Auf der Suche nach Edith
Das Haus im kleinen südburgenländischen Ort Oberschützen fällt auf – und schickt auf Spurensuche. Es ist das letzte Zeugnis der Architektin Edith Balazs, einer frühen Vertreterin der Moderne in Österreich. Eine Würdigung zwischen Archiv und Landschaft, zwischen Werk und Vergessen.
Über der sanften Senke Oberschützens, am Schwung des Nordhangs gelegen, wo einst Äcker, Wiesen, Wäldchen und das kleine historistische Bahnhofsgebäude zusammenfanden, reicht der Blick im Südwesten bis zum Hartberger Ringkogel, zur Kulisse der Fischbacher Alpen und zum Wechselgebirge am nördlichen Rand des Sichtfelds. Eingefügt in diese Landschaft: eine Villa mit flachem Zeltdach, das man erst aus der Ferne als solches erkennt.
Viele der hier verbauten Materialien erreichen bald ihr hundertstes Lebensjahr und sind noch gut in Schuss – Zeugnisse einst gehobener Wohnkultur und qualitätsvollen Handwerks. Alte Holzfenster stehen im Standardformat nebeneinander und bilden Fensterbänder. Die auffaltbare Terrassenwand aus Glastüren verweist auf eine moderne Raumauffassung, die die Tradition des „fest Gefügten“ nicht verlässt. Es ist ein rundum solider Bau, der heute fast alterslos wirkt – wie eine großstädtische Altbauwohnung. Die Räume sind hell, praktisch und zugleich elegant: rund 120 Quadratmeter im Erdgeschoss für den gemeinsamen Aufenthalt, darüber zwei Schlafzimmer und ein „Mädchenzimmer“. Ein Garagengebäude mit steilem Satteldach und eine das Ensemble verbindende steinerne Pergola verankern den gut eingegrünten Bau im Ort.
Andrea Hinterleitner hat das Haus geerbt, nutzt es mit Familie und Freunden zur „Sommerfrische“ und hält es in Ehren. Von Pez Hejduk lässt sie es fotografisch dokumentieren, denn immerhin ist man weitschichtig verwandt – und dann die Raumhöhen: 3,5 Meter. Bieder und zugleich gemütlich sind die Möbel; die satten Holzböden, die zeittypischen Fliesen, das Linoleum. Entworfen wurden die Möbel von Edith Balazs, und ein Besuch in Oberschützen wird zur Reise in die Biografie dieser nahezu vergessenen Architektin.
„Fleißig, strebsam“
Edith Karner wird am 29. August 1910 im südburgenländischen Oberschützen als Tochter von Schulrat Josef Karner und Edith Greisiger geboren. Sie besucht die Volksschule und das Gymnasium, bevor sie in die Grazer Kunstgewerbeschule eintritt. Weit gereist ist sie ebenfalls, wie das Personalienblatt der Ingenieurkammer für Wien, Niederösterreich und Burgenland belegt: Deutschland, Italien, Skandinavien, Ägypten, Türkei und Griechenland.
Was Professor Josef Hoffmann ihr nach dreijährigem Studium ins Zeugnis schreibt, spricht in seiner Kürze Bände: „Fräulein Edith Karner: fleißig, strebsam, Sinn für Farbe und Form, gewissenhaft, für architektonische Arbeiten gut verwendbar.“ Verwendung findet die junge Frau in der Tat für ihre Fähigkeiten. Bereits 1932, im Jahr ihres Abgangs von der Wiener Kunstgewerbeschule – der späteren Angewandten –, wird sie als eigenständige Architektin im Südburgenland tätig. 1938 erteilt ihr die Bezirkshauptmannschaft Oberwart offiziell eine Gewerbeberechtigung, „lautend auf die Verfassung von Plänen für Häuser und Inneneinrichtungen mit dem Standort Oberschützen“.
Edith Balazs, wie sie nach ihrer Heirat mit Ladislaus Balazs, Vizepräsident des Landesgerichtes Eisenstadt, seit 1941 heißt, zählt zu den wenigen Architektinnen dieser Generation und ist im ländlichen Raum ihrer Heimat erfolgreich tätig. Bis dato ist sie die einzige bekannte Architektin, die vor dem Zweiten Weltkrieg im Burgenland eine eigene Kanzlei führt. Erst in den 1940er-Jahren treten mit Walpurga Zeyninger aus der Steiermark und Martha Bolldorf-Reitstätter aus Wien weitere Architektinnen hinzu. Letztere entwirft später das zweite burgenländische Hochhaus in der Landeshauptstadt Eisenstadt.
Ihre Gewerbeberechtigung legt sie 1962 zurück, um vom Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau en suite die Befugnis als Zivilingenieurin zu erhalten. Die einschlägige Prüfung bleibt ihr nicht erspart, obwohl eine beachtliche Projektliste ihre baupraktische Eignung belegt: zwei Siedlungen in Pinkafeld, ein Wirtschaftsgebäude in Jormannsdorf, drei Wohnhäuser sowie zahlreiche Umbauten. Ein Dokument aus dem Archiv der Kammer – allerdings ohne Adressen – verweist auf die nur auszugsweise überlieferte Werkliste. „Spezialtätigkeit: Siedlungsbauten und Kleinhäuser“, deklariert sie selbst – und legt ihre Befugnis erst 1981 ruhend. Ihre Bauten werden heute nur noch in Amtsakten verzeichnet, niemand ordnet sie sonst dieser Architektin zu. Wer weiß, ob sie überhaupt noch existieren.
Moderate Moderne
Ein einziges Haus verbleibt als Spur ihres Schaffens. In den Jahren 1943 bis 1945 arbeitet Edith als Lehrerin im konservativen Schulstädtchen Oberschützen – ihr Mann ist als Soldat eingezogen, wie eine Postkarte bezeugt, die ihm als Aufmunterung geschickt wird. Die Vorderseite zeigt die schlichte Fotografie einer Villa. Es ist jener Erstling aus der Zeit nach ihrem Abgang aus Hoffmanns Fachschule für Architektur. Die aufgeschlossenen Eltern, die ihr die akademische Karriere ermöglichten betrauen die 22-jährige Tochter mit dem Entwurf des eigenen Wohnhauses – besagte Villa im Stil einer moderaten Moderne. Auf dem rund 4.000 Quadratmeter großen Wiesengrundstück die väterliche Obstbaumzucht. Auch in der frischen Luft wollte der Vater ein vorbildlicher Lehrer sein, vorzeigen, wie es geht, erzählt Andrea Hinterleitner heute. Edith Balazs sollte hier selbst bis zu ihrem Lebensende 2006 wohnen.
Der alles bestimmende Blick in die Landschaft wird von einem weit spannenden „Bügel“ gerahmt: Ein einzelner Pfeiler trägt die vorgestellte Loggia am Eck und führt sie herum. Der Eindruck wandelt sich – die Villa wird zum zeichenhaften Zeugnis einer hier kaum gekannten Moderne, zum Lehrstück, wie eine moderne Lebensweise auch auf dem Land einkehren kann. Wenn auch damals sicherlich ein Hingucker, macht das „Haus Karner an der Bahnstraße“ heute nicht viel Aufhebens mehr. Wie auch seine Architektin.
Albert Kirchengast (geb. 1980 in Graz) ist Juniorprofessor für Architekturtheorie an der BTU Cottbus-Senftenberg. Publizist zahlreicher Bücher, darunter „Burgenland Modern. 100 Jahre, 100 Bauten“ (mit Johann Gallis). Er lebt in Stadtschlaining.