Im Messequartier Graz zogen die ersten Bewohner ein – und leben nun in einem halbleeren Gebäude auf der Baustelle
Die Bebauung des Messequadranten in Graz zeigt, wie das Feilschen um Wohnraum Geld und Nerven kostet – eine Geduldsprobe für Bewohner, Nachbarn, Kommune und nicht zuletzt Investoren und Anleger.
Anfang der 2000er-Jahre beschloss die Grazer Messe im Zuge ihrer Neustrukturierung, Kapital aus dem Verkauf umgebender Liegenschaften im Bezirk Jakomini zu lukrieren.
Was ist seither geschehen?
Schon längere Zeit gab es für das vom Betriebsgelände des Ostbahnhofes geprägte, zentrumsnahe und verkehrstechnisch bestens erschlossene Gebiet Entwicklungsbemühungen. Mangels konsensueller Vision für das potenzialreiche Quartier wurde es filetiert und punktweise beplant.
Der ehemalige große Messeparkplatz an der Fröhlichgasse zählte durch die umgebende heterogene Baustruktur zu den schwierigeren Bauplätzen: Im Nordosten grenzen Wohnzeilen und eine Schule an, im Nordwesten liegen jenseits der Straße Stadthalle und Messeplatz. Im Südwesten finden sich neben kleineren Betriebsbauten an der Conrad-von-Hötzendorf-Straße eine Tankstelle und ein Fastfood-Drive-in, im Südosten dominiert ein Baumarkt samt großflächigem Parkplatz.
Das Stadtentwicklungskonzept definierte den Bereich als „Handelsschwerpunkt am übergeordneten Straßennetz“, die Flächenwidmung war elastisch: Im „Kerngebiet“ mit einer Bebauungsdichte von 0,5 bis 2,5 ist ein Nutzungsmix aus Büro, Dienstleistungs- und Versorgungseinrichtungen ebenso möglich wie Wohn- oder Hotelnutzung. Vor Verkauf stellte die Messe noch selbst den Antrag auf einen Bebauungsplan für das über 24.000 m² große Areal. Demzufolge war 2006 die Errichtung eines bis zu zehngeschoßigen Bürohochhauses mit Geschäfts- und Gastgewerbenutzungen vorgesehen. Im Gegenzug für Abtretungsflächen wie einen breiteren Rad- und Fußweg samt Baumallee entlang der Fröhlichgasse wurde die mögliche Dichte auf 2,8 erhöht.
Verhandlungen über Abänderung des Bauplans
2008 wurde seitens des neuen Grundeigentümers, des Bauträgers Haring Group, für die Beplanung des „Messequadranten“ kein klassischer Architekturwettbewerb, sondern ein Angebotsverfahren ausgelobt: Konzept, Kalkulation und Preis von Architekt Hans-Jörg Tschom überzeugten die Auftraggeber.
Ab 2017 wurde mit der Stadt Graz beinahe zwei Jahre lang über eine Abänderung des Bebauungsplans verhandelt. Neben 9000 m² an Büro- und Geschäftsflächen entlang der Fröhlichgasse sollten nun vor allem neue Wohnflächen entstehen. Zwei miteinander verbundene Tiefgaragen mit insgesamt 1500 Stellplätzen auf drei Ebenen und getrennten Ab- und Zufahrten sollten einerseits den öffentlichen Bedarf bei Messeveranstaltungen abdecken, andererseits den zukünftigen Mietern (gegen Gebühr) zur Verfügung stehen. Ein Kompromiss: Messe und Bauträger hatten 2000 Parkplätze gefordert, die städtischen Verkehrsplaner wollten aufgrund des zu erwartenden Verkehrsaufkommens „nur“ 1200 Plätze. Mit Blick auf Abtretungsflächen und infrastrukturelle Zugeständnisse wie ein Servitutsrecht für eine grüne Durchwegung wurde die mögliche Bebauungsdichte am verbleibenden Grundstück nochmals auf 3,0 erhöht. Die Stellungnahme des Fachbeirates für Baukultur war positiv. Anschließend wurde das Baurecht aufgrund der Anzahl der Tiefgaragenplätze nicht über eine Einreichung bei der Stadt Graz, sondern über eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) des Landes Steiermark erworben: Das Verfahren dauerte bis Herbst 2021, und manche Stellen der umfangreichen Akten lassen sich auch so lesen, als ob man weder für „stop“ noch „go“ verantwortlich sein wollte.
Die unendlich große Baugrube der Tiefgarage
Ab Baubeginn 2022 blickte man zunächst lange in die unendlich große Baugrube der Tiefgarage. Langsam nahmen die oberirdischen Teile Profil an: Wie eine Trutzburg erhebt sich ein strikter Vierkanter, dessen straßenseitige Fassade beinahe vollständig verglast ist, während der Wohnteil mit Lochfassade und monotoner Balkonstruktur eine andere Sprache spricht. Dichte und Höhe der sieben- bis zehngeschoßigen Hofbebauung aus massivem, außenwärmegedämmten Stahlbeton sind angesichts der in die Höhe wachsenden Nachbarschaft nicht das Problem, es sind die offensichtlich enge Taktung und das Fehlen jeglicher Bezugnahme auf die Umgebung. Der breite Schlund der Tiefgarage kappt die Verbindung zum östlichen Wohnviertel, die Straßenfassade ist glattgebügelt, die Westseite im Erdgeschoß bis auf dunkle Blechtüren vollständig geschlossen, davor verläuft die Asphaltfläche der Tiefgaragenzufahrt. Ein Urteil vor Fertigstellung scheint unfair, aber der Gedanke: „So baut man heute doch nicht mehr?“ drängt sich auf.
Die Finalisierung war für 2025 avisiert, der Vermietungsprozess startete Anfang 2024; bald danach wurden die Bauarbeiten eingestellt, zunächst ohne weitere Angabe von Gründen. Mitten in diesem Stillstand wurde im Sommer 2024 die Stadt Graz geklagt: Aufgrund eines vermeintlich erzwungenen zivilrechtlichen städtebaulichen Vertrages seien unzulässige Mehrkosten für öffentliche Flächen entstanden. Die Stadt konterte, dass dafür einerseits „in Dichte bezahlt worden sei“ und andererseits für Ausgaben wie eine zusätzliche Ampel der Verursacher des Bedarfs aufkommen müsse. Das Verfahren läuft noch, prekäre Schnittstellen zwischen öffentlich und privat bleiben wohl länger offen. Detail am Rande: Der zunächst klageführende Anwalt der Investorengruppe war früher in jenem Büro beschäftigt, das die Stadt bei der Abfassung städtebaulicher Verträge beraten hatte: Das Mandat wurde zurückgezogen.
Wegen der Verzögerung suchten viele Interessenten andere Quartiere
Während der Richtbaum an der Nordecke deutliche Abnutzungserscheinungen zeigte, wurde in regelmäßigen Abständen verkündet, dass die Bauarbeiten wieder aufgenommen würden. Im Herbst 2025 wurde bekannt, dass aufgrund von gestiegenen Bau- und Zinskosten erst über eine Nachfinanzierung im so kolportierten niedrig-zweistelligen Millionenbereich verhandelt werden musste. Anfang 2026 erfolgte tatsächlich ein Wiederbeginn, der fertiggestellte südliche Teil des Komplexes erhielt eine Teilbenutzungsgenehmigung. Aufgrund der Verzögerung mussten sich viele Interessenten andere Quartiere suchen, dennoch ziehen nun erste Mieter ein und leben in einem halbleeren Gebäude auf der Baustelle.
um Hauseingang gelangt man derzeit nur über Tiefgarage oder ein Baustellenprovisorium, ein schmales, plastikbespanntes Holzgerüst. Öffnet sich der Lift im ersten Obergeschoß, steht man unmittelbar vor und schon beinahe unter einer Treppenflucht. Innenliegende, aufgrund ihrer Länge eintönig wirkende, Laubengänge trennen die tiefen Wohngeschoße in zwei Hüften. Natürliches Licht kommt vom Ende der Korridore durch schräggestellte Glasschuppen und von oben, wo transparente Pultdächer über die begrünten Flachdächer hinausragen. Schachtartige Ausnehmungen wechseln mit den zu den Wohnungstüren führenden Stegen; hier lockern vereinzelt Kinderwagen, Räder und Umzugsschachteln das starre, flachstahlgeländerte Bild etwas auf.
Flexible Nutzung scheint angesichts der Überbestimmung unmöglich
Die durchschnittliche Wohnungsgröße liegt mit 65 m² zwar über dem Mittelwert vergleichbarer Bauvorhaben, doch die den tiefen Baukörpern geschuldeten langen, schmalen Wohneinheiten sind bis auf den letzten Zentimeter ausgereizt. 10-m²-Zimmer müssen sich mit großen Fenstern zum Laubengang öffnen: Die Einsicht vom Gang ist trotz davorliegenden Luftraums beachtlich, die Qualität der Aussicht andererseits überaus fraglich. Flexible Nutzung scheint angesichts der Überbestimmung unmöglich: Frei nach Hartmut Rosa kann man sagen, dass in der hier herrschenden Konstellationslogik von Verkauf, Planung, Genehmigung, Finanzierung und Bauabwicklung jeglicher Handlungsspielraum verloren ging. Zu hoffen bleibt, dass diese ersten Eindrücke am Ende der langen Baugeschichte verblassen und sich bei Besiedelung der leeren Wohn- und Gangflächen sowie durch hochwertige Grünraum- und Innenhofgestaltung noch ein wenig Freiheit entfaltet.