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Artikel

30. Oktober 2009 Neue Zürcher Zeitung

Im Spielzeugland der Architekten

Die Mailänder Triennale präsentiert Frank O. Gehrys Schaffen seit der Eröffnung des Guggenheim-Museums in Bilbao. Im Zentrum steht eine Vielzahl von Modellen. Über den architektonischen Entwurfsprozess und über das Aussehen der vollendeten Bauwerke aber erfährt man wenig.

Mit seinem Silberglanz vermag das Guggenheim-Museum in Bilbao sogar den baskischen grauen Himmel zu erhellen. Seine bald an eine irisierende Seerose, bald an eine stählerne Magnolie erinnernde Titanhülle fasziniert nicht nur Architekturtouristen. Selbst James-Bond-Fans konnten sich 1999 in «The World...

20. Oktober 2009 Neue Zürcher Zeitung

Liebe zur Stadt

Wohnen am Wasser ist attraktiv. Das haben vor Jahren auch die Investoren im damals noch boomenden Dubai erkannt und mit neu geschaffenen Uferlinien in Palmenform Platz für Tausende von Villen an schmalen Wasserarmen im Persischen Golf geschaffen. Diesem Vorbild eifern nun Herzog & de Meuron nach und...

9. Oktober 2009 Neue Zürcher Zeitung

Das Schwimmbad als urbaner Kosmos

Mit dem Bagno pubblico in Bellinzona sorgte die Tessiner Architekturbewegung der «Tendenza» 1970 erstmals für viel Aufsehen. Nun ist das architektonische und städtebauliche Meisterwerk Gegenstand einer Ausstellung in Mendrisio. Die Schau ist klassisch und konzentriert alle Aufmerksamkeit auf das Objekt.

Die neue Tessiner Architektur, die in den 1970er Jahren die halbe Welt in Atem hielt, erscheint uns heute fast schon wie ein ferner Mythos. Grossartige Bauten, die einen kritischen Dialog mit der Landschaft und dem gebauten Kontext wagten, zeugen von der damaligen Aufbruchstimmung. Das urbanistisch genialste...

30. September 2009 Neue Zürcher Zeitung

Texturen der Stadt

Es sind nicht die aufsehenerregenden Einzelbauten, welche die Atmosphäre einer Stadt bestimmen. Urbanes Ambiente entsteht vielmehr durch das von einer dichten Bebauung gerahmte Netz von Strassen, Plätzen und Grünräumen. Hierbei spielen Wohnhäuser eine ganz spezielle Rolle. Denn zum einen bilden sie das Scharnier zwischen öffentlicher und privater Sphäre, zum andern das grösste repetitive Element unserer Städte. Die beiden in Paris tätigen Architekten Eric Firley und Caroline Stahl haben nun die Beziehungen zwischen Wohnarchitektur und städtischem Gewebe, zwischen Apartment, Häuserblock und Stadtkörper analytisch und grafisch herausgearbeitet.

Entstanden ist mehr als nur ein reich illustrierter Entwurfsatlas für Architekten und Stadtplaner. Obwohl es keine Architekturgeschichte des 19. Jahrhunderts sein will, gewährt dieses weniger von der baukünstlerischen Ästhetik als vielmehr von Fragen nach Typus und Dichte ausgehende Musterbuch einen...

17. September 2009 Neue Zürcher Zeitung

Baukünstler und Lehrer

Bekannt wurde er in den sechziger Jahren als Exponent der neuen Tessiner Architektur: der 1928 in Baden geborene Dolf Schnebli. Schon sein erster Bau, die 1959 vollendete Casa Costioli in Campione, bei der er sich mit den neusten Ideen von Le Corbusier auseinandersetzte, erregte internationales Aufsehen.

Im Jahr darauf gewann er den Wettbewerb für das neue Gymnasium von Locarno, das zu einem Meisterwerk des Schweizer Schulhausbaus werden sollte. Diese frühen Erfolge verdankte Schnebli nicht zuletzt seiner aussergewöhnlichen Begabung und seiner konsequenten Auseinandersetzung mit der Architektur als Disziplin....

5. August 2009 Neue Zürcher Zeitung

Kritisch modern

Im Innsbrucker Architekturzentrum sind derzeit fünf seit den 1950er Jahren aktive Architekturbüros zu Gast. Ihre Bauten zeugen von einer kritischen Auseinandersetzung mit den Idealen der Moderne.

Die Liebe zum Beton und die Bewunderung für Le Corbusier führten die fünf Architekten Erwin Fritz, Samuel Gerber, Rolf Hesterberg, Hans Hostettler und Alfredo Pini zusammen. In Bern gründeten sie 1955 das Atelier 5, um gemeinsam an ihrem ersten Projekt zu arbeiten: der Siedlung Halen in Herrenschwanden,...

25. Juli 2009 Neue Zürcher Zeitung

«Was kann das öffentliche Gebäude der Stadt geben?»

Seit dem Bau der Bibliothèque nationale de France gilt Dominique Perrault als einer der grossen Architekten Frankreichs. Soeben hat er den Wettbewerb für ein Kongresszentrum in Locarno gewonnen. Roman Hollenstein unterhielt sich mit Dominique Perrault über umstrittene Bauten, architektonische Ansichten und neue Projekte von San Pellegrino bis Sofia.

Monsieur Perrault, die Bibliothèque nationale de France machte Sie berühmt. Ihr Meisterwerk wurde aber immer wieder als unpraktisch, formalistisch, monumental, ja selbst als «stalinistisch» kritisiert.
Dominique Perrault: Die Bibliothek wurde vor zwanzig Jahren konzipiert, und dennoch ist sie überhaupt...

23. Juni 2009 Neue Zürcher Zeitung

Ein Parthenon aus Stahl und Glas

Am vergangenen Wochenende wurde in Athen das neue Akropolismuseum von Bernard Tschumi eröffnet. Bauwerk und Präsentation der Kostbarkeiten setzen neue Massstäbe. Sie dienen den Griechen als wichtige Argumente im Streit um die «Elgin Marbles» in London.

Seit den Olympischen Spielen und der Aufwertung von Bohème-Quartieren wie Psiri und Gasi bietet Athen ganz neue Attraktionen. Doch all diese urbanen Wandlungen vermag die Akropolis mit Leichtigkeit zu überstrahlen. Und dies, obwohl sie eine ewige Baustelle ist – eine höchst attraktive allerdings. Wird...

12. Juni 2009 Neue Zürcher Zeitung

Schweben und lasten

Südtirols Architekturszene geniesst derzeit viel Aufmerksamkeit. Zu deren Hauptexponenten zählt das Meraner Büro Höller & Klotzner dank Bauten, die neuerdings zu schweben scheinen.

Südtirol hat sich in jüngster Zeit zur blühendsten Architekturlandschaft Italiens gewandelt. Neben präzis gesetzten Einfamilienhäusern im Vinschgau oder Walter Angoneses Weinkellerei Manincor in Kaltern sind es vor allem öffentliche Bauten – vom Gemeindezentrum über die Museumserweiterung bis hin zum...

12. Juni 2009 Neue Zürcher Zeitung

Wohnen in der Landschaft

Es gibt sie noch, die jungen Architekten, die nicht blind der Mode folgen. Zu ihnen zählt das Genfer Duo «Made in», das wie kaum ein anderes Schweizer Nachwuchsteam die Bauaufgaben gemäss dem Motto «Leben statt Kunst» ebenso philosophisch wie poetisch angeht.

Das beweisen die erstaunlichen Projekte, die François Charbonnet (1972) und Patrick Heiz (1973) schon vor ihrer Bürogründung im Jahre 2003 entwickelten: etwa der 2001, ausgehend von der Ruinenstadt Pompeji, formulierte Erweiterungsvorschlag für die Oberschule Herti in Zug, bei der die alte Pavillonanlage...

8. Mai 2009 Neue Zürcher Zeitung

Spiele in der Zauberkiste

Mit einem extravaganten Tenniszentrum versucht Madrid seine Chancen als Olympiastadt 2016 zu verbessern. Gleichzeitig soll Dominique Perraults Anlage eine vernachlässigte Zone attraktiver machen. An diesem Wochenende wird das Stadion mit dem Madrid Open eingeweiht.

Spanien ist ein Paradies für Architekten – daran hat auch die gegenwärtige Immobilienkrise nicht viel geändert. Denn wenn dort eine öffentliche Bauaufgabe angegangen wird, so scheut man sich nicht vor grossen Gesten. Die Tradition verpflichtet dazu ebenso wie das zur Theatralik neigende Selbstbewusstsein...

5. Mai 2009 Neue Zürcher Zeitung

Thüringen im Bauhaus-Fieber

Vor neunzig Jahren wurde in Weimar das Bauhaus gegründet. Aus diesem Anlass zelebriert die Klassik-Stiftung in einem fulminanten Ausstellungsreigen die Frühzeit dieses modernen Design-Labors. Abgerundet wird die vierteilige Schau durch Veranstaltungen in Jena und Erfurt.

Denkt man an Weimar, so kommen einem zunächst die Titanen der deutschen Klassik in den Sinn, allen voran Goethe – als Dichter und Naturwissenschafter, aber auch als Raumgestalter und engagierter Bauherr. In jenen glorreichen Jahren leistete die thüringische Kleinstadt einen wichtigen Beitrag zur Erneuerung...

15. April 2009 Neue Zürcher Zeitung

Spirituelle Baukunst

Zu den Künstlern unter den heutigen Architekten zählt Peter Zumthor. Er baut nur wenig, doch jedes Gebäude ist ein Meisterwerk. Für seine ganz aus dem Ort heraus entwickelten Arbeiten wird er nun mit dem Pritzkerpreis, der weltweit wichtigsten Architekturauszeichnung, geehrt.

Die grösste Enttäuschung in Peter Zumthors Karriere war zweifellos die Gedenkstätte «Topographie des Terrors» in Berlin – oder vielmehr die unwürdige Art, wie Berlin und das politische Deutschland mit seinem grandiosen Entwurf umgingen und die bereits realisierten Teile vor fünf Jahren kurzerhand abreissen...

9. April 2009 Neue Zürcher Zeitung

Architektonischer Reliquienkult

Ein «interaktives» Portfolio zum Leben von Frank Lloyd Wright

Schon früh wusste sich Frank Lloyd Wright (1867–1959) als Halbgott der Architektur zu inszenieren. Deshalb erstaunt der ehrfürchtige Brief kaum, den Hilla von Rebay, die Kuratorin der Solomon R. Guggenheim Foundation, im Juni 1943 an Wright richtete. Ihr von Hand auf drei kleine blaue Blätter notiertes...

3. April 2009 Neue Zürcher Zeitung

Häuser auf dem Frühlingshügel

In den Dünen nördlich der alten Hafenstadt Jaffa wurde vor hundert Jahren der Grundstein zum heutigen Tel Aviv gelegt. Vom 4. April an wird dieses Jubiläum in der israelischen Kultur- und Wirtschaftsmetropole mit einer Vielzahl von Veranstaltungen und Ausstellungen gefeiert.

Man kennt sie aus Filmen als Stadt der Lebensfreude, der Mode, Werbung und der Kunst. Vor allem aber kennt man Tel Aviv als «Weisse Stadt», als Gesamtkunstwerk der Moderne und als weltweit grösstes Ensemble der sogenannten Bauhaus-Architektur – selbst wenn die in den dreissiger Jahren aus West- und Osteuropa...

25. Februar 2009 Neue Zürcher Zeitung

Pavillons und Museen

Der 1924 in der südnorwegischen Kleinstadt Kongsberg geborene Architekt Sverre Fehn ist, wie die «Norway Post» gestern mitteilte, in Oslo gestorben. Internationale Aufmerksamkeit erregte der 1997 mit dem Pritzker-Preis und der Heinrich-Tessenow-Medaille ausgezeichnete Fehn mit dem norwegischen Pavillon...

21. Februar 2009 Neue Zürcher Zeitung

Perfektion in kühlem Weiss

Seit einiger Zeit hört man nur noch wenig von Richard Meier – und dies trotz neuen Bauten in New York oder Rom. Sein Schaffen aber kann man nun in dem von ihm gebauten Stadthaus in Ulm studieren.

Als sich die ersten Säulen, Giebel und Arkaden der postmodernen Architektur breitmachten, gelangte auch die Kunde von weissen, ganz im Geiste Le Corbusiers konzipierten Bauten nach Europa. Die hoch über dem Michigansee leuchtende Schiffsmetapher des Douglas House (1973) und das Atheneum in New Harmony...

10. Februar 2009 Neue Zürcher Zeitung

Das alltägliche Chaos

Erst vor gut 100 Jahren wurde der Städtebau zur eigenständigen Wissenschaftsdisziplin. Eine Münchner Ausstellung untersucht nun die Auswirkung urbanistischer Theorien auf den gebauten Alltag.

Das architektonische Interesse des Publikums richtete sich lange Zeit fast nur auf spektakuläre Einzelbauten. Nun aber rückt der städtebauliche Diskurs vermehrt ins Zentrum des Interesses. Fasziniert blicken Fachleute und Laien auf die Städte Chinas, wo in den vergangenen Jahren Wolkenkratzer wie Pilze...

9. Januar 2009 Neue Zürcher Zeitung

Überbordender Formenrausch

Als Bilderstürmer des Designs wird er gerne bezeichnet, der seit 1973 in London tätige israelische Architekt und Gestalter Ron Arad. Nun widmet ihm das Centre Pompidou in Paris eine chromglitzernde Retrospektive.

Es sind die schrillen Töne, die heute den Erfolg versprechen – in der Kunst genauso wie in der Architektur und im Design. Das hat man auch im Centre Pompidou gemerkt. Deshalb setzt man dort nach der grossen Philippe-Starck-Schau mit Ron Arad erneut auf einen schillernden Gestalter von Weltrang. Doch...

15. Dezember 2008 Neue Zürcher Zeitung

Im Schatten der Stars

Israel kann nach einer architektonischen Krise wieder mit attraktiven Neubauten aufwarten. Neben Prestigeobjekten internationaler Stars finden sich auch Meisterwerke einheimischer Architekten.

Nach der heroischen Phase in den sechziger und siebziger Jahren, als ein Meisterwerk des Betonbrutalismus nach dem andern entstand, nahm der gesellschaftliche Einfluss der Architekten in Israel stetig ab. Die einst blühende Wettbewerbskultur kränkelte, und das Bauen wurde Investoren überlassen, die von...

15. Dezember 2008 Neue Zürcher Zeitung

Gärten in der Wüste

Er gilt als Meisterwerk der israelischen Baukunst: der Universitätscampus von Beersheva. Nach einer Phase urbanistischer Unbestimmtheit wird er nun von der neuen Campus-Architektin Bracha Chyutin in alter Strenge, aber mit neuem formalem Ausdruck weiterentwickelt.

Der gesellschaftliche und politische Optimismus, der Israels Bevölkerung nach der Staatsgründung von 1948 erfasste, führte bei den Architekten bald schon zur Lust am Experiment. Vor allem Beersheva wurde zu einem Ort zukunftsweisender urbanistischer und baukünstlerischer Interventionen. Der beduinische...

29. November 2008 Neue Zürcher Zeitung

Im Geiste Palladios

Die neopalladianische Casa Carlasc von Antonio Croci in Mendrisio

Seit dem Erscheinen der «Quattro Libri dell'Architettura» (1570) liessen sich ungezählte Architekten von Palladios neuartiger baukünstlerischer Methode anregen. Oft hielten sie sich dabei streng an die Vorlagen des Meisters, veränderten allenfalls Grundrisse oder Fassaden leicht. Doch gab es immer wieder eigenwillige Interpreten, die Palladio nicht nachahmten, sondern ihm nacheifernd das Wesen seines Werkes zu erfassen suchten. Zu ihnen zählt der Tessiner Antonio Croci (1823–1884), von dem ausser einigen Bauten in der Südschweiz, am Comersee, in Nizza und im Oberwallis nur wenig bekannt ist, da sein Nachlass 1969 als Abfall entsorgt wurde. Dieser hätte vielleicht Aufschlüsse über eine Moschee und eine Synagoge geliefert, die Croci während eines längeren Türkei-Aufenthaltes in den späten 1850er Jahren errichtet haben soll.

Eine Dekade später begab Croci sich nach Argentinien, wo er die dort zu Reichtum gelangte Familie Bernasconi kennenlernte. Für sie errichtet er 1873 in Mendrisio die Villa Argentina, die von einer höchst unkonventionellen Lektüre der Werke Palladios zeugt: Über nahezu quadratischem Grundriss erhebt sich ein halber Kubus, der von einem Pyramidendach abgeschlossen und von einer Kuppel bekrönt wird. Verweisen all diese Elemente auf die Villa Rotonda, so belegt die zweischalige Fassade, die in Form einer doppelstöckigen Loggia den ganzen Baukörper umhüllt, Crocis Studium des Palazzo Chiericati in Vicenza. Dessen zwischen Stadthaus und Landsitz oszillierende Unentschiedenheit klärt Croci in Richtung einer allansichtigen Villa von skulpturaler Präsenz, indem er die Hauptfassade mit ihrem komplexen Rhythmus auf der Südseite wiederholt und für die leicht kürzeren Seitenfassaden eckbetonte Säulengänge wählt.

Dieser geniale Wurf trug Croci offensichtlich so viel Geld ein, dass er zwei Jahre später für sich selbst in den Weingärten vor der Stadt die Carlasc genannte Casa Croci realisieren konnte. Hier experimentiert er mit dem Skulpturalen und der Allansichtigkeit weiter, wobei er Palladios systematischen, aus dem Quadrat entwickelten Grundriss der Rotonda nach dem Prinzip der Rotation in einen aus dem Dreieck herauswachsenden hexagonalen Plan überführt. Das Äussere entschlackt er von allen unnötigen Details, stilisiert den Portikus, den er zuoberst im eingezogenen Solaio wiederholt, und akzentuiert die übrigen Fassaden durch einfache Rahmenformen und zurückspringende Terrassen nur diskret. Im Innern erweitert er das palladianische Spiel mit zentralen Sälen und von diesen abhängigen Neben- und Erschliessungsräumen zu jener vertikalen Promenade architecturale, die 1970 für Fabio Reinhart zur Offenbarung werden sollte. Der kämpfte daraufhin für den Erhalt des Meisterwerks und restaurierte es später auch. Aus Reinharts Beschäftigung mit der Casa Croci resultierten neue Beispiele eines kritischen Palladianismus: die zusammen mit Bruno Reichlin konzipierten Villen Tonini in Torricella und Sartori in Riveo. Ihre exzentrischste Antwort auf Croci und auf Palladios Regelwerk aber war das Projekt der Casa Rivola, das leider unrealisiert geblieben ist.

29. November 2008 Der Standard

Palladio-Jubiläum

Vicenza feiert derzeit den 500. Geburtstag des grossen, am 30. November 1508 geborenen italienischen Architekten Andrea Palladio mit einer grandiosen, von einem gewichtigen Katalog begleiteten Ausstellung, die nicht nur auf die Bauten, die Bücher und die Wirkungsgeschichte des Meisters eingeht, sondern auch den Menschen zu fassen sucht (NZZ 7. 11. 08). Rechtzeitig zum Jubiläum ist ausserdem im Zürcher gta-Verlag unter dem Titel «Palladianismus» Werner Oechslins bereits vor einem Jahr auf Italienisch vorgelegte Studie über die «Kontinuität von Werk und Wirkung» des Architekten aus Vicenza (NZZ 30. 10. 07) erschienen. Als neuste deutschsprachige Palladio-Publikation spürt das mosaikartig komponierte Buch dem Werk Palladios und dessen Rezeption im Veneto, in Europa und Amerika von der Spätrenaissance bis heute nach. Ergänzend dazu ist im Marix-Verlag, Wiesbaden, eine schöne, mit den Originalabbildungen illustrierte zweisprachige Ausgabe von Palladios «Quattro Libri» in einer Neuübersetzung von Hans-Karl Lücke veröffentlicht worden.

28. November 2008 Neue Zürcher Zeitung

Harmonie und Formvollendung

Der Genfer Architekt Jean-Marc Lamunière in einer Lausanner Ausstellung

Mit seinen Hochhäusern und Wohnbauten prägte Jean-Marc Lamunière die Architekturlandschaft der Romandie entscheidend mit. Nun würdigt die ETH Lausanne sein Schaffen mit einer Werkschau.

Die architektonische Kultur der Schweiz lebt von Einflüssen aus allen Himmelsrichtungen. Profitierten die Deutschschweizer früh schon von den internationalen Verflechtungen der ETH, so gestaltete sich der baukünstlerische Werdegang der Romands lange Zeit komplexer. Jean Tschumi, der Mitbegründer der Lausanner Architekturschule, fand seinen Weg zur Moderne über die traditionsverhaftete Pariser Ecole des Beaux-Arts und den modernen Gräzisten Pontremoli. Eine weitere Galionsfigur der Westschweizer Nachkriegsmoderne, der 1925 – eine Generation später – in Rom geborene und in Genf aufgewachsene Jean-Marc Lamunière, studierte seit 1946 Architektur an der Universität Florenz, wo Giovanni Michelucci mit einem humanistischen Rationalismus das faschistische Erbe zu überwinden suchte. In der dortigen Aufbruchstimmung begeisterte sich der Genfer gleichermassen für die konstruktive Logik der Moderne wie für die Proportionen der Renaissance. Lebte sein erstes Haus – die auf Pilotis à la Le Corbusier ruhende Schachtel der Villa Landolt in Onex (1953) – ganz von der ausgewogenen, an Werke der konkreten Kunst erinnernden Bildhaftigkeit der Hauptfassade, so zeugen die rahmenartigen Auskragungen der Villa Jeanneret-Reverdin in Cologny (1956) vom intensiven Studium der rationalistischen Meisterwerke Giuseppe Terragnis in Como.

Streben nach klassischer Perfektion

Schon hinter diesen klar strukturierten Frühwerken spürt man jenes Streben nach dem Klassisch-Perfekten, das auch Mies van der Rohes Crown Hall auf dem IIT-Campus innewohnt. Dieses konstruktiv auf ein filigranes Skelett reduzierte Juwel analysierte Lamunière kurz nach der Fertigstellung auf seiner ersten Amerikareise im Jahre 1957 in Chicago. Unmittelbar nach seiner Rückkehr inspirierte es ihn zu modernen «Tempeln» aus Stahl und Glas: etwa dem heute leider zerstörten Verwaltungsgebäude der Laines du Pingouin. Die von Mies geprägte Phase, in der Lamunières Architektur sich minimalistischen Skulpturen anzunähern scheint, bildet den ersten Höhepunkt der von einer hervorragenden Monografie begleiteten Retrospektive in der Architekturgalerie «Archizoom» der ETH Lausanne.

Die Schau macht deutlich, wie offen Lamunière die Welt der Architektur durchstreifte, wie gierig er Anregungen aufnahm und wie virtuos er daraus Neues zu formen wusste. Im fein proportionierten Turm der Zeitung «24 heures» an der Lausanner Avenue de la Gare gelang es dem jungen Architekten Ende der fünfziger Jahre, die Innovationen des Lever House von SOM mit der Harmonie von Mies van der Rohes Seagram Building zu dem in seiner Formvollendung wohl vornehmsten Hochhaus der Schweizer Wirtschaftswunderzeit zu steigern. Die selbstbewusste Strenge dieses weithin sichtbaren Gebäudes bildet die Antithese zur ebenso diskreten wie heiteren Eleganz von Jean Tschumis transparentem Stadtpalast der Mutuelle Vaudoise Accidents im Lausanner Quartier Les Cèdres.

Die Präsentation der Exponate auf schachbrettartig angeordneten Tischen, die auf die von rechtwinkligen Strassenrastern gefassten Häuserblöcke amerikanischer Grossstädte und damit auch auf Lamunières städtebauliches Engagement hinweisen, ermöglicht es den Besuchern, die Chronologie zu überspringen, um Ungleiches miteinander zu vergleichen. Doch selbst wenn man sich an die Zeitachse hält, glaubt man mitunter vor dem Werk eines neuen Architekten zu stehen. Denn Lamunières Schaffen entwickelt sich nicht evolutionär. Vielmehr ist es von abrupten Richtungswechseln geprägt. Erst wenn sich der Überblick einstellt, erkennt man das alles Vereinende: Es besteht in der Suche nach der klassischen Ausgewogenheit von Material und Form, von Körper und Raum, von Detail und Gesamtheit.

Nach der Beschäftigung mit Mies van der Rohe folgt der Dialog mit Louis Kahn, den Lamunière während seiner Lehrtätigkeit in Philadelphia kennenlernte. So scheint sich etwa die Dachlandschaft des von Le Corbusiers Unité d'habitation angeregten Genfer Wohn- und Geschäftshauses Interunité urplötzlich in ein Kahnsches Volumenspiel stelenartiger Aufsätze zu verwandeln. In dieser noch stark vom Betonbrutalismus geprägten Architektur kündigt sich die Postmoderne an, die dann in der direkt am See bei Genf gelegenen Villa Dussel zu einer Annäherung an Palladio führt – im Aufriss ebenso wie im Plan, welcher eine Auseinandersetzung mit Rudolf Wittkowers palladianischen Villenschemen zeigt. Beim Entwurf des eigenen Atelierhauses in Todi geht Lamunière 1975 noch weiter, überwölbt den Steinbau mit einer an Palladios Basilica in Vicenza gemahnenden Kuppel und bekrönt diese mit einer Laterne, die von Kahn erdacht sein könnte. Das vielschichtige, an Verweisen reiche Haus findet 1980 seine Würdigung in Ausstellung und Katalog der ersten Architekturbiennale von Venedig, die unter dem Titel «La Presenza del Passato» der postmodernen Architektur zum endgültigen Durchbruch verhelfen sollte.

Streng und flexibel

Die Eloquenz der Postmoderne versucht Lamunière im 1984 vollendeten Wohnblock am Quai Gustave-Adore zu disziplinieren, indem er sich zurück auf die Betonarchitektur von Perret besinnt, für den er unmittelbar nach dem Studium in Mülhausen gearbeitet hatte. Anschliessend aber droht sich Lamunière in postmodernen Exerzitien zu verlieren, die – im verdünnten Aufguss der anonymen Investorenarchitektur – bis in die späten neunziger Jahre zweifelhafte Auswirkungen auf die Genfer Architekturentwicklung zeitigen sollten. Lamunières Bauten sind nun fast so bunt wie die kraftvoll gezeichneten Pläne, die mitunter wie Gemälde wirken (und denen in der Ausstellung zu Recht Platz eingeräumt wurde). Den enigmatischen Schlusspunkt der Schau bildet das ätherisch weisse Palmenhaus des botanischen Gartens in Genf, das – ähnlich wie die Casa Carlasc von Antonio Croci in Mendrisio – Palladios Villa Rotonda zum Hexagon uminterpretiert und gleichzeitig Joseph Paxtons Glashausarchitektur in Richtung eines postmodernen Hightechs weiterdenkt. So offenbart denn die Schau, obwohl sie von geradezu puritanischer Strenge ist, das Universum eines Architekten von seltener Statur und Beweglichkeit, den sich die in ihrer Exzentrik seltsam verkrusteten Ikonenbauer von heute durchaus zum Vorbild nehmen könnten.

[ Bis 5. Dezember in der Architekturgalerie Archizoom der ETH Lausanne. – Begleitpublikation: Jean-Marc Lamunière. Regards sur son œuvre. Hrsg. Bruno Marchand. Infolio éditions, Gollion bei Genf 2007. 248 S., Fr. 75.–. ]

27. November 2008 Neue Zürcher Zeitung

Ein steinernes Schiff in den Fluten des Golfs

Das neue Museum für islamische Kunst von Ieoh Ming Pei in Katars Hauptstadt Dauha

In der Bucht vor Katars Hauptstadt Dauha schwimmt seit kurzem ein sandfarbener Musentempel. Der Pyramidenbau von Ieoh Ming Pei beherbergt eine exquisite Sammlung islamischer Kunst.

Das rötliche Licht der Abendsonne verwandelt das verkehrsgeplagte Dauha tagtäglich in eine moderne Märchenstadt. Während der Feuerball langsam hinter den niedrigen, sich an die sichelförmige Bucht schmiegenden Häusern untergeht, erglühen die Glasfassaden der Bürotürme am Nordende der Corniche genannten Uferpromenade wie flüssige Lava. Zu dieser Tageszeit muss man Dauha von einem alten, lautlos über das türkisfarbene Wasser gleitenden Dhau aus erleben. Kurz blickt man noch auf die wohl schönste Skyline am Persischen Golf, die selbst jetzt noch ungehindert in den Himmel wächst, da die «Bling City» Dubai unter der Wirtschaftskrise stöhnt. Doch dann erahnt man in der Ferne eine goldene Insel, die sich beim Näherkommen als ein kubisch verwinkeltes, wie ein Riesenschiff vor der Küste schwimmendes Gebäude erweist. Es ist das neue Museum für islamische Kunst, das dank seiner Lage und seiner Pyramidenform für die Golfregion zu einer ähnlichen Ikone werden könnte wie Sydneys Opernhaus für Australien.

Verführerische Architektur

Mit Wahrzeichen suchen sich derzeit die Golfstaaten gegenseitig zu übertrumpfen. Katar aber entzieht sich dieser Jagd nach Superlativen und setzt stattdessen auf Bildung und Kultur als Basis einer soliden Wirtschaft und eines nachhaltigen Tourismus. Anders als in Abu Dhabi, das Ableger internationaler Museen anzulocken wusste, erarbeitete man Mitte der neunziger Jahre in Katar einen Plan zur Realisierung neuer Museen für Geschichte, Fotografie, islamische und zeitgenössische Kunst. Der Emir beauftragte daraufhin seinen Vetter, Scheich Saud al-Thani, mit dem Aufbau der Sammlungen und der Planung der Neubauten.

Für Schlagzeilen sorgte Scheich Saud zunächst mit spektakulären Ankäufen – etwa einer bronzenen Hirschkuh aus dem maurischen Andalusien, für die er 1997 den damals astronomischen Betrag von 3,6 Millionen Pfund hinblätterte. Seine Kaufwut brachte ihn schliesslich 2005 zu Fall. Glücklicherweise konnte – nun unter der Oberaufsicht von Scheikha al Mayassa al-Thani, der Tochter des Emirs – weiter gesammelt werden, so dass Katar heute eine über 3000 Objekte umfassende Kollektion von Weltrang besitzt.

Obwohl diese auch Laien zu begeistern vermag, steht sie etwas im Schatten des Museumsbaus, der Katars Aufbruchstimmung verkörpert. Wie anderswo am Golf glaubt man auch hier an das Verführerische der Architektur und restauriert nicht nur die spärlichen Überreste des einstigen Hafenstädtchens Dauha, sondern fördert auch interessante zeitgenössische Bauten wie den phallischen Büroturm von Jean Nouvel, der zurzeit an der Corniche in die Höhe schiesst. Den sensationellsten Akzent aber wird Arata Isozakis 117 Meter hohes, zwischen Ölplattform und metabolischer Baumstruktur oszillierendes Gebäude setzen, das die Nationalbibliothek und das Museum für zeitgenössische Kunst beherbergen soll. Weiter liegen Pläne von Santiago Calatrava für ein 100 Meter hohes Bauwerk vor, in dem das Fotomuseum unterkommen soll, während das Nationalmuseum im alten Emirspalast demnächst eine Erweiterung von Nouvel erhalten wird.

Tradition und Moderne

All diese Häuser werden dereinst die Corniche rahmen, an der auch das Museum für islamische Kunst zu stehen kommen sollte. Doch nach dem Wettbewerb von 1997 geriet das Vorhaben ins Stocken. Erst als mit dem Pritzkerpreisträger und Louvre-Architekten Ieoh Ming Pei, der nicht an der Ausschreibung teilgenommen hatte, ein Retter in der Not gefunden worden war, kam das Vorhaben wieder ins Rollen. Allerdings wies der heute 91-jährige Pei, der nur noch ausgewählte Aufträge annimmt, den Standort zurück und schlug stattdessen vor, das Museum 60 Meter vor der Corniche auf einer künstlichen Insel zu errichten, damit es sich vom immer weiter wuchernden Hochhauswald abheben kann.

Die Besucher erreichen das Museum von Süden her auf einer überdachten Passerelle oder einer rampenartigen, mit Dattelpalmen bepflanzten Brücke, in deren Mitte ein Paradiesstrom über niedrige Stufen plätschert. Von hier aus gesehen erscheint der kubisch abgewinkelte, nach oben sich verjüngende Museumsbau wie die moderne Interpretation einer arabischen Burg. Die pyramidenförmige Konstruktion kulminiert in einem an Louis Kahns Regierungsbauten in Dacca erinnernden Würfel, hinter dessen augenartigen Öffnungen man die facettierte, das Foyer überwölbende Stahlkuppel erkennen kann. Nach Norden, zur Bucht von Dauha hin, öffnet sich der sonst fast fensterlose, in beigen Sandstein gehüllte Bau in einem 45 Meter hohen Glaserker, der von einer Art Windturm abgeschlossen wird.

Pei ist nicht der Architekt, der seine Gebäude aus dem Kontext heraus entwickelt. Aber er reagiert ganz präzis auf die Kultur eines Ortes, wie schon seine Museen in Washington, Paris oder Suzhen zeigten. Für den Neubau von Dauha studierte er die traditionelle islamische Architektur. Als deren Essenz erkannte er jenes Zusammenspiel von geometrischen Körpern, wie es sich im 800-jährigen Sabil, dem Brunnengebäude der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo, zeigt. Pei abstrahierte dessen Form hin zu einer ornamentlos minimalistischen Bauskulptur, die im Wechsel von Licht und Schatten immer wieder anders wirkt. Zwar beeinträchtigen Details wie die grauen Granitarkaden oder die stelenartigen Riesenleuchter an der dem Emir vorbehaltenen Landestelle auf der Westseite des Museums das kompakte Erscheinungsbild etwas. Dennoch ist Pei ein höchst bildhaftes Werk gelungen, das sich einem geradezu ins Gedächtnis einbrennt.

Nach dem Betreten des Museums gelangt man nach links ins Auditorium, nach rechts – vorbei an einem ganz in Stein und Wasser gehaltenen Gartenhof – in das sich wie ein Steuerdeck am Heck des Musenschiffs erhebende Forschungs- und Lehrgebäude, das 2009 in Betrieb gehen soll. Doch die Besucher zieht es nicht dorthin, sondern geradeaus ins 50 Meter hohe, überkuppelte Foyer. Um diesen Raum herum, der an eine überhelle Moschee erinnert, ziehen sich vier übereinanderliegende, durch eine geschwungene Haupttreppe, Seitenaufgänge und Brücken erschlossene Galerien. Von ihnen aus gelangt man in die Ausstellungsräume und das zuoberst eingerichtete Restaurant. Diskret belebt wird die steinern anonyme Welt durch orientalische Dekorationen, einen ringförmigen Leuchter, ein sternförmiges Wasserspiel und den dahinter sich weitenden Blick durch den raumhohen Glaserker auf Stadt und Meer.

Schätze des Orients

Vom atmosphärisch unterkühlten Foyer gelangt man in die geheimnisvolle Dunkelheit der den Wechselausstellungen vorbehaltenen Räume im Erdgeschoss. In punktuell beleuchteten Vitrinen sind zur Eröffnung 20 Meisterwerke aus internationalen Sammlungen vereinigt, darunter zum ersten Mal seit Jahrhunderten der Greif von Pisa und der 1993 nach einer Auktion nach Hongkong gelangte Bronzelöwe, die einst in Andalusien ein Paar waren.

Die eigentliche Sammlungspräsentation beginnt im ersten Obergeschoss mit einem thematischen Rundgang durch die von Jean-Michel Wilmotte elegant ausgestatteten und möblierten Ausstellungsräume. An gut 400 Kostbarkeiten wird hier der Einfluss des Figurativen, des Ornamentalen, der Schrift und der Wissenschaft auf das Kunstschaffen der islamischen Welt analysiert. Im zweiten Stock begeben sich die Besucher dann auf eine chronologisch-dynastisch angelegte Reise durch die Welt des Orients. Dabei werden sie anhand von nahezu 500 ausgesuchten Meisterstücken mit der islamischen Kunstentwicklung vom Damaskus des 7. Jahrhunderts über Kairo, Cordoba, Isfahan und Agra bis ins Istanbul des 19. Jahrhunderts vertraut gemacht. – Mit all diesen kunsthistorischen und architektonischen Glanzlichtern setzt Dauha der islamischen Kultur ein würdiges Denkmal. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass ihm bald schon die Museen von Isozaki, Calatrava und Nouvel folgen werden, damit das Ziel einer interkulturellen Verständigung auf künstlerischem Gebiet verwirklicht werden kann.

[ Das Museum für islamische Kunst (MIA) ist vom 1. Dezember an täglich geöffnet (www.mia.org.qa). Begleitbuch: Philip Jodidio: Museum of Islamic Art, Doha, Qatar. Photography by Lois Lammerhuber. Prestel-Verlag, München 2008. 228 S., Fr. 68.–. ]