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Mensch und Baum in der Stadt
Interview mit dem Landschaftsarchitekten Gregor Mader über das grüner werdende Linz.
Mit ihrer 2019 beschlossenen Baumpflanzoffensive geht die Stadt Linz einen bemerkenswerten Weg der dringend notwendigen Stadtbegrünung. Auslöser ist die Klimadebatte, aber es gibt auch andere Aspekte.
Im Gespräch mit dem am Programm beteiligten Landschaftsarchitekten Gregor Mader vom Linzer Büro studio blaugruen geht es um die sozialen und ästhetischen Verbesserungen, die mit einem lebendigen Stadtgrün in Linz Einzug halten.
OÖNachrichten: Wie sieht heute für Sie der ideale Stadtraum aus?
Gregor Mader: Er ist kleinteilig und vielgestaltig, grün in vielen Formen, belebt durch Mensch, Tier und Pflanze. Am Ende des Tages auch schön. Menschen sollen sich hier begegnen können, Lebendigkeit kann entstehen.
Wie beurteilen Sie die Baumpflanzoffensive der Stadt Linz?
Es ist ein großartiges, zeitgemäßes Programm, das recht breiten politischen und gesellschaftlichen Rückhalt erfährt. Man traut sich, verschiedene Herangehensweisen auszuprobieren. Wir begrünen beispielsweise das Neustadtviertel mit mehr als 50 Bäumen. Früher wurden Straßenräume oft nach rein verkehrlichen Aspekten geplant, es dominierten Parkplätze, und dazwischen gab es einen Baum. Wenn Landschaftsarchitekten ins Spiel kommen, wird es kreativer, und die Räume kriegen eine neue, attraktivere Identität. Allerdings sind wir aufgefordert, „parkplatzschonend“ zu planen.
Wie sieht dabei das Zusammenspiel von gebautem Stadtraum und Stadtgrün aus? Was muss es können?
Für mich hat Stadtraum zwei grundsätzliche Dimensionen: erstens die Gebäude und dann der Raum dazwischen. Das Grün kann den Zwischenraum beleben, aber genauso auf den Gebäuden sein. Dabei ist mir wichtig, zu betonen, dass die geplante Landschaftsarchitektur nicht nur auf das Grün reduziert ist. Wir bearbeiten den gesamten freien Raum. Das Stadtgrün ist nicht nur eine Frage des Klimawandels. Unter einem Baum herrscht nicht nur ein besseres Klima, sondern eine besondere räumliche Atmosphäre, die die Stadt positiv prägt. Und immer mehr Bürger fordern dies ein.
Kann man überall in der Stadt begrünen? Oder gibt es historische, vielleicht ästhetische Gründe, die ortsbezogen dagegen sprechen?
Ich bin der Überzeugung, dass man überall begrünen kann. Inzwischen bringt auch die Architektur neue ökologische Konzepte in die Stadt. Daneben müssen innovative soziale Räume entstehen. Mehr Menschen drängen in die Städte und die Nutzungsdichte nimmt zu, was nach Freiräumen verlangt. Wir wollen durch unsere Planungen verschiedene Funktionen in den Quartieren miteinander verbinden. Aber dies darf man nicht nur funktional sehen. Die Straße sollte der nächstgelegene „Naherholungsraum“ für die Anwohner sein.
Werden die zu pflanzenden Bäume nach ästhetischen Gesichtspunkten ausgesucht?
Bäume sind von ihrem Wuchs her sehr unterschiedlich. Dadurch ist es möglich, mit Bäumen bewusst und geplant Stadträume zu gestalten, was wir auf Grundlage angepasster Konzepte tun. So lassen sich zum Beispiel verschiedene Baumarten miteinander kombinieren, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Zu bedenken ist allerdings, dass es sich natürlich um Lebewesen handelt, die gerne ihre eigenen Wege gehen.
Wenn Sie von neuen Freiräumen sprechen, wie definieren Sie diesen Begriff?
Durch das Pflanzen der Bäume entsteht eine neue Räumlichkeit der Straße. Es entsteht die Inspiration, den Raum anders, vielfältiger zu nutzen. Ich sehe dies als meine wesentliche Aufgabe: Inspirationen zu schaffen. Leute sollen angeregt werden, außerhalb der gebauten Räume aktiv zu werden.
Eine demokratische Aufgabe?
Ja, man soll sich wieder begegnen. Im Neustadtviertel haben wir nicht nur Platz für die Baumwurzeln geschaffen, sondern sogenannte Multifunktionsflächen realisiert. Wir haben Module entwickelt aus einem Baum, einem Tiefbeet und einer Fläche, die funktional nicht definiert wurde. Hier kann man Aufenthaltsbereiche, Fahrradständer oder anderes unterbringen. Man kann sich spontan und niederschwellig setzen und unterhalten. Es geht um Entschleunigung jenseits der üblichen Schmuckbepflanzung. Und morgens wird man von Vogelgezwitscher geweckt.
Aktuelle Informationen zum Baumbestand in Linz, zu einzelnen Standorten und Bäumen erhält man über das Bauminformationssystem der Stadt Linz.
Zur Person
Gregor Mader (geboren 1975) studierte Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur in Wien. Er plant Frei- und Grünräume unterschiedlicher Dimensionen und arbeitet mit Architekturbüros zusammen. 2019 gründete er in Linz das Büro studio blaugruen mit aktuell fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Architektur im Gespräch: Verantwortlich bauen in der Zukunft
"Und was machst du so?": In der Gesprächsreihe des afo architekturforum oberösterreich spricht Werner Sobek über das Bauen von Heimat und den Klimawandel.
Das afo architekturforum oberösterreich in Linz erweitert mit seiner neuen Gesprächsreihe „Und was machst du so?“ den Horizont über bloße architektonische Fragen hinaus. Die Gäste der Reihe sind eingeladen, über gegenwärtige Aspekte und Probleme zu sprechen und sie in Beziehung zu ihrer Arbeit darzustellen. Erster Gast war am 27. Februar der international renommierte Bauingenieur und Architekt Werner Sobek. Im Anschluss ergab sich die Möglichkeit zum Interview.
OÖNachrichten: Bauen ist für Sie die Produktion von Heimat. Wie ist dies zu verstehen?
Werner Sobek: Diese Idee geht zurück auf den Philosophen Ernst Bloch und sein Werk „ Das Prinzip Hoffnung“. Das Bauen von Heimat ist für mich mehr als die Erstellung von Wohnraum. Es geht um die Schaffung eines – vielleicht auch inneren – Ortes, an dem man gerne ist, an dem man sich gut fühlt. Diese Form von Heimat kann man sogar mit sich führen, so wie ich es tue, weil ich sehr viel unterwegs bin und mir Heimweh nie leisten konnte. Andere brauchen einen konkreten Ort mit all seinen Bedeutungen und Erinnerungen.
Sie arbeiten an einer umfassenden Trilogie über das Bauen der Zukunft, von der die ersten beiden Bände bereits erschienen sind. Warum tun Sie sich das an?
Der erste Band befasst sich in umfassenden Analysen und faktenbasiert mit unserer Gegenwart vor dem Hintergrund des Klimawandels. Es ist eine globale Zustandsbeschreibung zu Aspekten der Migration, der weltweiten Ernteentwicklungen et cetera. Nach seinem Erscheinen tauchte sofort die Frage nach Lösungsperspektiven auf. Können wir noch etwas tun oder fahren wir fatalistisch gegen die Wand? Für vieles, das notwendig wäre, ist es bereits zu spät. Davon handelt Band 2. Der dritte Band wird praktische Methoden und Möglichkeiten aufzeigen, die es uns gestatten, zukünftig zufrieden zu leben. Dies im Einklang mit der Natur.
Was schlagen Sie konkret vor?
Die mit dem Bauen verbundenen Emissionen müssen reduziert werden. Dies gilt nicht nur für die Phase der Nutzung – Stichwort Heizen, sondern die Herstellung der Gebäude, die Materialien, den Umbau oder Rückbau. Wir müssen die gesamte Spanne betrachten. Was nehmen wir aus der Erde und was geben wir wieder zurück. Entscheidend in der Zukunft ist der Wiedergebrauch bzw. die Wiederverwertung der eingesetzten Ressourcen.
Warum sind für Sie die Darstellung und Analyse von Fakten so wichtig?
Weil wir auf der Basis von Fakten darstellen können, dass unser individuelles Handeln die Existenz aller anderen – leider oft negativ – beeinflusst. Die bürgerliche Grundmaxime der Zukunft muss lauten: dein Tun berührt mein Leben und umgekehrt.
Sie vertreten einen deutlich technisch orientierten Ansatz für das Lösen der mit dem Bauen verbundenen Probleme. Welche Rolle spielen dabei ästhetische oder gestalterische Fragen?
Man kann auf jeden Fall zugleich nachhaltig und wunderschön bauen. Gebäude in denen Menschen lachen und singen. Dies ist längst nicht ausreichend erforscht. Wir verfügen heute über eine Baustoffpalette und Materialien, über neue technische Möglichkeiten, die uns fast unbegrenzte Gestaltungswelten eröffnen. Nur wer seine gebaute Umwelt liebt, wird sie nicht zerstören.
Ergeben Ihre vielen Bemühungen gegen den Klimawandel noch Sinn, wenn man die politische Entwicklung, etwa in den USA, betrachtet?
Die aktuellen Aussagen der Trump-Regierung offenbaren Tendenzen, die keine Überraschung sind. Der Unterschied zu früher: jetzt werden machtpolitische Dinge offen ausgesprochen, die längst Realität waren, aber hinter dem Vorhang verborgen blieben. All dies wird signifikante politische, gesellschaftliche und finanzielle Auswirkungen haben. Dagegen müssen wir – auch mit Architektur – antreten. Mit ihr gestalten wir unser tägliches Leben und unsere sozialen Verhältnisse, sie ist essentieller Teil der Lösung. Die Arbeit macht also Sinn.
Zur Person
Werner Sobek (*1953) ist Architekt und Ingenieur, als Nachfolger von Frei Otto Gründer des Instituts für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren (ILEK) der Universität Stuttgart, gleichzeitig war er Professor am Illinois Institute of Technology in Chicago; zahlreiche Dozenturen und Gastprofessuren. Er ist u.a. Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Er gründete und leitet die weltweit tätige Werner Sobek AG mit Standorten u.a. in Berlin, Dubai, Istanbul, New York, Stuttgart, Wien.
Präzis gebautes „Werkstück“
Für SFK entwarf das Büro heri&salli aus Wien eine neue Zentrale, deren ungewöhnliche Ästhetik durch den Entwurf und die Güte der Realisierung überzeugt
Zu den Errungenschaften der Moderne gehört, die Architektur vom Zwang, bestimmte Stile anzuwenden, befreit zu haben. Einer der Wege, die dabei beschritten wurden, war die Emanzipation der Konstruktion als gleichberechtigter Träger architektonischer Bedeutung. Konstruktion als Bedeutungsträger, vielleicht sogar als Kunst in einem ästhetischen Sinn?
Dieser Gedanke mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, hat die Konstruktion nach landläufiger Auffassung wohl eher eine dienende Funktion für das Bauen. Was jedoch damit gemeint ist, lässt sich aktuell an einem ungewöhnlichen Beispiel in Oberösterreich bestens studieren.
Beim vom Wiener Architekturbüro heri&salli (Heribert Wolfmayr und Josef Saller) in Kirchham (Bezirk Gmunden) geplanten Verwaltungsbau für die Firma SFK wird die Konstruktion durch ihre Gestaltung tatsächlich zum Hauptmoment der künstlerisch-ästhetischen Form des Gebäudes. Damit entspricht der Bau nicht nur einer lang gepflegten Grundauffassung des Wiener Büros. Er folgt auch der Firmenphilosophie von SFK.
Aus dem Tischlerhandwerk kommend, hat sich der Familienbetrieb zu einem Unternehmen entwickelt, das präzise und hochwertige Holz- und Frästechnologien in unterschiedlichen Anwendungsbereichen anbietet. Es verwundert deshalb nicht, dass Entwurf, Detailplanung und Ausführung nicht nur in enger Abstimmung der Entwerfer mit der Bauherrenschaft durchgeführt wurden. Die Errichtung selbst lag weitgehend in den Händen von SFK. Und natürlich: Das realisierte Bauwerk ist ein veritables Aushängeschild und „Musterstück“ für die Firma.
Struktur, Plastizität – Einheit
Blickt man von außen auf das Gebäude, so fällt auf den ersten Blick die Betonung der architektonischen Struktur durch die plastisch ausgeführten Stützen auf. Diese tragen und gliedern nicht nur den dreigeschoßigen Bau, sie rahmen die geschoßhohen, breiten Fensterflächen, die ungewöhnlich tief in die Fassaden eingebettet sind. Fast erscheint dies als eine Reminiszenz an strukturalistische Bauten der 1960er/70er-Jahre, allerdings ist die Ausführung in Kirchham deutlich feiner, der Eindruck glatter und perfekter.
Die mit konisch geformten Faserzementplatten verkleideten Stützen geben den Fassaden einen verhalten technoiden, dynamischen Ausdruck. Das Gebäudevolumen wird vom völlig gleichmäßigen Konstruktionsraster wie ein hochwertiger architektonischer Schmuckkasten umfangen. Dabei steht das plastisch-graue Raster mit den großen, glattspiegelnden Fensterflächen in einem reizvollen Spannungsverhältnis. Die großen Fenster sorgen im Inneren für eine lichtvolle, arbeitsfreundliche Atmosphäre.
Freigespielte Innenräume
Nicht nur die Fenster, auch die innen ausgeführte Form der tragenden Stützen schafft eine ästhetisch überzeugende Verbindung von außen und innen. Auf der Innenseite wird der konische Stützengrundriss aufgenommen und in Beton ausgeführt. Neben den Fenstern nimmt die Tragstruktur auch alle technisch notwendigen Vorrichtungen (z.B. die seitliche Führung der Jalousien) auf. Entsprechend den funktionalen Erfordernissen und der beabsichtigten Wirkung ist die Ausführungsqualität außergewöhnlich hoch. Im Inneren ist das Bauwerk auf eine möglichst freie Disposition des Grundrisses ausgelegt. Entsprechend vielgestaltig und atmosphärisch differenziert ist das funktional orientierte Raumangebot. Die Materialien Holz, Glas und Metall werden zu einer modernen, Durch- und Einblicke erlaubenden, organischen Einheit verbunden.
Eine besondere Anmutung besitzt die Haupttreppe, deren skulpturale Gestaltung die Gesamtwirkung des Inneren maßgeblich mitbestimmt. Insgesamt wird ein erheblicher gestalterischer und räumlicher Aufwand betrieben, der allerdings nicht in eine zweckfreie, auf bloßen Effekt zielende Überinszenierung mündet. Ratio, Funktion und Raum bilden ein – teilweise kontrastreiches – harmonisches Ganzes.
Eindrucksvoll belegt das SFK-Gebäude in Kirchham die an dieser Stelle schon mehrfach geäußerte Gewissheit, dass für die positive, spannungsreiche Wirkung von Architektur nicht nur der große Gesamtentwurf, sondern auch die sorgfältige Gestaltung und Ausführung der Einzelformen und Details große Bedeutung haben. Beides wurde in Kirchham zu einer faszinierenden Symbiose.