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Profil

Architekturstudium an der TU Graz
Mitarbeit in Architekturbüros in Wien und Graz (Hermann Czech, Alfred Bramberger, Manfred Wolff-Plottegg und Heinz Wondra)
1990 Ziviltechnikerprüfung
Seit 1992 Architekturpublizistin in in- und ausländischen Fachzeitschriften, seit Herbst 2000 auch für das Presse Spectrum
1997 Hochschulkursus für Kulturjournalismus und kulturelle Öffentlichkeitsarbeit am ICCM in Salzburg.
1997 – 1998 Öffentlichkeitsarbeit für die Sektion Architekten der Ingenieurkammer für Steiermark und Kärnten.
2001 – 2004 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt
2004 – 2009 Inhaltliche Redaktion von www.gat.st
2008 Gründung von architektouren-graz/ljubljana

Lehrtätigkeit

Seit 1996/97 in loser Folge Lehraufträge an der TU Graz, z.B. Grundlagen der Gestaltung, Architekturkritik und Ausgewählte Kapitel Architekturtheorie

Mitgliedschaften

Mitglied von Guiding architects

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Artikel

27. Mai 2007 Spectrum

Ländliche Urbanität

Entwickelt aus der Tradition, jedoch keineswegs heimat-tümelnd. Alltagstauglich, aber nicht banal. Über Heinz Wondras Gemeindezentrum für Unterfladnitz und das neue Leben auf dem Land.

Sie klingt anachronistisch, die Rede von der „Ressource Land“, vom ländlichen Raum als Lebensraum der Zukunft, die wieder verstärkt angestimmt wird. Gleicht sie nicht einer Beschwörungsformel zur Abwendung des worst case, der Schreckensvision von einer brachliegenden und entvölkerten Landschaft? Die rückläufige Bedeutung des Agrarischen, das Bauernsterben, erhöhte Arbeitslosigkeit und starke Abwanderungstendenzen junger Menschen aus peripheren Regionen sind Fakten, die sich nicht leugnen lassen.

Die Attraktivität des Lebens auf dem Land ist in erster Linie an verfügbare Arbeit gekoppelt – ohne Arbeitsplätze kein Bleiben und kein Zuzug. Nahezu gleichbedeutend ist das Vorhandensein funktionierender Infrastruktur. Ist eine positive Entwicklung des regionalen Arbeitsmarktes festzustellen, dann sind Gemeinden gut beraten, ihrerseits Anreize zum Bleiben und zur Niederlassung zu schaffen, indem sie vernünftige Maßnahmen zur Stärkung oder Erneuerung kommunaler Strukturen tätigen, die das Leben im Dorf erleichtern. Was bewirkt, dass man sich emotional an einen Ort gebunden und „zu Hause“ fühlt, ist schwer zu fassen und noch viel schwerer zu erzeugen.

Mehr als die Stadt spiegelt das Dorf einen komplexen Kosmos wider, ein Gefüge von ineinander verwobenen Strukturen, gegenseitigen Erwartungen und Abhängigkeiten, das sich dem nicht Ansässigen kaum erschließt. Und dennoch: Erst der Blick von außen – der Blick mit Distanz – ermöglicht, spezifische Ressourcen und Eigenheiten eines Ortes zu erkennen, die das Potenzial in sich tragen, identitätsstiftend zu sein und darauf aufbauen zu können. Genau deshalb erfordert Dorferneuerung ein Eingreifen durch Außenstehende. Den Ortsplanern kommt dabei eine ebenso große Verantwortung zu wie den Architekten.

Unterfladnitz ist ein noch vorwiegend agrarisch bestimmtes Dorf in der Oststeiermark und zugleich der namensgebende Ort im Zusammenschluss von sechs Katastralgemeinden, die gemeinsam 1500 Einwohner zählen. Von der verkehrsgünstigen Lage an der Verbindung der beiden Bezirksstädte Gleisdorf und Weiz, an der sich in den vergangenen Jahren eine nicht unbeträchtliche Zahl von Industrie-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben angesiedelt hat, profitiert auch Unterfladnitz.

Nun wurde in dem Dorf, das seine Gemeindeagenden bis dahin von einer kleinen Stube aus wahrgenommen hat, ein Gemeindezentrum eröffnet, das Heinz Wondra geplant hat. Weil dem Ort eine historische Mitte mit Dorfkirche, Pfarrhof und Schule fehlt, hat der Architekt ein Gebäude konzipiert, das in seiner Ausrichtung und Ausstattung mit dem dazugehörigen kleinen Festplatz, dem benachbarten Gasthaus und der dahinter liegenden Bahnstation einen neuen zentralen Ort anbietet. Die Stellung des winkelförmigen Baukörpers wirkt raumbildend. Sie formt einen kleinen Platz, blendet aber auch das angrenzende Gebiet des Landwirteverbands mit einer alles dominierenden Maistrocknungsanlage aus Holz aus.

Die unterschiedlichen Funktionen einer Amtsstube und eines Festsaals werden an den beiden differenziert geformten Gebäudeflügeln deutlich. Das Gemeindeamt präsentiert sich als schlanker, linear ausgerichteter Körper mit geringer Gebäudehöhe, funktionell und schlicht, während der Veranstaltungstrakt durch größere Höhe und eine nicht alltägliche Form geprägt ist, die bescheidene Festlichkeit ausdrücken soll. Die Plastizität des Körpers entwickelt der Architekt aus dem Zuschnitt des Grundstücks und aus der Weiterführung einer Dachschräge, die im Gemeindeamt als Oberlichtverglasung des Flurs in Erscheinung tritt. Am Schnittpunkt der beiden Funktionsbereiche entsteht ein in alle Richtungen durchlässiger, heller Raum mit mehrfacher Konnotation. Er ist Eingang und Warteraum für die Gemeinde und zugleich das Foyer zum Saal, er kann für Ausstellungen oder kleinere Feiern genützt werden und lädt in seiner Offenheit dazu ein, zur Passage vom Lagerhaus zum Gasthaus zu werden.

Der Saal war in der Wettbewerbsvorgabe noch im ersten Stock vorgesehen. Auf Anregung von Heinz Wondra wurde den Wettbewerbsteilnehmern freigestellt, wo sie ihn situieren wollten. In seinem Konzept, der Neuinterpretation eines belebten Dorfplatzes mit vielfältiger Nutzungsmöglichkeit und permanenter Verfügbarkeit, konnte ein Festsaal nur zu ebener Erde sein. Mit einer Abfolge von großen Türen, die sich zum befestigten Vorplatz öffnen, nimmt der Architekt eine Tradition von Veranstaltungen am Land, die sich oft im Freien fortsetzen, auf und schafft ein unprätentiöses Raumkontinuum aus Innenraum, Terrasse, Sitzstufenanlage und kleiner, abgesenkter Festwiese – wohl wissend, dass Orte, an denen vielfältige dörfliche Aktivitäten stattfinden können, identitätsstiftend wirken. Der Saal selbst, bis zu fünf Metern hoch, ist zwischen zwei Betonscheiben aufgespannt. Eine Wandnische, die als Stuhllager dient, ist mit einer raumhohen Holzwand verschlossen, die sich als zweiteiliges Tor entpuppt, das zur Bühnenfassung wird.

Das alles kann als Reminiszenz an früher oft improvisiert eingerichtete dörfliche Veranstaltungsräume gelesen werden, als freie Assoziation an Scheunen, in denen Theater gespielt oder gemeinschaftlich „Woaz“ (Mais) geschält wurde. Entwickelt aus einer Tradition heraus, jedoch keineswegs heimattümelnd rustikal. Die Form des Saals mit der mehrfach geknickten Hülle ist komplex, um das Besondere, das nicht Alltägliche auszudrücken.

Spektakulär und für die Dorfbewohner fremd mag allenfalls seine Außenhaut aus einer beinahe weißen Folie erscheinen, die jedoch ganz pragmatisch aus ökonomischen Überlegungen gewählt wurde – weil die finanziellen Mittel für das Gebäude äußerst knapp bemessen waren.

Als Architektur ist dieser Bau autonom, er folgt keinen Moden und ist nicht in Kategorien wie Traditionalismus, neuer Einfachheit oder neuer Modernität einzuordnen. Hier wurde nicht angestrebt, ein spektakuläres, aus dem heterogenen dörflichen Gefüge herausstechendes Einzelbauwerk zu sein, sondern eines, das sich aus seiner lapidaren Selbstverständlichkeit und Ungeschmücktheit heraus legitimiert, einen angemessenen Beitrag zum kommunalen Leben darstellt – alltäglich in der Bedeutung von alltagstauglich, aber nicht banal.

7. April 2007 Spectrum

Ein Preis hat seinen Preis

Architekturpreise: verdienter Lohn für Talent, Mut und Kreativität? Ein Gradmesser für die Baukultur? Oder doch nur Pausenfüller fürs bunte Event? Über Sinn und Unsinn von Auszeichnungen.

Preise und Auszeichnungen sind des Architekten Zuckerbrot. Auch wenn sich diese Ehrungen meist nicht direkt geldvermehrend auf das Konto auswirken, sind sie eine unverzichtbare Anerkennung im selbstständigen Berufsleben des Architekten. Preise honorieren Talent und Beharrlichkeit, ja, den oft zähen Kampf des Architekten um architektonische Qualität. Und sie sind der psychohygienische Ausgleich für den in keiner anderen Berufsgruppe auch nur annähernd so hohen Einsatz von Geld und Arbeitszeit für die Teilnahme an unbezahlten Wettbewerben, ohne die viele Architekten kaum eine Chance hätten, je einen größeren Bau zu realisieren. Preise verhelfen dem Architekten zu Publicity und steigern seinen Marktwert. Wird ein Preis nicht nur retrospektiv ausschließlich an etablierte Architekten verliehen wie beim Nobelpreis unter den internationalen Architektenehrungen, dem „Pritzker Preis“, dann kann mit einer Juryentscheidung junges, kreatives Potenzial gefördert werden.

Über die öffentlich gemachte Wertschätzung von herausragenden Einzelleistungen hinaus haben Architekturpreise und Auszeichnungen Bedeutung, weil sie Gradmesser für Entwicklungen und Tendenzen im Bauen und für den Umgang mit der Baukultur eines Landes sind.

Ende März wurde in Graz der „Architekturpreis des Landes Steiermark 2006“ verliehen. Den Preis bekam der Salzburger Architekt Simon Speigner mit seinem Team für eine Lagerhalle im obersteirischen Scheifling. In ihrer Begründung hält die Jury unter anderem fest, dass die scheinbar banale Aufgabe einer Lagerhalle in einer unaufdringlichen Eleganz und durch intelligenten Einsatz von Materialien gelöst wurde (nachzulesen auf www.gat.st). Auch wenn die Qualität des prämierten Bauwerks nicht in Zweifel gezogen werden soll, so lässt sich doch darüber diskutieren, ob mit der Prämierung einer – wenn auch markanten – Hülle eines standardisierten Hochregallagers nicht ein falsches Signal gesetzt wird. Immerhin hat die Architektur in der Steiermark lange Zeit internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil die Arbeit der hier ansässigen Architekten gekennzeichnet war von einem stark ausgeprägten eigenständigen Formwillen, der außergewöhnliche Räume und Architekturen entstehen ließ. Doch Fragen im Kontext mit dem aktuellen Architekturgeschehen der Steiermark werden von der Jury nicht angeschnitten, ebenso wenig wird thematisiert, dass es im Vergleich zu 2004 eine erstaunlich niedrige Zahl an Einreichungen gegeben hat.

Dabei könnte die Vergabe von Auszeichnungen Anlass für Analysen sein, die nicht nur den aktuellen Stand der Architekturproduktion eines Landes (oder einer Baubranche), sondern darüber hinaus auch Handlungsbedarf feststellen und Orientierung für die Zukunft geben. Beim Staatspreis Architektur, der alle zwei Jahre alternierend spartenbezogen vergeben wird, geschieht dies ansatzweise, indem jeweils ein fachlich versierter Referent eingeladen wird. Andere Preisverleihungen hingegen tendieren zur Eventisierung, bei der die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Ehrung, der Architektur, zum Pausenfüller degradiert wird.

Um Reputation und Wert zu erhalten, müssen nicht nur die ausgezeichneten Bauten einem hohen Qualitätsanspruch genügen, sondern auch die Modalitäten von Auszeichnungen. Es beginnt mit den Zugangsbedingungen. Einreichgebühren für die Teilnahme sollten, jedenfalls bei Preisverleihungen durch Industrie und Firmen, abgeschafftwerden. Ein Beispiel: Akzeptanz und Renommee des neuen Holzbaus sind maßgeblich den Architekten zu verdanken, die mit immer mehr qualitätsvollen Holzbauten tägliche Überzeugungsarbeit leisten. Damit tragen sie nicht nur zur Renaissance des Holzbaus hierzulande bei, sondern auch zum Ansehen eines Preises. Sie für ihre Beiträge bezahlen zu lassen – wie beim Steirischen Holzbaupreis – ist daher unstatthaft.

Wertschätzung drückt sich auch in der Bereitschaft des Auslobers aus, in Auszeichnungen zu investieren. Das gilt für Firmen, deren Preise schon allein deshalb mit Geldleistung verbunden sein sollten, weil jedes ausgezeichnete Gebäude auch für das Unternehmen, dessen Materialien oder Bauteile eingesetzt wurden, einen Werbewert darstellt. Seriös ist ein Preis dann, wenn alle Beteiligten für ihren Aufwand angemessen bezahlt werden. Es kann nicht sein, dass ein Auslober wie das Land Steiermark zwar beschließt, den Landesarchitekturpreis mit einer Donation auszustatten, zugleich jedoch die Bezahlung der Jurymitglieder einstellt. Viel gefragte qualifizierte Architekten werden derartige Jurys dankend ablehnen. Zudem darf weder zeitlicher noch der finanzieller Aufwand für eine Jurierung gescheut werden, um zu ermöglichen, dass alle Objekte, die in die engere Wahl kommen, vor Ort besichtigt werden. Seriös ist ein Preis, wenn die Abgeltung der Rechte für Bildmaterial, das der Veröffentlichung dient, nicht an die Architekten delegiert wird, sondern die Foto-grafen vom Auslober honoriert werden.

Eine angemessene Würdigung ist die eigens erstellte, vielfach zu verteilende Publikation in Form einer gedruckten oder vollständig im Netz abrufbaren Dokumentation. Sie ist oder besser wäre, weil ihre Erstellung nicht selbstverständlich ist, im besten Sinn ein Beitrag zur Architekturvermittlung. Wer recherchiert, bemerkt, dass in beiden Medien kaum einmal die Namen aller Einreicher und Projekte genannt werden, dass oft weder Bewerbungsgrundlagen nochdie Zahl der Einreicher erwähnt werden, im Netz oft Juryzusammensetzung und Fotoquelle fehlen und Archive über Preise früherer Jahre, wenn überhaupt, nur lückenhaft zu finden sind.

Ausschreibungsmodalitäten werden dann lieber verschwiegen, wenn sie die Objektivität der Vergabe von Auszeichnungen schmälern könnten. Um ins Auswahlverfahren für die Beiträge im „Jahrbuch der Architektur“, das vom Haus der Architektur Graz herausgegeben wird, aufgenommen zu werden, muss ein Architekt bereit sein, einen Druckkostenbeitrag für die Publikation zu leisten. Diese selektive, objektive Entscheidungen konterkarierende Maßnahme ist kein Einzelfall. Insider wissen, dass immer mehr Publikationen zur Architektur so zustande kommen. Ein „best architects 07“ befriedigt daher in erster Linie die Eitelkeit der darin genannten Architekten. Ob solcherart Auswahlverfahren dazu beitragen, den Qualitätsbegriff in der Architektur publik zu machen, sei dahingestellt.

14. Januar 2007 Spectrum

Ein Flügel und offene Arme

Flughäfen sind Transiträume und gelten als klassische Unorte einer beschleunigten Welt. Dass das nicht immer so sein muss, beweist der ausgebaute Airport Graz-Thalerhof.

Flughäfen sind Orte, die paradigmatisch für die Mobilität des modernen, global vernetzten Weltbürgers stehen. Heute hier - heute dort, auf der anderen Seite der Weltkugel. Möglich gemacht wird dies durch die ungeheure Beschleunigung, mit der Distanzen heute überwunden und Räume durchmessen werden. Flughäfen fungieren dabei als Transiträume; die Aufenthaltsdauer in ihnen wird von Flugplänen und Transportverordnungen bestimmt. Flughäfen sind quasi exterritoriale Räume, denen Anthropologen jede identitäts- und beziehungsstiftende Funktion absprechen. Tatsächlich ist paradox, wie kontakt- und kommunikationslos das Warten an diesen Orten abläuft. Der Franzose Marc Augé, einer dieser modernen Feldforscher der eigenen Kultur und urbanen Multisozietät, bezeichnet sie als „Nicht-Orte“. Tatsächlich sind zumindest die großen Kreuzungspunkte des internationalen Flugverkehrs eine in sich abgeschlossene Welt in einer immer gleichen Ästhetik von Check-in-Schaltern, Shops, Boarding-Zonen und Leitsystemen. In einer Größe, in der selbst die oft spektakuläre Form der Hülle bei der Annäherung nicht mehr als Ganzes wahrgenommen werden kann, wird der Flughafen verwechsel- und austauschbar. Kleinere Flughäfen haben es da leichter. Selbst wenn sie erweitert werden, bieten Größe und Ausdehnung noch immer die Chance, Übersichtlichkeit im Inneren zu bewahren. Der Fluggast kann über den visuellen Kontakt nach außen seinen Standort im Gebäude verorten und sich orientieren.

Graz-Thalerhof ist so ein Flughafen ohne Transitverkehr, vergleichbar einem Kopfbahnhof. 1989 wurde ein Wettbewerb für eine erste Ausbaustufe des Passagierterminals ausgeschrieben, den das damals noch weitgehend unbekannte Team Florian Riegler und Roger Riewe für sich entscheiden konnte. Die Erweiterung war für ein prognostiziertes Fluggastaufkommen ausgelegt, das noch erlaubte, alle Handlungsabläufe des Abflugs und die Wartezone der Ankunft in Sichtdistanz in einem Großraum zu addieren. 1994 war der Ausbau fertiggestellt, Graz hatte eine architektonisch höchst anspruchsvolle Fluggasthalle, in der funktionelle Differenzierungen und Schwellen zugunsten von Klarheit und Durchlässigkeit mehr gekonnt angedeutet als ausformuliert waren. Ihre maximale Kapazität war jedoch schon im Jahr 2000 erreicht, an einen weiteren Ausbau musste gedacht werden.

Der zweite Wettbewerb wurde von Pittino&Ortner gewonnen, einem Architekturbüro, das vorwiegend im Kommunal- und Bankenbau tätig ist. Die Handschrift des Entwurfs weist auf GSArchitects, das sind Danijela Gojic und Brigitte Spurej, zwei Absolventinnen der Technischen Universität Graz, die bis zur Eröffnung eines eigenen Büros (gemeinsam mit dem Projektleiter des Flughafens, Michael Gattermayer) als Projektteam hinter erfolgreichen Wettbewerben steirischer Büros standen.

Ende 2005 wurde die Erweiterung, die für 1,5 Millionen Fluggäste pro Jahr ausgelegt ist, abgeschlossen. War Riegler Riewes Gebäude ausschließlich geprägt von einer Haltung großstädtischer Distinguiertheit und Eleganz, so setzt dieser Entwurf auf den bildhaften Ausdruck seiner Funktion. Er wird entscheidend geprägt von einem geschwungenen, gekurften, an einem Ende frei auskragenden Dach, das an den Tragflügel eines Flugzeugs erinnert. Dieses überspannt den dominierenden Kern der Erweiterung, einen zweigeschoßigen verglasten Baukörper, an den im Norden und Westen, zum Flugfeld hin, eingeschoßig die Wartezonen des Boarding-Bereichs angeschlossen sind. Zum Vorfeld des Flughafens hin wird der Baukörper in einem stumpfen Winkel geknickt, bevor er, auf einen geschoßhohen Ausläufer abgestuft, unter dem in gleicher Höhe bleibenden Dach endet. Die Richtungsänderung des Daches erfolgt in einer weichen, organischen Linie.

Unschwer lässt sich die Gebäudefiguration hier als Geste des Empfangs, gleich offenen Armen, interpretieren, die die Vorfahrt zur neuen Abfertigungshalle begleitet. Am anderen Ende greift das Obergeschoß der neuen Halle mit ausladendem Dachvorsprung in den Altbau über. Die frühere multifunktionale Halle mutiert zum Ankunftsbereich, der ohne Schwelle mit der leicht abgedrehten hohen Abflughalle verbunden wird. Zu ebener Erde lässt sich alles übersichtlich finden, was mit dem Wegfliegen verbunden ist: Schalter zum Check-in, Sicherheitskontrolle, Information, Wartezonen, ein Café, das offen an die Halle anschließt. Etwas im Abseits ist nur der Flughafenshop. Das Obergeschoß ist durch eine Galerie an der Längsseite mit der Halle verbunden. Über eine der zwei sorgsam positionierten Treppen gelangen Besucher über die Galerie auf eine Aussichtsterrasse, ins Restaurant oder zu Seminar- und Konferenzräumen.

Eine der Qualitäten des Entwurfs ist, dass es den Architekten gelungen ist, die zeitlich und architektonisch differenten Ausbauabschnitte nahtlos ineinanderfließend zu verbinden, ohne ein Gelenk zu installieren. Im äußeren Erscheinungsbild wird die Idee der analogen Fortsetzung - nicht ganz zwingend - angedeutet, indem der wulstartige Dachabschluss des ansteigenden Hallenvordachs von Riegler Riewe für das neue flügelartige Dach kopiert wird.

Aus den schwellenlosen Übergängen und dem großzügigen Volumen der angenehm leeren Halle lässt sich ein weiterer Vorzug dieses neuen Ganzen ableiten: Durchlässigkeit und Bewegungsfreiheit. Räumlich-funktionelle Differenzierungen werden durch die Situierung der Schalter unter der Galerie ausgedrückt oder durch das Abrücken des Cafés in den von der Halle abgewandten, niedrigeren Bereich.

Durchsicht von einer zur anderen Halle ist gegeben, dazu der Überblick im Raum, der Blick von innen nach außen und von unten nach oben. Das macht möglich, wofür das Fliegen an sich steht und was das Warten verkürzt: Bewegung. Am Flughafen in Graz-Thalerhof lässt sich beobachten, dass nicht nur Reisende und ihre Begleiter in Bewegung sind und Gespräche im Gehen stattfinden, auch Besucher sind es, die gar nicht beabsichtigen zu verreisen, sondern den Flughafen, seine Aussichtsplattform, das Café oder Restaurant als Ziel eines sonntäglichen Ausflugs mit Kindern wählen. So gesehen, ist dieser Flughafen weit entfernt von der Unwirtlichkeit, der hektischen Atmosphäre und Anonymität seiner großen Brüder auf der ganzen Welt.

Ein Element des Großstädtischen wird mit der Anbindung des Flughafens durch den geplanten Flughafenast der Koralmbahn entstehen, die dereinst die Stadt mit zwei Haltestellen an den Flughafen anbinden soll. Ein weiteres könnte entstehen, wenn sich der Eigentümer entschließt, auch das Vorfeld des Flughafens adäquat zu gestalten. Der Raum, der durch Parkhaus und Bürogebäude im Süden und die neue Gerätehalle von Markus Pernthaler im Norden aufgespannt wird und in dessen Mitte der Tower von Pernthaler steht, sollte von den billig wirkenden Bauten der Flugschule und des Caterings bereinigt werden, damit einer großzügigen Lösung der Zu- und Abfahrt nichts mehr im Wege steht.

8. Oktober 2006 Spectrum

Freiraum und Blickraum

Behinderte Menschen erleben allzu oft Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit. Eine Sonderschule in Schwechat gibt ihnen den Raum, den sie brauchen.

Die Schule ist nicht nur ein Lern-, sondern auch ein Lebensraum für Kinder. Sie ist ein Ort der indi viduellen Lernerfahrung und einer der Begegnung. Architekten können den Unterricht nicht beeinflussen, aber sie können Bedingungen für gutes Lernen schaffen und eine Schule so planen, dass sie ein sozialer Treffpunkt ist und Gemeinsamkeit fördern kann. Typologien des Schulbaus der Nachkriegsmoderne wie die Hallenschule, die Pavillonschule oder die in Österreich nur selten realisierte Freiluftschule stellen so lange relevante Ansätze zum Schulbau dar, solange sie nicht durch radikale typologische Neuerungen einer von Grund auf reformierten Schule des 21. Jahrhunderts ersetzt werden. In solchen Schulen fänden sich vielleicht keine konventionellen Klassenzimmer mehr.

Ein Architekt, der eine Sonderschule zu planen hat, stellt angesichts der Komplexität des Themas „Behinderung“ vermutlich ein repräsentatives Abbild der Gesellschaft dar, die der Vielzahl von unterschiedlichen körperlichen und geistigen Behinderungen unwissend und unsicher, mit Berührungsangst und Vorurteilen gegenübersteht. Sicher ist, dass diese eher seltene Bauaufgabe dem Planer mehr abverlangt als das behindertengerechte Unterbringen von Klassenräumen und therapeutischen Einrichtungen.

Hemma Fasch und Jakob Fuchs, gemeinsam „fasch&fuchs.“, haben für die Sonderschulgemeinde Schwechat, einen Verband mehrerer niederösterreichischer Gemeinden im Einzugsgebiet von Schwechat, eine Schule geplant. Sie haben sich für einen solitären, kompakten Baukörper entschieden, der sowohl von der im Norden angrenzenden niedrigen Vorstadtbebauung abrückt wie auch von der viel befahrenen Hainburgerstraße im Süden, deren Blockrandbebauung in nächster Zukunft vervollständigt werden und somit eine Abschirmung gegen den Verkehrslärm bilden soll.

Das Konzept des Wettbewerbs von 2000 war durch eine signifikante Abstufung der Südfassade mit der Schrägverglasung vorgelagerter Wintergärten und geschoßweise eingebetteten Terrassen charakterisiert. Es erwies sich als erstaunlich biegsam und konnte, neuen Erkenntnissen und Anforderungen folgend, adaptiert und ohne störende Kompromisse beibehalten werden. Eine dieser Erkenntnisse war: Behinderte können sehr empfindlich auf starke Sonneneinstrahlung reagieren. Sieben der insgesamt zehn Klassen für 70 Schüler im jetzigen Schuljahr wurden daher verlegt und sind nun nach Norden ausgerichtet. An die Südfront im Obergeschoß rückten die Direktion, das Lehrerzimmer, ein Mehrzweckraum und zwei Sonderunterrichtsräume für Werken und textiles Gestalten. Diese sind ebenso wie die im Erdgeschoß an der Südseite verbliebenen drei Unterrichtsräume, an die am Ostende eine Therapieeinheit anschließt, mit einem über Dach geparkten, weit ausladenden Sonnenschutz versehen.

Zentrum des Schulhauses ist eine von allen Seiten einsehbare, zwei Geschoß hohe Raumfigur. Sie beherbergt den Turnsaal, der in die sanft abgesenkte Ebene des Untergeschoßes gebettet wurde. Dreiseitig wird die Halle umgeben durch Geräteräume und Erschließungszonen, die nur durch Sprossenwände vom eigentlichen Turnsaal abgetrennt sind, was Tageslicht in die Nebenraumzone bringt.

Im oberen Teil, auf der Höhe des Eingangs, ist das Volumen an drei Seiten von einem Pausenfoyer umgeben und nur andeutungsweise begrenzt durch Glasflächen und textile Schutznetze. Die Absicht ist klar: Das Geschehen im Saal soll uneingeschränkt mitverfolgt werden können. Sitzstufen über die gesamte Längsseite des Pausen- und zugleich Erschließungsraums laden dazu ein. Das Vorbild für diesen durch die Situierung des Turnsaals offenen Typus von Schule ist bereits ein Architektur-Klassiker: die Schule der Ursulinen in Innsbruck von Josef Lackner.

Die Entscheidung, den Turnsaal visuell und akustisch eng mit dem schulischen Tagesablauf zu verknüpfen, war gewagt, weil weder die Lärmentwicklung noch die Reaktion der Schüler voraussehbar war. Die Architekten haben jedoch durch eine klare Zonierung unterschiedlicher Bereiche dafür gesorgt, dass eine Beeinträchtigung von Räumen mit intensiver Lerntätigkeit vermieden wird. Eine Mittelzone mit Sanitär- und Nebenräumen, die über die darüberliegende Terrasse belichtet wird, wirkt als Puffer zwischen der stark frequentierten Pausenhalle und den Klassen.

„fasch&fuchs.“ arbeiten strukturell. Alle erdberührenden Teile sind in Ortbeton ausgeführt, ebenso die Decke über dem Erdgeschoß. Die Aufbauten sind leichte Stahltragkonstruktionen, die wie bei ihrem Entwurf für das Kindermuseum in Graz durch konstruktiv wirksame Mehrschichtplatten in Holz ausgesteift sind. Decken und Wände aus Beton bleiben sichtbar. Das verleiht dem Bau eine gewisse Rauheit, doch wer genau schaut, kann erkennen, mit welcher Präzision einfachste Akustikplatten in die Ausnehmungen des Sichtbetons eingelassen sind. Wenn nichts verkleidet, nichts „beschönigt“ wird, so zeigt dies die Affinität der Architekten zum industriellen Bauen und drückt aus, was Lernen ist: Arbeit.

Atmosphärische Wärme in den Arbeitsräumen des Unterrichts wird durch die helle Holzuntersicht der Decken und Holzböden erzeugt, durch farbige Gläser zur Garderobe und durch verschiedenfarbig tapezierte Polstermöbel, mit denen die Rückzugszonen der Klassen, die in der Gruppenarbeit mit Behinderten unverzichtbar sind, möbliert wurden. Der Luxus optimierter Arbeitsbedingungen liegt in den Wintergärten und Terrassen, die jedem Raum mit Südorientierung vorgelagert sind. Entwickelt seinerzeit aus der Forderung nach Niedrigenergiestandard, sind sie nun Rückzugsort und Abwechslung und kommen dem Bewegungsdrang behinderter Kinder entgegen.

Körperlich oder geistig behinderte Menschen erleben im Alltag ständig Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit. Teile des öffentlichen Raums und Zugänge ins öffentliche Leben bleiben ihnen oft verwehrt. Die Schule von „fasch&fuchs.“ gibt diesen Kindern und Jugendlichen den Raum, den sie brauchen: Bewegungs- und Begegnungsraum, Blickraum, Freiraum. Nicht durch Bereitstellung von mehr Fläche gelingt dies, sondern durch geschickte Überlagerung von Raumfunktionen, durch Nutzung eines Daches, durch Aufwertung von Raum über „raumvergrößernden“ Lichteinfall, durch Sichtachsen und Durchblick in den Straßenraum. Darin liegt die besondere Qualität der Sonderschule Schwechat.

3. September 2006 Spectrum

Fahr'n, fahr'n, fahr'n

Dass eine Autobahnraststätte nicht zwangsläufig wie „Wurstelprater-Architektur“ aussehen muss, beweisen zwei Prototypen in Niederösterreich.

Zur Steigerung der Verkehrssicherheit sind Europas Autobahnen begleitet von einer kalkulierten Abfolge von Rastplätzen und Raststätten, die dem Reisenden Pausen mit Entspannung ermöglichen sollen. Viele empfinden jedoch die Rast entlang der großen Reiserouten als unwirtlich, die Rastplätze als wenig einladend.

Dass der Erholungswert auch an Österreichs Straßenrändern zu wünschen übrig lässt, weiß man beim Autobahnbetreiber Asfinag nicht nur, weil Autobahnraststätten europaweit anonym getestet werden. Vor einigen Jahren wurde daher die Initiative ergriffen, die Hygiene- und Sicherheitsstandards der Rastplätze, deren Wartung der Asfinag obliegt, zu heben. Rund 100 der bestehenden 200 sollten, in regelmäßigen Abständen von 40 Kilometern, erhalten und ausgebaut werden. Eine Arbeitsgemeinschaft des Ingenieurbüros Rinderer & Partner mit Ernst Giselbrecht und Freilandplanern wurde beauftragt, ein Corporate Design Manual zu entwickeln, in dem Kriterien wie Sicherheit und Hygiene, Regenerationswert, Kommunikations- und Informationsmöglichkeit und die Entflechtung von Fahr- und Fußgängerverkehr berücksichtigt sind.

Giselbrecht schlug einheitliche, zeitgemäße Infrastrukturbauten vor, die einen hohen Wiedererkennungseffekt garantieren und ihre regionale Verankerung in der ortsspezifischen Abwandlung immer wiederkehrender Grundelemente finden. Entwickelt wurden drei unterschiedlich große, zeilenartige Standardtypen in modularer Bauweise, die unter einem Dach jeweils eine Sanitäreinheit mit Wickelraum und Duschen für LKW-Fahrer, einen Verkaufskiosk und einen witterungsgeschützten Freibereich als Zwischenraum enthalten. Für die tragenden Dachelemente und Raumzellen war eine industrielle Vorfertigung vorgesehen, um sie in kurzer Zeit montieren zu können. Die Infrastrukturzeile sollte immer an derselben Stelle, von der Autobahn gut einsehbar und in unmittelbarer Nähe zur Einfahrt und den PKW-Parkplätzen, situiert werden und eine Trennung und zugleich den Übergang zum Grünraum bilden.

Als Prototyp wurde das Konzept erstmals auf den beiden gegenüberliegenden niederösterreichischen Rastplätzen Leobersdorf und Triestingtal realisiert. Die vorgeschlagene Form wurde weitgehend beibehalten, von der Idee der Vorfertigung sah man ab. Geblieben ist die markante Dachform mit dem mehrfach geknickten Abschluss an der vorderen Längsseite - ein Flügel, aber auch eine Geste, die aufgrund der Länge des Daches Bewegung und Geschwindigkeit des Reisenden darstellen soll und letztlich auch die Dynamik des Unternehmens. Hinweise darauf, wo sich der Reisende gerade befindet, geben zwei Elemente: einerseits eine gläserne, mannshohe Vitrine, die die Vorzone der WC-Anlagen zum Rastplatz hin leicht abschirmt und mit für die Region charakteristischen Attributen gefüllt ist - in Leobersdorf mit Stroh, in Triestingtal mit Schotter, der auf nahe gelegene Abbauhalden verweist - und andererseits ein „regionales Fenster“ in Form einer mit Folie hinterlegten Glaswand, die nicht nur den überdachten Freibereich vor Wind und Zug schützen, sondern künftig auch Träger von Informationen über die jeweilige Region sein soll. In Leobersdorf präsentiert sich darauf der Autobahnerhalter, für die Gestaltung der Präsentationsflächen weiterer Rastplätze nach einheitlichen Vorgaben strebt man die Kooperation mit Tourismusverbänden an. Auch die Bewirtschaftung der Kioske scheint komplizierter als im Konzept angedacht, weil bestehende Verträge mit Raststättenbetreibern vielerorts Schutzrechte garantieren, die über eine bestimmte Distanz Konkurrenz verhindern sollen. In Leobersdorf wird der Kiosk von einem Bäcker geführt, dessen Angebot durch gewerbliche Beschränkungen limitiert ist.

„Typen sind Sache der Logik, der Analyse, des gewissenhaften Studiums; sie entstehen aufgrund eines richtig gestellten Problems“, beginnt einer der Leitsätze in Le Corbusiers berühmtem Werk „Vers une Architecture“ (deutsch: Ausblick auf eine Architektur). Vor Ort verstärkt sich der Eindruck, dass die Grundlagenforschung zum komplexen Thema noch nicht bis ins letzte Detail erfolgt ist, dass die Prototypen noch nicht ganz ausgereift und mit Feinschliff versehen sind. Durchaus einladend präsentieren sich die Sanitäranlagen - in formschönem Design, hell und sauber und auch vandalensicher, wenn die Wände künftig mit einem schleifbaren Acrylmaterial ausgestattet sein werden. Eine erste Schwäche zeigt sich darin, dass für Getränkeautomaten, die auch außerhalb der Öffnungszeiten des Kiosks benützt werden, im überdachten Bereich nicht eigens ein Platz ausgewiesen ist. Die Aufstellung von Mistkübeln, Abfallcontainern und der Notrufsäule scheint einem Zufallsprinzip unterworfen. Während im Konzeptpapier der Effekt der Erholung durch Bewegung, Spazierengehen, Spielen und Rasten betont wird, lassen sich der Realisierung weder besondere Ideen noch Bemühungen zum Zweck der Entspannung ablesen. Ein Kinderspielplatz, eine Wiese. Die Gestaltung des Grünraums beschränkt sich im Wesentlichen auf neu gepflanzte Bäume, Grillplätze und ästhetisch anspruchslose Bänke.

„Die Erfahrung legt den Typ dann endgültig fest“, heißt es abschließend in Le Corbusiers Leitsatz, und in diesem Sinne ist zu hoffen, dass den ersten Schritten zur qualitativen Aufwertung der österreichischen Rastplätze, die durch eine neue Ästhetik der architektonischen Gestaltung Zeichen setzen, künftig der Auftrag zur avancierten Gestaltung der grünen Erholungsflächen durch einen Landschaftsplaner folgen wird.

Rastplätze und Raststätten konfrontieren den Transitreisenden das erste und meist einzige Mal mit österreichischer Bauweise. Karl Schwarzenberg bezeichnete einmal Autobahnraststätten als Visitenkarten eines Landes und fragte sich, wieso diese hierzulande aussehen müssen wie „Mischungen aus Schönbrunner Stallgebäuden und Biedermeier-Landhäusern, das ist Wurstelprater-Architektur“. Zugleich bedauerte er, dass Chancen, über die eigene Kleinheit hinauszuwachsen, vergeben werden, wenn die großartige zeitgemäße Architektur, die es hierzulande gibt, nicht als Kulturträger gezeigt wird. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass die Autobahnbetreiber im Auftrag des Bundes löbliche Vorreiter sein könnten, würde die Gestaltung der Autobahnraststätten auch verbindlichen architektonischen Standards unterliegen.

27. August 2006 Spectrum

Wie viel Mehr verträgt der See?

Der Wörthersee muss boomen. Konzepte für die Bebauung, Auflagen gar, wozu? Wann wird der letzte freie Fleck am See privatisiert sein?

Als Kind zur Sommerfrische am See. Jahrzehnte später, auf dem Weg gen Süden, ein nostalgisch- neugieriger Blick auf den Wörthersee, dort, wo Lärmschutzwände nicht den Blick verstellen. Medienberichte über Großinvestitionen von Bauunternehmern und Industriemagnaten lassen darauf schließen: Der See muss boomen, der Tourismus neuen, rosigen Zeiten entgegensehen, denn kein Investor würde auch nur einen Euro in eine Region bringen, der keine Zukunft prognostiziert wird.

Tatsächlich bleiben die Auswirkungen des Baubooms nicht verborgen. Unübersehbar frisst sich am südlichen Ortsrand von Velden ein Kahlschlag den sonst dicht begrünten Hang hinauf. Die deutlich auszumachende Grenzlinie über der Bebauung wurde hier deutlich überschritten. Während die umliegenden Bestandsbauten hinter Baum- und Strauchwerk zurücktreten, stehen die mehrgeschoßigen Punkthäuser der hier entstehenden Appartementanlage wie auf dem Präsentierteller - baum- und maßstabslos - in einer architektonischen Qualität, die kaum über die des sozialen Wohnbaus hinausgeht. Hoffnung, dass derartige Wunden zumindest begrünt werden und einwachsen, besteht kaum, denn Anlagen wie diese, die kaum gewerbliche Ferienwohnungen, sondern vorwiegend Zweitwohnsitze enthalten, werden mit dem Anreiz des Seeblicks vermarktet.

Fährt man das Südufer entlang, das touristisch weniger aufgeschlossen ist, weil der nahe Pyramidenkogel eine Verbauung an vielen Stellen unmöglich macht und die Nordlagen der Ufer früh beschattet sind, so stößt man immer wieder auf Bautafeln für neue Wohnanlagen wie etwa im Dorf Auen. Mit sogenannten Seevillen, eng nebeneinander stehenden Einzel- und Doppelhäusern, die zu Höchstpreisen angeboten werden, wird die Uferzone bis knapp ans Wasser verbaut - auf aufgeschüttetem Terrain, abgetreppt mit überhohen Mauern aus groben Wasserbausteinen, ohne erkennbares Freiraumkonzept und offenbar auch ohne Widmungsauflagen.

Im Zuge zunehmender Deregulierung, heißt es im vom Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer 2005 vorgelegten Weißbuch Tourismus Kärnten, obliegt die Raumordnung immer mehr den Gemeinden, was zwar der Verfahrensvereinfachung dienen mag, sich jedoch negativ auf die räumliche Entwicklung einer Tourismusregion auswirkt.

Die negativen Auswirkungen einer zu großen Zahl anlassbezogener Umwidmungen, wenn Hotels wie in Auen Appartementanlagen weichen und aus Frühstückspensionen in Jahrhundertwende-Villen private Sommerwohnsitze werden, sind für den Landschaftsraum als touristisches Kapital und für die Wirtschaft absehbar. Letzte freie Flächen am See werden verbaut, die wenigen verbliebenen Möglichkeiten eines freien Seezugangs vergeben. Gewerbliche Tourismusbetriebe sind nicht überlebensfähig, wenn die Anzahl der „kalten Betten“ überhand nimmt. Durch deren private Vermietung entsteht „Konkurrenz- beziehungsweise Komplementärverhalten zu den gewerblichen Beherbergern“ (Weißbuch).

Der Bürgermeister von Maria Wörth scheint vom Erfolg des Konzepts euphorisiert, mit dem das ehemalige Hotel Astoria in ein Kur(en)hotel umgebaut wurde, wenn er davon träumt, dass das Südufer zwischen Sekirn und Dellach ganzjährig zur Gesundheitsmeile werden soll. Dazu braucht es nicht nur einen Imagewandel weg vom GTI-Rennen, sondern auch Konzepte, die dem Vorhaben Erfolg und der Gemeinde wie den Tourismusbetrieben Einnahmen sichern. Wer allerdings Bodenpolitik ohne einschränkende Auflagen, wie die Erhaltung der Uferzugänglichkeit für die Allgemeinheit, betreibt, wird später nicht einmal eine Laufmeile den See entlang errichten können.

Entgegen den Empfehlungen im Weißbuch Tourismus, vorausschauend wertvolle Flächen und Immobilien über einen seitens der Politik einzurichtenden „Touristischen Flächensicherungsfonds“ aufzukaufen, um Entwicklungsmöglichkeiten und steuernde Wirkung nicht aus der Hand zu geben, wurde vom Maria Wörther Gemeinderat ein 6,5 Hektar großes, zum Schloss Reifnitz gehörendes Grundstück umgewidmet und mit höherer Baudichte aufgewertet, bevor es samt Schloss günstigst an Frank Stronach verkauft wurde. Dieser legte ein Hotelprojekt vor, das mit 80 Meter langen, fünfgeschoßigen Trakten mönströs überdimensioniert war, vom Konsulenten des Landes für Raumordnung ob der Sensibilität des Bauherrn im Umgang mit Natur und der Kreativität des kanadischen Architekten jedoch gelobt wurde. Der vorläufige Erfolg einer Revidierung und Verkleinerung des Projekts ist den Protesten einer Bürgerinitiative zu verdanken. Absehbar ist, dass seine unfreiwillig karikierende, spekulative Architektur „im Stile der klassischen Wörtherseearchitektur der Jahrhundertwende“ nicht verhindert werden wird.

Für die Sicherung architektonischer Qualität hat man sich entschieden, als man 2004 einen internationalen Wettbewerb zur Erweiterung des früheren Veldener Schlosshotels ausschrieb. Jabornegg&Palffy konnten mit einem städtebaulich überzeugenden Entwurf gewinnen. Im Frühling nächsten Jahres soll das Fünf-Sterne Hotel mit Wellnessbereich und vorerst 25 von 56 im Park errichteten Appartements fertig sein.

Exklusivität und Luxus sind Stichworte, mit denen alle neuen seenahen Quartiere beworben werden. Die angesprochene Klientel ist vermögend, trägt jedoch kaum zur Stärkung der touristischen Infrastruktur bei, da bis heute keine Abgaben für Zweitwohnsitze eingehoben werden. Nutznießer ihrer Kaufkraft sind wenige. Gated Communities wie das Hotel Schloss Seefels mit einer durch Schranken gesicherten Appartementanlage machen deutlich, dass man unter sich bleiben will.

Im Weißbuch wird die Frage, ob bei der künftigen Infrastrukturentwicklung der Schwerpunkt bei der Entwicklung von Großprojekten oder in der regionalen Aufrüstung bestehender Strukturen liegen soll, mit der Präferenz für Letzteres beantwortet. Es wird empfohlen, sich der Mehrheit preisbewusster Gäste zu besinnen, die nicht den Billigurlaub, aber ein leistbares Qualitätsangebot wünschen. Weil es dem vorwiegend kleinstrukturierten Tourismus nicht nur an Kapital, sondern auch an synergetischen Ideen fehlt, wird ein Konzept der „Friendly Beds“, ähnlich dem britischen „Bed and Breakfast“, vorgeschlagen, das Qualitätsstandards und gemeinsames Marketing fördern soll.

Es gibt sicher mehr als ein erfolgversprechendes Konzept. Wer jedoch gutheißt, dass der politische Handlungsspielraum größer ist, solange keine verbindlichen Richtlinien für die räumliche Entwicklung existieren, und glaubt, dass dies der Gesundung des Wörthersee-Tourismus dient, denkt kurzsichtig. Denn wenn erst die letzten hochwertigen Flächen am See durch Spekulanten verbaut und Seezugänge privatisiert sind, dann wird es weder Ressourcen für Strategien der Tourismusentwicklung geben noch Handlungsspielraum für ein erfolgreiches regionales Entwicklungsprogramm.

15. Juli 2006 zuschnitt

Die Kaprizierte

Die filigrane Erscheinung des Traversina Stegs war geprägt von seiner exponierten Lage, einer tiefen Schlucht am Traversina Tobel, die im Zuge der Rekonstruktion eines historischen Wanderwegs auf den Spuren eines römischen Saumwegs gequert werden sollte. Der schwierige Standort verlangte nach einer leichten, vorgefertigten Konstruktion, die per Hubschrauber transportiert werden konnte und vor Ort nur mehr auf die Auflager gesetzt werden musste. Entstanden ist eine äußerst feingliedrige Fachwerkskonstruktion, die den Eindruck vermittelt, dass man nicht einen Stab herausnehmen dürfte, weil sie sonst wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde. Zugleich meint man eine starke innere Spannung zu spüren, den Kräfteverlauf unmittelbar und unverkleidet in Form umgesetzt zu sehen und das sich Stemmen gegen den Wind in der starken Spreizung der Untergurtseile zu erkennen.

Wenn in der materialreduzierten, ephemer wirkenden Stab- Seilkonstruktion auch die ungewöhnlichen Rahmenbedingungen visualisiert zu sein scheinen, so drückt der Traversina Steg doch mit ebensolcher Deutlichkeit und Vehemenz Experimentierfreudigkeit und Formwillen des Ingenieurs aus, der seine Arbeit als Kulturleistung sieht und sich dabei die Freiheit nimmt (und das Vergnügen gönnt), Form als eigenständige Qualität spüren zu lassen. Genau deshalb hätte der Traversina Steg auch ganz anders ausschauen können und so wird nach der Zerstörung der Brücke 1999 durch einen Felssturz der geplante neue Steg, etwa 70 m unter dem ersten, keine Neuauflage des Traversina Stegs sein, sondern sicherlich die Bewältigung einer neuen, mit Conzett'schem Entdeckergeist aufgespürten konstruktiven Herausforderung.

25. Juni 2006 Spectrum

Eine Bühne fürs Edle

Architecture sells! Auch und gerade in noblen Designerläden. In einem Grazer Ladenzwerg für sündteures Schuhwerk wird das Spiel mit dem Luxus auf die Spitze getrieben. Von der hohen Kunst des Herzeigens und Verbergens.

Die Zauberworte: Markenimage, Corporate Design, Investition in Standort und Architektur. Welt weit setzen Markenfirmen wie Prada auf große Namen und lassen ihre Flagstores von Herzog & de Meuron, Rem Koolhaas oder Toyo Ito planen. Die Architektur dieser hedonistischen Tempel muss, weil es schon lange nicht mehr reicht, nur die Ware auszustellen, Gefühle hervorrufen, die den Wert der Marke unterstreichen. Sie muss sozialen Prestigewert verheißen und sich als Bühne für Selbstinszenierung und Voyeurismus eignen. Architecture sells!

In Graz, das ja doch nur eine „heimliche“ Hauptstadt ist, deckt die Nachfrage nach hochpreisiger Designerware eine Handvoll Anbieter in vorwiegend kleinen Läden. Einen davon, das „Johan“ in der Hofgasse, hat Claudio Silvestrin, der in London lebende Architekt mit italienischen Wurzeln, in der Mitte der 1990er-Jahre geplant. In seiner puristischen Reduktion - Wände, Möbel, Umkleiden und der Boden sind einheitlich grau gespachtelt und wirken wie aus einem Guss - lag das Herrenmodengeschäft damals im internationalen Trend minimalistischer Präsentation von Luxusware, für Graz war es jedoch zu dieser Zeit ganz untypisch. Es hatte ganz und gar nichts von jener barocken Sinnesfreude, die Wolf D. Prix der steirischen Architektur zuschreibt.

Frei von üppiger Dekorationslust zeigte sich auch die erste Nobelboutique, die die eben erst gegründete Gruppe Purpur um die Architekten Alfred Boric und Christian Tödtling 2001 in Graz einrichtete. Aus dem erfolgreichen Konzept ergaben sich weitere Aufträge für drei Geschäfte, darunter die Transformation zweier winziger Gassenlokale in ein kleines, feines Schuhgeschäft. „Albrecht 7“ nennt sich der Ladenzwerg für sündhaft teure Schuhe, der in einer ruhigen Fußgängerzone unweit des Grazer Hauptplatzes liegt. Ein Entwurf, der narzisstisches Sich-zur-Schau-Stellen ermöglicht, war ob der geringen disponiblen Fläche nicht machbar und auch gar nicht erwünscht. Die Forderung des Auftraggebers nach einem intimen Raum, der Diskretion ermöglicht, bei zugleich optimaler Präsentation von Ware und Verkaufsideologie bis in den Straßenraum hinein, führte die vier Büropartner, die Konzepte immer in der Gruppe erarbeiten, zum raffinierten Spiel zwischen wohldosiertem Herzeigen und Verbergen.

Selbstbewusst schiebt sich ein etwa sieben Meter langer kompakter Körper durch die hinter die Fassadenebene gesetzte Glasfront, die dadurch auf eine transparente Fuge zwischen dem dominierenden Möbel aus brüniertem Stahl und der Fassade reduziert wird. Der massige Schaukasten ragt in den Straßenraum, ohne den Boden zu berühren. Die Schwere nehmen ihm die Architekten auch, indem sie seine Front hinter die Decken- und die Bodenplatte zurücktreten lassen und zwischen schmalen Abschlusslinien einen Raum aufspannen, der durch die Plastizität von sechs kleinen Glasvitrinen eine spielerisch-heitere Note erhält. Mit diesen abwechselnd horizontal und vertikal angeordneten, hervortretenden Schmuckkästchen mit verschiedenfarbiger Auskleidung wird das Spiel mit dem Luxus auf die Spitze getrieben. Das Wenige soll Neugierde wecken und dazu animieren einzutreten, was zu beiden Seiten der aughohen Box möglich ist. Zwei Eingänge erweitern den eine komfortable Wegbreite tiefen Bewegungsraum und lassen den Laden zur Passage werden für den, der als Flaneur seine Gestaltgebung oder neue Ware begutachten will. Was sich durch die transparente Glasfuge vage abzeichnet, manifestiert sich innen als strahlend weiße, vielfach geknickte Leichtwand, die dem eigentlichen, unschön gegliederten Raumabschluss über die gesamte Länge vorgesetzt ist. Das mit weißem Textil bespannte hinterleuchtete Faltwerk ist das zweite raumbestimmende Element neben der Box, die hier die Aufgabe hat, in unzähligen Schubladen das exquisite Schuhwerk zu verwahren - gut sortiert und griffbereit. Präsentiert wird die Ware auf einer Horizontalfläche dieses facettierten Gebildes und auf auskragenden Glasablagen neben einer integrierten Sitzfläche. Dass den Wandflächen an den beiden Schmalseiten des Lokals Spiegel vorgesetzt werden, wurde erst auf der Baustelle entschieden. Gespiegelt erzeugt die gekurvte Form der Faltwand einen äußerst reizvollen Effekt: Der Innenraum wird optisch verlängert, ohne ins Unendliche „auszurinnen“ - eine Wirkung, die weder durch Planung noch durch eine Computerzeichnung exakt vorhersehbar gewesen wäre.

Um Entscheidungen prozesshaft optimieren zu können, lässt die Methodik der Arbeit von Purpur zu, in Entwürfen nicht alles zu determinieren, wenngleich wesentliche form- und gestaltgebende Ideen eines Konzepts exakt festgelegt und bis ins Detail durchgezogen werden. Dem Schuhgeschäft in der Albrechtgasse sind zwei Grundideen abzulesen: abwägender Wechsel von Öffnen und Verbergen sowie das Zusammenspiel kontrastrierender Formen, Farben und Materialien, das Spannung erzeugen und den Kauf der exklusiven Ware über das Alltägliche hinausheben soll.

Die „nutzlose“ kristalline Plastizität der Leichtwand gegenüber der Schwere und linearen Strenge des funktionellen Möbels (gemeinsam ist beiden, dass sie zonierend wirken). Strahlendes Weiß gegen gedämpftes Anthrazit. Der Glanz des beschichteten Estrichs gegen die Haptik der im Laugenbad mattierten Oberfläche des Stahlblechs. Die Glätte der Spiegelflächen gegen die Rauheit der bestehenden Wand, deren Reste mehrerer Maldeckschichten von jahrhundertelanger Aneignung erzählen.

Es bedarf schon meisterhaften Könnens, um im Spiel mit Gegensätzen ein in sich geschlossenes Raumgebilde zu erzeugen, um zu vermeiden, dass der minimale Raum durch Kontrastierung segmentiert und durch Detailverliebtheit überladen wird. Es braucht Wissen über die Materialität der Dinge, um taktile Qualitäten von Material und Oberfläche derart wirkungsvoll einzusetzen, und es bedarf großer Sorgfalt und Detailgenauigkeit, um Schnittpunkte und Übergänge so gekonnt zu bewältigen. Für die Lebensdauer eines Schuhladens ist es Purpur unter Vermeidung jeglicher greller Effekte gelungen, eine Architektur der Stimmigkeit zu erzeugen. Hierzulande gilt Geschäfts- und Ladenbau als Talentprobe. Wer es wie Purpur schafft, mit Umbauten für Boutiquen, Apotheken und Bars zu reüssieren, dem ist der Sprung in eine größere Dimension des Bauens zuzutrauen. Einige Bauherren haben das bereits erkannt.

6. Mai 2006 Spectrum

Wem gehört die Stadt?

Die Gestaltung des öffentlichen Raums darf nicht jenen überlassen werden, deren Verschönerungsvorschläge einzig auf die Steigerung des Konsums und auf Maximierung des Profits zielen. Anmerkungen am Beispiel Graz.

Die Attraktivität der Stadt - ge meint ist die europäische Kern stadt - wird durch ihre öffentli chen Räume und das dort pulsierende Leben charakterisiert. Natürlich haben sich die Touristiker diese Erkenntnis längst zunutze gemacht und weisen im vermarktbaren Bild von der historisch gewachsenen Stadt dem baukulturellen Erbe die Rolle des attraktiven Hintergrunds städtischen Lebensgefühls zu. Historische Bauten allein vermögen jene Atmosphäre nicht herzustellen, die den Reiz einer Stadt ausmacht - es ist die städtische Öffentlichkeit, die stadterhaltend wirkt.

Wie die Stadt hat sich der Öffentlichkeitsbegriff sozialgeschichtlich gewandelt, und man kann heute nicht mehr von der einen bürgerlichen Öffentlichkeit sprechen, die sich des zentralen Marktplatzes als Bühne ihrer Selbstdarstellung bediente, sondern genaugenommen von mehreren Öffentlichkeiten, die in einer Stadt parallel nebeneinander existieren.

Allen den Raumbegriff angeblich revolutionierenden virtuellen Realitäten, den Datenhighways und Cyberspaces zum Trotz ist der öffentliche Raum bis heute Bühne kultureller Repräsentation. Stadtbildend ist nicht nur die Konzentration vieler Funktionen auf engem Raum, auch die intensive Nutzung der „Stadtlandschaft“ - der Plätze, Straßen, Parks und zentrumsnahen Naturräume - durch ihre Bewohner macht Urbanität aus. Daraus lässt sich schließen, dass die europäische Kernstadt ihren Bewohnern öffentliche Räume als „soziale Orte“ in möglichst großer Diversität anbieten muss, will sie als vitaler Organismus überleben.

Glücklich die Städte, deren gewachsene Strukturen so starke Attraktoren darstellen, dass sie der drohenden Entleerung der Zentren entgegenwirken können.

Graz ist (noch) so eine Stadt. Auch vor ihr hat die europaweite Suburbanisierung, die Abwanderung innerstädtischer Bewohner in Randbezirke und Umlandgemeinden, nicht Halt gemacht. Dennoch: Obwohl die Zahl der Bewohner des Zentrums kontinuierlich sinkt, ist die Innenstadt belebt. Mögliche ausschlaggebende Faktoren sind historisch und kulturell begründet, stehen in Zusammenhang mit der Stadtgröße und der zentrumsnahen Lage ihrer Gründerzeitviertel. Faktum ist: Graz besitzt mit seiner baukulturell bedeutenden Altstadt eine touristische Attraktion. Mit Burg und Landhaus als Schaltstellen der politischen Macht der Steiermark und dem Rathaus sind die drei wichtigsten Verwaltungs- und Dienstleistungseinrichtungen im Zentrum vereint.

Graz ist eine Studentenstadt. Mehr als 35.000 junge Menschen verteilen sich auf drei Universitäten, deren Hauptstandorte trotz Expansion zentrumsnah erhalten geblieben sind. Die Stadt hat ihre innerstädtischen Plätze nach dem in den 1980er-Jahren vom damaligen Vizebürgermeister Edegger initiierten Gestaltungsprogramm „Platz für Menschen“ in verkehrsberuhigte Außenräume umgewandelt, die nicht nur attraktiv sind, weil historische Fassaden ihre Rahmung bilden, sondern auch weil das beinahe mediterrane Klima des Grazer Sommers ermöglicht, aus Straßen- und Platzräumen öffentliche „Living Rooms“ zu machen.

Graz gilt vor allem aufgrund seines vielfältigen Angebots an Frei- und Grünräumen, die fußläufig erreichbar sind, als Stadt mit hoher Lebensqualität. Wer genau schaut, bemerkt jedoch, dass auch hier der öffentliche Raum einer Transformation unterliegt, die seine Nutzungsoffenheit einschränkt. Einkaufen und Spaß haben sind gängige Leitbilder der Erlebnisgesellschaft. Auch in Graz glaubt man, die Stadträume durch temporäre Ereignisse in Szene setzen zu müssen, um sich gegen die Konkurrenz der bequem zu erreichenden, allwettertauglichen Erlebnisräume der Shoppingcenter behaupten zu können. Im Jahreskreis sind Stadtmarathon und Beachvolleyball, Hamburger Fischmarkt und die Präsenz steirischer Biobauern, „Aufsteirern“ und Adventmarkt kommerzialisierte Veranstaltungen, die den Kaufkraftabfluss aus dem Zentrum stoppen sollen. Zu einer erstarkten Identität verhelfen sie der Stadt sicher nicht. Für den Innenstadtbewohner wie für den Stadtliebhaber sind diese lärmigen Events mit all ihren lästigen, den Bewegungsradius einschränkenden Begleiterscheinungen nichts als ein Ärgernis. Die totale Verkommerzialisierung der Stadt führt dem Citoyen ohnehin der tägliche Hindernislauf in der Fußgängerzone vor Augen, wo Verkaufsmöbel aller Art neben Werbetafeln Gehsteige und Wege verstellen.

Kein Wunder, dass der passionierte Grazer sich skeptisch gegenüber dem Ansinnen einiger Gastronomen am Freiheitsplatz zeigte, die Platzausschmückung selbst in die Hand zu nehmen, nachdem der vorangegangene Umbau des Platzes durch die Stadtbaudirektion keinerlei Gestaltungsambition erkennen ließ. Auch wenn ein Platz nicht alle Partikularinteressen vereinen kann, so darf die Gestaltung des öffentlichen Raums nicht jenen überlassen werden, deren Verschönerungsvorschläge ausschließlich auf die Steigerung des Konsums und auf Profitmaximierung zielen. Straßen, Plätze und Parks müssen frei zugänglich bleiben und freigehalten werden von Konsumzwang, denn sie sind traditionell fast die einzigen Orte, die jedem zur Verfügung stehen, um sich zu inszenieren, zu sehen und gesehen zu werden.

Dass die Unterordnung öffentlicher Belange, Interessen und Räume unter die Verwertungslogik einer Stadt weitreichende Folgen für die gewachsenen Strukturen haben kann, zeigt als aktuelles Beispiel die „Wiederbelebung“ des Hilmteichs, eines von Spaziergängern und Läufern stark frequentierten Grazer Naherholungsgebiets. Das Restaurationsgebäude wurde vom Besitzer, den Grazer Stadtwerken, nach Jahren mit glücklos agierenden Pächtern an einen namhaften Blumen- und Gartenbetrieb abgegeben, der das Gebäude für seine Zwecke adaptierte und sich dabei den großzügigen Vorplatz zum Teich als Präsentationsraum im Freien einverleiben durfte. Dieser Vorplatz, im Sommer traditioneller Wartebereich für die Bootsfahrt und im Winter als Schuhwechselplatz und Einstieg für Eisläufer genutzt, wurde damit als öffentlicher Raum eliminiert. Der verbleibende Durchgang ist eng und pfercht den Strom von Spaziergängern mit Kinderwagen, Rad fahrenden Kleinkindern und Hunden in einen käfigartigen Korridor zwischen Zaun und Geländer.

„Die Reformulierung der Stadt europäischen Typs beginnt mit der Wertschätzung des Raumes als Medium der Kommunikation, der sozialen Interaktion und der Identifikation. In diesem Sinne brauchen Handel und Stadt einen dritten Partner - und dies ist der Typ des ,Städters', der als gesellschaftliches Wesen agiert, kultivierte Orte und Räume braucht, um sich selbst darin zu finden, Schönheit genießt und Kreativität anderer sucht, auch weil dies, alles zusammengenommen, zu den Produktivitätsfaktoren der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts zählt“, schreibt Wolfgang Christ, Architekt und Städtebauprofessor in Weimar. Der Bewohner des Stadtzentrums muss Akteur bleiben können. Will die Stadt ihn halten, so muss sie ihm freien Bewegungs- und Handlungsraum bieten. Wird er an den Rand gedrängt, so geht er - an den Stadtrand.

27. März 2006 Spectrum

When I get older

Wer für alte Menschen bauen will, muss etwas über das Altern wissen. Dietger Wissounig zeigt, dass ein Seniorenheim keine triste Verwahrungsstätte sein muss.

Wir werden immer älter. 2050 wird ein Sechstel der Österrei cher über 75 sein - eine für den Einzelnen erfreuliche Perspektive, die für die Gesellschaft aus heutiger Sicht jedoch erschreckend sein muss. Wer wird all diese alten Menschen betreuen und ihnen altersadäquate Wohnformen bieten? Die Segregation der Alten wird auch im ländlichen Raum zur Norm. Wo früher mehrere Generationen, unter einem Dach vereint, gegenseitig Hilfe geleistet haben, leben heute Klein- und Kleinstfamilien separiert im Einfamilienhaus. Ist ein alter Mensch alleinstehend, so ist er häufig auf Hilfe gegen Bezahlung angewiesen. Altenhilfe wird zur öffentlichen Angelegenheit. Die Länder lagern diese in kirchliche Einrichtungen, Sozialhilfeverbände und Vereine aus, denen langfristige Darlehen zur Errichtung von Pflegeplätzen gewährt werden.

Schon in den 1990er-Jahren wurden in Vorarlberg Altenpflegekonzepte mit hohem Anspruch an die Architektur erarbeitet, um aus Verwahrungsstätten für alte Menschen Einrichtungen zu machen, die nicht als triste Endstation empfunden werden. Beispiele wie in Feldkirch, wo den Bewohnern der Heime von Rainer Kölberl und Noldin&Noldin durch die zentrale Situierung der Häuser die Teilhabe am kleinstädtischen Leben weiterhin ermöglicht werden sollte und Einrichtungen wie Postamt, Bibliothek oder ein Café integriert wurden, waren Vorgaben für Standards in anderen Bundesländern.

In Kärnten hat der in Graz ansässige Architekt Dietger Wissounig nun mit einem Altenwohn- und Pflegeheim auf sich aufmerksam gemacht. Dieses Erstlingswerk in Steinfeld im Oberen Drautal hat 2005 den Architekturpreis des Landes und den Kärntner Holzbaupreis zugesprochen bekommen. Der auf den ersten Blick monolithisch wirkende Bau steht abgerückt von der Straße am Ortsrand, umgeben von saftigen Wiesen und Wald, in seiner Nähe nur die Volksschule und eine als öffentlicher Park angelegte große Grünfläche mit Teich. Isolation soll verhindert werden, indem „hausfremde“ Funktionen angeboten werden.

Hortschüler kommen täglich zum Mittagessen, der Ortsgottesdienst wird fallweise in der hauseigenen Kapelle abgehalten, und die Einrichtung der örtlichen Bibliothek im Haus ist geplant. Das Bauwerk präsentiert sich als kompaktes Volumen mit Anmut und Leichtigkeit. Hermetisch und schwer wirkt nur die zur Straße gewandte Nordseite, die sparsam Einblicke gewährt, weil sich hinter ihren Lamellen Pflege- und Verwaltungseinrichtungen verbergen. Und doch entsteht der Eindruck eines schwebenden Baukörpers nicht nur, weil der dem betonierten Sockelgeschoß aufgesetzte Holzbau allseitig auskragt, sondern auch, weil der Architekt es verstand, drei der Fassaden mit einer spielerischen, dabei präzisen Setzung großzügig verglaster Öffnungen und mehrerer raumtiefer Einschnitte für Loggien durchlässig und leicht wirken zu lassen.

Die landschaftliche Schönheit des Drautalbodens bestimmt den Grad der Öffnung des Altenheims nach außen. Die Offenheit im Inneren versetzt den Besucher erst einmal in Erstaunen. Wissounig löst den außen wie aus einem Guss wirkenden, langgestreckten Baukörper auf, indem er ihn der Länge nach mit zwei Bewegungsachsen durchschneidet; das daraus entstehende innere Volumen - der Kern - wird zum mehrgeschoßigen Atrium. Bis auf Brücken, die die Ebenen im ersten und zweiten Obergeschoß von Ost nach West verbinden, und raumhohe Bepflanzung bleibt das Atrium frei von Einbauten. Es bringt alle Ebenen in Sichtbeziehung zueinander.

Ein offenes Raumkontinuum von Windfang, Gang, Foyer und großem Saal eröffnet den Rundgang auf der Eingangsebene. Die beiden darüberliegenden Pflegeeinheiten sind ringförmig um diese immergrüne Insel angelagert. Ihre Wegeführung ist eine großzügig dimensionierte Bewegungszone, die zum Wintergarten verglast ist. Bezug zum Außenraum stellen die offenen Tagesräume als Übergänge zu den geschützten Terrassen dar, mehr noch achsiale Durchstiche bis zur Fassade, die reizvolle Bildausschnitte der Landschaft ins Haus holen.

In die Architektur des Altenheims Steinfeld ist das Wissen um Bedürfnisse, Vorlieben und sich bis ins Alter erhaltende Fähigkeiten subtil eingeschrieben. Für einen Teil der 50 Bewohner wird „ihre“ Einheit mit Pflegestützpunkt und der Möglichkeit, in den mit Küchen ausgestatteten Aufenthaltsräumen selbst zu kochen, zur neuen Welt.

Rückzugsmöglichkeit bieten (wie in anderen Häusern auch) Ein- und wenige Zweibettzimmer mit Hotelstandard in einer Größe, die erlaubt, ein eigenes Möbelstück mitzubringen. Wissounig hat Atmosphäre mit der Farbigkeit des Holzes erreicht und die raumhohe Verglasung zum individuell zu gestaltenden Objekt mit Regalfächern und lichtdurchlässigen Schiebeläden aufgewertet. Der Kenntnis über den Wandertrieb demenzkranker Menschen entsprechen die beschriebenen Rundgänge, die mit vielen Durch- und Ausblicken jedem ermöglichen, das Geschehen im Haus zu überblicken. Üppiges Grün bietet das Atrium, das als Klimapuffer fungiert, aus dem vorgewärmte oder -gekühlte Luft, über Erdkollektoren eingebracht, in die Wohnräume geleitet wird. Für Niedrigenergiestandard des gekonnt detaillierten Holzbaus sorgt neben der kontrollierten Belüftung eine Reihe energiesparender Maßnahmen, deren Mehrkosten in zehn Jahren amortisiert sein werden. Kalkuliert wurde beim Pflegeheim Steinfeld sehr genau, obwohl man dies der hohen Ausführungs- und Ausstattungsqualität nicht ansieht. Die Baukosten Euro pro Bett sind, obzwar hoch, deutlich niedriger als bei den Vorarlberger Beispielen, die in einer Zeit gebaut wurden, als die Frage der Kosten einer überalterten Gesellschaft noch nicht omnipräsent war.

18. Februar 2006 Spectrum

Bauen fürs Feuilleton

Muss (gute) Architektur nicht auch (gut) nutzbar sein? Warum die mediale Wahrnehmung und Bewertung eines Objekts und sein „Realwert“ für den Bauherrn mitunter so weit auseinander klaffen.

Die Reaktionen gleichen einander. Wer dem Bauherrn des außergewöhnlichen Hauses vorgestellt wird, das die Architekturseiten der Tageszeitungen genauso füllte wie die Fachmedien, der gratuliert diesem erst einmal und verneint im nächsten Moment die Frage, ob er das viel gerühmte Werk schon vor Ort besichtigt habe, wie selbstverständlich. Er kenne es jedoch aus Publikationen und finde das auch von öffentlicher Stelle ausgezeichnete Bauwerk toll - fallweise auch den Mut des Auftraggebers. Bauherren, die sich ihrer Rolle als Ermöglicher von Baukultur bewusst sind, noch dazu auf dem Land, wünsche man sich häufiger.

Der solcherart Geehrte lächelt gequält, weiß er doch am besten, wozu seine Offenheit gegenüber zeitgenössischer Architektur und sein Vertrauen in ein noch nicht arriviertes Architektenteam geführt hat.

Was ist passiert? Herr X. hat Pech gehabt. Er ist an Architekten geraten, die seinen Wunsch nach besonderer Qualität mit einer auf Bildwirkung konzipierten Architektur beantwortet haben - in der Hoffnung, damit aufzufallen und in der hall of fame der Architekturgeschichte Aufnahme zu finden. Das wäre legitim, hätte der Auftraggeber seinerseits bekommen, was er wollte: ein gleichermaßen außergewöhnliches wie funktionstüchtiges Haus. Dem Eigentümer gelingt es jedoch nicht, seine Wohnungen problemlos zu vermieten, weil deren Gebrauchswert aufgrund von überbetontem Formstreben und theoriegespickter Extravaganz auf ein Maß reduziert ist, das Interessenten abschreckt. Während Herr X. sich mit Absagen, zusätzlichen Kosten, Mängeln und der Sorge herumschlägt, dass sein Bau noch vor der Abzahlung der Kredite ein Sanierungsfall sein könnte, scheint das Kalkül der Architekten aufzugehen. Auf eine Personale bei einem renommierten überseeischen Architekturfestival folgen Ausstellungsbeteiligungen und Einladungen zu Vorträgen.

Die mediale Wahrnehmung und Bewertung des Objekts und sein „Realwert“ für Eigentümer und Nutzer klaffen weit auseinander. Die Enttäuschung des Bauherrn ist zwar ein individuelles Schicksal, ein Einzelfall ist es jedoch nicht, wie die Architekturgeschichte zeigt. Mies van der Rohes 1951 fertig gestelltes „Farnsworth-House“ in Illinois wurde als wohl radikalstes Glashaus, das je gebaut wurde, weltweit bewundert und ausgezeichnet und damit zur berühmtesten Ikone der Moderne. Seine Auftraggeberin, die Ärztin Edith Farnsworth, hat hingegen beklagt (und Mies geklagt), dass das Haus unbewohnbar, weil „durchsichtig wie ein Röntgenblick“ sei, zudem nicht ausreichend beheizbar und mit der ausschließlich von Mies bestimmten Möblierung nicht ausreichend funktionell. Noch heute beschränken sich die meisten Publikationen des Ferienhauses auf eine bestechende Bildästhetik, während die heiklen Punkte verschwiegen werden oder durch eine Bewertung umgangen, die zwischen Architektur und ihrem Gebrauch eine Trennlinie zieht. - Die Konzernzentrale der Hypo Alpe-Adria Bank in Klagenfurt von Thom Mayne ist ein zwischen Skulptur und bewegter Raumhülle oszillierendes Bauwerk, das die Expansionsdynamik des Unternehmens bestens zum Ausdruck bringt. Diese Qualität wurde von den Kritikern einhellig erkannt und zu Papier gebracht.

In kaum einem der zahllosen Fachbeiträge wurde jedoch erwähnt, dass durch die vom Architekten gewollte Schichtung der Außenwand in zwei Ebenen die nach Norden gerichteten Büroräume nur unzureichend belichtet sind. Was für das Komitee, das dem Architekten im vergangenen Jahr den bedeutendsten unter den Architekturpreisen, den Pritzker-Preis, verliehen hat, vermutlich eine Lappalie wäre, stellt für den Büroangestellten der Bank ein Berufsleben lang eine Beeinträchtigung seiner Arbeitsplatzqualität dar. Er wird seine Empfindungen in den Lobreden der Architekturkritiker genauso wenig wiederfinden wie der durchaus gegenüber Neuem offene, eingangs genannte Bauherr. Der hatte angesichts der Phalanx von positiv rezipierenden Fachleuten als Laie gar nicht den Mut, die Frage zu stellen, die sich ihm aus der eigenen Bauerfahrung heraus aufgedrängt hat: Muss (gute) Architektur nicht auch (gut) nutzbar sein?

Herr X. zählt nicht zu dem Typ von Bauherren wie jene japanischen, von denen berichtet wird, dass sie sich ein Haus von Architekten planen lassen, einzig, um auf die Titelseiten der angesehensten Hochglanzmagazine zu kommen. Bewohnbarkeit ist kein Thema. Es wird nur ein Anspruch an das Bauwerk gestellt: dass es extravagant, auffallend und gut abzulichten sei.

Der mediale Starkult hat auch vor der Architektur und vor den Architekten nicht Halt gemacht. Was Sir Norman Foster beim feinen Dinner bevorzugt, erfährt man am nächsten Tag in den „Seitenblicken“ britischer Privatkanäle. Bauten werden auf ihre Bildwirkung hin entworfen und schon lange, bevor sie realisiert sind, über virtuelle Schaubilder vermarktet. Die wiederum zeigen ein Ideal, das weder den Gesetzen der Schwerkraft oder der Wohnbauförderung noch pekuniären Beschränkungen folgt. Liegt erst das gebaute, mit allen Realzwängen belastete Ergebnis vor, dann kann passieren, dass sich für die wenig mehr als 20 Wohnungen im Spittelauer Wohnbau von Zaha Hadid, für die vor Planungsbeginn angeblich 800 Interessenten vorgemerkt waren, keine Käufer finden.

Im Zeitalter von Icons und Marken zählt das Bild mehr als das Ding dahinter. Deshalb müssen Bauwerke für den schnellen, kurzen Blick „etwas hergeben“, spektakulär und einzigartig sein. Nicht selten führen von Architekten geplante Häuser ein Doppelleben. Sie haben ein reales, funktionsgeprägtes Alltagsdasein mit Schwächen und Unzulänglichkeiten und werden von den Nutzern okkupiert und verändert, nicht immer im Sinne ihres Erfinders. In Publikationen werden sie als unbefleckt-frische Architekturikonen festgehalten, frei von Spuren des Gebrauchs und der Alterung, oft sogar ohne Möblierung. Störendes in ihrer Umgebung wird ebenso ausgeblendet wie Kompromisslösungen oder nicht gelungene Details.

Zu so selektiven Wirklichkeitsausschnitten passen keine kritischen Töne. Das mag ein Grund sein, warum in Fachzeitschriften wie in Tageszeitungen kritische Würdigungen und Analysen von Architektur Mangelware sind. Eine Begründung kommt immer wieder: Offenes Ansprechen von Fehlern und Fehlentwicklungen käme einer Nestbeschmutzung gleich, die die Bemühungen vieler mit Architektur befasster Institutionen um eine Qualitätssteigerung durch Beauftragung von Architektenleistung torpediere. Kann sein. Allenfalls lässt sich differenzieren zwischen der Architekturpublikation im Feuilleton und der in der Fachpresse. Hat Erstere die Aufgabe, für eine Verbreiterung von Wissen und Bewusstsein über zeitgenössische Baukultur zu sorgen, so sollte Letztere offen und differenziert berichten und fachlichen Diskurs fördern. Beschönigende Texte erweisen der Architektur ebenso einen Bärendienst wie oberflächlich in Szene gesetzte „Landmarks“ gebauter Architektur. Beide verstellen den Blick auf das, was die Qualität von Architektur über modische Kurzlebigkeit hinaus ausmacht: Raumwirkung, Materialität, Detailausbildung und - ihre uneingeschränkte, individuell bestimmte Bewohnbarkeit.

28. November 2005 Spectrum

Alles Licht!

Nachteile produktiv nützen, Erschwernisse zu Qualitäten umformen: der Erweiterungsbau zum Landeskrankenhaus Knittelfeld, gestaltet von fasch&fuchs in Zusammenarbeit mit Lukas Schumacher.

Architektur muss der Tatsache, dass sie durchschritten wird, Rechnung tragen, meinte Le Cor busier. Gute, lebendige Architektur besäße daher wie ein lebendiges Wesen einen inneren Kreislauf. Die Wirkung des Bauwerks sei das Ergebnis einer architektonischen Komposition aus unterschiedlichen Klangelementen, die nur in dem Maße erfahrbar werden, wie uns unsere Schritte hindurchtragen, uns weiterführen und unseren Blicken die Weite der Mauern und Perspektiven darbieten, das Erwartete oder das Unerwartete hinter den Türen, die das Geheimnis neuer Räume preisgeben, das Spiel der Schatten, der Halbschatten oder des Lichts, das die Sonne durch Fenster und Türen wirft. Dem Licht wird ein wesentlicher Anteil am Gelingen dieser Komposition zugerechnet, wobei nicht in erster Linie die Menge des Lichteinfalls gemeint ist, sondern die Lichtführung, die eine genaue Kenntnis der Wirkung von Licht einschließlich des Sonnenlichts voraussetzt.

Zur echten Herausforderung für Architekten wird Licht als Thema, wenn die Vorgaben für eine Planungsaufgabe die optimale Versorgung mit Licht und Sonne erschweren, wie dies bei der Erweiterung des Landeskrankenhauses im obersteirischen Knittelfeld der Fall war. Durch Abriss einiger Nebengebäude an der Rückseite des denkmalgeschützten gründerzeitlichen Solitärs wurde zwar Platz geschaffen für den dringend benötigten Neubau von vier Bettenstationen, ein Andocken an das massige dreigeschoßige Bauwerk war allerdings nur im Norden möglich. Mit einem Konzept, das souverän verstand, die daraus entstehenden Nachteile auszuräumen, konnte das in Wien ansässige Architekturbüro fasch&fuchs mit Lukas Schumacher den Wettbewerb, der einem Bewerbungsverfahren folgte, 1998 für sich entscheiden.

Den neuen, lang gestreckten Baukörper setzen sie parallel zum Bestand und rücken ihn nur so weit von diesem ab, dass die Verbindung kompakt und die nunmehr erweiterte Wegführung betriebseffizient bleibt. Eine zweigeschoßige, verglaste Brücke verbindet Alt und Neu. Die Beeinträchtigung des Lichteinfalls bei nur acht Metern Gebäudeabstand wird durch geschickt gesetzte Maßnahmen aufgehoben. Eine kennt man schon vom ersten Bau der Architekten, der sie über die Grenzen hinweg bekannt machte: dem Kindermuseum in Graz. Wie dieses wird der dreigeschoßige Zubau zum Landeskrankenhaus in ein durch Abgrabung neu geschaffenes Terrain eingebettet und die vom Altbau und aus der Entfernung erlebbare Höhenentwicklung merklich reduziert. Das Erdgeschoß des Neubaus, das die Physiotherapie und eine Zentralküche enthält, ist damit niveaugleich mit dem Keller des Bestands, der durch die neue Belichtungsmöglichkeit aufgewertet wird. Als weiterer Schritt zur Verbesserung der Belichtung für beide Baukörper wurde die dem Altbau gegenüberliegende Fassade gekippt - weg vom Bestand, gleich um 18 Grad. Die daraus resultierende Trichterwirkung wird verstärkt durch sechs tiefe, gleichmäßig gesetzte Rücksprünge, die in die beiden Obergeschoße eingeschnitten sind.

Diese zwei Kunstgriffen - Absenkung und Schrägstellung - bestimmen alle weiteren gestaltgebenden Entwurfsentscheidungen und formen das dynamisch schnittige Profil des Baukörpers, das mittlerweile viele der Arbeiten von fasch&fuchs charakterisiert.

Optimierung und Lenkung des einfallenden Lichts prägen auch die Mittelgangerschließung des zweihüftigen Neubaues, in dem die Funktionszone jeder Station zum Altbau hin orientiert ist. Räumlich klar getrennt von den Krankenzimmern liegen da die Schwesternräume, Bäder und die Aufenthaltsbereiche für die Patienten, die im Rhythmus der Einschnitte der Südfassade angeordnet wurden und von diesen mit Licht versorgt werden - und mit dem Grün je eines winzigen Rasenstücks mit Solitärbaum. Der Ziel: Ein Gefühl von Distanz zum Bestand soll erzeugt werden.

Überaus markant erhellt wird die Gangzone durch ein seitlich situiertes, hochgelegtes Oberlichtband, das die Lichtstrahlen auf eine ebenfalls stark geneigte Wand lenkt. Einerseits wird das Licht von der strahlend weißen Schräge in die verglasten Bereiche der Versorgungszone reflektiert, andererseits werden die innen liegenden Sanitärräume der Krankenzimmer hinter dieser Wand durch Ausnehmungen in dieser mit Tageslicht versorgt - in einem Maß, dass künstliches Licht tagsüber nicht gebraucht wird. Sogar die Gänge der ein Geschoß tiefer liegenden Stationen profitieren vom darüber einfallenden Licht, indem in regelmäßigem Abstand Glasstreifen in die Decken eingelassen sind.

Auf diese Weise gelingt es den Architekten, die immer teamorientiert arbeiten, ihren Projektleitern jedoch weitgehende Entscheidungskompetenz zugestehen, die Nachteile einer Lage auszugleichen. Situative Vorteile werden immer akribisch herausgearbeitet. In Knittelfeld bleiben die nach Norden orientierten Patientenzimmer frei von direkter Sonneneinstrahlung und konnten deshalb großzügig verglast werden - raumbreit und so tief, dass auch vom Krankenbett aus uneingeschränkte Ausblicke möglich sind. Die niedrigen Parapete wurden zur Sitzbank für Besucher aufgewertet. Für Behaglichkeit trotz hohen Glasanteils sorgt helles Holz in Form einer rundum laufenden Vertäfelung und als Oberflächenmaterial der Trennwände zu den internen Sanitärräumen.

Entwurfsentscheidungen sind bei Hemma Fasch und Jakob Fuchs, die projektbezogen mit Lukas Schumacher zusammenarbeiten, immer von Pragmatik bestimmt. Auch wenn diese Aussage erstaunen mag: Sie sind, im besten Sinn des Wortes, anwendungs- und sachbezogen. Der Gefahr, allzu vertraute Bilder zu produzieren, unterliegen die Architekten dabei nie. Ihr „Anderssein“ ist keine gewollte Programmatik. Es ist die ihnen eigene, unkonventionell frische Umsetzung von Vorgaben - von solchen des Ortes, der Funktion bis zu jenen der gewählten Materialien -, die die Nutzer fordert und unreflektierte Gewohnheiten überdenken lässt. Auch das Dach über der Anlieferungszone zwischen Alt- und Neubau ist kein modisches Aperçu. Die luftgefüllten, transparenten Folienkissen wirken höchst ephemer und gewichtslos, lassen Licht ungehindert in die anschließenden Räume und sind kostengünstig. Ins rechte Licht rücken solche Bauten sich von selbst.

29. Oktober 2005 Spectrum

Ja, mach nur einen Plan

Alles dreht sich um das Thema „Stadt“ im diesjährigen „Steirischen Herbst“. So viel zur Theorie. Und wie steht's um die Praxis von Stadtentwicklung und Stadtplanung in Graz?

Die „Stadt“ hat Peter Oswald, scheidender Intendant des „Steirischen Herbsts“, zum Generalthema seines letzten Programms gemacht. „Stadt“ sollte thematisiert werden in der Literatur, im Film, in einem Symposium, in den Ausstellungen zur bildenden Kunst, in Wanderungen und szenischen Aufführungen, die das Grazer Stadtgebiet selbst zum Handlungsmittelpunkt machten. Ziemlich hoch lag die Latte, die man sich selbst gelegt hatte mit dem Anspruch, „den radikalen urbanen Transformationsprozessen samt ihren gesamtpolitischen Konsequenzen, die die Stadt seit den 1980er-Jahren erfasst haben, auf den Grund zu gehen“. Der interessierte Festivalbesucher, der sich eine diskursive Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Stadt bei gleichzeitigem Fokussieren auf den Schauplatz Graz erwartete, wurde enttäuscht.

„M Stadt“, der enigmatische Titel der Hauptausstellung, könnte ebenso gut für Meta-Stadt oder Medium Stadt stehen wie für Mittel-Stadt. Als solche reihen die Kuratoren die Stadt Graz zwar ein unter angeblich vergleichbare europäische Städte wie Krakau, Basel, Laibach oder Triest. Deren Porträts beschränken sich jedoch auf die Aufzählung von je nach Stadt unterschiedlich gewählten statistischen Kennzahlen zu Größe, Bevölkerungs- und Infrastruktur und der spezifischen Arbeitsplatzsituation einzelner Gruppen. Videos, auch von Graz, illustrieren die Daten. Kein Wort zu den Charakteristika, zu Qualitäten und Schwächen der Stadt, ihren strukturellen Problemfeldern und Entwicklungspotenzialen, zu politischem Handlungsbedarf.

Die Referenten des Symposiums, das in Kooperation mit dem Institut für Städtebau organisiert wurde, blieben „weltläufig“ allgemein oder thematisierten Aufgaben der Städte und Büros, aus denen sie kamen. Graz war nicht dabei. Wenn es auch nie erste Aufgabe der fachlich kompetenten Intelligenz der Technischen Universität war, sich konkret zur städtebaulichen Entwicklung ihrer Stadt zu äußern, so gab es dazu doch eine Tradition. Man mischte sich ein in Fragen der Stadtgestaltung, gab immer wieder Impulse und provozierte Bürgerbefragungen. Zu einer solchen führte in den 1970er-Jahren Hubert Hoffmanns vehemente Ablehnung der Idee, eine Autobahntrasse im Westen der Stadt zu bauen, die ganze Stadtteile von der Kernstadt abgetrennt hätte. Tatsächlich wird die Nord-Süd-Route durch Graz heute im Tunnel geführt, der zur effizienten, umweltverträglichen Entlastung des Transitverkehrs wurde.

Wichtige Weichen für weniger Verkehrsbelastung stellte der früh verstorbene Vizebürgermeister Erich Edegger mit seinen mitunter als ideologisch diffamierten Vorstellungen einer gedeihlichen Entwicklung der Stadt, die die hohe Lebensqualität sichern sollte. Der Unternehmer trat beherzt für sanfte Mobilität ein. Er forcierte den öffentlichen Verkehr, setzte die blauen Zonen durch und installierte das damals europaweit längste Radwegenetz in Graz. Seine Vision eines „Platzes für Menschen“ mündete konkret in die Ausweitung von Fußgängerzonen und die verkehrsberuhigte Umgestaltung zahlreicher Plätze. Das führte zur nachhaltigen Aufwertung öffentlicher Stadträume und machte diese für Bewohner und Graz-Besucher gleichermaßen attraktiv. Fraglich ist, ob diese kausalen Zusammenhänge den heutigen Kommunalpolitikern bewusst sind. Edeggers damals unpopuläre Maßnahmen machen heute das Flair aus, mit dem Graz touristisch beworben wird, sein Vermächtnis wird jedoch weder fortgesetzt noch ausgebaut.

Das Grazer Stadtentwicklungskonzept von 1990 hält auch nach seiner Modifizierung 2001 daran fest, dass der Anteil des motorisierten Individualverkehrs eingedämmt werden soll; dem steht jedoch die Genehmigung und der Bau mehrerer Tiefgaragen durch Investorengruppen im innersten Bereich der Altstadt in den vergangenen drei Jahren gegenüber. Die Gründe dafür: Der wachsenden Konkurrenz von Einkaufszentren am Stadtrand folgt der Druck der innerstädtischen Wirtschaftstreibenden auf die Kommunalpolitik, Weichen zu stellen, um die Kaufkraft in der Innenstadt zu stärken. Als Allheilmittel wird von Seiten der Wirtschaft die Schaffung von Autoabstellplätzen gesehen und damit die Stärkung des Individualverkehrs, konträr zu allen Entwicklungen europäischer Städte wie London, das ausschließlich auf den Ausbau und die Beschleunigung des öffentlichen Verkehrs setzt. Die Stadt, deren Finanzlage seit 2003 angeblich so trist ist, dass sie nicht einmal in der Lage ist, die noch fehlenden Bäume zur Minimalgestaltung des Freiheitsplatzes beizusteuern, beugt sich dem Druck.

Nicht wesentlich anders die Situation in den übrigen Bereichen der Stadtentwicklung. 2005 wurde ein „Räumliches Leitbild“ für Graz erstellt, das ein Zwischenglied zwischen dem allgemein formulierten Stadtentwicklungskonzept und dem Flächenwidmungsplan sein soll. Rechtlich verbindlich ist es nicht. Nun kann das stadteigene Immobilien- und Bauherrenunternehmen GBG die Ziele des Entwicklungskonzeptes strategisch umsetzen, wenn es - ja, wenn! - Mittel zur Umsetzung bekommt wie für den Bau des neuen Campusgebäudes der Fachhochschule. Gegenüber privaten Investoren setzt man auf „Goodwill“ und meint, nur auf dem Wege der Kooperation befriedigende Ergebnisse für die Entwicklung der Stadt erzielen zu können. Das wird auch als Grund angegeben, warum für potenzielle Verdichtungsgebiete nicht im Voraus Bebauungspläne mit rechtlicher Gültigkeit erstellt werden.

Nun ist das freie Spiel der Kräfte zwischen dem Investor, der gewinnmaximierend denkt, und einer Kommune, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist, naturgemäß ein ungleiches. Gibt es keine verbindlichen Vorgaben, so besteht die Gefahr, dass Letzteres keine Berücksichtigung findet. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Bebauung des attraktiven, weil stadtnahen Messeareals. Ein Interessent legt einen Bebauungsvorschlag für ein neues Wohnquartier vor. Die Stadtplanung, damit nicht glücklich, drängt auf einen städtebaulichen Wettbewerb und finanziert die Kosten. Die Jury, in der der Interessent vertreten ist, kann unter den Projekten keines finden, das stadträumlich und ökonomisch entspricht. Nun ist wieder der potenzielle Investor am Zug. Er holt das Konzept seines Architekten aus der Lade, das nun, etwas modifiziert, in einen Bebauungsplan übergehen soll. Die Interessen der Anwohner, die sich für ihren nicht gerade mit Grünanlagen gesegneten Bezirk Jakomini eine größere zusammenhängende Parkfläche wünschen, bleiben bei solch pragmatischer Vorgangsweise auf der Strecke.

Einfluss nehmen darauf könnte ein Fachbeirat für Architektur, der auch für Graz von an Stadtentwicklung und Baukultur interessierten Gruppen gefordert wird. Die Einsetzung eines solchen Beirats würde, wenn er mit Kompetenzen ausgestattet wird, zu Bewusstseinsbildung und verstärkter Qualitätsdiskussion führen, die sich auf das Bild der Stadt und ihre Entwicklung sicher positiv auswirken würde. Die Politik ziert sich noch.

[ Die Ausstellung „M Stadt“ im Grazer Kunsthaus ist noch bis 8. Jänner zu sehen. ]

24. September 2005 Spectrum

Die Sonne im Norden

Wie vermeidet ein Architekt Konflikte mit dem Bauträger? Zum Beispiel, indem er selbst einer wird. Die Grazer Gruppe Pentaplan hat es gewagt. Ein Erfahrungsbericht.

Die internationale Beachtung, die der Architektur aus Graz ab den 1980er-Jahren zuteil wurde, ist ganz wesentlich dem zu verdanken, was etwas oberflächlich als experimenteller Wohnbau bezeichnet wurde. Tatsächlich konnte damals - mit politischer Rückendeckung und der Ermunterung zu unkonventionellen Lösungen - eine Vielzahl an Wohnbauten in ausgeprägt eigenwilliger Formensprache entstehen. Systematisches Forschen nach zeitgemäßen Wohnkonzepten schien zweitrangig. Wenige Architekten dachten in größeren Zusammenhängen, arbeiteten strukturell und suchten Ansätze zu neuen Typologien und Möglichkeiten, sie im Rahmen einer reformbedürftigen Wohnbauförderung umzusetzen. Erneuerung reduzierte sich vielfach auf ungewohnte Erscheinungsbilder und formalistische Gesten.

Die Architekten der Grazer Gruppe Pentaplan - Gerald Hirsch, Klaus Jeschek, Wolfgang Köck und Armin Lixl - waren als Studenten oder Mitarbeiter in renommierten Büros kritische Beobachter dieser Entwicklung. Dem Wohnbau als isolierter, auf die Errichtung von marktkonformen Wohnungen reduzierter Disziplin können sie nichts abgewinnen. Ihre ersten Arbeiten, die Entwicklung eines Verkehrsinfrastruktur-Projekts und eine Studie zu Vernetzungen städtischer Kreislaufsysteme, forderten ihre Fähigkeit zu stringenter inhaltlicher Analyse und waren weichenstellend für alle weiteren Projekte. Verknüpfte Denkweise ist das Motto der Gruppe, die die Aufsplitterung ihres Berufs in ein Spezialistentum rigoros ablehnt, die in jede Arbeit städtebauliche und soziologische Überlegungen einbezieht und für die Wirtschaftlichkeit neben konkreten Kenngrößen eines Themas oder Ortes Teil jeder Projektentscheidung ist.

In der konkreten Umsetzung von Wohnbau hatte Pentaplan erste schmerzhafte Erfahrungen gemacht, als ein Entwurf französischer Europan-Preisträger, den sie als Partner vor Ort bis zur Baureife durchgearbeitet hatten, vom Bauträger kurzerhand als nicht verwertbar vom Tisch gewischt wurde.

1996, in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage des Büros, der entscheidende Schritt - ein Wagnis: Die Architekten nahmen das Angebot zum Kauf eines Grundstücks im Grazer Villenviertel Mariatrost an, wurden ihr eigener Bauträger und gingen, nur den Baugesetzen, Förderrichtlinien und ihrem eigenen baukulturellen Anspruch verpflichtet, an die Realisierung ihres ersten Wohnbaus. Was einfach klingt, erwies sich, weil Pentaplan mehr als konventionellen Wohnraum anbieten wollte, als risikoreiches, nur mit großem persönlichen Einsatz bewältigbares Modell. Der Architekt schlüpft dabei auch in die Rolle des Unternehmers und wird, in seiner ureigenen Funktion als kreativer Kopf, schnell zu seinem eigenen Feind. Jeder architektonische Anspruch, jede Problemlösung wird bei dieser Aufhebung der „Gewaltentrennung“ nicht nur unmittelbar auf Machbarkeit im bauphysikalischen, -rechtlichen und finanziellen Rahmen überprüft, sondern auch auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit.

Die Typologie des Hauses am Mariatros- ter Teichhofweg in Graz ist in der Tat unge-wöhnlich. Auf einem annähernd rechteckigen, flachen Grundstück ist mittig ein lang gestrecktes, mit 28 Metern enorm tiefes Haus platziert, in dem beidseitig, in der Art eines Reihenhauses über jeweils drei Geschoße, 25 Wohneinheiten untergebracht sind. Diese Wohneinheiten sind, mit Ausnahme zweier, an den Südecken situierter Wohnungen, alle streng auf eine Himmelsrichtung hin ausgerichtet. Nur die oberste der drei Geschoßebenen erstreckt sich jeweils über die halbe Haustiefe. Die beiden darunter liegen-den sind hingegen in ihrer Tiefe unterschiedlich gestaltet und lassen im Kern des Hauses Raum für eine zweigeschoßige zentrale Halle - die Garage.

Die Komplexität des Baukörpers, der sich nach außen als ruhige Fassade ohne Vor- und Rücksprünge zeigt, erschließt sich erst, wenn man die oberste Ebene betritt und erfasst, wie das Manko der einseitigen Besonnung aufgehoben wurde. Der offene Wohn- und Essbereich öffnet sich zu einem uneinsehbaren Atrium, das ganztägig Sonne bringt und das Bedürfnis nach Privatsphäre optimal erfüllt. Der mündige Bewohner dieser Wohnungen kann zwischen Rückzug und Kommunikation wählen, indem ihm Freiraum in unterschiedlicher Qualität geboten wird: zum intimen Atrium noch ein Balkon für den Ausblick und ein Gartenanteil auf der Eingangsebene. Bei einer konventionellen Teilung in zwei Zeilen wäre weder eine so differenzierte Nutzung der Außenräume noch uneingeschränkte Aussicht möglich gewesen. Eine teurere Tiefgarage hätte gebaut werden müssen, und der größere Außenflächenanteil der Wohnungen hätte zu geringerer Energieeffizienz geführt.

Die Bewältigung schwieriger Situationen bei gleichzeitigem Bestreben, an hoher räumlicher Qualität für Innen- und Außenräume als Standard festzuhalten, scheint zum Merkmal der Tätigkeit von Pentaplan zu werden. Alles Potenzial herausholen, das im Schwierigen liegt, ist auch die Devise beim Bauvorhaben in der Ziegelstraße in Graz-Andritz. Auch hier war die Lage, neben der sehr geringen Bebauungsdichte, ausschlaggebend für die Typologie der 140 Wohnungen.

Die Antwort auf den Hang, der nach Norden abfällt, ist dreigeteilt. Schon seit einem Jahr bezogen sind ostwestlich ausgerichtete Zeilen, die in abgetreppter Form dem Hang folgen und jeweils zwei Wohnungen so raffiniert übereinander gestapelt haben, dass beide im Zusammenspiel von innen und außen sichtgeschützte Freibereiche anbieten können, wobei die erdnahe Wohnung zusätzlich jeweils über ein großzügiges Stück Wiese verfügt.

Gerade bezogen wurde das letzte der Terrassenhäuser. In deren Wohnungen, wie bei allen Objekten von Pentaplan mit raumhohen Fenstern und Verglasungen, wurde durch die Anordnung des Wohnbereichs die schöne Aussicht auf den Hügel fokussiert. Die ungewöhnlich große Tiefe der luxuriösen, 160 Quadratmeter großen Terrassen macht auch die Nordlage sonnig und lässt Rückzugsplätze zu. Ebenso fertig gestellt und verkauft ist der erste Teil einer Reihe von Atriumhäusern, die Blickweite an der Talseite, aber auch den höchsten Grad an Introvertiertheit ermöglichen. Die Atrien sind geräumige Sommerzimmer. Sie bieten mehr als Sonne, Licht und Luft. Und sie machen deutlich, dass die Gratwanderung zwischen architektonischem Anspruch und wirtschaftlicher Verwertbarkeit glücken kann, dass es doch möglich ist, auch Inhalte umzusetzen, die die Wohnung über ihre Funktion der Erfüllung eines Grundbedürfnisses hinausheben.

13. August 2005 Spectrum

Material ist gleich Farbe

Wie man mit zwei Gebäuden eine Gasse formt. Und wann ein Schwung im Dach mehr ist als eine modische Geste. Das oststeirische Weiz hat sein Zentrum belebt. Mit einem Kunsthaus inklusive Vis-à-Vis.

Ein Kulturhaus zu bauen, das mehr bieten soll als einen Ballsaal für Vereine, ist für kleinere Gemein den immer ein Wagnis. Selbst wenn man vor Ort auf Künstler oder die Tradition eines Festivals verweisen kann, ist noch nicht garantiert, dass sich ein solches Haus ganzjährig mit Leben füllen lässt. Dazu braucht es gewachsene, fest in der Bevölkerung verankerte Strukturen für kulturelle Aktivitäten, die Kunstsinn, Interesse und Eigeninitiative einer breiten Schicht zu fördern vermögen. Gibt es diese nicht, so wird das feinste Festival vorwiegend Kulturtouristen anlocken und das beste Jahresprogramm vor leeren Reihen stattfinden.

Weiz in der östlichen Steiermark wird seit mehr als 100 Jahren mit Elektroindustrie assoziiert. Die Bezirkshauptstadt mit knapp 10.000 Einwohnern ist der Standort der Elin AG, einem Hochtechnologie-Zweig der VATech, die vor wenigen Tagen vom Siemens-Konzern übernommen wurde, der die hierorts produzierte Hydrotechnik aus kartellrechtlichen Gründen allerdings weiterverkaufen muss. Die Weizer sind verunsichert. Schließlich ist das Werk mit rund 1000 Arbeitsplätzen der größte Arbeitgeber der Kleinstadt. Als hätte sie ihre Hilflosigkeit gegenüber den Gesetzmäßigkeiten der internationalen Finanzmärkte schon lange kommen gesehen, baut die Gemeinde unter einem ambitionierten Bürgermeister seit Jahren weitere Standbeine auf. Weiz wurde zum regionalen Fachschulzentrum und profiliert sich nicht erst seit der Landesausstellung 2001 zum Thema „Energie“ als Stadt, die die Entwicklung und Anwendung ressourcenschonender Technologien forciert. Kultur wird in der Stadt, die sich einen Kulturbeauftragten leistet, groß geschrieben, wobei man nicht ausschließlich in Gastspiele investiert, sondern das heimische Potenzial an Kunstschaffenden und dadurch hohe Identifikationswerte fördert.

Seit kurzem hat Weiz ein neues Kunsthaus. Es ist ein ehrgeiziges Projekt, das den Außenstehenden erst einmal staunen lässt. Wie kann ein Saal mit 645 Sitzplätzen adäquat bespielt werden? Man wird aufgeklärt, dass der Vorgängerbau mit zwei längst unzureichenden Sälen an 250 Abenden im Jahr bespielt wurde und 50 bis 60 Prozent aller Veranstaltungen örtliche Initiativen waren. 1998 schrieb die Gemeinde deshalb einen Wettbewerb für ein Veranstaltungsgebäude aus, das schon zur Landesausstellung fertig sein sollte. Ein durch Umsiedlung der Feuerwehr frei gewordenes innerstädtisches Areal sollte mit einem Mix aus Kultur-, Geschäfts- und Bürohaus den Stadtkern nahe dem Hauptplatz und dem etablierten kleinen Kulturzentrum „Weberhaus“ beleben. Dietmar Feichtinger, Absolvent der Technischen Universität Graz, den es schon in den späten 1980er-Jahren nach Paris zog, wo er heute nicht nur die letzte Brücke über die Seine bauen darf, sondern auch ein europaweit agierendes Büro führt, konnte die Jury mit seinem Entwurf überzeugen.

Gewonnen hat der Architekt mit einem Konzept, das den geforderten Veranstaltungssaal auf die Ebene des ersten Obergeschoßes hebt, ihn überhöht und als geschlossenen, eckigen Nukleus ins Zentrum seiner Bebauung setzt. An drei Seiten legt er ein Foyer, Garderoben und Nebenräume an - als weitgehend offene Vorzone mit geschwungener, transparenter Fassade, die in ihrer Höhenentwicklung auf die verschiedenen Traufenlinien der benachbarten Bestandsbauten reagiert.

So wird das Dach zu einer Welle, die hoch über der Ausstellungsgalerie an der Straßenfront entsteht und über die Längsseite des Foyers sanft zur Bühnenrückseite hin abrollt. Wer Feichtingers rationale, zurückhaltende Entwürfe kennt - zurzeit baut er in Krems den Campus der neuen Donau-Universität -, der weiß, dass dieser sanfte, formgebende Schwung im Dach keine modische Geste ist. Seine Intention ist, ein fließendes räumliches Kontinuum an zwei ganz unterschiedliche stadträumliche Situationen heranzuführen: straßenseitig an den stattlichen dreigeschoßigen Bau der Elin-Verwaltung und am anderen Ende an die niedrige historische Häuserzeile der Rathausgasse.

Die Rückseiten der Hofgebäude angrenzender Grundstücke wären ein unattraktives Vis-à-vis des längs gerichteten Foyers gewesen, hätte das Konzept nicht vorgesehen, ihnen einen lang gestreckten hakenförmigen Bau vorzusetzen, mit dem sich nun eine neu geschaffene Gasse formt. Die formale Analogie zum Kunsthaus ist gewollt. Das zweigeschoßige Gebäude mit noch zu mietenden Geschäfts- und Büroflächen zeigt eine durchgehende Glasfront, die mit öffenbaren verblechten Paneelen rhythmisiert ist und sich nur minimal öffnet, wo der Hinterhof des Weberhauses an die neue Gasse grenzt. Kontrastiert werden die glatten Fassaden durch die raue Oberfläche der Pflasterung des Vorbereichs, die für viele gewöhnungsbedürftig ist.

Vorpatiniertes Kupferblech in Form von gekanteten, abwechselnd breiten und schmalen Streifen bildet im Foyer wie über dem Dach die Außenhaut des überhohen zentralen Mehrzwecksaals. Von höher gelegenen Punkten der Stadt aus zeichnet er sich als geschlossene Figur deutlich im Stadtgefüge ab. Der Saal ist mit fixer Bühne, stapelbarer Tribüne, einem Balkon und High Tech ausgestattet. In Material und Farbe ist er kühl und dunkel gehalten. Als Gemütsaufheller fungiert eine Lichtinstallation, die die Seitenwände hinter dem vorgeblendeten Metallgewebe farbig verändert und den Saal in unterschiedliche Lichtstimmungen tauchen kann.

Generell postuliert Dietmar Feichtinger in der ihm eigenen Art: Material ist gleich Farbe. Außerhalb des Saals hält er sich auch daran, Beton, Rigips, Verblechung und Glas in ihren Eigenfarben wirken zu lassen. Die Fassade des Sockelgeschoßes, das demnächst ein Einkaufszentrum beherbergen wird, lässt er hinter die tragende Säulenreihe zurücktreten. Damit wird das darüberliegende Foyer, das mit Transparenz und abendlicher Beleuchtung einladende Offenheit signalisieren soll, ganz ohne grelle Inszenierung akzentuiert.

In Verbindung mit gekonnt gelösten Details - etwa den Deckenanschlüssen der vorgesetzten Glasfassade, die deren Aufbauhöhe optisch zum Verschwinden bringen - entstand ein nobel zurückhaltender, absolut städtischer Gebäudekomplex. Er ist augenscheinlich der Moderne verpflichtet, dabei von zeitloser Eleganz. Und er ist im heterogenen Stadtraum so präsent, dass man der Gemeinde nur wünschen kann, es möge ihr gelingen, das Haus mit Klängen, Farben - und Besuchern zu füllen.

2. Juli 2005 Spectrum

Hügel, Grat und Mulde

Eine Region in Goldgräberstimmung: das südsteirische Weinland. Seine Landschaft droht im Bauboom ihre Substanz zu verlieren. Wer hat die Kompetenz, das zu verhindern? Und wer die Unabhängigkeit?

Was muss sie nicht alles an Ver gleichen hinnehmen, die klein räumige Region an der Grenze zu Slowenien? Eine „steirische Toskana“ soll sie sein, die sanfthügelige Landschaft mit mildem Klima und besonderen Böden. Jahrhundertelang war der Weinanbau ein Teil kleiner bäuerlicher Mischbetriebe, bis vor rund 25 Jahren ein paar junge Absolventen der Weinbauschule ausschließlich auf Wein, in höchster Kultivierung, setzten und mit den ersten überregionalen Erfolgen Vorbild für die anderen wurden. Vom Weinskandal war die strukturell in jeder Hinsicht begrenzte Region nicht betroffen - sie nutzte ihn jedoch als Gunst der Stunde, um sich als kleines, feines Weinanbaugebiet mit Qualität zu positionieren.

Das Kalkül scheint aufzugehen. Wer heute in der Südsteiermark urlauben will, muss mit der Quartiersuche rechtzeitig beginnen und sich zur Kellerführung anmelden. Um den Gast geworben wird mit der Güte des Weins und der Schönheit der Landschaft. Sie ist das eigentliche Kapital der Marke „südsteirische Weinstraße“. Nun führt die Aufwertung des Weines zu gewaltigen Investitionen und bringt einen Bauboom mit sich. Jeder will vom Tourismus profitieren (wofür man Verständnis haben kann, wurde der Boden der Grenzregion doch jahrhundertelang von bitterarmen Keuschlern bestellt). Den Anfang machten die Spitzenwinzer mit dem Ausbau ihrer Produktionsstätten. Sie folgten - im Bemühen, ihrem Qualitätsanspruch eine bauliche Entsprechung zu geben - einem weltweiten Trend und engagierten Architekten für die Planung der Weinkeller und Verkaufsräume. Dabei sind in der Südsteiermark einige durchaus vorzeigbare Beispiele entstanden, die heute touristische Ziele sind. Es herrscht Goldgräberstimmung. Neue Weingärten werden angelegt, wo immer es noch möglich ist, Wein zu kultivieren. Erste, (noch) klein konzipierte Hotels nisten sich in die sanften Hügel ein, aus traditionellen Buschenschänken werden Beherbergungsbetriebe, und Privathäuser werden ausgebaut, um geförderte Winzerzimmer unterzubringen.

Der Aufschwung drückt sich im Bauen aus und verändert die Landschaft. Das Kapital Landschaft, dem der Wohlstand zu verdanken ist, wird in seiner Substanz angegriffen und ist in Gefahr.

Das Südsteirische Weinland trägt das Prädikat Naturpark, verliehen vom Land Steiermark mit der Ziel „des Schutzes einer Landschaft in Verbindung mit deren Nutzung“. Die Bestandsaufnahme im daraufhin erstellten regionalen Entwicklungsplan für 2000 bis 2006 weist auf zahlreiche punktuelle Baulandausweisungen hin, die bisher kaum auf das Landschaftsbild Rücksicht genommen haben. Die Notwendigkeit „der Steuerung der Siedlungsentwicklung hinsichtlich der Erhaltung der Kulturlandschaft“ wird prioritär betont. Als Schwäche wird die „starke Überformung der historischen Bausubstanz durch mangelnde Baugesinnung“ gesehen, und vor dem Verlust des eigenständigen Charakters des Landschaftsbildes durch mangelnde Bauqualität wird ausdrücklich gewarnt.

Leitlinien, die der Zersiedelung und Zerstörung des Landschaftsraumes entgegenwirken könnten, enthält das regionale Entwicklungsprogramm nicht. Das ist auch gut so, denn Festlegungen in Form von Leitbildern bergen die Gefahr in sich, einschränkend, rückwärtsgewandt und starr zu sein und jede dynamische, prozesshafte Entwicklung von Baukultur zu verhindern. Es gibt weltweit nur wenige Beispiele von raumordnenden Interventionen in größere Siedlungs- und Landschaftsräume, denen Leitprinzipien zugrunde lagen und die als geglückt betrachtet werden können. Alle sind dem Engagement und dem Können kompetenter Einzelpersönlichkeiten zu verdanken, die in einer Person aus der Politik einen verständigen Partner gefunden haben. Ein Beispiel ist der Tessiner Ort Monte Carasso, für den der Architekt Luigi Snozzi ab 1977 ein Gemeinde-Entwicklungskonzept erarbeiten konnte, das die Frage nach dem Spezifischen des Ortes in den Vordergrund stellte. Snozzi erarbeitete Vorschriften, die wie ein Spielfeld eines Brettspiels aufgebaut waren, auf dem ein Architekt sich innerhalb der Regeln frei bewegen konnte.

Ein anderes Beispiel sind der Künstler César Manrique und sein Einsatz für die Erhaltung der landschaftlichen und kulturellen Identität seiner Heimatinsel Lanzarote ab 1966, einem Zeitpunkt, als die Folgen des Fremdenverkehrs die Schönheit der Insel zu zerstören drohten. Er leistete Überzeugungsarbeit, entwickelte ein tragfähiges Modell der örtlichen Raum- und Bauplanung mit und plante selbst einige vorbildliche zeitgemäße Beispiele für landschaftsbezogenes Bauen.

Im südsteirischen Weinland müsste jede Baulandausweisung durch den Raumplaner im Rahmen einer Revision des Flächenwidmungsplans, jede Parzellierung des neuen Baulandes durch den Geometer, aber auch jede Genehmigung von Bauvorhaben im Spiegel des Ganzen betrachtet werden. Das Landschaftsrelief, der Hügel, der Grat, die Mulde, natürliche Rainbegrenzungen und Wegeführungen, Aussicht, Hintergrund, Blickbeziehungen, die Hanglage, Nachbarschaften, Größenverhältnisse und Maßstäblichkeit müssten Beachtung finden und in die Bewertung einbezogen werden.

Erste Bauinstanz in den Gemeinden ist der Bürgermeister, der sich des immer gleichen Ortssachverständigen als Berater bedient. Die Frage darf gestellt werden: Wie viele dieser Gutachter haben die fachliche Kompetenz, derart komplexe räumliche Zusammenhänge zu erkennen und zu bewerten - und die Unabhängigkeit, sie sachlich zu beurteilen? Mit der seit Jänner 2005 gültigen Novellierung des Steirischen Naturschutzgesetzes, das auch den Landschaftsschutz der Naturparke einbezieht, wurde die Kompetenz für die Genehmigung von größeren Bauvorhaben dezentral den Bezirkshauptmannschaften und ihren Baubezirksleitungen zugeteilt. Deren Sachverständige, oft auch nicht geschult, haben nun die Aufgabe, mittels Gutachten Bauvorhaben abzulehnen, wenn diese eine nachteilige Veränderung des Landschaftsbildes bewirken würden.

Nun wurde ein „Bauherrenbegleiter“ herausgegeben, der kostenlos bei der Baubezirksleitung Leibnitz erhältlich ist. Er erklärt Entwicklung und Form des Wohnhauses im südsteirischen Weinland und zeigt mit Planungsbeispielen Perspektiven für eine landschaftsgebundene und -schonende Bauweise auf. Darin wird betont, dass Typen nicht formale Vorgaben sein können, sondern nur Grundsätze widerspiegeln, die Variabilität erlauben. Aufklärung und Bewusstseinsbildung für Bauqualität allein können nicht ausreichend sein, das Kapital des südsteirischen Lebensraumes - die Landschaft - vor weiterer Zerstörung zu bewahren. Es wird eine rigorose Anwendung der Raumordnung brauchen und geänderte gesetzliche Instanzen und Reglements zur Baubewertung und -genehmigung. Jeder einzelne Bewohner müsste die Tugend der freiwilligen Selbstbeschränkung erwerben.

21. Mai 2005 Spectrum

Die Wiese fließt durchs Fenster

Alle reden von der Ganztagsschule. Aber welche Schulgebäude wären dafür gerüstet? Eine Untersuchung am Beispiel der neuen Volksschule im oststeirischen St. Ruprecht.

Seit dem schmählichen Abschneiden Österreichs bei der Pisa-Studie scheint es auch dem letzten traditionstreuen Sesselkleber bewusst zu sein: Eine Schulreform ist vonnöten. Über das Wie gibt es noch keinen Konsens, trotz des unbestrittenen Faktums, dass in den bei der Pisa-Studie erfolgreichen Ländern die Förderung der Kinder in Ganztagsschulen die Regel ist. Von einer Schulbau-Reform ist in den unzähligen emotionsgeladenen Diskussionsrunden und Gastkommentaren auf beiden Seiten nicht die Rede; werden die Kosten für eine derartige Umstellung thematisiert, so beschränken sich diese meist auf den Aufwand für das Lehrpersonal und die Verpflegung der Schüler. Dabei gewinnt man den Eindruck, dass die Frage nach der Notwendigkeit baulicher Umstrukturierung und neuer räumlicher Konzepte für Schulgebäude, sollte die Einführung der Ganztagsschule beschlossen werden, typisch österreichisch beantwortet wird, nach dem Motto: „Tu ma halt a bisserl improvisieren, dann wird's schon gehen.“

Die bauliche Adaptierung von Schulen wird notgedrungen nach Improvisation und Kompromiss verlangen. Die Frage ist daher, inwieweit der Schulneubau in Österreich auf eine mögliche Umstellung zum Ganztagsaufenthalt der Schüler hin konzipiert und ausgestattet wird. In der Steiermark wurde in den vergangenen Jahren nur eine äußerst kleine Anzahl an Schulen neu errichtet. Geburtenrückgang und der rigorose Sparkurs der öffentlichen Hand machen sich bemerkbar - vergleichbar vermutlich mit anderen Bundesländern. Um einem Bedarf aufgrund geänderter Lehrpläne, neuer Lehrfächer oder geringerer Schülerzahlen nachkommen zu können, werden vorrangig Schulgebäude saniert, adaptiert und mit Zubauten versehen. Nur wenn eine solche Maßnahme nicht mehr zielführend, also in erster Linie sparsam ist, wird neu gebaut.

Die Volksschule in St. Ruprecht an der Raab ist einer dieser Schulneubauten. Zur Ideenfindung wurde 1999 ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich 94 Büros beteiligten (die Überschreitung des Schwellenwertes verpflichtete zur EU-weiten Ausschreibung). Das damals gerade erst gegründete Projektteam Alexandra Stingl und Christian Aulinger aus Wien konnte den Wettbewerb gewinnen. 2002 wurden die weitere Planung und Realisierung nach Unstimmigkeiten im Team von der in der Steiermark ansässigen Architektin mit Winfried Enge als neuem Partner alleine in Angriff genommen.

Der Entwurf ist maßgeblich von den topografischen und ortsräumlichen Rahmenbedingungen der Marktgemeinde geprägt, die sich entlang der Hauptstraße verdichtet als Straßendorf präsentiert, zu den gartenseitigen Rändern hin in lockerer Bebauung ausfranst und in den tiefer liegenden landwirtschaftlich genutzten Talboden übergeht. Das Grundstück liegt an der unteren Kante eines sanft fallenden Geländes und grenzt an eine Hauptschule aus den 1960er-Jahren, mit der es über einen Gang verbunden werden sollte, um den ebenfalls neu zu errichtenden Turnsaal synergetisch zu nützen. Es ist deutlich ablesbar, dass sich das neue Schulgebäude mit dem Mehrfachturnsaal an der Lage, der Ausrichtung und der Größe der Hauptschule auf der gegenüberliegenden Seite des Zufahrtsweges orientiert. Es bleibt wie dieses im Orthogonalen und nimmt seine Höhe, seine Maßstäblichkeit und sogar die Farbe seiner Fassade auf.

Der lang gestreckte Bau, der sich streng genommen aus mehreren Baukörpern zusammensetzt, ordnet sich ein, aber nicht unter. Es sind die sanft ansteigenden Streuobstwiesen, die die Verteilung der Kubaturen und damit den Gebäudecharakter noch stärker formen.

Das Schulhaus sollte durchlässig sein, um die „Ausdehnung“ der Landschaft von den hauseigenen Gärten zu den Feldern und Wiesen am Talgrund nicht zu behindern und den optischen Eindruck zu erwecken, dass die Wiesen durch das Gebäude fließen. Um dies zu erreichen, haben die Architekten die Baumasse in vier frei stehende Kuben aufgelöst, die jeweils in zwei Geschoßen vier Räume für Klassenzimmer, Sonderklassen, das Lehrerzimmer oder die Direktion erhalten. Miteinander verbunden sind sie durch vollflächig verglaste Zwischenbereiche, die die Gangflächen beider Geschoße bilden und zugleich Pausenräume sind. Linear ergänzt werden die vier Klassenhäuser durch einen mächtigen Turnsaal an der anderen Seite des zentralen Haupteingangs. Alle konstruktiven Bauteile der vier „Kisten“ sind in Holz ausgeführt und ihre Oberflächen außen mit beschichteter sägerauer Lärche und innen weitgehend mit Eiche belegt. Ihr Grundmaß leitet sich von der Größe eines Klassenzimmers ab.

Die Klassen selbst haben mit Ausnahme eines tief sitzenden erkerartigen Fensters, das in seiner liegenden Form „nur“ kindgerecht ist, keinen direkten Ausblick in die Landschaft. Diese Introvertiertheit befremdet erst einmal, wenn man die Entwurfsmotive der Architekten gelesen hat und zudem Städter ist. Eine Erklärung bringen die sich mit dem Pausenzeichen in den lichtdurchfluteten kleinen Hallen verteilenden Kinder. Die Geschlossenheit der Klassen bedeutet Konzentration, die Helligkeit und Durchlässigkeit der Pausenräume als Kontrast dazu Entspannung, Bewegung und Ausschau.

Das additive Prinzip der abgeschlossenen Klassenhäuser und Pausenräume erfordert zwar mehr Gangaufsicht, hat jedoch wesentliche Vorteile. Die Lärmentwicklung in dieser Schule ist so gering, dass sie sicher nicht zum Burn-out-Syndrom beiträgt, unter dem viele Lehrer nicht zuletzt wegen des ständigen Lärms in Schulen leiden. Das additive Prinzip erzeugt zwar den Eindruck einer gewissen Gleichförmigkeit und Starre - alle Haupträume einschließlich der Garderobe sind gleich geformt -, erweist sich dadurch aber als äußerst anpassungsfähig und problemlos erweiterbar. Auch die Umstellung auf eine Ganztagsschule mit Essensraum wäre mit kleinen Änderungen zu bewerkstelligen. Von Vorteil ist auch, dass jedem der ebenerdigen Klassenräume eine befestigte Freifläche zugeordnet ist.

Das Konzept von Stingl, Aulinger und Enge hat im Fehlen eines großzügigen Zentralraumes vielleicht eine kleine Schwäche, aber es lässt sich ebenso deutlich wie erfreulich erkennen: Hier haben Planer mit äußerster Sorgfalt und Empathie das Thema Schule analysiert, die erkannten Prämissen mit der Besonderheit des Ortes verwoben, mit den Bedürfnissen der Nutzer in Übereinstimmung gebracht und mit Genauigkeit bis ins Detail umgesetzt.

12. Februar 2005 Spectrum

Kindergarten: Wo, was, wozu?

Was ist ein kindgerechter Kindergarten? Was macht die Qualität einer Stadt aus, was schafft Urbanität? Fragen wie diese stehen hinter allen Projekten der „Halle 1“. Ein Besuch in Salzburg.

Seit seiner Einführung 1976 ist der Architekturpreis des Landes Salzburg neunmal ausgeschrieben, aber nur achtmal vergeben worden. 2002 wurde seine Verleihung ausgesetzt, weil der damalige Salzburger Landeshauptmann Schausberger und die Regierungsmitglieder seiner Fraktion sich geweigert hatten, die Empfehlung der Jury zu unterzeichnen. Stein des Anstoßes war die Nominierung des Betriebsgebäudes der Salzburg AG von Betrix und Consolascio. Um eine Ehrung gebracht wurde damals unter anderem auch das Architekturbüro „Halle 1“, das für die Erweiterung des Bezirksgerichts Salzburg einen von drei vorgesehenen Anerkennungspreisen bekommen hätte. Es wäre nicht der erste gewesen. Schon zwei Jahre zuvor konnte das Büro für die Feuerwache Schallmoos eine Anerkennung des Landes entgegennehmen.

Ende Jänner wurde nun - auf allen Ebenen konsensual - der Architekturpreis 2004 an die Salzburger Architekten Gerhard Sailer und Heinz Lang, die 1987 die „Halle 1“ gemeinsam gegründet haben, verliehen. Die diesjährige Jury entschloss sich zur Vergabe von drei Anerkennungen und nur eines Hauptpreises, den sie aber nicht einem Bauwerk, sondern allen vier von der „Halle 1“ eingereichten Projekten zusprach und damit stellvertretend das langjährige konsequente Bemühen der Architekten um Qualität in all ihren Arbeiten würdigte.

Tatsächlich spiegeln die S-Bahn-Station Salzburg-Gnigl - ein Infrastrukturbau für die ÖBB -, der Kindergarten am Gebirgsjägerplatz, die Einrichtung des Keltenmuseums in Hallein als Adaption historischer Bausubstanz (in Zusammenarbeit mit Wimmer-Armellini) und die Bebauung eines Areals in Salzburg-Schallmoos mit gemischter Wohn-, Büro- und Geschäftsnutzung ein breites Spektrum bedeutender Bauaufgaben wider. So unterschiedlich diese Beispiele in ihrer Funktion, ihrer Größe und ihrer Ausformung auch sind, so lässt sich an ihnen doch ein Gemeinsames ablesen: der programmatische Ansatz oder das Hinterfragen des kulturellen und baukünstlerischen Anspruchs der Bauaufgabe. Es sind Fragen nach dem historischen Kontext, nach Aussage und Wirkung eines Gebäudes oder Stadtteils, seiner Sozialfunktion und seinem Begegnungs- und Rückzugspotenzial. Was ist ein kindgerechter Kindergarten? Was macht die Qualität einer Stadt aus und schafft Urbanität?

Fast alle Realisierungen der „Halle 1“ gehen auf gewonnene Wettbewerbe zurück. Mehr als die Hälfte ihrer annähernd 50 Beteiligungen wurde ausgezeichnet, 16 davon mit ersten Preisen. Jedes der eingereichten Objekte zeigt, dass eine Klärung dessen, was Lang und Sailer die „Symbolfunktionen der Architektur“ nennen, dem Entwurfsprozess vorangegangen ist. Gemeinsam ist den Arbeiten auch, dass sie sich auf den jeweiligen Standort beziehen. Die Stärken und Schwächen eines Ortes werden ausgelotet, städtebauliche und infrastrukturelle Rahmenbedingungen einer Analyse unterzogen und als gestaltprägende Erkenntnisse im Entwurf umgesetzt. Das mag banal klingen, ist es aber nicht, bedenkt man die internationale Tendenz zum nicht kontextuellen Bauen, die sich in zahllosen gebauten Schleifen, Faltungen und Verwerfungen ausdrückt. Die beiden Architekten der „Halle 1“ operieren ganz selbstverständlich mit den „Realfunktionen der Architektur“, zu denen sie neben dem Eingehen auf den Ort auch Energieeffizienz und konstruktive Aspekte eines Gebäudes zählen. Ihrer Entwurfsphilosophie genügen die Befassung mit den beiden vorangestellten Objektfunktionen und die kreative Transformation der daraus gewonnenen Erkenntnisse noch nicht. Sie messen das Gelingen eines Bauvorhabens auch an der Qualität der Umsetzung, womit der Produktionsablauf im Zusammenspiel von Bauherrn, Planern, Kommune, Sonderplanern und Ausführenden gemeint ist.

Der Kindergarten am Gebirgsjägerplatz macht nicht nur seine Nutzer zufrieden, er tritt in eine Interaktion mit den an das Areal grenzenden Bewohnern. Das liegt nicht allein daran, dass ein öffentlicher Weg, der am Bau vorbeiführt, als Passage integriert wird und dass die beiden zugeordneten Grünflächen aneinander grenzen. Es ergibt sich aus der Durchlässigkeit des zweigeschoßigen Hauses, das durch leichte Hüllflächen und transparente Fassaden und nicht durch kompakte Körper gebildet wird.

Im Keltenmuseum in Hallein gelingt die „Realfunktion“, das Schaffen einer neuen Erschließung und die Adaption von Räumen, höchst subtil. Der dem Altbau vorgesetzte Teil des Foyers kontrastiert als leichter und eleganter Glaszubau die Schwere des historischen Salzherrensitzes ebenso wie die detailverliebte Raumskulptur des von Heinz Tesar vor zehn Jahren errichteten zentralen Stiegenhauses.

Das Gestaltungskonzept für neue S-Bahn-Stationen, das in Salzburg-Gnigl mit der Haltestelle Schwabenwirtsbrücke seine prototypische Erstrealisierung erfuhr, vereint mehrere Aspekte verkehrstechnischer Infrastruktur mit hohem baukünstlerischem Anspruch. Die modulare Entwicklung der Bauteile erlaubt, die einzelnen Bahnsteigelemente unterschiedlich zu kombinieren und anderen Stationen anzupassen. Damit wird ein hoher Wiedererkennungswert geschaffen.

Am Zentrum Schallmoos hinter dem Salzburger Bahnhof hat die „Halle 1“ Grundsatzfragen zur Stadt und den Faktoren, die ihre Qualität ausmachen, virtuos beantwortet. Die geforderte hohe Dichte wurde in ein spannungsvolles Neben-, Mit- und Übereinander von differenziert ausgebildeten, plastisch durchgearbeiteten Baukörpern gepackt. Den noch zurückhaltenden Auftakt an der viel befahrenen Sterneckstraße macht ein lang gestrecktes Gebäude mit Büros, Geschäftsflächen und einer Freizeiteinrichtung, das sich in einer losen Addition von Blockrandbauten fortsetzt und in eine signethafte Überhöhung in Form eines 14-geschoßigen Wohnturms mündet, den beidseitig siebengeschoßige Wohnbauten mit einer vorgelagerten Grünfläche begleiten. Trotz der Vielgestaltigkeit ist daraus ein überschaubares Ganzes geworden, dem auch die nicht sehr gekonnte konstruktive Durchbildung und Detailarbeit, die leider nicht umfassend in den Händen der Architekten lag, substanziell keinen Abbruch tun konnte.


Die Ausstellung der Salzburger Architekturpreise 2004 mit allen in die Bewertung aufgenommenen Einreichungen ist noch bis 14. März (Montag bis Freitag 8 bis 18 Uhr) im Foyer des Amtes der Salzburger Landesregierung, Michael-Pacher-Straße 36, öffentlich zugänglich.

25. Dezember 2004 Spectrum

Freiheit und so weiter

Taghelle, von zwei Seiten belichtete Gänge, ein Aufenthaltsraum, warmtönig in den Materialien. Helles Holz, Birke, ein Farbtupfen Dunkelrot. Licht. Eine Perspektive. Die Justizanstalt Leoben.

Bild eins: schlauchartige, niedrige Gänge ohne natürliche Belichtung. Beklemmende Enge. Ein Gemeinschaftsraum am Lichthof, der zu gering dimensioniert ist, um an einem grauen Wintertag das Tageslicht noch in die unteren Geschoße dringen zu lassen. Raumzellen als Betonfertigbau aus den späten 90er-Jahren, möbliert mit Stahlrohrbetten, gestapelt neben- oder übereinander. Fenster, nicht groß genug, um einen Zipfel Himmelsblau erhaschen zu können. Trostlos.

Bild zwei: Taghelle, von zwei Seiten belichtete Gänge, die sich zu einem Foyer erweitern. Von dort einsehbar, nur durch Glas getrennt, ein Aufenthaltsraum und eine Teeküche, sonnenbeschienen, warmtönig in den Materialien. Wohnraumatmosphäre. Daneben kleine, funktionell möblierte Räume. Nur helles Holz, Birke, ein Farbtupfen Dunkelrot, kräftige Farben für die beweglichen Teile des Mobiliars. Am Fenster, das bis zum Boden reicht, ein einfacher Tisch. Licht. Eine Perspektive.

Zwei Häuser, eine Welt - die des Gefängnisses. Beide sind an Gerichtshöfe angeschlossen, Ersteres an das Landesgericht in Graz-Jakomini, das andere steht im steirischen Leoben und wird in den nächsten Wochen belegt. In beiden sitzen Untersuchungshäftlinge und Straffällige mit einem Strafrahmen bis zu 18 Monaten ein. Die dem Vollzug zu Grunde liegenden Gesetze, auf der Brodaschen Justizreform von 1975 basierend, werden hier wie dort angewandt. Erst damals wurden Strafen am Leib wie Fasttag und Dunkelhaft abgeschafft, und es gilt: Der Freiheitsentzug ist die Strafe, nicht mehr, und erreicht werden soll, dass ein Sträfling nicht rückfällig wird.

Die Justizanstalt Leoben ist, gemeinsam mit dem Bezirks- und Landesgericht und der Staatsanwaltschaft, Teil eines neuen Justizzentrums, das der Grazer Architekt Sepp Hohensinn als Gewinner eines internationalen Wettbewerbs (2000) nun realisieren konnte. Zum Gelingen haben drei engagierte Menschen beigetragen: der zuständige Sektionschef im Justizministerium, der die Ideen mittragende damalige Leiter der Justizanstalt Leoben und der Architekt. Die Basis erfolgreicher Resozialisierung wird einerseits im Umgang mit den Insassen gesehen, der die Würde und Intimsphäre jedes Menschen respektieren muss, andererseits in der Gestaltung der Haft, die dem Leben draußen ähneln soll.

In Leoben wurde diese Erkenntnis zur Grundlage der Planung. Der Architekt nahm sie ernst und setzte sie lückenlos um - von der Aufnahme bis zum Freigängerhaus, von der Fassade des Haftgebäudes bis in die Zelle. Schon äußerlich wird die Assoziation mit dem „Grauen Haus“ vermieden; Profilitglas als Außenhaut ist nicht nur dauerhaft, es lässt die Wärmedämmung dahinter sichtbar und erzeugt ein changierendes Schimmern von Gelb zu Grün. Der erste Weg ins Gefängnis über die Aufnahmestraße in den Zellentrakt ist logistisch optimiert und zeigt dennoch räumliche Qualität vom Warteraum bis zum taghellen Vorführgang in Glas. Sorgfältig überlegte Gestaltung ersetzt kostenaufwendige Maßnahmen - von der Kombination durchaus günstiger Materialien bis zur Farbwahl und der Auswahl der Möbel. Besonderes Augenmerk wurde auf die Situierung von Räumen gelegt. Hier muss niemand auf ein fensterloses Gegenüber schauen, hier sind die Aufenthaltsräume der Wohngruppen durchwegs nachmittags besonnt, hier gibt es - vermutlich europaweit ein Novum - eine Loggia. Nicht nur die strenge doppelte Außensicherung rund um das Areal machte sie, wie überhaupt mehr Bewegungsfreiheit im Inneren, möglich. So werden die Vollzugshäftlinge in Leoben, je nach Führung, sogar alleine die mehrgeschoßige Halle, die Bibliothek, den Andachtsraum oder vielleicht die Höfe aufsuchen können. Und überall dort auf Kunst am Bau stoßen. Kunst im Gefängnis? Ja, erklärt Sektionschef Neider vom Justizministerium geduldig jedem Fragenden. Kunst zu installieren ist Ausdruck des Auftrags zur Resozialisierung, denn auch sie vermag emotioneller Abstumpfung und Verrohung entgegenzuwirken.

Wie zutreffend diese Erklärung ist, sieht man in den Spazierhöfen, die der Künstler Lois Weinberger mit seiner Frau gestaltet hat. Wo sonst kahle, betonierte Höfe geradezu der Inbegriff inhumanen Strafvollzugs sind, entstehen hier Gärten mit grasbepflanzten Sitzskulpturen, deren weiche Umrisslinien wie die organische Wegeführung den Gängen der Borkenkäfer nachempfunden wurden. Johann Feilacher wiederum bedient sich eines Elements, das mit Behagen und Erinnerungen an Heimat assoziiert werden kann - er verwendet Holz, roh und bearbeitet, auf vielfältige Weise. Der Grazer Künstler Eugen Hein gestaltet derzeit einen Andachtsraum mit wandgroßen Bildern in abgestuften Weißtönen. In seiner Spiritualität und der Mehrdeutbarkeit des Wasserbeckens im Vorraum wird er für alle Konfessionen annehmbar sein. Außen auf der Haftmauer hat der Künstler einen Schriftzug in Sandstrahltechnik auftragen lassen, der den Artikel eins der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wiedergibt und wie folgt beginnt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Rechten und Würde geboren . . .“ Es mag als programmatische Antwort auf alle Kritiker „solchen Luxus“ gelesen werden. Sie sollten bedenken, dass dadurch keine außerordentlichen Mehrkosten verursacht werden, weil jener Passus angewandt wird, der vorsieht, dass in öffentlichen Bauten generell ein Prozent der Baukosten für Kunst am Bau aufgebracht wird.

Von jenen baulichen Vorkehrungen für einen humanen Strafvollzug, die in Leoben umgesetzt wurden, erwartet man neben einer geringeren Rückfallrate konkrete Einsparungen im Betrieb: die Senkung der Kosten für ärztliche Betreuung der Häftlinge, geringere Medikation, ein besseres Betriebsklima für das Personal und die Entspannung der Personalfrage. Den anderen Teil des Justizzentrums, die beiden Gerichte und die Staatsanwaltschaft, hat der Architekt mit ebensolchem Können geplant. Auch hier ist gelungen, jeden machtvollen Ausdruck zu vermeiden, mit Licht und Materialien wie Holz und Stein Stimmung zu erzeugen und den Servicecharakter zu betonen. Doch das ist eine eigene Geschichte.

30. Oktober 2004 Spectrum

Banal? Einfach? Einfach banal?

In das alltägliche Bauen hat eine Architektur der neuen Einfachheit Einzug gehalten. Doch Einfachheit will gekonnt sein. Wer nur an die Kosten denkt, wird an ihr scheitern.

Von Caracas bis Pudong: Das Bauen ist ein Thema. Aber obwohl die neuen Wolkenkratzer in Shanghai denen in New York City aufs Haar gleichen, ist Architektur nicht ein Thema. Das liegt weniger an den unterschiedlichen, länderspezifischen Rahmenbedingungen für das Bauen, sondern daran, dass auch die Architektur sich in mehrere Welten aufspaltet.

Die der Schönen und Reichen war heuer auf der Architekturbiennale vertreten. Was man in den Hallen des Arsenale zu sehen bekam, ließ einen daran zweifeln, dass für das Bauen gilt, was - zumindest in den westlichen Industrieländern - angesagt ist: Rezession und daraus folgender Sparkurs. Unter dem Titel „Metamorphosen“ versammeln sich in Venedig große Namen und noch größere Projekte.

Was im Einzelnen durchaus spannend und interessant ist, bläht sich in Summe auf zum Gesamtbild eines global agierenden, selbstverliebten Architekturzirkus, der ziemlich abgehoben und formalistisch Architekturskulpturen produziert und sich gesellschaftlich relevante Zeitfragen erst gar nicht stellt. Ökonomie der Mittel, die Ökologie, Verslumung und das unkontrollierte Anwachsen vieler Städte sind kein Thema für eine Architektur, die der Machtdemonstration von Konzernen dient oder als touristischer Turbo-Attraktor fungieren soll. So bleibt es bei der aufwendigen Präsentation aller erdenklichen Varianten amorpher oder dekonstruktivistischer Formen. Der Fantasie der Planer und dem Zeichenprogramm scheinen keine Grenzen gesetzt, und genau deshalb wäre interessant, später einmal nachzuprüfen, wie nahe diese Projekte, sofern sie „auf den Boden kommen“, am computergenerierten Vorbild geblieben sind. Im starren Korsett von Sachzwängen - Bauvorschriften, Sparauflagen, Effizienz und kurze Planungszeit - verlieren experimentelle Entwürfe oftmals ihre Schlüssigkeit und Ästhetik. Das muss man, nicht zuletzt an der Umsetzung des Grazer Kunsthausentwurfs von Peter Cook und Colin Fournier zur Kenntnis nehmen.

Sind diese Luxusschlitten der Architektur Trendsetter, fragt man sich, wenn man die Schau der Blobs, Schleifen und Faltungen übersättigt verlässt? Und: Was wäre die Alternative?

Die Realität schaut sowieso anders aus, hierzulande jedenfalls. In das alltägliche Bauen hat eine Architektur der Einfachheit Einzug gehalten, die sich am Markt orientiert, weil sie mehrheitsfähig sein will, um den Markt zu bedienen. Das gilt für den Großteil des Wohnbaus und auch für öffentliche Bauten, die mit der neuen Einfachheit auf eine einzige gesellschaftliche Entwicklung reagieren: die der Verknappung der Mittel. Gegen solch einleuchtende Pragmatik lässt sich vorerst nur anführen, dass sie zur Vereinheitlichung und gestalterischen Verarmung führt.

2003 machte Graz als Kulturhauptstadt seine spektakuläre Architektur zum Aushängeschild touristischer Marketingaktivitäten. Geworben wurde unter anderem mit dem außergewöhnlichen Kunsthaus und der Murinsel von Vito Acconci.

2004 wurden in Graz einige öffentliche Gebäude fertig gestellt und feierlich eröffnet, die von Architekten mit einem guten Ruf in der Fachwelt geplant worden sind. Es sind Bauten der Bildung, die allesamt die Sprache einer neuen Einfachheit sprechen und dabei auffallende Ähnlichkeiten aufweisen. Der hohe Gebrauchswert dieser Schul-, Fachhochschul- und Universitätsbauten ist unbestritten. Dennoch unterscheiden sie sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von anonymer Investorenarchitektur. Daran ändern alle Versuche der Kritiker nichts, diese Bauten mit nobilitierenden Attributen wie „einfach“, „schlicht“, „stille Einfachheit“, „Minimalismus“ und „fern jeder pathetischen Aufgeregtheit“ zu versehen. Wenn einem Bau nur „eine Schokoladenseite vergönnt“ ist und deswegen überall nur diese abgebildet wird, ist dies problematisch.

Der neue Trend im öffentlichen Bau geht also zu aus Kostengründen abgemagerten Funktionsbauten. Woran es diesen mangelt, ist in jedem Fall Originalität, auch Frische und Sinnlichkeit. Bar jeder Überraschung huscht das Auge über die meist glatten Fassaden und bleibt daran genauso wenig hängen wie die Erinnerung an das Bauwerk im Gedächtnis.

Um originell zu sein, braucht ein Entwurf eine Idee. Ideenfindung bedeutet immer, aus vielen potenziellen Möglichkeiten jene herauszufiltern, die auf eine Aufgabenstellung und einen Ort schlüssig reagieren. Eine Idee muss nicht aufwendig sein, aber so komplex, dass sie möglichst viele Ansprüche an die Bauaufgabe erfüllt. Versteht man die Kategorie der Einfachheit im Sinne von Stringenz, so setzt sie einen Reduktionsprozess voraus, bei dem Überflüssiges erkannt und weggenommen wurde. Von der Fülle der Möglichkeiten - in Form, Konstruktion und Material - durch Selbstbeschränkung zu Einfachheit zu gelangen kann gelingen.

Die ersten der sogenannten „Kisten“ in der Schweizer Architektur waren auch alles andere als banal. Ein schlichtes Einfamilienhaus des Schweizer Architekten Andrea Deplazes erweist sich bei genauem Hinsehen als höchst subtil. Es ist von größter struktureller Klarheit und räumlicher Qualität, bis ins Detail ausgefeilt und im Materialeinsatz gekonnt.

Und doch scheint Gesetzmäßigkeit zu sein, dass jeder Stil, jede angewandte Theorie mit der Zeit verflacht. Je einfacher oder minimalistischer eine Architekturrichtung ist, desto größer ist die Gefahr, dass sie durch epigonale Nachahmung zur Banalität verkommt. Das kann man in Vorarlberg genauso beobachten wie bei den Einreichungen für die Holzbaupreise, von denen viele nicht mehr als indifferent in die Landschaft gestellte Kisten sind.

Einfachheit will gekonnt sein. Wer davon nichts versteht oder seinen Gestaltungsanspruch schon zu niedrig ansetzt, weil er nur den restriktiven Kostenrahmen im Auge hat, wird auch an der Einfachheit scheitern. Wer die Verpflichtung zu Baukultur ernst nimmt, wird Lösungen finden und ermöglichen müssen, die weder abgehobene Architekturplastik noch pragmatische Kiste sind - frisch, überraschend, undogmatisch.

11. September 2004 Spectrum

Wie ins Grün gestreut

Exakt wie eine japanische Pinselzeichnung: Feyferlik und Fritzer versehen ihre Häuser mit Freiräumen, die das sinnliche Erleben der Jahreszeiten ermöglichen.

Die Individualisierung der Gesell schaft führt zu veränderten Le bensformen. Die Splittung des Wohnens nach Generationen bedeutet, zumindest im urbanen Raum, eine starke Zunahme von Single- und Kleinhaushalten, dazu kommen immer mehr Alleinerzieher (in Wien sind es 28 Prozent) und eine steigende Zahl von Altersheimen.

Glaubt man den demoskopischen Werten, so ändert dies nichts daran, dass das Wohnen im Einfamilienhaus die begehrteste Wohnform der Österreicher ist. Das eigene Heim ist Goldes wert, es wird mit Naturnähe gleichgesetzt und bedeutet Prestige und Tradition; es suggeriert Sicherheit und Stabilität und verheißt Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Außerdem ist der Hausbau gemeinschaftsfördernd, denn die Familie hat ein kollektives Ziel.

Dem gegenüber stehen enormer Landverbrauch und Zersiedelung, hohe Kommunalkosten für Aufschließung und Infrastruktur und die Erhöhung des Verkehrsaufkommens durch Zweitautos und lange Wegstrecken. Dennoch wird dem Wunsch nach dem frei stehenden Eigenheim von Seiten der Regierungen kein Regulativ entgegengesetzt. Im Gegenteil: Zuschüsse für Jungfamilien oder energiesparende Maßnahmen geben Anreize zum Bauen und tragen zur Erweiterung der Siedlungsgürtel an Stadträndern und in Umlandgemeinden erheblich bei. Für einen großen Anteil der Bauwilligen bedeutet der Hausbau trotz dieser Unterstützungen, jahrelange finanzielle Verpflichtungen einzugehen, die Notwendigkeit eines Zweiteinkommens und den Verzicht auf freie Wochenenden und Urlaube. Und wofür das alles?

Die Bau- und die Fertighausindustrie bieten dem Häuselbauer ein Haus von der Stange - in der Regel zweigeschoßig mit ausgebautem Dachgeschoß im Satteldach und angehobener Terrasse - und behaupten Individualität durch die Wahlmöglichkeit von Erkern, Haustürfabrikat und Fensterfarben. Mit der Verwendung von Holz als Dekor wird Bodenständigkeit suggeriert und eine solide Bauweise, indem die Leichtbauelemente des Fertighauses mit Putz kaschiert werden, um einen Massivbau vorzutäuschen. Nicht etwa, dass die Leichtbauweise gegenüber dem Ziegelbau Nachteile aufzuweisen hätte, nein, aber man weiß ja, was der Kunde will. Ein solches Haus ist für eine Normfamilie, für Normverhalten und für ein fiktives Normgrundstück geplant. Es geht weder auf die Gewohnheiten seiner Bewohner noch auf die Besonderheiten des Grundstücks und der Umgebung ein und nicht auf die Topografie. Wie wäre sonst zu erklären, dass sich trotz genauer Recherche kein Fertighaushersteller finden lässt, der ein Modell für die Hanglage anbietet?

Liegt also das Heil beim vom Architekten geplanten Haus? Nur rund sechs Prozent der Einfamilienhäuser werden unter Beiziehung von Architekten realisiert. Die Gründe dafür kennt man, sie sind mannigfaltig. Zum Beispiel keine oder falsche Vorstellungen zu haben von der Arbeit des Architekten, der ja „nur einen Plan zeichnet“. Oder zu glauben, dass Architektur nur eine Geschmacksfrage sei. Es sind Vorurteile und Ängste, etwa, dass das Architektenhonorar unleistbar ist und dass der Architekt einem seine Vorstellungen aufzwingen will. Nichts davon trifft auf einen guten Architekten zu. Nur: Was oder wer ist ein guter Architekt? Und: Sind nicht alle Architekten gut?

Auch wenn man sich in erster Linie als Vermittler zwischen Architekt und Gesellschaft sieht, muss man doch zugeben, dass es eine Menge schlechter Architekten und Bauwerke gibt. Viele, die zwar ambitioniert, aber nicht gekonnt arbeiten, und einige, die ihr Handwerk beherrschen, sich jedoch in Verkennung der Aufgaben des Architekten in Selbstdarstellung erschöpfen. Anderes wird, mit der Häufigkeit seines Auftauchens in der Architekturlandschaft, trotz Engagement und Können mit der Zeit schlichtweg langweilig. Man denke an die Mehrzahl der „Schweizer Kisten“, einfache orthogonale Baukörper, deren Varianten doch nur kleine Abweichungen des immer Gleichen sind. Der Kritiker in mir wünscht sich weniger kühle Intellektualität oder Konformität, dafür mehr Fantasie und Überraschung, ein spielerisches Element und größeren Formenreichtum. Nicht das Spektakel, aber die eigenständige Ausformung einer Idee. Ein Wohnhaus sollte immer der gebaute Ausdruck der Bedürfnisse seiner Bewohner sein, eine adäquate Antwort auf ihre Vorlieben und ihre finanziellen Möglichkeiten und eine poetische auf den konkreten Ort.

Das Haus R. der Architekten Wolfgang Feyferlik und Susi Fritzer in Grazer Randlage erfüllt all das und mehr. Bescheiden in den Dimensionen, schmiegt es sich ins Terrain, ein baumbestandenes Grundstück in sanfter Hanglage, das nach Südost ausgerichtet ist. Nach den Wohnfunktionen getrennt, sind unterschiedliche solitäre Baukörper ausgeformt, die wie Glieder einer Kette auf einer Erschließungsachse aufgefädelt sind. Der Wohnbereich als flaches Volumen wirkt leicht und lichtdurchflutet, weil er zweiseitig mit raumhohen Glasfronten versehen wurde, die ihn weniger abschließen als schwellenlos mit der Natur verbinden. Eine Gruppe von Birken und anderen Laubgehölzen spendet sommers Schatten, während im Winter die Sonne durch das schräge Oberlicht an der Fassade weit in den Wohnraum geholt werden kann.

Das „Schlafhaus“ der Eltern, holzverkleidet und kompakt, ist Inbegriff von Privatheit und lässt doch durch das rundum laufende Bandfenster den Blick in Baumkronen und auf den Himmel frei. Es schiebt sich in den Hang, macht damit der Verbindungsachse Platz und formuliert den Eingang. Dem Bedürfnis nach getrennten Bereichen entspricht auch der Kindertrakt, ein „Baumhaus“, das als aufgeständerte Box in die Krone eines Nussbaums ragt und das Ensemble aus gekonnt arrangierten Körpern, die wie ins Grün gestreut wirken, leichtfüßig abschließt.

Die Sorgfalt, mit der die Vorzüge des Grundstücks ausgelotet und mit den Wünschen der Bauherrn verschränkt wurden, zeigt sich bis ins Detail. Entstanden ist ein ins Grün fließendes harmonisches Gefüge aus teils luziden, teils kompakten Körpern mit vielfältigen Freiräumen, die das hautnahe Erleben der Natur und der Jahreszeiten möglich macht. Feyferlik und Fritzer konzipieren ihre Häuser mit leichter Geste und setzen sie exakt wie eine japanische Pinselzeichnung. Dieses Haus erreicht ohne großen Aufwand Niedrigenergie-Standard. Mit und in ihm lässt sich sowohl Energie sparen wie Energie tanken.

12. Juni 2004 Spectrum

Adern im Bernstein

Das Überraschende, das nicht Bekannte, die Lust, einen Raum in Besitz zu nehmen: „Alles andere ist nicht Architektur“, meint Volker Giencke. Der in Graz ansässige Architekt hat ein Haus der Musik für das lettische Libau entworfen.

Nicht gebaute, also nur als Zeich nung existierende Architektur be deutet dem Architekten Volker Giencke nichts. Gleichwohl er ein begnadeter Zeichner ist, kommt der mit gekonntem Strich skizzierten Idee nur eine Suchfunktion zu. Die Bleistiftzeichnung visualisiert verschiedene Stadien eines Formfindungsprozesses, sie dokumentiert Unfertiges, Verworfenes und bleibt in ihrer Bedeutung jederzeit beschränkt auf ein Werkzeug zur Gedankenschärfung und Konkretisierung.

Bauen ist Gienckes Ziel. Trotzdem entwickelt er immer wieder gewagte Visionen von Bauwerken, die in ihrer Extravaganz mehr als politische Lippenbekenntnisse und planerische Routine einfordern. Sie verlangen nicht nur die uneingeschränkte Hinwendung zur gewählten Lösung, sondern auch eine enorme Kraftaufwendung aller Beteiligten, um sie je realisieren zu können.

An der „Conzert Hall Liepaja“, Gienckes jüngstem Projekt, wird sich zeigen, ob seine Leidenschaft und sein Beharrungsvermögen ausreichend sind, um das schier Unmögliche möglich zu machen. Das ehemalige Ostseebad Libau (lettisch: Liepaja) ist mit rund 130.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Lettlands, eines der drei baltischen Staaten, die 2004 Mitglied der EU geworden sind. Libau beherbergt das einzige Symphonieorchester Lettlands, eines Landes, das seine eigenständige musikalische Tradition während der 50-jährigen Besetzung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion kultiviert hat (bis zur gemeinsamen „Singenden Revolution“ 1991). Der internationale Wettbewerb für ein so großes Haus der Musik spiegelt gleichermaßen den Nationalstolz der Letten wie das Streben um kulturellen und ökonomischen Anschluss an die Staatengemeinschaft wider.

Der Ausschreibung als Geste mit Symbolcharakter antwortet Giencke in seinem siegreichen Projekt mit ebensolcher Zeichenhaftigkeit. Sein Entwurf schließt einen großen Konzertsaal, einen Kammermusiksaal, Proberäume, Ausstellungsflächen, Rampen, Treppen und Galerien in einen monolithischen, jedoch transluzenten Baukörper mit 115 Meter Länge ein. Die riesige Stahl-Glas-Konstruktion formt ein verzogenes elliptisches Gebilde, bernsteinfarbig, das sein Innenleben warmtönig durchschimmern lässt wie ein Aderngeflecht zu lebenswichtigen Organen. Die Letten selbst haben dem Objekt - noch ein semiotischer Verweis - die Bezeichnung „Giant Amber“, gigantischer Bernstein, gegeben. Zur Erinnerung: Baltischer Bernstein war in der Antike und davor ein so gefragter Exportartikel, dass eine eigene Handelsstraße nach ihm benannt wurde.

Die Konzerthalle soll durch einen Bau mit kommerzieller Nutzung für Büros und Administration ergänzt werden, der die laufenden Kosten des Kulturbetriebs finanzierbar macht. Der Zusammenschluss der beiden eigenständigen Teile über eine Straße hinweg erfolgt durch eine riesige Freiterrasse, fünf Meter über Stadtniveau. Als Ensemble mit solitärer Leuchtkraft wird das Bauwerk nicht nur stadtbildprägend für jene, die von der Landseite kommen, es wäre durchaus geeignet, ein neues Zentrum öffentlicher Begegnung zu werden. Seine spektakuläre, zweischalige Hülle birgt ein luftiges Volumen, das einlädt zu einer promenade spectaculaire, zu einem Durch- und Umwandern - von unten nach oben, von innen nach außen und von hell zu dunkel. Die Haut, Giencke denkt an gebogenes, gefärbtes Glas, schützt vor den Unbilden des lettischen Wetters, dem häufigen Wind und den kalten, schneereichen Wintern.

Es ist eine Architektur mit all jenen Attributen, die Giencke für unverzichtbar hält, will man überhaupt von Architektur als Baukunst sprechen. Es ist das Überraschende und nicht Bekannte, das, was neugierig macht und Lust, einen Raum zu erkunden und in Besitz zu nehmen: das Raumerlebnis. „Alles andere“, sagt Giencke mit deutlichem Seitenhieb auf Schweizer und Vorarlberger Tendenzen der reduzierten Form in der Architektur, „ist nicht Architektur.“ Das Erfüllen von Funktionen, also gute Grundrisse hinzukriegen und ökonomisch zu denken, sind Basics, die er voraussetzt, die aber für ihn noch längst nicht Architektur sind.

Volker Giencke wurde in Kärnten geboren, hat an der TU Graz Architektur studiert und gemeinsam mit Günter Domenig von 1974 bis 1978 auch an der Z-Sparkasse in Favoriten mitgearbeitet. Schon damals war er um strukturelle Klarheit und Systematik bemüht und brachte dem industriellen Bauen im Sinne Jean Prouvés Interesse und Sympathie entgegen. Seit einem Gruppenauftritt 1984 in der Publikation „13 Standpunkte. Grazer Schule“ wird Giencke dieser zugeordnet. Es ist jedoch sicher nicht die der Grazer Schule zugeschriebene Expressivität der Form, die ihn mit ihr verbunden hat. Dagegen stand sein jederzeit erkennbares Streben nach konstruktiver Logik und Stringenz. Vielmehr bilden Eigenständigkeit und Leidenschaftlichkeit den kleinsten gemeinsamen Nenner. Gienckes Entwürfe orientieren sich nie vordergründig an Moden. An Arbeit und Lehre geht der Architekt, der seit Jahren an der TU Innsbruck dem Institut für Entwerfen und dem für Hochbau vorsteht, mit Emotion, Verve und Kompromisslosigkeit heran.

Spricht Giencke vom Raumerlebnis, so zielt er nicht auf das Spektakuläre ab. Es ist nie Ergebnis eines dekonstruktivistischen Aktes der Brechung von Linien und rechten Winkeln oder der Einführung von Schrägen. Wenn diese in Gienckes Arbeiten zu finden sind, dann sind sie formgewordene Raumvorstellungen, Satzglieder einer Komposition, die spielerisch ausdrücken, was der Raum leisten muss. Die Gewächshäuser im Botanischen Garten in Graz sind eine gebaute Landschaft aus künstlichen Hügeln mit eingefügten Wegen, Rampen und hängenden Stegen. Eine Landschaft der inneren Befindlichkeit könnte die plastische Form des Red Rooms ausdrücken, der anlässlich einer Ausstellung über mönchisches Leben in Stift Seckau einen kontemplativen Rahmen für Gregorianische Gesänge abgab. Dieser meisterlichen Raumplastik, einem Low-Budget-Projekt, ist anzusehen, dass am Anfang die Vision einer Raumwirkung stand, Wollen und Sehnsucht nach einem Raum, in dem Überraschung passiert: Form ist nie Selbstzweck. Deswegen oszillieren Gienckes Arbeiten mühe- und widerspruchslos zwischen plastischer Hervorhebung und klarer geometrischer Form. Beide sind leidenschaftliche Plädoyers für Architektur.

21. Februar 2004 Spectrum

Wenn der Computer heizt

Auch wenn man hierzulande Wärmeschutz immer noch mit Masse gleichsetzt - der Leichtbau belehrt uns eines Bessern: die holländische Gruppe Cepezed und ihr Grazer Forschungszentrum für die Akademie der Wissenschaften.

Erzählen Sie einmal jemandem, dass eine Leichtwand mit 16 Zentimetern Dämmstärke, wie etwa beim Dachbodenausbau üblich, dem Wärmedurchgangswiderstand oder, anders gesagt, der Dämmwirkung einer einen Meter dicken Wand aus kleinformatigen Ziegeln entspricht. Wetten, Sie ernten höchstes Erstaunen? Wärmeschutz wird hierzulande immer noch mit Masse gleichgesetzt, und die Formel heißt: Masse, also Gewicht, schützt vor Kälte wie vor sommerlicher Überhitzung und garantiert, nebenbei, besseren Brand- und Schallschutz.

Länder wie Großbritannien oder die Niederlande haben eine andere Auffassung von Wärme- und Brandschutz. Sie lässt sich aus einer Bautradition ableiten, die vom Schiffsbau geprägt ist - dem Leichtbau. Darunter versteht man das Bauen mit tragenden Strukturen, etwa aus Stahl oder Holz, die mit nichttragenden und daher leichten Elementen ausgefacht werden. Das Entwerfen leichter Konstruktionen ist ein Arbeiten an den Grenzen, das Herantasten an das physikalisch und technisch Machbare, schreibt Werner Sobek, der Nachfolger von Frei Otto am berühmten Lehrstuhl für Leichtbau in Stuttgart. Und warum das alles? Bei Konstruktionen, die große Spannweiten überbrücken oder große Höhen erreichen, ist die Reduktion des Eigengewichts ein ökonomischer Zwang und überhaupt die Voraussetzung zur Realisierbarkeit. Bei eher alltäglichen Konstruktionen mit kleineren Abmessungen bringt Leichtbau eine Ersparnis an eingesetzter Masse und zumeist auch an eingesetzter Energie. Leichtbau ist Bauen mit vorgefertigten Elementen, also rationelle Herstellung und Montage sowie kurze Bauzeit. Im Stahlbau bedeutet er große Spannweiten für stützenfreie Nutzflächen, schlanke Stützen und frei zugängliche, adaptionsfähige Installationsführung.

Bei der Konzeption des Forschungsgebäudes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz kamen alle diese Überlegungen zum Zug. Es wurde als Ergebnis eines beschränkten Wettbewerbs vom holländischen Duo Michiel Cohen und Jan Pesman, die die Gruppe Cepezed bilden, in Delft geplant und in einer Arbeitsgemeinschaft mit ausführenden Ingenieuren in Graz realisiert.

Cepezed streben hocheffiziente und nachhaltige Lösungen an und entwickeln ihre Projekte seit langem als ganzheitlich angelegte Prozesse, in denen technologische Aspekte, ästhetische Qualität und
hoher Gebrauchswert gleichwertig nebeneinander stehen. Industrielles Bauen mit Vorfertigung und standardisierten Komponenten versteht sich dabei von selbst, ebenso der direkte, beide Seiten befruchtende Dialog mit der Bauindustrie.

Integrierte Planung bezieht nicht nur alle zu berücksichtigenden Aspekte ein, sondern auch von Anfang an die beteiligten Fachplaner. Bei diesen mussten die Architekten sowohl für ihr Innovationszentrum für Informatik in Berlin wie auch in Graz noch Überzeugungsarbeit leisten, denn ihre Philosophie zum Energiebedarf, zur Wärmebilanz und zum Brandschutz, besonders im Bürobau, ist hierzulande noch nicht Standard. Es ist eine neue Betrachtungsweise des Zusammenwirkens von Wärme, Licht, Lüftung, Dämmwerten, Sonneneinstrahlung und Nutzung. Sie hat zur Schlussfolgerung geführt, dass sich die Verhältnisse im Gesamtenergiehaushalt von Gebäuden so gravierend geändert haben, dass ein radikales Umdenken in der Planung des Heiz- und Lüftungsbedarfs notwendig ist. Die Entwicklung besserer Wärmedämmungen minimiert die Wärmeverluste und damit die benötigte Heizleistung, während sich gleichzeitig der Energieaufwand für verschiedenste andere Zwecke erhöht. Den überwiegenden Teil des Jahres übersteigt die interne Wärmeaufladung, etwa durch die Abwärme von Computern und Beleuchtung, den Heizbedarf, was bedeutet, dass sie ausreicht, um ein gut isoliertes Bürogebäude zu heizen. Schon in den Übergangszeiten und erst recht im Sommer muss man Wärme abführen. Es scheint den Architekten paradox, dass Wärme, die durch Zufuhr von Primärenergie, zum Beispiel zur Beleuchtung eines Arbeitsraums, entsteht, im Sommer wiederum mit Primärenergie zum Betrieb von Klimaanlagen weggekühlt werden muss. Herkömmliches mechanisches Kühlen soll dreimal so teuer sein wie das Beheizen von Räumen.

Cepezed wählen daher den anderen Weg, indem sie ihre Stahlleichtbauten natürlich belüften. Ihre Devise könnte lauten: Intelligenter Simple-Tech statt High-Tech. Da die Wärmeverluste minimiert werden, beschränkt sich die Energiezufuhr im Wesentlichen auf die Nutzung und ist im Winter wenig erhöht durch eine Strahlungsheizung in Form von erwärmtem Wasser in Rohren, die in der Decke geführt werden und einen Kreislauf bilden. Im Sommer wird dieser umgekehrt zum Kühlen verwendet, während jegliche Lüftung auf natürliche Art erzeugt wird, indem man das Prinzip des Kamineffekts nützt. Warme Luft kann in einer zentralen Halle frei aufsteigen und über öffenbare Lamellen entweichen. Der Nutzer, also der Mensch am Arbeitsplatz, nimmt die Steuerung anstelle hochkomplizierter Regelsysteme selbst in die Hand und fungiert als Thermostat, indem er nach Bedarf Fenster, Klappen, Türen öffnet oder schließt.

Trotz der hohen Bewertung und Integration energietechnischer Aspekte, die immer entwurfsprägend sind, ist das Forschungsgebäude in Graz keine gesichtslose Kiste geworden. Es besteht aus vier langen Gebäuderiegeln, die sich kreuzen und um ein zentrales, dreieckiges Atrium gruppieren. Sie sind einhüftig, was heißt, dass die Büros einseitig angeordnet sind, und strecken ihre Enden wie Fühler weit hinaus in die Umgebung. Die mehrgeschoßige Halle ist der Kern, ein Verknüpfungspunkt, in den die Haupterschließung mündet und alle Galerien. Das Atrium ist trotz dezenter Sachlichkeit und Kühle ein lebendiger Ort der visuellen Kommunikation, der Begegnung und der Bewegung, wenn einzelne Mitarbeiter mit Microrollern von einem Ende zum anderen sausen. Das Arbeitsklima scheint in diesem Gebäude in jedem Sinn des Wortes gut zu sein.

Kein Wunder, dass diese Philosophie des nachhaltigen Energiesparens sich ausbreitet. Nicht zuletzt hat das Energiekonzept der natürlichen Gebäudekühlung die Bauherrn der Commerzbank in Frankfurt, dem von Norman Foster geplanten höchsten Bürogebäude Europas, überzeugt - aus ökonomischen und ökologischen Gründen.

20. Dezember 2003 Spectrum

Zwergerl? Von wegen!

Es ist zugleich Erlebnisort und Aktionsraum, ein dynamisches Gefüge, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Nutzer: das neue Grazer Kindermuseum von Hemma Fasch und Jakob Fuchs.

Eine immer weniger überschaubare Welt hat immer größeren Bedarf an Welterklärung. Kinder erhalten heute nahezu uneingeschränkt Zugang zu allen Massenmedien. Ungefiltert werden sie mit Nachrichten bombardiert, die sie nur in den seltensten Fällen altersgerecht übersetzt bekommen. Großväter, die ihren Enkeln die Welt beim Holzsammeln oder Bauen von Flugmodellen erklären, gibt es fast nur mehr in Erzählungen von früher. Angesichts der rasanten wie komplexen Entwicklung des Weltgeschehens scheinen kindgerechte Erklärungsmodelle Aufgabe der Pädagogik zu sein, die man aus dem familiären Umfeld auslagert. Deswegen bieten Museen immer mehr Vermittlungsprogramme für Kinder an, und deshalb boomen Kindermuseen in der ganzen westlichen Welt. Ort der kindgerechten Aufklärung sind meist für diesen Zweck adaptierte Räume - seltener werden solche Orte neu geschaffen. Das ist auch nicht so einfach, erfordert es doch die Beantwortung einer Frage, die sich bei der Adaption von Vorhandenem nur ansatzweise stellt: Was ist kindgerechtes Bauen?

Hemma Fasch und Jakob Fuchs haben in zehnjähriger Zusammenarbeit in zahlreichen, auch prämierten Wettbewerbsprojekten für Kindergärten und Schulen immer wieder von neuem ihre Antwort darauf präzise formuliert. In ihrer Haltung folgen sie Architekten wie den Holländern Johannes Duiker in seiner Amsterdamer Openluchtschool (um 1930) und Herman Hertzberger in mehreren Montessorischulen und Kindergärten oder dem Österreicher Anton Schweighofer in der Wiener Stadt des Kindes (1974), die alle in ihren Bauten kindliche Bedürfnisse mit Sorgfalt aufgegriffen und umgesetzt haben, ohne sie zu kulissenhafter „Zwergerlarchitektur“ zu verniedlichen.

Daraus kann der Leser schließen, dass Gebäude, die fasch & fuchs. für Kinder konzipieren, vordergründig keine andere Architektur sind als jene, die sie für erwachsene Nutzer entwickeln. Das trifft auch für ihr Kindermuseum in Graz zu, das Ende November als letzter Bau im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres eröffnet wurde. Dass dieses Vorhaben, trotz äußerst knapper finanzieller Mittel und einer Bauzeit von nicht mehr als 200 Werktagen als geglückt bezeichnet werden darf, ist auch dem Vertrauen der Stadt Graz, die die Architekten als Generalplaner eingesetzt hat, und der vorbildlichen Zusammenarbeit zwischen dem Bauherrenvertreter, dem Architektenteam (Projektleiter Thomas Mennel), Werkraum (Statik) und den Fachplanern zuzuschreiben. Das Kindermuseum wird wegen seiner vorgegebenen Größe keine Sammlung beherbergen, sondern nach Wunsch des Bauherrn ein zu Eigeninitiative anregender Ausstellungs- und Experimentierraum sein.

Das siegreiche Konzept, das fasch & fuchs. bei einem geladenen Wettbewerb 2002 vorgelegt haben, ist, wie alle ihre Bauten, vom Kontext mit dem spezifischen Umraum geprägt. Am nördlichen Ausläufer des Augartens gelegen, nimmt sich der Bau in Höhe und Volumen geschickt zurück, um keine Barriere zum Park zu bilden, wird eingebettet, indem das Terrain um eine halbe Geschoßhöhe abgegraben wird. Zugleich fließt das Parkgrün - tektonisch neu geformt, jedoch ohne Abgrenzung - als sanft geneigte Wiesenfläche bis an den gedeckten Freibereich der unteren Ebene heran. Über diesem Sockelgeschoß, das rundum über Terrain verglast ist, bilden Wände und Decke, die ohne Materialwechsel ineinander übergehen, ein kompaktes zweigeschoßiges Volumen in dunklem Grau, das niedriger wirkt, als es tatsächlich ist. Es fügt sich ein in seine Umgebung und setzt sich doch mit Raffinesse in Szene, indem es die hoch aufragenden Bäume des Parks zur mächtigen Kulisse werden lässt, die es umrahmen. Formgebend scheinen in erster Linie die Bedingungen des Ortes gewesen zu sein.

Betritt man es, so erkennt man erstaunt, dass die Architekten seine Form genauso schlüssig aus dem inneren Ablauf ableiten, dem Verhalten und den Bedürfnissen von Kindern entsprechend. Kinder brauchen Bewegung. Folgerichtig sehen und erleben wir keine Architektur der Statik, sondern ein dynamisches Gefüge - eine Architektur der Wege. Eine schräge Ebene, Treppen, Rampen und eine Brücke verbinden Aktionsräume auf mehreren Niveaus zu einem vielschichtigen Raumkontinuum ohne feste innere Abgrenzungen. Damit haben fasch & fuchs. das Manifest des Architekten Josef Frank vom „Haus als Weg und Platz“ punktgenau umgesetzt. Darin wird das Haus, in einem Weiterdenken des Loosschen Raumplans, als eine Abfolge unterschiedlichster Raumerlebnisse gesehen, die an eine die verschiedenen Ebenen verbindende Bewegungsader angedockt sind, die sie aber auch durchdringen kann. Der Weg, schreibt Frank, muss so abwechslungsreich sein, dass man seine Länge niemals empfindet.

Instinktiv entdecken die Kinder dies. Auch wenn die einladende Geste eines großzügigen Foyers, das unverstellt die
Blicke auf die untere Ebene freigeben soll, durch die Aufstellung einer Installation, die als trennende Wand wirkt, leider eingeschränkt wird, nehmen die Kinder den Bereich sofort in Besitz. Vorsichtig rutschend, bald wagemutig purzelnd, lassen sie sich über die schräge, gepolsterte Ebene fallen - eine bunte Buckelpiste aus wellig geformten, kunstlederüberzogenen Streifenpölstern -, so lange, bis sie sich ausgetobt haben und Lust auf die Ausstellung bekommen.

Wollen sie sich vor dem Start erst einmal einen Überblick verschaffen, so werden sie das Haus von unten nach oben durchqueren. Vertikale Verschränkungen und Einblicke in die einzelnen Ebenen von der Rampe im Hauptgeschoß aus machen dies möglich; das Kind entscheidet, wo es einsteigt. Blickbeziehungen zum Außenraum sind, wie schon die Wettbewerbsjury lobend feststellte, „auf eine sehr feine und sensible Art auf Kindergrößen abgestimmt“. Im
Auditorium wie im flexibel abgrenzbaren, 500 Quadratmeter großen Ausstellungsbereich auf der Mittelebene selektiert ein rundum laufendes Fensterband direkt über dem Fußboden den Ausblick in den Park.

Kinder haben den Durchblick: Ihrer ureigensten Neigung entsprechend legen sie sich auf den Boden, der in der Randzone abgeschrägt und mit Liegematratzen ausgestattet ist. Ausreichend belichtet werden diese Räume von oben durch Sheds. Es ist eine Geste der Offenheit, dass die nordorientierte Eingangsfront weitgehend transparent ist und schon von außen das Innenleben des Hauses bis in die Verwaltungsebene zeigt. Dieselbe Haltung zeigt die verglaste Werkstätte im Untergeschoß, die auf einen geschützten Freibereich, begleitet von Wasserlauf und Pflanzgarten, erweiterbar ist.

Das Kindermuseum ist ein Lehrstück, das zeigt: Eine Dachkonstruktion muss keinen „toten“ Raum schaffen, die Dachform kann Teil der Raumgestalt werden. Eine Wand kann abgehängt und verschiebbar sein. Ein Ausblick braucht weder Parapet noch unbedingt ein teures öffenbares Fenster. Wände können geneigt sein, Höhenunterschiede abwechslungsreich auch mit Rampen bewältigt. Schräge Fußböden geben ein natürlich ansteigendes Auditorium. Möbel entwirft man aufblasbar, will man sie bei Bedarf platzsparend verstauen. Funktionsadern müssen nicht versteckt werden. Transparenz signalisiert Offenheit. Stufenloser verglaster Übergang nach außen bringt das Grün optisch in den Raum.

Die Tatsache, dass das Gebäude für sich ein Erlebnisraum ist und zugleich in seiner Größe an der untersten Grenze der Bespielbarkeit rangiert, sollte den Betreiber zur Reduktion des Inhalts bewegen. In einer Zeit permanenter Reizüberflutung kann das Vollstopfen der Räume mit unzähligen Stationen eines „Weltenbummels“, auch wenn die Erstausstellung von BEHF gestaltet ist, nicht überzeugen. Gewinnen kann, wer das Haus wie die Kinder ins Spiel einbezieht.