der notwendig ist.

Unter Adaptive Reuse verstehen wir die Wiederbelebung eines Gebäudes. Es ist enorm wichtig, dass wir solche Gebäude nicht abbrechen oder leer stehen lassen, sondern mit unseren Ressourcen schonend umgehen. Und dafür ist das Handelszentrum 16 ein super Beispiel.
Allein die Entscheidung, dieses Gebäude nicht abzubrechen, hat ein halbes Prozent der österreichischen Bau- und Abbruchleistung von einem Jahr eingespart. In diesen Häusern steckt so viel Substanz! Das sind 75.000 Tonnen Beton. Deshalb muss man solche Gebäude minimalinvasiv umbauen und den Nutzermix gut aufteilen. Das Problem ist einfach, dass dieser Umnutzungsprozess den meisten Entwicklern fremd ist. Wir müssen ihnen die Ängste nehmen und Aufklärungsarbeit leisten.“

Smartvoll Architekten wurde 2013 von Christian Kircher und Philipp Buxbaum gegründet. Ihr Motto lautet „Alles bleibt anders“. Mit dem Salzburger Investor und Projektentwickler Marco Sillaber arbeiteten sie das erste Mal als eines von mehreren Salzburger Architekturbüros bei der Panzerhalle in Maxglan (2015) zusammen. Dort gestalteten sie das Loft, die Markthalle, ein Restaurant, einige Außenanlagen und das Beauty und Style Loft.

Publikationen

2011

Wonderland Manual for Emerging Architects

The manual provides a unique overview of the most important issues that need to be dealt within the first 5 years of an architecture practice. The book was conceived as a combination of three already published wonderland magazines (in an updated form) and two additional chapters of unpublished material.
Hrsg: Anne Isopp, Wonderland, Silvia Forlati
Verlag: SpringerWienNewYork