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Redaktor Hochparterre, freischaffender Journalist, Architekt MSc. ETH.

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15. April 2024 Neue Zürcher Zeitung

Leuchtende Unterwäsche empfängt die Besucher im Foyer: Das neue Gebäude vom Kunsthaus Baselland ist so abstrakt wie die Kunstwerke darin

Die erste Ausstellung im neuen Standort auf dem Dreispitzareal in Münchenstein holt viel heraus aus der umgebauten Halle, wo einst Champagner lagerte.

Auf dem Dreispitzareal in Münchenstein ragen drei Betontürme zeichenhaft in den Himmel. Was entfernt an Infrastrukturbauten erinnert, gehört zum neuen Standort des Kunsthauses Baselland. Die Architektur wird zur Signaletik und lockt die Menschen von der Tramhaltestelle beim Freilagerplatz in die Häuserzeile dahinter. Die dreieckigen Türme markieren die neue Nutzung. Die alte Halle, aus der sie emporwachsen, erzählt von der Vergangenheit vor rund hundert Jahren. Hier lagerten einst Champagner und auch Whisky, der in Fässern angeliefert wurde mit der Bahn, deren Geleise noch im Boden verlaufen.

Buchner Bründler Architekten wählten einen radikalen Ansatz, als sie vor zehn Jahren den Architekturwettbewerb gewannen. Damals war das Wort «Ersatzneubau» in aller Munde. Heute entspricht die Idee des Erhaltens und Weiterbauens ganz dem Zeitgeist, der von der Diskussion um Klimaschutz, Denkmalpflege und Substanzerhalt geprägt ist.

Die Architekten griffen nur wo nötig in den Bestand ein. Die Tore für die Anlieferung ersetzten sie durch grosse Fenster. Das Stahltragwerk wurde punktuell verstärkt, die Fassaden nachgedämmt, das Welleternit auf dem Dach danach wieder verbaut. Die alten Holzbalken waren allerdings zu schwach für die neuen Lasten. Also haben die Architekten daraus kurzerhand ein Büchergestell für die Bibliothek des Kunsthauses gezimmert.

Ein Meilenstein für Baselland

Die 28 Meter hohen Türme funktionieren als architektonische Skulpturen, ihre Grösse und Form nimmt Bezug auf die Dachform der Halle. Die Lasten des neuen Zwischengeschosses werden über die Betonkerne abgeleitet, weshalb der Altbau unberührt bleibt. Die Türme wirken als Lichtfänger, die das Tageslicht in die Ausstellungsräume leiten. Und sie gliedern den Grundriss des Hauses, in dem sich unterschiedliche Räume abwechseln. Mal wirken sie industriell direkt, mal dank den Oberlichtern fast sakral. Diese Vielfalt eröffnet der Kunst viele Optionen.

Die Architektur ist auf ein Minimum abstrahiert, die übergrossen Proportionen verändern den Massstab des Hauses. Die Türgriffe bei den Eingängen sind gross wie Bretter. Die weissen Gipswände, die vor den Betonmauern stehen, haben wuchtige Dimensionen und wirken, als wären sie gemauert. Die Details und die Materialien sind reduziert. Buchner Bründler bauen ein Haus so abstrakt wie manche der Kunstwerke darin.

Ein Meilenstein für Baselland

Das neue alte Gebäude ist ein Meilenstein für das Kunsthaus Baselland, das als Verein mit rund zehn Mitarbeitern und vielen Freischaffenden organisiert ist. «Alle in unserem Team haben alles gegeben, um das Haus möglich zu machen», sagt die Direktorin Ines Goldbach. Die Christoph-Merian-Stiftung hat das Land im Baurecht abgegeben. Der Kanton Baselland, Stiftungen und Private haben das Haus finanziert, viele Unternehmen haben Beiträge geleistet.

Der neue Ort bietet nicht wesentlich mehr Platz als der alte Gewerbebau neben dem Fussballstadion St. Jakob in Muttenz, wo das Kunsthaus seit 1997 zu Hause war. Doch das Dreispitzareal erlaubt eine ideale Vernetzung mit anderen Kunstinstitutionen: das Haus der elektronischen Künste, das Atelier Mondial, das Kabinett von Herzog & de Meuron, die Hochschule für Gestaltung und Kunst. Wird der Campus der Universität Basel nach Plänen von Grafton Architects bis 2030 realisiert, wird das Kunsthaus zum Scharnier zwischen Kunstcampus und Uni-Quartier.

Diese Ausgangslage passt zu einem zeitgenössischen Kunsthaus, das nicht nur ausstellt. «Wir wollen nicht bloss Kunst zeigen, sondern Menschen zusammenbringen», sagt Ines Goldbach. Am stärksten zum Ausdruck bringt diese Haltung das Foyer mit Café, das von zwei Seiten her frei zugänglich ist. Der niederschwellige Durchgangsraum wird auch die weniger kunstaffinen Menschen auf dem Areal neugierig machen.

Für das Haus entworfene Kunstwerke

Im Foyer begrüsst ein Kandelaber aus Unterwäsche von Pipilotti Rist die Besucher – eine Installation der Schweizer Künstlerin aus dem Jahr 2010. Für die Eröffnung hat die Direktorin zwei Dutzend Kunstschaffende, vorwiegend Künstlerinnen, aus dem In- und Ausland eingeladen, das Haus zu bespielen – viel von ihnen mit eigens dafür kreierten Arbeiten.

Einige Künstlerinnen arbeiten aus einer feministischen Perspektive. Die Amerikanerin Andrea Bowers hat ihre politischen Bänder aufgehängt, die in bunten Farben den Sexismus in der Gesellschaft anprangern. Anne-Lise Coste malt für ihr Werk zum Pronomen «elle» direkt auf die weissen Gipswände und zeigt damit, wie das Haus in Beschlag genommen werden kann. Auch das Thema der Wiederverwendung greift die Französin auf: Sie nutzt Türen des alten Kunsthauses in Muttenz für ihre Installation um.

Diejenigen Arbeiten, die direkt mit der Architektur interagieren, schöpfen am meisten Potenzial aus den Räumen. Marine Pagès hat eine übergrosse Wandbemalung entworfen, die je nach Tageslicht anders leuchtet. Daniela Keiser bespielt Wand und Boden in einem raumgreifenden Gemälde, das vom Zwischengeschoss aus betrachtet andere Perspektiven eröffnet. Die Grenzen zwischen Architektur und Kunst gänzlich aufgelöst hat Renate Buser, die für ihre disziplinenübergreifenden Installationen bekannt ist. Auf dem Schiebetor im Foyer hat sie Fotografien des Kunsthauses aufgezogen, die zwischen Raum und Fläche, Realität und Abbild changieren. Baukultur und Kunst greifen ineinander.

Die erste Schau zeigt unter dem Titel «Rewilding» fulminant, was das Haus kann. Das Aktivieren und In-Beschlag-Nehmen der Architektur ist im Sinn der Direktorin. «Ein Kunsthaus muss ein Instrument sein, um die Architektur mit Kunst fortzuschreiben und Neues möglich zu machen.» Das Haus ist kein Museum, es ist ein Ort der Produktion. In den alten Betonboden können die Künstlerinnen und Künstler ohne Berührungsängste hineinbohren – die Bodenheizung ist in der Zwischendecke untergebracht. Im Untergeschoss gibt es eine Werkstatt, in der die Kunstschaffenden an ihren Installationen bauen. «Kunst muss entstehen dürfen», sagt Goldbach.

Der Pragmatismus gilt auch für die Architektur. Eine kontrollierte Lüftung gibt es nicht, man lüftet mit einfachen Metallklappen in den alten Mauern. Schiebetore vor den Fenstern verdunkeln die Räume, um Videoarbeiten zu zeigen – etwa aus der grossen Sammlung des Kantons Baselland. Selbst die Lichttürme könnte man verdunkeln mit Abdeckungen, die man von Hand auf die Oberlichter legt – ganz ohne teure Technik.

18. Oktober 2023 Neue Zürcher Zeitung

«Land ist überbewertet», sagt der nigerianische Architekt Kunlé Adeyemi. Er entwirft schwimmende Bauten, die dem steigenden Meeresspiegel trotzen

Südkorea plant einen frei schwimmenden Flughafen. Die Malediven planen einen ganzen Stadtteil über einer Lagune. Ein Vordenker des Bauens auf dem Wasser ist Kunlé Adeyemi. In seinem Buch plädiert er dafür, mit Wasser zu leben, statt es zu bekämpfen.

Aufgrund des Klimawandels könnte der Meeresspiegel bis 2100 um bis zu einen Meter ansteigen. Besonders betroffen wäre Afrika, wo über 100 Millionen Menschen dem Risiko anschwellender Ozeane ausgesetzt sein sollen. «Lagos ist eine der am schnellsten sinkenden Städte der Welt und könnte bis 2100 verschwinden», schreibt der nigerianische Architekt Kunlé Adeyemi im Buch «African Water Cities». Die flache Küste erodiert, und der steigende Meeresspiegel erhöht das Flutrisiko. Hinzu kommen Hochwasser von Flüssen und Wirbelstürme. Parallel zum Meeresspiegel nehmen die Einwohnerzahlen zu: In Subsahara-Afrika wird bis 2050 mehr als die Hälfte des globalen Bevölkerungswachstums erwartet.

Städteplaner sind gefordert. Normalerweise reagieren Küstenorte mit Aufschüttungen und Dämmen, die den Wert der bestehenden Liegenschaften steigern. Doch dieses Vorgehen berge Umweltrisiken, heisst es im Buch. Vor allem aber: Die Investitionen benötigen viel Kapital, weshalb sie nur in finanzstarken Regionen möglich sind. Informelle Siedlungen, in denen ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Afrikas lebt, kommen dafür aus ökonomischen und politischen Gründen in der Regel nicht infrage. Es braucht andere Lösungen. Adeyemi fragt deshalb rhetorisch: «Warum Wasser bekämpfen, wenn wir damit leben lernen können?»

Schwimmende Schule

Adeyemi wurde bekannt mit seiner Wasserarchitektur. 2013 baute der Architekt in der Lagune von Lagos eine schwimmende Schule, die aus dreieckigen Holzelementen aufgebaut war. Das Gebäude dockte im Stadtteil Makoko an, wo 100 000 Personen in informellen Pfahlbauten über dem Wasser wohnen. Die Bauteile für das «Makoko Floating System» wurden lokal vorgefertigt und vor Ort zusammengebaut. Adeyemi realisierte Versionen davon in Belgien, China, Kap Verde und an der Architekturbiennale 2016 in Venedig. Allerdings zeigte sich im selben Jahr, dass das Wetter selbst schwimmenden Bauten etwas anhaben kann. Nach heftigem Regenfall kollabierte die Schule in Lagos. Das Gebäude war damals jedoch bereits nicht mehr in Gebrauch und sollte abgerissen werden.

Die Schule wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie ist Kunlé Adeyemis bekanntestes Gebäude. Der Architekt hat Pläne entwickelt, um den ganzen Stadtteil von Makoko mit Bauten über dem Wasser aufzuwerten. Vor dem Delta des Mekong plant er ein schwimmendes Spital. Doch Bauen auf dem Wasser hat seine Tücken. Der Architekt hat seine Entwürfe denn auch vorwiegend an Land realisiert, in Simbabwe, Nigeria, Tansania und Saudiarabien.

Dennoch glaubt Adeyemi an die Architektur auf dem Wasser. «Land ist überbewertet», schreibt er unverblümt. «Wasser ist ein Gewinn und ein Gemeingut.» Laut dem Programm UN-Habitat könnten schwimmende Städte die weltweite Wohnungsnot lindern. «Forbes» sieht darin gar «den nächsten grossen Immobilienboom». In naher Zukunft werden die Menschen in gefährdeten Küstenstädten mehrheitlich auf dem Wasser leben, ist Adeyemi überzeugt. «Und afrikanische Städte werden im Fokus dieser Veränderung sein.»

Das Buch liefert einen Überblick zum Bauen am, über und mit dem Wasser. Die Palette ist breit: Häuser können schwimmen, mit Pfählen im Boden verankert sein oder das Regenwasser aufnehmen und zurückhalten in sogenannten Schwammstädten. Dabei geht es um den Umgang mit Überflutungen, die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser oder versiegende Quellen. Auch Themen wie Migration oder maritimer Handel streift das Buch. Wasser ist die Lebensader vieler Städte. Starke Bilder des Fotografen Iwan Baan von Märkten auf Booten und überschwemmten Strassen machen das Thema greifbar.

Das Buch ist ein Weckruf, sich dem Thema mit Adaptation und Resilienz zu stellen. Gerade in Afrika haben die Menschen viel Erfahrung damit, sich schwierigen Bedingungen mit einfachen Mitteln anzupassen. Adeyemi plädiert für die Koexistenz von Architektur und Natur, statt beides mit Technik voneinander zu trennen. Er träumt von einem Leben mit dem Auf und Ab von Ebbe und Flut. Dabei stehen Lebensrealitäten und Konstruktionsweisen im Zentrum, bei denen gebaute und gesellschaftliche Strukturen eng verwoben sind.

Grossprojekt in den Malediven

Auf dem Wasser zu bauen, kann nicht nur für den informellen Sektor attraktiv sein. 2022 erteilte die Regierung der Malediven die Baubewilligung für eine schwimmende Stadt in einer Lagune, die Wohnraum für 20 000 Menschen sowie Plätze, Restaurants, Schulen, Moscheen, Läden aufnimmt. Die zweigeschossigen Wohneinheiten sind über Stege miteinander verbunden und auf die obere Mittelschicht im Inselstaat ausgerichtet, mit Preisen ab 250 000 Dollar.

Entworfen hat die Lagunenstadt das niederländische Büro Waterstudio, das seit zwanzig Jahren schwimmende Gebäude baut. Hausboote kennt man in den Niederlanden seit langem. 2010 entstand in Amsterdam eine ganze Siedlung mit 60 Häusern. Dort hat sich gezeigt: Die Bauten müssen stabil im Wasser liegen, sonst werden ihre Bewohner seekrank. Neben Wohnbauten sind Infrastrukturprojekte eine Option. Südkorea plant einen frei schwimmenden Flughafen. Es gibt Ideen für Gewächshäuser auf dem Wasser, um überschwemmte Gebiete landwirtschaftlich zu nutzen.

Die Pläne in den Malediven sind ambitioniert. Wichtige Fragen zur Dauerhaftigkeit und zur Ökologie bleiben offen, weil Langzeiterfahrungen mit ganzen schwimmenden Quartieren fehlen. Ob der top-down geplante Stadtteil angenommen wird von der Bevölkerung, ist eine andere Frage. Zudem sind der Bau und die Instandsetzung teurer als an Land. «Aber die Entwicklungskosten insgesamt sind günstiger, weil Land unter Wasser weniger kostet als Land mitten in einer Stadt», sagt der Architekt Koen Olthuis von Waterstudio in einer Dokumentation des ZDF.

Olthuis ist überzeugt, dass das Projekt erst der Anfang ist. «Die hundert grössten Städte liegen am Wasser. Sie werden anfangen, ihre Wasserflächen zu nutzen.» Skeptischer ist Aminath Shauna, die Umweltministerin der Malediven. «Sind schwimmende Städte und Infrastrukturen wirklich ausgereift genug?», fragt sie. «Sie sind eine interessante Idee. Aber ich bezweifle, dass sie für den Klimawandel die richtige Lösung sind.» Das wirkliche Problem sei die weltweite Reduktion der CO2-Emissionen.

Schwimmende Konstruktionen sollen weniger stark in die Umwelt eingreifen, so die Promotoren. Doch bis anhin bleiben sie eine Nische. Meist lautet die Devise: mehr Infrastruktur – Land aufschütten, Deiche und Dämme bauen, Wellenbrecher und Sturmflutwehre konstruieren. Die Niederlande haben einen Grossteil ihrer Landesfläche dem Meer abgetrotzt. Venedig hat letztes Jahr einen beweglichen Schutzwall in Betrieb genommen, der die Lagunenstadt vor Hochwasser bewahrt. New York hat seine Küsten umgestaltet, um besser auf Hurrikane reagieren zu können.

Ob am Wasser oder auf dem Wasser: Der Mensch ist wie Noah der Natur nicht ausgeliefert. Die Städte müssen aber auf das sich verändernde Klima reagieren. Dafür sind unkonventionelle Ideen gefragt, wie sie Kunlé Adeyemi vorschweben, der damit auch die Gesellschaft ein Stück weit umbauen will. «Die Herausforderungen bieten grosse Chancen, Menschen in die Lage zu versetzen, anders zu denken, anders zu bauen und hoffentlich anders zu leben.»

[ Kunlé Adeyemi, Suzanne Lettieri, Berend Strijland: African Water Cities. nai010 publishers, Rotterdam 2023. € 34.95. ]

27. Juni 2023 Neue Zürcher Zeitung

«Afrika soll europäisch erscheinen. Das ist absurd»: Die Architektin und ETH-Professorin Mariam Issoufou Kamara baut gegen die Klimakrise und das Vergessen afrikanischer Kultur an

Sie ist eine der gefragtesten Architektinnen Afrikas. In Liberia plant Mariam Issoufou Kamara ein Zentrum für Ellen Johnson Sirleaf, die erste gewählte Präsidentin des Kontinents.

Es ist eines der symbolträchtigsten Bauprojekte in ganz Afrika: Bald sollen in Monrovia in Liberia die Bauarbeiten für das «Presidential Center for Women and Development» beginnen, das Ellen Johnson Sirleaf gewidmet ist und das für den hoffnungsvollen Wandel eines ganzen Kontinents steht. 2006 wurde Sirleaf zur ersten Frau an der Spitze eines afrikanischen Landes gewählt, 2011 erhielt sie den Friedensnobelpreis.

Entworfen wurde das Gebäude von einem Frauenteam um die Architektin und ETH-Professorin Mariam Issoufou Kamara aus Niger: Sie plant das Projekt zusammen mit der Ausstellungsarchitektin Sumayya Vally aus Südafrika und der liberianischen Architektin Karen Richards Barnes. «Es gibt viele Parallelen zwischen dem Auftrag und meinem Ethos in der Architektur», sagt Kamara. Es gehe darum, einen Raum für die Menschen, für Frauen, aber auch für die Jugend zu schaffen. Einen Raum, der nicht bloss repräsentiert, sondern genutzt wird für Ausbildungen, Konferenzen, Workshops.

Kamara denkt Architektur über das Gebaute hinaus und versucht mit ihren Projekten möglichst viele lokale Gewerbe einzubinden. In Monrovia wurden zum Beispiel Korbflechterinnen am Strassenrand dazu inspiriert, die Decken im Zentrum mit geflochtenen Matten zu verkleiden – als moderne Interpretation traditioneller Hütten. Auch andere örtliche Handwerker, Zimmerleute oder Metallarbeiter sind involviert. «Dies stärkt das Selbstvertrauen der lokalen Arbeitskräfte und lässt sie auch wirtschaftlich Teil des Projekts werden.» Architektur wird zum gesellschaftlichen und ökonomischen Katalysator.

Backsteine und Palmblätter

Zu dieser «lokalen Intelligenz», wie Kamara es nennt, gehört auch der Umgang mit Material und Klima. Die markanten Schrägdächer der Häuser des Zentrums sind Hüttendächern nachempfunden. Damit reagiert die Architektur auf den starken tropischen Regenfall in Liberia, der manchmal so laut sei, dass ein Gespräch unmöglich sei. Die hohen Dächer dämpfen das Prasseln der Regentropfen und unterstützen die natürliche Ventilation. Für die Konstruktion verwendet die Architektin lokale Materialien wie Lehmziegel, Backsteine, Holz von Gummibäumen oder Palmenblätter.

«Der Auftrag ist die Ehre meines Lebens», sagt Kamara. Dabei hatte die 44-Jährige erst einen anderen Berufsweg eingeschlagen. In Frankreich geboren, ist sie in Niger aufgewachsen, einem der ärmsten Länder der Welt. Als sie die Gelegenheit hatte, in den USA zu studieren, wurde sie Software-Entwicklerin. Doch ihr Herz schlug für die Architektur.

Kamara dachte über die Auswirkungen der globalen Bauindustrie auf Umwelt und Gesellschaft nach. «In Afrika zielen alle Bemühungen darauf ab, der Architektur ein bestimmtes Aussehen zu verleihen und Strassen oder Häuser europäisch erscheinen zu lassen. Für mich war das absurd.» Mit dem Siegeszug der modernen Architektur Anfang des 20. Jahrhunderts und mit der Globalisierung gerieten viele lokale Bautraditionen in Vergessenheit, wurden als überholt abgetan oder gar nicht wahrgenommen.

Die Architektin bekam diese kulturelle Herablassung selber zu spüren, als sie ihre Herkunft verteidigen musste. «Ich bin mit grossem Stolz auf unsere Kultur aufgewachsen. Ich habe mitten in der Wüste gelebt, wo es uralte Städte gibt. Niemand kann mir erzählen, dass wir in Afrika keine eigene Architektur, keine eigenen Traditionen haben.» Mariam Issoufou Kamara baut an gegen das Vergessen dieser Kultur: Man müsse die Sichtweise dekolonisieren, sagt sie dazu.

Lehm statt Beton

In ihren Projekten versucht Kamara die Geschichte aufzunehmen und mit den heutigen Themen und Herausforderungen zu verbinden, allen voran dem Klimawandel. Ein zentrales Material dabei ist der Lehmbau, eine jahrtausendealte Konstruktionsweise, die wiederentdeckt wird. 2016 errichtete sie damit in Niamey, der Hauptstadt Nigers, einen Wohnkomplex. An der Besichtigung konnten manche Besucher kaum glauben, dass die Wände nicht aus Beton waren. Das Projekt ist aus dem Ort und seinen Bedürfnissen gewachsen. Die zweigeschossigen Häuser bilden ein dichtes Gefüge. Der Sockel wird bei den Eingängen zu einer Bank. Kamara entwirft eine humane Architektur, die den Alltag mit kleinen Gesten aufwertet.

In einem Wüstendorf in Niger baute die Architektin eine ehemalige Moschee um in ein Gemeinschaftszentrum und errichtete daneben eine neue Moschee. Das Projekt bringt alt und neu, religiöse und säkulare Werte zusammen und stärkt die Gemeinschaft. 2018 erhielt dieses Projekt einen Lafarge Holcim Award für nachhaltiges Bauen. Kamara arbeitete mit dem Vorhandenen auch für einen regionalen Markt im selben Dorf: Über den schlichten Mauern aus Lehmziegeln spenden farbige Metallschirme Schatten, die die Architektin wiederverwendet hat. So schafft Kamara mit einfachen Mitteln eine starke Identität für den Ort. Ihre Lösungen sind unauffällig und bescheiden, aber ausserordentlich.

Nach langer Verzögerung sollen nun die Bauarbeiten für ein Kulturzentrum in Niamey starten, das bisher grösste Bauwerk der Architektin. Das Projekt beherbergt die erste öffentliche Bibliothek im Ort und soll die beiden Stadtteile zusammenbringen, in denen vor der Unabhängigkeit Nigers die französische und die lokale Bevölkerung getrennt wohnte. Halbrunde Türme verorten das Gebäude im Stadtgefüge. Sie beschatten den Boden und befördern die natürliche Belüftung.

Die Architektin verwendet Erdziegel, setzt auf Regenwassersammlung und Solarenergie. Die Inspiration für das Gebäude suchte Kamara bei den Bauten der afrikanischen Völker der Hausa und Songhai. Für westliche Augen erinnern die starken Geometrien an die Bauwerke eines Louis Kahn.

Neue afrikanische Stimmen

Mariam Issoufou Kamara ist die Frau der Stunde. Zehn Jahre nachdem sie an der University of Washington ihren Architekturmaster abgeschlossen hat, gehört sie zu den gefragtesten Architektinnen Afrikas. Sie plant in Senegal, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Liberia. Kamara ist viel unterwegs zwischen Niamey, Zürich und New York, wo ihr Büro einen Ableger hat.

Die 44-Jährige ist Teil einer aufstrebenden Generation afrikanischer Architekten, die an der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig im Mittelpunkt stehen. Sie folgen in den Fussstapfen des burkinabisch-deutschen Architekten Diébédo Francis Kéré oder des britisch-ghanaischen Architekten David Adjaye, der ein Mentor Kamaras war. «Die wahre Berufung der Architektur für uns besteht darin, die Welt zu verändern», so Adjaye.

Im Unterschied zu vielen ihrer Vorgänger und zum einsamen Genie, das die Moderne proklamiert hat, setzt Kamaras Generation stark auf Kollaboration. Sie war Mitinitiatorin des Architekturkollektivs United 4 Design, bevor sie 2014 in Niamey ihr eigenes Büro gründete, das Atelier Masomi. Bei einigen Projekten arbeitete sie mit der iranischen Architektin Yasaman Esmaili zusammen.

Seit 2022 unterrichtet die Architektin an der ETH am Lehrstuhl für architektonisches Erbe und Nachhaltigkeit. Auch in der Ausbildung will sie den Blick öffnen. «Wir betrachten oft nur ein paar Gebäude aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, diese Handvoll Götter im Pantheon der Architektur.» Das habe etwas unglaublich Tunnelblickartiges. Architektur gibt es schliesslich schon seit Tausenden von Jahren. «Aber wenn wir uns nur auf ein paar Menschen und Projekte konzentrieren, dann sieht natürlich die ganze Welt gleich aus.»

In ihrem ersten Entwurfssemester stellt sie eine pragmatische Aufgabe: Alterswohnen in Zürich Altstetten. Die Worte hingegen, mit denen das Studio beschrieben wird, klingen wie eine Anklageschrift: Da ist die Rede von Isolation, Degradierung und Segregation, für die die Architektur verantwortlich sei. «Wir verfügen nicht mehr über die bauliche Infrastruktur, um zusammenzuleben», heisst es gar pessimistisch.

Doch die Architektin klagt nicht an, das wäre zu einfach. Sie liefert Lösungen. Kamara ist eine hoffnungsvolle Stimme im Architekturdiskurs, die aus dem lokalen Reichtum schöpft und daraus eine zeitgenössische Kraft entwickelt. Sie baut keine lauten Gesten und verzichtet auf Hightech-Lösungen aus dem Katalog der globalen Industrie. Ihre Architektur ist vernetzt mit der Vergangenheit, mit den Menschen und mit der Erde, aus der sie geformt wird. Grundlagen, die für jede Baukultur elementar sind.