»Haus für Vieles« bei Zürich
Gibt es ein Haus, das Wohn- und Gemeindeort zugleich sein kann? In Wernetshausen bei Zürich schufen die jungen Schweizer Architekten Comte/Meuwly ein Gebäude, das privaten wie auch halböffentlichen Zwecken dient. Mit dem »House for Almost Everything« bleiben sie ihrer Haltung treu, mit konstruktiver Finesse eine adaptive Architektur für die Zukunft zu entwickeln.
Im Spätherbst liegt im Zürcher Oberland Frost auf den Feldern; in der Ferne sind die Bergketten südlich des Zürichsees bereits mit Schnee bedeckt. Von der Stadt Zürich aus braucht man etwas mehr als eine halbe Stunde, um nach Wernetshausen zu gelangen. Das Dorf zählt circa 800 Einwohner und liegt im Osten des Kantons, am Westhang des Bachtels – mit 1 115 m. ü. M. eine der höchsten Erhebungen der Region. Von Wernetshausen aus richtet sich der Blick nach Zürich, nach Westen, und in Richtung des Sonnenuntergangs, der an diesem kalten Abend besonders klar zu sehen ist. Der Ausblick vom »House for Almost Everything« über die Region ist nahezu ungehindert, denn das Gebäude steht am östlichen Ende einer weiten Streuobstwiese.
Walter Bachmann ist Bauherr und Bewohner des Hauses; ihm gehört das Grundstück, auf dem seine Familie früher Landwirtschaft betrieb. Er selbst lebte unter anderem in Zürich, bevor er sich entschied, im Alter wieder nach Wernetshausen zurückzukehren. Sein Motto, das er an diesem Abend mehrfach erwähnt, ist Anpassungsfähigkeit – und auf sich selbst bezogen: für (fast) alles zu haben! Auf die beiden jungen, aus der Romandie stammenden und inzwischen in Zürich arbeitenden Architekten Adrien Comte und Adrien Meuwly wurde Bachmann durch eine Nachbarin aufmerksam, die bei einer Schweizer Architekturzeitschrift arbeitet. Ihm war von Anfang an klar: Für seine besondere Idee wollte er junge Planende beauftragen. Die Bauaufgabe: ein Haus, das zugleich privater Wohnraum und Begegnungsort für die Gemeinde sein soll. Mittlerweile verfügt das »Haus für Vieles« sogar über eine eigene Internetseite, auf der Walter Bachmann gemeinsam mit anderen ein vielseitiges Programm anbietet – von Kochabenden über Lesungen bis hin zu Konzerten und Ausstellungen.
Konstruktives Feingefühl
Die vom Bauherrn geforderten vielseitigen Anforderungen übersetzten Comte/Meuwly in eine Architektur, die zwar nicht groß ist, dafür aber viel kann. Der lang gestreckte Baukörper besitzt eine konkav-rechteckige Grundrissform von gerade einmal 125 m². In der zur Dorfstraße nach Osten orientierten Gebäudehälfte befinden sich das Entree, Nebenräume wie Abstellraum und Gäste-WC sowie das private Schlafzimmer mit angrenzendem Bad. Zur Obstwiese im Westen öffnet sich ein großer Hauptraum, der Walter Bachmanns Wohnküche und gleichzeitig Veranstaltungsraum für die Gemeinde ist. Über das mittig gelegene Entree betritt man unmittelbar diesen Raum, dessen südliche und westliche Fassaden vollständig verglast sind. Hohe Vorhänge zur Verschattung und zum Sichtschutz laufen in vorinstallierten Deckenschienen, die gleichermaßen als Hängevorrichtung für Kunst im Rahmen einer Ausstellung dienen können.
Eine Terrasse, die sich über die gesamte Länge des Hauses erstreckt, kann als zusätzlicher Raum verstanden werden. Als Erweiterung der betonierten Bodenplatte scheint sie ein paar Zentimeter über dem Gelände zu schweben. Bei gutem Wetter lassen sich auf der Terrasse Tätigkeiten ins Freie verlagern. Durch die hohen Faltschiebetüren an den verglasten Seiten geht der Übergang von innen nach außen fließend ineinander über – eine Eigenschaft, welche die Architektur von Comte/Meuwly charakterisiert, wie unter anderem auch ihr Filter House in Genf (2022). Leichte Fassaden treffen auf ausgeklügelte Details, die vom konstruktiven Scharfsinn der Architekten zeugen.
Dann drückt Walter Bachmann einen Knopf, und das Haus beginnt zu brummen. Er möchte vorführen, wie sich das lange Vordach über der Westterrasse absenkt. Per Knopfdruck setzt sich die Hydraulik in Bewegung. In der dunklen Jahreszeit lässt er das Vordach meist oben, erzählt er. Gerade jetzt, wenn die Sonne untergeht, kann man den Himmel sonst kaum sehen. Ist das Vordach in seiner oberen Position, bildet es mit dem aluminiumgedeckten Hauptdach eine plane Fläche. Um etwas mehr als 45° wird es durch die Kraft von vier Hydraulikzylindern nach unten bewegt, bis die Zylinder vollständig eingefahren sind. Für einige Minuten fühlt man sich wie in einer Maschine. Ein Gefühl, das vor allem durch die brummende Geräuschkulisse hervorgerufen wird und zur Architektur mit ihrer nüchternen Materialität aus Aluminium, Glas und sichtbarer Technik passt.
Adaptiver Re-use
Der Kraftkörper beziehungsweise Technikraum befindet sich allerdings nicht im Haus selbst, sondern wurde aus Platzgründen ausgelagert. Rund 10 m südöstlich des »House for Almost Everything« steht der »Schopf«, ein Überbleibsel aus der Zeit, als das Grundstück noch landwirtschaftlich genutzt wurde. Der einfache Holzständerbau mit ungedämmter Bretterfassade sollte ursprünglich abgerissen werden. Doch Comte/Meuwly hatten eine andere Idee: Mit einer neu eingezogenen Zwischenebene machten sie das Gebäude von geringer Grundfläche nicht nur vielseitiger nutzbar, sondern auch standfest. Die neue Ebene aus feuerverzinktem Stahlrost übernimmt aussteifende und stabilisierende Funktionen.
Im Erdgeschoss wurde ein Drittel der Fläche für die Haustechnik vorgesehen; hinter transluzenten Paneelen befindet sich nun alles, was unter anderem für den Betrieb der Hydraulik und die weitere Energieversorgung erforderlich ist. Eine Zugtreppe führt auf die Zwischenebene, die derzeit als Lager dient. Oben angelangt steht man in einem Raum fast ohne Decke, denn das Dach besteht aus lichtdurchlässigen Photovoltaik-Modulen. Diese sogenannten Glas-Glas-Module bieten gegenüber konventionellen, rückseitig folierten PV-Elementen Vorteile: höhere Formstabilität, längere Lebensdauer, besseren Feuchtigkeitsschutz und eine einfachere Wiederverwertung. Die regelmäßig gereihten schwarzen Quadrate ergeben ein Raster und fassen den Raum in ein einzigartiges Licht- und Schattenspiel. Der Strom, der hier erzeugt wird, kann bisher noch nicht gespeichert werden, sondern wird von Walter Bachmann direkt verbraucht oder in das angeschlossene Stromnetz eingespeist.
Wandlungsfähige Räume
Im »Schopf« wird jedoch nicht nur Technik untergebracht und gelagert. Zuletzt fanden dort eine Wanderausstellung und Workshops rund um das Thema Lehmbau statt. Die Architektur von Comte/Meuwly hingegen verkörpert Nachhaltigkeit auf anderen Ebenen. Ihr Ziel ist eine Architektur, die Bestand hat – materiell wie funktional. Hochwertige Materialien wie Stahl und Glas werden aufgrund ihrer Eigenschaften und Langlebigkeit gezielt eingesetzt und qualitativ verbaut. Nichts wird dem Zufall überlassen; jedes Detail ist sorgfältig geplant. Alles ist darauf ausgelegt, eine Architektur zu entwerfen, die, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für eine lange Lebensdauer geschaffen ist. Qualitative Materialien unterstützen diese Haltung ebenso wie flexible Grundrissstrukturen. Das Wohnhaus von Walter Bachmann ist jetzt schon mehr, als seine eigentliche Funktion verlangt – und kann in Zukunft wiederum neu und anders genutzt werden. Mit konstruktiver und technischer Finesse erschaffen die Architekten eine Architektur, die sich wandeln darf – und gerade dadurch Relevanz und Bestand hat.