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Ein Fels der Aufklärung
Die Eleganz des Einfachen
Der grosse deutsche Architekt Ferdinand Kramer
Zweimal hat er Frankfurt am Main als Architekt gedient, jeweils in den Notzeiten nach den Weltkriegen: Ferdinand Kramer, ein Grosser des funktionalen Bauens. Dazwischen lagen schwierige Jahre des Exils in den USA.
Schon mehrfach hat das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main an die Entstehung der modernen Architektur in der eigenen Stadt erinnert. In erster Linie an Ernst May (NZZ 3. 10. 11), den Begründer und Leiter des legendären Bauprogramms «Das Neue Frankfurt» in den 1920er Jahren. Vor einigen Jahren waren auch die Bauten seines Mitstreiters Martin Elsaesser (NZZ 27. 1. 10) zu sehen, darunter die berühmt gewordene Grossmarkthalle, die heute ein Teil des Neubaus der Europäischen Zentralbank (EZB) ist. Relativ spät würdigt nun das DAM den Dritten im Bunde, den Architekten und Designer, der 1898 in Frankfurt geboren wurde und 1985 dort starb.
Qualität mit sparsamen Mitteln
Dabei ist Kramer ein Sonderfall, weil er auch zu einem Pionier der zweiten Frankfurter Nachkriegsmoderne wurde. Betrachtet man seine Bauten aus dieser Zeit, so hat es einen tieferen Sinn, dass Kramers Lebenswerk erstmals umfassend in Zürich ausgebreitet wurde, 1991 in der von Claude Lichtenstein für das Museum für Gestaltung kuratierten Ausstellung «Der Charme des Systematischen». Die konsequente Sachlichkeit von Kramers Gestaltungen hatte nämlich nichts mit der deutschen Nierentisch-Moderne zu tun, sondern war dem Geist und der Haltung eines Max Bill verwandt. Was dieser bis 1955 mit der Hochschule für Gestaltung in Ulm schuf, fand seine Entsprechung in Kramers Neubauten für die Frankfurter Universität.
Wolfgang Voigt, der sich nun mit der Frankfurter Ausstellung als stellvertretender Direktor aus dem DAM verabschiedet, zeigt Kramers Bauten auf einladende Art. Zartfarbig gestrichene Wände unterscheiden vier Perioden: die Frankfurter Jahre bis 1938, das anschliessende Exil in den USA, die zweite Karriere als Baudirektor der Frankfurter Universität von 1952 bis 1964, zuletzt die Wohnhäuser des Privatarchitekten nach 1957. Zahlreiche historische Fotos, aber auch anrührende Autografen zu Kramers Leben und Werk stammen aus dem von seiner zweiten Ehefrau Lore geführten Privatarchiv. Die kleinformatigen Schwarz-Weiss-Fotos der Bauten werden wirkungsvoll ergänzt durch grosse Farbfotos von Norbert Miguletz, die den gegenwärtigen, teilweise traurigen Zustand der Gebäude wiedergeben. Fünfzehn schöne Modelle, in der Mehrzahl eigens für die Ausstellung angefertigt, machen die Bauten und Projekte besonders anschaulich. Unterstützt wurde Voigt von den jungen Mit-Kuratoren Philipp Sturm und Peter Körner.
Architektur und Städtebau
Ferdinand Kramer, der aus einer angesehenen Frankfurter Bürgerfamilie kam, schloss 1922 sein Architekturstudium bei Theodor Fischer in München ab. Zeitlebens blickte er dankbar auf seinen Lehrer zurück: «Für ihn waren Architektur und Städtebau noch eine Einheit – im Gegensatz zu heute, wo manch ein Städtebauer noch nicht einmal ein Bahnwärterhäuschen gebaut hat.» Auch diese Äusserung zeigt, dass Kramer ein kritischer, ja eigensinniger Kopf war. 1923 in Frankfurt zurück, erhielt er jedoch als Architekt zunächst keine Aufträge. Deshalb schuf er Gegenstände des täglichen Gebrauchs, «praktische Dinge, die auf dem Markt fehlten», wie Kochtöpfe, Kannen, Kombinationsmöbel und den berühmt gewordenen Kramer-Ofen. Diese mit grossem Erfolg verkauften Objekte werden in der Ausstellung aber nur gestreift, weil das benachbarte Museum Angewandte Kunst schon im Frühjahr 2014 den Designer Ferdinand Kramer (NZZ 19. 3. 14) vorgestellt hatte.
Bereits an diesen frühen Entwürfen lassen sich die Prinzipien von Kramers langer gestalterischer Arbeit erkennen: Verzicht auf Opulenz und Ornament, Orientierung am sozialen Gebrauchswert und «höchste Qualität mit sparsamsten Mitteln», wie er es auf der Bootswerft seines Grossvaters gelernt hatte. Sehr nah fühlte er sich dem zweiten Bauhaus-Direktor, Hannes Meyer (NZZ 17. 7. 15), der «Volksbedarf statt Luxusbedarf» gefordert hatte. Diese Maxime musste auch deshalb gelten, weil angesichts der immensen Frankfurter Bauaufgaben die finanziellen Mittel stets zu gering waren. 1925 von Ernst May für fünf Jahre in das Team des «Neuen Frankfurt» geholt, arbeitete Kramer als Fachmann für Typisierung. Sein erstes grosses architektonisches Werk wurde dann die von 1929 bis 1931 errichtete Siedlung Westhausen. Die in strenger Ordnung aufgereihten Häuserzeilen mit Laubengängen enthielten zwar kleine Wohnungen, aber in einem damals hochmodernen Standard mit Bad und Zentralheizung aus einem eigenen Heizkraftwerk. Durch die Reduktion auf das Notwendige waren die Wohnungen auch tatsächlich für Arbeiter erschwinglich.
Parallel dazu entwarf Kramer eines der wenigen privaten Wohnhäuser des «Neuen Bauens» in Frankfurt, das Haus Erlenbach. Dieses dreigeschossige Gebäude, das gegen heftige Einsprüche der Baupolizei durchgesetzt werden musste, war ein strahlend weisses Haus mit Flachdach und Stahlrahmenfenstern mit schlanken Profilen. Die Schwierigkeiten mit der Baupolizei nahmen schon vorweg, dass Kramer nach 1933 nur durch gestalterische Anpassung an die Normen des Dritten Reiches überleben konnte. Nachdem ihn 1937 regimetreue Frankfurter Kollegen als «entarteten Architekten» angeprangert hatten und er kurz darauf wegen seiner aus einer jüdischen Familie stammenden Frau Berufsverbot erhalten hatte, entschloss sich Kramer ein Jahr später schweren Herzens zum Exil in die USA. Dort erregte er zwar mit neuartigen Warenhaus-Einrichtungen und zerlegbaren Möbeln Aufsehen, doch als Architekt konnte er nicht Fuss fassen. Das einzige grössere Bauprojekt waren zwei Siedlungen mit konventionellen amerikanischen Landhäusern aus Holz, die er im Auftrag des ebenfalls aus Frankfurt emigrierten Instituts für Sozialforschung ausführte.
Die Tragik des Pioniers
So ergriff Ferdinand Kramer gern die Chance zu einer zweiten Karriere. 1952 bat ihn Max Horkheimer als Rektor der zu 85 Prozent zerstörten Frankfurter Universität, die Leitung des Universitätsbauamts zu übernehmen. Bis 1964 entstanden in dichter Folge wissenschaftliche Institute, Seminargebäude, Hörsäle, Studentenheime mit einer neuartigen Wohnlichkeit und eine grosse Mensa. Insgesamt 23 Gebäude hat Kramer für die Universität geschaffen, wobei ihm finanzielle Engpässe immer wieder zu schaffen machten. Einen Höhepunkt bildete die 1964 fertiggestellte Stadt- und Universitätsbibliothek, die damals modernste deutsche Bibliothek, weil auch die erste mit einem weitgehenden Freihandsystem.
Mit einem Fanal hatte sich Kramer 1953 eingeführt, weil er das schmale neobarocke Hauptportal der Universität durch einen sieben Meter breiten und voll verglasten Eingang ersetzen liess. War er schon in den 1920er Jahren als «Glattmacher» gescholten worden, galt er nun gar als «Barbar». Dabei hatte Kramer ein funktionales Zeichen für eine offene demokratische Universität gesetzt. Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge, der dort seinerzeit als Jurist arbeitete, erblickte darin einen «Befreiungsschlag».
Bei dem neuen Haupteingang mit seinen schlichten Metallprofilen war die von Kramer gepflegte Eleganz des Einfachen besonders anschaulich. Dies galt auch für die neuen Gebäude, die überwiegend in Stahlbeton-Skelettbauweise errichtet wurden. Je nach Funktion war das Skelett durch Fensterflächen, Glasbausteine oder hellgelbe Klinker ausgefacht. Eine Sonderstellung nahm das «Philosophicum» ein, das erste Hochhaus in Deutschland mit einem nach aussen hin unverhüllten tragenden Stahlgerüst, was zuvor aus Gründen des Brandschutzes nicht zulässig war.
Doch nur wenige Jahre nach seinem Abschied aus dem Bauamt wurde Ferdinand Kramer bitter enttäuscht. Zeitlebens politisch links fühlend, betrachtete er die studentische Protestbewegung mit Sympathie. Fassungslos machte ihn aber der Umgang der Studenten mit seinen Gebäuden. Sie wurden von ihnen nicht nur für allerlei Aktionen gebraucht, sondern dabei rabiat verbraucht. Mauern und Wände wurden mit Parolen beschmiert, Möbel und technische Einrichtungen willkürlich zerstört. Ausgerechnet diese Studenten hatten nicht begriffen, dass Kramers Architektur auf sozialreformerischen Ideen fusste.
Vandalismus
Der Vandalismus führte zusammen mit einem mangelnden Bauunterhalt zu derart erbärmlichen Zuständen, dass die Universitätsleitung schon 1985 für Abrisse plädierte. Seither sind einige von Kramers Bauten abgebrochen worden, immerhin fünf stehen noch unter Denkmalschutz. Die Zukunft der Bibliothek ist ungewiss, das Philosophicum wird derzeit zu einem Apartmenthaus für Studenten umgebaut, dabei aber seinen Charakter weitgehend verlieren. Sollte es ganz tragisch werden, bliebe von Kramers Erbe nur das Pharmaziegebäude, das auf vorbildliche Weise saniert, ertüchtigt und umgenutzt wurde. Es wäre dann das letzte Zeugnis einer Architektur, deren «Schönheit sich nicht der Zwecke schämte», wie Kramer oft betont hat.
Wagner
Richard-Wagner-Museum in Bayreuth von Staab Architekten/HG Merz
Erweiterung des Richard-Wagner-Museums in Bayreuth hieß die Aufgabe. Staab Architekten und HG Merz schufen überzeugende räumliche Auftritte für Musik und Leben des Komponisten, die Opernfestspiele und eine bisweilen unappetitliche Rezeptionsgeschichte.
Münchner Trumpf
Ob in Finnland oder Spanien, in den Niederlanden oder Österreich – vielerorts in Europa werden Bahnhöfe saniert, erweitert oder neu errichtet. Die Ergebnisse können sich häufig sehen lassen. In Bezug auf deren Architektur kann die Deutsche Bahn bislang nicht mithalten. Mit dem Entwurf für den neuen Münchener Hauptbahnhof hat sie allerdings einen Trumpf in der Schublade.
Weltruhm für Eichstätt
Zum Tod von Karljosef Schattner
Er hat hohe Auszeichnungen erhalten, seine Bauten wurden weltweit publiziert, er hatte Gastprofessuren in Darmstadt und in Zürich – doch der „Ritterschlag“ zum international anerkannten Architekten war für Karljosef Schattner sein Auftritt 1991 beim 5. Alvar- Aalto-Symposium in Finnland: Seither steht er dort in einer Reihe mit prominenten Kollegen wie Steven Holl, Toyo Ito, Francis Kéré, Glenn Murcutt und Peter Zumthor.
Schönheit im Einfachen
In letzter Zeit ist es um die einst international umschwärmte finnische Architektur wieder stiller geworden. Der Grund scheint in ihrer extrem pragmatischen Grundhaltung zu liegen.
Bitterarm war Finnland in der frühen Nachkriegszeit, denn erst 1952 endeten die Reparationslieferungen an die Siegermacht Sowjetunion, deren Umfang im Wert von rund 600 Millionen Dollar für das kleine und mit Flüchtlingen überfüllte Land eine riesige Belastung bedeutet hatte.
Architektur-Mekka
1952 war zugleich das Jahr, in dem Finnland den Grundstein zu seinem Wiederaufstieg als eine der führenden Architekturnationen legte - damals begann die Planung von Tapiola, der „Stadt im Wald“ westlich von Helsinki. Bereits nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts bewunderte man in ganz Europa die neuen finnischen Leistungen im Wohnbau, jene modernen, zum Teil vorgefertigten Häuser, die mit sparsamen Mitteln errichtet waren und dennoch eine außerordentliche Wohnqualität besaßen. Zusätzlich angeregt durch Alvar Aaltos Nachkriegswerk, durch seine Bauten der „roten Periode“ wie etwa das Rathaus von Säynätsalo, wurde Finnland zu einem Wallfahrtsort für Architekten.
Pragmatische Grundhaltung
Schon bei Aalto, der international verehrten Leitfigur der finnischen Architekturmoderne, vermisste man die Bereitschaft, sein Werk theoretisch zu begründen. Die Scheu vor großen Worten, vor programmatischen Erklärungen ihrer Arbeit, lässt sich bis heute bei finnischen Architekten feststellen, selbst bei der jüngeren Generation. Vielmehr betonen sie fast ausnahmslos den „praktischen Zugang“ zu einer Aufgabe.
Schwere Nationalromantik
Bei jeder Betrachtung der finnischen Architektur sollte man sich vergegenwärtigen, dass sie insgesamt sehr jung ist: Gebäude aus dem 18. Jahrhundert sind schon sehr selten, über neunzig Prozent der Substanz wurden nach 1920 errichtet. Der Ursprung der authentischen finnischen Baukultur liegt jedoch in den Jahren um 1900.
Damals begann das kulturelle Aufbegehren der Finnen gegen die Russen, die das Land am Beginn des 19. Jahrhunderts den Schweden entrissen hatten und nun russifizieren wollten. In der Architektur kam dieser Widerstand als häufig monumental gesteigerte Nationalromantik zum Ausdruck.
Erste Wende
Doch unter dem Einfluss der kontinentaleuropäischen „Art Nouveau“ entwickelte sich die Nationalromantik schon bald zum spezifischen Helsinki-Jugendstil. Es ist eine sympathisch schlichte, nur dezent dekorierte Architektur, deren Spannung aus dem Kontrast von Granitsockel und großflächigen Putzfassaden besteht. Mit diesen Gebäuden wurde die Leitmelodie der modernen finnischen Architektur angeschlagen, die sich - im Ganzen gesehen - als „Schönheit im Einfachen“ charakterisieren lässt.
Nachdem Finnland im Dezember 1917 die Unabhängigkeit erreicht hatte, setzte sich zunächst der nordische Neoklassizismus durch, dem auch der junge Alvar Aalto verpflichtet war. Ein großartiges Beispiel für diese Richtung ist in Helsinki das Zentrum des bürgerlichen Stadtteils Töölö, das durch seine urbane Großzügigkeit und bauliche Geschlossenheit besticht.
Weiße Moderne
Zur entscheidenden Zäsur kam es am Ende der zwanziger Jahre: Aalto, der zur funktionalen Architektur übergegangen war, schuf mit dem Verlagshaus in Turku den ersten wirklich modernen Bau in ganz Skandinavien, und im folgenden Jahrzehnt wurde die „weiße Moderne“ zu einem Symbol des jungen finnischen Staates, für den das neue Bauen - neben Industrie, Wissenschaft, Volksbildung und Sport - ein wichtiger Träger des nationalen Aufbaus war. Aus dieser Zeit rührt die bis heute weltweite Geltung der finnischen Architektur.
Schattenseite der Prosperität
Finnland ist heute ein reiches Land, besonders die Region Helsinki, die im Wohlstandsindex der Europäischen Union zusammen mit London, Paris, Mailand und Süddeutschland einen Spitzenplatz einnimmt. Doch zu den Schattenseiten der finnischen Prosperität gehört, dass zuviel zu schnell gebaut wird. Öffentliche Planer und private Bauherren sollten deshalb den Satz ernst nehmen, den der australische Architekt Glenn Murcott auf dem Aalto-Symposium 2000 geäußert hat: „More time is better architecture.“
Und man sollte noch häufiger jene Architekten beauftragen, die selbst unter kommerziellen Zwängen und politischen Auflagen beeindruckende Leistungen zuwege bringen. In Finnland gibt es keine eigentliche „Neomoderne“, weil die Tradition von Funktionalität, Dauerhaftigkeit und menschlichem Maßstab alle baukulturellen Krisen überstanden hat. Diese architektonische Haltung zu verteidigen, sollte man sich auch im Wohlstand leisten können.
Nachlese
Im Rahmen der Länderschauen im Wiener Ringturm präsentierte die Wiener Städtische Anfang vergangenen Jahres Architektur aus Finnland.
[ Den Originalbeitrag dieses Essays von Wolfgang Jean Stock finden Sie in der jüngsten Ausgabe von architektur aktuell, Österreichs größter Architekturzeitschrift. ]
Im Mittelpunkt der Mensch
Wenn sich zeitgenössische finnische Architekten eher selten auf Alvar Aalto (1898-1976) beziehen, dann ist da wohl auch „Vatermord“ im Spiel.
Über fünf Jahrzehnte hinweg hat Alvar Aalto fast übermächtig das Bild der finnischen Architektur geprägt. Was ihm die Nation verdankt, hat sie ihm auch durch die gerade noch gültige 50-Finnmark-Note bescheinigt, die sein Porträt zeigt.
Gültiges Werk
Zusammen mit seinen Zeitgenossen, mit Erik Bryggman, Hilding Ekelund, Erkki Huttunen und anderen, gelang es Aalto, aus seinem Land, das mit derzeit 5,2 Millionen Einwohnern nach wie vor ein Zwerg ist, in der Architektur einen Riesen zu machen. Und wegen seiner undogmatischen Haltung ist er der einzige moderne Großmeister geblieben, der auch postum keine scharfe Kritik geerntet hat.
Sein Selbstverständnis und Werk ist das prominenteste Beispiel dafür, was das „Finnische“ an der finnischen Moderne ausmacht. Dass die von ihm geforderte Ausrichtung der Architektur am Menschen keine Worthülse war, bewies Aalto bei seinem ersten Meisterwerk, dem 1933 vollendeten Sanatorium im Wald von Paimio.
Kein Internationalist
Für Aalto gab es „nur zwei Dinge in der Kunst: Menschlichkeit oder keine“. Deshalb beteiligte er sich auch nicht an der Verflachung der Moderne zum Modernismus, sondern entwickelte seine eigene Formensprache. Dem „Internationalen Stil“ setzte er nach 1935 eine zunehmend organisch geprägte Architektur entgegen, bei der er neben modernen Baustoffen auch heimische Materialien wie Holz und Ziegel verwendete. Seine Baukörper bezogen sich immer mehr auf Landschaft und Natur, die er als „Symbol der Freiheit“ verstand.
Zum Wesen der finnischen Tradition gehört ebenso, was Göran Schildt, der verdienstvolle Biograf von Aalto, aus seinen vielen Gesprächen mit ihm berichtet hat. Mit Nachdruck sei er für die Hebung des allgemeinen Niveaus eingetreten - den Durchschnitt zu steigern war ihm wichtiger als einige Meisterwerke der Architektur.
[ Den Originalbeitrag dieses Essays von Wolfgang Jean Stock finden Sie in der jüngsten Ausgabe von architektur aktuell, Österreichs größter Architekturzeitschrift. ]