Der neue Eingang zum Linzer Dom: Hier kann man Kaffee trinken
Der Linzer Mariendom ist die größte Kirche Österreichs. Architekt Peter Haimerl hat ihm einen eleganten neuen Eingang verpasst.
In Deutschland lösen wir die meisten Kirchen auf, hier geht man in die Offensive und fordert die absolut größtmögliche Qualität ein“, sagt der Münchner Architekt Peter Haimerl. Diese Haltung gefiel ihm. Die Rede ist von der Diözese Linz.
„Wir haben ein sehr modernes Verständnis von Kirche und wollten auf die Menschen zugehen“, sagt Dommeister Clemens Pichler. In Form des neuen Domcenter bricht nun die Kathedrale gleichermaßen aus ihren ehrfurchtsgebietenden, steinernen Mauern in den öffentlichen Raum aus. In eleganter Leichtigkeit setzte es Haimerl an deren östliche Längsflanke. Das kleine, transparent verglaste Gebäude mit seinem hübschen Café und dem kleinen Domshop unter einem umgekehrten Kreuzrippengewölbe aus Beton ist nun neuer Eingang, Anlaufstelle, Informationszentrum und Treffpunkt gleichermaßen. Die Bischof-Rudigier-Stiftung zur Erhaltung des Mariä-Empfängnis-Domes wurde dafür mit dem Bauherrenpreis 2025 ausgezeichnet.
20.000 Menschen passen in den Linzer Dom
Der Mariendom in Linz ist die größte Kirche Österreichs, 1855 beauftragte Bischof Franz Josef Rudigier den Bau. Der deutsche Dombaumeister Vincenz Statz, ein Meister der Neugotik, plante die Kathedrale mit ihrem Fassungsvermögen von 20.000 Menschen, die ausschließlich von den Spenden der Glaubenden finanziert war. Zuerst stand der Entwurf, dann erst suchte man den Bauplatz, was nicht einfach war, denn die Linzer Altstadt war bereits gebaut und genau genommen sprengte die imposante Kathedrale ihren Maßstab.
Ihre Gesamtlänge beträgt 130 Meter, das Querschiff ist 60 Meter lang, das Hauptschiff 27,5 Meter breit, im Vergleich zum Stephansdom wirkt sie leer, aber auch luftig, offen und großzügig. Sie war zu groß, um in klassischer Ost-West-Ausrichtung auf den Domplatz zu passen. Ihre Apsis liegt im Süden, der Haupteingang im Norden, er hat keinen entsprechenden Vorplatz und wirkt wie eingeklemmt.
Das führte zu der paradoxen Situation, dass der gewaltige Dom zwar zentral, aber doch erst in zweiter Reihe der Landstraße lag und viel zu wenig wahrgenommen wurde. „Er wurde erst sehr spät ins Stadtgefüge implantiert“, sagt Pichler. Seit 2007 verfolgt der Dommeister das Ziel, den „Mariendom ins Zentrum zu rücken“. Immerhin weitet sich der Domplatz im Osten zur Herrengasse hin, wo das Hotel am Domplatz bereits für etwas Frequenz sorgte. Im Nachbarhaus hatte die Diözese schon mit einem Domcenter ihre Tentakel zur Stadt ausgestreckt, mit mäßigem Erfolg.
Eine Visitenkarte für den Dom
Unter dem Motto „Von der Kommunikation zur Kontemplation“ brachten rund zwanzig Menschen aus dem Domkapitel, der Pfarre und der Stadtpastoral gute zwei Jahre ihre Expertise ein, um sich darauf zu einigen, wie diese Öffnung zur Stadt aussehen und was sie beinhalten sollte. „Wir wollten die Barrierewirkung der bestehenden Kathedrale aufbrechen und damit zeigen, wie wir Kirche verstehen“, sagt Clemens Bauder, der das Projekt von Anfang an begleitet hat und auch den Workshop der Kunstuni Linz betreute, mit dem die Suche nach der richtigen Lösung begann. Es brauchte einen neuen, einladenden Zugang, Bookshop, Informations-, Begegnungs- und Veranstaltungsstätte, die als Visitenkarte wirken sollte. Schließlich plante Architekt Peter Haimerl das Domcenter, Clemens Bauder war verantwortlich für das Interieur und die Ausstellung.
Nun scheinen gleich neben der Sakristei die um 180 Grad gedrehten Kreuzrippengewölbe aus den Strebepfeilern auszurinnen, fast beiläufig auf den drei schmalen Stahlbetonpfeilern des Cafés aufzusetzen, kurz abzuheben und dann als hauchzarte Stützen in den Stadtraum abzufließen. Letztere tragen nichts, sie wirken als Zugbänder, ihr Querschnitt erinnert an den eines Strebepfeilers. Obwohl es so organisch der Kirche zu entwachsen scheint, berührt das Café den alten Sakralbau nicht, das war eine Vorgabe des Bundesdenkmalamts.
Ursprünglich hatte Haimerl die Gewölbe aus einem Holzgerippe geplant, das wäre wärmer und vermeintlich ökologischer gewesen, das Amt aber bestand auf einem hochwertigeren dauerhafteren und somit nachhaltigeren Material. Die Betonschalen entsprechen dem Stein der Kathedrale und ihrem Anspruch an Ewigkeit mehr, eine kleine Fuge trennt sie von dessen Mauer. Sie bewegen sich leicht, die einfache, effektive Lösung zur geeigneten Abdichtung schlug ein Handwerker auf der Baustelle vor: eine Flüssigabdichtung.
Das etwa zwanzig Meter lange und zehn Meter breite Café orientiert sich an der Größe der Dombauhütte, die an der westlichen Längsflanke ihr historisch gewachsenes Pendant bildet. Sie zählt zum immateriellen Weltkulturerbe. „Die mittelalterlichen Dombaumeister waren genial. Sie hatten keine digitalen Tools, sondern nur zweidimensionale Pläne, und konnten trotzdem so hochkomplexe Gewölbeformen bauen“, sagt Haimerl. „Wir hatten den Anspruch, an die Spitze dessen zu gehen, was heute technologisch und ästhetisch möglich ist. Es sollte dem nahe kommen, was gotische Dombaumeister zu ihrer Zeit erreicht haben.“ Auch im Linzer Mariendom steckt mehr Innovation, als man der Neugotik gemeinhin beimisst: Sein Dachstuhl ist ein genietetes Eisenfachwerk – wie der Pariser Eiffelturm, aber früher.
Die Körperlichkeit spüren
Von oben sieht man die drei Gewölbefelder genau. Sie sind zweischalig konstruiert, oben die einfach gekrümmte Deckschale, dann die Dämmung, darunter die tragende, zweifach gekrümmte Schale, deren weiche, gebauchte Untersicht wie ein textiles Gewebe wirkt. „Mir war wichtig, dass man hier eine Körperlichkeit spürt“, sagt Haimerl. Ihre Umsetzung war eine Herausforderung. Statiker der TU Dresden schlugen eine Stahlkonstruktion vor, ein weiteres Büro winkte ab, schließlich übernahm Gernot Parmann vom Grazer Unternehmen PURAcrete den Auftrag. Das Unternehmen musste für die Produktion der vorgefertigten Schalen eigens eine Halle anmieten, kurz vor Weihnachten wurden sie analog zu Stichkappen in Segmenten aus dünnem, hellem Beton geschalt und an ihren stark bewehrten Rändern verschweißt. Ihre Nähte folgen dem Verlauf von Diagonalrippen, die Grate an ihrer Untersicht sind verspachtelt. Diese Spur von Handarbeit auf einer bautechnologisch absolut avantgardistischen Konstruktion, die an der Grenze des Machbaren entlangschrammt, schafft eine Verbindung zur Domhütte, wo Steinmetze kontinuierlich permanent am Dom weiterarbeiten, um seinen Bestand für die nächsten Jahrhunderte zu sichern.
Durch Glasstreifen zwischen den Schalen sieht man auf die Wände und Strebepfeiler des Doms, aus einem bestimmten Blickwinkel sogar dessen Turm. Das Domcafé schafft eine neue Eingangssituation: Man schreitet am Shop vorbei in die Sakristei, wo der Domschatz in einem faszinierenden, freistehenden, mehransichtigen Raummöbel aus Schwarzstahl präsentiert wird. Seine Form folgt der eines Einsteins, das ist das Grundelement eines Musters aus unterschiedlichen Dreiecken, das sich unendlich fortsetzen lässt. Seine schwarzen Wände sind die perfekte Projektionsfläche für das bunte Licht, das durch die Glasfenster fällt.