Artikel

    Platz für die Stadt
    archithese

    Neugestaltung des Eduard-Wallnöfer-Platzes in Innsbruck

    Die Arge LAAC / Stiefel Kramer / Grüner, ein Team aus Schweizer und österreichischen Architekten sowie dem Tiroler Künstler Christopher Grüner, hat sich an die Neugestaltung des geschichtsbelasteten Landhausplatzes, wie er inoffiziell heisst, gewagt. Dabei ist ein kontroverser, ungewöhnlicher und vielschichtiger Entwurf entstanden.

    15. April 2011 - Julia Schatz

    Jahrzehntelang wurde der Landhausplatz von der Politik links liegen gelassen. Der geschichtsträchtige Platz im Herzen der Stadt, südlich der mittelalterlichen Altstadt und in unmittelbarer Nähe der Haupteinkaufsmeile Maria-Theresien-Straße, besetzt eine offene Ecke an der vom Bahnhof kommenden Salurnerstraße. Seine jetzige, trapezförmige Ausdehnung erhielt er erst durch Bombardements im Zweiten Weltkrieg, wurde also – wenn auch in der NS-Zeit in Verbindung mit dem Landhausbau angedacht – nicht als Platz entworfen, sondern ist letztlich unter französischer Besatzung aus einer gewissen Zufälligkeit heraus enstanden. So fungierte er bislang vor allem als teilbegrünte Abstellfläche für Denkmale und als Abgang zur Landhaustiefgarage. Umrahmt wird er von stilistisch heterogenen Gebäuden, schmucklosen Zeilenbauten aus der Nachkriegszeit entlang dem Schenkel der Wilhelm-Greil-Straße und dem Landhaus selbst – ein nationalsozialistischer Machtbau, 1938/1939 als Gauhaus geplant, der, selten als solches erkannt, heute als Sitz der Tiroler Landesregierung dient. Den südlichen Abschluss bilden über die Salurnerstraße hinweg der vielgeschossige Betonfertigteilbau des Hilton Hotels und das Casino als dessen postmoderner, nicht minder grobschlächtiger Anbau.

    Hier sollte also ein Platz entstehen. Diese Entscheidung von LAAC/Stiefel Kramer/Grüner erscheint richtig. Ein Platz stellt sich durch Niederschwelligkeit und seine immanente Öffentlichkeit dem Landhausgebäude entgegen und kann eine vielfältige urbane Kultur und Gesellschaft fördern. Diesen ein Forum zu gewähren, ist durchaus ein Novum für Innsbrucks Politik, und so fand sich bislang im Stadtbereich auch kein vergleichbarer Platz mit grosszügiger, fester, bespielbarer Oberfläche.

    Gleichzeitig war diese Entscheidung ein gewagtes Unterfangen. Nicht nur, dass das Ersetzen von bestehendem Grün durch harte Flächen die Bevölkerung meist polarisiert; auch verfügt der Platz über eine nicht unbeträchtliche Flächenausdehnung von rund neuntausend Quadratmetern. Die Furcht vor Überdimensionierung und weiterer Polemik angesichts des historischen Kontextes war naheliegend.

    Platz und Park

    Gewöhnt an viel Natur und umgeben von einer spektakulären Gebirgskulisse, war als allgemeiner Tenor der Innsbrucker der Wunsch nach einem Park zu vernehmen. So haben die Planenden, offenbar inspiriert von der Topografie, als Auflösung des Widerspruchs die umgebende Natur mit der Stadt verschmelzen lassen. Entstanden ist eine urbane Landschaft aus haptisch unterschiedlichen, mal rauen, mal polierten Betonoberflächen, die sich über die weitläufige Fläche des Platzes wölben.
    Sanfte Hügel und Falten gliedern den Platz in intimere und öffentlichere Bereiche, womit dem Gefühl des Ausgeliefertseins auf offenem Feld und der damit verbundenen Hast entgegengewirkt wird. Sie bilden gleichzeitig Räume zwischen Ruhe und Spannung und laden zum Erkunden ein. Das Durchschreiten von Raum und das Entdecken von Ausblicken sind grundlegende Elemente des Landschaftserlebnisses – hier ist es ein Zeichen, dass die Stadt «benutzt» werden darf und soll.
    Die Verbundenheit zur Landschaft zeichnet die Tirolerin aus. Man kennt sich aus mit Ausblicken und mitunter schroffem Gelände, mit der aus Kräften geformten Bergwelt. Eine fast leidenschaftliche Hingabe zur lokalen Topografie spart die Stadt selbst dagegen oft aus. Der neue Landhausplatz fungiert – als Hybrid zwischen Platz und Park – hierbei als sanfter Übergang. Er öffnet im Talboden ein neues Tor zur Stadt – ohne triumphierende Geste und Axialität. Ein Feld aus der Zeit der Postlinearität. So fügt sich der Platz trotz seines zeitgenössischen Schwungs selbstverständlich in das überwiegend profane Stadtgefüge zwischen Bahnhof und Stadtzentrum ein. Beinahe unweigerlich kommt es zur Frequentierung, eröffnen sich der Platz und neue Perspektiven.

    Grau vs. Grün

    Trotz seiner feinsinnigen Annäherung bleibt der Entwurf in seiner Materialität hart. Formal scheint diese Radikalität zwingend, um ein durchaus provokantes Zeichen für die Stadt zu setzen; auch thematisch sinnig, spiegelt das Zusammentreffen der urbanen Bodenbeschaffenheit und der landschaftlichen Sanftheit der Form doch Stadt und Land wider. Ob der Landhausplatz allerdings vermag, nicht nur Weg, sondern eben auch Platz zu sein, muss sich noch zeigen und hängt wohl auch von der vorgesehenen Art der Bespielung ab. Wie stets bedingt die Stadt den Bürger und seine Gesellschaft.
    Ob nun Bühne, Forum oder Nest – ganz wurde nicht auf Grün verzichtet. Ahornbäume – einmal nicht Birken – wurden über den Platz verteilt. Sie erzeugen nicht nur notwendigen Schatten und Luft, sondern helfen der gefalteten Oberfläche, intimere Bereiche – Plätze im Platz – zu schaffen. Stecknadeln ähnliche Strassenleuchten gesellen sich zu den Bäumen, geben Sicherheit im Dunkeln und deuten eine Aufforderung zur nächtlichen Benutzung an. Bäume wie Leuchten führen zudem einen wichtigen zusätzlichen Massstab in die Szenerie ein.

    Zukunft

    Als verbindendes Element umwogt die Betonoberfläche die vier bestehenden Denkmale, hebt sie empor, macht sie sichtbar und nahbar. Die bislang stark vernachlässigten Denkmale, insbesondere das zur Befreiung von den Nazis 1945 und das Mahnmal für das Novemberpogrom der Juden in Innsbruck 1938, werden auf diese Weise als Zeitzeugen aufgewertet. Bei all seinem Bemühen, der faschistischen Historie des Landhauses entgegenzutreten, entschärft der landschaftliche Platz zwar die Strenge, wahrt jedoch stets einen noch zu grossen Respektabstand zu den Gebäuden, um dem Landhaus jegliche überschattende Monumentalität zu nehmen. Die Entscheidung für einen Platz ist ein Bekenntnis zur städtischen Vielfalt und Kultur, ob sich allerdings die Vision der unterschiedlichsten Bespielung erfüllen wird und die oft geäusserte Kritik der Betonwüste widerlegt werden kann, bleibt abzuwarten – zumindest, bis die Temperaturen wärmer, die Bäume höher und der Platz fertiggestellt sind. Die architektonische Grundlage ist bereitgestellt und es wäre für eine gleichermassen wünschenswerte wie nötige Belebung der Stadt förderlich, wenn auch die allseits aufgestellten Verbotsschilder den sorgfältig umgesetzten Entwurfsvisionen der Gestalter und letztlich dem Möglichkeitsraum der Bevölkerung nicht in den Rücken fallen würden.

    Architektur:
    Arge LAAC Architekten / Stiefel Kramer Architecture mit Christopher Grüner, Innsbruck / Wien / Zürich: Katrin Aste, Frank Ludin, Hannes Stiefel, Thomas Kramer, Christopher Grüner.

    Autorin:
    Julia Schatz lebt als Architektin und Architekturkritikerin in Innsbruck und Zürich.

    teilen auf

    Für den Beitrag verantwortlich: archithese

    AnsprechpartnerIn für diese Seite: Jørg Himmelreichredaktion[at]archithese.ch