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Profil

Lorenz Potocnik ist Stadtentwickler, Autor und Kommunalpolitiker. Lebt und arbeitet in Linz. Architekturstudium an der TU Wien, TU Delft (NL) und School of Architecture Portsmouth (GB). 2009 Forschungsaufenthalt am MIT (USA). Spezialisiert auf prozessorientierte Projekte und Planungen im weiten Feld der Stadtentwicklung. Fokus auf bürgerliche, zivilgesellschaftliche Initiativen. 2010 Gründung des Think&Do Tank linzukunft, der sich zum Ziel gesetzt hat Stadt aus Eigeninitiative und in Form konkreter Projekte zu entwickeln. Von 2012 bis 2014 Architekturkritiker der OÖN in freier Zusammenarbeit. Seit 2015 Kommunalpolitiker und Gemeinderat in Linz.

Publikationen

Buch Potocnik sucht Streit - linzukunft; Trauner Verlag, Linz.
Verdichtung an der Linzer Tabakfabrik / Der reiche Bräutigam -
> Architektur und Architekten, in News / Meldungen / Nachrichten - BauNetz.de
Architektur in Linz 1900-2024 - Pustet Verlag 2024, Salzburg.
Architektur in Linz 1900-2011 - Springer Wien New York, 2012
Architektur in Linz, Bauwerke seit 1900 - Anton Pustet Verlag, 2024

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Artikel

1. Dezember 2014 Oberösterreichische Nachrichten

„Daidalos“ für gebaute Zukunft in Altmünster, Haid und Feldkirchen

Drei herausragende Bauwerke wurden mit Oberösterreichs Architekturpreis ausgezeichnet.

Mit rund 90 hochwertigen Einreichungen hat der von den OÖNachrichten initiierte Architekturpreis Daidalos heuer erneut bewiesen, dass er funktioniert und Sinn macht. Die Vielfalt der Projekte stellt ein umfassendes Abbild der oberösterreichischen Architekturproduktion dar.

Bei der genaueren Begutachtung traten die ursprünglich gewählten Einreichungskategorien Wohn-, Bildungs- und Kommunalbau für die Fachjury aber weitgehend in den Hintergrund. Stattdessen wurden in einem zweitägigen Juryprozess „zukunftsweisende und innovative Lebensorte“ prämiert. Alle drei Preisträger sind Schulen, jedoch weit mehr als normale Bildungsbauten. Gemeinsam haben sie ihren innovativen Charakter. Alle drei bieten Lösungen und Konzepte für unsere Gesellschaft im Wandel.

„Lehrer und Schüler haben mitgefiebert“, sagt die Wiener Architektin Hemma Fasch von Fasch & Fuchs, einem der drei ausgezeichneten Architekturbüros, im Rückblick auf einen jahrelangen Prozess. Die Anstrengungen aller Beteiligten haben sich ausgezahlt beim Schul- und Kulturzentrum in Feldkirchen/Donau. Ähnlich offene Schulen kennt man vor allem aus Skandinavien und Kopenhagen.

Die Entstehungsgeschichte begann 2005 mit der Umsetzung des Kulturzentrums und endet vorläufig mit dem Um- und Zubau für die Schule. In Summe ist eine lebendige Mischung entstanden, die dem 5000-Einwohner-Ort einen neuen Mittelpunkt schenkt. Konsequent nach Prinzipien des offenen Lernens konzipiert, erinnert im ganzen Komplex nichts an eine herkömmliche Schule. Gänge gibt es praktisch nicht. Stattdessen organisiert sich alles um den zentralen, über mehrere Geschoße reichenden Veranstaltungsort. Jeder Unterrichtsraum ist von außen einsehbar. Gegessen wird in der Aula und im Garten.

Dank der Überlagerungen und Offenheit kommt ein Gefühl von Kinder-Uni oder Campus auf. Diese Architektur bietet einen großartigen Rahmen für die neuesten Erkenntnisse der Pädagogik. Hier wurde von allen Beteiligten ein mutiger Schritt nach vorne gemacht.

„Eigentlich wie ein großer Bauernhof“, sagt Architekt Josef Fink spontan zum von ihm entworfenen Agrarbildungszentrum in Altmünster und bringt es in einem Satz auf den Punkt, warum es sich um einen Lebensort handelt: „Hier leben, lernen und arbeiten Schüler und Lehrer unter einem Dach und das in einer Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt“.

Das Architekturbüro Fink Thurnher sitzt in Bregenz, das Ergebnis ist so etwas wie ein Vorarlberger Wissenstransfer. Das Gebäude wurde bereits mehrmals ausgezeichnet: Für seine Nachhaltigkeit, als „Lernwelt“, für die vorbildhafte Bauherrenschaft und nicht zuletzt als Holzbau. 2007 aus einem Wettbewerb hervorgegangen, errichteten die Architekten ein zukunftsweisendes Bauwerk. Der Passivhausstandard und die hohen Anstrengungen um ökologische Kriterien verstehen sich bei den Vorarlbergern fast schon von selbst. Eine Solaranlage auf dem Dach bereitet Warmwasser auf, eine Hackschnitzelanlage spendet Wärme, es gibt eine Photovoltaikanlage, mechanische Be- und Entlüftung gekoppelt mit Wärmerückgewinnung. Gedämmt wurde mit Schafwolle und Zellulose, und für die WC-Spülungen wird Regenwasser verwendet.

Der ganze Bau ist von Holz dominiert. Das kann bald einmal zu viel werden, hier aber nicht, weil die eingesetzte heimische Weißtanne in unterschiedlichsten Formen, hochwertig und meist unbehandelt verarbeitet wurde. Alles wirkt so gar nicht wie in einer Schule, sondern hell, angenehm und wie in einem guten Hotel.

„Es ist von Anfang an ein Miteinander gewesen“, betont der Vorchdorfer Architekt Raimund Dickinger (Dickinger und Ramoni in Vorchdorf und Innsbruck) und fügt noch gleich eine dringende Bitte an Bauherren an: „Lasst’s die Architekten ein bissl galoppieren, dann kommt was Besseres raus.“ Bei der Landwirtschaftlichen Fachschule Ritzlhof in Haid durften sie das offensichtlich.

Herausragende Lernwelt

Diese landwirtschaftliche Schule ist Ausbildungsstätte und zum Teil Wohnort für 600 Schüler. Der bereits mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnete Zubau duckt sich zurückhaltend und elegant ins Gelände. Ein unterirdischer Gang verbindet ihn mit dem denkmalgeschützten Bestand. Ein Atrium und Mehrzwecksaal bilden den zentralen Innenhof. Unterrichtsräume, Bibliothek, Foyer und Garderobe ordnen sich gut übersichtlich drumherum.

Der Sockel ist aus Sichtbeton, alles darüber wurde aus Holz gebaut. Die Erscheinung ist entsprechend filigran und schlicht wie ein Pavillon. Alles ist sehr hell, Farbe wurde in dem von Holz dominierten Bau nur sparsam eingesetzt. Der Ausblick in die Landschaft und umgekehrt die Einblicke in die Schule prägen die Raumstimmung. Insgesamt ist das scheinbar Unmögliche gelungen: Eine herausragende und trotzdem ganz diskrete Lernwelt.

8. November 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Ländliche Zukunft, innere Wärme und zwei Häuschen am Hang

Daidalos: Aus neun nominierten Projekten werden drei ausgezeichnet

Zum diesjährigen OÖN-Architekturpreis Daidalos wurden 89 Projekte eingereicht. Die Qualität war sehr hoch. Heute stellen wir die letzten drei der neun nominierten Projekte vor.

Das Agrarbildungszentrum in Altmünster wurde bereits oft ausgezeichnet: für seine Nachhaltigkeit, als „Lernwelt“, für die vorbildhafte Bauherrenschaft und nicht zuletzt als Holzbau. Und das zu Recht: 2007 aus einem Wettbewerb hervorgegangen, errichteten Fink Thurnher Architekten aus Bregenz hier 2011 ein zukunftsweisendes Bauwerk. Durch die Zusammenlegung der landwirtschaftlichen Schulen Altmünster und Weyregg wurde es erforderlich, das bestehende Gebäude zu erweitern.

270 junge Menschen lernen und wohnen nun hier. Sie werden praktisch und theoretisch für das Leben als (Nebenerwerbs-)Bauer ausgebildet. Wie bei einem „Vierkanter“ bildet der zentrale Innenhof das Zentrum der Schule. Der Bau ist von Holz dominiert. Das kann bald einmal zu viel werden, hier aber nicht, weil die eingesetzte heimische Weißtanne in unterschiedlichsten Formen, hochwertig und meist unbehandelt, verarbeitet wurde.

Alles wirkt hell, angenehm – wie im guten Hotel. Der Passivhausstandard und die hohen Anstrengungen um ökologische Kriterien verstehen sich bei den Vorarlbergern fast von selbst: Eine Solaranlage auf dem Dach bereitet Warmwasser auf, eine Hackschnitzelanlage spendet Wärme, es gibt eine Photovoltaikanlage, mechanische Be- und Entlüftung gekoppelt mit Wärmerückgewinnung. Gedämmt wurde mit Schafwolle und Zellulose, für die WC-Spülungen wird Regenwasser verwendet.

Kühle Betonkiste?

Auch das Haus Wichert ist nominiert. Wenn Architekten für sich selbst bauen, entsteht oft ein Haus, das in seiner Klarheit ein Manifest darstellt. In dieser Konstellation können sie exakt ihre Vorstellungen umsetzen.

Im Fall des Hauses Wichert und des Architekturbüros 1 handelt es sich nur auf den ersten Blick um eine kühle Betonkiste. Im Gegenteil, das Haus öffnet sich im Inneren und strahlt Wärme aus.

Die gute Raumaufteilung und die eingesetzten Materialien wie unbehandeltes Holz für Böden und Möbel lassen eine sehr wohnliche Atmosphäre entstehen. Betreten wird das Haus am Pöstlingberg in der mittleren Ebene, durch einen sehr hohen Raum ohne unmittelbar erkennbare Funktion.

Von Büro bis Spielzimmer oder Raum für Feste ist hier alles möglich. Zurzeit wird er von den Söhnen genutzt. In Zukunft vielleicht als Homeoffice. Unter anderem ist es diese Unbestimmtheit der Räume, die das Haus so flexibel und robust für die Zukunft macht. Der eigentliche Wohnbereich liegt im offen verbundenen Obergeschoß. Hier wird gekocht, gegessen und zusammengesessen. Im „Untergeschoß“ befinden sich Schlafzimmer und Nebenräume.

Zur Straße schirmt sich das Haus mit einer Mauer ab. Diese schafft auf dem engen und steilen Grundstück einen kleinen, ebenen Innenhof. Dieser wichtige Aufenthaltsbereich zwischen Eingang und Straße ist intim und wirkt wie ein nach oben hin offenes Wohnzimmer. Fließend gehen hier Außen und Innen ineinander über. Die Gestaltung, Bepflanzung und der Abstand der Mauer geben aber auch nach außen, also zur Straße hin, etwas her. Hier wird nicht einfach egoistisch Eigentum abgeschirmt, sondern etwas an die Öffentlichkeit zurückgegeben.

Geplantes Dazwischen

Ebenfalls nominiert ist ein Objekt, an dem interessant ist, dass es aus zwei Häuschen besteht. Die schwierige Lage am sehr steilen Hang und zwischen anderen Häusern wurde von den architypen aus Linz genial gelöst: Statt eines großen schmiegen sich zwei kleine, unterirdisch miteinander verbundene Häuser an den Hang.

Geschickt zueinander gesetzt, entsteht dadurch ein wertvoller, geschützter und grüner Zwischenraum. Der sonst so peinlich gesuchte Abstand zum Nachbarn wird nachrangig, der Mehrwert entsteht im sorgfältig geplanten Dazwischen.

In einer Linzer Randlage, die sich zunehmend entwickelt und immer voller mit brutalen, architektonisch minderwertigen Eingriffen wird, ist das Haus Y2 eine starke und gleichzeitig diskrete Aussage.

Dieser genaue und sorgfältige Umgang mit dem Gelände und den Nachbarn ist außen und innen ganz stark zu spüren. Dazu gehört auch ein sehr hoher bauökologischer Anspruch. Das ganze Haus besteht aus Holz, die Innenwände sind mit Ton verputzt.

Die zwei Häuschen stellen in Wirklichkeit eine neue Typologie dar, die durchaus modellhaften Charakter hat. Stellen Sie sich einfach einen ganzen Hang – in diesem Fall den Rehgraben – mit hundert solcher Häuschen vor. Das wäre eine gelungene Siedlung mit Vorbildcharakter.

Die drei Sieger des heurigen Daidalos-Architekturpreises werden bei der großen Abschlussgala am 25. November in der Linzer Tabakfabrik ausgezeichnet.

25. Oktober 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Zukunftsweisende Lebensorte in Oberösterreich

Zum diesjährigen Daidalos-Preis wurden insgesamt 89 Projekte eingereicht. Und alle Projekte zusammengefasst betrachtet, war die Qualität ähnlich hoch wie vor zwei Jahren.

Trotzdem war die Auswahl herausfordernder, weil die Kategorien so unterschiedlich gute Objekte beinhalteten. Im Bereich der Bildung und des Kommunalbaus haben die vergangenen vier Jahre überraschend interessante und zukunftsweisende Um- und Neubauten hervorgebracht. Im Gegensatz dazu scheint der institutionelle Wohnbau in einer gewaltigen Krise zu stecken.

Die ursprünglich gewählten Einreichungskategorien Wohn-, Bildungs- und Kommunalbau traten bei der genaueren Begutachtung dann auch weitgehend in den Hintergrund. Die guten Projekte hatten nämlich eines gemeinsam: Sie entzogen sich der Festlegung auf eine bestimmte Nutzung oder eine bestimmte Typologie. Stattdessen stellen sie vielschichtige Bauwerke dar, in denen Lehren, Lernen, Wohnen, Spielen, Kultur, Essen – sprich das Leben zusammenkommt. Weil der Daidalos-Architekturpreis auf der Suche nach genau solchen gesellschaftlich innovativen Projekten ist, hat sich die Jury entschlossen, die üblichen Kategorien aufzulösen und aus den neun nominierten Projekten die drei „zukunftsweisendsten Lebensorte“ zu nominieren. Und von diesen Orten, an denen man Zukunft spüren kann, sind in Oberösterreich einige wirklich herausragende entstanden.

Kindergarten: Frech und frisch

Der Kindergarten in der Solar City von X-Architekten (Linz/ Wien) ist ein vorbildhafter Erlebnisraum für Kinder und Betreuer. Es handelt sich um einen reinen Holzbau in Niedrigstenergiebauweise. Das Grundstück liegt am Übergang der Wohnbebauungen zu der künstlich angelegten Landschaft rund um den Weikerlsee. Alle Gruppenräume orientieren sich ins Grüne und nach Süden. Beste natürliche Belichtung versteht sich damit von selbst. Im Inneren gibt es keine Gänge im herkömmlichen Sinn. Stattdessen sind die Erschließungsflächen so angelegt, dass sie in den Pausen und bei Schlechtwetter voll genutzt werden können. Mittendrin ist der multifunktionale „Marktplatz“, der als Zentrum dient. Hier wird gegessen, hier kann aber auch die Krabbelstube erweitert werden und hier finden auch die größeren Treffen statt.

Die zeltartige Dachform unterstreicht den verspielten Charakter des Hauses, im Inneren variieren dadurch überall die Raumhöhen.

Geduckt im Gelände

Die Landwirtschaftliche Berufs- und Fachschule für Garten und Landschaftsbau „Ritzlhof“ in Haid ist Ausbildungsstätte und zum Teil Wohnort für jährlich ca. 600 Schüler. Der bereits mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnete Bau wurde von den Architekten Raimund Dickinger und Mario Ramoni entworfen. Der Zubau duckt sich ins Gelände, schafft gleichzeitig einen neuen Eingang zum bestehenden denkmalgeschützten Schulkomplex. Ein unterirdischer Gang verbindet Alt- mit Neubau. Typologisch folgt der Zubau dem bestehenden Gutshof. Ähnlich einem hier üblichen Vierkanter bilden ein Atrium und ein Mehrzwecksaal den zentralen Innenhof. Unterrichtsräume, Bibliothek, Foyer und Garderobe ordnen sich drumherum.

Auf dem mit Sichtbeton ausgeführten Sockel des Untergeschosses bildet der filigrane Holzbau eine pavillonartige Struktur. Alles ist sehr hell, Farbe wurde in dem von Holz dominierten Bau nur wo nötig eingesetzt, der Blick in die Landschaft bzw. auch im Gegenzug die Einblicke von außen in die Schule prägen die Raumstimmung. Bei einer Ausbildung, die sich größtenteils draußen abspielt, sehr stimmig.

Kopenhagen in Feldkirchen

Einen „langen Prozess“ nennen die Architekten Fasch&Fuchs aus Wien die Entstehungsgeschichte des neuen Schul- und Kulturzentrums in Feldkirchen. Dieser begann 2005 mit der Umsetzung des Kulturzentrums und endet vorläufig mit dem Um- und Zubau für die Schule. In Summe ist ein lebendiges Hybrid entstanden, das noch dazu dem Ort einen ganz neuen Mittelpunkt schenkt.

Konsequent nach Prinzipien des offenen Lernens konzipiert, erinnert im ganzen Komplex nichts an eine herkömmliche Schule. Gänge gibt es praktisch nicht. Stattdessen organisiert sich alles um den zentralen, über mehrere Geschosse laufenden Veranstaltungsort. Jeder Unterrichtsraum ist von außen einsehbar.

Gegessen wir in der Aula und im Garten. Dank der Überlagerungen und Offenheit kommt ein Gefühl von Kinder-Universität und Campus auf. Kinder sitzen in ihren individuellen Lernkojen und grüßen den vorübergehenden, neugierigen Besucher nur kurz. Dann wird konzentriert weitergearbeitet.

Diese Architektur bietet den besten Rahmen für die neuesten Erkenntnisse der Pädagogik. Hier wurde von allen Beteiligten ein mutiger Schritt nach vorne gemacht. Ähnlich offene Schulen kennt man derzeit vor allem aus Skandinavien und insbesondere aus Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen.

23. August 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Kommunalbau: Wichtige Impulse für lebendige Orte setzen

Die Gemeinden sind im Wandel - Kommunalbauten sind architektonische Vorbilder.

Kindergärten, Horte, Altenheime, Bauhöfe, Feuerwehren, Pflichtschulen und Turnhallen, aber auch Kulturzentren, Veranstaltungssäle, Plätze oder Friedhöfe gehören neben der kommunalen Infrastruktur und den eigentlichen Stadtämtern zu den vielfältigen Bauaufgaben, die Gemeinden bei aktuell oft engen Haushalten bewältigen müssen.

Lebendige kleine Dörfer und Gemeinden mit landwirtschaftlicher Prägung, das war einmal. Viele Orte sind heute Schlafdörfer für Pendler aus den Ballungsgebieten. Dazu gehört die Verhüttelung durch Einfamilienhäuser, geschlossene Gasthäuser, Läden und Schulen.

Die Ortskerne sind in Folge nicht mehr die Orte des Gemeinwesens. Stattdessen hat sich an den Rändern der Ortschaften ein Drive-In aus verschiedenen Angeboten entwickelt, mittlerweile befindet sich dort nicht nur der übliche Supermarkt oder die Werkstatt sondern auch die Bäckerei, die Apotheke oder der Arzt. Damit verlassen viele Nutzungen die Ortszentren, die vormals die Lebendigkeit der Zentren prägten.

Viele Gemeinden haben erkannt, dass ein lebendiges Ortszentrum wichtig ist und neben der Versorgung auch Identifikations- und Kommunikationsaufgaben leistet. Dort sollten die wichtigsten Einrichtungen fürs tägliche Leben zusammenkommen. Dabei geht es nicht darum, das Dorf neu zu erfinden, sondern eigene Potenziale zu erkennen. Seit rund zehn Jahren hat so eine kleine Renaissance der Ortskerne stattgefunden. Was können Kommunen dafür tun? Wesentlich sind raumplanerische Zugänge, Verkehrslösungen und eine Attraktivierung der Zentren durch viele koordinierte kleine Maßnahmen.

Einen wichtigen architektonischen Baustein stellen die vielerorts errichteten neuen Kommunalbauten dar, die scheinbar unübliche Nutzungen und Räumlichkeiten oft unter einem Dach kombinieren. Diese Hybride aus Amtshaus, Trauungssaal, Musikschule und Musikproberaum beispielsweise setzen nicht nur gestalterisch einen Impuls, sondern schaffen auch eine zeitgemäße und lebendige Nutzung der Ortszentren.

Beispiele dafür gibt es genug. Das 2008 fertiggestellte Gemeindezentrum in Weißkirchen an der Traun vereint Bürgerservice, Büros der Gemeinde, Trauungssaal, Musikraum und eine Hausmeisterwohnung. Von Anfang an ging es darum, aus den verschiedenen Einzelanforderungen einen Mehrwert für den Ort zu schaffen. Formal als kompaktes, einheitliches Volumen gestaltet, besteht das Haus aus ineinander geschobenen Nutzungen mit verschiedenen Eingängen.

Multifunktionale Zentren

Die 2010 und 2014 fertiggestellten neuen Stadtzentren in Meggenhofen (Two In A Box Architekten) bzw. Haid/ Ansfelden (Architektin Christa Lepschi) sind ähnlich gestrickt: Sie sind multifunktional, sind Impuls für eine nachhaltige Ortsentwicklung und schaffen einen neuen Ortsplatz. In Meggenhofen kommt noch ein Bürgerbeteiligungsprozess und die sorgfältige Nutzung wertvoller Altbauten dazu. Das Gleiche ist in Wels der Fall: Mit dem denkmalgeschützten Herminenhof wurde ein wertvoller Leerstand inmitten der Stadt revitalisiert, Musikschule, Bibliothek, Archiv und Volkshochschule ergeben neue Synergien und Raum für Jung und Alt.

Im 2013 fertiggestellten Gemeindeamt in Ottensheim (Sue Architekten) verschmelzen ebenfalls flexibel gestaltbare Veranstaltungssäle, Bürgerbüro, Verwaltung und Marktplatz bzw. Innenhof zu einem offenen Raum.

In Wallern wird mitten in der Ortschaft mit einem Veranstaltungszentrum auf engstem Raum verdichtet und ein Identifikationsort geschaffen (Schneider&Lengauer Architekten), in Sarleinsbach (Heidl Architekten) wird neben neuen Räumlichkeiten (Bibliothek, Musiksaal, Verwaltung) auch gleich die Verkehrssituation am Platz gelöst.

Alle Beispiele zeigen deutlich, dass über Architektur zwar keine strukturellen Probleme gelöst werden können, Bauobjekte sehr wohl aber spürbare Impulse für die Entwicklung von Gemeinden, deren Gemeinschaftssinn und Identifikationskraft setzen.

16. August 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Wie baut eigentlich die voestalpine?

Wenn es schnell gehen und funktionieren muss, aber trotzdem schön sein soll.

Die voestalpine ist ein Riesenbetrieb, das Gelände in Linz hochkomplex. Hier wird nebeneinander Stahl gekocht und geforscht. Laufend und unter extremem Zeitdruck wird auch gebaut und abgerissen, um- und angebaut. Altes steht neben Neuem, Riesen neben Zwergen. Denkmalschutz besteht keiner.

Seit der Privatisierung des Unternehmens (1995 Börsengang, 2003 vollständig mit starken, heimischen Kernaktionären, seit 2000 Mitarbeiterbeteiligungsmodell – aktuell 14,5 Prozent der Aktien in Händen der Belegschaft) wird verstärkt auf die Außen- und Innenwirkung und damit auf die Qualität der Architektur im Gelände geachtet.

Dafür gibt es einen Masterplan, einen Gestaltungsleitfaden, einen externen, wechselnden Architektenpool, einen beratenden, ebenfalls externen Architekten (zurzeit Rudolf Kowatsch) und einen Bau-Beirat aus leitenden Mitarbeitern. Bei großen und wichtigen Projekten wird ein Planer aus dem Pool beauftragt oder ein internationaler Wettbewerb ausgelobt.

Das Streben nach Architekturqualität hat zu international herausragenden Bauwerken und Ensembles geführt. So hat das Office Center von Dietmar Feichtinger Architekten einen tollen Schwung, es duckt sich elegant neben dem älteren blauen Verwaltungsturm der Werkgruppe Linz aus den 1970er-Jahren. Die angrenzende Tiefgarage ist genial belichtet und belüftet, der Park darüber wunderschön bepflanzt. Mit dem Bestand drumherum (auch das gut sanierte Gästehaus von Artur Perotti und Johannes Greifeneder), den Gleisen, Freiflächen und dem Besucherzentrum von Schremmer-Jell ist ein fast städtisches, voest-alpine-typisches Ensemble aus Alt und Neu entstanden.

Fliegender Architekt

Bei Neubauten mit besonderer Nutzung funktioniert die Architekturproduktion mit den genannten Instrumenten also sehr gut. Die Bauwerke fügen sich gut ein, sind aber trotzdem eigenständig. Dank der Verwendung von besonderen Materialien wirken sie technisch und innovativ. Über das Gebaute sind der Spirit und die Vielfalt des Unternehmens durchgehend zu spüren.
Die größere organisatorische und kommunikative Herausforderung ist, dieses hohe Niveau auch auf dem ganzen Gelände, in den Zwischenbereichen und bei der großen Menge und Vielfalt an kleinen und größeren Bauaufgaben (nicht Bauwerken) zu halten. Besonders der Umgang mit zwar nicht geschütztem, aber historisch wertvollem Bestand ist laufende Kleinarbeit.
Oft sind nur Reparaturen oder Einbauten eines Tors oder Vordachs vonnöten: Aber auch diese Eingriffe bedürfen gestalterischer Sicherheit, um in Summe positiv auf den Standort wirken zu können. Der Baubeirat und externe Architekt bemühen sich um rechtzeitige Einbindung.

Als „fliegender Architekt“ ist letzterer jederzeit und unbürokratisch einsatzbereit, um planend, begleitend und unterstützend zu agieren, ohne dabei im Produktionsprozess zu „stören“. Persönliche Kontinuität schafft die nötige Pragmatik und Handhabbarkeit. Als Externer schützt er vor Betriebsblindheit. Die voestalpine setzt als Unternehmen und Ort viele Assoziationen frei: Neben den legitimen und vom Marketing gewünschten wie „Innovation“ und „High-Tech“ sind das auch Abstich und Feuer, Hitze und Gefahr, Rohstoffe und Abgase, Rund-um-die-Uhr-Betrieb usw.

Da geht es um viel, vergleichbar mit der Komplexität einer Stadt. So eine Stadt ist nie fertig, wächst und schrumpft, ist Arbeitsplatz und Lebensort tausender Menschen und Ausdruck ihrer Vielfalt und Persönlichkeit.

voestalpine City

Die voestalpine ist eine schöne und fotogene Stadt. Diese besondere Schönheit lässt niemanden kalt, kommt meist überraschend und zwar oft dort, wo Natur und Produktion oder Alt und Neu aufeinanderprallen. Wo feiner Staub alles monochrom eindeckt oder wo die Technik radikale oder einfach nur sehr große Formen entwickelt hat.
Dieses große Ganze und das Gefühl dafür sind nicht in einer einfachen Corporate Identity zu transportieren. Nur eine vielfältige, aber stimmige Architektursprache kann das. Dafür verbessert die voestalpine stetig ihre interne Baukultur.

29. Juni 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Hier lebt es sich wie im Urlaub

Wer hätte das gedacht? Die Solarcity ist zehn Jahre alt und funktioniert!

Obwohl auf die grüne Wiese im äußersten Süden von Linz gesetzt (die Straßenbahn braucht eine kleine Ewigkeit ins Zentrum), ist dieses kleine Satellitenstädtchen eine Erfolgsgeschichte. Sie wird seit Fertigstellung positiv wahrgenommen, war von Anfang an dreifach überbucht. Die Identifikation der Bewohner mit ihrem Stadtteil ist hoch, die Zufriedenheit ebenfalls.

Das ist einer ausgezeichneten Projektentwicklung, präventiver Gemeinwesenarbeit und insgesamt einer durchgehaltenen Vision zuzurechnen. Das wissen die Bewohner vor Ort und die Fachwelt im Ausland. Trotzdem scheint die Stadtpolitik selbst nicht wirklich stolz auf das einzigartige Ergebnis zu sein. Zumindest wird die Sonnenstadt wenig angepriesen. Dabei hat sie das Zeug zum Alleinstellungsmerkmal für Linz: sie ist weltweit einer der wenigen umgesetzten ökologischen Stadtteile.

Große Wohnungsnachfrage

In den 1990er-Jahren herrschte enorme Wohnungsnachfrage. Große innerstädtische Flächen waren nicht vorhanden oder nicht im Besitz der Stadt. Enorme Pendlerströme belasteten so wie heute die Stadt.

Auf Impuls des damaligen Stadtbaudirektors Franz X. Goldner wurde deswegen auf den stadteigenen Gründen bei Pichling eine Musterstadt geplant. Das Ziel war auch aus dem grundsätzlichen Wunsch der Stadt entstanden, ihr Image zu wandeln – wir erinnern uns, Linz ist gerade sauber geworden –, sozialen Wohnbau mit Ökologie zu vereinen.

Ob dieser weit vom Schuss liegende Stadtteil angenommen werden würde, war nicht klar. 1992 wurde der städtebauliche Masterplan von Roland Rainer erarbeitet. Der Solarexperte Thomas Herzog aus München, der wegen des Projekts Design Center (1991-94) nach Linz kam, half, das Gesamtkonzept eines ökologischen Stadtteils zu formulieren. Beantragte EU-Förderungen wurden 1995 zugesagt (Österreich war gerade Mitglied geworden).

Stararchitekten eingeflogen

1996 lagen die Planungsergebnisse der zusätzlich eingeflogenen Stararchitekten Norman Foster und Richard Rogers aus London vor, 1999 wurde mit der Landschaftsgestaltung (Atelier Dreiseitl, Deutschland) begonnen. Bis 2005 wurde in mehreren Etappen mit insgesamt 21 Architekturbüros und zwölf gemeinnützigen Wohnbauträgern gebaut. Rund 3500 Menschen leben seither in 1300 Wohnungen auf einem rund 35 Hektar großen, grünen und weitgehend autofreien Gelände.

Herzstück ist die offene Piazza mit multifunktionalem Zentrum. Hier ist tatsächlich Leben eingekehrt, das Nötigste ist vorhanden. Pavillons mit überdachten und offenen Zwischenräumen geben den richtigen Maßstab. Von hier sind es maximal 400 Meter zu jeder Wohnung. Alles ist fußläufig erreichbar, auf ein Auto kann verzichtet werden.

Die Planung von Auer + Weber Architekten (München) zeichnet sich durch gute Materialwahl, offene Sockelzonen und feine Details aus. Die ans Zentrum angrenzenden Wohnbauten sind architektonisch und freiraumplanerisch am besten gelöst. Größen und Art der Wohnungen variieren stark. Vom Reihenhaus bis zur Singlewohnung ist alles dabei. Auch das Angebot zwischen Miete (50 Prozent), Mietkauf (40) und Kauf (10) ist breit gestreut. Das schafft Durchmischung.

Die Solarcity funktioniert also. Bezüglich des Verhältnisses Einwohnerzahl zu Infrastruktur liegt sie aber am unteren Limit der kritischen Masse. Mit einer weiteren Entwicklung der Südstadt würde sie gewinnen. Das hat schon Roland Rainer Anfang der 90er in seinem Entwurf skizziert: Knoten à jeweils cirka 5000 Einwohner fädeln sich an die (zu verlängernde) Straßenbahn und Straße.

Kaserne als weitere Chance

Die Lebensqualität im Grünen, umgeben von Seen und Auen, bietet eine zugkräftige Alternative zum autoabhängigen und ressourcenintensiven Einfamilienhaus im Grünen. Und somit auch die Möglichkeit für Linz, junge Bewohner zu halten oder anzuziehen.

Aber auch die in absehbarer Zeit zur Umnutzung freistehende Kaserne Ebelsberg liegt an diesem Entwicklungsstreifen. Dort kann mit bestehender Substanz gearbeitet werden. Das Französische Viertel in Tübingen ist dafür ideales Vorbild. Auch dort wurde eine ehemalige Kaserne beispielhaft in ein durchmischtes Stadtviertel verwandelt. Die außerordentlichen Erfahrungen bei der Planung und Entwicklung der Solarcity sind dafür unbedingt zu nutzen.

7. Juni 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Reicht Grün in der Mitte?

Der erste Bauabschnitt des Wohnprojekts „Grüne Mitte“ wurde gerade fertiggestellt, die ersten Bewohner ziehen ein. Drumherum sind Kräne und Baustelle. Bis 2016 entstehen hier – auf dem Areal des ehemaligen Frachtenbahnhofs – insgesamt 800 Wohnungen.

Rechnet man die zahlreichen Bauvorhaben auf den angrenzenden Brachen dazu, werden in den nächsten Jahren in diesem Stadtteil insgesamt rund 1500 Wohnungen geschaffen. Geschätzte 4500 Menschen werden dann hier leben.

Sicher also die größte, zusammenhängende Linzer Wohnbauentwicklung seit der Solar City. Die Lage und das Umfeld sind zwar schwierig, aber besser als es scheint. Doch schon jetzt lassen sich städtebauliche Schwächen erkennen.

Hier entsteht eine Kleinstadt

Bereits seit 2001 arbeitet die Stadt Linz gemeinsam mit den ÖBB an der Entwicklung dieses Gebiets unter dem Arbeitstitel „Trendzone Linz-Mitte“. 2005 wurde das 86.000 Quadratmeter große Areal um 7,65 Millionen Euro von der Stadt angekauft. Im darauffolgenden Jahr erfolgte ein städtebaulicher Wettbewerb, dessen Ergebnis eine ausgedehnte Blockrandbebauung vorsieht. Ein 14.000 Quadratmeter großer Park in der Mitte soll die Lage an der lauten Westbahn und Lastenstraße kompensieren.

Die Entwicklung dieses Areals ist ein wichtiger Schritt in Richtung Verdichtung und inneres Wachstum der Stadt Linz. Autos wurden konsequent aus dem Quartier rausgehalten. Große begrünte Terrassen und Balkone versprechen zwar noch keine „hängenden Gärten“, aber doch weit mehr Grün als im sozialen Wohnbau üblich. Wettbewerbe wurden ausgelobt, um zu Projekten zu kommen. Die Ausführung ist insgesamt über dem gewohnten Durchschnitt, und die Anstrengung, etwas Besonderes zu machen, ist spürbar.

Gerade wegen der Größe der Entwicklung gibt es aber deutliche Kritikpunkte: Gab es ein fundiertes Gesamtkonzept in Hinblick auf ein lebendiges und funktionierendes Quartier? Nein. Wurden die Wohnungstypen und Größen untereinander abgestimmt? Nein. Gibt es Erdgeschoßzonen für Gewerbe und Büros? Kaum. Wurde zumindest durch höhere Erdgeschoßzonen für die spätere Möglichkeit gesorgt? Nein.

Gibt es billige Starter-Wohnungen, Kleinstwohnungen oder Sonderformen im Sinne einer sofortigen und zukünftigen Durchmischung? Nein. Weil von billig die Rede ist: Ist einer der Bauten ein Experimentalbau mit dem Ziel wirklich billig zu bauen? (Beispiel Architekten Lacaton & Vassal in Mulhouse) Nein. Wird eine Schule gebaut bzw. Fläche dafür freigehalten? Nein.

Sind Miete, Mietkauf und Eigentum gut gemischt im Sinne einer sozialen Durchmischung? Leider nein. Wurden kleinere Parzellen für kleine Bauträger oder Baugruppen zur Verfügung gestellt? Nein. Wurden in Anbetracht der Größe des Vorhabens (rund 45.000 m² Wohnnutzfläche) andere Disziplinen wie Soziologen, Mobilitätsexperten oder Wohnbauforscher beigezogen? Nein. Apropos: Wurden neuere Modelle der Mobilität, des Carsharings oder Poolings bzw. der Reduktion von Stellplätzen auf zum Beispiel nur einen Platz pro 100 Quadratmeter (und nicht pro Wohneinheit) umgesetzt? Nein. Warum wurde nicht der alte Bahnhof als identitätsstiftendes Merkmal (z. B. für den Kindergarten) belassen? Zu kompliziert ...

Innovativere Prozesse

Gute Chancen bestehen, dass sich das Areal gut in die Stadtstruktur eingliedert. Das Musiktheater und die angrenzende Landstraße sind fußläufig erreichbar. Im Idealfall wird dies in Zukunft quer durch den St.-Barbara-Friedhof möglich sein. Die zweite Straßenbahnachse wird darüber hinaus den Standort immens aufwerten.

Das neue Quartier steht und fällt aber mit der eigenen grünen Mitte. Gelingt dieser Raum als städtischer Erholungsraum, ist die Architektur drumherum zweitrangig. Vergleicht man die Konzeption der „Grünen Mitte“ mit Projekten wie Tübingen Südstadt, Stockholm Hammerby oder der Entwicklung am ehemaligen Nordbahnhofgelände in Wien, wird deutlich, dass Linz dringend städtebaulich innovativere Prozesse und Entwicklungen braucht. Vor allem Tübingen zeigt, dass neue Stadtviertel lebendig, durchmischt und dicht sein können, indem ein paar einfache Spielregeln befolgt werden.

Wesentlich sind die Kleinteiligkeit, die Durchmischung (Miete, Eigentum, sozial, Baugruppe, Genossenschaft usw.) und gewerblich genutzte Erdgeschoße. Eigeninitiative Baugruppen spielen bei fast allen geglückten Neustadtvierteln in Europa eine gewichtige Rolle. Bestes aktuelles Beispiel ist „Wohnen mit Alles“ in Wien. Als Heim deklariert, in Form einer Baugruppe entstanden, setzt dieses Projekt architektonisch aber vor allem sozial und gesellschaftspolitisch Maßstäbe. Alles keine Hexerei, auch in Linz mit entsprechendem Willen leicht möglich.

4. Mai 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Koniferitis im Linzer Schillerplatz

Eigentlich dachten wir doch alle, das Nadelgehölz spätestens in den 1990er Jahren definitiv überwunden zu haben. Weit gefehlt: Am „neuen“ Schillerplatz wurden gerade erst 1100 kleine „immergrüne“ Eiben und ein Dutzend nahezu ausgewachsene Föhren gepflanzt.

Den Anstoß zur Überarbeitung des Parks gab die Neuplanung der kleinen Fläche vor der Landesbibliothek und die gleichzeitige Erneuerung der südlichen Landstraße. Zeit also, auch mit dem Park etwas zu tun.

Ab diesem Zeitpunkt wäre es selbstverständlich, einen geladenen oder offenen Wettbewerb unter Landschaftsarchitekten auszuloben. Immerhin geht es um einen der prominentesten innerstädtischen Freiräume und 600.000 Euro Steuergeld. Stattdessen machte sich der zuständige Magistrat selbst an die Arbeit. Nicht anders als zu erwarten, war das Ergebnis eine verkehrstechnische Lösung mit Rest-Grünflächen. Ein freiraumplanerisches Konzept ließ sich daraus nicht ablesen.

Olga Lackner von der Vereinigung der Landschaftsarchitekten intervenierte und forderte einen Wettbewerb oder zumindest die Beauftragung eines Vorentwurfs durch drei verschiedene Landschaftsarchitekturbüros. Und was macht die Stadt? Sie beauftragt das Büro Kriegergut aus Perg mit einer „kleinen Studie“.

Kriegergut wies darin zu Recht darauf hin, dass der gesamte zukünftige Schillerpark als Einheit gedacht werden müsste, und bekam daraufhin prompt und direkt den gesamten Auftrag. Das ist nicht nur ziemlich unprofessionell, sondern für eine Vergabe der öffentlichen Hand inakzeptabel.

Das Ergebnis lässt sich denn auch nur noch als Symptom dieser mangelnden Planungskultur und demnach intransparenten Ideenfindung lesen. Die prägenden Elemente sind die genannten Hecken, Blumenbeete und „englischen“ Parkbänke, das Ganze in Anlehnung an einen „klassischen“ englischen Park rund um den bestehenden zentralen Brunnen mit sternförmig angeordneten Wegen angelegt. Die den Park abschirmenden „Hecken“ sind von unbeschreiblichen Eisengestellen gefasst. Rosa Plastikbänke um die Stahlplastik „Das Andere Buch“ von Theo

Fangen wir nochmals bei null an: Gestaltung beinhaltet vieles, es geht um Ideen, um Wirkung, um eine Analyse des Ortes, u.a. das Erkennen der Stärken des Ortes, das Einbeziehen der Umgebung, der Geschichte beispielsweise. In erster Linie geht es aber darum, eine (von möglichst vielen Menschen) erfahrbare Geschichte zu erzählen. Für Freiräume im innerstädtischen Bereich hat diese Geschichte auch noch viel mit „Natur“ und den Jahreszyklen zu tun.

Angst ist schlechter Ratgeber

Dabei sind diverse Ängste schlechte Ratgeber. So führt beispielsweise die Angst vor Obdachlosen zur Bereinigung und Verflachung des Parks (siehe auch Hessenplatz). Die Angst vor einer „tristen Winterlandschaft“ führt zu immergrünen Nadelhölzern, die dafür im Laufe des ganzen Jahres weder für Tiere noch Menschen sonderlich interessant sind.

Ängste verunmöglichen Gestaltung. Es sei denn, sie werden produktiv aufgegriffen. Das ist einer der Jobs von Landschaftsarchitekten: Konflikte, die die Stadt nun einmal birgt (und diese so reizvoll macht), gepflegt in Einklang mit ökologischen, ästhetischen und sozialen Aspekten zu gestalten.

Interessiert das eigentlich jemanden? Geschätzt ein Drittel der Bevölkerung fühlt sich beeinträchtigt von der schlechten optischen und intellektuellen Qualität eines solchen Parks. Der Rest stört sich nicht daran, sondern freut sich über einen neuen und sauberen Bereich mit Holzbänken, auf denen man in Ruhe ein Eis schlecken oder eine Wurst essen kann. Das ist vollkommen okay. Nur erhebt die Stadt Linz den Anspruch, neben einer Industrie- auch Kulturstadt zu sein. Und diese Kulturstadt erschöpft sich nicht in einem Europäischen Kulturhauptstadtjahr oder ein paar Leuchtturmprojekten. Im Gegenteil: Ein wesentlicher Bestandteil einer Kulturstadt ist ihre alltägliche Baukultur. Neben Vergabe- und Planungskultur, Architektur und Raumplanung sind städtische Freiräume essentieller Bestandteil dieser Baukultur.

Linz muss noch heute aufhören, so zu agieren, wie die Stadt es beim Volksgarten, beim Schillerpark oder beim Martin-Luther-Platz getan hat. Zusätzlich darf Linz – um Kulturstadt zu sein – gestalterisch nicht hinterherhinken beziehungsweise das Niveau senken, sondern muss ganz im Gegenteil seine Verantwortung als öffentlicher Auftraggeber mit Bildungsauftrag annehmen und einen Schritt voraus sein. Im Bezug auf Freiräume bedeutet das, die Bevölkerung auch ruhig einmal mit etwas Innovativem zu überfordern.

8. März 2014 Oberösterreichische Nachrichten

„Ziehen Sie aufs Land, dann haben Sie es weiter in die Stadt!“

Was Raumplanung mit Gratis-Parken am Urfahraner Jahrmarktgelände zu tun hat.

LINZ. Mit dem Slogan im Titel warb vor rund 15 Jahren ein deutscher Automobilhersteller für sein neues Coupé. Um den Fahrspaß länger und am besten zweimal täglich genießen zu können, forderte die Werbung auf, weit vom Arbeitsplatz entfernt den Wohnort zu wählen.

Das klingt absurd – ist aber von der Realität nicht weit entfernt. Zwar ist es in erster Linie nicht der Fahrspaß, aber eine große Mehrheit träumt immer noch vom Wohnen in grüner, ländlich-ruhiger Umgebung. Natürlich sollen dafür eine leistungsfähige Straße in die Stadt und dort viel Parkplätze vorhanden sein. Diese individuelle Entscheidung finanziert jedoch die öffentliche Hand.

Stadt, Land und Bund fördern diese Zersiedelung in vielfältiger Art, nach Kräften, trotz besseren Wissens um die hohen Kosten für die Allgemeinheit, die Schäden an der Umwelt und die sozialen Nachteile. Täglich pendeln rund 260.000 Kraftfahrzeuge nach Linz ein und wieder aus. Dazu kommen 165.000 innerstädtische Fahrten durch Linzer selbst. Die Folgen zeigen sich nicht nur in Abgasen und Lärm, sondern vor allem in einem gigantischen Platzverbrauch. Wir sprechen hier allein in Linz von vielen Millionen Quadratmetern. In innerstädtischen Lagen werden 80 Prozent des Straßenraums von fahrendem und ruhendem Verkehr beansprucht. Das ist Verschwendung von wertvollem urbanen Raum und das Gegenteil von hoher Flächenproduktivität.

Zersiedelung ist teuer

Der Skandal im Fall des Urfahraner Parkplatzes ist nicht, dass in Zukunft bezahlt werden soll, sondern dass das Parken hier bisher gratis war. Gebühren von ein bis drei Euro sind aber nicht die Lösung, es braucht ein Gesamt(verkehrs)konzept und effizientere Formen der Kooperation zwischen Stadt und Land.

Nur über gemeinsame raumplanerische Anstrengungen können die über Jahrzehnte entstandenen Fehlentwicklungen behoben werden. Darüber hinaus gehört der öffentliche Verkehr mit mutigen Investitionen konkurrenzfähig gemacht. Integraler Bestandteil ist es dabei, die für den öffentlichen Verkehr nötige Dichte der Besiedelungen anzustreben.

Unter Experten brennt dieses Thema schon seit Jahrzehnten. Mantraartig werden Entscheidungsträger und Bevölkerung darauf hingewiesen, dass die Zersiedelung mit gigantischem Flächenverbrauch (22,5 Hektar täglich in Österreich) und enormen Kosten für die Allgemeinheit einhergeht. Direkte und indirekte Förderungen in Milliardenhöhe (Straßenbau, Pendlerpauschale, kontraproduktive Wohnbauförderungen, Anschlusskosten, soziale Infrastruktur) schaffen Anreize für eine Lebensform, die vermeintlich ruhig, grün und ländlich, in Wirklichkeit aber laut, gefährlich, zeitintensiv, grau und langfristig teuer (auch für den Einzelnen) ist.

Das Auto ergänzt nur noch

Jeder kann so wohnen, wie er will, aber nicht auf Kosten der Allgemeinheit. Dazu braucht es ein neues Planungsparadigma: Unterlassen kontraproduktiver Förderungen kombiniert mit einer Aufholjagd bei den notwendigen Investitionen in die stadt- und umweltfreundlichen Verkehrsarten (Umweltverbund). Das Auto ist in diesem neuen Planungsparadigma nur noch ergänzend, also für besondere Zwecke gedacht.

Statt weiterer Autofixierung und trendverlängernden Scheinlösungen (Straßenausbau, Tunnels, Tiefgaragen, E-Mobilität, Park & ride) bedarf es dringend einer modernen stadt- und umweltverträglichen Mobilität mit wenig Autos. Ernsthaft betrieben, könnte der Zentralraum Oberösterreich Pionier eines neuen Verkehrszeitalters werden. Städte würden in ihrer Lebensqualität verbessert und der innerstädtische Außen- und Straßenraum wieder zum größten Teil den Bewohnern und dem Umweltverbund (EcoMobility) zur Verfügung gestellt werden. Die Luft wäre viel besser, Kinder könnten sich in Sicherheit überall bewegen, und die Stadt – schon jetzt der zukunftsfähigste Ort des Zusammenlebens – würde in ihrer Lebensqualität nicht mehr zu toppen sein. Auch nicht durch ein Haus im „Grünen“.

8. Februar 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Linzer Tabakfabrik ist großes Theater

Mit der Besiedelung von Bau 2 der Linzer Tabakfabrik ist es wieder Zeit, hinter die Kulissen zu schauen.

Von außen ist kaum etwas zu sehen. Gerade einmal die neue, hofseitige Rampe zwecks barrierefreiem Zugang sowie die Lichter am Abend sind Indiz dafür, dass etwas passiert ist. Seit Sommer 2012 wurde geplant, ab März 2013 gebaut. Vorige Woche wurde feierlich eröffnet, zumindest im obersten Stock, bei den Architekten Kleboth, Lindinger und Dollnig.

Zur Erinnerung: Die heutigen Mieter (Kleboth Lindinger Dollnig, die Firma Netural und Heinz Hochstetter) sind schon sehr früh initiativ mit einem Konzept und konkreten Wünschen zur Nutzung für genau diesen Bauteil an die Entwicklungsgesellschaft herangetreten. Dabei gab es weder einen Call für die Nutzung noch einen Wettbewerb für die Planung.

Nach rund eineinhalb Jahren Gesprächen und Verhandlungen hat die Stadt Linz schließlich fünf Millionen Euro in die Hand genommen und den Bau komplett saniert (Entwurf und Planung erfolgte durch das mietende Architekturbüro), um die 3000 Quadratmeter nun langfristig an das Konsortium zu vermieten. Die Geschichte dazu wurde schon ausführlich im Februar 2013 in den OÖNachrichten beleuchtet. Heute geht es nur um das Ergebnis.

Haus im Haus

Um bauphysikalische, denkmalpflegerische und gestalterische Anforderungen unter einen Hut zu bekommen, wurde das gemacht, was schon bei der Van Nelle Fabrik in Rotterdam (Architekt Wessel de Jong) erfolgreich war: Eine nach innen verlegte zweite Glashaut, die alle nötigen klimatischen Kriterien erfüllt, ohne die denkmalgeschützte Substanz angreifen zu müssen.

Im neuen doppelten Boden wurden Elektrik und Lüftung verlegt. Heizung und Kühlung wurden in eine abgehängte Decke gepackt, die auch schallschluckende Funktion aufweist. Ein Nachteil dieser Einbauten ist, das im Inneren der Box von der originalen Substanz nur mehr wenig erlebbar bleibt.

Zu spüren bleiben nur die betonummantelten Stahlsäulen und die Außenwände mit den Fensterbändern im „Linzer Blau“, die dafür gut in Szene gesetzt sind. Ein großer Vorteil der Haus-im-Haus-Konstruktion liegt darin, die originale Substanz weitgehend unverändert belassen zu können. Bestes Beispiel dafür sind die filigranen Fenster, die von der Metallwerkstätte Pöttinger nur ertüchtigt, d.h. in ihrer Funktion wieder hergestellt wurden. Die neue innenliegende, gebogene Glasfassade lebt offensichtlich von der sorgfältigen Planung und dem Know-how der ausführenden Firma GIG aus Attnang-Puchheim.

Aber: An Details, wie den lieblos geführten Kabeltassen, der etwas angestrengten Konstruktion der Zwischenwände oder der aufwändigen Haustechnik ist ein grundsätzliches Ringen zwischen Architektur und Technik sowie Vorschriften zu spüren.

Ein behutsamer Umgang mit dem 80 Jahre jungen Meisterwerk steht im Konflikt mit standardisierten, vermeintlichen Anforderungen (eines Neubaus). Mehr Ausnahme und weniger Norm hätten dem Umbau gut getan. Der Aufwand ist spürbar hoch – eine gewisse Coolness geht ab.

Ein mittlerweile bekanntes Beispiel für eine lässige Haltung und Herangehensweise ist das Wiener Hotel Daniel (Atelier Heiss Architekten) nahe dem neuen Hauptbahnhof. In ein ehemaliges – ebenfalls denkmalgeschütztes – Bürogebäude, wurden 2011 sehr entspannt Zimmer eingebaut. Ja, es gibt vielleicht Einbußen bezüglich des Komforts im Vergleich zu einem Neubau, aber das Flair des Hotels ist dadurch und nur dadurch einzigartig.

Bauteil 2 als Studienobjekt

Insgesamt konnte in der Tabakfabrik im nun abgeschlossenen Umbau des Bauteils 2 dank des hartnäckigen Einsatzes vor allem der Architekten und des Denkmalschutzes viel erreicht werden.

Ob der Umbau als Vorbild und Prototyp für Bauteil 1 Sinn macht, bedürfte einer offenen und mutigen Diskussion. Welche Rolle bei weiteren Schritten die Stadt selbst einnehmen soll, müsste wohl Teil der Diskussion sein.

Aber auch die Vorgehensweise insgesamt, die „Auswahl“ der Mieter, die Umbaustrategie, die Vergaben, die tatsächlichen Gesamtkosten und der Zeitplan wollen plausibel und nachvollziehbar erklärt werden.

Mehr als ein Prototyp, kann der Umbau als Studienobjekt genutzt werden: An diesem Versuch kann Gelungenes und weniger Gelungenes erkannt werden. Zum Copy & Paste taugt es sicher nicht. Dafür ist jeder Bauteil der Tabakfabrik zu unterschiedlich und bedarf jeweils seiner eigenen Lösung.

4. Januar 2014 Oberösterreichische Nachrichten

Lunzerstraße: Lieb mich (doch)

Weitgehend unbemerkt verschwinden gerade vier Hochhäuser am Rande von Linz.

Gebaut wurden die vier Hochhäuser in der Lunzerstraße in Linz Anfang der 1970er Jahre – 1972 um genau zu sein. Übrigens zur gleichen Zeit wie die „Voest-Brücke“ oder die zwei Wohntürme am Harter Plateau in Leonding, die bereits 2003 gesprengt wurden.

In unmittelbarer Nähe zum Arbeits- und Ausbildungsplatz waren die Lunzerstraßen-Hochhäuser als Wohnheim für Lehrlinge und Arbeiter der VÖEST gedacht. Als solche wurden sie aber lediglich 15 Jahre lang genutzt. An demselben Standort war von Oktober 1944 bis Mai 1945 das Außenlager des KZ Mauthausen, Linz III, angesiedelt. Ab 1988 (bis 2005) dienten die Hochhäuser als Asylheim.

Die Kombination aus der isolierten Lage und einer Belegung mit bis zu 1000 Bewohnern führten zu einer sehr problematischen Ghetto-Situation.

Bauen mit System und Schlacke

Die VÖEST erlebte Anfang der 1970er eine gigantische Boomphase. Alles stand auf Wachstumskurs und Investition. Als fusionierte VÖEST-Alpine stellte sie einen gewaltigen, weltweit tätigen Mischkonzern dar. Allein in Österreich gab es 80.000 Mitarbeiter!

Neben dem Stahlbau und dem Industrieanlagenbau wurde am Standort Linz gerade die Sparte Systembau etabliert. Dabei lag der Fokus auf der möglichst rationalen Errichtung von Hochbauten als Generalunternehmer mit Einsatz eigener Produkte.

Ein solches war der sogenannte Schüttbeton, aus dem auch die Hochhäuser in der Lunzerstraße und hunderte andere Bauwerke in Österreich (beispielsweise das Lenau-Hochhaus, die Siedlung am Damm und das Lentia-Hochhaus in Linz-Urfahr sowie die Wohnanlage Alt Erlaa in Wien) errichtet wurden. Dafür wird aus der Schlacke (Hütten)Bims erzeugt, um diesen als druckfesten und dämmenden Zuschlag für einen Leichtbetonbaustoff zu verwenden. Erhöhte bauphysikalische Anforderungen und gesetzliche Auflagen führten zum Ende des Schüttbetons (Produktion in Linz bis 1990). Konventioneller Beton kombiniert mit einer außenliegenden Wärmedämmung setzte sich durch.

In der Lunzerstraße ist der Abriss auf Schiene. Dagegen ist wenig einzuwenden. Die rigide Struktur und die Lage der Hochhäuser macht sie dem stetigen Wandel der Stadt und Industrie gegenüber nicht robust genug. Eine Adaptierung scheint fast unmöglich. Trotzdem erfordert beides nochmalige Untersuchung. Gerade die Qualität der Lage ist nicht eindeutig und widersprüchlich. Zwar „ab vom Schuss“ und neben dem lauten Industriegebiet, sind die Häuser auch umgeben von Natur und Wasser. Die Traun und der Mühlbach als zusammenhängender Natur- und Naherholungsraum sind einzigartig. Hier leben Eisvögel, Biber und Krebse. Die Solarcity liegt Luftlinie nur etwas über einen Kilometer entfernt.

Neue Szenarien

Allein die Vorstellung, dass die Schwerindustrie an diesem Standort in den nächsten Jahrzehnten rückläufig wäre, eröffnet andere Perspektiven. Ein Nach- bzw. Vordenken für eine zukünftige Nutzung des Gebiets und hypothetischen Erhalt der Häuser scheinen also gerechtfertigt und notwendig. Genau das haben elf Architekturstudenten der Kunstuniversität Linz gemacht.

Unter dem Titel „Zum Abriss freigegeben“ bzw. „Lunz in Linz“ wurde seit Oktober an verschiedenen Strategien gearbeitet. Obwohl und vielleicht gerade weil von Anfang an klar war, dass die Bauwerke verschwinden, wurde über Wahrscheinlichkeiten hinaus gedacht.

Vergleichbar mit der Entwicklung im Ruhrgebiet könnten die Industrieflächen Teil des Naturraums und der Stadt Linz werden. Linz würde in diesem Fall zusammenwachsen. Die Hallen, Halden und Öfen werden ein Park ähnlich den Landschaftsparks Duisburg Nord oder dem Emscher Landschaftspark.

In Anlehnung an die Entwicklungen in der ehemaligen DDR (Stichwort Schrumpfungs- und Rückbauprozesse) könnte die Lunzerstraße ein Ort der Pioniere und alternativer Lebensformen werden. In dieser Vorstellung stellen die Hochhäuser eine gigantische Ressource an billigem Raum und Fläche. Die Hochhäuser wären Rohmaterial zum Experimentieren.

Nahe am Arbeitsplatz

Leicht vorstellbar wäre aber auch, die ursprüngliche Motivation für den Bau der Hochhäuser weiterzudenken: Anstatt weiterhin Arbeitsplatz und Wohnort weit auseinander zu bauen und dementsprechend lange und für alle teure Pendlerströme zu erzeugen, könnte sich das Areal im Süden der voestalpine, in der Nähe von Kleinmünchen und der Solarcity zu einem attraktiven Wohngebiet entwickeln.

21. Dezember 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Totgesagte leben länger

er Lehar-Steg in Bad Ischl wurde mit Herz und Hirn für Schloss Parz repariert.

Aufgrund des jahrzehntelangen exzessiven Einsatzes von Streusalz und mangelnder Pflege war das Bauwerk am Ende. Ein Schrotthaufen, der lebensgefährlich ist und schnell weg muss. Gefahr in Verzug. Es geht um Sicherheit. Dagegen kann niemand etwas haben!

Zwar steht die Brücke selbstverständlich unter Denkmalschutz, aber das hat nichts zu bedeuten, wenn Sicherheit und Wirtschaftlichkeit oberstes Gebot sind. Gegenstimmen, auch von Fachleuten zählen nicht. Es zählt der Blick nach vorne. Über vergossene Milch sollte man nicht jammern, stattdessen aber tatkräftig in die Zukunft blicken.

Wir befinden uns aber nicht in Linz, sondern in Bad Ischl, der Kaiserstadt zwischen Tradition und Moderne, wie die Werbung verspricht. Bei der Brücke handelt es sich um den 114 Jahre alten „Lehar-Steg“, 52 Meter lang, 2,5 Meter breit, 2,7 Meter hoch und nur 30 Tonnen Material. Der Abriss der filigranen, genieteten Stahlfachwerkkonstruktion erfolgte 2012.

Nachdem der Denkmalschutz (um-)gefallen war und den Weg für die Demontage freigemacht hat, wurde an gleicher Stelle ein Neubau geplant. Dieser wurde in formaler Anlehnung und mit Verwendung der historischen Geländer (Hurra, ein Detail gerettet!) errichtet. Von Weitem sieht die rekonstruierte Brücke wie die alte aus, aus der Nähe aber offenbart sich der Schwindel. Die Form und Tragwerksart aus dem 19. Jahrhundert in aktueller Fertigungstechnik (Schweißen) herzustellen ist nicht stimmig, zeigt aber auch die Mutlosigkeit für eine Neugestaltung. Bei einem „Entwerfen“ an der Universität gäbe es dafür ein glattes „nicht Genügend“. Ohne Diskussion und zu Recht.

Schlosser trifft Schlossherr

Ab da nimmt die Geschichte einen originellen Lauf. Anstatt die Brücke einfach irgendwie zu zerstückeln und als Stahlschrott zu verwerten, wird sie auf Anraten von Metallrestaurator Christian Reisinger vorausschauend gezielt durchtrennt und zwischengelagert. Und zufällig, also gar nicht zufällig, trifft Herrn Reisinger auf die richtige Person, nämlich Georg Spiegelfeld, der gerade einen neuen Steg für sein Wasserschloss Parz (Grieskirchen) plant. Spiegelfeld lässt den „Schrott“ von Fachleuten untersuchen, schweißtechnisch prüfen und statisch rechnen, um ihn dann für 5000 Euro zu kaufen.

2000 Stunden Arbeit

Anschließend wird das gute Stück von der Metallwerkstatt Pöttinger aus Taufkirchen mit fünf Mitarbeitern in 2000 Stunden Arbeit repariert, händisch entrostet, gebürstet, geschliffen, neu grundiert, Hohlräume ausgespritzt und neu lackiert. Kosten der Stahlarbeiten inkl. Stützen, Geländer und Boden: 160.000 Euro.

Gesamtkosten des neuen barreriefreien Zugangs zum Schloss inklusive der Fundamente, Zufahrt und Transport: 210.000 Euro. Kosten des Neubaus in Bad Ischl: 320.000 Euro.

Die reparierte Brücke ist vergleichbar mit einer neuen und zumindest 20 Jahre wartungsfrei. Bei der Instandsetzung wurden nur zehn Prozent des Originalmaterials ausgetauscht. Die Wertschöpfung ist dabei zu 100 Prozent in der Region erfolgt.

Da Arbeitskosten 80 Prozent der Gesamtkosten ausmachen, geht ein Großteil davon (in Form von Sozialabgaben) zurück an die öffentliche Hand. Im Fall eines industriell gefertigten Bauwerks verhält es sich genau gegenteilig.

Auch die CO2 Bilanz der reparierten Brücke ist unvergleichlich besser als die des Neubaus.

Angenommen, die Eisenbahnbrücke in Linz würde 100 mal so viel Arbeit machen (die unbedingt in situ passieren müsste) dann sprechen wir von 200.000 Arbeitsstunden und Kosten für den Stahlbau in Höhe von elf Millionen Euro. Dazu kommen Hebezeug, die Ertüchtigung der Pfeiler, Konsulenten und die Beläge.

Und die Eisenbahnbrücke?

Angebote um 24 Millionen Euro gibt es. Vorausgesetzt der politische Wille ist vorhanden, stellt die Reparatur zu diesen Kosten, das bestätigen vielfache Aussagen von Experten, kein Problem dar. Gerade in Oberösterreich und in der Stahl- und Kulturstadt Linz.

23. November 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Black Box, White Cube, Schaulager?

Ein Angerlehner Museum in Thalheim zeigt, wie Kunst kommuniziert werden kann.

Wir kennen das beispielsweise aus Amerika, Deutschland und der Schweiz: Industrielle oder Unternehmer sammeln Kunst, zum Teil strategisch, zum Teil ganz nach persönlichen Vorlieben. Wenn der Platz nicht mehr reicht oder die Sorge um die Werke steigt, bauen sich diese ihr privates Museum.

Oft geschieht das gleich direkt am Ort ihres Wirkens, da, wo man in der Regel kein Museum erwarten würde. In Österreich gibt’s davon eine Handvoll: die Sammlung Essl in Klosterneuburg, das Museum Liaunig in Neuhaus (Kärnten); aber auch das Artemons Kunstmuseum in Hellmonsödt beispielsweise. Nun ist ein solches – ein herausragendes noch dazu – an einem erneut überraschenden Ort dazugekommen.

Heinz Angerlehner, Gründer und Eigentümer des Welser Industrieanlagenbauers FMT, ist dabei gründlich vorgegangen. 16 Architekturbüros wurden zum Wettbewerb geladen, darunter so bekannte wie das von Dietmar Feichtinger aus Paris, Carl Pruscha aus Wien, Wolfgang Pauzenberger und Michael Hofstätter (pauhof) aus Wien/Linz und Weber Hofer aus Zürich.

Gewonnen hat aber überraschend das junge Büro Wolf Architektur aus Grieskirchen. Sie konnten die ebenfalls bestens besetzte Jury (u. a. Elke Meissl, Gerhard Sailer und Peter Baum) durch eine schlichte, aber raffinierte räumliche Konzeption überzeugen.

Geschickt organisiert

Aus einer bestehenden, ehemaligen Maschinen-Produktionshalle ist ein Museum neuen Zuschnitts entstanden. Neben gut gewählter Materialien haben die Architekten vor allem geschickt organisiert. Vom Eingang wird bereits der komplette Überblick aufs Innere gewährt. Ganz hinten leuchtet der angrenzende kleine Wald, unmittelbar links sitzt das verglaste und komplett einsehbare Depot. Schräg hinten lockt die große, hohe Halle. Die sichtbare Treppe zieht den Besucher ins obere Geschoß. Dort befinden sich vier kleinere, unterschiedlich ausgeprägte Räume. Sie wurden in die bestehende Halle eingeschoben. So konnte die Größe der Halle (20 x 60 m) erhalten bleiben. Alle Übergänge sind fließend. Die Nutzung ist für ein Museum unüblich offen – fast wie eine multifunktionale Produktionshalle.

Zu Fuß gut erreichbar

Farblich wurde im Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels sehr reduziert, aber stringent gearbeitet. Die Bestandshallen als Grundstruktur wurden mattschwarz gestrichen.

Weiß ist den neuen Museumsräumen vorbehalten. Natürliches Licht kommt durch gut gesetzte Fenster und Öffnungen in der Decke. Die Hülle des Museums – ganz in Schwarz – gibt sich geschlossen und wirkt wie eine geheimnisvolle, etwas entrückte Blackbox in dieser charmant unordentlichen Umgebung.

Das Ineinandergreifen von Empfang, Veranstalten, Ausstellen und Lagern ist Programm. Der Sinn und Zweck eines neuen Museums moderner Kunst wird damit leicht verständlich.

Noch nicht einwandfrei

Peter Assmann, der Leiter des Museums, hebt hervor, dass dies in Österreich eine prägnante museale Position darstellt. Er spürt dies in seiner täglichen Arbeit: „Noch nie konnte ich so viele Menschen von moderner Kunst überzeugen wie in den vergangenen Monaten. Das ist auch der Architektur, die hier vermittelt, zu verdanken.“

In der aktuellen Ausstellung spielen Hängung und Architektur noch nicht einwandfrei zusammen. Werke an den Außenseiten der eingeschobenen Boxen (in der großen Halle) haben dort nichts verloren. Die Wand wird dadurch beliebig, die Box verliert in Folge ihre Bedeutung. Die Wirkung aus dem Wechselspiel aus großer Halle und kleinen „Implantaten“ wird empfindlich geschwächt. Abgesehen davon ist der Betrachtungswinkel von allen Seiten ungünstig.

Auch die Außenraumgestaltung bleibt hinter der klugen Architektur zurück. Zäune (wozu eigentlich?!), biedere Oberflächen und Details sowie die parkenden Autos wirken ernüchternd. In den nächsten Jahren könnte das Museum Angerlehner sich noch einmal des umliegenden Freiraums widmen und diesen in der gleichen Qualität wie die Architektur herstellen.

Mit den neuen Verbindungen über den Aiterbach und die Traun – Steg und Brücke, beide entworfen von Erhard Kargel – wurde die gestalterische Latte ja ebenfalls schon sehr hoch gelegt.

Die Finanzierung, gemeinsam durch Land, Stadt und Heinz Angerlehner, ist dabei vorbildhaft. Schon jetzt können Besucher dank dieser Abkürzung direkt aus der Welser Innenstadt ins Museum spazieren.

21. September 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Super legale Häuser am Froschberg

Wildwuchs, und fast alle machen mit – auch die Architekten.

Natürlich könnte auch von jeder anderen „besseren“ Wohngegend in Linz die Rede sein. Am Froschberg ist der Wildwuchs großer Bauten aber aktuell gut zu erläutern. Die Siedlungsstruktur ist gewachsen und kleinteilig, Einfamilienhäuser aus den 1930ern bis heute dominieren die Straßen. Grundstücke sind rar, der Druck auf restliche Flächen groß.

Das Bauvorhaben Schultestraße 18 wurde trotz Einsprüchen der Anrainer auch vom Gestaltungsbeirat genehmigt. Der Entwurf (F2 Architekten, Schwanenstadt) verspricht ein extrovertiertes, interessantes Haus. Offensichtlich in formaler Anlehnung an das Meisterwerk „Fallingwater“ des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright stapelt es zueinander versetzte, weit auskragende Terrassen übereinander. Stiegen verbinden diese. Klingt gut und ist sicher auch ein Wohnerlebnis. Leider fehlt – im Gegensatz zum Original – die dramatische Topografie, die umliegende Natur, schlichtweg einfach der Platz. Stattdessen wurde das Haus auf einer nur 500 Quadratmeter kleinen (aus einem größeren Grundstück herausgezwickten) Parzelle errichtet.

Angrenzende Nachbarn sind nachvollziehbar nicht bereit, das Haus als spektakuläre, moderne Architektur für einen innovativen Unternehmer und als Zugewinn für die Gegend wahrzunehmen. Sie fühlen sich vom minimalen Abstand, der Höhe und der Dominanz des Bauwerks beeinträchtigt.

Wie ist es möglich, derartige Kubaturen in Linz genehmigt zu bekommen? Im vorliegenden Fall gab es einen Uraltbebauungsplan von 1969 mit offener Bauweise, maximal zweigeschossig und nur äußerer Baufluchtlinie.

Pseudokeller

Das Haus wurde auf dieser Grundlage in Kombination mit den seit Jahren in ganz Linz geltenden Richtlinien betreffend einer Hangbebauung genehmigt. Dabei ist nicht das bestehende Gelände maßgeblich, sondern ein zukünftiges (!). Dies ist in Wirklichkeit eine Aufforderung zur Geländeveränderung, um vollwertige Geschosse als Keller zu definieren und damit nicht zur maximalen Geschossflächenzahl zu rechnen.

Diese Pseudokeller treten aber talseitig als Vollgeschoss (hier in Summe vier, das heißt ca. 14 Meter hohe Fassadenfronten) in Erscheinung. Der mittlerweile erneuerte Bebauungsplan von 2012 nimmt Rücksicht auf das genehmigte Einzelprojekt und ermöglicht jetzt gleich für Dreiviertel des Bebauungsplanes eine Dreigeschossigkeit und „dank“ verbindlicher Richtlinien zwei und mehr solcher „Kellergeschosse“.

Dazu kommt, dass in einigen kürzlich erneuerten Bebauungsplänen jede Art von schriftlich dargestellter, städtebaulicher Zielsetzung gestrichen wurde. Damit wird der für den Froschberg bisher geltende Maßstab aufgelöst.

Ein Versehen? Wohl nicht. Investoren und finanziell potente Bauherren bekommen eine Spielwiese und eine regelrechte Anregung, die (dadurch auch wiederum wertgesteigerten) Grundstücke auszuquetschen.

Sicher wird auch in Zukunft versucht werden, jegliche rechtlichen und baulichen Möglichkeiten (dies gerade bei derart hochpreisigen Grundstücken) auszuschöpfen. Es liegt an der Stadt, ihren Juristen und ihren städtebaulichen Instrumenten, dies zu steuern, Tricksereien nicht zu tolerieren oder gar indirekt zu fördern, sondern eine Vision für ein Viertel im gesamtstädtischen Gefüge zu formulieren.

Im Fall des Froschbergs müssen einfache Regeln auch die absolute Hauptgesimshöhen (bezogen auf Bestand und Straßenniveau) beinhalten.

Gegen Partikularinteressen

Eine städtebauliche Leitlinie, auf die jederzeit zurückgegriffen werden kann, ist nicht nur notwendig, sondern eigentlich selbstverständlich. Aber auch die Architekten, weil Urheber und weil sie die Gestaltungskompetenz haben, stehen massiv in der Verantwortung. Diese endet nicht bei der Grundstücksgrenze und dem Auftraggeber!

7. September 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Von hier wird das Land ferngesteuert

Die neue Betriebsführungszentrale der ÖBB in Linz wurde vor kurzem fertiggestellt. Das neue Gebäude kostete sechs Millionen Euro.

Knapp 225 Millionen Fahrgäste befördern die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) jährlich auf 5700 Streckenkilometern quer durchs Land. Für den Linzer Hauptbahnhof bedeutet das 800 Zugbewegungen und 40.000 Menschen täglich. Viel Technik steckt dahinter, um diese Mengen pünktlich und vor allem sicher zu bewegen. Das Herz dafür, die Betriebsführungszentrale in Linz, wurde gerade fertiggestellt.

Direkt gegenüber dem Hauptbahnhof, eingezwickt zwischen Betriebsbauten aus dem gesamten vorigen Jahrhundert, Ersatzteillager, Werkstätten und Geleisen befindet sich das neue Gebäude. 31 Fahrdienstleiter steuern über rund 310 Bildschirme tausende von Weichen und Signalen in ganz Oberösterreich und etwas darüber hinaus. Was in den 1970er-Jahren 1800 örtliche Steuerungen waren, wird in Zukunft an fünf solcher Standorte in Österreich effizient und weitgehend automatisiert bewerkstelligt. Die Sicht auf die Züge ist dabei nicht nötig. Technisch könnte das Bauwerk überall stehen. Doch der Standort inmitten des Bahnhofs ist trotzdem ideal. Die 200 Mitarbeiter (übrigens drei Prozent Frauen) haben neben dem nicht unwichtigen „Bahnfeeling“ alle wesentlichen personellen Schaltstellen im unmittelbaren Umfeld. Auch die Anbindung mit den „eigenen“ Zügen ist gut für die Mitarbeiter. Die Positionierung im Betriebsareal der technischen Services ist nicht zuletzt eine gute Gelegenheit, mit Architektur Außenwirkung zu erzielen.

Die Preisfrage

Die Entscheidung für Architekt Dieter Koll (Wien) fiel mittels Verhandlungsverfahren. Sechs geladene Büros haben dabei keinen Entwurf, sondern ihren Preis für bestimmte Leistungen anzubieten. Ein grober Entwurf und das Raumprogramm wurden von den ÖBB vorgegeben.

Das Bauwerk selbst ist ein Beton-Skelettbau und durch die hohen technischen Anforderungen und Sachzwänge weitgehend vorbestimmt. Die unterschiedlichen Funktionen sind einfach übereinander gestapelt.

Keller gibt es keinen. Im Erd- und ersten Geschoß befinden sich die Server-Räume und Anlagen zur Stromversorgung. Die geschlossene Fassade macht diese Nutzung gut von außen ablesbar. Darüber befinden sich Sozial- und Schlafräume für den Schichtbetrieb. Dann kommt das wichtigste Geschoß: der Kontroll- und Steuerraum, die „Produktion“, wo die Fahrdienstleiter in ihren Cockpits sitzen. Darüber befinden sich noch zwei Geschoße für Verwaltung. Innen ist alles hell und funktional. Saubere und gute Details prägen.

Sandwich-Elemente

Das Besondere an der neuen Betriebszentrale ist jedoch eindeutig die Fassade. Sorgfältig geplante, riesige Fertigteil-Sandwich-Elemente aus Beton (insgesamt 37 Zentimeter stark mit 14 Zentimetern Kerndämmung) wurden mit modernen Kastenfenstern kombiniert. Das ergibt eine schlichte, aber innovative Hülle.

Die außenliegende Betonseite ist nur neun Zentimeter stark, rot durchgefärbt und anhand einer Matrize (Gussform) stark strukturiert. Inspiration nahmen die Architekten an den bestehenden Bauten im Gelände, vor allem den benachbarten Stahl-Ziegel-Hallen aus den 1930er-Jahren.

Wie ein Baukastensystem

Das Ganze ist wie ein Baukastensystem adaptierbar. Die Nutzer konnten genau sagen, wo sie Fenster brauchen und wo nicht. Nicht unwesentlich bei den zahlreichen Arbeitsplätzen an Bildschirmen. Die Kosten blieben dank der höchst rationalen Bauweise (Habau aus Perg) unter denen einer herkömmlichen Außenhaut.

Diese Fassade ist nicht nur sinnlich, sondern qualitativ weitaus höher als der übliche Vollwärmeschutz oder eine Plattenfassade. Vor allem ist sie für die zehntausenden Linzer Fahrgäste gleich gegenüber täglich ein unaufgeregter, schöner Anblick. Die Kosten des Gebäudes betrugen sechs Millionen Euro für den reinen Hochbau. Die beinhaltete Technik ist ein Vielfaches dessen wert. Die Nutzfläche der neuen Betriebsführungszentrale beträgt 3500 Quadratmeter.

3. August 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Kleine, große, feine Box für die Toten

Die Aufbahrungshalle in Gutau ist ein moderner Raum der Kontemplation.

Eingebettet in den Bestand, zwischen der alten gotischen Pfarrkirche und einem benachbarten Bauernhof, steht auf dem Friedhof von Gutau (Bezirk Freistadt) die relativ neue, 2009 fertiggestellte Aufbahrungshalle. Geschlossen wirkt die weiß gekalkte Box schlicht und unauffällig, fast wie ein Nutzbau.

Es sind die knapp sechs Meter hohen, innen und außen mit Kupfer beschlagenen Tore, die dem Gebäude eine Monumentalität verleihen. Erst ihr Öffnen offenbart die räumliche Qualität im Inneren. Von diesem Wechselspiel aus offen und geschlossen, von Außen- und Innenraum lebt dieser einfache Schrein für Tote.

Geladener Wettbewerb

2008 gab es einen kleinen geladenen Wettbewerb. Schneider & Lengauer Architekten aus Neumarkt im Mühlkreis konnten diesen mit einem ihrer gewohnt pragmatischen als auch poetischen Entwürfe für sich entscheiden. Das Ergebnis ist ein kompromisslos moderner Bau in einem sensiblen, gewachsenen dörflichen Gefüge.

Die Topografie wurde geschickt genutzt, das Volumen steht satt eingebettet wie ein Passstück. Die simple Erscheinung schafft keine Konfrontation, sondern stärkt den Ort. Bis auf die längsseitig angeordneten Sitzbänke ist die 55 Quadratmeter große Halle leer. Ein einzelnes Oberlicht erhellt den Innenraum. Ursprünglich überhaupt ohne Fenster vorgesehen, wurde auf Empfehlung der Jury ein schmaler Schlitz nach Osten gesetzt. Dieser schafft Bezug nach Außen und lässt die Morgensonne herein. Die Wände sind weiß gekalkt, die Stirnseite mit Tannenstäben verkleidet, schlichte Leuchten hängen von der Holztramdecke.

Das reduzierte, von Holz und Kupfer geprägte Innere gibt den Toten und Trauernden ihren konzentrierten und würdigen Raum. Schlupftüren im Tor verschaffen schnellen Zutritt. Im ganz geöffneten Zustand wird die Halle zum überdachten Außenraum und der leicht ansteigende Vorplatz zum offenen Auditorium. Gekonnt hinter dem Gebäude und einer Stützmauer versteckt, befinden sich die nötigen Nebenräume sowie ein öffentliches WC.

Die Kosten beliefen sich auf 420.000 Euro brutto. Das ist für 117 Quadratmeter Nutzfläche ein relativ hoher Preis, der aber mit dem großen Volumen und der hochwertigen Ausführung (Tore, Materialien, Kühlraum) leicht zu erklären ist.

Früher war das Abschiednehmen inklusive Waschung und Andacht ein lebendiger Teil der Familie und (Dorf-)Gesellschaft. Dies fand zuhause in der Stube statt. Die Säkularisierung und die Tabuisierung des Todes hat den Prozess der Verabschiedung heute zu einem distanzierten, professionalisierten Vorgang werden lassen. Wegen des mittlerweile weit verbreiteten Wunsches zur Verbrennung der Toten ist die Verabschiedung zusätzlich in ihrem Ablauf unterbrochen. Das bedeutet, dass der finale Moment des Sarghinablassens und Zuschüttens abhanden kommt.

Spirituelle Stationen

Aufbahrungshallen wie diese sind demnach umso wichtigere spirituelle Stationen und Räume in einem sich auflösenden oder ändernden Ritual der Abschiednahme.

13. Juli 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Herminenhof: Punkt für Wels

In Linz gibt es den Wissensturm, in Wels den Herminenhof. Trotz inhaltlicher Parallelen könnten sie architektonisch nicht unterschiedlicher sein.

Der neue Herminenhof ist dem Wissensturm in Bezug auf Lage in der Stadt, Raumqualität, Synergien der Nutzer und Planungskultur weit überlegen. Punkt für Wels.

Ein prächtiger Fabrikbau in der Maria-Theresia-Straße vereint Musikschule, Bibliothek, Stadtarchiv und eine Geschäftsstelle der Volkshochschule zu einem lebendigen Kulturzentrum. Seit 1930 im Besitz der Stadt, wurde die alte Substanz mit rund 5600 Quadratmetern Nutzfläche hervorragend generalsaniert und umgebaut.

Der Schutz des Industriedenkmals besteht in erster Linie in der neuen Verwendung und geschickten Anordnung des Raumprogramms im Bestand: Die prächtigen Säulenhallen wurden für eine offene Bibliothek genutzt, die Musikschule mit ihren kleinen Proberäumen befindet sich stattdessen im leichter umzubauenden westlichen Teil des Hofes und im ehemaligen Dachboden.

Ein großer (erst im Laufe der Planungen dazugekommener) Probesaal wurde in der angrenzenden Wiese vom Bestand abgerückt und teils versenkt. Die Lichtstimmung darin ist ausgezeichnet, ein kleiner Hof schafft Konzentration und Bezug nach außen. Die Art und Weise, wie der Saal, verkleidet mit rostenden Stahlplatten (ja genau!), in der kleinen Wildnis steht, ist entspannend.

Gehen wir in die Bibliothek. Die ist keine Glas-Rigips-Schachtel, sondern ein wunderbares Wohnzimmer. Die Stimmung ist großzügig und hell. Holzdecken und -säulen sind wunderschön. Wo statisch nötig (so wie im gesamten Gebäude), wurde mit Stahl prothesenartig und gut sichtbar aufgedoppelt. Kaputte Holzsäulen wurden durch neue, schlichte ersetzt. Dieser Raum ist mehr als nur Stadtbibliothek.

Das vielfältige Angebot und die Raumqualität ziehen an. Die Synergie mit der Musikschule und dem Archiv ist offensichtlich: Während die Kinder drüben Musik machen oder tanzen (2000 Schüler aller Altersgruppen), geht Mama oder Papa noch schnell was schmökern.

Portugiesische Architekten

Hervorzuheben ist auch die Organisation. Die einzelnen Funktionen in den Trakten sind vom Zugang und im Betrieb autonom. Durch das offene Foyer werden sie zusammengehalten. Um diese offene „Straße“ gruppieren sich die Veranstaltungssäle, sie sind gut von extern zu nutzen. Die alten Gewölbe prägen den Raum. Glas erlaubt Durchblicke in alle Richtungen, die Orientierung fällt leicht. Das Foyer ist – im Zusammenspiel mit den Höfen – ein geeigneter Ort für Feste.

Die architektonische Qualität ist kein Zufall: 2003 wurde ein europaweiter zweistufiger Wettbewerb gestartet. Das portugiesische Büro ZT architectos entschied den Wettbewerb gegen 16 Konkurrenten für sich. Die Planung und Umsetzung erfolgte in Kooperation mit dem Grazer Büro Zinterl Architekten zwischen 2006 und 2009. Eröffnung war Anfang 2010, die Kosten beliefen sich auf 14,6 Millionen Euro. Stadt, Land, Architekten und Denkmalschutz arbeiteten hervorragend zusammen.

1907 wurde hier übrigens weniger produziert, dafür viel geritten. Mehr als 100 Pferde des Circus Henry waren im Herminenhof untergebracht. Dieser Zirkus bereiste ab 1891 ganz Mitteleuropa mit einem 3600 Personen fassenden Zelt. Der Zirkusdirektorin Hermine Koschke verdankt das heutige Bildungs- und Kulturzentrum seinen Namen. Im Zuge der Einreichung für eine provisorische, überdachte Reithalle im Hof wurde die Namensgebung amtlich. Der Erste Weltkrieg bedeutete das Ende des Zirkus.

8. Juni 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Von der Brache zur Linzer Melange

Jahrelang war hier mitten in der Stadt Brache, nun wird der erste Bauabschnitt eines neuen Quartiers fertig gestellt. Zwar bietet die Architektur keine Highlights, aber städtebaulich ist etwas Neues und Vorbildhaftes passiert: Die Qualität des Freiraums wu

Die Rede ist vom Gelände des ehemaligen Bahnhofs der Linzer Lokalbahn und des ULTV-Tennisclubs mit mehr als 13.000 Quadratmetern. Das ist nicht wenig und dazu in bester Lage. Die ÖBB als Eigentümer verkauften einen Teil an die Real Treuhand Management (Raiffeisen). Dazu gesellten sich die Architekten und Linzer Platzhirschen Jörg Stögmüller, Franz Kneidinger und Wolfgang Kaufmann; eine Konstellation, die normalerweise keine herausragenden Neuerungen in Architektur und Städtebau erwarten lässt.

Natürlich wollen die Eigentümer die Fläche maximal verwerten. Was liegt daher näher, als dort Hochhäuser zu bauen? Der Ort eignet sich dafür, weil es mit der Entwicklung des Bahnhofviertels in den vergangenen Jahren in unmittelbarer Nähe schon mehrere gibt, die nötige Anbindung an den öffentlichen Verkehr gegeben ist und weil Platz ist. Zusätzlich sollten Wohnen, Arbeiten und Geschäfte gemischt werden.

Entstanden ist eine Linzer Melange aus einem Wohnhochhaus, mehreren Punkthäusern und einem Riegel. Im Riegel wird gearbeitet, in den Punkthäusern und im Hochhaus gewohnt. Die drei Haustypen sind – obwohl von einem Büro (Kaufmann) – unterschiedlich. Die Fassaden sind jeweils aus dunklen Basaltsteinen, gelblichen Platten oder bedrucktem Glas.

Fassaden wirken unpersönlich

Leider werden diese Materialien wenig bis keine Patina anlegen. Trotz der Bemühungen, den Maßstab zu halten und Abwechslung zu schaffen, wirken diese daher unpersönlich und im Gesamteindruck etwas steril. Unangenehm ist auch der Eingang des Wohnhochhauses. Dieser ist unattraktiv klein und niedrig. Eine Lobby eines Hochhauses sieht anders aus. Offensichtlich wollte jeder Quadrat- und Höhenmeter verwertet werden. Hier zu sparen ist bedauerlich, weil zu schwach ausgebildete Allgemeinflächen die Kommunikation und das gute Gefühl beim Ankommen im Haus verhindern.

Gelände blieb durchgängig

Es ist der Städtebau, der positiv überrascht: Auf Drängen des Gestaltungsbeirats wurden die verschiedenen Interessensvertreter an einen Tisch gebracht, um in moderierten Workshops verbindliche Leitlinien und ein Gesamtkonzept für das Areal zu entwickeln. In Anbetracht des sich stark verändernden Stadtviertels und der langgestreckten Form des Grundstücks sollte das Gelände möglichst durchgängig bleiben. Das ist gelungen.

Die Baukörper sind so angelegt, dass neuer Raum entsteht. Ein Queren des Grundstücks zwischen Stockhofviertel und Bahnhof wird überall möglich sein. Zäune sind keine vorhanden. Die Pläne für die Gestaltung des Außenraums stammen von WES Landschaftsarchitektur aus Hamburg, die einen kleinen, geladenen Wettbewerb für sich entscheiden konnte. Diese Pläne waren integrativer Bestandteil des Bebauungsplans, was ein Novum in Linz darstellt. Von dieser Öffentlichkeit des Freiraums haben übrigens alle etwas: Das Quartier wird belebt und sicherer, die Stadt ist durchlässiger und urbaner. Entsprechend dieser Synergien wird sich die Stadt an der Pflege der Anlage beteiligen.

Mit dieser Durchlässigkeit ist eine wesentliche Eigenschaft der bis vor kurzem hier existierenden Brache gerettet worden. Brachen sind aber auch wild. Ein Schuss von dieser Wildnis hätte dem neuen Quartier nicht geschadet.

11. Mai 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Herausragend diskrete Lernwelten

Der Zubau zur Landwirtschaftlichen Berufs- und Fachschule Ritzlhof bei Haid wurde bisher viel zu wenig beachtet.

Unauffällig duckt sich das flache Bauwerk ins Gelände und fügt sich neben dem historischen Bestand stimmig in die Landschaft. Innen tut sich eine fein gestaltete, unaufdringlich offene Lernwelt für 600 Berufsschüler auf, an der architektonisch nichts zu bekritteln ist.

2007 war es soweit. Die Schule platzte aus allen Nähten. Unterricht fand teils in Container-Klassen statt. Eine Turnhalle und größerer Raum fehlten. Ein geladener Wettbewerb mit fünf Teilnehmern fand statt.

Vorbildhaft

Dickinger/Ramoni konnten die Jury von ihrem Projekt überzeugen, weil sie quergedacht hatten: Der jahrhundertealte Gutshof „Ritzlmair“ wurde auf der anderen Seite des Schulbaus gespiegelt, der bestehende Verbindungsgang im Untergeschoss zum neuen Null-Niveau. Dadurch wurden die drei Bauten – der alte Bauernhof, das denkmalgeschützte Schulgebäude aus der Gründerzeit (1875) und der Zubau – auf kürzestem Weg zusammengehängt. Gleichzeitig wurde (im Zuge der Planungen zur Landesgartenschau 2011) die neue Kremstalstraße beschlossen. Diese führte bisher direkt zwischen den Schulgebäuden hindurch! 2010 fertiggestellt, sicherte die Umfahrung auch den Schulstandort. 2011 wurde der Zubau eröffnet.

Neben der organisatorischen Lösung, einem neuen Eingang mit zentraler Garderobe, besticht der Zubau aber vor allem durch den Stil, die architektonische Haltung. Zu einem guten Teil im Erdreich versenkt, ist die Basis in Sichtbeton gehalten. Alles darüber jedoch ist, auf Vorgabe des Bauherrn, das Land OÖ, ein filigraner Holzbau. In der Mitte befinden sich, typologisch angelehnt an einen Vierkanthof, der Mehrzwecksaal und ein Pausenhof. Diese bilden das offene Zentrum, um das die Unterrichtsräume, die Bibliothek sowie Foyer und Garderobe angeordnet sind. Der Saal wird stark von Externen genutzt. Konzerte mit bis zu 500 Personen haben hier schon stattgefunden; gute Akustik inklusive.

Einfache und gekonnte Details und gut gewählte Materialien unterstützen die Raumqualität. Gänge weiten sich und sind als offene Bereiche locker gestaltet. Knallgelber Industrieboden sorgt für Frische. Die Garderobe wiederum ist lila. So etwas ist oft zuviel. Hier wirkt es sparsam und richtig gesetzt. Die Abwechslung und Offenheit (man sieht viel, man hört viel, aber es ist nie laut) nennt Direktor Franz Zobl „bewegungsfördernd“. Genau das soll Schule können: Grundlage für einen beweglichen Körper und Geist sein.

Durchblicke mit Gefühl

Durchblicke und Überblick lassen das Gefühl aufkommen, mitten in der Gegend zu sein. Dieser Bezug zu Außenraum und Natur ist Programm; ein großer Teil der Ausbildung findet draußen statt. Auch das begrünte Dach fügt sich in die umgebende Kulturlandschaft ein.

In der Umsetzung kamen auf Anregung der Architekten die Besten ihres Faches sehr früh zusammen. Der Vorarlberger Statiker Konrad Merz ist für den Holzbau verantwortlich, Lichtplaner Klaus Pokorny brachte mit künstlichem und natürlichem Licht exzellente Beleuchtung. Die Projekt- und Bauleitung von Seiten des Landes lag in Händen von Albert Aflenzer und Bernhard Haider. Der großteils vorgefertigte Holzbau wurde von der Firma Graf aus Horn produziert. Last but not least wurde das Ganze durch Direktor Franz Zobl gefördert und vermittelt. 2011 gab es den Bauherrenpreis, der genau diese nötige Zusammenarbeit aller honoriert.

Das gute Klima ist auch bei einem spontanen Besuch sofort zu spüren. Hier gibt es keine Schulglocke, alles wirkt selbstverständlich. Die Nutzungsanweisungen für den Turnsaal etwa beinhalten kein einziges „Verboten“, statt dessen nur Handlungsanweisungen. Das Nebeneinander von alter und neuer Architektur erscheint so logisch, dass es eigentlich gar nicht erwähnenswert ist. Schule und Architektur in bester Praxis. Nachmachen.

20. April 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Die Barackenkirche Nöstlbach

„Baraque“ bedeutet im Französischen eine Feldhütte, ein Behelfshaus. Ursprünglich Unterkunft für Soldaten, ist eine Baracke ohne Keller leichter gebaut und meist aus Holz. Linz war voll davon, und das schon seit dem Ersten Weltkrieg. Ab 1938 – einhergehend

„Baraque“ bedeutet im Französischen eine Feldhütte, ein Behelfshaus. Ursprünglich Unterkunft für Soldaten, ist eine Baracke ohne Keller leichter gebaut und meist aus Holz. Linz war voll davon, und das schon seit dem Ersten Weltkrieg. Ab 1938 – einhergehend mit den wahnsinnigen Plänen der Nationalsozialisten – wuchs Linz bis 1945 von 109.000 Einwohnern auf fast das Doppelte (194.000).

Diese Menge an Menschen (zuerst Zwangs- und Fremdarbeiter, dann Flüchtlinge, Displaced Persons und „Ausgebombte“) konnte (und wollte) nicht durch normalen Wohnbau abgedeckt werden.

In der Folge lebten 1945 mehr als 40.000 Menschen in Barackensiedlungen primitivster Art. Noch 1953 waren dies 20.000. Anfang der 1960er-Jahre konnte der größte Teil der Lager aufgelöst werden. Aber noch 1970 bestanden acht Lager mit rund 950 Bewohnern. (Helmut Lackner: „Von der Gartenstadt zur Barackenstadt und retour“, 1986.)

Die Geschichte der Barackenkirche in Nöstlbach (Gemeinde St. Marien, Bezirk Linz-Land) ist nicht einwandfrei geklärt. Gerold Schiesser, Pfarrmitglied und Amateur-Historiker, verfolgt seit Jahren die Spuren dieses unscheinbaren Bauwerks. Anders als in Wikipedia zu lesen, stammt die Kirche wahrscheinlich aus dem Arbeiter-Wohnlager der damaligen Reichsbahn in St. Martin/Traun. 1940 errichtet, lebten hier („Lager 59“) nach dem Krieg 976 Aussiedler; volksdeutsche Flüchtlinge aus Rumänien und dem ehemaligen Jugoslawien.

Nach einer handschriftlichen Chronik wurde die Kirche ursprünglich 1946–47 gebaut und am Ostermontag, 7. April 1947, eingeweiht. Viele solcher Notkirchen wurden in Linz etwa am Bindermichl, am Froschberg oder in St. Martin errichtet. Mit Auflösung der Lager Anfang der 1960er wurden sie durch „echte“ Kirchen in den Neubaugebieten ersetzt.

Nun zu Nöstlbach: Dort gab es seit dem 14. Jahrhundert eine kleine Kirche. Die wurde 1786 von Josef II. aufgelassen und 1849 abgebrochen. Für den wöchentlichen Gottesdienst zu weit entfernt von St. Marien, bestand in der Gemeinde (heute 1550 Einwohner) der dringende Wunsch nach einer eigenen Kirche. 1963 wurde daher die frei gewordene und vorher zerlegte Barackenkirche aus St. Martin auf Eigeninitiative gekauft und auf dem extra erworbenen Grundstück aufgebaut. In letzter Sekunde kam die Bewilligung durch das Bischöfliche Ordinariat, um die erste Messe am 29. Dezember 1963 zu feiern.

Das Alter nagt

Dort steht sie nun seit einer halben Ewigkeit. Der Innenraum ist spartanisch. Annähernd im Originalzustand erhalten (Fenster und Türen wurden leider 1968 mit Standard-Ware erneuert) ist die Atmosphäre besonders: Der ganze Raum besteht aus Holz: Boden, Decke, Bänke. Dreigelenksrahmen schaffen einen offenen Raum und strukturieren ihn gleichzeitig. Im Winter spendet ein Holzofen Wärme.

Das Alter nagt an der Hütte, die wahrscheinlich nur für die Dauer von fünf Jahren vorgesehen war und heute komplett sanierungsbedürftig ist: Die Bodenbetonplatte zerbröselt, das Holz ist teils schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das Dach muss erneuert werden.

Dieser Aufwand sollte nicht gescheut werden. Weniger, weil sie als Kirche automatisch unter Denkmalschutz steht, sondern weil sie ein Zeitdokument ist für eine Art zu bauen (materialsparend, extrem wirtschaftlich); aber auch das oben beschriebene, heute schwer vorstellbare Elend der 1940er- und 1950er-Jahre.

Absolut erhaltenswert

Das Besondere an der Barackenkirche ist aber die Lebendigkeit der Gemeinde und somit der Geschichte: Jeden Samstag finden dort nach wie vor Messen statt; auf Betreiben von Diakon Franz Landerl auch die regelmäßige Kinderkirche. Diese Gegenwärtigkeit macht die Holzkapelle so einzigartig und wertvoll auch für spätere Generationen. Und sie ist die einzige in Österreich noch bestehende und als solche genutzte Notkirche.

11. April 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Innen sehr stimmig

Das Musiktheater: 30 Jahre Bauzeit, ein goldener Saal und ein paar Kompromisse.

Fangen wir innen an. Innen ist eine Überraschung. Innen stimmt das meiste. Das Haus ist hell, die Stiegenhäuser sind eine Freude. Überall wurden hochwertige Materialien wie Stein, Messing und Holz verwendet. Die Stimmung ist unaufdringlich feierlich. Die Lobby mondän, der große Saal prächtig.

Der goldene Probesaal des Bruckner Orchesters ist in seiner Einzigartigkeit ein Höhepunkt. Er wirkt technisch reduziert, fast wie ein Tonstudio, und ist trotzdem spektakulär.

Hinter den Kulissen geht es aufgeräumt zu. Auch hier: hell und transparent. Ziemlich perfekt alles. Zu perfekt? Im Theater muss ja auch geschwitzt und improvisiert werden. Und Künstler brauchen für ihre Arbeit Räume, die sie sich aneignen können. Egal. Die gesamte Komposition der Innenräume zeugt von Stilsicherheit. Vielleicht ein wenig konservativ, aber doch legitim und richtig in einer zu sehr nach Aufmerksamkeit heischenden Architekturwelt. Hier im Inneren sind die echten Qualitäten des neuen Musiktheaters. Und die Räume versprechen besonders im Wechselspiel mit den Besuchern gut zu wirken und zu funktionieren.

Außenansicht

Außen wird es deutlich schwieriger. Die Fassade aus Stein und Beton will repräsentieren. Aber braucht es heute bei einem Theaterbau dieser Dimension überhaupt noch Repräsentation über die Oberfläche? Und ob dafür der verwendete Travertin (aus Italien) das Richtige ist? Es wird von einem Vorhang gesprochen. Das ist so aber nicht erfahrbar und damit in die Kategorie Architekten-Marketing-Jargon zu reihen. Die Fassade ist zwar an sich sauber durchgespielt, steht aber im unangenehmen Widerspruch zum geglückten Inneren. Das ist – was die Architektur betrifft – der Wermutstropfen.

Bauliche Integration

Städtebaulich bleibt das Theater ein Solitär und zu sehr Stück Architektur. Es ist zu wenig mit dem Umfeld verzahnt. Nur in Richtung des Volksgartens entsteht dank des offenen Foyers Austausch. Das war auch der entwerferische Fokus und entscheidend im Wettbewerb. Dieser Fokus hat aber einen hohen Preis: Sehr nachteilige Hinterseiten entstehen. Die positive Strahlkraft auf das gesamte und unmittelbare Umfeld bleibt deswegen in Wirklichkeit begrenzt. Städtebaulich scheint sich das Theater daher mehr zu „nehmen“ als zu „geben“.

Es ist allseits bekannt, aber doch wesentlich: Das Musiktheater hat lange gebraucht. Besonders die Standortfrage erwies sich als schwierig, obwohl sie das eigentlich nicht hätte sein dürfen. In Linz gab es genug gute Standorte für einen solchen Bau. Eine fundierte Untersuchung Anfang der 1990er durch ein Grazer Team verglich diese. Dabei war eindeutig eine Position an der Donau, egal ob auf Urfahraner oder Linzer Seite, die beste. Mehrere Standorte wurden im Laufe der Jahre durchgespielt, zum Teil mit baureifen Plänen (Theater im Berg). Alle scheiterten.

Diese über 30 Jahre dauernde und schwindelerregende Entstehungsgeschichte ist integraler Bestandteil des heute an diesem Ort fertig gebauten Musiktheaters. Vieles – aber nicht alles – erklärt sich daraus. Städtebauliche Schwächen, ein mit „Schaum“ aus Aluminiumkugeln verkleidetes Trafohäuschen, das dort am Vorplatz einfach nicht sein dürfte (Kunst am Bau von Hans Kupelwieser), oder eben die Steinfassade (anstatt der von Wettbewerbssieger Terry Pawson vorgeschlagenen, aber verhinderten „ortsspezifischen“ Stahlplattenhaut) sind Beispiele für diese Kompromisse.

In einem Satz: Das neue Linzer Musiktheater ist im Inneren sehr stimmig, als Meisterwerk in die österreichische Architekturgeschichte wird es voraussichtlich aber nicht eingehen.

19. März 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Einfallsreich, erfinderisch, universell: Das Lebenswerk des Karl Odorizzi

Das afo architekturforum Oberösterreich widmet dem Welser Architekten eine Werkschau

Zwei Begriffe assoziiert man mit Karl Odorizzi (81): Plastik und Schulen. Der in Wels ansässige Architekt blickt auf 50 Jahre Bautätigkeit zurück, zum Teil auf revolutionäre Bauwerke.

Odorizzi hat sich normalen Architektenzwängen so weit wie möglich entzogen und ging ohne Berührungsangst auf Herausforderungen seiner Zeit los. Dabei war er eine treibende Kraft in der Entwicklung neuer Schulformen und Techniken, vor allem in der Verwendung von Kunststoff im Hochbau. Leitmotiv war und ist die Veränderung der Architektur in der Zeit.

Während in Wien medienwirksam die Architektur brannte oder Architekten experimentell in Blasen aus Kunststofffolie ihr Büro eröffneten oder wohnten, wurden dank Odorizzi in Oberösterreich diese Techniken tatsächlich umgesetzt. Das wunderbare „Haus des Huhns“ beispielsweise ist eine kleine Halle für Hühnerbrut. Die gesamte Außenhaut besteht aus jederzeit abnehmbaren Kunststoffpaneelen. Damals revolutionär, heute in der Verwendung von vorgefertigten vergleichbaren Verbundwerkstoffen selbstverständlich. Inspiriert waren Odorizzis Erfindungen vom italienischen Design und Möbelbau oder dem Meisterwerk französischer Automobilindustrie, dem DS von Citroen.

Im Bereich des Schulbaus war Odorizzi weit mehr als nur ausführender Architekt. Im Zuge des gesellschaftlichen Aufbruchs der 1960er-Jahre und politisch gefördert, war er wesentlich an der Entwicklung eines Programms von sehr offen gedachten Schulen beteiligt. Anstatt abgeschlossene Räume an einem Gang aufzufädeln, gruppieren sich die Zimmer und Bereiche seiner Hallenschulen um ein zentrales Atrium, das als Herz der Schule Kommunikation und Gemeinschaft stärkt.

Die heute entstehenden neuen Gesamtschulen greifen diese Erkenntnisse auf. Ein Großteil der Bauten wurden zeitgemäß in Sichtbeton errichtet und entsprechen oft nicht mehr heutigen bauphysikalischen Standards. Daher wurden viele davon entweder durch dämmende Maßnahmen verändert oder gar ersetzt. So soll auch die Hauptschule in Grieskirchen demnächst abgerissen werden.

Karl Odorizzi ist ein Grenzgänger. In den Disziplinen und in seiner Art zu arbeiten. Steter Antrieb war die Neugierde, technische Entwicklungen in die Architektur einfließen zu lassen. An dieser Fähigkeit misst er, wie er sagt, „die Intelligenz einer Gesellschaft“.

9. März 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Antiquität statt Sondermüll

Klassische Altbauten der Gründerzeit gehören zur attraktivsten Bausubstanz, die österreichische Städte heute zu bieten haben. Neben charmanten Details und deren Flair sowie historischer Kraft zeichnen sie sich aber vor allem durch eine strukturelle Beschaf

Ganz pragmatisch sind das erstens die offenen, robusten Grundrisse. Diese erlauben – und das ist gelebte Praxis – eigentlich fast jede Nutzung von der Wohnung über Büros und Werkstätten bis zu Kindergärten oder Arztpraxen.

Zweitens ist das die Raumhöhe von in der Regel mehr als drei Meter. Diese Raumhöhe ist Voraussetzung für die vielseitige Nutzung und trägt wesentlich zum Wohlbefinden im Altbau bei. Drittens sind das der Eingangsbereich und das Stiegenhaus.

Die Gänge sind breit und natürlich belichtet. Fenster aus den Wohnungen in das Stiegenhaus sind häufig. Die Erschließung ist mehr als nur funktionaler Weg, eine architektonische Kommunikationsmöglichkeit und Empfang.

Prototyp in Wien

In der Straße und im Viertel haben diese robusten Gründerzeithäuser mit ihren diversen Möglichkeitsräumen unmittelbare Auswirkung: Sie führen zu einer dichten, durchmischten Stadt mit in der Regel lebendigen Erdgeschoßzonen.

Hier wohnen und arbeiten Menschen unmittelbar nebeneinander. Städtebauliches Grundelement dafür ist demnach eine Antiquität, die bisher kaum übertroffen wurde. An diese Eigenschaften knüpft das „neue Stadthaus“ in Wien an. Es ist Ergebnis einer Studie einer Arbeitsgemeinschaft bestehend aus Erich Raith, Professor am Institut für Städtebau der TU Wien, dem Architekturbüro nonconform architektur vor Ort und dem ifa, Institut für Anlageberatung aus Linz. Ziel war, zeitgemäße städtische Bauwerke zu entwickeln, die dem Veränderungsprozess unserer Gesellschaft gerecht werden. Gefördert wurde die Studie mit 250.000 Euro von der Technologieagentur der Stadt Wien.

„Das meiste, was wir bauen, ist falsch in Bezug auf nächste und übernächste Generationen“, sagt TU-Wien-Städtebauprofessor Raith. Er fügt hinzu, dass es darum geht, nutzungsoffene Gebäude zu errichten, die nicht in 20 Jahren schon Sperrmüll sind. Nach wie vor entstehen aber vor allem im Wohnungssektor Bauten mit starren Grundrissen, die für vordefinierte Lebensmodelle maßgeschneidert sind.

Lebensverhältnisse ändern sich

Diese orientieren sich an der Kleinfamilie des postindustriellen Zeitalters. Die Familien- und Arbeitsverhältnisse verändern sich aber laufend. Gebraucht werden daher zukunftstaugliche, nutzungsoffene Bautypen. Nicht Büroimmobilien oder Wohnsiedlungen, sondern Häuser. Genau das soll das neue Stadthaus bieten.

Schon nächstes Jahr beginnt die ifa mit dem Bau eines Prototypen im zehnten Wiener Gemeindebezirk. Wie im Altbau werden die Raumhöhen drei Meter betragen. Im Sockelbereich sogar 4,8 Meter.

Gepaart mit großen Spannweiten und fast radikal offener Struktur, entsteht höchste Flexibilität für die Zukunft. Die Grundstruktur wird konsequenterweise in Fertigteilbauweise errichtet und ist auf Langlebigkeit ausgelegt. Zwischenwände und Haustechnik können leicht an aktuelle Standards angepasst werden. Eine Ausführung in Holz ist, wenn es die Gesetzeslage erlaubt, möglich. Umweltfreundlichkeit entsteht vor allem durch die Langlebigkeit dank struktureller Offenheit (Stichwort Lebenszyklus).

Diese fördert gemischte Nutzung und vermindert die durch Trennung der Funktionen in den Stadtregionen erzwungene Mobilität.

Hochwertige Materialien, die gut altern und Patina ansetzen können, großzügige Eingänge und Stiegenhäuser verstehen sich dann schon von selbst. Mit ein bisschen Glück entsteht in Summe eine „Antiquität“. Und in Linz? Das „Neue Stadthaus“ ist eigentlich sehr einfach. Die Eigenschaften sind auf wenige „Musts“ reduzierbar: Flexibilität durch Raumhöhe und strukturelle Offenheit sowie Qualität der Ausführung.

Neues Stadthaus auch in Linz

Grundsätzlich als Marke geschützt, können wir und jede Stadt sich nur wünschen, dass das Modell nachgemacht und vervielfältigt wird. Über die Raum- und Nutzungsqualität hinaus geht es nämlich um viel mehr als ein Stück Architektur. Das neue Stadthaus ist ein Regelwerk und hat das Zeug zu einem neuen städtebaulichen Leittyp. Die Fähigkeit zur Mischnutzung und zur Verwandlung stellt eine typologische Innovation beziehungsweise eine Wiederentdeckung vergangener Qualitäten dar. Architektur wird so als Halbfertigprodukt verstanden, das zu aktiver Mitgestaltung auffordert, statt den Nutzern ein fertiges Produkt aufzuzwingen.

Linz erlebt wie Wien Zuzug. Glücklicherweise gibt es viele Flächen für innerstädtisches Wachstum. Für genau diese Flächen (rund um die „Grüne Mitte“, zukünftige Hafenstadt, Tabakfabrik) ist das „Neue Stadthaus“ konzipiert.

16. Februar 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Brutalismus im Mühlviertel

Die nun abgeschlossene Revitalisierung des Ortskerns von Sarleinsbach polarisiert

„Einfach guat“, verkündet im neuen Werbeclip der Gemeinde Sarleinsbach eine verdutzte, aber offensichtlich tief verwurzelte ältere Einwohnerin auf die Frage, wie das Leben hier so sei.

Sarleinsbach mit seinen knapp mehr als 2000 Einwohnern ist unter anderem bekannt für sein erstklassiges Mauracher Brot und die seit 1977 hier gefertigten Kunststoff-Fenster von Internorm, des größten Arbeitgebers in der Region. Das Brot wird täglich bis München und Wien ausgeliefert, die Fenster kommen in ganz Europa zum Einsatz.

Was die Architektur betrifft, hat es der malerisch im Oberen Mühlviertel gelegene Ort ziemlich in sich. Explosiv reiben sich hier seit einigen Jahren zwei kompromisslose und wortgewaltige Architekten. Auf der einen Seite Andreas Heidl, der in Folge eines gewonnenen Wettbewerbs ein beachtliches Raumprogramm am unteren Ende des Marktplatzes umsetzen konnte. Auf der anderen Seite Franz Riepl, der hier geboren wurde und seine Kindheit verbrachte. Das elterliche Dorfwirtshaus, von ihm zwischen 1960 und 1978 in Etappen umgebaut, prägt den oberen Teil des langgezogenen Platzes und gehört zu den exemplarischen Aussagen zum Thema Bauen im dörflichen Bestand. Riepl war Teil der damals entscheidenden Wettbewerbsjury (u. a. mit Friedrich Achleitner) und ist nun höchst unzufrieden mit dem Ergebnis.

2005 fiel der Entschluss zur baulichen, sozialen und wirtschaftlichen Revitalisierung des Ortszentrums. Über einen Zeitraum von sieben Jahren wurden in Etappen mehrere Marktplatzhäuser teils instand gesetzt, teils abgebrochen und neu errichtet. Insgesamt fünf funktional zusammenhängende Objekte wurden von Architekt Heidl geplant. Als Teil der Bauaufgabe sollte die dort befindliche Ortsdurchfahrt – auch für die Lkw der Firma Internorm – verbreitert werden.

Der heute prägnanteste Teil dieses Umbaus, der 2009 eröffnete Musiksaal, war ursprünglich nicht Teil des Wettbewerbs, sondern ist im Zuge der Planungen dazugekommen, weil er extra Förderungen vom Land versprach. Beflügelt durch die Idee eines (an dieser Stelle notwendigerweise) über der Straße schwebenden Musiksaals entstand schließlich der kühne Entwurf. „Musik spielt von oben auf den Platz“, nennt Heidl das. So „imposant“ der knallrote Baukörper ist, so sehr polarisiert er auch. „Zu groß“, „zu brutal“, „zu modern“.

Der Eingriff ist tatsächlich kritisch. Insbesondere an der Art des unmittelbaren Anschlusses an das neue Gemeindehaus stoßen sich die Gegner. Ein zurückhaltender, auch denkmalschützerischer Zugang hätte im Gegensatz dazu Abstand und eine Fuge erwartet. Heidl hingegen sieht für dieses einfache „Drankleben“ viele Vorlagen im Ort, nennt dies sogar „ortstypisch“.

Nun nicht zu übersehen

Heidl ist eigentlich Experte in der Auseinandersetzung mit alter Substanz, gut zu sehen am Beispiel der Spängler Bank am Linzer Hauptplatz. Er ist kein Grobian, der hier mutwillig Altes, in diesem Fall das Platzensemble, zerstört. Jeder, der den Architekten persönlich kennt, weiß aber, wie konfrontativ er ist. Seine Architektur ist Ausdruck dessen. Sie soll und will nicht mit herkömmlichen Kriterien bewertet werden und geht entsprechend gerne – so wie der Architekturstil „Brutalismus“ in den 1960er Jahren – an die Grenze des Konformen und der Geschichte.

Ein Gedankenspiel könnte in der heute schwierigen Beurteilung von Sarleinsbach helfen: Wie wird der neue Ortskern mit dem neuen Musiksaal im Jahre 2050 auf die Besucher wirken? Nicht zu übersehen ist Sarleinsbach damit schon jetzt.

26. Januar 2013 Oberösterreichische Nachrichten

Tabakfabrik: Mehr Glück als Verstand

Nach dem Kauf der Tabakfabrik durch die Stadt vor drei Jahren steht nun der erste Umbau im Areal an. Ab Mai ist im ehemaligen Pfeifentabakgebäude Baustelle, im Herbst sollen die Mieter einziehen. Mit dem Architekturbüro Kleboth Lindinger Dollnig, der Firma

Die Stadt lässt sich die Adaptierung der insgesamt 3000 Quadratmeter annähernd fünf Millionen Euro kosten. Nach dem Vorbild der Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam wird eine zweite, innenliegende Glashaut installiert. So sollen die Eingriffe in die denkmalgeschützte Struktur auf ein Minimum reduziert und dennoch zeitgemäße Wärmedämmung und Infrastruktur gewährleistet werden. Leitungen, Lüftung und Heizung/Kühlung werden in einem doppelten Boden und einer (inakzeptablen) abgehängten Decke geführt.

Hartnäckigkeit der Gruppe

Soweit, so gut. Problematischeres zeigt der Blick hinter die Kulissen. So war das bisherige Verfahren mit zwei Jahren langwierig und darüberhinaus intransparent. Die jetzt angestrebte Vermietung ist nicht Folge eines Calls oder einer gezielten Suche nach Nutzern, sondern kam auf hartnäckiges Betreiben und dem mitgelieferten Konzept der Gruppe zustande. Darüberhinaus ist es fraglich, ob es sinnvoll ist, den am leichtesten zu verwertenden Bauteil (bezüglich Größe, Zugang, Zustand) als ersten in einem Paket zu vergeben. Teil des vergebenen Filetstücks ist auch das für das Areal und den Hof so wichtige Erdgeschoß.

Ein Konzept für die gesamte Besiedelung ist für Außenstehende nach wie vor praktisch nicht zu erkennen. Das ist umso bedauerlicher, da der im Herbst 2011 jurierte Europan-Ideen-Wettbewerb diesbezüglich einige wertvolle Ergebnisse geliefert hat. Die Preisträger (aus Italien, Spanien und Österreich) wurden bisher nicht involviert. Statt eines geladenen Wettbewerbs für den konkreten Umbau wurde das künftig mietende Architekturbüro beauftragt.

Das mag naheliegend sein und Zeit sparen. Auch ist das beauftragte Büro mit Herz an der Entwicklung der Tabakfabrik interessiert. Die Optik ist trotzdem schlecht, und die Planungskultur bleibt trotzdem auf der Strecke. Das tut der Tabakfabrik nicht gut und schmälert den Anreiz für engagierte Akteure.

2017 wird die Tabakfabrik und ihre Entwicklung nach der so genannten Pioniernutzung an wenigen Faktoren gemessen werden: Wie viel pulsierendes Leben ist entstanden? Wie viel gesellschaftliche Innovation konnte hier entwickelt und getestet werden? Und inwieweit konnte die Tabakfabrik damit auf die Stadt, den Stadtteil, vielleicht den Osten der Stadt – der zukünftigen Hafenstadt – ausstrahlen?

Für diese Zielsetzungen einer Tabakfabrik als Zukunftsraum müssen von der Stadt als Eigentümerin des Areals Rahmenbedingungen für außerordentliche Möglichkeiten geschaffen werden: Zielvorgaben, Transparenz und Wettbewerb sind dafür essenziell. Die Rolle der Stadt als Bauherrin ist komplett zu überdenken. Dafür wird Linz mit so einem Raum des Nonkonformen, des Erfindens und Regelbrechens enorm dazugewinnen. Diese Art Tabakfabrik hält die Stadt Linz fit, schafft Kreativität und Innovation.

Publikationen

2016

Architektur in Wels
1900–2015

„Architektur in Wels 1900–2015“ ist ein handliches Buch, das einerseits zum lustvollen Durchblättern und Stöbern anregt, aber auch beste Übersicht und klare Strukturierung bietet. Der Architekturführer erzählt in 113 Objekten Welser Baugeschichte, er zeigt Besonderheiten der Stadt auf und richtet die
Hrsg: linzukunft
Autor: Lorenz Potocnik, Stefan Groh
Verlag: Verlag Anton Pustet

2012

Architektur in Linz 1900-2011

Der Architekturführer erzählt die Linzer Baugeschichte der letzten 110 Jahre. Über das Moment des Gebauten wird u.a. dem Linzer „Stadtgefühl“ nachgespürt, historische Typologien unterschieden oder die wechselvolle Geschichte der Stadt vermittelt. Neben den wesentlichsten 200 Bauwerken aller Typen beinhaltet
Hrsg: Lorenz Potocnik, Andrea Bina
Autor: Theresia Hauenfels, Isabella Marboe, Elke Krasny
Verlag: SpringerWienNewYork