Jurys, Jurys, wer sind die Besten im ganzen Land?
Den Sinn von Architekturpreisen findet man in ihren möglichen Auswirkungen: Für Architekten ist es Anerkennung ihres Tuns, ein anstrengender Prozess wird gewürdigt, und Bauwerke erhalten einen gewissen Schutz.
Wenn auch die Olympischen Spiele vorbei sind: Für Architekt:innen ist Wettbewerb fixer Bestandteil des Berufsalltags. Für die Erlangung eines Auftrags ist der Realisierungswettbewerb die Königsdisziplin: Anstatt offener Wettbewerbe dominieren mittlerweile aber Verhandlungsverfahren mit zunehmend restriktiven Zugangskriterien, die kleine Büros und jüngere Architekt:innen zugunsten etablierter Big Player ausschließen.
Was wäre der Ausweg?
Einziger Ausweg: ein starker Partner, der freiwillig Erfahrung und Preisgeld teilt, um das Risiko zu übernehmen. Bei der Erfüllung eines Auftrages finden sich Architekten als Auslober in der Rolle des Wettkampfleiters wieder: Ausschreibungen unter Baufirmen und Handwerksbetrieben garantieren dem Bauherrn die beste Qualität zum aktuell günstigsten Preis. Auf der Baustelle muss man sich schließlich als Generalist behaupten, alle Spezialisten zusammenhalten und die gestalterische Idee verteidigen, wenn es am Ende nicht heißen soll: Dabeisein war alles.
Natürlich gibt es auch Würdigungen dieser Mühen: Bekannteste Ehrung weltweit ist sicher der Pritzker-Preis, der seit 1979 jährlich für das Lebenswerk eines Architekten/einer Architektin verliehen wird. Gestiftet vom Hotelkettenbesitzer Jay Pritzker und seiner Frau, Cindy, wird das Prozedere noch heute von der Hyatt-Stiftung organisiert. Die Epstein-Files haben allerdings nun auch den Preis gestreift: Der Erbe Thomas Pritzker trat wegen seiner Verbindungen zu Epstein zurück.
Zaha Hadid bekam als erste Architektin den Pritzker-Preis
Internationale Juroren des Pritzker-Preises beurteilen nach fixen Kriterien außergewöhnliche kreative Leistung, Vision und Engagement, die einen bleibenden, einflussreichen Beitrag für Menschheit und gebaute Umwelt leisten. 2004 bekam Zaha Hadid als erste Architektin den Preis zugesprochen, 2025 befanden sich unter 53 Preisträgern immerhin bereits fünf Frauen. Als bislang einzigem österreichischen Architekten wurde der Pritzker-Preis 1985 an Hans Hollein verliehen. Vielleicht eine Frage des fehlenden Lobbyings der österreichischen Baukünstler:innen, denn man kann einfach per E-Mail an die Stiftung nominieren: Für 2026 ist es zu spät, der Preisträger wird traditionell im Frühjahr bekannt gegeben.
Der Driehaus-Architektur-Preis
Mit 200.000 US-Dollar doppelt so hoch dotiert, aber weniger bekannt ist der Driehaus-Architektur-Preis, der auf lokal bewährte Bauweisen und Materialien fokussiert. Die interdisziplinäre Jury sucht dabei nach einem herausragenden Architekten oder Städtebauer, dessen Werk einen kulturell, ökologisch und künstlerisch positiv nachhaltigen Akzent in klassischer Form und im Kontext zur Umgebung setzt.
Auf nationaler Ebene geht der mit 30.000 Euro dotierte Große Österreichische Staatspreis auf Vorschlag des Kunstsenats einmal im Jahr an das Lebenswerk eines österreichischen Künstlers, letzter preisgekrönter Architekt war 2024 Hermann Czech. Daneben gibt es noch Staatspreise, speziell für Architektur z. B. im Bereich der gewerblichen Wirtschaft, für nachhaltige Architektur oder 2026 neu der Staatspreis Holzbau. Auszeichnungen für den ökologischen und innovativen Einsatz des Baustoffs Holz gab es bereits bisher in allen Bundesländern, neuerdings tendierend zu Recycling und zirkulärem Bauen.
Der Bauherrenpreis
Der ebenfalls österreichweit ausgelobte Bauherrenpreis (seit 2023 Bauherr:innenpreis, kurz BHP) von der Zentralvereinigung der Architekt:innen wendet sich an engagierte Auftraggeber:innen, die hervorragende Architekturen möglich machen. Bereits 1931 betonte Hans Poelzig, dass kein Künstler etwas Lebensfähiges ohne die Resonanz des Bauherrn schaffen kann: Wahre Baukunst entstehe nur im Zusammenklang. Die für die Moderne kennzeichnende zunehmende Entfernung zwischen Produzent und Abnehmer bildet sich in der Bauwelt in auf ökonomische Zwänge reduzierte Beziehungen zu anonymen Bauherren ab: Jenseits gestalterischer Herausforderung verbleiben mehr oder minder bewährte Schablonen ohne Innovationsanspruch.
Neun Landespreise für Architektur
Mit dem BHP werden daher außergewöhnlich gute Kooperationen samt ihren hervorragenden Bauten gewürdigt, aber in den 1970er- und 1980er-Jahren wurden auch temporäre Raumbildungen und Ausstellungsdesign, sogar Forschungsaufträge und Fernsehsendungen geehrt. 1987 konnte die Steiermärkische Landesregierung den Preis für ihr öffentlich gefördertes Wohnbauprogramm erobern, 1995 bekam ihn die Gemeinde Wien für ihr Schulbaukonzept zugesprochen. Fehlen seither mutige baupolitische Strategien?
Schließlich gibt es auch jeweils neun Landespreise für Architektur, die meist von den Landesregierungen bzw. der Stadt (Wohnfonds Wien) getragen werden. Einzige Ausnahme bildet das Architektur-Vorzeigeland Vorarlberg, wo ihn die Hypo-Landesbank zusammen mit den „Vorarlberger Nachrichten“ und dem Vorarlberger Architekturinstitut ausrichtet.
Keine festgelegten Maßstäbe
Eine weitere Besonderheit bildet der Steirische Landespreis, der vom Land in Kooperation mit dem Grazer Haus der Architektur ausgeschrieben wird: Hier gibt es keine festgelegten Maßstäbe, nach denen eine Jury auswählt. Der Preis wird kuratiert: Jedes Jahr wird ein renommierter Architekturschaffender eingeladen, um aktuelle Zielsetzung samt Bewertungskriterien zu erarbeiten: Gebrauchsspuren und Atmosphäre sind Teil der Entscheidung. Nach der Prämierung werden alle Projekte und der Prozess selbst aufgearbeitet, dokumentiert und publiziert: Ende Februar folgt daher im HdA Graz die Ausstellung des türkischen Kuratorenduos SO? architecture and ideas: „The Prize Bag – Double Lives of Architecture“.
Tatsächlich gibt es noch unzählige weitere interessante und natürlich auch einige obskure Preise. Im Hintergrund existiert eine eigene Maschinerie: Organisationen, die hinter Auswahl und Betreuung der Juroren stehen und die von Ausschreibung und Nominierungen angefangen über Öffentlichkeitsarbeit und Marketing bis hin zum Festakt alles abwickeln. Verständlich, dass einige Nominierungen mit einem geringen monetären Einsatz verbunden sind, um nicht ernst gemeinte Einreichungen auszusieben. Sich den Preis allerdings nahezu selbst zu stiften sei Marketing-Spezialisten vorbehalten, die „preisgekrönt“ auf ihre Homepage schreiben wollen.
Ästhetik spielt eine Hauptrolle
Aber auch unter der Voraussetzung, dass fair, offen und transparent gespielt wird, stellt sich grundlegend die Frage nach der „Bewertbarkeit“: Kunst – und bei allen genannten Architekturpreisen spielt Ästhetik eine Hauptrolle – ist ein quantitativ nicht messbarer Wert an sich. Vielleicht sollte man den Sinn dieser Preise daher eher in ihren möglichen Auswirkungen suchen: Für Architekt:innen ist es Anerkennung ihres Tuns, ein Ansporn, nicht den leichteren Weg zu wählen. Bauherr:innen macht es stolz, ein mitunter anstrengender Prozess wird gewürdigt. Das Bauwerk genießt gewissen Schutz vor etwaigen zukünftigen Abrissbegehrlichkeiten. Und nicht zuletzt lenken Preise – wenn auch nur für die Dauer einer Schlagzeile – öffentliche Aufmerksamkeit auf die Vielfalt der Qualitäten guter Architektur.