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8. Januar 2009 Der Standard

Hochhäuser zum Gehen

Dass ArchitektInnen Schuhe entwerfen, ist die logische Konsequenz der Schuhmode, die immer höher hinauswill

Für Stühle dürfte schon einiges Modell gestanden sein, Tiere zum Beispiel: Von Ameise und Schwan ließ sich Designer Arne Jacobsen zu seinen Sitzklassikern inspirieren. Aber funktioniert es auch in die Gegenrichtung? Kann ein Stuhl Vorbild sein für, sagen wir, Schuhe? Er kann. Modell „Eamz“ und „Moebius“ von United Nude beweisen es.

Eine Animation auf der Website der britischen Schuhfirma zeigt, wie es funktioniert: Aus dem Barcelona Chair von Mies van der Rohe nehme man das x-förmige Stahlrohrgestell und füge dessen vier Enden zu einer eleganten Schleife zusammen, fertig sind Absatz und Sohle. Gegründet hat United Nude der Holländer Rem D. Koolhaas - nicht der große Architekt Rem Koolhaas, sondern sein Neffe. Geboren vor 34 Jahren, hat auch er Architektur studiert und will mit seinen Schuhen „Architektur sexy“ machen.

Schwebender Schuh

Für sein neueres Modell, den „Eamz“, stand der berühmte Sessel von Ray & Charles Eames Pate: der Plastic Armchair von 1950. Hier waren die runden Enden des Gestells Vorbild für den Absatz. „Das hat gut geklappt. Der Absatz sieht so aus, als gehöre er nicht zum Schuh, es ist, als schwebten die Schuhe“, sagt Koolhaas.

Wieso ein Architekt nicht hoch hinauswill, sondern sich auf kleinere Maßstä- be begrenzt, beantwortet Koolhaas dem RONDO so: „Austausch zwischen den Disziplinen ist ein Zeitphänomen, wie in der Musik, bei HipHop, etwa, oder bei Künstlern, wenn sie Wissenschaft integrieren. Die Grenzen verschieben sich.“

Ob man auf seinen Schuhen auch gut gehen kann? Die Pumps mit den exzentrischen Absätzen erinnern jedenfalls an das Fiasko bei den Mailänder Modeschauen im vergangenen September: Als Prada dort die Frühjahrs-/Sommer-Kollektion 2009 zeigte, fielen die Models reihenweise um. Die Absätze waren mit 17 Zentimetern einfach zu hoch.

Architekten mit Schuhtick

Die Prada-Pumps sind der Höhepunkt einer Entwicklung in der Schuhmode, die sich in letzter Zeit mehr und mehr abzeichnet. Damenschuhe, deren Designs immer wahnwitziger, ergo untragbar werden: die Absätze noch höher und noch schmäler, die Bändchen, Laschen, Riemchen am Spann eher Zierde als Halt, dass das Gehen zu einem Balanceakt wird. Jeder Schuh eine kleine Skulptur, jeder Pumps ein kleines Hochhaus.

Da erscheint es nur logisch, wenn nun Architekten derlei Schuhwerk kreieren. Rem D. Koolhaas ist beileibe nicht der einzige Architekt mit Schuhtick: Auch Zaha Hadid, Meisterin der zackigen Linie, tut es, ebenso wie Frank Gehry statt mit Titanblech nun mit Leder baut.

Hadids Entwürfe für Lacoste, die im Sommer auf den Markt kommen sollen, mussten allerdings gerade eingestampft werden: „Zaha Hadid hat leider in letzter Sekunde noch Änderungen durchgeführt“, heißt es bei Lacoste, „deshalb mussten die Schuhe komplett neu produziert werden.“ Tja, Rubert Sanderson, soeben zum Accessoire-Designer 2008 gewählter Londoner, hat eben recht: „Schuhe designen muss man sehr, sehr wollen. Nur so wird es klappen.“

Spaßige Schuhe

Dabei war es nicht das erste Mal, dass Hadid Schuhe baute. Für die brasilianische Öko-Design-Schuhfirma Melissa entwarf sie im vergangenen Jahr ein Modell aus Plastik, knallfarben wie ein Lutschbonbon und wie ihre Gebäude inspiriert von Linien aus der Natur. Zum britischen Independent sagte Hadid: „Jeder Schuh kann gut aussehen oder komfortabel sein. Aber die Herausforderung liegt darin, einen zu entwerfen, der Spaß macht, vielseitig ist und dabei auch noch praktisch.“ Ihrem Plastikschuh verpasste sie zwei unterschiedlich hohe Absätze. Das Gehen klappt damit angeblich dennoch.

Warum es gar nicht eigenartig ist, Architekten Schuhe entwerfen zu lassen, befand Michel Perry, Kreativdirektor des Pariser Traditionsunternehmens JM Weston, gegenüber der Financial Times: „Die Disziplinen ähneln einander. Ein Schuh muss eine Person sicher tragen, wie auch ein Gebäude ein gutes Fundament besitzen muss.“ An die feinen Lederschuhe ließ JM Weston Designer wie Kris Van Assche und nun Frank O. Gehry.

Frank O. Gehry hat zuletzt in Toronto einen erwartet spektakulären Anbau der Art Gallery of Ontario vollendet. Doch was kommt raus, wenn er sich mit kleinen Fundamenten befasst? Ein, nun ja, langweiliger Schuh. Eine klassische Stiefelette, das einzig Gewagte ist noch der weiße Schaft, der an einen Frack erinnert.

Der Fairness halber sei gesagt: Es handelt sich um einen Männerschuh. Und der Träger, der vergleichsweise ausgefallene Treter an seine Füße lässt und auch noch in ihnen gehen kann, muss vielleicht erst noch geboren werden.

11. Januar 2008 Der Standard

Fantasie in Blech

Seine Möbel sehen aus wie aufgeblasenes Plastik, dabei sind Wasser und Blech die formgebenden Elemente in der Arbeit des Gestalters Oskar Zieta

Der Tag, an dem Oskar Zieta auf die Idee kam, einen aufblasbaren Stuhl zu entwerfen, könnte ein Sommertag gewesen sein. Die Hitze staute sich in den Straßen von Zürich, vor der Bergkulisse flimmerte die Luft, und wer konnte, sauste in die Badi, die Schwimmanstalten an der Limmat, oder sprang in den Zürisee. An den Armen der kleinen Kinder pickten Schwimmflügel in Orange oder Gelb. Der Architekt schaute sich die Flügelchen an, dachte an Wasser, an sein Lieblingsmaterial Blech, den CNC-Laser im Institut ... und da war er, der Geistesblitz!

So hätte es sein können. Die Wirklichkeit war viel weniger malerisch. Oskar Zieta, Architekt aus dem polnischen Stettin, hatte sich 2001 in Zürich für ein Nachdiplom-Studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule eingeschrieben, Computer Aided Architectural Design (CAAD) stand auf dem Lehrplan. In dieser Zeit realisierte der heute 32-Jährige: Die Verarbeitung des Materials Blech mit dem Laser ist eine Nische, die von kaum einem Architekten oder Designer besetzt ist. Die Technologie ist teuer, Entwicklungen auf dem Blechsektor gehen langsam vor sich. Nicht aber, wenn man auf die Infrastruktur einer Hochschule zurückgreifen kann. So kam es, dass der junge Architekt begann, alles zu lasern, was ihm unter die Finger kam, sprich: seine Finger gezeichnet hatten. Dabei diente ihm der Laser als Trenn- und Fügverfahren, und er schnitt und schweißte, was das Blechzeug hielt.

„Fantasieren mit Blech“ heißt heute sein griffiger Leitspruch, und wer sich fragt, wie ausgerechnet Blech Leidenschaft hervorrufen kann, fragt Oskar: „Hart, kantig, scharf - das sind die Assoziationen, die man vom Blech kennt. Zugleich tut jedes Blechprodukt so, als wäre das Material homogen. Was es nicht ist!“ Schon vom Herstellungsprozess her nicht. Das Metall wird so lange gewalzt, bis es eine bestimmte Dicke erreicht hat, doch diese Behandlung zieht einen Effekt nach sich, den man vom Ausrollen eines Kuchenteigs kennt: Das Metallblech ist nie an allen Stellen gleich dünn. Um genau diese Uneinheitlichkeit ging es Zieta: „Ich wollte ein Produkt schaffen, das seine Eigenschaften nicht verbirgt.“ Ein Produkt wie sein Möbel namens Chippen-steel. Ein Stuhl, eindeutig aus Metall. Optisch jedoch irritierend nah an aufgeblasenem Kunststoff, an Blob-Produkten. Sein Name nimmt unverhohlen Bezug auf die Chippendale-Möbel, die englischen Stil-Möbel aus dem 18. Jahrhundert. „Erst wollte ich die Sofas nachbauen, diese Lederkolosse mit den charakteristischen Noppen“, sagt Zieta. „Als es nicht klappte, bin ich eben übergangen zum Stuhl.“

Freunde von ihm würden jetzt sagen, typisch Oskar. Er ist der klassische Tüftler, berichten sie, einer, dem tausend Ideen zugleich im Kopf herumwirbeln und der werkelt, bis eine von ihnen klappt. Einer, der in Kauf nimmt, auf diesem Weg auch einmal ein windschiefes Tischchen, einen nicht standfesten Hocker als Prototyp zu entwerfen. Stimmt's? Oskar lacht, bevor er sagt: „Ich bin spontan. Teste viele Dinge durch. Aber als ehemaliger Leistungssportler geb ich auch nicht auf!“ Zu sehen an seinem Chippensteel, der durchaus als kleine Meisterleistung anzusehen ist. Aus einem flachen, ja zweidimensionalen Material, einer Blechplatte, wird eine dreidimensionale Sitzgelegenheit. Mittels Wasser. Klingt verrückt, aber Wasserdruck von innen verformt die miteinander verschweißten Bleche, die zuvor im CNC-Verfahren mit dem Laser ausgeschnitten wurden. Das Wasser wird nach dem „Aufpumpen“ des Möbels wieder abgelassen. Schweißpunkte im Inneren der Fläche steuern dabei, wie sich das Blech während des sogenannten „Hydro-Forming“ verändert. Der Druck und die Dicke des Bleches sorgen dafür, dass sich der Stuhl wie vorausberechnet verformt und stabilisiert. Die Automobilindustrie setzt diese Innenhochdruckumformung ein, doch Zietas Freie-Innendruck-Umformung unterscheidet sich von dieser erheblich: Sein Verfahren kommt ohne Werkzeuge wie Stempel und Matrize aus, die bei der klassischen Rohrverformung mittels Wasser nötig sind. „Wir übersetzen Verfahren, die es gibt, in Architektur“, erklärt er. Wie das Material reagiert, hat der Doktorand im ETH-Studiengang bei Professor Ludger Hovestadt gelernt.

Heute pendelt Zieta zwischen Zürich und dem polnischen Grünberg, das liegt grob gesagt zwischen Berlin und Posen. Dort hat der Architekt eine kleine Fabrik errichtet und sucht nun nach Auftraggebern im Umland. Fast aus Versehen wurde er zum Produzenten, denn wer hätte ahnen können, dass die ETH plötzlich ihren Laser verkaufen will - eben jenen, mit dem Zieta jahrelang gewerkelt hatte. „Wir brauchen den nicht mehr“, sagte sein Professor, und weil eine eigene Fabrik schon lange Zietas Traum gewesen war, fragte er frech nach dem Preis. Ein paar Verhandlungen und mehrere zehntausend Franken später besaß er diesen Laser, zwei Lkws benötigte er, um ihn abtransportieren zu lassen. Und als wäre das nicht schon Aufregung genug für ein junges Architektenleben, erzählt Zieta die Story von der vergangenen Mailänder Möbelmesse. Zwei Wochen vor Beginn des Salone Satellite ergatterte er als Nachrücker einen der begehrten Plätze. Da waren längst alle Hotelzimmer ausgebucht, aber Zieta besorgte sich einen Wohnwagen, packte Chippensteel und 20.000 Flyer unter den Arm und fuhr in Begleitung eines Architektenkollegen los. „Wir hatten einen Riesenerfolg. Nicht weil wir formal anders waren, sondern technologisch anders“, sagt Zieta. Am Ende waren alle Flyer verteilt, und ein paar ernsthafte Kontakte zu Unternehmen entstanden.

Designer will er nicht sein, lieber bezeichnet sich der Architekt als Prozessdesigner. Das ist schön zwischen den Disziplinen, die Zieta so charakterisiert: „Design ist mit einem Punkt am Ende, Architektur aber eine lange Geschichte ohne Punkt.“ Er hat seinen Punkt noch nicht gesetzt. Nicht zuletzt, weil er weiß: Was das Material angeht, steht er noch am Anfang. Sehr weit ist Oskar Zieta aber mit seiner Technologie, die er entwickelt hat. 50 Stück seines Hockers Blow up sind seit kurzem in den Magazinläden des Design-Versandes Manufactum erhältlich. Und für die neu eröffnete Boutique Kawaii in der Wiener Lindengasse hat Zieta gerade gemeinsam mit dem Wiener Architekten Georg Grasser eine sehr große, sehr leichte Blechtür entworfen und in seiner polnischen Fabrik „aufgeblasen“.

Erschienen im Standard/Rondo

16. April 2004 Der Standard

Sitzangelegenheiten

Der Sessel kann Statussymbol, Ort für Trägheitsmomente oder Platz fürs Einander-näher-Kommen sein. Mit den Funktionen des Sitzens setzte sich Mareike Müller auseinander

Da sitzt man nun auf seinem Arne Jacobsen-Bürostuhl, leidlich bequem, weil der ein Flohmarktstück ist und ganz schön wackelt, und soll übers Sitzen schreiben.

Draußen scheint die Sonne, und wenn dort Menschen sitzen, tun sie das auch vor der Eisdiele, obwohl es dafür noch viel zu kalt ist. Da sitzt man nun also und ruft schließlich Thomas Düllo an, Kulturwissenschafts-Dozent im Studiengang „social engineering“ an der Universität Magdeburg, und auch wenn er nicht Wohnexperte genannt werden möchte, kennt er sich doch mit Alltagskulturen und deren Bedeutungen aus. Besonders mit der Kultur des Wohnens.

Sitzen Sie denn gut, Herr Düllo? Nein, auch Thomas Düllo sitzt nicht gut, sein Tisch ist zu hoch für den Stuhl, auf den er sich platziert hat. Warum sitzen wir dann überhaupt? Wo unser Rückgrat eh nicht dafür gemacht ist, sich ständig zu krümmen. „Sitzen gehört zu den jungen Erscheinungen unserer Zivilisation“, sagt Düllo, „zwar haben die Römer den Stuhl nach Europa gebracht, aber bis zum 15. Jahrhundert wurde er einfach vergessen.“ Erst als dann das Haus zum Zentrum des Lebens wurde, als sich Familienbewusstsein und Privatsphäre entwickelten, wurde Sitzen zu einem eigenen Wert.

Der Mensch, derart auf den Geschmack gekommen, sucht seitdem bis heute die drängende Frage zu lösen: Wie sitzt es sich am bequemsten? Das zu beantworten, ist jedoch gar nicht so leicht. Denn: „Von klein auf werden wir regelrecht zum ordentlichen Sitzen erzogen, ob in der Schule oder in der Familie. Stillhalten auf dem Stuhl ist gewissermaßen eine Sozialisationstugend“, sagt Thomas Düllo. Eine Tugend, die uns recht brutal erscheint, jemandem wie Mies van der Rohe allerdings recht am Herzen lag. Oder wie sonst lässt sich folgende Anekdote über den Architekten verstehen? Auf einer Veranstaltung im van der Roheschen Haus soll ein Gast im Gespräch ständig seinen Stuhl verrückt haben, bis der Hausherr ihn anfuhr und sagte, dass störe ihn doch sehr.

Im Sinne seines Funktionalismus hatte ein Stuhl einen unverrückbaren Ort ein-und sein Nutzer stillzuhalten. Wir aber, die Sitzen schon nach wenigen Minuten als quälend empfinden, kippeln und ruckeln und lümmeln, bis wir uns fragen, wer eigentlich auf die Idee gekommen ist, Sitzen auf Stühlen uns als bequem verkaufen zu wollen. Tatsächlich gilt in vielen anderen Kulturen das Sitzen, wie wir es kennen, als unbequem. Andere Nationen, ob nun in Mali oder Japan daheim, haben vielmehr das Kauern auf dem Boden kultiviert. Und bei uns zeigt sich seit dreißig Jahren, dass die Jüngeren diese Sitzform wieder zurückerobert haben. „Das hat mit den Wohngemeinschaften der 70er-Jahre zu tun, die alle Sitzgelegenheiten wegräumten und sich auf dem Boden niederließen, auch im Sinne einer Enthierarchisierung“, erklärt Thomas Düllo.

„Dahinter steckt gleichzeitig eine leicht künstlerische, unbürgerliche Attitüde.“ „Zum anderen“, so Düllo, „hat sich in unserer Moderne eine Daueradoleszenz etabliert, was auch Dreißigjährigen noch das Rumlümmeln auf dem Boden erlaubt.“ Gleichwohl galt Sitzen immer als Statussymbol: angefangen im Mittelalter in den Klöstern, in denen der Oberste, der Vorsitzende einen Stuhl mit ganz gerader, hoher Lehne hatte. Dass das Stehen im Vergleich zum Sitzen nicht unbedingt ein Privileg ist, zeigt sich auch nach wie vor in unserer Bürokultur.

"Jemand, der sich hinter einem großen Schreibtisch auf einem großem Sessel verschanzt und einen Mitarbeiter auf sich zukommen lässt, schafft eine riesige Distanz und drückt damit aus: „Ich darf mir diese Behaglichkeit leisten, darf mir den Vorsitz genehmigen“", sagt Düllo. Sitzen hat also durchaus ambivalente Züge: Spiegelt es doch nicht nur Autorität und Status wider, sondern im Wunsch nach Behaglichkeit auch ein gewisses Trägheitsmoment. Wer „sitzen bleibt“ oder „etwas aussitzt“, gilt als passiv, langsam, behäbig. „Und wenn wir erst einmal einen Sitzplatz ergattert haben, geben wir ihn auch ungern wieder her“, bringt Düllo die zwiespältige Seite des Sitzens auf den Punkt. Historisch betrachtet hat der Mensch zu Sitzgelegenheiten wie Stühlen ein besonderes Verhältnis.

Erst seit dem 18. Jahrhundert bildete sich ein intimes Verhältnis zu Möbeln, und da geriet neben dem Bett der Stuhl mit Armlehne zum besonderen Geliebten. Denn mit ihm ließ es sich herrlich symbolisieren: „Hiermit beanspruche ich meinen eigenen Platz“ - bis heute lässt sich das in Wohnzimmern an den mächtigen TV-Sitzschwingern ablesen. Von denen es im Übrigen stets nur einen gibt, und der gehört meist dem Familienpatriarchen. Aber Sitzen hat nicht nur mit Autorität zu tun. Düllo: „Außer im Schlafzimmer ist das Sitzen wohl die privateste Form, in der man zusammenkommt.“ Wer kennt nicht das Unbehagen, das uns in der Wohnung eines Freundes befällt, wenn man sich nicht endlich setzen darf: „Sitzen ist immer auch eine Einladungsgeste“, erklärt Düllo. Eine Wohnung, die keinen passabel großen Tisch mit Stühlen vorweisen kann, disqualifiziert sich so von vornherein als nicht sonderlich kommunikationstauglich - in Zeiten des Cocooning, des Rückzugs nach zu Hause, kein gutes Signal.

Und wie sitzt es sich in Zukunft? „Im Kommen sind jede Art von Bänken und Hockern“, meint Düllo. „Sie gelten nicht mehr als spießig.“ Doch nicht etwa die hölzerne Kücheneckbank oder der Herrgottswinkel liegt in der Gunst vorne, sondern gerade Bänke ohne Rückenlehne und kleine Sitzhocker aus den unterschiedlichsten Materialien.

Weiter anhalten wird ohnehin alles Retrohafte, vermutet Düllo: „Retro funktioniert dadurch, dass bestimmte Sitztraditionen in andere Räume transportiert, also uncodiert werden. Dadurch erscheinen sie neuer.“ Und auch die Bodenperspektive hält er für einen Trend: „Entweder sitzt man verstärkt auf dem Boden, auf Kissen wie in Asien. Oder man kommt dem Boden auf den derzeit beliebten Riesensofas näher. Denn deren Sitzflächen sind so tief, dass man auf ihnen weniger sitzt als vielmehr liegt.“ Aber das Sofa ist eine Sonderform des Sitzens, der Stuhl bleibt dasjenige Möbelstück, das ausschließlich zum Sitzen gedacht ist. Oder etwa nicht?

Hat er nicht vielmehr ganz viele Funktionen, so wie es etwa Philippe Starck behauptet, der gerade in der angeblichen Multifunktionalität eines Stuhls die Designherausforderung sieht? „Dass ein Stuhl im Wesentlichen funktional ist, stimmt kulturgeschichtlich nicht. Denn für dieses Objekt musste sich erst im Kopf die Kultur entwickeln, dass das Sitzen und insbesondere das behagliche Sitzen ein Wert für sich ist. Ein Stuhl ist also eher als Ausdruck von sich verfeinernder Kultur und Zivilisation zu sehen“, erklärt Düllo. Somit wäre ein Stuhl, anders als ein Kühlschrank, primär kein funktionaler Gegenstand, weil man das Sitzen auch immer woanders machen konnte. Pech also für Philippe Starck, der zwar auch Stühle entworfen hat, die aussehen wie Gartenzwerge (oder vice versa), doch im Grunde sind die Funktionen eines Stuhls eher endlich.

Es kommt darauf an, wohin man seine Funktion trägt, in welche Räume oder Kontexte. Das macht die ungeheure Vielfalt seiner Möglichkeiten aus. Deshalb freut man sich nun, daheim auf dem wackeligen Bürodrehstuhl, auf die wärmeren Tage, wenn die Cafés endlich ihre Sessel hinaus stellen und, mit den Worten des Kulturwissenschaftlers Düllo, so „dem Exterieur die Intimität des Interieurs geben.“ Sitzen bringt schließlich am allermeisten Spaß, wenn es mit keiner Arbeit verbunden ist.

21. November 2003 Der Standard

Was Phil will

Wer in Sachen Wohnen weder ein noch aus weiß, kann sich von Stardesigner Philippe Starck mehr als inspirieren lassen. Gegen Entgelt steht er mit Rat und Tat zur Seite

Schluss mit dem wilden Mix zu Hause. Lange genug haben wir auf uns selbst gestellt gewohnt - zwischen Omas Anrichte und furniertem Billy-Regal, mit Asia-Nippes neben Bronzeplastik. Jetzt kommt die totale Designerwohnung. Philippe Starck, ewiges Enfant terrible des Designs, will mit seinem jüngsten Großprojekt die ganze Welt beglücken: komplett ausgestattete Luxusappartements in vier Designstilen, schlüsselfertiges Wohnen à la Starck.

In London ist es schon so weit. Zusammen mit John Hitchcox, dem britischen Begründer der Loft-Ära, hat Starck die Firma Yoo gegründet, die derzeit international nach geeigneten Gebäuden sucht, etwa in Miami, Melbourne oder Tel Aviv. Doch auch Wien sei „ganz narrisch nach Starck“, verlautet es aus der deutschen Yoo-Dependance, bedeckt hält man sich allerdings mit konkreteren Angaben zum Wann und Wo. Anders die Nachbarn, bei denen es voraussichtlich ab Anfang kommenden Jahres in Zentren wie München, Berlin oder Hamburg mit den ersten Appartements made by Monsieur Starck losgehen soll.

Wie's funktioniert? Der Franzose entwirft Entree, Grundrisse, Bäder, Armaturen, Türen nebst Wand- und Bodenbelägen, die Möblierung übernimmt der zukünftige Bewohner. Sollte es an Geschmacksicherheit, nicht aber an Geld mangeln, kann man aber auch auf diesem Gebiet auf den Stardesigner zählen, der dann aus rund 500 Klassikermöbeln von Größen wie Arne Jacobsen, Le Corbusier oder, genau, Starck das Passende raussucht. Zu welchem der vier Einrichtungsstile man neigt, erfährt der Käufer mithilfe eines Designberaters, danach geht's ans Feintuning von Farben und Materialien. Zur Auswahl stehen so einschlägige Namen wie Classic, Culture, Minimal und Nature. Laufen Ihnen beispielsweise bei den Wörtern Seide, Tweed, Pferd, Zigarre, Jaguar und, nicht zu vergessen, Labrador wohlige Schauer über den Rücken, sind Sie nach Starck eher der klassische Typ. Das würde für Ihre Wohnung dunkle Holzböden, Ledermöbel und Marmorflächen bedeuten. Der Kultur-Typ steht auf Warhol-Stil, Neonlicht, Barock, poppige Möbel im exotischen Stilmix. Dessen Wohnung möge sich der Leser wie eine New Yorker Kunstsammlung vorstellen.

Minimalistisch hingegen heißt viel Weiß und Stahl, wenige Möbel, klare Linien. Und Anhänger des Nature-Stils sollten skandinavisch Kiefer und Leinen lieben, blasse Farben, robuste Stoffe. Sie können sich das Ganze noch nicht so recht vorstellen? Dann ein simples Beispiel aus der Welt des angewandten Wohnens: Bei Starck hält man im Classic-Stil eine schlichte, gerade Steg-Klinke in der Hand, während sie beim Nature-Typ fast genauso ausschaut, nur weniger streng und sanft geschwungen. Der Minimalist wiederum muss mit einem runden Knauf vorlieb nehmen und der Culture-Typ mit einem skulptural angehauchten Knäuel, aus dem eine Spitze hervorragt.

Eine völlig durchgestylte Wohnung mag für den einen den absoluten Albtraum bedeuten, für Philippe Starck ist es ein Weg, das Leben der Menschen „ein bisschen angenehmer“ zu machen. Mehr noch: Er sieht Wohnungen als größte Geldanlage, wo es noch „viel massenproduzierten Unsinn gibt“. Und das mache ihn ganz krank. Hatte der Designer bislang außer für zwei enge Freunde nur Privatzimmer von François Mitterrand im Elysée-Palast eingerichtet, wohnen jetzt die ersten Starck-Anhänger in den Appartements, die sich im Londoner Stadtteil St. John's hinter der schlichten Backsteinfassade einer ehemaligen Telefonvermittlungszentrale aus den 30er-Jahren verbergen.

Jedes Loft besteht aus einer hohen Wohnhalle, um die auf zwei weiteren Etagen die übrigen, niedrigeren Räume angeordnet sind. Viel Licht kommt durch die wandhohen Fenster der Hallen, Offenheit vermitteln die Fensteröffnungen. Unter den Bewohnern befinden sich unter anderem ein Radio-DJ, mehrere Designer, ein Trendscout und eine Tanzstudiobesitzerin. Eine Studenten-WG ist auch zu finden. Die aber wohnt ganz klassisch zur Untermiete. Der österreichische Designer Christopher Reitz - er werkt für das Nissan-Designzentrum für Europa - hat sich in seinem Loft für den Culture-Stil entschieden: An den Wänden erstrahlen Orange- und Fliederfarbtöne, am Boden stehen Swan-Sessel von Arne Jacobsen und Le Corbusiers Liege mit Kuhfellbezug. Sogar ein Ikea-Tisch mit abgesägten Beinen durfte in die Nobelbleibe einziehen.

„Wenn Sie mit Ihrem Hemd dem Trend folgen, ist das o.k. Sie können es nach sechs Monaten wegwerfen. Mit einem Haus können Sie das nicht“, sagt Philippe Starck. Und trotz Krisenstimmung im Lande glaubt Yoo Deutschland, den „Porsche unter den Wohnungen“ unters Volk zu bringen, mit Quadratmeterpreisen zwischen 2500 und 5000 Euro, Möbel nicht inklusive. Man beruhige sich mit dem Gedanken, dass man Porsche immer schon für ein Aufschneiderauto hielt und sich zudem Geld und Geschmack nicht gegenseitig bedingen. Oder, um es mit Hugo von Hofmannsthal zu sagen: „Guter Geschmack ist die Fähigkeit, fortwährend der Übertreibung entgegenzuwirken.“