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31. Dezember 2012 Der Standard

Karlsplatz - „der logische Ort“ fürs Wien Museum

Die Enquete „Wien Museum Neu“ brachte ein eindeutiges Ergebnis: Mehr als zwei Drittel der echten Fachleute sprachen sich für den Karlsplatz aus. Dennoch zögert der Kulturstadtrat.

Am 16. Oktober fand im Architekturzentrum eine von der Stadt Wien organisierte Enquete statt. An die 40 Personen, darunter Architekten, Stadtplaner und Museumsberater, taten ihre Meinung zu den beiden möglichen Standorten für das unter eklatanter Platznot leidende Wien Museum kund. Soll es am Karlsplatz bleiben und einen (wie auch immer gearteten) Zubau erhalten? Oder soll es an den Hauptbahnhof übersiedeln - auf ein von Bürotürmen umzingeltes Grundstück der Ersten Bank?

Wolfgang Kos, der Direktor des Wien Museums, fühlte sich durch die Enquete bestätigt: Zwei Drittel hätten sich für den Karlsplatz ausgesprochen. Doch die Dokumentation jenes 16. Oktober blieb unter Verschluss. DER STANDARD erhielt nun die Möglichkeit, sie einzusehen. Was sofort auffällt: Eingeladen wurden nicht nur unabhängige Fachleute, sondern auch involvierte Personen - und mit Wolfgang Rosam ein einflussreicher Lobbyist. Er forderte „Andreas“ und „Maria“, also SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und die Grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou, auf, „Mut“ zu zeigen und ein „Bekenntnis“ zum neuen Stadtteil abzulegen.

Wenig verwunderlich plädierten nicht nur Architekt Albert Wimmer, der den Masterplan mitentwickelte, und Christoph Gollner, zuständig für Stadterneuerung in Favoriten, für den Hauptbahnhof. Agnes Husslein, Direktorin des Belvedere, sprach von einer „Jahrhundertchance“: Zusammen mit dem 21er-Haus und dem Wien Museum könnte ein zweites MQ, ein „Quartier Belvedere“, entstehen. Stadtbaudirektorin Brigitte Jilka ergänzte: „Das Wien Museum thematisiert gesellschaftliche, kulturelle, urbane Veränderungen, und es gibt keinen besseren Ort in Wien, der das widerspiegelt, als die Gegend des Quartier Belvedere.“

Einige, darunter die Architekten Rüdiger Lainer, Wolf D. Prix und Andras Palffy, äußerten sich „ambivalent“. Dietmar Steiner, Chef des Architekturzentrums, übte Kritik: „Ich halte das hier nicht für eine Fach-Enquete, denn was wir an Informationen bekommen haben, war eher auf einem touristischen Niveau.“ Architektonische Hoffnungen habe er für keinen der beiden Standorte.

Die meisten aber sprachen sich mehr oder weniger „eindeutig für den Standort Karlsplatz“ aus, darunter der deutsche Stadtplaner Tom Sieverts, der Architekt Christoph Luchsinger (Professor für Städtebau an der TU Wien) und sein Kollege Rudolf Scheuvens (Professor für örtliche Raumplanung): Einen besseren Ort als jenen, an dem die „Verwerfungslinien aus der Geschichte dieser Stadt zusammentreffen“, könnte man kaum finden - noch dazu an der Wien, wie die Architektin Maria Auböck ergänzte. Zum Karlsplatz bekannten sich auch der Wiener Raumplaner Kurt Puchinger, der in Berlin lebende Architekt Günter Zamp-Kelp, Friedrich Dahm (Bundesdenkmalamt) sowie die Soziologen Jens Dangschat und Kenan Güngör.

Für Max Hollein, Museumsdirektor in Frankfurt, ist der Karlsplatz „der logische Ort“. Selbst Franz Kobermaier von der Magistratsabteilung 19 (Architektur und Stadtgestaltung) sieht „die Vorteile mehr beim Karlsplatz“. Die Architektin Martha Schreieck, die sich mit beiden Orten beschäftigt hatte, meinte, dass jener beim Bahnhof „äußerst kritisch zu sehen“ sei: Das ganze Areal müsse neu gedacht, ein Brückenschlag nach Favoriten geschaffen werden. Simone Raskob, Kulturdezernentin in Essen, macht sich um die Stadtentwicklung am Bahnhof keine Sorgen: „Die funktioniert auch ohne Museum.“ Und der Museumsberater Dieter Bogner warnte die Politiker: „Am Bahnhof planen Sie einen Misserfolg!“ Für Museen gäbe es die Regel, dass sie zum Publikum gehen müssten - und nicht umgekehrt. „Der Erfolg des MQ hat das gezeigt.“

Mailath-Pokorny war über die vielen Plädoyers pro Karlsplatz doch ein wenig verwundert, hielt aber an der „einmaligen Chance“ Bahnhof fest.

5. Dezember 2012 Der Standard

Viele Fachleute pro Karlsplatz

Standort des Wien Museums wird noch heuer entschieden

Der Morzinplatz wurde kürzlich als Standort für das Wien Museum ausgeschieden. Die Entscheidung fällt also zwischen dem Karlsplatz und dem Hauptbahnhof. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) hatte zwar versprochen, den Entscheidungsprozess transparent zu gestalten; Informationen über den gegenwärtigen Stand der Dinge erhält man aber keine: Laut seinem Büro gäbe es nichts Berichtenswertes.

Wie berichtet, plädiert Wolfgang Kos, Direktor des Wien Museums, für den bisherigen Standort, eben den Karlsplatz. Das Gebäude, zu klein und nicht mehr besucheradäquat, solle eine unter- und oberirdische Erweiterung bekommen. Mailath-Pokorny hingegen kämpft um den Standort Hauptbahnhof: Das Museum könnte in eine Immobilie der Erste Bank einziehen.

Eine Entscheidungshilfe sollte eine nicht öffentliche Enquete mit 40 Fachleuten bilden, die am 16. Oktober stattfand. Gerüchteweise hätten sich mehr als zwei Drittel, darunter Max Hollein, für den Standort Karlsplatz ausgesprochen. Das Büro von Mailath-Pokorny übermittelte dem Standard weder eine Liste der Redner noch eine Zusammenfassung.

Klar ist nur, dass der Stadtrat die Entscheidung zusammen mit den anderen Parteien treffen will. Isabella Leeb, Kultursprecherin der Wiener VP, findet die Vorgangsweise gut: „Das ist ein teures Zukunftsprojekt, das von allen mitgetragen werden muss.“ Gegenwärtig werden die beiden möglichen Standorte von Architekturbüros noch einmal geprüft: Querkraft beschäftigt sich mit dem Hauptbahnhof, Kuehn Malvezzi (Berlin) mit dem Karlsplatz.

So lange die Ergebnisse nicht vorliegen, will Leeb keinen Standort präferieren. Klaus Werner-Lobo hingegen, Kultursprecher der Grünen, bevorzugt den Karlsplatz: „Ein Wien Museum muss ein öffentlicher Ort sein - für alle Wiener und nicht nur für kulturinteressierte Menschen, die sich eine Ausstellung anschauen. Dafür ist der Karlsplatz weit besser geeignet.“ Für Erheiterung sorgt im Rathaus, dass auch SP-Kultursprecher Ernst Woller für den Karlsplatz ist - und damit auf Konfrontationskurs zu seinem Parteikollegen Mailath-Pokorny gehe.

Die endgültige Entscheidung soll, wie der Standard erfuhr, noch in diesem Jahr fallen.

16. Juni 2012 Der Standard

Günther Domenig 1934-2012

Günther Domenig, Mitbegründer der Grazer Architekturschule, starb 77-jährig. Er brach mit seinen genialen, revolutionären Entwürfen Sehgewohnheiten auf.

Günther Domenig grantelte gerne. Er rauchte wie ein Schlot. Er fuhr Sportwägen. Und er war seit Mitte der 1960er-Jahre einer der stilbildenden Architekten Österreichs. Bis zum Schluss ging er bei seinen Projekten immer von einer künstlerischen Idee aus: Er entwarf seine Architekturen nicht am Computer, sondern am Skizzenblock. So entstand auch sein letzter großer Solitär (2004, in Zusammenarbeit mit Hermann Eisenköck, einem hervorragenden Umsetzer von Domenigs genialen Entwürfen): das weithin sichtbare, an ein riesiges Schiff erinnernde T-Center in Wien-St. Marx.

Domenig, geboren am 6. Juli 1934 in Klagenfurt, studierte von 1953 bis 1959 Architektur in Graz. Die steirische Landeshauptstadt wurde nicht nur Wahlheimat, sondern auch Hauptwirkungsstätte. Mit seinen ersten großen Projekten, der Pädagogischen Akademie (1964, mit Eilfried Huth) und dem Mehrzwecksaal der Schulschwestern Eggenberg (1972) in Graz erregte Domenig Aufsehen: Damals war Beton das Material der Stunde. Und schon damals baute Domenig keine plumpen Kisten.

Man musste sich an Domenigs Visionen jedoch erst gewöhnen: Die Fassade seines Hochhauses in Leoben (ehemaliges Forschungs- und Rechenzentrum der Montan-Uni, 1970-1973) bestand aus verrosteten Metallplatten und wurde von der Bevölkerung seinerzeit als Scheußlichkeit empfunden.

Und dann brach Domenig eine Fassade auf - beziehungsweise befreite er sie aus dem Gefängnis des Rasters und gestaltete sie als biomorphes Wesen mit Knochen und Schuppen: Bis heute gilt die Zentralsparkasse in der Wiener Favoritenstraße (1975-1979) als eines der wichtigsten Bauwerke der österreichischen Nachkriegsmoderne. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz.

Steinhaus: 22 Jahre Bauzeit

Von 1980 an lehrte Domenig Architektur an der Grazer TU; und von da an arbeitete er auch konsequent an seinem privaten Lieblingsprojekt, dem vielteiligen, verschachtelten Steinhaus in Steindorf. Das expressionistische Gebäude, direkt am Ufer des Ossiacher Sees errichtet, polarisierte die Bevölkerung über Jahre hinweg. Es ist eine spektakuläre, in Beton und Stahl gegossene Gebäudelandschaft aus Fluchten und Schluchten, aus Felsen und Höhlen, an der er mehr als zwei Jahrzehnte arbeitete. Domenigs Opus magnum, das heute einhellig als Meisterwerk gilt, ist öffentlich zugänglich und wird regelmäßig von internationalen Architekturschulen und Unternehmen als Kultur- und Seminarstätte genutzt.

Durchaus mit Stolz erfüllte Domenig, der mit Huth spektakuläre Entwürfe für Bauwerke der Olympischen Spiele 1972 in München geliefert hatte, dass er die von Albert Speer errichtete Kongresshalle am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zu einem NS-Dokumentationszentrum (1998-2001) umbauen durfte: Hier konnte er sich am Nationalsozialismus abarbeiten. Oder - wie er seinen dekonstruktivistischen Entwurf kommentierte: „Ich schieße einen Speer in den Speer hinein.“

Zu den großen Gebäuden, die Domenig realisierte, gehören auch das ehemalige Hauptgebäude der Z-Bank bei Wien Mitte (in das DER STANDARD mit Jahresende einziehen wird), das gut 400 Meter lange ReSoWi-Zentrum der Uni Graz (1993-96) sowie das Landeskrankenhaus Graz West (1998-2000).

Domenig, der auch Bühnenbilder für Opern entwarf und 2004 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet wurde, starb am Freitagmittag in seiner Wohnung. Wie die Familie mitteilte, habe er den Wunsch geäußert, in seiner Heimat begraben zu werden. Am liebsten wäre ihm natürlich das Steinhaus gewesen.

26. Mai 2012 Der Standard

Richtungsstreit um Zukunft des Wien-Museums

Der Kulturstadtrat ist vom Zentralbahnhof fasziniert, der Direktor möchte aber am Karlsplatz bleiben

Vor sieben Jahren, 2005, hätte sich Wolfgang Kos, der Direktor des Wien-Museums, vorstellen können, das Künstlerhaus gegenüber mit einer Dauerausstellung zu Wien um 1900 zu bespielen. Doch dann nahm er von der Idee Abstand: Die Chancen auf einen Neubau oder zumindest Zubau wären gegen null gesunken.

Tatsache ist: Das Gebäude am Karlsplatz von Oswald Haerdtl aus dem Jahr 1959 entspricht längst nicht mehr den Erfordernissen eines zeitgemäßen Museumsbetriebes. Es gibt viel zu wenig Platz für die Sammlungen, und die Publikumsbereiche sind ungenügend. Zudem ist der Nachkriegsbau sanierungsbedürftig.

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) versprach, bis Ende 2010 die Frage, wo ein neuen Wien-Museum errichtet werden soll, geklärt und die Grundlagen für einen internationalen Architekturwettbewerb vorbereitet zu haben. Doch bis jetzt wurden keine Entscheidungen gefällt.

Den Vorwurf der Untätigkeit weist der Stadtrat im STANDARD-Interview von sich. In der von ihm eingesetzten Arbeitsgruppe hätten sich drei Standorte herauskristallisiert: Schwedenplatz, Zentralbahnhof und Karlsplatz.

Wenn man eine „Signalarchitektur“ realisieren will, für die Kos plädiert, ist der Schwedenplatz, wie Mailath-Pokorny eingesteht, „sicher der attraktivste Standort“. Die Realisierungschancen sind allerdings minimal: „Es gibt ungelöste Probleme hinsichtlich Statik, Widmungen und Möglichkeiten, die Bebauung zu verdichten. Die Wiener Linien müssten umgeleitet werden, man müsste den offenbar sehr lukrativen Standort einer Tankstelle ablösen etc.“

Der Stadtrat schwärmt unüberhörbar für den Zentralbahnhof: „Wir sind mit dem Liegenschaftseigentümer, der Erste Bank, in tiefgehenden Gesprächen, wie diese Partnerschaft aussehen könnte. Beim Projekt Donauplatte wurde die Kultur nicht von Anfang an mitgedacht. Hier ist es anders. Zudem kann man an vorhandene Einrichtungen anbinden.“ Unter dem Arbeitstitel „ Quartier Belvedere“ könne ein neuer Kulturbezirk entstehen: „Das ist faszinierend. Er bestünde aus dem Belvedere, dem 21er-Haus, dem Wien- Museum und dem Heeresgeschichtlichen Museum. Es gibt zudem Überlegungen, rund um die Piazza zwischen Gürtel und Bahnhof auch noch andere Kulturinstitutionen einzubeziehen.“

Kos: „Fehler rächen sich“

Kos ist vom Zentralbahnhof aber nicht begeistert. Das Museum wäre von Hochhäusern umzingelt. Und auch der Museumsfachmann Dieter Bogner bestätigte ihm, dass die zentrale Lage gerade für ein Museum, das die Stadt zum Thema hat, von entscheidender Bedeutung ist. „Direktoren und Inhalt kann man ändern“, sagt Kos, „den Standort nicht. Museen sind Jahrhundertprojekte, bei denen sich Fehler in der Zukunft unerbittlich rächen.“

Er bliebe lieber am Karlsplatz. Mailath-Pokorny verhehlt nicht, dass sich dort neue Möglichkeiten aufgetan hätten: „Das Winterthur-Gebäude zwischen Wien-Museum und Karlskirche kann mitgedacht werden. Man könnte das Gebäude redimensionieren, das würde die Freistellung der Karlskirche ermöglichen. Den Platz, den man verliert, müsste man irgendwo dazugewinnen - unterirdisch oder oben drauf. Das Projekt böte die Chance, am Standort zu bleiben, der natürlich der beste ist.“

Kos wartet zudem mit einer Überraschung auf: Laut einer Bebauungsstudie von Lakonis, eines in Wien auf stadträumliche Fragen spezialisierten Büros, wäre ein solitärer Neubau 20 Meter neben dem unter Denkmalschutz stehenden Haerdtl-Museum möglich. Die Sicht auf die Karlskirche wäre von keinem Punkt aus eingeschränkt, zwischen den beiden Museumsflügeln würde ein Vorplatz entstehen - und unter diesem könnte, als Verbindungselement, eine große Ausstellungshalle errichtet werden. Der Direktor sieht alle Vorgaben erfüllt. Und er weist auf den spannenden Dialog zwischen Neu und Alt hin: „Die Kunst besteht im Weiterschreiben wichtiger historischer Bauten in der Architektursprache der Gegenwart und Zukunft.“

Die Diskussion wird weitergehen. Wenigstens ist die Entscheidung für ein neues Depot gefallen. „Bei der Unterbringung von mehr als einer Million Objekte war tatsächlich Gefahr in Verzug, wie das Kontrollamt festgestellt hat“, sagt Mailath-Pokorny. „Das Museum wird demnächst die Mietverträge für ein neues Zentraldepot unterfertigen.“ Kos bestätigt dies - und hat eine Sorge weniger.

21. September 2011 Der Standard

Kein Geld fürs 21er-Haus

Der Schwanzer-Pavillon erstrahlt nun neu

Wien - Man könnte von einem Schildbürgerstreich sprechen: Um knapp 32 Millionen Euro wurde das ehemalige 20er-Haus in den letzten vier Jahren renoviert und ausgebaut; Geld für den Betrieb des gläsernen Pavillons, der nun 21er-Haus heißt, hat man aber bisher nicht eingeplant. Den möglichen Fragen der Journalisten stellte sich Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) nicht: Obwohl es sich „um eines der größten Kulturinfrastrukturprojekte der letzten Jahrzehnte“ gehandelt habe, sagte sie die Teilnahme an der Pressekonferenz am Dienstag kurzfristig ab - wegen eines anderen Termins.

Belvedere-Chefin Agnes Husslein, die Hausherrin, und Architekt Adolf Krischanitz ließen sich die Laune dennoch nicht verderben. Sie bejubelten die Fertigstellung der Bauarbeiten just an jenen Tag, an dem vor 49 Jahren Karl Schwanzers Pavillon für die Brüsseler Weltausstellung 1958 als Museum moderner Kunst im Schweizer Garten eröffnet worden war. Die Aura blieb erhalten, auch wenn die Treppen aus Brandschutzgründen eingehaust werden mussten.

Die offizielle Eröffnung erfolgt erst am 15. November - mit der Ausstellung Schöne Aussichten. Dann soll auch der neue Büroturm verglast und das Restaurant eingerichtet sein. Ob es auch 2012 Ausstellungen geben wird können, ist fraglich. Die jährlichen Kosten beziffert Husslein mit 4,3 Millionen Euro. Schöne Aussichten also.

12. November 2010 Der Standard

Ein Glaspalast für die Gegenwartskunst

Die erste Bauphase ist abgeschlossen: Am Mittwoch wurde das 20er-Haus dem Belvedere übergeben. Nun folgt der Innenausbau. Im September 2011 soll der Pavillon wiedereröffnet werden.

1958 für die Weltausstellung in Brüssel nach den Plänen von Karl Schwanzer errichtet, war der gläserne Pavillon im Schweizergarten von 1962 bis 2001 als 20er-Haus das erste Museum moderner Kunst des Bundes. Seit 2002, nach dem Umzug des Mumok in das Museumsquartier, gehört das unter Denkmalschutz stehende Gebäude zum Belvedere.

Es konnte aber, dringend sanierungsbedürftig, nicht genutzt werden. Erst nach jahrelangen Verhandlungen schrieb die Burghauptmannschaft, für den Pavillon zuständig, einen Wettbewerb aus. Adolf Krischanitz, ein Schüler von Schwanzer, gewann ihn. Doch die Finanzierung, vor allem des neuen Büroturms, blieb weiter ungeklärt. Erst im Juni 2008 konnte mit dem Umbau begonnen werden. Das Wirtschaftsministerium steuerte für die erste Phase 11,3 Millionen Euro bei, das Kulturministerium 2,7 Millionen und die Wotruba-Stiftung, die mit ihrem Archiv und ihrer Sammlung einziehen wird, eine Million Euro.

Die unterirdisch gelegene Nutzfläche wurde von 1100 auf 5000 Quadratmeter erweitert, die Dach- und Fassadenflächen, die Stahltragwerkskonstruktion sowie die Ver- und Entsorgungseinrichtungen wurden saniert, zwei Flucht-Stiegenhäuser eingebaut.

Die erste Bauphase ist nun abgeschlossen. Am Mittwoch übergab die Burghauptmannschaft den Rohbau an Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco. In der zweiten Phase folgt der Innenausbau. Viel Zeit bleibt aber nicht: Husslein-Arco will die Dependance, die sich der österreichischen Kunst seit 1945 im internationalen Kontext widmen wird, am 20. September 2011 mit einer Ausstellung eröffnen, die sich künstlerisch mit der Geschichte des Pavillons beschäftigt: Genau 49 Jahre zuvor, am 20. September 1962, war das 20er-Haus seiner Bestimmung übergeben worden.

Für den Innenausbau sind etwa 16 Millionen Euro vonnöten. Deren sechs sind vorhanden, die fehlenden zehn Millionen wurden zwar zugesagt, aber noch nicht zugesichert. Husslein ist aber zuversichtlich: „Kulturministerin Claudia Schmied betonte mehrfach, wie wichtig ihr das Projekt ist.“

Nicht inkludiert in den Kosten ist der Bau des Büroturms: Das Belvedere hat ihn über Sponsoring zu finanzieren. Husslein-Arco glaubt, bis zur Eröffnung zumindest die Fassade realisieren zu können: „Das 20er-Haus braucht ein Zeichen.“ Ein Eyecatcher ist der Büroturm schon jetzt. Denn Marko Lulic erklärte das Gebäude in großen Lettern zum Museum of Revolution (siehe O-Ton). Des Widerspruchs, dass ein Museum der Gegenwartskunst im 21. Jahrhundert „20er-Haus“ heißt, ist sich die impulsive Direktorin bewusst. Die Marke sei aber sehr stark - und werde daher wohl nicht geändert.

Zur Verfügung stehen künftig 6825 Quadratmeter. Neben der Wotruba-Stiftung wird auch die Artothek des Bundes einziehen. Aber allein die reine Ausstellungsfläche für das Belvedere beträgt 2275 Quadratmeter. Diese zu bespielen kostet viel Geld. Zudem ist Miete zu zahlen. Husslein-Arco hofft daher auf eine Erhöhung der Basisabgeltung. Derzeit schaut es aber schlecht aus: Schmied gab bekannt, dass die Subvention 2011 nicht erhöht werden könne.

5. März 2010 Der Standard

Raimund Abraham 76-jährig gestorben

Der austro-amerikanische Architekt, bekannt durch den Bau des Kulturforums in New York, starb bei einem Autounfall in L.A.

Bereits 1984 hatte Peter Marboe, damals Leiter des Kulturinstituts in New York, einen Neubau vorgeschlagen, weil ihm eine Sanierung des alten, asbestverseuchten Hauses in der 52. Straße nicht sinnvoll erschien. Und tatsächlich wurde vom Außenministerium ein offener Wettbewerb ausgelobt. Als Sieger ging aber nicht Hans Hollein hervor, wie es erwartet worden war, sondern ein ziemlicher Nobody: Raimund Abraham.

Der Osttiroler, 1933 in Lienz geboren, hatte von 1952 bis 1958 an der TU in Graz studiert. Zwischen 1960 und 1964 arbeitete er als freischaffender Architekt in Wien, danach war er Professor an der Rhode Island School of Design in Providence. 1971 übersiedelte er nach New York, wo er als Adjunct Professor am Pratt Institute und als Gastdozent an der Cooper Union for Advancement of Science and Art tätig war.

Realisiert hatte Abraham bis 1992 nicht viel, nur ein paar Häuser. Bei den wirklich großen Wettbewerben (z.B. Centre Pompidou oder Bastille-Oper in Paris) war er immer nur Zweiter geworden. Damit hatte der gedrungene Mann mit dem mächtigen Schnurrbart und dem weißen Hut aber kein Problem: Abraham verstand sich eher als Theoretiker und beschäftigte sich vor allem mit „imaginärer Architektur“ . Diese sei, sagte er, viel besser als gebaute, wenn sie schlecht ist. Der Titel seiner Monografie, 1996 erschienen, hieß daher treffend [UN]BUILT.

Die Pläne für das in „Kulturforum“ umgetaufte Institut hingegen versprachen eine nachgerade exemplarische Architektur: Seit dem Seagram Building des Mies van der Rohe habe es kein vergleichbares Werk mehr in der Stadt gegeben, lobten die Kritiker.

Bis zur Realisierung des Miniwolkenkratzers mit der wasserfallartigen Glas-Alu-Fassade - rund 20 Stockwerke hoch bei einer Gebäudebreite von nur 7,6 Metern - brauchte es aber Jahre. Zuerst verweigerte der damalige Finanzminister Andreas Staribacher die Mittel, dann pfuschten die Baufirmen, schließlich gab es auch noch Umplanungen.

Das Haus wurde nicht, wie einst vorgesehen, als Höhepunkt des österreichischen Millenniums 1996 eröffnet. Und die Kosten explodierten von projektierten 13 auf 33 Millionen Dollar.

Im April 2002 konnte das Kulturforum schließlich feierlich eröffnet werden. Der Baukünstler war sichtlich stolz. Die Freude der Regierungsvertreter aber ein wenig getrübt: Raimund Abraham, der sich nie den Mund verbieten ließ, hatte aus Protest gegen die schwarz-blaue Regierung um die US-Staatsbürgerschaft angesucht. Er erhielt sie - kurz vor der Eröffnung. Österreicher blieb er dennoch.

Am 4. März kurz nach Mitternacht starb Abraham in Downtown Los Angeles bei einem Autounfall: er stieß mit einem Autobus zusammen. Wie das österreichische Generalkonsulat mitteilte, hatte Abraham nur wenige Stunden zuvor noch einen Vortrag am Southern California Institute of Architecture (SCI-Arc) gehalten. Dessen Direktor Eric Owen Moss beschrieb ihn in einer ersten Reaktion als „unersetzbare Kraft in der Architektur“. Das Institut veranstaltet am Freitag um 13.00 Uhr eine Zusammenkunft im Gedenken an Abraham.

14. April 2009 Der Standard

Pritzker-Preis 2009 für den Schweizer Peter Zumthor

Im Herbst 2008 hatte Peter Zumthor den Praemium Imperiale, den „Nobelpreis der Künste“, zuerkannt bekommen - nun erhält der Schweizer Architekt, 1943 in Basel geboren, auch den Pritzker-Preis für Baukunst 2009. Die Entscheidung der neunköpfigen Jury unter dem Vorsitz von Lord Peter Palumbo wurde am Montag in Los Angeles bekanntgegeben. Die Überreichung findet am 29. Mai in Buenos Aires statt.

Der Pritzker-Preis, dotiert mit 100.000 Dollar, wird seit 1979 vergeben und ist die weltweit höchste Auszeichnung für Architekten. Er wurde von dem Chicagoer Unternehmer Jay A. Pritzker gestiftet. Die Familie besitzt u. a. die Hyatt-Hotelkette. Mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurden etwa Hans Hollein (1985), Frank O. Gehry (1989), Renzo Piano (1998), Rem Koolhaas (2000), Zaha Hadid (2004) und Jean Nouvel (2008).

Der bei Chur lebende Zumthor ist - zusammen mit Jacques Herzog und Pierre de Meuron, den Pritzker-Preisträgern 2001 - einer der renommiertesten Schweizer Architekten. International bekannt wurde er mit der Therme Vals (1996) und dem Kunsthaus Bregenz (1997). Zumthor baute auch den Schweizer Klangkörper-Pavillon für die Expo 2000 in Hannover. Zuletzt, 2007, wurde das Kunstmuseum Kolumba des Erzbistums Köln fertiggestellt.

26. November 2005 Der Standard

Orchideenzucht im Barockpalais

Die Österreichische Nationalbibliothek verfügt ab nun über einen weiteren Standort: Im restaurierten wie auch modernisierten Palais Mollard in der Herrengasse sind das Globenmuseum, die Musiksammlung und das Esperantomuseum untergebracht.

Orchideen scheinen überall wachsen zu können. Bisher war das Esperantomuseum in der Hofburg ziemlich versteckt unter der Michaelerkuppel untergebracht: Man brauchte schon einen gewissen Expeditionsgeist, um zu ihm zu gelangen. Und man stieß auf eine Einrichtung, die an das Bezirksmuseum eines Dorfes hinter dem Eisernen Vorhang anno '78 erinnerte.

Johanna Rachinger, die Generaldirektorin der Nationalbibliothek, vertrieb die Esperantisten nun aus deren Elfenbeinturm in die Niederungen der Realität: Das Museum (samt der weltgrößten Sammlung für Plansprachen, darunter auch das „Klingonisch“ aus Star Trek) befindet sich im Erdgeschoß des Palais Mollard, Herrengasse 9. Ob es paradoxerweise dennoch einen „enormen Aufstieg“ genommen hat, wie Rachinger bei der Eröffnung am Freitag meinte, darf bezweifelt werden: Man fällt eben nicht von der U3-Station direkt in die schlauchartigen, eher drückenden Räume, sondern muss ziemlich weit nach hinten, in den zweiten Hof gehen, und von dort wieder zurück.

Bunte Glaspaneele

In rund zweieinhalb Jahren wurde das barocke Palais Mollard, in dem bis 1999 das Niederösterreichische Landesmuseum untergebracht war, von der Burghauptmannschaft um 10,7 Millionen Euro für die ÖNB restauriert und umgebaut: Architekt Gerhard Lindner überdachte den zweiten Hof für die Serviceeinrichtungen (Garderobe, Info-Desk) und zog dort ein Stiegenhaus mit Liftanlage und Wandverkleidung beziehungsweise Raumteiler aus bunten Glaspaneelen hoch. Auch wenn es gute Gründe - wie den Denkmalschutz - dafür gab: Die Erschließung des Gebäudes über den letzten Winkel, der im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, erscheint ziemlich kontraproduktiv.

Helle Lesesäle

Und auch von der Ästhetik her enttäuscht die Lösung ein wenig: Über den Köpfen ragt ein fensterloser Betonkubus in den Innenhof, der als vollklimatisiertes Depot für die bisher in der Albertina geduldete Musiksammlung dient. Diese ist insgesamt wohl der größte Gewinner der Konzentration von drei ÖNB-Standorten auf einen: Die sehr hellen, benutzerfreundlichen Lesesäle und die große Phonoabteilung im dritten Stock atmen Weite.

Direkt darunter liegt die Beletage mit den prunkvollen, sorgfältig wiederhergestellten Sälen Hoboken, Coronelli und Clary - sie werden für Veranstaltungen vermietet und dienen unter anderem für die von der ÖNB konzipierten Musik-wie Literatursalons.

Im ersten Stock schließlich wurde auf 323 Quadratmetern das Globenmuseum neu aufgestellt (siehe Bericht unten). Dessen alte Räumlichkeiten am Josefsplatz erhält die aus allen Nähten platzende Kartensammlung. Der Umbau ist das nächste Vorhaben von Rachinger, die in den letzten Jahren unter anderem die Ausleihe und die Lesesäle am Heldenplatz völlig modernisierte.

Für die Einrichtung des Palais Mollard erhielt die ÖNB vom Bildungsministerium ein Sonderbudget von 2,6 Millionen Euro; und für den Betrieb erhält sie jährlich 176.000 Euro. Das ansonsten weiterhin gedeckelte Gesamtbudget beträgt daher 20,8 Millionen.

Die Musiksammlung ist bereits zugänglich, die Museen sind ab 1. Dezember geöffnet: von Montag bis Mittwoch, Freitag und Samstag 10-14 Uhr, Donnerstag 15-19 Uhr.
www.onb.ac.at

5. November 2005 Der Standard

„Denkanstöße für die Zukunft“

Eva-Maria Höhle, Generalkonservatorin des Bundesdenkmalamts, über die Unterschutzstellung von NS-Objekten

Volkstheaterdirektor Michael Schottenberg ließ die Holztäfelungen des 1938 eingerichteten Hitlerzimmers abmontieren, obwohl er damit bewusst gegen Auflagen des Denkmalamtes verstieß. Warum hatte das Denkmalamt kein Einsehen? Der Raum war ohnedies nicht zugänglich.
Eva-Maria Höhle: Die öffentliche Zugänglichkeit ist kein Kriterium für den Denkmalschutz. Denken Sie an private Schlösser, Bauerhäuser, Klöster! Das Volkstheater steht mit allen späteren Veränderungen unter Denkmalschutz. Man nennt so etwas den „gewachsenen Zustand“. Also inklusive des Hitlerzimmers, auch wenn dieses im Denkmalschutzbescheid nicht expressis verbis erwähnt ist. Bei der Generalsanierung 1981 gelangte man mit der damaligen Theaterleitung zur Auffassung, dass das Hitlerzimmer als Jahresring des Hauses zu erhalten ist.

Der Wiener SP-Planungsstadtrat Rudolf Schicker stellte sich hinter Schottenberg: „Ein Zimmer, das zu Hitlers Ehre errichtet wurde, aus genau diesem Grund als erhaltenswert einzustufen ist skurril und gefährlich.“ Das grenze an „Revisionismus“. Es sei auch Aufgabe des Denkmalamtes, die politische Dimension zu sehen.
Höhle: Wir sehen sehr wohl diese politische Dimension! Jedes Objekt ist ein Zeugnis seiner Zeit. Wir erhalten auch die Hofburg - und zwar nicht, weil wir glühende Monarchisten wären. Man muss sich zu seiner Geschichte bekennen. Bauwerke aus einer Zeit, die man eigentlich nicht gerne in Erinnerung hat, haben daher umso mehr Bedeutung. Wenn Objekte aus der NS-Zeit unter Schutz gestellt werden, dann nicht zuletzt deshalb, weil damit auch Denkanstöße für die Zukunft erhalten werden. Schottenberg hat mit dem Abriss dieses Zimmers genau das Gegenteil dessen getan, was er erklärtermaßen tun wollte, denn er verhindert mit der Vernichtung die Erinnerung für die Zukunft. Lenin-Denkmäler wurden vom Sockel gekippt, die Berliner Mauer wurde geschleift. Das passiert als spontane Reaktion und darf nicht verwechselt werden mit Maßnahmen, die Jahrzehnte später gesetzt werden sollen im Sinne einer Geschichtskorrektur. Denn dann gehören die Objekte bereits zur Geschichte dazu. Dieser Unterschied dürfte Schottenberg nicht klar sein.

Schicker führt als weiteres „bedenkliches“ Beispiel das Wartehäuschen vor dem Hotel Bristol an, das unlängst mit der Begründung, es sei das erste öffentliche Gebäude nach der Machtergreifung, unter Schutz gestellt wurde.
Höhle: Das ist nicht korrekt. Es wurde unter Schutz gestellt, weil es sich um ein architektonisch charakteristisches Objekt aus der Zwischenkriegszeit handelt. Die Begründung hat rein gar nichts mit der NS-Zeit zu tun. Ein Foto beweist, dass es das Häuschen bereits 1928 gab.

Das Denkmalamt sprach sich gegen eine Aufstockung des Flakturms im Augarten aus, der als Datenspeicher verwendet werden soll. Das Bildungsministerium als übergeordnete Dienststelle billigt das Vorhaben. Sind Sie enttäuscht?
Höhle: Es ist noch keine endgültige Entscheidung gefallen. Denn es fehlt z. B. die Baubewilligung. Ich halte die Flaktürme für wesentliche Monumente der NS-Zeit. Es geht uns darum, die Identität der Bauwerke als Mahnmale zu erhalten. Zubauten können zu einer sehr starken Identitätsänderung dieser Objekte führen.

5. November 2005 Der Standard

Die letzten Burgen des Abendlandes

Der Umgang mit den sechs Wiener Flaktürmen sorgt schon seit den 60er-Jahren für Diskussionen

Ab 1942 wurden in Wien, weil Hitler das Stadtzentrum als „eines der wertvollsten in Deutschland“ erachtete, in Windeseile sechs „Fliegerabwehrtürme der Deutschen Wehrmacht“ errichtet. Friedrich Tamms, bis 1940 Autobahnarchitekt, hatte diese groben Klötze zuerst für Hamburg und Berlin konstruiert: zehn, elf Stockwerke hoch und Eisenbeton pur, bis zu drei Meter dicke Außenmauern, fensterlos kahl. Bei allen führt rund zehn Meter unter dem Plateau eine Galerie mit weit ausgreifenden Erkern, verniedlichend „Schwalbennester“ genannt, rundum, die herabzustürzen und den Betrachter zu begraben drohen.

Zusammen gehören jeweils ein quaderförmiger Feuerleitturm, auf dem die „Nürnberger Riesen“, das Pendant zum Radar, installiert waren, und ein Geschützturm. Jener besonders plumpe im Arenbergpark, so groß wie der Arc de Triomphe in Paris, ist noch der Prototyp. Die anderen beiden in der Stiftskaserne und im Augarten sind 16-eckig, fast rund. Die Türme verfügten, wie Tamms 1965 schrieb, „über Eigenbrunnen, eigene Kraftwerke und waren gegen Kampfgase sowie Sprengstoffe vollkommen abgeschirmt. Sie waren in jeder Weise gegenüber der damaligen Waffentechnik autark.“ Und damit die letzten Burgen des Abendlandes: In ihnen befanden sich Schutzräume für die Bevölkerung, Krankenhäuser, Lagerhallen. Sie waren vollklimatisiert, bis ins letzte Detail durchdacht.

Auch ihre Standorte hatte Tamms nicht dem Zufall überlassen: Die trigonometrische Anordnung umschließt die Altstadt innerhalb des Rings. Zudem achtete er auf städtebauliche Gegebenheiten: Der Geschützturm in der Stiftskaserne bildet den Abschluss des streng symmetrisch angelegten Kaiserforums. Otto-Wagner-Schüler Hans Mayr beispielsweise hatte 1902 für diesen markanten Punkt auf dem Spittelberg eine Kathedrale entworfen. Und auch Tamms, der die Flaktürme euphemistisch „Schieß-Dome“ nannte, hatte Ähnliches im Sinn: Nach dem Endsieg sollte der Zweckbau in den Kreis der „Totenburgen“ eingegliedert werden, die Wilhelm Kreis, Generalbaurat für die Gestaltung deutscher Kriegerfriedhöfe, ersann. Entlang der äußersten Kante der Plattform wäre der Turm mit schwarzem Marmor ummantelt worden. „Die Steine werden reden, wenn auch die Menschen längst verstummt sind“, schrieb Tamms in der NS-Zeit. Aber auch der nackte Stahlbeton redet. Über Schrecken, Hunger und Tod.

Den Geschützturm im Arenbergpark nutzt MAK-Chef Peter Noever, der ihn gerne zum „Contemporary Art Tower“ ausbauen würde, als Depot und Ausstellungshalle, jener in der Stiftskaserne dient dem Bundesheer als Datenzentrale, die dazugehörige Leitstelle im Esterházypark beherbergt ein Aquarium. Die drei weiteren, desolat und geplündert, stehen leer.

Seit Jahrzehnten überlegt man, was zu machen sei mit den „grässlichen Ungetümen einer fürchterlichen Zeit“. Immer wieder meldeten sich Sprengmeister, die vorgaben, die Flaktürme atomisieren zu können, ohne die Umgebung mit in die Luft zu jagen, und eine Schweizer Firma bot an, den Beton mit Laserkanonen zu zerschneiden. 1976 wollte Christo den Esterházy-Turm „einpacken“, denn es reizte ihn, „die schwere und massive Struktur zum Verschwinden zu bringen“. Er meinte, für Wien wäre es sehr nett, bliebe der Turm möglichst lange verpackt. Den gegenteiligen Weg wählte Lawrence Weiner: Sein Schriftzug „Smashed to Pieces (In the Still of the Night)“ aus dem Jahr 1991 nimmt direkt Bezug. Erst nach Interventionen wurde der Kommentar in diesem Frühjahr restauriert.

Neben Künstlern (aber auch Malern und Anstreichern) waren es vor allem Architekten, die sich mit den Kolossen beschäftigten und sie, wie manch Teilnehmer des Wettbewerbes „Skyscraper für Wien“ (1986), als Sockel verwenden wollten: Hans Hollein setzte Anfang der 60er-Jahre spielerisch Büro-Würfel auf, zuletzt (ab 1997) plante Wilhelm Holzbauer für Arcotel ein Luxushotel als Bekrönung des Esterházy-Turms. Die zwingendste Idee hatten 1964 Johannes Spalt/Friedrich Kurrent für ein „Wien der Zukunft“: Sie wollten das Zentrum durch riesige Aufbauten optisch fixieren (ähnlich den radialen Wolkentürmen für Moskau).

Doch für die meisten waren die Türme zwar markante, aber hässliche Klötze. Also wurde in den Köpfen eifrig ummantelt, umbaut und seitlich von der Plattform abgehängt. Verdrängung ist schließlich des Österreichers liebstes Spiel. Entstanden wären um die Betonkerne Stadthotels, Geschäftszentren, Studentenhäuser für Musikbeflissene. Carl Auböck zum Beispiel schlug 1971 für den Flakturm Esterházypark eine Parkgarage samt Erholungszentrum und Hubschrauberlandeplatz vor. Ummantelungen werden aber seit jeher von Architekturkritikern missbilligt. Bereits 1962 wehrte sich Friedrich Achleitner vehement gegen ein 400-Gar¸connieren-Projekt, das unter dem Deckmantel der Stadtverschönerung präsentiert worden war.

Auch die unterschiedlichsten Nutzungen wurden überlegt: als Standort für den Versuchsreaktor der Atomenergiegesellschaft, für eine Champignonzucht, als Museen (Haus der Geschichte, Holocaust-Museum), als Kommunikationszentren und Discotheken. 1987 vereinigte die Architektin Dietlind Erschen all die archivierten Ideen zu einem Konzept (Kulturzentrum, Fitnesscenter mit Sauna, Hallenbad und Turnsälen, Forschungszentrum, Museum für Zeitgeschichte und ein Notspital). Viele weitere Vorschläge brachte 2003 ein Wettbewerb der Kronen Zeitung: Die Leser schlugen Spielkasinos, Planetarien, Seilbahnstationen, Sprungschanzen vor. Nichts wurde realisiert.

Seit 2002 will die Firma DCV den aufgrund einer Explosion nach dem Krieg ramponierten Geschützturm im Augarten als Datenspeicher verwenden. Eine Baugenehmigung gibt es noch nicht. Zum Glück. Denn, wie schon Johannes Spalt 1987 sagte: „Die Flaktürme sollen so erhalten bleiben, wie sie sind, selbst wenn sie keinem Zweck dienen, sie sind einfach schön und imponierend, sie sind Denkmale.“

23. Oktober 2004 Der Standard

Schausbergers Genugtuung

Kein Luftschloss wie Guggenheim: Das Museum der Moderne

Schuld waren eigentlich die Casinos Austria. Wollten doch die Glücksritter über das Jahr 1999 hinaus, in welchem der Mietvertrag auslief, auf Schloss Kleßheim residieren - und nicht wieder zurück ins Café Winkler am Mönchsberg. Sie boten daher an, den Umbau des architektonisch missglückten 70er-Jahre-Baus mitzufinanzieren.

Hinzu kam, dass ein Guggenheim-Museum im Berg, für das Hans Hollein bereits 1990 seine Pläne präsentiert hatte, aufgrund Naturschutz- und Kostengründen nicht so leicht umzusetzen schien: 1996 beteuerte Franz Schausberger, damals VP-Landeshauptmann, er hätte Guggenheim zwar nie aufgegeben, aber „wir haben auf dem Mönchsberg eine Ruine. Die wäre für eine kulturelle Nutzung möglich.“

Und er trug Klaus Albrecht Schröder, damals Leiter des Kunstforums in Wien, auf, eine Museumsordnung für Salzburg zu entwickeln. Kernstück des im Februar 1997 präsentierten Konzeptes war ein neues Museum für moderne Kunst samt Ausstellungshalle: Das Rupertinum sollte nur mehr die Grafik und die Fotosammlungen beherbergen, der Rest zusammen mit Privatsammlungen (darunter jene des Liechtensteiner Ehepaars Herbert und Rita Batliner) auf den Mönchsberg wandern.

In der Folge wurde ein von Schröder betreuter Architekturwettbewerb ausgeschrieben: Die Substruktionen sollten erhalten bleiben, die Baumassen des bestehenden Gebäudes nicht verändert werden. Die Kostenobergrenze lag bei 21,8 Millionen Euro.

Ende Juni 1998 war der Wettbewerb, an dem sich 145 Architekten(teams) beteiligt hatten, entschieden - zugunsten von Stefan Zwink, Stefan Hoff und Klaus Friedrich aus München. Das Siegerprojekt zeichne sich, so die Jury, durch präzise Bezugnahme auf den Ort aus. Dies äußere sich sowohl im Panoramafenster des Restaurants hin auf die Altstadt als auch in der Bedachtnahme auf den historischen Wasserturm.

Im Februar 1999 war die Finanzierung gesichert: Je 8,72 Millionen Euro würden das Land Salzburg und der Bund beisteuern, die restlichen 4,36 Millionen diverse Sponsoren. Der Baubeginn sollte 2000 erfolgen, die Eröffnung 2002.

Nach wie vor wurde am Plan festgehalten, die Sammlung Batliner zu zeigen, da die Bestände des Rupertinums nicht geeignet seien, zumindest 100.000 Besucher pro Jahr anzulocken. Batliner war aber wiederholt mit dem Verdacht der Geldwäsche in Verbindung gebracht worden: Die Grüne verlangten daher eine Nachdenkpause - und plädierten für die Realisierung des Guggenheim-Museums.

Schausberger beteuerte, an diesem sehr wohl interessiert zu sein, das Museum am Berg war ihm aber weit wichtiger: Es sei kein Gegenprojekt zu jenem im Berg, aber ein realitätsbezogenes und vor allem finanzierbares. Eine Diskussion über ein zusätzliches Museum (zusammen das „Kunstzentrum Mönchsberg“) sei nur dann sinnvoll, wenn die Stadt definitiv ein Drittel der Kosten übernimmt - und wenn verbindliche Beschlüsse über die Widmung (u. a. Raumordnung und Baurecht) vorliegen.

Die Stadt legte sich dennoch quer: Das Land musste erst drohen, alle Pläne fallen zu lassen, wenn sich der Baubeginn weiter verzögere. Im August 2001 wurde schließlich die Bewilligung erteilt, im Frühjahr 2002 mit dem Abriss des Café Winkler begonnen.

Anfang März 2004 verlor Schausberger die Landtagswahlen. Aber er hatte seine Genugtuung: Der Kostenrahmen (22 Mio. Euro) wurde eingehalten, die Voreröffnung des Museums fand im Sommer statt. Guggenheim hingegen bleibt ein Luftschloss.

12. April 2004 Der Standard

Roland Rainer (1910-2004)

Der unbequeme Architekt, Stadtplaner und Theoretiker Roland Rainer starb am Samstag, wenige Tage vor seinem 94 Geburtstag

Rainer plädierte für „direkte“ Architektur, die der Funktion dient, und einen menschengerechten Wohnbau: Das Hochhaus war ihm verhasst.

Wien - Vor knapp vier Jahren, am 27. April 2000, feierte die Architektenschaft ihren Doyen: Man pries Roland Rainer, der vier Tage später, am 1. Mai, 90 Jahre alt wurde, mit unendlich vielen Worten in der Halle E der Wiener Stadthalle, die er 1954 bis 1958 erbaut hatte. Und der alte Herr, dem Eitelkeit zuwider war, schien glücklich. Nicht der Standing Ovations wegen: Seine Lieblingshalle war restauriert worden. Und in seiner Rede, denkbar knapp, sagte er gerührt, sie sei noch nie so schön gewesen: „Man hat mich verstanden. Kein Klimbim. Keine Späße. Schönheit.“

Doch das sollte nicht generell für die Stadthalle gelten, deren klare Form das Logo bildet: Die Betreiber modernisierten den Bau, tauschten die schlichten Sessel gegen samtgepolsterte Stühle in Pink und Altgold aus; die Garderobeständer landeten beim Sperrmüll, wo sie von einigen, die den Wert erkannten, herausgefischt wurden - im Herbst 2003 zahlte jemand bei Sotheby's in London 5600 Euro dafür. „Ich wollte mit meinen Möbeln nicht repräsentieren“, klagte Rainer gegenüber dem STANDARD. Seine Intentionen wurden zerstört: „Mich hat keiner je kontaktiert.“

Vielleicht hat man Rainer doch nicht verstanden. Oder wollte es nicht. Denn immer trat er für ein menschengerechtes Wohnen ein. In anderen Bereichen (Büro, Hotel, Krankenhaus) sei das Stapeln von Stockwerken durchaus zweckmäßig, aber „zum Wohnen braucht der Mensch Ruhe, Geborgenheit, Intimität, einen Garten“, sagte er. „Es ist eine Tatsache, dass die Mehrzahl im Einfamilienhaus die gewünschte Wohnform sieht.“ Doch dies werde nicht respektiert, nur Hochhäuser brächten Renommee: „Damit steht man groß da. Jeder will den Knalleffekt - aber lauter Knalleffekte haben keine Wirkung.“

Sich anbiedern, Kompromisse eingehen, nach Effekten schielen, modisch sein: Das war nie sein Weg. 1935 dissertierte Rainer, 1910 in Klagenfurt geboren, an der Technischen Hochschule in Wien über den Karlsplatz, dessen problematische Gestaltung ihn jahrzehntelang beschäftigte. 1937 ging er nach Berlin zur Deutschen Akademie für Städtebau. Nach dem Kriegsdienst übersiedelte er 1945 zurück nach Österreich. Seine an der TU eingereichte Habilitationsschrift Die Behausungsfrage wurde 1946 mit der Begründung abgelehnt, es handle sich um eine „sozialpolitische Propagandaschrift“.

Planung mit Weitsicht

1956, nach drei Jahren als Ordinarius an der TU von Hannover, übernahm er an der Akademie der bildenden Künste eine Meisterklasse für Architektur, die er bis 1980 leitete. Und 1958 wurde er zum Stadtplaner von Wien berufen - er legte einen Entwicklungsplan vor, der zu den fortschrittlichsten in Europa zählte und in Grundzügen (Schaffung der Donauinsel und neuer Stadtzentren) verwirklicht werden sollte. Aber aus Protest gegen politische Verhinderungen trat er 1963 zurück. Das bedeutete auch das Ende der Architektentätigkeit im Auftrag der Stadt Wien.

Doch er baute das ORF-Zentrum. Und von 1963 an entstand bei Linz die Gartenstadt Puchenau: Rainer erbrachte den Nachweis, dass mit dem verdichteten Flachbau - niedrige Verbauung in Terrassen, abgeschlossene, intime Gartenbereiche - „grüne“ Gesinnung kostengünstig und Flächen sparend umgesetzt werden kann. Sowohl das ORF-Zentrum als auch die Gartenstadt, der weitere folgten (z. B. 1990-92 in der Tamariskengasse in Wien), begleiteten ihn sein weiteres Leben: Puchenau wuchs in Etappen auf eine autofreie Stadt mit zwei Kilometer Länge und 1000 Wohnungen an; und vor drei Jahren entstand am Küniglberg ein Zubau, ein dreigeschoßiger Bürotrakt aus Stahl und Glas mit einer Dachterrasse.

Bei anderen Gebäuden war ihm hingegen nicht dasselbe Glück beschieden: Das Domes-Lehrlingsheim in Wien wurde abgerissen und durch ein Kulturheim im „Funktionärsbarock“, so ein Lieblingsausdruck von Rainer, ersetzt. In Kötschach-Mauthen steht eine Kirche, die er als „kein Werk von mir“ bezeichnet, weil sie kurz vor der Fertigstellung stark verändert wurde. Und auch das Haus, das er für Franz Morak plante, sei keines: Der Staatssekretär soll zu massiv eingegriffen haben. Doch zumindest das 1958 fertig gestellte Böhler-Bürohaus gegenüber der Akademie am Schillerplatz mit seiner Glas-Aluminium-Fassade, das jahrelang leer stand, wurde gerettet: Komplett saniert, dient es heute als Nobelhotel.

Im Jahr 2000 antwortete Rainer auf die Frage, ob er jemals zu arbeiten aufhören werde: „Zur Ruhe legen werde ich mich wohl eines Tages müssen, zur Ruhe setzen nie.“ Am vergangen Samstag legte sich Rainer zur Ruhe.

31. Dezember 2003 Der Standard

Retortenstadt eines Pharmakonzerns

Novartis errichtet bei Basel einen „Campus des Wissens“, Adolf Krischanitz baut mit

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis (78.500 Mitarbeiter in 140 Ländern) plant, sein Werkareal in St. Johann bei Basel sukzessive in einen „Campus des Wissens“ zu verwandeln: Die Produktionsstätten werden ausgelagert, auf einem 30 Fußballfelder großen Gelände sollen Kommunikations-, Administrations- und Forschungseinrichtungen in einer stadtähnlichen Struktur - samt Allee, Arkaden und Piazza - errichtet und mit Restaurants, Fitnesscenters und Geschäften ergänzt werden. 2008 dürften bereits 6000 Mitarbeiter Platz gefunden haben, der „Idealzustand“ wird aber erst in 20 oder 30 Jahren realisiert sein.

Den Masterplan für diesen „Denkort“ mit rund 30 Gebäuden entwickelte Vittorio Magnago Lampugnani. Die Architekten der ersten vier Neubauten wurden bereits in geladenen Wettbewerben entschieden: Diener & Diener bauen die Hauptverwaltung, Peter Märkli und Kazuyo Sejima/ Ryue Nishizawa zwei Bürogebäude. Den Wettbewerb für das Forschungs- und Entwicklungszentrum „WSJ-150“ konnte der Wiener Architekt Adolf Krischanitz für sich entscheiden. Er setzte sich, obwohl er bisher keine Erfahrung im Laborbau hatte, unter anderem gegen Gigo & Guyer, The Stubbins Associates und Harry C. Wolf durch.

Das 55 mal 35 Meter große, pavillonartige Gebäude beherbergt zu ebener Erde Büros und einen Veranstaltungssaal, darüber liegen vier dreischiffige Geschosse mit flexibel nutzbaren und leicht veränderbaren Labors. Die Kosten schätzt Krischanitz auf 40 bis 45 Millionen Euro. Der Baubeginn erfolgt im ersten Quartal 2005, Ende 2006 soll das Gebäude bezogen werden.

23. Oktober 2003 Der Standard

„Die Räume sind eine Herausforderung“

Kunsthaus Graz

Als Intendant des Landesmuseums Joanneum ist Peter Pakesch auch Chef des Kunsthauses. Über die Tücken der „blauen Blase“ und die ersten Ausstellungen, die im Konnex mit der Architektur stehen, sprach er mit Thomas Trenkler.

Standard: Die Architektur des Grazer Kunsthauses wurde in den Medien großteils sehr negativ beurteilt, vor allem was die Ausgestaltung der Innenräume anbelangt. Und gerade die müssen Sie als Chef des Kunsthauses bespielen. Kein leichtes Unterfangen, oder?

Pakesch: Aber eine große Herausforderung - und von Tag zu Tag spannender! Bisher lassen die Räume sehr viel Spielraum zu und eröffnen ungewohnte Möglichkeiten. Ich glaube, wir können für Überraschungen sorgen.

STANDARD: Inwiefern? Um Tafelbilder präsentieren zu können, brauchen Sie doch Stellwände, weil es keine einzige plane Wand gibt. Wie viele Laufmeter mussten Sie denn für die erste Ausstellung in den Kuppelsaal und die darunter liegende Ebene aufstellen?

Pakesch: Leider habe ich die genaue Zahl nicht parat. Der untere Raum wird durch die Wände strukturiert. Im oberen Raum kommen wir mit ganz wenig Elementen aus. Dieser Bereich eignet sich ohnehin mehr für Skulpturen und Rauminstallationen. Glücklicherweise haben wir für die erste Ausstellung spektakuläre große Werke von Liz Larner, Anthony Caro und Ernesto Neto bekommen können.

STANDARD: Das Kunsthaus sollte eigentlich eine semitransparente Hülle haben. Doch der Kuppelsaal ist alles andere denn lichtdurchflutet: Trotz der „Nozzles“, die den Raum dominieren, herrscht eine recht düstere Stimmung vor.

Pakesch: Ja, ohne zusätzliche Beleuchtung geht es nicht. Das Kunsthaus ist kein Tageslichtmuseum. Eine transparente Hülle hätte kein akzeptables Raumklima gestattet. Und die Bauzeit hätte viel länger sein müssen. Technologisch war man offenbar noch nicht so weit. Und man hätte sich noch weiter von einer Verwendbarkeit des Raumes für Ausstellungen entfernt.

STANDARD: Gerade der „space 01“ soll in der Anfangsphase von Künstlern wie Sol LeWitt vermessen bzw. erprobt werden. Welche Erkenntnisse schweben Ihnen denn vor?

Pakesch: Sol LeWitt wird eine große Skulptur oder Installation schaffen. Er ist zeitlich durchaus mit der Idee der Architekten verbunden, aber er besetzt nicht eine idealistisch-utopistische Position, sondern eine sehr pragmatische, fast materialistische. Für beide Ebenen gilt, dass ich den Künstlern und ihren Werken besonders vertraue. Derzeit kann man erleben, wie sehr sich der Raum durch die Präsenz von Liz Larners 2001 verändert hat. Hier spielt eine große Skulptur die Decke an die Wand. Für den unteren Raum erhalten wir in Einbildung mit den Bildern von Sarah Morris, Richard Kriesche, Bridget Riley und einer Installation von Angela Bulloch bestimmte Durchblicke, die den Raum richtig verändern. Das soll sich danach mit der Personale Vera Lutter fortsetzen: Ihre raumgroßen Lochkamera-Fotos geben der Architektur neue Dimensionen.

STANDARD: In der Ausstellung „Einbildung“ werden auch Werke der im Jahr 2001 verstorbenen Helga Philipp zu sehen sein, die seit den 60er-Jahren ihrem Weg treu blieb. Wollen Sie mit dieser Op-Art auch eine Verbindung zur Architektur herstellen, die ebenfalls auf Konzepten der 60er fußt?

Pakesch: Natürlich gibt es hier eine starke Verbindung zu den 60er-Jahren. Das wird von der Architektur vorgegeben, aber auch von der Logik der Grazer Kunstsituation. Mit Wilfried Skreiner, dem langjährigen Leiter der Neuen Galerie, und vor allem mit seiner Ausstellung trigon'67 wurden wichtige Schritte in die Internationalität gesetzt. Ganz stolz bin ich darauf, dass wir den spazio elastico von Gianni Colombo aus der trigon'67 rekonstruieren konnten. Dabei handelt es sich um ein ganz bedeutendes Werk. Von hier die Verbindung zu den Jungen wie Esther Stocker, Olafur Eliasson, Sarah Morris und so weiter zu schließen ist spannend.

STANDARD: Sie erhalten 4,2 Millionen Euro jährlich vom Land Steiermark und der Stadt Graz - für alles: Gebäudeerhaltung, Betriebskosten, Personal und Ausstellungen. Wird das Budget ausreichen?

Pakesch: Bezüglich der Betriebskosten gibt es zwar recht präzise Schätzungen, aber natürlich noch einige Unsicherheitsfaktoren. Wenn wir eine gute Zahl an Sponsoren finden, wird das Budget ausreichen. Ich würde mir wünschen, ich hätte in den anderen Abteilungen des Joanneums ähnliche finanzielle Möglichkeiten und einen ähnlichen Zugang zu Sponsoren.

STANDARD: Die Kinderzone „space 03“ ist ein mit dunklem Kunststoffboden ausgelegtes, beinahe fensterloses und recht niedriges „Loch“. Werden genervte Eltern ihren Kindern künftig nicht drohen: „Wenn du schlimm bist, kommst du ins Kunsthaus!“?

Pakesch: Ich glaube, es wird das Gegenteil der Fall sein: „Wenn du schlimm bist, darfst du nicht ins Kunsthaus!“ Der Raum bietet ein hohes Maß an Geborgenheit, viele Besucher sind begeistert. Wir sind eben dabei, diesen Bereich einzurichten und eigene Programme zu entwickeln. Für Kinder gibt es aber auch einiges in der Ausstellung Einbildung zu sehen und zu entdecken.

STANDARD: Mit Peter Weibel, dem Chefkurator der Neuen Galerie, kuratieren Sie eine Schau über kinetische Kunst.

Pakesch: Ja, für den Herbst 2004 als zweite große Ausstellung über beide Ebenen in Zusammenarbeit mit dem Musée Jean Tinguely in Basel: Nach der Wahrnehmung wird es um die Bewegung gehen. Wir wollen einen Bogen von den späten 60ern bis in die Gegenwart spannen und haben bereits einige Künstler mit Projekten beauftragt, zum Beispiel Thomas Baumann und Jeppe Hein. Aber natürlich wird Tinguely eine wichtige Rolle spielen. Parallel dazu ist auch eine Ausstellung zum Thema in der Neuen Galerie geplant.

29. September 2003 Der Standard

Zangengeburt eines Außerirdischen

Am Freitag wurde die Fertigstellung des Grazer Kunsthauses gefeiert

Mit dem Grazer Kunsthaus, das in Windeseile fertig gestellt und am Freitag mit zwei Pressekonferenzen, die Festakten glichen, eröffnet wurde, sei er, sagte der Architekt Colin Fournier, „zu 80 Prozent“ zufrieden. Und im Flüsterton gestand der eine oder andere ein, dass Ute Woltron mit ihrer harschen Kritik am Bauwerk (siehe ALBUM vom 20. September) durchaus auch Recht habe. Aber mehr sei, meinte Herfried Peyker vom Team Architektur Consult, das mit der Planung beauftragt worden war, nicht möglich gewesen: „Schwadronieren über Utopien ist leicht, sie umzusetzen jedoch nicht.“

Im April 2000 hatte die Jury einstimmig die „Blaue Blase“ zum Sieger des Architekturwettbewerbs gekürt. Und was Cook/Fournier damals versprachen, klang überwältigend: Das Material der Haut könne je nach Bedarf das Licht einlassen oder aussperren, wie ein Chamäleon die Farbe wechseln. Zu ebener Erde werde es eine „unendliche Bar“ geben, in der bekrönenden „Needle“ ein Restaurant.

Doch nichts davon wurde Wirklichkeit (auch wenn der Pressetext nach wie vor behauptet, die Tageslichtöffnungen, „Nozzles“, würden für eine „optimale Beleuchtungssituation“ sorgen). Denn für reale Probleme wie Rauchabzug, Fluchtwege, Brandschutz hatten die britischen Architekten keine Lösungen parat. Und so konnten die Erwartungen, die sie geschürt hatten, nicht ganz erfüllt werden. Angesichts der „Zangengeburt“ (Peyker) sei das Ergebnis aber hervorragend. Zumal die Kosten so gut wie nicht überschritten wurden: Das Kunsthaus wird maximal 40,5 Millionen Euro gekostet haben.

Die Misstöne überhörte man daher wohlgelaunt. Frau Landeshauptfrau Waltraud Klasnic sprach von einem „Meisterwerk der Architektur“, das noch viele Generationen begeistern werde, Bürgermeister Siegfried Nagl (VP) von einem „idealen Experimentierfeld“ für Künstler und Kuratoren. Den Begriff „Bubble“ findet er nicht völlig geglückt, weil eine Blase theoretisch auch platzen könne: Er spricht lieber von einer „Kunstwolke“, die sich auf Graz gelegt habe und befruchtenden Regen bringe.

Die Sozialdemokraten propagieren hingegen den Ausdruck „Kunst-Igel“: Sie hießen in Inseraten das Kunsthaus „Willkommen“ - obwohl sie 2001 die Finanzierung des Bauwerks im Gemeinderat ablehnten (zusammen mit den meisten Freiheitlichen).

Eberhard Schrempf, Vizeintendant von Graz 2003, wiederum sprach freudig vom „Friendly Alien“, das gelandet sei. Und Fournier zeigte sich zufrieden, dass diese Bezeichnung, die von ihm und Cook stammt, breit angenommen wurde. Er dankte für die Courage und Graz 2003, denn ohne das Kulturhauptstadtjahr wäre das Kunsthaus wohl nicht realisiert worden.

Auch der Wiener Museumsexperte Dieter Bogner, der als Berater fungierte, lobte das Gebäude: Es ziehe die Menschen an, ziehe sie herein - und der „Travellator“, das Laufband, ziehe sie hinauf zu den Ausstellungsebenen. Diese zu bespielen stelle eine Herausforderung dar, sagte Peter Pakesch, der als Intendant des Landesmuseums Joanneum auch Chef des Kunsthauses ist. Ob er dieser gewachsen ist, zeigt sich am 25. Oktober mit der Eröffnung der Themenschau Einbildung.

Nicht am Podium sitzen durfte bei der Pressekonferenz Christine Frisinghelli, die mit ihrer Camera Austria ebenfalls ins Kunsthaus, in das Eiserne Haus, einzieht. Sie lächelte. Denn sie hat nicht nur den schönsten Raum, sondern eröffnet bereits am 3. Oktober - mit Positionen japanischer Fotografie, einer Koproduktion mit Graz 2003.

Dieses Wochenende steht das Kunsthaus der Bevölkerung offen. Aber nur jenen 10.800, die ein Gratis-Zeitticket ergattern konnten.

7. August 2003 Der Standard

Kristall - und eine Wolke der Zukunft

In Lyon baut die Coop Himmelb(l)au ab Oktober 2004 das „Musée des Confluences“

Lyon/Wien - Der spektakuläre Kristallpalast in Dresden, ein im März 1998 eröffnetes Filmcenter mit acht Sälen für 2600 Besucher, das unverkennbar die Handschrift von Wolf D. Prix und Helmut Swiczinsky trägt, nimmt sich im Vergleich fast mickrig aus: Nach den Plänen von Coop Himmelb(l)au wird am Zusammenfluss von Rhône und Saone, einem ehemaligen Industriegebiet Lyons, um 56 Millionen Euro das Musée des Confluences errichtet. Mit einer Nettogeschoßfläche von 24.600 Quadratmetern wird es ebenso groß sein wie das Guggenheim-Museum in Bilbao und sich mit den Themen Technik, Biologie und Ethik auseinander setzen: Ausgerichtet auf die Bedürfnisse der Informationsgesellschaft, soll es aktuelle Wissensinhalte für eine breite Öffentlichkeit - man rechnet mit jährlich einer halben Million Besuchern - zugänglich und erlebbar machen.

Den vom Département du Rhône ausgelobten Wettbewerb um das Science-Museum hatte die Wiener Architektengemeinschaft im Februar 2001 gewonnen. Die Entwurfsplanung ist nun abgeschlossen, mit dem Bau wird kommendes Jahr begonnen. Die Fertigstellung ist für September 2007 vorgesehen.

Die Coops kombinierten für dieses Science-Museum zwei architektonische Körper, den „Crystal“ und die „Cloud“, miteinander: Der sich zur Stadt hin erhebende Kristall dient als urbanes Forum und Eingangshalle. Seine klaren, ablesbaren Formen sollen für die gegenwärtige Welt stehen. Die im Inneren veränderbare Wolke hingegen, ein „weicher Raum aus verborgenen Strömen und unzähligen Übergängen“, birgt das Wissen der Zukunft. Die Landschaft aus Rampen und Ebenen soll die Grenze zwischen innen und außen auflösen.

2. August 2003 Der Standard

Ein überdimensionales Spiegelkabinett

Kulturhauptstadt Graz

Soeben enthüllt: „Die gespiegelte Stadt“ von Alexander Kada auf dem Freiheitsplatz in Graz

Der Titel rührt zwar noch aus einer Zeit, als alles möglich schien in der Kulturhauptstadt, so auch eine Gespiegelte Stadt. Doch dann kürzte der Bund seine Zuwendung um 20 Prozent, sprich 3,6 Millionen Euro, und der Europäischen Union war Graz 2003 nur mehr die Hälfte der erwarteten Summe wert. Ein herber Schlag für die Kulturhauptstadtmacher, die einige Projekte absagen, andere zusammenstutzen mussten, darunter auch die Intervention im öffentlichen Raum von Alexander und Klaus Kada: Eigentlich müsste sie jetzt „Der gespiegelte Platz“ heißen.

Eindrucksvoll ist das Ergebnis aber alleweil: Der international erfolgreiche Designer, Buchgestalter und Bühnenbildner Alexander Kada (sein Vater, der Architekt, stellte die Infrastruktur zur Verfügung) verwandelte den Freiheitsplatz in ein überdimensioniertes Spiegelkabinett, in dem man allerlei Überraschungen erleben kann - mit sich selbst als Hauptdarsteller eines Bilderkontinuums. Denn die um rund eine Million Euro errichtete Installation (64 Spiegelelemente mit insgesamt 1300 Quadratmetern Fläche) ermöglicht ungeahnte Sichtweisen, verbindet Details wie Fassaden und Dachlandschaften zu einer dreidimensionalen Collage und hebt die Grenzen zwischen realer und imaginärer Architektur auf.

Der besondere Gag liegt darin, dass der Platz leicht abschüssig ist, die Spiegelwände aber die gleiche Oberkante haben. Zudem ist die 3,20 bis 4,60 Meter hohe Installation mit ihrer betont klaren Struktur kein Labyrinth: Je nach Standpunkt kann sie monumental erscheinen - oder auch völlig unscheinbar. Und nicht nur die Statue von Kaiser Franz I. inmitten des Platzes wird mannigfaltig in die Unendlichkeit gespiegelt: Um noch weitere illusionistische Effekte zu ermöglichen, ließ Kada eine zehn Meter lange „Wand“ aus Bambuspflanzen errichten. Das Meer allerdings, das mittels Standleitung von Triest auf einen 15 Quadratmeter großen LED-Bildschirm übertragen wird, war ausdrücklicher Wunsch von Intendant Wolfgang Lorenz. Für ihn spiegelt es die Sehnsucht wider.

Alexander Kada kann mit dieser zusätzlichen Videoinstallation, die es wohl nicht unbedingt gebraucht hätte, (inzwischen) gut leben. Und enthält sich vornehm jedweden Kommentars. Er ließ hingegen die blau-weißen Parkplatzmarkierungen erneuern, da sie, wie sich herausstellte, faszinierende grafische Muster erzeugen. Dass der Platz den Autos gehören solle, wollte Kada damit aber nicht ausdrücken: Ihm wäre sehr daran gelegen, wenn die Gespiegelte Stadt nicht, wie geplant, nach dem 31. Oktober abgebaut würde, sondern längerfristig bestehen bliebe. Zumal die Spiegelwände winterfest seien und die Stadt beabsichtige, den Freiheitsplatz künftig freizuhalten von Fahrzeugen, da ohnedies in nächster Nähe eine neue Tiefgarage in Betrieb genommen wird.

Der Unterstützung durch Graz 2003 darf sich Alexander Kada gewiss sein: Finanzchef Manfred Gaulhofer betont zwar, dass die Gespiegelte Stadt als temporäres Projekt angelegt wurde, kann dem Nachhaltigkeitsgedanken aber durchaus etwas abgewinnen. Nicht nur in Bezug auf diese Intervention: Auch der Marienlift von Richard Kriesche könnte theoretisch über 2003 in Betrieb gehalten werden. Für den Uhrturmschatten von Markus Wilfling am Schlossberg auf Dauer bräuchte es allerdings Genehmigungen vom Denkmalamt wie der Naturschutzbehörde. Und damit Vito Aconcis Murinsel weiter wie ein Blob im Wasser liegen kann, sei ein Gemeinderatsbeschluss notwendig.

21. Juli 2003 Der Standard

„Weltmeister des Raumflusses“

Ein „Fest für Günther Domenig“ - mit hitziger Diskussion über Architektur heute

Aus einem Rennen zwischen Klaus Kada (BMW M5) und Günther Domenig (roter Ferrari) von Graz nach Mürzzuschlag wurde es nichts: Obwohl die beiden miteinander diskutieren sollten, wollte es die Dramaturgie, dass der eine, der „Klausi“, im Grazer Schlossbergstollen, der andere hingegen, der „Gigi“, im kunsthaus muerz saß.

Denn dort läuft die von Domenig kuratierte Ausstellung Architektur als ästhetische Organisation. Und am Samstag präsentierte der aus Klagenfurt gebürtige Baukünstler in der Galerie nebenan Skizzen und Pläne zum Steinhaus, einer metallisch-vertrackten „Plastik mit Klo“, an der „Dämonig“ (wie Domenig, sichtlich stolz, von einer Gastwirtin in der Umgebung genannt wird) seit 1986 allen Widerständen zum Trotz arbeitet.

Damit dieses „Fest für Günther Domenig“ ein Projekt der Kulturhauptstadt sein konnte, musste es eine Vernetzung mit Graz geben: Die von STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl moderierte Diskussion wurde als Videokonferenz gestaltet. Auf der Leinwand glich Kada allerdings einem Apollo-Astronauten vor vielleicht 35 Jahren. Das grünliche Bild stockte und flimmerte: Graz war unendlich weit weg.

„Wer braucht neue Architektur?“, lautete das Thema. Und aus den Antworten war leichte Resignation ablesbar. Denn in der Regel würde sich niemand für Architektur interessieren, sagte Kada, weder die Politik, noch die Bauherren: Sie habe einfach keinen Stellenwert. „Wir sind in der Zwickmühle: Einerseits wollen wir gute Architektur produzieren, andererseits müssen wir unser Büro über die Runden bringen. Wir müssen immer zuerst rechnen, ob wir es uns überhaupt leisten können, Visionen zu entwickeln.“

Wolf D. Prix, der eine Laudatio auf Domenig gehalten hatte („Weltmeister des Raumflusses“), stimmte zu: Die Wettbewerbe würden viel Geld verschlingen, die Architekten müssten sich schon in jungen Jahren verschulden, um teilnehmen zu können. Eine Theorieschule sei aufzubauen, um die österreichische Architektur international zu verankern und die Jugend zu pushen, war man sich einig.

Kein Konsens hingegen herrschte bei der Frage, ob Architekten Künstler seien. Prix sagte dezitiert Ja, Domenig wollte sehr wohl zwischen einem künstlerischen Architekten und einem echten Künstler unterscheiden - und Kada meinte, Architektur sei nicht nur das Umsetzen von Funktionen, sondern habe einen Mehrwert und könne daher mit künstlerischer Arbeit verwechselt werden. Es sei aber immer gefährlich, wenn Architekten von sich selbst sagen, sie seien Künstler.

11. Juli 2003 Der Standard

„Heiterer Dekonstruktivismus und anarchische Präzision“

Die Münchner Akademie wird erweitert - nach Plänen der Coops

München/Wien - 1992, als Wolf D. Prix, Helmut Swiczinsky und Partner den Wettbewerb um den Erweiterungsbau für die Akademie der bildenden Künste in München für sich entschieden (unter 178 Teilnehmern), nannten sich die Wiener Architekten noch „Coop Himmelblau“. Selbstbewusst klammerten sie dann das „l“ ein. Denn ihre gewagten Projekte wurden tatsächlich gebaut. Wenn auch nicht immer gleich: Der Spatenstich für das Münchner Projekt erfolgte erst vor wenigen Tagen.

Der Denkmalschutz - immerhin stellt der Neubau den denkbar größten Kontrast zum Hauptgebäude aus dem Jahr 1876 her - war aber nicht der Grund für die Verzögerung: „Unser Projekt hat gepasst“, sagt Prix. Nachsatz: „Obwohl es nicht angepasst ist.“ Die Realisierung scheiterte bisher nur an der Finanzierung. Erst durch die Gründung der „Stiftung Kunstakademie“ im Jahr 1999 wurden die Mittel (19,7 Millionen Euro) aufgebracht. Und bereits 2005 soll das Gebäude fertig gestellt sein:

Vorgesehen ist ein fünfgeschoßiger Bau an der Westseite der Akademie, dessen diagonale Rampen und Stege die einzelnen Bereiche miteinander vernetzen: Die Ateliers der Bildhauer liegen ebenerdig in zwei Bauteilen und erweitern sich über Terrassen zum Park, jene der Maler sind in den oberen Geschoßen angeordnet und haben Verbindung zu den Dachterrassen. Der Sitzungssaal und die Räume des Rektors sind über Stege mit den Verwaltungsräumen verbunden. Durch die Überdachung des zentralen Innenhofs entsteht ein halböffentlicher Raum, der die Bauteile zu einer Einheit zusammenfügt.

Die zwei- bis viergeschoßigen Baukörper werden in Stahlbetonbauweise errichtet, die auskragenden Bauteile als Stahlfachwerkkonstruktion. Die Nutzfläche umfasst 5670 Quadratmeter, die Bruttogeschoßfläche 9900 und der umbaute Raum 44.760 Quadratmeter. Laut Akademierektor Ben Willikens besteche das Gebäude durch „heiteren Dekonstruktivismus und anarchische Präzision“.

Und die Coop Himmelb(l)au baut eifrig weiter: Im Frühjahr 2004 soll mit der Errichtung des Museums für Menschheitsgeschichte in Lyon begonnen werden. Das Gebäude ist immerhin so groß wie das Guggenheim-Museum in Bilbao, wie Wolf D. Prix nicht ohne Stolz feststellt.

3. Juli 2003 Der Standard

Eine liegende Skulptur, die abhebt

Derzeit ist das Areal rund um den ehemaligen Schlachthof St. Marx ziemlich devastiert. Aber nicht mehr lang: Derzeit wird am Rennweg das beeindruckende T-Center errichtet, das als Initialprojekt für die Revitalisierung gilt.

Der mächtige „Flügel“, eine Konstruktion aus Stahl und Glas, die über 800 Tonnen wiegt, ragt zwar noch nicht aus dem Gebäude am Rennweg, das gegenwärtig als das größte Bürohausprojekt von Wien bezeichnet wird. Aber auch ohne diesen schräg aufsteigenden Baukörper wirkt das T-Mobile-Center, das in rund einem Jahr fertig gestellt sein soll, durchaus imposant.

Schließlich wurden auf einer Grundstücksfläche von 26.000 Quadratmetern bisher 80.000 Kubikmeter Beton und 8000 Tonnen Stahl verbaut. Die neue Zentrale des Mobilfunkunternehmens ist aber kein Hochhaus (auch wenn es mit seinen elf Stockwerken laut Bauordnung als solches gilt): Günter Domenig, dem Architekten, schwebte eine „liegende Skulptur“ vor - als Gegensatz zu den Wolkenkratzern auf der Donauplatte, die er leicht abfällig als „Projekte der Eitelkeit“ bezeichnet.

Eigentlich ist dieses zwar riesige, aber doch verwinkelte und zum Teil auf Gabelstützen stehende Gebäude eine Gemeinschaftsarbeit zusammen mit Hermann Eisenköck, seinem Partner, der den Auftrag an Land zog. Aber von Domenig, dem alten Fuchs aus Kärnten, der seit den 60er-Jahren mit seinen Entwürfen Furore macht (beispielsweise das Z-Gebäude in der Favoritenstraße), stammt die genialische Skizze. Und daher sagt er stolz: „Dieser Flieger gehört mir!“ Denn eine Wirkung durch Höhe zu erzielen sei einfach; schwierig hingegen sei es, eine ähnliche in der Horizontalen hervorzurufen.


220 Millionen Euro

Und man glaubt es kaum: Das Gebäude - die Gesamtkosten inklusive Grundstück, Planung und Errichtung liegen bei rund 220 Millionen Euro - kommt trotz der architektonischen Besonderheiten nicht teurer als ein massiver Turm. Denn es sind weder platzraubende Versorgungsschächte noch aufwändige Brandschutzmaßnahmen nötig. Daher setzen die Bauherrn den Entwurf auch ohne Veränderungen um: Die Architekten zollten ihnen für den Mut bei der Pressebegehung, die am Dienstag stattfand, hohes Lob.

Das T-Center soll aber nicht nur eine Büroburg (58.000 Quadratmeter, 3000 Arbeitsplätze) sein: Geplant sind auch ein Hotel, Geschäfte und andere öffentliche Einrichtungen. Für Eisenköck war es wichtig, „urbanen Raum“ zu schaffen. Denn direkt hinter der Skulptur mit seiner innenliegenden Plaza liegt die gusseiserne Schlachthofhalle St. Marx, die gegenwärtig ein Bild des Jammers bietet. Diese zu revitalisieren ist ein Anliegen der Stadt - und die Zentrale von T-Mobile dient sozusagen als Initialzündung für die Aufwertung des gesamten Areals.

Dem Megaprojekt stand man daher von Anfang an (2000) äußerst positiv gegenüber: Domenig und Eisenköck sind noch immer verwundert, wie schnell alles ging: „Die Verhandlungen waren im Zeitraum, den man in der Regel für ein Einfamilienhaus benötigt, abgeschlossen.“

Auch für St. Marx haben sich die beiden Gedanken gemacht (Indoor-Flaniermeile mit Shops und Büros). Eine Entscheidung steht aber noch aus. Den Vorwurf, man habe die Halle wegen des T-Centers zu zerstören begonnen, weist Eisenköck zurück: Abgerissen werden sollte nur die zwei Jahrzehnte später errichtete Erweiterung. „Es war an sich akkordiert, die Halle auf die originalen Proportionen von 1892 zurückzuführen.“ Die ersten Achsen waren ohnedies der Südosttangente zum Opfer gefallen.

4. Juni 2003 Der Standard

Startschuss für das Gironcoli-Museum

Eröffnung Ende 2004 geplant

Nicht erst die Nominierung von Bruno Gironcoli als Teilnehmer Österreichs bei der Biennale Venedig, die am 15. Juni eröffnet wird, gab den Ausschlag. Und wieder einmal war es Emil Breisach, kürzlich 80 Jahre alt gewordener Gründungspräsident des Forum Stadtpark, Mentor der Kunst und Initiator der Ausstellung Meisterwerke der Steirischen Moderne (siehe Seite 21), der die Idee lieferte: Im Park des oststeirischen Schlosses Herber- stein wird, wie bereits kurz berichtet, ein Museum für die Skulpturen des 1936 in Villach geborenen Bildhauers errichtet.

Es besteht aus zwei verschränkten Teilen, wie Architekt Hermann Eisenköck erklärt: Die 450 Jahre alte, unter Denkmalschutz stehende Tenne (800 Quadratmeter) soll in den nächsten Monaten adaptiert und bis zum Spätherbst 2004 durch einen zweigeschoßigen Neubau mit rund 1200 Quadratmetern (inklusive Skulpturengarten und eines Raums für Grafik bzw. Wechselausstellungen) ergänzt werden. 20 bis 30 Großplastiken dürften Platz finden.

Die jahrelange Suche nach einem dauerhaften Präsentationsort für die Werke des Plastikers hat damit ein überraschendes Ende gefunden: Erst vor wenigen Tagen war das Projekt einer „Gironcoli-Kunsthalle“ in Bad Bleiberg gescheitert. Für VP-Kunststaatssekretär Franz Morak stellt das Museum in Herberstein als einen „Paradefall“ dar, da einerseits eine „wichtige Kunstinitiative“ in den Bundesländern gestartet worden sei und andererseits das propagierte Modell einer Public-Private-Partnership zum Tragen käme. Denn je eine Million Euro steuern der Bund (der sich bisher angefallene Lagerkosten für die Skulpturen des Akademieprofessors erspart), das Land Steiermark und Andrea Herberstein bei.

Die Schlossherrin, die einen über die Region hinaus bekannten Tierpark betreibt, verpflichtete sich zudem, das Museum ohne Subventionen zu führen. Mit Gironcoli wurde ein Leihvertrag für zunächst zehn Jahre - mit Option auf Verlängerung - abgeschlossen.

Der Bildhauer wünscht sich genug Raum für die Skulpturen - und eine Architektur, die sich zurückhält. Eisenköck will den Wünschen entsprechen: Die neue Halle wird zum Teil unteriridisch errichtet und über eine lange Glasfront verfügen. Das Budget bezeichnet er als ein „sportliches“. Realisiert werden könne das Projekt nur durch viele Sponsoren, die bereits ihre Unterstützung zugesichert hätten.

Nicht Teil der Präsentation in Herberstein sind jene Werke, die der Kärntner Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner auf der Wiener Donauplatte aufstellen möchte.

6. Mai 2003 Der Standard

Ein Pionier im Museumsquartier

Ende Juni feiert das Architekturzentrum Wien sein zehnjähriges Bestehen. Trotz internationaler Reputation, die sein Haus erlangen konnte, legt Gründungsdirektor Dietmar Steiner die Stirn in Sorgenfalten: Der Bund unterstützt das AzW nicht im einst vereinbarten Ausmaß.

Im Frühjahr 1992 kamen Ursula Pasterk, damals Kulturstadträtin von Wien, und Rudolf Scholten, zu jener Zeit Kunstminister, überein, den Vorschlag von Dietmar Steiner, ein Architekturzentrum zu gründen, aufzugreifen. Und sie beschlossen, sagt Steiner, dass die Stadt zwei Drittel der Kosten übernimmt, der Bund ein Drittel.

Im Juni 1993 wurde das Architekturzentrum Wien als eine der Pionierinstitutionen im Museumsquartierareal eröffnet. Als Provisorium: Die Büros waren in Baucontainern untergebracht. Die Stadt zahlte umgerechnet rund 364.000 Euro, der Bund die Hälfte davon (182.000 Euro).

Seither hat sich das AzW gemausert - und respektabel vergrößert: Es verfügt nun über 2000 Quadratmeter Nutzfläche. Seit 1993 organisiert man jährlich den Wiener Architektur Kongress, 1995 wurde mit dem Aufbau der Datenbank Architektur Archiv Austria (AAA) begonnen, die seit 1997 über das Internet abrufbar ist.

1999 erwarb die Stadt Wien das Archiv des Architekturtheoretikers Friedrich Achleitner, eine Dokumentation der österreichischen Baugeschichte des 20. Jahrhunderts mit mehr als 20.000 erfassten Objekten, und übertrug sie dem AzW zur Weiterentwicklung. Seit dem April 2000 wird zudem die Theoriezeitschrift hintergrund herausgegeben.

Allwöchentlich werden Diskussionen und Exkursionen veranstaltet, man präsentiert neue Architekturpositionen genauso wie die Projekte arrivierter Baukünstler. Am Mittwoch z. B. wird um 19 Uhr die Schau Frische Fische aus dem Architektenpool über die junge Grazer Szene eröffnet.

Und im „Oktogon“, der ehemaligen Ponyreithalle, die Ende des 19. Jahrhunderts angeblich auf Wunsch von Kaiserin Sisi errichtet wurde, ist die erste öffentlich zugängliche Architekturbibliothek Österreichs untergebracht: Sie umfasst rund 2000 Titel und 80 Architekturzeitschriften aus aller Welt.

Die Stadt vervierfachte bis heute die Subvention: auf 1,45 Millionen Euro. Aber der Bund verdoppelte seine nur: auf 364.000 Euro. Und steuert damit bloß ein Fünftel bei - statt einem Drittel. Die mannigfaltigen Aufgaben aber kosten Geld: Laut Steiner seien 2,9 Millionen Euro notwendig. „Alles darunter führt zu Leistungseinschränkungen. Ich verlange vom Bund, dass er Verantwortung übernimmt. Die Stadt Wien kann nicht die Hauptlast für eine Institution tragen, die eine für Österreich relevante Arbeit erbringt.“

Konkret sieht sich Steiner gezwungen, vom Konzept, die beiden je 300 Quadratmeter großen Hallen permanent mit Wechselausstellungen zu bespielen, abzukehren: Die „neue Halle“ soll künftig eine semipermanente Schausammlung beherbergen. Was, wie Steiner hofft, zur Folge haben müsste, dass sein AzW als „Museum“ anerkannt wird - und Subventionen von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer erhält. Seine Probleme mit ihr zu erörtern, sei ihm leider bisher nicht möglich gewesen: „Wir kriegen seit zwei Jahren keinen Termin.“


Immer wieder Ärger

Ärgern muss sich Steiner auch immer wieder über Wolfgang Waldner, den Chef des Museumsquartiers. Denn die blauen Hartschaumliegen, die auch im Staatsratshof als „Sommermöblierung“ aufgestellt wurden, passen seiner Meinung nach überhaupt nicht zur laufenden Ausstellung über den tschechischen Jugendstil-Architekten Jan Kotera (1871-1923).

Und noch immer empfindet er es als reine Schikane, dass die Büros im ersten Stock nicht ineinander übergehen: Ein Lager der MQ-Betriebsgesellschaft trennt die Verwaltungsräume in zwei Teile, die daher nur über verschiedene Stiegenhäuser zu erreichen sind. Steiner hat daher schon vor zwei Jahren einen Tausch der Räume vorgeschlagen - bisher erfolglos. Auf Anfrage des STANDARD erklärte Waldner, dass man über einen solchen sehr wohl reden könne.

17. April 2003 Der Standard

Die erste Zacke in der Stadtkrone Berlins

Am Alexanderplatz von Berlin soll ein pompöser Warenhauspalast entstehen, dessen 150 Meter hoher Turm Teil der künftigen Stadtkrone sein wird. Das Gutachterverfahren entschieden die Architekten Ortner&Ortner für sich: eine Genugtuung nach dem Aus für Wien-Mitte.

Nach gut zwölf Jahren Planung kam das Aus: 1990 hatten die Architekten Laurids und Manfred Ortner den Wettbewerb um die Bebauung von Wien-Mitte gewonnen, im März 2003 wurde, wie berichtet, das zwischenzeitlich mehrfach abgeänderte Projekt von den Investoren, dem Bauträger Austria Immobilien (B.A.I) zusammen mit Sonae Immobiliária aus Portugal, aufgegeben. Denn die Türme mit einer Höhe bis zu 97 Metern gerieten plötzlich ins Schussfeld der Kritiker. Und der Stadt drohte, ihren Status als „Weltkulturerbe“ aberkannt zu bekommen.

Groß enttäuscht sein müssen Ortner&Ortner aber nicht: Sie entschieden zusammen mit dem englischen Shoppingcenter-Spezialisten RTKL ein Berliner Gutachterverfahren für sich. Die Aufgabenstellung war eine zu Wien-Mitte durchaus vergleichbare gewesen. Galt es doch, für ein Grundstück mit 27.000 Quadratmetern nächst dem Alexanderplatz, das aufgrund seiner gekrümmten Form im Volksmund „Banane“ genannt wird und bisher als Parkplatz diente, ein Geschäftszentrum mit Büros und 800 exklusiven Wohneinheiten zu entwerfen.

Kurioserweise ist einer der zwei Investoren auch einer der beiden in Wien: Sonae Imobiliária. Was für die Gebrüder Ortner kaum ein Vorteil gewesen sein dürfte. Denn erst der Berliner Senat, der auch in der Jury unter dem Vorsitz des Architekten Hans Kollhoff vertreten war, hatte sie als sechste Teilnehmer in das Verfahren hineinreklamiert. Nicht ohne Grund: Nach den Plänen der in Berlin sehr aktiven Ortners, die laut BauNetz-Ranking international auf Platz 9 liegen (Platz 16 für Coop Himmelb(l)au, Platz 27 für Hans Hollein, Platz 60 für Jabornegg/Pálffy), wurden unter anderem die ARD-Hauptstadtstudios realisiert.

Darüber hinaus übertrifft das Berliner Projekt mit einer Geschossfläche von 220.000 Quadratmetern das Wiener nicht nur um rund 90.000, sondern auch um Längen: Wahrzeichen des kompakten Ensembles, das aus fünf autonomen, durch ein Glasdach verbundene Gebäudeteilen besteht, soll ein 150 Meter hoher Büroturm sein. Dieser ist einer von insgesamt zehn Wolkenkratzern, die nach dem Konzept der Stadtplaner einmal die „Stadtkrone“ von Berlin bilden werden.

Befürchtungen, das Vorhaben könnte wie jenes in Wien scheitern, hegt Manfred Ortner gegenüber dem STANDARD keine: Sowohl der Senat als auch die Investoren (der zweite ist die Wohnungsbaugesellschaft Degewo) hätten großes Interesse an der Realisierung bekundet, eine „Skurrilität“ wie die Weltkulturerbe-Diskussion sei undenkbar, zudem würde der 40-stöckige Turm eine Sogwirkung für die weiteren Großprojekte rund um den „Alex“ entwickeln.


500-Millionen-Projekt

Anzumerken bleibt aber, dass mit dem Hochziehen der ersten Stadtkronenzacke erst dann begonnen wird, wenn die Rentabilität gesichert ist, sprich: genügend Mieter gefunden wurden. Der Spatenstich für das „Alexandria“-Einkaufszentrum samt Kino, Fitnesscenter, Restaurants und einem glänzenden Dach aus goldeloxiertem Aluminium, mit dem die Ortners an die Warenhauspaläste der Jahrhundertwende erinnern wollen, soll hingegen bereits 2004 erfolgen. Verkaufsfläche: 36.000 Quadratmeter. Geplanter Eröffnungstermin: 2006. Investitionssumme: 300 Millionen Euro. Die Kosten für den Turm mit einer 15 Meter hohen gläsernen Kuppel und ein Hotel, das noch nicht konkret ist: weitere 200 Millionen.

Wie es mit dem Wiener Projekt weitergehen wird, weiß Ortner nicht. Alle denkbaren Varianten seien bereits durchgespielt worden. Eine Redimensionierung sei natürlich immer möglich. Nur müsse diese jemand bezahlen. Wenn sie von jemandem bezahlt wird, dann könne man auch „bis runter auf null“ gehen. Und einen Park anlegen.

18. März 2003 Der Standard

Durch die Brille des Architekten

Gustav Peichl ist 75 Jahre alt

Als Ironimus kommentiert er das Weltgeschehen und die Innenpolitik mit feinem Strich und ebensolchem Humor: Seine kreisrunden Brillen, mit denen er seine Umgebung betrachtet, fungieren quasi als Brennglas. Aber in erster Linie ist Gustav Peichl, der ganz schön granteln (er ist schließlich ein echter Wiener), aber auch loben kann, Architekt. Einer von internationalem Ruf. Und das seit Jahrzehnten. Der hoch dekorierte Professor und ehemalige Rektor der Akademie der bildenden Künste, wo er von 1949 bis 1953 die Meisterklasse von Clemens Holzmeister besuchte, hat mit vergleichsweise wenigen Projekten stets beispielgebende Bauten ersonnen. Zu den wohl bekanntesten zählen die einst futuristisch anmutenden ORF-Landesstudios, die als „Peichl-Torten“ in die Geschichte eingingen, der Millennium-Tower am Wiener Handelskai, die Bonner Kunsthalle, das Karikaturmuseum in Krems - und ganz besonders die Erdfunkstelle Aflenz. Heute, Dienstag, feiert Peichl seinen 75. Geburtstag. Ihn darauf hinzuweisen, wird er vielleicht sogar als Bösartigkeit interpretieren. Aber Ehre, wem Ehre gebührt.