In der Großfeldsiedlung kann man zwischen den Bäumen schwimmen
Schwimmen ist ein Bildungsauftrag, doch in Wien fehlt es an Sportbecken für Schulen und Vereine. Das Großfeldsiedlungsbad wurde nun saniert und erweitert, ohne einen zusätzlichen Quadratmillimeter zu versiegeln.
Über 20.000 Menschen leben in der Wiener Großfeldsiedlung, erbaut in den frühen 1970er-Jahren. Was in der Zwischenkriegszeit als Erwerbslosensiedlung Leopoldau sehr existentialistisch mit viel Eigenleistung im Doppelhaus begonnen hatte, wuchs sich zwischen 1966 und 1971 zu Reihen-, Hoch- und Terrassenhäusern in Scheiben, Riegeln und freien Großformen mit mehr als 5500 Wohnungen, 286 Stiegen, 157 Waschküchen und 41 Lokalen aus, entstanden an der damaligen Peripherie, die von der U1 endlich in die Mitte gerückt wurde.
Eine Viertelstunde fährt man vom Stephansplatz zur Station Großfeldsiedlung, keine fünf Minuten geht man an der Parkanlage Gitlbauergasse vorbei zum Großfeldsiedlungsbad. Es entstand im Rahmen der Bäderoffensive in den 1980er-Jahren. Architekt Friedrich Florian Grünberger entwickelte damals einen funktionellen Kombityp mit Hallen- und Freibad in Systembauweise für unterschiedliche Standorte. Ein Parkplatz beim Eingang, ein Planungsraster, das zeittypische Gelb, Orange und Braun, betonierte Folienbecken sowie Foyer und Schwimmhalle im ersten Stock charakterisieren diese Bäder. Dadurch kann man Chemikalien gut anliefern, die Bädertechnik im Erdgeschoß unterbringen und unkompliziert warten. Insgesamt errichtete man sechs – in Hietzing, Döbling, der Donaustadt, Brigittenau, Simmering und der Großfeldsiedlung.
Ertrinken ist bei Kindern unter fünf die häufigste nicht natürliche Todesursache
Seither ist Wien von 1,5 auf zwei Millionen Einwohner:innen angewachsen, an allen Ecken und Enden fehlt es an klassischen Sportbecken für Schulen und Vereine. In Österreich zählt Schwimmunterricht zum Bildungsauftrag, Ertrinken ist bei Kindern unter fünf die häufigste, bei bis zu Zehnjährigen die zweithäufigste nicht natürliche Todesursache. Die Stadt reagierte mit der „Bäderoffensive 2030“. Die Kombibäder in Simmering und der Großfeldsiedlung stammen aus derselben Bauzeit, den Wettbewerb zu deren Sanierung und Erweiterung gewann das Büro illiz.
Bäder sind eine sehr komplexe Aufgabe. Höchste funktionelle Anforderungen treffen auf unterschiedliche Schamgrenzen jedes Einzelnen. Materialien müssen wasser- und chlorbeständig, hell und trotzdem besonders gut zu reinigen sein, der Wechsel von der Robustheit der Straße zum Schutzraum der Garderoben erfordert sehr klare Abläufe. Das Büro illiz, das von Sabrina Mehlan, Petra Meng und Stefanie Wögrath in Wien und Zürich geführt wird, hat darin viel Expertise.
Die Liegewiese des Sommerbades in der Großfeldsiedlung grenzt im Süden direkt an den Gitlbauergassenpark, ihr wunderbarer alter Baumbestand verleiht sogar dem Parkplatz im Osten noch eine gewisse Anmut, im Norden verläuft – hinter einer Baumreihe – die Oswald-Redlich-Straße. illiz hatten bereits die Bebauungsstudie erstellt, für sie kam für die Erweiterung nur der Parkplatz infrage. Seine Größe war nach der Anzahl der Garderobenkästchen bemessen worden, da blieb dem Zubau noch genug, ohne einen zusätzlichen Quadratmillimeter versiegeln zu müssen.
Das Becken überblicken
Im Gegenteil: illiz gestalteten auch den Parkplatz mit Bauminseln und Grasbausteinen wesentlich attraktiver. Die Architektinnen komprimierten die Funktionen des Sportbeckens zum kompakten Quader von 25 mal 40 Metern und nutzten die erlaubte Bauhöhe von zwölf Metern zur Gänze aus. Dadurch ist die neue Schwimmhalle großzügige sechs Meter hoch und lassen sich die Sammelumkleiden noch mit einer Galerie über die anderen Garderoben stapeln. Man kann so das Becken überblicken und mit dem dortigen Rest der Gruppe kommunizieren.
Die neue Schwimmhalle ist aus massiven Holzleimbindern konstruiert, die stützenfrei die gesamten 25 Meter Breite überspannen. „Holz ist das beste Material für ein Bad“, erklärt Architektin Sabrina Mehlan. „Wenn man darauf achtet, dass es nicht im Wasser steht, kann es Feuchtigkeit gut abgeben. Außerdem ist Holz nicht anfällig für Chlor.“ Alles, was rosten kann – beispielsweise Stahl oder die Bewehrung von Beton –, ist extrem anfällig. Die Architektinnen schützen das Holz auf besonders schöne Weise: Um die gesamte Halle bildet der verflieste Boden eine 35 cm hohe umlaufende Sitzbank, auf der Kinder und Jugendliche ganz entspannt sitzen. Wie nötig das Sportbecken war, beweisen die Zahlen: 800 bis 900 Schüler zählt die Dame an der Kassa an Montagen, die restlichen Tage der Woche sind es rund 300.
Die Halle ist über ihre gesamte Raumhöhe von sechs Metern rundum verglast und wunderbar hell. Sie nimmt das Achsmaß des Bestands von 2,50 Metern und dessen vorgezogenes Dach auf, wodurch so etwas wie eine Kontinuität entsteht. „Wir haben jedes Thema vom Bestand her abgeleitet“, sagt Mehlan. Weil auch hier die Beckenebene im ersten Stock liegt, „hat man das Gefühl, in den Baumkronen zu schwimmen. Außerdem kann man nicht hineinsehen, obwohl wir sehr viel Glas verwendet haben.“ Das schützt vor Voyeurismus, auch der Sonnenschutz wirkt als Filter. Man kann ihn auch nachts, wenn das Kunstlicht das Innere exponiert, verwenden. Wie Äste fächern sich vor den Stützen Rankgitter zum Dach hin auf. Sie wachsen sich langsam zum lebendigen, grünen Schleier um das Bad aus.
Wege der verschiedenen Nutzergruppen steuern
Die gemeinsame Erschließung so zu lösen, dass sich die Wege der verschiedenen Nutzergruppen steuern lassen, war nicht einfach. Ursprünglich war der Bestand in der Mitte seiner östlichen Längsflanke mit einer ausladenden Treppe erschlossen worden. Das war nicht barrierefrei, auch eine Fluchtstiege fehlte. Die ist nun hier. illiz positionierten die neue Halle längsseitig parallel zum Bestand und setzten den gemeinsamen Eingang mit einem kleinen Foyer in der Mitte des Neubaus hinter Glas, das restliche Erdgeschoß ist mit Holz verkleidet. Wie eine Kaskade führt eine große, einläufige Treppe zwischen zwei massiven Holzwangen, die auch die Brüstung bilden, durch den hohen, leeren Raum zu den Luftbrücken, die auf einer Ebene in die gemeinsame Kassenhalle im Bestand und weiter auf die Galerie mit den Sammelumkleiden im Neubau führen.
Die dortigen Holzleimbinder und Stützen sind weiß lasiert und folgen dem Raster des Bestands, dessen Träger über dem Becken morsch waren. Die schadhaften Teile in der Mitte wurden abgeschnitten, die neuen Holzleimbinder setzte man auf die intakten alten Seitenstücke. So wurde der Querschnitt höher, zwischen den Trägern gibt es unter der Decke nun Oberlichten, die sich wie eine Laterne um das Becken ziehen. Alle Oberflächen folgen dem Neubau: hellgrau und weiß. Was früher drückend wirkte, ist nun luftig und hell.