Ein weiterer Grund, Bratislava zu besuchen
Der Umbau der Slowakischen Nationalgalerie in Bratislava ist ein Glücksfall. Die Architekten BKPŠ nutzten die Sanierung der Bauten, die Vladimír Dedeček mit starker Geste auf den barocken Bestand gesetzt hatte, zu einer absoluten Verbesserung.
So einen Ausstellungsraum, der über drei Ebenen reicht, finden Sie in ganz Europa nicht“, sagt der slowakische Architekt Pavol Paňák. Sein Büro BKPŠ Kusý-Paňák hat 2005 den Wettbewerb zur Sanierung und Erweiterung der Slowakischen Nationalgalerie gewonnen. Sie liegt direkt am Donauufer, ihr Depot im Keller wurde oft überflutet, außerdem fehlte ein größerer Ausstellungsraum, und der ikonische Zubau von Architekt Vladimír Dedeček aus den 1970er-Jahren war ein akuter Sanierungsfall. Eine Mammutaufgabe, die an Komplexität kaum zu überbieten ist.
BKPŠ fanden eine überzeugend vielschichtige, unaufgeregte Lösung. „Wir suchten keine starke Geste, die ist schon da. Wir wollten eine Verbindung zur Stadt schaffen, der Hauptplatz ist nur 50 Meter entfernt“, so Paňák. Ursprünglich war die Galerie ein vierflügeliger Kasernenhof aus dem Jahr 1763 nach Plänen des Wieners Franz Anton Hillebrandt. Der rückwärtige Nordflügel grenzt an die Altstadt, der südliche liegt am Donauufer. Letzteren und die Vorderteile der Seitentrakte hatte man in den frühen 1940er-Jahren abgebrochen, 1950 zog die Nationalgalerie ein. In den 1960ern sollte sie um eine Parkgarage, Ausstellungs- und Büroflächen erweitert werden. Den Wettbewerb dafür entschied Vladimír Dedeček für sich. Er ließ einen skulpturalen, 75 Meter langen Riegel über die Südseite des Hofes schweben. So blieb die Verbindung zur Donau erhalten.
Rote und weiße Aluminiumlamellen
Möglich war das durch eine Brückenkonstruktion aus Stahl, im zeittypischen Kolorit mit roten und weißen Aluminiumlamellen verkleidet. Diese „Brücke“ bildet einen radikalen Kontrast zum Barockbestand und birgt besagten Saal. Dessen drei Galerieebenen sind schräg gegeneinander versetzt, sodass ein geschoßübergreifender Luftraum entsteht. Eine Decke aus abgetreppten Oberlichtbändern schließt diesen Raum zu einem einzigen Volumen zusammen. Diese Architektur verneigt sich vor der Kunst, sie ist bei Weitem nicht so brachial, wie sie von außen wirkt. Hofseitig ist die Brücke dezent ockerfarben. Dadurch wirkt sie wie ein Passepartout, das den Donaublick rahmt. Dedečeks Bürobau am nordwestlichen Eck des Bestands bildet mit seiner weiß und rot verkleideten, kaskadenartig vorwitzig in den Straßenraum ragenden Fassade ein Pendant zum Schwebebalken an der Donau. Ursprünglich hatte er beide über das Eck verklammern wollen, die zwei Häuser, die jetzt noch dort stehen, machten ihm einen Strich durch die Rechnung.
Gebäude wurde lausig ausgeführt
Die brutalistische Formensprache der „Brücke“ polarisierte. Architektur dieser Zeit ist generell nicht populär, diese noch dazu außergewöhnlich radikal. Und dann der prominente Standort! Ein Referendum zu ihrem Erhalt ging mit 90 Prozent Mehrheit zu Ungunsten des Bauwerks aus. „Heute wäre das Resultat genau umgekehrt“, sagt Paňák. Der Brutalismus kommt in Mode, Dedeček ist einer der wichtigsten Vertreter der Spätmoderne, seine Bedeutung reicht über die Slowakei hinaus. Leider führte man das Gebäude lausig aus. Das Material der Stahlkonstruktion und ihrer Metallverkleidung war minderwertig und bautechnisch eine Katastrophe. Kältebrücken ohne Ende, dessen Sanierung erwies sich als die größte Herausforderung. „Man weiß, wie man mit historischem Bestand umgeht“, sagt Paňák. „Die Spätmoderne aber wird nicht geschätzt. Da gibt es keine Erfahrung und keinerlei Restaurationsmethoden.“ Auch viele Materialien gibt es nicht mehr, man kann heutige Entsprechungen finden, die aber sehr teuer sind. Grundsätzlich betrachteten BKPŠ das Museum als gewachsene bauliche Struktur in der Stadt, in deren Architektur sich Schichten von Geschichte manifestieren. Sie analysierten den Bestand, korrigierten seine Schwächen, bauten rück, legten frei und fügten hinzu. Dadurch wurden innen und außen neue Bezüge hergestellt und kamen verborgene Qualitäten zum Vorschein.
Wo früher Lüftung war, ist heute ein Gang
Um die Ausstellungsräume zu belüften, hatte Dedeček eine Schicht von Lüftungskanälen vor den stadtseitigen Barockflügel gesetzt, die mit weiß-roten Lamellen verkleidet war. Auch hinter der markant gekanteten Fassade eines Riegels steckte nichts anderes als Lüftungsrohre. BKPŠ entfernten diese veraltete technische Schicht. Das war der größte Eingriff in Dedečeks Architektur. Er lohnte mehrfach, der brachiale Riegel hat dadurch extrem gewonnen. Wo früher Lüftung war, ist heute ein Gang, dessen Konstruktionsprinzip anhand des rot gestrichenen tragenden Stahlfachwerks sofort ablesbar wird. Der Innenraum ist mit Holz verkleidet –museumsseitig gibt es wandintegrierte Sitzbänke und sogar Tische, donauseitig wurde die Konstruktion mit Glas ausgefacht zum 90 Meter langen Panorama über dem Flussufer.
Am Barockbestand kamen hinter der metallverkleideten Lüftungsebene die alten Mauern zutage: perforiert mit Stahlkonsolen für die Installation und voll zugemauerter Fenster. Diese wurden in bester Chipperfieldscher Manier freigelegt. Sie tragen nun ihre Vergangenheit in sich. So eine Mauer bildet auch die Stirnseite des Atriums – des neuen großen Ausstellungsraums, der dort ist, wo früher das Freiluftkino war. Es wurde mit einem Glasdach geschlossen, unter dem auch die weißen Lüftungsrohre offen geführt sind. Die straßenseitige Glaswand ist rund geschwungen, tritt so gleichermaßen ein Stück Museum an den öffentlichen Raum ab und schafft eine Arkade, die in den neuen Hintereingang einmündet.
Der Hinterhof ist der Lieblingsort des Architekten
Dieses Museum wirkt in den Stadtraum, es perforiert ihn und eröffnet neue Verbindungen. Der Hinterhof ist der Lieblingsort des Architekten. Hier treffen eine alte Garage, Lampen aus den 1970er-Jahren, ein Parkplatz und das neue Depot aufeinander, das BKPŠ mit allen abmontierten Lamellen aus den 1970ern verkleidet haben. Typisch Bratislava, das aus lauter „wilden Nachbarschaften“ besteht. In diesem Hof steht auch ein Weihnachtsbaum. Er ist mit weißen Kugeln und grünen Bändern geschmückt. Die Farben des Widerstands gegen eine konservative Kulturpolitik, der die engagierte Direktorin, Alexandra Kusá, die sieben Jahre lang den Umbau mitgetragen hatte, zum Opfer fiel. Offizieller Kündigungsgrund war ihre Weigerung, die slowakische Fahne auf der Nationalen Galerie zu hissen. Inzwischen wechselte der Posten mehrfach seine Besetzung. 2022 wurde die neu gestaltete permanente Ausstellung zeitgenössischer Kunst entfernt. Seither versammelt sich die alternative Kulturszene jede Woche in diesem Hinterhof. Dieses Museum schafft ihr selbst dann noch Raum, wenn sie im Inneren nicht gefragt ist.