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14. April 2012 Der Standard

Mit Schwung in die letzte Kurve

Das Museo Casa Enzo Ferrari verkörpert das Vermächtnis der Automobil-Ikone. Und auch das seines eigenen Architekten.

Museumsdirektorin Adriana Zini legt letzte Hand an. Mit prüfendem Blick steht sie vor der Staffelei mit dem Foto des älteren Mannes mit faltigem Charaktergesicht und weißem Haar, der ganz in Schwarz gekleidet barfuß auf dem Boden sitzt: Jan Kaplický, der Architekt ihres Museums. Wenn das Erste, das man beim Betreten eines Gebäudes sieht, ein Porträt seines Erbauers ist, platziert vom Bauherrn selbst, dann muss schon eine seltene Verbundenheit dahinterstecken.

Es ist die Verbundenheit der Biografien zweier markanter Männer, von der das Museo Casa Enzo Ferrari in Modena, das am 12. März eröffnet wurde, erzählt. Die des illustren Motormagnaten, um dessen schlichtes Geburtshaus sich der Neubau mit konkavem Schwung respektvoll schmiegt, und die des Architekten vom Londoner Büro Future Systems.

Als dieses den Wettbewerb für den Neubau zwischen Bahnlinie und Stadtzentrum mit dem Entwurf eines geflügelten Dachs gewann, das mit seinen zehn Lüftungsschlitzen die Karosserie eines Rennwagens evozierte, war dies ein Ergebnis, wie es logischer und zwingender nicht sein konnte. Schließlich hatten Future Systems von allen Hightech-verliebten Formfindern schon immer die elegantesten Kurven im Stall.

1937 in Prag geboren, war Kaplický 1968 nach London geflüchtet, mit nichts als 100 Dollar und zwei Paar Socken im Gepäck. Das Erlebnis der plötzlichen ungezügelten Freiheit sollte ihn ein Leben lang prägen. 1979 gründete er Future Systems und machte sich daran, sein Verdikt There is not enough flying in architecture tatkräftig zu falsifizieren.

1984 sorgte sein ungebauter, wie ein Barbapapa-Pfefferstreuer aussehender Blob-Entwurf für die National Gallery noch für Gelächter unter den Architektenkollegen. Später kopierten sie seine im retrofuturistischen Raum zwischen Luigi Colani und Oscar Niemeyer angesiedelten Kurven en masse.

Mit seiner britischen Büro- und Lebenspartnerin Amanda Levete erlebte Kaplický seine erfolgreichste Zeit: Das weiße Periskop des über der Tribüne des ehrwürdigen Lord's Cricket Ground schwebenden Media Center machte das Duo 1995 weltbekannt, die mit schimmernden Pailetten besetzte Mega-Amöbe des Kaufhauses Selfridges in Birmingham schließlich war das Meisterwerk.

Blobs, Periskope und Amöben

Danach trennten sich Levete und der als empfindlich und schwierig geltende Kaplický zuerst privat, dann auch beruflich. Kaplický kehrte nach Tschechien zurück, sorgte dort mit dem Entwurf für die Nationalbibliothek für Aufruhr, heiratete erneut. Das neue Lebenskapitel endete abrupt, als er im Jänner 2009, Stunden nach der Geburt seiner Tochter, in Prag auf der Straße zusammenbrach und starb.

Das Museum in Modena, sein letztes Werk, stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Spatenstich. Die Vorzeichen jedoch hatten sich inzwischen geändert. Zu Projektbeginn waren Ferrari und Maserati unter der Führung Luca di Montezemolos noch einig verbunden.

Dessen Idee war es gewesen, die alte Ferrari-Werkstatt um ein Museum zu ergänzen - für Maseratis. Ab 2005 ging man wieder getrennte Wege, und die Stadtväter wollten lieber der Geschichte der Automobilhochburg Modena und des Erfindergeistes der Emilia-Romagna gedenken.

So wechselte die Farbe des fliegenden Flügels vom Maserati-Blau zum Ferrari-Gelb. Die kurvige Form blieb unverändert. Kaplickýs engstem Mitarbeiter, dem gebürtigen Mailänder Andrea Morgante, fiel es nun zu, das Werk zu vollenden.

„Jan und ich hatten eine gemeinsame Leidenschaft für Autos und Flugzeuge“, erklärt Morgante. „Von den 1940er- bis in die 1960er-Jahren war das Autodesign eine Kunst für sich: perfekt geformte Karosserien, die die Freiheit dieser Zeit verkörperten. Deswegen konnte das Museum nicht einfach eine Kiste sein, es musste nach Automobil aussehen!“

Da das Ausstellungskonzept erst spät feststand, oblag Morgante auch die Gestaltung des Innenraums und der Exponate. Das Resultat ist wie aus einem Guss: strahlend weiß, mit eleganten Details wie der umlaufenden Vitrine und den vom Boden abgehobenen Plattformen für die Boliden. „Flying in architecture“ eben. Dazwischen: viel Raum, viel Leere. „Wir wollten den Besucher nicht überwältigen. Jedes Auto braucht Luft zum Atmen - wie ein Gemälde in einer Galerie“, sagt Morgante.

Das Auto als Kunstobjekt

„In Norditalien gibt es viele Sammlermuseen, die auf kleinem Raum sehr viele Autos zeigen und wie Garagen aussehen“, stimmt Direktorin Adriana Zini zu. „Hier sollen sie wie Kunstobjekte für sich stehen.“ Etwas mehr als die nun gezeigten 14 Alfas, Maseratis und Ferarris würde der Raum durchaus vertragen - immerhin: Drei Reserveplätze sind vorgesehen.

Grund für die Sparsamkeit: Anders als die Blockbuster-Museen von BMW, Mercedes und Porsche ist man hier für die Exponate auf Leihgaben angewiesen. „Das sind große Marken mit genug Geld, sich ihr eigenes Museum zu bauen“, erklärt Morgante. „Hier hatten wir ein Budget von gerade mal 14 Millionen.“ Finanziers: Stadt, Provinz und EU.

Enger und intimer, wenn auch nicht weniger kurvig ist die Ausstellung im Altbau des Geburtshauses. Neben Exponaten wie der originalen Enzo-Sonnenbrille werden die Stationen seines Lebens - Konstrukteur, Rennfahrer, glamouröser Firmenboss - erzählt. Die Sonnenbrille ziert auch das Logo des Museums, das auf ferrarigelbe Tüchern in ganz Modena unübersehbar verteilt wurde.

Mit Erfolg: 20.000 Besucher zählt man im ersten Monat seit der Eröffnung. „Manche wundern sich, weil sie nur Ferraris erwarten, aber die Geschichte, die wir erzählen, fasziniert alle“, freut sich die Direktorin. Die Geschichte zweier sperriger Charakterköpfe, verbunden durch die Liebe zu Kurven und Geschwindigkeit.

„Kurz nach Kaplickýs Tod bin ich nach Birmingham gefahren, um mir das Selfridges-Kaufhaus anzusehen“, erinnert sich Adriana Zini mit leuchtenden Augen. „In diesem Moment habe ich ihn verstanden.“ Sie rückt die Staffelei mit dem Porträt liebevoll ein paar Millimeter zurecht. „Er war eben ein Genie.“

10. März 2012 Der Standard

Aufbauen und erinnern

Ein Jahr nach Beben, Tsunami und Fukushima: Der Schutt ist weggeräumt, langsam beginnt der Wiederaufbau. Japans Architekten helfen nach Kräften dabei mit.

Dieser Tage, exakt ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben vom März 2011, veröffentlichte die japanische Regierung ein Papier namens „Road to Recovery“, das den Weg zum Wiederaufbau detailliert. Um diesen zu koordinieren, wurde im Februar die Reconstruction Agency ins Leben gerufen. Diese soll dabei auf erneuerbare Energien setzen, denn die Wiederherstellung des durch Fukushima international ramponierten Images ist ein vordringliches Ziel.Doch für die 340.000 Japaner, die ihre Häuser, Dörfer und Angehörigen verloren haben, ist PR im Ausland zweitrangig. Bis feststeht, wo ihre Städte überhaupt wieder entstehen werden, brauchen sie ein Dach über dem Kopf.Auch Architekten sind am Wiederaufbau beteiligt: Weltstar Toyo Ito, sonst für edle Sichtbeton-Solitäre bekannt, arbeitet an einem Masterplan mit. Andere helfen bei der Trauerarbeit: Für sein Projekt Gassho (der Name steht für die buddhistische Geste gefalteter Hände) bauten der junge Architekt Koji Kakiuchi und seine Helfer in nur acht Stunden ein simples Dach aus Holz über die Grundmauern eines verwüsteten Ortes. Darunter: eine Sitzbank. Ein Schutzraum für die Überlebenden zum Reden, Schweigen, Erinnern. „Erinnerung ist nicht nur für die Lebenden, sondern auch für die Toten wichtig“, sagt Kakiuchi. "Das Tragischste überhaupt ist, vergessen zu werden."Auch einer der bekanntesten japanischen Architekten ist dabei: Shigeru Ban. Er ist bereits Experte für bauliche Katastrophenhilfe. Nach dem Erdbeben in Kobe 1995 entwickelte er ein System aus Papprohren, mit dem Notunterkünfte schnell und billig errichtet werden können, mit Trennwänden, die den Opfern ein Maß an Privatheit zugestehen, und gründete das Voluntary Architects Network, um freiwillige Aufbauhelfer unter seinen Kollegen zu sammeln. Auch nach dem Tsunami war das Netzwerk schnell mit dem perfektionierten Papprohrsystem vor Ort. Jetzt, ein Jahr später, baut man als nächsten Schritt Siedlungen aus einfachen Containern, die die Bewohner für die nächsten Jahre aufnehmen, bis ihre Städte wiederaufgebaut sind.

10. März 2012 Der Standard

„Helfen ist das Schwierigste!“

Architekt Shigeru Ban ist mit Leichtbaukonstruktionen aus Papier weltweit bekannt geworden. Wie er jetzt den Tsunami-Überlebenden hilft, erfuhr Maik Novotny.

STANDARD: Was hat Sie als etablierten Architekten dazu bewogen, ein Netzwerk von freiwilligen Architekten zu gründen und sich der Katastrophenhilfe zu widmen?

Ban: Ich war von meinem Berufsbild als Architekt enttäuscht. Wir Architekten arbeiten fast immer für die Privilegierten. Sie haben Geld, Macht oder beides und beauftragen uns, ihnen Denkmäler zu bauen, die diese Macht symbolisieren. Das war schon immer so. Mein Büro tut das genauso - im Moment bauen wir zum Beispiel ein Museum. Aber ich möchte meine Erfahrung auch für die Allgemeinheit nutzen. Das ist unsere Verantwortung! Wenn eine Naturkatastrophe passiert und in kurzer Zeit Notunterkünfte benötigt werden, ist von den Architekten meistens weit und breit niemand zu sehen. Dabei könnten wir hier vieles verbessern, wenn wir helfen. Also sollten wir das tun.

STANDARD: Wo stehen Sie im Moment beim Wiederaufbau?

Ban: Wir haben zuerst über 1800 Notunterkünfte für die Evakuierten in Hallen an über 50 Orten im gesamten Gebiet errichtet, mit einem einfachen Stecksystem aus Papprohren, durch das man einfach Privatheit und Sichtschutz herstellen kann. Jetzt, in der zweiten Stufe, bauen wir temporäre Wohnungen in Onagawa in der Provinz Miyagi. Das Problem ist, dass die gesamte Küste sehr felsig ist und es kaum ebene Flächen gibt, auf denen man bauen kann. Die Regierung hatte nur eingeschoßige Bauten vorgesehen, die sehr viel Fläche benötigen. Ich habe daher mehrgeschoßige Bauten aus schnell stapelbaren Containern vorgeschlagen, das ist für solche Zwecke in Japan noch nie gemacht worden.

STANDARD: Benötigen die Menschen nicht mehr als nur Wohncontainer, wenn sie auf unbestimmte Zeit dort wohnen müssen?

Ban: Natürlich. Sie brauchen öffentliche Räume. Die Standardhäuser haben einen Abstand von nur 3 Metern, das ist viel zu wenig, um diese Räume zu schaffen. Wir haben Abstände von 11 Metern, die wir zum Beispiel für Büchereien oder überdachte Märkte nutzen. Zurzeit suchen wir Sponsoren für ein öffentliches Bad. Die Badezimmer in den Wohnungen sind in Japan traditionell sehr klein, und auch in den Containern ist nicht viel Platz.

STANDARD: Für welchen Zeitraum sind die Container ausgelegt?

Ban: Das weiß noch niemand. Die Provisorien können permanent werden, das kann man nicht ausschließen. Es hängt davon ab, wie schnell die neuen Städte fertig werden. Die Notunterkünfte nach dem Beben in Kobe 1995 waren für zwei Jahre geplant, aber selbst danach hatten viele Menschen noch kein neues Zuhause.

STANDARD: Wo finden Sie die Freiwilligen für Ihr Netzwerk?

Ban: Es gibt keine Dauermitglieder. Ich sammle die Freiwilligen vor Ort, manchmal auch aus ganz Japan. Helfer aus dem Ausland müssten wir einfliegen lassen, und das können wir uns leider nicht leisten.

STANDARD: Gibt es Unterschiede, wenn Sie in China, Japan oder woanders Notunterkünfte bauen? Brauchen Japaner mehr Privatheit als andere?

Ban: Es gibt klimatische und kulturelle Unterschiede, und unterschiedliche Baumaterialien. Die Privatheit ist aber nicht das Problem - eher die veralteten Gesetze und Normen, die in Japan temporäre Bauten regeln und die seit ewiger Zeit nicht verbessert wurden. Ich hoffe, dass wir hier einen neuen Standard setzen können.

STANDARD: Werden Sie auch weiterhin vor Ort sein, wenn die Containerdörfer fertig sind?

Ban: Ja. In Onagawa bin ich Teil des Teams für den Masterplan für den Wiederaufbau und plane auch neue Wohnbauten. Eine der größten Aufgaben wird es sein, die Infrastruktur wieder aufzubauen.

STANDARD: Werden die neuen Städte am selben Ort wieder entstehen?

Ban: Nein, die meisten müssen verlegt werden, das hat die Regierung beschlossen. Letztendlich hat aber jeder Ort seinen eigenen Plan zum Wiederaufbau.

STANDARD: Viele Japaner haben kritisiert, dass sich die Regierung aus PR-Gründen zu stark den nuklearen Schäden in Fukushima zuwendet und die Flutopfer vernachlässigt. Stimmen Sie zu?

Ban: Das ist nicht ganz falsch. Aber sehen Sie: Nach einer Katastrophe wird immer die Regierung kritisiert. Die Politik kann nie alles richtig machen. Also müssen wir ihr helfen. Und das kann ich Ihnen sagen: Das Helfen ist die schwierigste Aufgabe von allen.

STANDARD: Trotz aller Schwierigkeiten: Wo werden Sie als Nächstes helfen?

Ban: Das tun wir schon. Im Moment bauen wir die beim Erdbeben zerstörte Kathedrale von Christchurch in Neuseeland wieder auf. Natürlich aus Pappe!

10. März 2012 Der Standard

„Zwei Türme führen einen Dialog“

Der französische Architekt Dominique Perrault baut in Wien das höchste Gebäude Österreichs. Über dieHerausforderungen der Donau-City und die Funktion der beiden zukünftigen Türme sprach er mit Maik Novotny.

Für die noch unbebauten Teile der Donauplatte entwarf der französische Architekt Dominique Perrault den Masterplan, bestehend aus einer langen Terrasse zur Neuen Donau und den Zwillingstürmen der DC-Towers. Mit 220 Metern wird der zurzeit noch in Bau befindliche DC Tower 1 bei seiner Fertigstellung Mitte nächsten Jahres das höchste Gebäude Österreichs sein. Er wird den Millennium Tower um 18 Meter überragen. Der Baubeginn des zweiten Turms ist noch ungewiss.Heute, Samstag, wird Dominique Perrault auf dem Turn-On-Architekturfestival im Radiokulturhaus das Projekt vorstellen.

STANDARD: Donau-City hat es bis heute nicht geschafft, ein lebendiger urbaner Ort zu werden. Können die DC Towers das ändern?

Perrault: Die Straßenebene der Donau-City ist bis heute sehr unfreundlich und hat keine Verbindung zum Fluss. Dabei ist die Neue Donau und der Blick auf die Stadt hier das wichtigste Element. Als ich vor acht Jahren den Masterplan vorschlug, wollte ich eine besondere Skyline schaffen. Ganz einfach mit einer vertikalen Silhouette durch die Türme und einer horizontalen, einem funktionierenden Übergang zur Neuen Donau. Die Donau-City ist sehr hart, sehr mineralisch. Mit der Terrasse über die ganze Breite bringen wir ein weiches, landschaftliches Element hinein.

STANDARD: Die Donau-City ist berüchtigt für die heftigen Windböen zwischen den Hochhäusern. Werden Sie versuchen, hier gegenzusteuern?

Perrault: Wir arbeiten mit Windtunnelspezialisten zusammen, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Zwischen den beiden DC Towers werden wir Schirme aus Metallgewebe installieren, die gegen die Fallwinde schützen, damit man den Platz nutzen kann.

STANDARD: Warum war es so wichtig, dass der Turm das höchste Gebäude in Österreich wird?

Perrault: Das war ein langer Prozess. Wir haben uns mit dem Investor, der Stadt, meinen Wiener Partnern und Architekten wie Hans Hollein zusammengesetzt. Es gab Workshops in Wien und Paris. Ein Jahr lang haben wir Ideen entwickelt, Bauvolumen gedreht und geschoben, und allmählich ist die Form entstanden. Sozusagen am runden Tisch. In Paris wäre so etwas unmöglich.

STANDARD: Warum?

Perrault: Ein Workshop ist ideal, weil man das, was die Leute wollen, integrieren kann und man ihre Motive besser begreift. In Frankreich redet man immer nur mit dem Kunden oder mit der Stadt. Dann geht man nach Hause, ändert alles, und es fängt wieder von vorn an. Das dauert natürlich ewig. Wir arbeiten am Projekt Grand Paris, das jene Vororte besser an die Stadt anbinden soll, die einen sehr schlechten Ruf haben. Eine gemeinsame Metropole soll so entstehen. Aber man bekommt die Leute nicht an einen Tisch, man kommt nicht voran.

STANDARD: Warum bauen Sie zwei Türme?

Perrault: Ein einzelner Turm wäre ein stummer Solitär gewesen, zwei können einen Dialog führen. Und das Wichtigste: Sie bilden ein Tor. So ergibt sich für die Fußgänger automatisch ein eindeutiger Übergang von U-Bahn und Donau zur Donau-City. Das Haupttor des ganzen Gebiets. Wir können dort nicht mehr alles ändern, aber wir können eine Diversität hineinbringen.

STANDARD: Wird es diese Diversität in den Türmen selbst geben?

Perrault: Da ist ein ganz wichtiger Punkt. Im Turm 1 wird es ein Hotel mit 170 Zimmern geben, darüber Büros, ganz oben Apartments. Der zweite Turm umfasst nur Büros und Wohnungen. Die Mischung ist wichtig, um das städtische Leben zu verbessern, aber wir haben noch sehr wenige Erfahrungen in diesem Bereich. In Paris versuchen wir es, die Politik will es, aber es gibt sie noch nicht.

STANDARD: Warum nicht?

Perrault: Die Entwickler scheuen sich davor. Sie haben Angst, das Bauwerk nicht mehr so einfach weiterverkaufen zu können. Die Schwierigkeit ist, wie ein Investor verschiedene Nutzungen kontrollieren kann.

STANDARD: Gibt es für den zweiten Turm schon einen fixen Baubeginn?

Perrault: Bei Immobilien ist nie etwas fix. Aber ich bin zuversichtlich - ich bin ein optimistischer Architekt! Der zweite Turm ist sehr wichtig für die Skyline und als Symbol.

29. Februar 2012 Der Standard

Ein „Amateur“ der Baukunst im Rampenlicht

Wang Shu ist nicht nur der zweitjüngste Pritzker-Preisträger Geschichte, sondern auch der erste aus China

Das ist wirklich eine riesige Überraschung", sagte der gedrungene, schwarzgekleidete Mann. Wang Shu (48) war nicht der Einzige, der verblüfft auf seine Kür zum Pritzker-Preis-Träger reagierte. „Wang who?“ dürfte auch in der Denkblase über vielen Architektenköpfen gestanden sein, als die Jury in Los Angeles bekanntgab, dass die mit 100.000 Dollar dotierte höchste Auszeichnung der Architektur dieses Jahr nach Fernost gehen würde.

Wenn sich der bisher kaum bekannte Architekt aus Huangzhou bei der offiziellen Zeremonie in Peking Ende Mai in die illustre Gesellschaft von Foster, Hollein und Hadid einreiht, wird er nicht nur der zweitjüngste Preisträger der Geschichte sein, sondern auch der erste aus China. Einem Land also, das in der Architekturwelt vor allem als eine der letzten Spielwiesen gilt, auf der sich die Weltstars des Bauens noch in Gigantismus austoben dürfen. Die Substanz der jahrhundertealten Städte bleibt dabei oft auf der Strecke.

Neben vielen chinesischen Büros, die bei den geschichtsvergessenen Stahl-Glas-Orgien tatkräftig mitmischen, gibt es auch solche wie Wang Shu, die auf die Bremse treten. So war es durchaus als provokante Geste gegenüber dem globalisierten Getöse zu verstehen, dass der 1963 in der abgelegenen Provinz Urumqi geborene Wang Shu sein 1997 gegründetes Büro „Amateur Architecture“ nannte. „Der Name soll das Spontane und Experimentelle meiner Arbeit betonen“, so Wang Shu. „Ich baue Häuser, keine Gebäude. Das ist näher am Alltag, denn Architektur ist für mich ein Teil des Alltagslebens.“

Auf der Biennale in Venedig 2006 schuf er den „Tiled Garden“ mit 66.000 Ziegeln aus abgebrochenen Häusern, und für das Dach seines Universitätscampus in Xiangshan verwendete er gleich zwei Millionen alte Ziegel. In einem Land, in dem das Alte häufig zerstört wird, lässt sich so zumindest aus dem Schutt eine kulturelle Kontinuität retten.

Sein Meisterwerk entstand 2008 mit dem Historischen Museum in Ningbo, dessen gekippte Klötze sich als feinstes Puzzle aus steinernen Teilen entpuppen: Geschichte zum Angreifen. Dass dieses sorgfältige Weiterdenken lokaler Traditionen von einer Jury gewürdigt wurde, der mit Zaha Hadid ein Star angehört, der eher für die weltweite Reproduktion rundgelutschter Blobs bekannt ist, entbehrt nicht der Ironie. Klar ist, dass mit Wang Shu das öde Klischee der Chinesen als Kopisten auch in der Architektur der Vergangenheit angehört.

18. Februar 2012 Der Standard

Jenseits des Jodelstils

Eine Ausstellung in Meran zeigt, wie die jüngsten Bauten aus Südtirol das hohe Niveau der letzten Jahre halten: mit ihrer eigenen Mischung aus alpiner Rauheit und südlicher Eleganz

Der erste Eindruck beim Überqueren des Brenners Richtung Süden: Alles wird milder, sanfter, sonniger, das Meer schon erahnt, man kennt das. Der zweite Eindruck ist widersprüchlicher. Er stellt sich ein, sobald die ersten Ortschaften auftauchen, mit ihrem Weichbild aus steinernen Dorfkernen, unglamourösen Gewerbegebieten und dem tiroltypischen Würfelhusten aus aufgequollenen Hotelburgen als Trägermasse für eine absurde Anzahl nutzloser Balkone. Man sieht: Die spektakuläre Schönheit der Landschaft Südtirols ist fragil und schnell gefährdet.

Gleichzeitig jedoch ist in Südtirol in den letzten 20 Jahren ein Bewusstsein für Baukultur und eine eng vernetzte Architekturszene entstanden, die eine konstant hohe Qualität produziert. Man muss sie nur suchen, denn sie vermeidet das Bombastische und ist eher im Ländlichen als im Städtischen zu finden.

Beispielhaft dafür ist einer der Meilensteine dieser Qualitätsoffensive: Der couragierte Umbau der Burg Tirol von Walter Angonese und Markus Scherer vor zehn Jahren sorgte für internationalen Applaus. 2006 zeigte eine Ausstellung in Meran stolz die Leistungen der Südtiroler Architektur am Anfang des neuen Jahrtausends.

Sechs Jahre später ist es Zeit für eine Neuauflage dieser Bestandsaufnahme. Neue Architektur in Südtirol 2006-2012 zeigt 36 von einer panalpinen Jury ausgewählte Projekte. Darunter ist wieder eine Adaption eines historischen Denkmals: Der Umbau der alten Franzensfeste, ebenfalls von Markus Scherer.

Festung mit Fugen

Das 20 Hektar große granitene Ensemble war bei seiner Errichtung 1838 das größte Festungsbauwerk der Alpen. Für die neue Nutzung als Ausstellungsort perforierte Scherer das grimmige Monument mit Stegen und Stiegen aus kantigem schwarzem Stahl. Die zwei Lifttürme, die aus den Katakomben an die Oberfläche stoßen, antworten mit ihrer groben Hülle aus sandgestrahltem Beton mit unregelmäßig aufklaffenden Fugen auf die Granitwände gegenüber. „Die Architektur soll eine Sprache sprechen, die nicht hermetisch ist, sondern prozesshaft“, erklärt Scherer. „So kann sie altern, eine Patina entwickeln.“

Eine Rauheit, die kennzeichnend für viele der gezeigten Gebäude ist. Die Auswahl lag dabei explizit auf kleineren, bescheidenen Bauten, die an Ort und Landschaft sensibel weiterbauen, anstatt sich klotzig in Szene zu setzen. Das reicht von minimalistischen Holzstadeln wie dem Atelier für Bildhauer Alois Anvidalfarei von Architekt Siegfried Delueg, das sich satteldachgekrönt in der Dorfmitte von Abtei bei Bozen tarnt, bis zum Neubau der Feuerwehr Margreid, für den Bergmeisterwolf Architekten Stollen in den Fels trieben, die sich nach außen nur durch eine schlichte schwarze Wandscheibe verraten.

„Dieses sensible Herantasten an Ort und Landschaft ist genau richtig für Südtirol“, sagt Architekt Christoph Mayr Fingerle. Selbst mit drei seiner Bauten in der Ausstellung vertreten, ist Mayr Fingerle ein Pionier der Südtiroler Szene. Bereits 1992 initiierte er die Reihe Neues Bauen in den Alpen und 1999 den Südtiroler Architekturpreis. „Das hat zu einem Mehr an öffentlichen Wettbewerben und an Qualität geführt“. Auch Markus Scherer konstatiert: „Die Entwicklung hin zu einer zeitgenössischen Architektur hat sich verstärkt. Es gab geradezu einen Schneeballeffekt.“

Wenn auch die Bautätigkeit zuletzt krisenbedingt nachgelassen hat, wird in Südtirol noch immer um ein Vielfaches mehr Architektur produziert als in anderen Gebieten Italiens, wie Kurator Flavio Albanese im Vorwort des Katalogs anmerkt. „Im übrigen Italien wird innovative Architektur nur noch auf Mega-Events wie der Biennale in Venedig sichtbar“, sagt auch Christoph Mayr Fingerle.

Mixtur mit Grandezza

Neben Burgen und Holzstadeln ist es vor allem eine ganze Reihe von Bauten für die wieder erblühte Südtiroler Weinwelt, die die übrigen Italiener neidisch nach Norden schauen lässt. Nicht nur hier haben auch österreichische Büros mit Südtiroler Wurzeln reüssiert. Feld72 aus Wien errichteten im Ortszentrum von Kaltern einen schmuck-kantiges Verkaufs-Showroom für die lokalen Weine. In Innichen formten die Wiener Architekten von alleswirdgut für das Zivilschutzzentrum einen flachen schwarzen Monolithen.

Dass viele Österreicher, und seit neuestem auch immer mehr Architekten aus Städten wie Mailand in Südtirol bauen, zeigt die Vielfalt einer Szene, die sich kaum auf einen simplen Nenner bringen lässt. „Wir sind an der Schnittstelle von Österreich, Schweiz und Norditalien, man orientiert sich also immer auch an den Nachbarn“, sagt Markus Scherer.

Das Resultat: eine Mischung aus alpiner Handwerkstradition und italo-habsburgischer Grandezza, die sich vom protestantischen Minimalismus der kisten- und quaderaffinen Schweiz ebenso unterscheidet wie von konstruktiven Vorarlberger Holztüfteleien.

Was trotz dieser produktiven Mixtur auffällt, ist, dass Wohnhäuser jenseits der Einfamilienvilla ebenso wie städtische Bauten qualitativ hinterherhinken. Bozen ist unter den gezeigten Bauten kaum vertreten. „Dass wichtige Innovationen fast nur im ländlichen Raum passieren, liegt daran, dass das Gleichgewicht zwischen den Sprachgruppen in Bozen und Meran zu einer schwerfälligen Bürokratie führt, die über die Verwaltung hinaus kaum etwas Besonderes anstoßen kann“, sagt Markus Scherer. „Noch dazu sind die privaten Bauherren in der Stadt durch Bauspekulation geprägt. Das ist natürlich auch kein fruchtbarer Boden für gute Architektur.“

Die größte Lücke allerdings klafft ausgerechnet beim stärksten Wirtschaftszweig, dem Tourismus. Hier herrschen immer noch bombastische Balkonburgen und Wellness-Wildwuchs. „Was Hotels betrifft, ist die Kitscharchitektur leider noch sehr präsent“, bedauert Christoph Mayr Fingerle. Spätestens wenn die nächste Meraner Ausstellung im Jahr 2018 Bilanz zieht, wird man sehen, ob sich auch das Weichbild der Südtiroler Landschaft geändert hat.

11. Februar 2012 Der Standard

Schwerelos im Zwischenraum

Die Ausstellung „Space House“ in Wien zeigt das Schlüsselwerk des bis heute einflussreichen Architekten und Künstlers Friedrich Kiesler.

Die Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes im Pariser Grand Palais im Jahre 1925 gilt als Markstein der Kunst- und Architekturgeschichte. Nicht nur als Namensgeber des Begriffes Art déco, nicht nur wegen Konstantin Melnikows sowjetischen Pavillons, sondern auch als der Punkt, an dem sich das Schicksal der modernen Architektur des restlichen 20.Jahrhunderts entschied.

Hier nämlich präsentierte Le Corbusier erstmals seinen berüchtigten Plan Voisin, der die großzügige Planierung von Paris zugunsten eines Rasters aus frei stehenden Megahochhäusern vorsah. Hier präsentierte aber auch ein junger Österreicher seine eigene Vision, die er Raumstadt nannte: Friedrich Kiesler. 1890 in Czernowitz geboren, hatte er sich in Wien mit seiner „Raumbühne“ als Innovator der Theaterarchitektur einen Namen gemacht und wurde von Josef Hoffmann nach Paris eingeladen.

Kieslers Raumstadt war im Grunde nicht mehr als eine Art Regalsystem aus Flächen und Stäben, das frei im Raum schwebte, ohne den Boden zu berühren. Die Wände waren mit schwarzem Tuch verhängt, um so den Eindruck von Unendlichkeit zu evozieren.

Nicht um große Worte verlegen in einer Zeit der großen Worte, deklarierte Kiesler das Gebilde kurzerhand als Modell für die Stadt der Zukunft. „Wir wollen keine Mauern mehr, kein Kasernierungen des Körpers und des Geistes. Wir wollen uns von der Erde loslösen!“ Kollegen wie die Künstlergruppe De Stijl waren begeistert. Schwerelos und unendlich - diese Eigenschaften sollten auch in Zukunft den Kern von Kieslers Schaffen bilden.

Völlig losgelöst von der Erde

Der Verlauf der Geschichte ist bekannt: Kieslers Vision blieb eine solche, Corbusier durfte zwar nicht ganz Paris niederwalzen, sein Prinzip wurde in der industrialisierten Moderne jedoch weltweit übernommen. Kiesler ging 1926 nach New York, auf das lukrative Auftragsangebot einer Firma hin, die sich nach seiner Ankunft als unauffindbar herausstellte. Er blieb trotzdem, fand ein Zuhause in der Kunst- und Theaterwelt und arbeitete weiter an seinen Raumvisionen. Auf einer weiteren Ausstellung präsentierte er 1933 sein Schlüsselwerk: das Space House.

Das von außen aus heutiger Sicht an die Bondbösewicht-Architektur der 1960er-Jahre erinnernde Modellhaus hatte einen nüchternen Hintergrund: Die Weltwirtschaftskrise hatte in den USA das dringende Bedürfnis nach billigem Wohnraum geweckt. Ideen für leistbare Einfamilienhäuser waren gefragt.

Kiesler, geprägt vom Wohnbau des roten Wien der frühen 1920er- Jahre, wollte das Soziale mit dem Unendlichen koppeln: in Serie produzierte Raumkapseln, die sich im Inneren wie Zellen eines Organismus an die Bewegungen ihrer Bewohner anpassen. „Ein Haus ist die Summe jeder möglichen Bewegung, die sein Bewohner in ihm ausführen kann!“ Tragende Stützen waren passé, Boden, Wand und Decke sollten nach dem Prinzip Eierschale aus einer einzigen dünnen gekrümmten Material gefertigt werden. Im Inneren waren die Räume nur durch Vorhänge abgeteilt.

Utopie und Gesamtkunstwerk

„Mit diesem radikal modernen Design hat Kiesler den Bauhausgedanken in die USA exportiert“, sagt Monika Pessler, Direktorin der Wiener Kiesler-Stiftung, deren Space House-Ausstellung vorige Woche eröffnet wurde. „Die Utopie und das Gesamtkunstwerk waren bei ihm stets an den Gebrauchswert gebunden.“

Der Name Space House war Programm: „Der Raum dazwischen war ihm mindestens so wichtig wie das Objekt selbst.“ Mit dieser freien Form entfernte sich Kiesler immer mehr vom Internationalen Stil, dem Hauptweg der Architektur, die zu dieser Zeit schon in Richtung Massenproduktion abbog. Dem Motto „form follows function“ setzte er sein eigenes entgegen: „Die Funktion folgt der Vision. Die Vision folgt der Realität.“

Das Space House wurde nach wenigen Monaten abgebaut und blieb unbewohnte Vision. Für Kiesler, stets mehr der reinen Idee verhaftet als ihrer Umsetzung, kein großer Rückschlag. „Er kam vom Theater - daher war ihm das Arbeiten mit Modellen, Kunsträumen und Mikrokosmen vertraut“, erklärt Monika Pessler. Kiesler blieb im spannungsgeladenen Zwischenraum von Architektur, Kunst, Theater und Design. 1940, Generationen vor den computergenerierten biomorphen Blobs der heutigen Stararchitekten, schrieb er über „Architecture as biotechnique“ und organisches Bauen.

Zehn Jahre später war er in der Unendlichkeit angekommen: Das Endless House perfektionierte die Rundungen des Space House zu einem embryonalen Gebilde, in dem die Räume fließend ineinander übergingen. Auch das Endless House sollte, wie die Raumstadt, vom Boden losgelöst sein - und blieb Modell.

Dennoch - oder gerade deshalb - wurden Kieslers Raummodelle schon zu Lebzeiten von Künstlern und Architekten bewundernd aufgegriffen. Mit Surrealisten wie André Breton und Marcel Duchamp war er ebenso befreundet wie mit der nächsten Künstlergeneration der Pop-Art, Buckminster Fullers geodätische Kuppeln wurden in einem Atemzug mit dem Endless House genannt, und die wilden 1960er-Jahre brachten eine ganze Flut von schwerelosen Raumstädten, die Kieslers Pariser Regalsystem von 1925 bonbonbunt adaptierten.

Auch nach Österreich drang sein Ruf, getragen von Hans Hollein und Raimund Abraham, die ihn in New York besucht hatten. „Die Raumstadt, das Endless House, das war uns allen bekannt“, erinnert sich Architekt Heidulf Gerngross an die Studienzeit Mitte der 60er-Jahre in Graz. „Uns hat damals vor allem das Modulare fasziniert. Wir wollten das weiterdenken, in Serielle übersetzen, Häuser entwickeln, die man wie Autos produzieren kann.“

Wie die prominenten Preisträger des seit 1998 verliehenen Kiesler-Preises zeigen, ist der schwerelose Visionär, der 1965 starb, heute noch inspirierend - ob als Selbstbedienungsladen für Ideen oder Missing Link zwischen den Disziplinen. „Ich glaube, es ist vor allem das Modellhafte seiner Arbeit, das zum Weiterdenken und Weiterbauen anregt“, sagt Monika Pessler. So blieb das Space House, anders als Corbusiers Plan Voisin, bis heute unbeschädigt aktuell.

1. Februar 2012 Der Standard

Die Struktur der Arbeit

Möbelrutschen und Snowboarden. Das Innsbrucker Architektenbüro Bad Architects würde gerne ein Bürohaus bauen

Die Architekten Ursula Faix und Paul Burgstaller nennen sich mit hintergründiger Ernsthaftigkeit und Pokerface „Bad Architects“. "Bad ist ein vielschichtiges Wort. Wir finden „bad architecture“ spannend. Unsere Umgebung ist auch nicht perfekt und schön", sagt Ursula Faix.

Die angesprochene Umgebung ist Tirol. Nach Arbeit in internationalen Büros (Rem Koolhaas, Massimiliano Fuksas) haben die beiden für ihr Büro die strategische und geografische Mitte gewählt: Innsbruck. „Wir können in der Mittagspause snowboarden und um 14 Uhr wieder im Büro sein.“

Für Faix und Burgstaller teilt sich die Arbeit auf in Forschung, Lehre und die eigentliche Architektur. Das Büro ist das Labor, in dem jede Aufgabe analysiert wird. „Es ist nicht so, dass wir ein Flasche Wein aufmachen, etwas skizzieren und das dann den Mitarbeitern hinwerfen. Wir wollen genau wissen, warum das so oder so ausschaut.“

Strategie, nicht Gestus

Ob Raumplanung oder Inneneinrichtung - Architektur ist hier immer Strategie, nicht impulsiver Gestus. Für eine Südtiroler Gemeinde untersuchten sie das Für und Wider einer Ortsumfahrung, erhoben Verkehrsdaten und fanden eine ganzheitliche Lösung für den Ort. Noch wird mehr geforscht als tatsächlich gebaut, aber das soll sich bald ändern.

„Am liebsten würden wir ein Bürohaus bauen. Es ist sehr wichtig, wie Arbeit strukturiert ist und dass der Raum Arbeit beeinflussen kann. Viel mehr als beim Wohnbau, wo die Aneignung des Raumes Privatsache ist“, sagt Ursula Faix. „Natürlich forschen wir mit unserem eigenen Büro daran - wir stellen andauernd die Möbel um!“

28. Januar 2012 Der Standard

Graue Mäuse, weiße Elefanten

Sechs Monate vor der Eröffnung sind fast alle Olympia-Bauten in London fertig. Statt chinesischen Feuerwerks herrscht britischer Pragmatismus.

Als im August 2008 die Olympischen Spiele in Peking eröffnet wurden, staunte die Welt über das Vogelnest aus Stahl, das die Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron als einprägsame Ikone an den staubigen Rand der chinesischen Hauptstadt gesetzt hatten. Die Gastgeber waren stolz auf den prunkvollen Aufwand: 42.000 Tonnen Stahl für 14 Tage Weltöffentlichkeit. Was danach damit anzufangen war, interessierte vorerst niemanden. Einen Monat später rutschte die Welt in die Finanzkrise und sah verschwendungsfreudige Riesenevents von nun an mit anderen Augen.

Nächste Station: London, wo die Spiele in genau sechs Monaten am 27. Juli eröffnet werden. Die britische Hauptstadt hatte, wie in weiser Krisen-Vorausahnung, bereits 2005 ihre Bewerbung mit dem Aushängeschild der Sparsamkeit versehen. Schließlich war man ein gebranntes Kind, was die Erfahrung mit „White Elephants“ angeht, überdimensionierten Prestigebauten, die als finanzielle Altlasten in der Stadt herumstehen. Das PR- und Finanz-Desaster des Millennium Dome war noch in guter Erinnerung.

Stattdessen sollte die Spiele genutzt werden, um der Stadt Gutes zu tun: neue Infrastruktur wie die Crossrail-Bahnlinie, die Verwandlung des heruntergekommenen Lea Valley im Osten der Stadt zu einem riesigen Park. Anders als Peking muss London der Welt schließlich nichts mehr beweisen. Wichtiger als die zwei Wochen im Fokus der Weltöffentlichkeit war, was danach passiert.

Bestes Beispiel dafür: Das Olympiastadion, dessen letztes Stück Rasen bereits im April 2011 verlegt wurde. Hatte man für die Bewerbung beim IOC noch einen Entwurf der innovativen Foreign Office Architects verwendet, entschlossen sich die Londoner später, auf Nummer sicher zu gehen. Man beauftragte das Büro HOK/Populous, das bereits weltweit Sportbauten en masse errichtet hatte.

Schüssel mit Stricknadeln

Der Trick am Londoner Stadion: Stahl und Beton wurden auf ein Minimum reduziert, 20.000 der 80.000 Sitze lassen sich nach den Spielen wieder abbauen. Die Intentionen sind löblich. Das Resultat: ein zwar leichtes, aber kaum mehr als funktionelles Stahlgerüst, mehr Billy-Regal als Vogelnest.

Kein weißer Elefant - aber stattdessen eine graue Maus? Muss ein sparsames Stadion auch sparsam aussehen? Die Fachwelt war mehr als skeptisch. „Mit Stricknadeln umstellte Puddingschüssel“ war noch das gnädigste Urteil. Auch der Londoner Architekt William Alsop, Professor an der TU Wien, kritisierte zu Baubeginn den freudlosen Arme-Leute-Look. Für Alsop, der vor kurzem in einem Vortrag mit dem trotzigen Titel In Austere Times it's Time to Dream der resignierten Finanzkrisenmentalität eine Abfuhr erteilt hatte, gilt das auch heute noch.

„Es ist kein schlechtes Stadion, aber es birgt keinen Ahaeffekt“, sagt Alsop zum STANDARD. Rechtfertigt die Sparsamkeit nicht die Mittel? „Nein. Sehen Sie: Das neue Wembley Stadion von Norman Foster wurde noch in Zeiten des Booms gebaut, und es ist genauso langweilig. Das ist britisches Understatement: solide, aber ohne Seele. Außerdem können gute Architekten auch mit begrenztem Budget etwas Tolles leisten. Ein Olympiastadion baut man schließlich nur einmal, also sollte es die Menschen begeistern! Aber hier war das einzige Motiv die spätere Reduktion der Größe. Klar: Niemand will einen Weißen Elefanten, aber bei Olympischen Spielen ist das unvermeidlich.“

Einen Kandidaten dafür gibt es inmitten all der Provisorien und Wiederabbaubarkeit: das Aquatic Center von Zaha Hadid. Dieses war schon stolzer Teil der Olympia-Bewerbung gewesen und ruft mit seinem geschwungenen Dach das gewohnte Hadid'sche Assoziationsfeuerwerk (Stachelrochen, Wal, Welle) hervor. Noch wird die elegante stützenfreie Schwimmhalle mit ihren Sprungtürmen aus Sichtbeton (Baukosten 325 Millionen Euro) von zwei dreieckigen Keilen plump in die Zange genommen wie eine Yacht im Trockendock, nach den Spielen werden die beiden Tribünen abgebaut und der Zwischenraum verglast.

Die Synthese aus der sparsamen Vernunft des Stadions und der großen Geste à la Hadid gelang beim Velodrom von Hopkins Architects, das sich die Materialersparnis und Eleganz des Fahrrads zum Vorbild nahm. Noch dazu mit nur einem Dreißigstel der Stahlmenge, die Zaha Hadid für das Dach ihrer Schwimmhalle benötigte. Die Außenhaut aus 5000 Quadratmeter rotem Zedernholz erinnert an den glatten Holzbelag der Bahn im Inneren, laut den Planern die schnellste der Welt. Schön und sparsam zugleich - dank britischer Ingenieurkunst also keine Unmöglichkeit.

Ob graue Maus oder weißer Elefant - Beim Organisationskomitee LOCOG ist man zufrieden: Die meisten Bauten wurden rechtzeitig oder sogar früher als geplant fertig und konnten die Baukosten halten (wenn auch das 2005 anvisierte Gesamtbudget von 2,4 Milliarden Pfund sich inzwischen fast vervierfacht hat). So kann man sich in den Monaten vor der Eröffnung schon um das Danach kümmern: Für die Nachnutzung der Bauten wurde eigens die Olympic Park Legacy Company gegründet, die Interessenten für das Stadion haben sich bereits beworben.

„Die Londoner sind stolz, weil die Organisatoren sehr gute Arbeit geleistet haben“, gibt auch William Alsop zu. „Ich glaube, sie freuen sich vor allem auf die Zeit danach, auf eine Stadt, die durch die Spiele noch besser geworden ist als vorher.“

25. Januar 2012 Der Standard

Sichtschutz und Fenster

Ob für Stadtrandbewohner oder Schubhäftlinge: Für die Wiener SUE Architekten zählt das Maß von Privatheit und Öffentlichkeit

Dass die Menschen ihre Ruhe haben wollen, ist eine unumstößliche Wahrheit, die der von Glas und Transparenz schwärmende Architekt oft übersieht. Er baut ihnen Reihenhäuser mit zaunlosen Gärten, die dann flugs mit halbtoten Koniferen und Baumarktgerümpel blickdicht zugestellt werden.

Nicht so die Ende 2011 erbaute Wohnanlage in Wien-Aspern von SUE Architekten: Um trotz der geforderten Bebauungsdichte genügend Privatheit zu bieten, versetzten sie die Reihenhäuser zueinander und umrahmten die Gärten mit soliden Holzzäunen.

„Nach innen hat es so eine fast dörfliche Identität - zur Straße hin gibt es dafür breite Balkone und Fensterfronten“, erklärt Architekt Harald Höller. Zusammen mit den Kollegen Michael Anhammer und Christian Ambos fungiert er seit 2006 unter SUE. Der apart-feminine Name steht dabei ganz seriös für Strategie und Entwicklung.

Bei ihren Innenausbauten wie dem dezent renovierten Gmoa-Keller haben die Architekten gezeigt, wie man Räume so teilt, dass man sich intim und ungestört genauso wie kollektiv daran erfreuen kann.

Beim preisgekrönten Gemeindehaus in Ottensheim bei Linz verpassten sie dem Gemeindesaal eine öffenbare Glasfront zur Straße und machten ihn so zum Teil des öffentlichen Raumes.

Ein ähnlich demokratisches Schaufenster wird Teil des jüngsten SUE-Bauwerks sein, dessen Spatenstich im März ansteht: das Schubhaftzentrum im steirischen Vordernberg. Der Bürotrakt, in dem Asylfälle verhandelt werden, wird von der Straße direkt einsehbar sein: „So bringen wir die Öffentlichkeit hinein. Die Verhandlungen sollen schließlich nicht im Keller stattfinden.“ Raumhohe Fensterrahmen und Möbel aus Vollholz vermitteln Wertigkeit und Würde für den Lebensraum der 220 Insassen.

„Sichtbeton wäre hier das falsche Material gewesen“, so die Architekten. Für die Ruhe in seelischen Extremsituationen wurden die Zellen um grüne Innenhöfe gruppiert, Mauern und vergitterte Fenster vermieden. „Wir wollten jegliche Gefängnisrhetorik unbedingt vermeiden.“ Egal ob Schubhäftling oder Stadtrandbewohner - das Wichtige, so die drei Jungs namens SUE, sei letztendlich, ob man jemandem etwas schenkt, womit man ihn erziehen möchte, oder etwas, worüber er sich freut.

14. Januar 2012 Der Standard

Erst reden, dann bauen

Raus aus dem Elfenbeinturm: Katharina Bayer und Markus Zilker vom Büro einszueins entwickeln Häuser aus der Kommunikation

Nein, mit einer „gerechten Punkteteilung“ im Fußball habe der Name nichts zu tun, sagt Katharina Bayer lachend. Die Frage werde zwar oft gestellt, aber einszueins steht bei den Architekten für den Dialog auf Augenhöhe zwischen ihr und Partner Markus Zilker (beide Jahrgang 1975) und zwischen den beiden und ihren Auftraggebern. „Und wir hatten von Anfang an das Ziel, unsere Projekte auch wirklich 1:1 zu bauen.“

Die Bauten entstehen bei einszueins nicht im Elfenbeinturm, sondern aus der Lust an der Kommunikation. Da kann es schon einmal sein, dass ein Kunde in einem umfangreichen Fragebogen um Auskünfte über seine Lebensziele und über die Atmosphäre, die er sich in seinem Haus wünscht, gebeten wird.

Bewohner planen mit

Mit dem Bauen im Maßstab 1:1 hat das 2006 gegründete Büro bald angefangen: Einfamilienhäuser, zwei filigrane, aufgestelzte Badehäuser an der Donau, bald auch geförderter Wohnbau. Die neueste und größte Aufgabe entsteht demnächst am Wiener Nordbahnhof: Unter dem Namen „Wohnen mit uns!“ tat man sich mit dem Verein Wohnprojekt Wien und dem gemeinnützigen Bauträger Schwarzatal zusammen. Der Verein wünschte sich Wohnen auf eigenem, gemeinsamem Besitz.

Nachdem 2010 der Bauträgerwettbewerb gewonnen wurde, ging es an die Kommunikation mit den zukünftigen Bewohnern der 40 Wohnungen. „Wir haben uns mit jedem der Bewohner einzeln zusammengesetzt. Jeder konnte seine Wohnung mitplanen. Wir haben die Statik so flexibel gehalten, dass auch Fenster und Wände den Wünschen angepasst werden konnten“, erklärt Katharina Bayer.

Allerlei Draufgaben

Als Bonus gibt es Carsharing, Gemeinschaftsküche und ein Dachgeschoß mit Garten, Sauna, Bibliothek und Aussicht für alle. Die Wohnungen waren im Nu vergeben, 2013 können die 55 Erwachsenen und 20 Kinder denn auch wirklich einziehen.

Ist der Aufwand an zu leistender Kommunikation nicht zeitraubend und anstrengend? „Nein,“ sagt Katharina Bayer, „wir haben für uns entschieden, dass wir keine Weltstars werden müssen. Wir definieren uns über Beziehungen zu anderen und über unsere eigene Zufriedenheit, die sich daraus ergibt.“

28. Dezember 2011 Der Standard

Mehrwert im Süden

Baukultur in Kärnten: Die Spado-Architekten aus Klagenfurt verbinden mit ihren offenen Räumen Funktion und Ästhetik

Was tut man, wenn die Konkurrenz zwar nicht riesig ist, aber die Nachfrage begrenzt? Man kann kooperieren, sich spezialisieren oder informieren. Harald Weber und Hannes Schienegger von Spado- Architekten aus Klagenfurt haben sich für alle drei Varianten entschieden. „Kärnten ist für junge Büros ein guter Standort zum Starten, aber die Kaufkraft ist hier begrenzt. Wir kämpfen täglich darum, dass es weitergeht - aber es geht“, sagt Hannes Schienegger.

Bei der Planung des Blumenhotels in St. Veit / Glan kooperierte das 1999 gegründete Büro mit den lokalen Architektenkollegen von Ogris&Wanek. Landschaftsarchitekt Hannes Schienegger brachte die Spezialisierung auf Freiraum gleich mit ins Projekt. „Diese enge Verknüpfung ergibt einen Mehrwert“, sagt Schienegger. „Die Zukunft geht immer mehr in Richtung Verdichtung, und dadurch werden die Außenräume wichtiger.“

Um Öffentlichkeit und Bauherren davon zu überzeugen, engagieren sich Spado beim Haus der Architektur Kärnten und bringen Baukultur-Diskussionen in Gang. Probleme mit Bauherrn gibt es jedoch selten. Als Paradebeispiel gilt der 2011 fertiggestellte Erweiterungsbau für die Baufirma Bau Sallinger in Liebenfels, der dem bestehenden Satteldachhaus vor die Nase gesetzt wurde. Die perforierte und aufgeschnittene Betonhülle steht als Sicht- und Sonnenschutz frei vor der Glasfassade. „Heutzutage sieht man vor lauter Wärmedämmung oft die Konstruktion nicht mehr. Wir haben sie nach außen gestellt und ihr zusätzliche Funktionen gegeben.“

Mehr Schichten Fassade, Mehrwert im Raum: Programm bei den pragmatischen Poeten von Spado. „Bei jeder Aufgabe geht es uns darum, die Welt etwas besser zu verstehen, dazuzulernen.“

17. Dezember 2011 Der Standard

Vom Broadway zum Radweg

Die USA entdecken die öffentlichen Räume und Innenstädte wieder. Ganz vorn dabei: New York, wo man heftigst über das Fahrradfahren diskutiert.

Bill Cunningham kann man guten Gewissens als Original bezeichnen. Seit über vier Jahrzehnten knipst der jungenhaft wirkende 82-Jährige, stets in einen blauen Arbeitskittel gekleidet, als Modefotograf für die New York Times auf Manhattans Straßen Passanten, deren vermeintliche Alltagsmode kurz darauf regelmäßig zum weltweiten Trend wird. Originaler noch: Er bewegt sich durch diese Straßen ausschließlich auf dem Fahrrad, eine Fortbewegungsart, die im Big Apple allenfalls als schrullig, vor allem jedoch als selbstmörderisch galt - jedenfalls bis vor kurzem. Denn Bill Cunningham ist nicht mehr allein.

Mehr als 400 Kilometer Radwege hat die energische Verkehrsstadträtin Janette Sadik-Khan seit ihrem Amtsantritt 2007 durch die Stadt legen lassen, und keineswegs nur Freizeitstrecken in den Suburbs: Kreuz und quer durchs chaotische Manhattan wurden grüne Streifen auf den Asphalt gemalt, ein Bike-Sharing-System wird 2012 folgen. Seit 2000 hat sich die Anzahl der Radfahrer mehr als verdoppelt. Die Radoffensive ist Teil des ambitionierten PlaNYC-Programms von Bürgermeister Michael Bloomberg, mit dem unter anderem die CO2-Emissionen New Yorks bis 2013 um 30 Prozent gesenkt werden sollen.

Seitdem laufen die Debatten auf vollen Touren, kein Wunder in einer Stadt, in der jeder Quadratmeter Straßenraum kostbar ist. Die Zeitungen veröffentlichen im Wochenrhythmus seitenlange Hymnen oder Tiraden. Der Kolumnist des New Yorker klagte, wenn er abends mit seinem alten Jaguar nach Manhattan zum Essen fahre, finde er nun keinen Parkplatz mehr. Der europaerfahrene Architekturkritiker der New York Times radelte derweil im Tandem mit der Verkehrsstadträtin stundenlang euphorisiert durch die Stadt. Der Ex-Talking-Heads-Sänger und bekennende Fahrradfan David Byrne tat es ihm gleich.

Die Gegner wittern Platz- und Geldverschwendung. Die Befürworter verweisen darauf, dass das gesamte 16-Millionen-Dollar-Radwegeprogramm gerade mal ein Dreißigstel der Sanierung der Brooklyn Bridge kostet. Die Radler schwärmen von besserer Luft und einer völlig neuen Stadterfahrung, die Gegner verfallen in mitunter bizarre Nostalgie und sehnen sich zurück nach ihrer Großstadtkindheit zwischen Spritzen, Ruß und Abgasen, als noch nicht alles so grün, so sicher und so langweilig war.

Kein Wunder: Fahrradfahren als Massenphänomen ist in einem Land, das seit Jahrzehnten komplett auf das Auto zugeschnitten ist, etwas völlig Neues, selbst im progressiven New York. Mit typisch amerikanischem Enthusiasmus will man jetzt den Rückstand aufholen.

Noch grüner als grün

„Ich habe den Eindruck, Amerika will im Moment so grün sein, dass es grüner nicht geht“, vermutet auch Architekt Gerhard Abel vom Wiener Büro pla.net architects. Wenn es nach ihm geht, wird es sogar noch viel grüner: Sein Büro gewann im September den Ideenwettbewerb „Closing The Gap“ zur Vervollständigung des letzten noch fehlenden Stücks Uferweg um Manhattan - den East River Greenway.

Der Wunsch, dem durch eine Stadtautobahn vom Wasser abgeschnittenen Viertel den dringend benötigten Freiraum zu verschaffen, war 18 Jahre lang unerfüllt geblieben. Durch den lukrativen Verkauf eines städtischen Grundstücks an die Uno rückt der Plan nun in greifbare Nähe. Die Wiener Architekten gingen gleich in die Vollen: Sie schlugen vor, den gesamten Arm des East River als Strömungskraftwerk zu nutzen und mit einem Park inklusive See zu überplatten. Nicht nur lückenloses Radeln um die Insel also, sondern noch dazu Surfen im Schatten des Chrysler Building und danach mit der Expressfähre zum Flughafen.

„Wir wollten eine große Lösung“, sagt Gerhard Abel. Von Realisierung ist zwar noch keine Rede, aber im grünbegeisterten New York scheint zurzeit vieles möglich. Der sensationelle, weltweit publizierte Erfolg des High Line Parks auf einem ehemaligen Bahnviadukt im Meat Packing District hat nicht nur Ökobohemiens und Designer begeistert, sondern auch Dollarzeichen in den Augen von Immobiliendevelopern aufblühen lassen. Rechts und links des Parks gentrifizieren sich die Stadtviertel in Lichtgeschwindigkeit, für die Umsetzung des dritten Abschnitts gab es diesen Herbst grünes Licht.

Ein paar Blocks weiter führte die heftig umstrittene Sperrung des Times Square für den Verkehr vor zwei Jahren entgegen allen Verödungsunkenrufen dazu, dass dieser heute zu den zehn begehrtesten Geschäftslagen des Planeten zählt, mit Mieten um die 10.000 Euro pro Quadratmeter.

Detroit als Fanal

„Der öffentliche Raum war bisher immer ein Stiefkind in den USA. Aber jetzt ist der ideale Zeitpunkt, das wollen alle ausnützen“, sagt Gerhard Abel. Nicht nur in New York: Die grün gefärbte Wiederentdeckung der Stadt ist ein landesweiter Trend. Das Fanal Detroit vor Augen, dessen Zentrum nach dem Niedergang der Autoindustrie zur Geisterstadt verkommen ist, suchen amerikanische Städte nach jeder Möglichkeit, zukunftsfähig und lebenswert zu bleiben.

So hat etwa Minneapolis trotz seiner eisig-kontinentalen Winter inzwischen den zweithöchsten Anteil an Fahrradpendlern in den Staaten. San Francisco testet seit 2010 ein intelligentes elektronisches Parksystem, das Autofahrer auf freie Plätze hinweist und Parkgebühren in Echtzeit nach Nachfrage regelt. Und am MIT erforscht Carlo Ratti, wie Stadt und Stadtbenutzer quasi als Gesamtorganismus via Sensorik laufend Informationen austauschen können, die beiden weiterhelfen.

Doch nicht alle profitieren von dieser zukunftsgewissen, abgasfreien Hightech-Welt: Auf der medialen Seite sezieren realistische und innovative Fernsehserien wie The Wire und Treme das komplexe soziale Geflecht des Niedergangs gebeutelter Städte wie Baltimore und New Orleans. In New York hinwiederum zeigen die am High Line Park entzündeten Debatten über die Aufwertung der letzten leistbaren Wohnviertel, dass die Schere zwischen Arm und Reich in den Städten immer weiter auseinanderklafft. Nur mit umgekehrten Vorzeichen: Heute sind es die begehrten Innenstädte, die für viele unbezahlbar werden, während die Suburbs am absteigenden Ast sind.

Für weitere heiße Debatten ist also gesorgt. Immerhin: Die Occupy-Bewegung zeigt, dass der Stadtraum mehr sein kann als sterile Plazas zwischen Highways, nämlich ein politischer Raum.

14. Dezember 2011 Der Standard

Ein Kreuz mit fünf Ecken

Kreuz im hellen Licht: Die Kapelle im Seelsorgezentrum für die Voestalpine Linz.

Die x-Architekten aus Linz schälen Räume aus der Landschaft und verstecken helle Kerne in dunklen Schalen. Ganz neu: eine Seelsorgestelle

Linz - Es ist einer der einfachsten Büronamen aller Zeiten, den sich die „x-Architekten“ Bettina Brunner, David Birgmann, Rainer Kasik, Max Nirnberger und Lorenz Promegger gaben, als sie sich nach dem Studium in Graz zusammenschlossen. Das „x“ steht für sie als Variable für eine Summe aus fünf Teilen. Dem Standort Linz ist man nach dem ersten erfolgreichen Projekt, einem in Gold gehüllten Möbelhaus in Freistadt, hinterhergezogen.

Seit 2003 gibt es auch eine Zweigstelle in Wien, „der Hauptstandort ist aber definitiv Linz“ , wie David Birgmann betont. Nach etwas mehr als zehn Jahren hat das Quintett (Jahrgang 1967 bis 1973) ein beachtliches Werk vorzuweisen. Auf einen formellen Stil will man sich nicht festlegen, arbeitet aber immer wieder mit Flächen, die sich wie Schollen aus dem Gelände auffalten oder sich darüber wie kantige Vorhänge drapieren, und hüllt gerne helle und warme Wohnräume in Fassaden aus edlem Schwarz.

Eng mit der Landschaft verschränkt ist das neueste Werk von x-Architekten: die im Sommer eröffnete Seelsorgestelle „Treffpunkt Mensch und Arbeit“ der Diözese Linz. Der Ort war denkbar unwirtlich: Eine Schlackehalde zwischen Bahn und Stadtumfahrung auf dem Areal der Voestalpine. Die Architekten bauten nicht in die Höhe, sondern setzten eine blick- und lärmgeschützte Oase ins Gelände. „Wir haben die Räume aus dem Erdreich freigeschürft und so eine höhlenartige Form gewonnen“ , erklärt Birgmann. Nach außen schlackig-rauh, im Inneren wärmen dafür lange Lichtbänder und Flächen aus weißlackierten Fichtenbrettern die Stahlarbeiterseelen.

Stille Einkehr kann eben auch hinter der härtesten Schale Einzug halten.

26. November 2011 Der Standard

Im Land der Königskunden

Der Bauherrenpreis rollt den Auftraggebern der Architektur einen Teppich aus und zeigt zugleich einen Querschnitt durch das Bauen in den Bundesländern.

Fragt man Architekten nach ihren Traum- und Wunschprojekten, erhält man erstaunlich oft, viel öfter als „Konzerthaus, Museum, Turm in Dubai!“, die Antwort, man wünsche sich eigentlich am liebsten einen Traumbauherren, der weiß, was er will und über Sinn für Architektur verfügt. Man will verstehen und verstanden werden, man will eine Aufgabe lösen, man will kooperieren. Architektur entsteht nicht solo auf der Tabula rasa, es gehören immer zwei dazu.

Dass neben den Architekten auch die andere Hälfte dieser Partnerschaft geehrt wird, darum kümmert sich seit 1967 einmal jährlich der österreichische Bauherrenpreis, der vorige Woche von der Zentralvereinigung der Architekten (ZV) in Klagenfurt verliehen wurde. 37 Nominierungen und fünf Preisträger wurden unter den 123 eingereichten Bauten aus allen Bundesländern gekürt. Die dreiköpfige Jury (Otto Kapfinger, Eva Rubin und Jurij Sadar) hatte dafür über 2000 Kilometer zurückgelegt, um alle nominierten Projekte inklusive ihrer Bauherren und -damen vor Ort unter die Lupe zu nehmen.

Das Spektrum reichte dabei von handgefertigten Low-Budget-Umbauten bis zu landesbehördlichen Großprojekten. Nebenbei bietet es einen hervorragenden Überblick über den gegenwärtigen Stand der Baukultur in Österreich.

Die mit Abstand größte bauherrliche Leistung wurde im Auslober-Bundesland Kärnten gekürt: Der Neubau des Klinikums Klagenfurt, seit 2010 das drittgrößte Krankenhaus Österreichs. „Das Klinikum ist ein irrsinnig komplexer Bau. Für Kärntner Verhältnisse ist das nicht selbstverständlich, dass ein europaweiter Wettbewerb erfolgreich umgesetzt und gegen politische Widerstände durchgebracht wird“, erklärt ZV-Kärnten-Vorsitzender Reinhold Wetschko die Jury-Entscheidung.

Über zehn Jahre wurde an dem 327-Millionen-Euro-Projekt geplant, entschieden und gebaut, drei Architekturbüros - Dietmar Feichtinger, Priebernig „P“ und Müller & Klinger/Architects Collective - waren beteiligt. Der preiswürdige Aspekt, eben keinen Krankenhausmoloch aufzutürmen, sondern einen maximal dreigeschossigen Komplex, dessen große Fensterflächen sich um Gärten und Höfe gruppieren, wie eine Ziehharmonika aufzuspannen, blieb bis zum Schluss erhalten. „Es war ein permanenter Prozeß zwischen Architekten und Nutzern, ein gegenseitiges Geben und Nehmen“, freut sich Bruno Roland Peters, Betriebsdirektor des Klinikums. „Die Grundsatzentscheidung für einen Neubau anstatt der aufwändigen Sanierung des alten Krankenhauses mit seinen mehr als zwei Dutzend Einzelpavillons hat sich als richtig erwiesen.“

Am entgegengesetzten Ende des Größenspektrums und von Österreich ging ein Preis an die Artenne Nenzing in Vorarlberg. Die Bauherren Hildegard und Helmut Schlatter hatten für den Umbau einer Scheune zu einem Kulturort für Veranstaltungen und Ausstellung sogar eigens einen Architekturwettbewerb ausgelobt, den Hansjörg Thum aus Feldkirch gewann. Ohne die Grundsubstanz der Tenne anzurühren, wurde diese behutsam möbliert, ihr rural-rauer Charme durch Materialien wie unbehandeltes Stahlblech ergänzt.

Primus Oberösterreich

Eine erstaunlich hohe Anzahl an Einreichungen traf dieses Jahr aus Oberösterreich ein, und gleich zwei der fünf Preise gingen folgerichtig auch dorthin. „Ein gewisses Ungleichgewicht gibt es zwar immer, die Dichte und Qualität der Einreichungen aus Oberösterreich hat uns aber völlig überrascht“, berichtet Reinhold Wetschko, der die Jury begleitete.

In Linz wurde ein zweiter Umbau honoriert; dieser dauerte aber ungleich länger. 1999 hatte das Bankhaus Carl Spängler, Österreichs älteste Privatbank, die zwar privilegiert gelegene, aber heruntergekommene Immobilie aus dem 15. Jahrhundert am Hauptplatz erworben und einen jungen lokalen Architekten mit dem Umbau beauftragt. Es wurde eine intensive Zusammenarbeit, die fast zehn Jahre dauerte. „Das Haus war absolut desolat!“, erinnert sich Architekt Andreas Heidl. „In den letzten 200 Jahren hatte niemand auf die Primärstruktur Rücksicht genommen, das Gebäude war am Ende der Leistungsfähigkeit.“

Die Vorgaben: „Es sollte auf keinen Fall protzig und vergoldet sein, sondern funktionell, schlicht und einfach, passend zu unserem Kundensegment im Private Banking“, erklärt Spängler-Niederlassungsleiter Johann Penzenstadler. Mit gegenseitigem Vertrauen und beidseitiger Geduld machten sich Bauherr und Architekt daran, das sechs Meter schmale und 52 Meter tiefe Haus in mehreren Bauabschnitten sorgfältig zu füllen. Wände wurden entfernt, Technik diskret unter Holzböden versteckt, Fast-Einstürze verhindert.

„Vieles musste blitzschnell am Telefon entschieden werden“, sagt Heidl. Am Ende war sogar noch Platz übrig, der zu einem Ruheraum für die Mitarbeiter wurde.

Als einziger öffentlicher Bauherr wurde das Land Oberösterreich mit einem Preis bedacht. Für die Landwirtschaftliche Berufs- und Fachschule Ritzlhof (Architekten: Dickinger-Ramoni) wurde ein alter Vierkanthof mit einem Vierkant-Atrium ergänzt, um das sich helle Räume aus Holz - das Material war eine explizite Forderung des Bauherren - für die 600 Schüler gruppieren.

Begeisterung schließlich überkam die Jury auf 2000 Metern Seehöhe angesichts des Erlebniskomplexes „Freiraum“ an der Ahornbahn in Mayrhofen (Tirol) von M9 Architekten aus Innsbruck. Fern jeder Skihüttigkeit von der Stange ragt ein auskragender Balken aus Beton und Panoramafenstern weit in die hochalpine Luft. Der Beton für den Bau wurde ökologisch vorbildlich vor Ort erzeugt.

Fazit von Reinhold Wetschko: „Als Momentaufnahme österreichischer Architektur zeigen alle Einreichungen eine Qualität, die an sich schon preiswürdig ist.“ Ein ermutigendes Signal für die Bauherren der Zukunft.

23. November 2011 Der Standard

Gute Laune ohne Lederhose

Ulrich Stöckl und Michael Egger machen Baukultur am Rande Tirols und haben viel Spaß dabei

Die Region Kitzbühel gilt nicht gerade als Hort modernen Bauens. Auch das in den 1960er-Jahren gegründete Feriendorf Königsleiten (5000 Betten) zeigt sich als Sammlung ins Monströse aufgepumpter Rustikalität. Seit einem Jahr jedoch hat Königsleiten ein schnittiges Stück alpiner Baukultur: die Talstation der Seilbahn von Stöckl Egger und Partner (SEP).

„Wir haben den 17.000-Kubikmeter-Bau landschaftsschonend in den Berg integriert“, erklärt Michael Egger. „Auch das Material greift dessen Schichten auf: Sichtbeton, Naturstein und weißes Blech stehen für Fels, Geröll und Schnee.“ Darüber hinaus löst der Bau gleich noch das Park-, Fußweg- und Verkehrsproblem des Retortenortes. Sichtbeton statt Geranienbalkone? Kein Problem in Tirol, die Resonanz war positiv, sagt Egger. „Bei technischen Gebäuden wird Modernität hier sogar erwartet. Bei Wohnhäusern ist die Akzeptanz viel geringer.“

Nichtsdestotrotz haben Stöckl und Egger zusammen mit aufgeschlossenen Bauherren schon mehrere detailliert ausgetüftelte Wohnbauten geplant und gebaut. „Für das, was wir tun, gibt es in der Region eben wenig Konkurrenz. Wer etwas Modernes will, kommt zu uns. Die anderen machen dann die Lederhosenarchitektur.“

Gegründet würde das Büro 2004, als die beiden Schulfreunde (Jahrgang 1970) nach dem Studium in Graz zurückkehrten. „Am besten funktionieren wir eben im Gebirge“, lacht Ulrich Stöckl. Raum fand sich in einer alten Garage im Hofe der Egger'schen Tischlerei, die man mit Lamellen aus Holzresten des väterlichen Betriebs kostengünstig verkleidete.

Eine Freude am Material, die sich durch alle Bauten des jungen Büros zieht. Kein Wunder, denn das Arbeitsmotto lautet: gute Laune, lockere Atmosphäre. „Man verbringt ja mehr Stunden im Büro als in der Freizeit. Das geht nur, wenn es Spaß macht. Das kostet zwar Geld, aber am Ende ist das Ergebnis besser, und es zahlt sich immer aus.“

9. November 2011 Der Standard

Stromlinien in Form

Rames und Karim Najjar lassen sich für ihre Architektur vom Design von Yachten inspirieren. Und die Brüder planen diese gleich mit

Wenn Architekten anfangen, Yachten zu designen, haben sie in der Regel schon alles andere gebaut und gönnen sich nach der Pflicht die Kür des Entwerfens für einen Bekanntenkreis aus Scheichs und Microsoft-Bossen, in dem der Rotstift keine Rolle spielt. Ganz anders das 1999 gegründete Wiener Büro Najjar & Najjar: Für die Brüder Rames und Karim Najjar sind die schlanken Schiffe der Anfang.

Ihr erstes großes Projekt, der 2002 fertiggestellte schlauchförmige Neubau der Forschungsabteilung für Semperit in Wimpassing, zeigte mit seiner glatten, windschnittig modellierten Metallhaut schon den Weg auf. „Für die Konstruktion der doppelschaligen Wände und die Linien und Übergänge der Fassade haben wir auf das Know-how und den hohen Designanspruch des Bootsbaus zurückgegriffen“ , sagt Rames Najjar. Seitdem entwickelt man mit Schiffsbauingenieuren Yacht-Prototypen fürs Wasser und baut mit gleicher Freude am präzisen Detail an Land.

Eine perfekte Aufgabe für das Büro war daher das Welterbe- und Schifffahrtszentrum am Kremser Donauufer, das im September eröffnet wurde. Ein 80 Meter langer Stahlträger bildet ein neues Tor zu Stadt und Fluss und wirkt dabei durch seine scharfkantige Hülle leicht. Ist das Architektur, Design oder designte Architektur? „Im Deutschen klingt der Begriff Design immer etwas frivol, wenn Architekten ihn benutzen. Aber für uns ist daran nichts Überflüssiges“ , erklärt Rames Najjar.

Denn hinter den glatten Flächen steht das Prinzip des Forschens und Erfindens. Das zeigen die Studien von kleinen, fast fragilen Raumobjekten, „Kinetics“ genannt, die Najjar & Najjar neben dem Bauen anfertigen. „Diese Experimente sind Statements über das, was wir architektonisch für richtig halten. Wie Räume, die sich von innen durch Bewegung oder von außen durch die Kräfte der Natur permanent verändern.“

Verändert hat sich auch das Büro: Seit 2009 gibt es eine Filiale in Beirut, die ersten Bauten in Nahost sind schon im Entstehen. Und ein Yachthafen ist, für alle Fälle, auch vorhanden.

2. November 2011 Der Standard

Ideen in Bewegung

Freiraum im Gefängnishof, Freiheit für den Donaukanal: Gabu Heindl forscht theoretisch und plant praktisch, wie man Räume benützt

Dass eine Basis in den Theorien von Architektur und Urbanismus nicht bedeutet, dass man sich nur mit Gleichwissenden im Elfenbeinturm aufhält, zeigt das Werk der Wiener Architektin Gabu Heindl. Einerseits in der Uni-Welt (Akademie der bildenden Künste Wien, Rotterdam, Princeton) zu Hause, hat sie ebenso ein umfangreiches OEuvre an konkret fassbarer Architektur realisiert.

Für Heindl kein Widerspruch: „Forschen und Vermitteln ist für mich Teil der Architektur. Ob Theorie oder Praxis: Man braucht für beides Konzept, Haltung und Humor.“ Paradebeispiel: Die 2010 fertiggestellte Möblierung des Männerhofs der Justizanstalt Krems. In den engen, dunklen Raum, der kleiner als ein Kinderfußballfeld ist, faltete sie ein ebensolches aus Kunstrasen hinein, das am Rand aufrollend zur Parkbank wird und dort, wo es sich nicht mehr ausgeht, einfach die Wand hinaufläuft: Gesellschaftskritik mit Sitzkomfort. Neben einer Faszination für das Thema Film (sie realisierte den Umbau des Filmmuseums und einen Filmpavillon auf der Biennale Venedig) ist ihr Kernthema die Reflexion darüber, für welche Menschen man baut, wie sie sich durch Räume bewegen und warum.

Die nächsten Schritte zur Destillierung der Theorie in die Praxis stehen fest: Für den Neubau des Evangelischen Gymnasiums Donaustadt werden neue pädagogische Konzepte mit den Lehrerinnen entwickelt, und den Wettbewerb, Gestaltungsregeln für den Wildwuchs am Donaukanal zu finden, gewann sie soeben zusammen mit Susan Kraupp. Ihre Idee: Bereiche des gastronomisch überlasteten Ufers für Nichtbebauung offenzuhalten. Bewegungsfreiheit für alle.

29. Oktober 2011 Der Standard

Wenn Städte zu Donuts werden

Auf der ersten österreichischen Leerstandskonferenz wurde nach Strategien gegen die Verödung der Innenstädte gesucht

Wenn Handelsbetriebe auf die grüne Wiese wandern und die Mitte sich leert, wird das für Kleinstädte bald zur Existenzfrage. Die erste österreichische Leerstandskonferenz suchte nach Strategien gegen die Verödung.

Staubige Auslagen in brandneu gepflasterten, aber menschenleeren Straßen im Ortskern. Baumarkt, Lagerhaus, Getreidesilos und schäbige Einkaufszentren entlang der Bundesstraße am Ortsrand. Ein Bild, das landauf, landab wiederkehrt. Mag der gewerbliche Leerstand in den Wiener Einkaufsstraßen noch ein ästhetisches Problem sein, wird der Exodus bei Handelsflächen in kleineren Gemeinden schnell zur Existenzfrage. Ziehen Frequenzbringer wie Apotheken oder Bäcker weg, verödet das ganze Zentrum.

Ob und wenn ja wie hier gegenzusteuern ist, damit beschäftigte sich vorige Woche die erste österreichische Leerstandskonferenz im oberösterreichischen Ottensheim. Initiiert von den umtriebigen Architekten von nonconform, kam ein breites Teilnehmerfeld aus Architektur, Raumplanung, Verwaltung, Stadtmarketing und Wirtschaft aus Österreich und Deutschland zusammen.

Regionen bluten langsam aus

Was dabei schnell klar wurde: Den Österreichern geht es hier noch verhältnismäßig gut. Ostdeutsche Städte wie Leipzig verzeichneten einen Leerstand von 60.000 Wohnungen. Im ländlichen Bereich, der rapide überaltert, kommt es schnell zum „Donut-Effekt“, wie Hilde Schröteler- von Brandt, Professorin an der Uni Siegen, erklärte. Gerade die identitätsprägenden Ortszentren entleerten sich zuerst. Wo die Einwohner fehlen, rutschen auch die Handelsflächen mit ins Donut-Loch. Wenn wie in Südwestfalen ganze Regionen langsam ausbluten, hilft auch ein auf Konkurrenz setzendes Stadtmarketing nicht mehr viel - die Erfolge liegen hier in der Vernetzung.

Wesentliches Erfolgskriterium dabei: ein fundiertes Leerstandsmanagement. Das heißt, Daten zu erheben und verfügbar zu machen, um überhaupt ein Bewusstsein für das oft viel zu lange verdrängte Problem entstehen zu lassen. Erst dann kann der Markt wieder belebt werden. In Waidhofen/Ybbs bemerkte man bei der Vorbereitung zur Landesausstellung 2007, dass das Stadtzentrum zwar prachtvoll saniert und hübsch anzusehen, aber fast ausgestorben war. Der als Alarmsignal geltende Prozentsatz von 20 Prozent gewerblichen Leerstands war nahezu erreicht. Als Gegenmaßnahme beschloss die Gemeinde einen Mietzuschuss für Handelsflächen bis 150 Quadratmeter in den ersten drei Jahren. „Anfangs gab es dagegen Proteste der alteingesessenen Betriebe“, berichtet Johann Stixenberger, Unternehmer und Berater der Stadterneuerung in Waidhofen. „Als der Leidensdruck hoch genug war, haben auch sie eingesehen, dass etwas geschehen musste.“

Überregulierung als Hindernis

Für Interessenten richtete die Stadt eine Hotline ein, um Informationen über verfügbare Objekte zu erleichtern. „Vorher musste man fünfmal herumtelefonieren, um überhaupt den Eigentümer herauszufinden“, sagt Stixenberger. Mit dieser provisionsfreien Transparenz mache man sich bei den Maklern zwar keine Freunde, diese seien aber ohnehin nur an Gesamtobjekten und kaum an der Vermarktung einzelner Ladenflächen interessiert.

Ein speziell österreichisches Hindernis dabei: Die Überregulierung durch Denkmalschutz, Brandschutz und Bauordnungen macht schnelle, niedrigschwellige Verbesserungen fast unmöglich. Fraglich bleibt, ob kommunale Mietzuschüsse, wenn überhaupt leistbar, langfristig Erfolg haben.

Klar ist: Was letztendlich zählt, ist der Umsatz der Ladenbesitzer. „Dazu braucht man Frequenzverstärker wie Bäcker, Café, Arztpraxen und auch Schulen. Die machen 50 Prozent der Tagesfrequenz aus“, erklärt Stixenberger. Doch trotz Finanzspritzen und Anreizen geht ohne Beteiligung der Bevölkerung nichts. Temporäre Nutzungen, wie in Stadt Haag oder Ottensheim, das trotz Leerstands aufgrund der Nähe zu Linz noch relativ gut dasteht, helfen bei der Initiative und Bewusstseinsbildung. Ob jedoch die Kaufkraft von der grünen Wiese irgendwann wieder ins Zentrum zurückschwingt, bleibt abzuwarten.

29. Oktober 2011 Der Standard

Die Natur imitieren

Der malaysische Architekt Ken Yeang plant seit 40 Jahren grüne Städte und Wolkenkratzer. Ein Gespräch über die Frage, wann ökologisches Bauen wirklich ökologisch ist.

STANDARD: Sie haben sich schon in den 70er-Jahren mit ökologischem Bauen beschäftigt, als das noch niemand tat. Wie kam das?

Yeang: Ich forschte damals an der Universität Cambridge über Buckminster Fuller. Nach sechs Monaten sagte ich zu meinem Chef: „Ich glaube, ökologisches Bauen muss dringend entwickelt werden“. Er sagte: Gut, dann tun Sie das. Also ließ ich das Projekt sein, dissertierte über grünes Bauen, und gründete ein Jahr später mein Büro. So wurde die Ökologie zum Leitthema meines Lebens.

STANDARD: Was genau macht ökologisches Bauen ökologisch?

Yeang: Der ganzheitliche Blick. Viele reden von grünem Design, CO2-neutralem Design, Design gegen Klimawandel und so weiter. Aber wir dürfen das Ziel nicht aus den Augen verlieren, und das Ziel ist die Umwelt als Ganzes.

STANDARD: Sie haben einmal den Begriff Eco-Mimicry geprägt. Was heißt das genau?

Yeang: Sehen Sie, die Natur an sich existiert immer in einem stabilen Zustand. Nur durch uns Menschen werden diese Kreisläufe gestört - ökologisch, klimatisch und energetisch. Wenn wir aber die Arbeitsweise der Natur imitieren - und das nenne ich Eco-Mimicry - kommen wir einer stabilen Umwelt wieder näher.

STANDARD: Was müssen wir dafür tun?

Yeang: Erstens: Energie. Die Natur nutzt nur solare Energie, keine fossilen Brennstoffe. Also sollten wir das auch nicht tun. Zweitens: Die Natur kennt keinen Abfall - das ist ein rein menschliches Phänomen. Wenn wir die Natur imitieren wollen, müssen wir also alles wiederverwerten, was wir produzieren.

STANDARD: Und können die Bauten die Sie entwerfen, das schon? Gibt es vollständig biologisch abbaubare Wolkenkratzer?

Yeang: Sie müssen nicht biologisch abbaubar sein, aber man kann sie so planen, dass man sie am Ende wieder auseinandernehmen kann - man nennt das „design for disassembly“. Wir haben das schon entwickelt, aber noch ist es zu teuer.

STANDARD: Wolkenkratzer dienen in erster Linie zur Profitmaximierung. Sind die Leute, die Wolkenkratzer bauen, an Ökologie überhaupt interessiert?

Yeang: Sie behaupten es zumindest. Man baut Wolkenkratzer, wenn der Boden knapp und teuer ist. Aber ab einer gewissen Höhe wird das eine reine Ego-Angelegenheit. Dann geht es nur darum, dominant zu sein. Die vernünftige Höhe liegt meiner Meinung nach bei etwa 60 Stockwerken. Was darüber hinausgeht, ist ineffizient und auch nicht ökologisch.

STANDARD: Wie überzeugt man egozentrische Kunden, wertvolle Nutzfläche für Pflanzen zu opfern?

Yeang: Das müssen wir gar nicht. Die Vorteile liegen auf der Hand! Pflanzen können ein Gebäude um zwei bis drei Grad herunterkühlen. Sie verbessern das Mikroklima und die Luftqualität. Und schließlich die Biophilie: Studien haben gezeigt, dass Patienten schneller gesund werden, wenn sie auf Pflanzen schauen statt auf eine kahle Wand. Und - was für die Auftraggeber wichtiger ist - in Büros mit Grünpflanzen fühlen sich die Leute wohler, sind produktiver, und es gibt weniger Krankmeldungen.

STANDARD: In Abu Dhabi entsteht zurzeit nach Plänen von Norman Foster mit Masdar eine komplett neue Stadt, die sich nur aus erneuerbaren Energien speist. Ist das der richtige Weg in eine grüne Zukunft?

Yeang: Eine grüne Stadt muss vier Aufgaben lösen können: Sie muss technisch CO2-neutral sein. Die Bewohner müssen selbst ökologisch verantwortungsvoll leben. Das Wasser braucht einen geschlossenen Kreislauf mit natürlich gereinigtem Abwasser. Dieses aber aus dem Meer zu nehmen, es zu entsalzen und durch die Wüste bis nach Masdar zu pumpen, ergibt keinen Sinn. Und schließlich bedarf es eines Netzes von Grünflächen. Masdar hat aber keine grüne Infrastruktur. Für mich ist das keine ökologische Stadt. Es ist technisch sehr clever gelöst, aber im Grunde ist es eine gute Idee am falschen Ort.

STANDARD: Was wäre ein besserer Ort?

Yeang: Wien zum Beispiel! In gemäßigten Zonen wie hier lebt die Hauptbevölkerung der Welt. Diese Bevölkerungsdichte finden Sie nicht in kaltem Klima oder in den Tropen und in der Wüste schon gar nicht. Sie haben ja in Wien sogar schon Häuser, auf denen Bäumen wachsen, von diesem Architekten - wie heißt er noch gleich?

STANDARD: Hundertwasser?

Yeang: Genau! Der österreichische Botschafter in Malaysia hat mir einmal ein Buch über ihn geschenkt.

STANDARD: Heutzutage wird alles Mögliche als grün und nachhaltig bezeichnet. Haben diese Begriffe überhaupt noch eine Bedeutung?

Yeang: Es gibt viel „Greenwash“, das heißt, das Thema Ökologie wird trivialisiert. Die Medien brauchen ab und zu ein grünes Thema, das dann sehr albern und oberflächlich abgehandelt wird. Und die Projektentwickler benutzen den Begriff als Köder, um ihre Immobilien besser verkaufen zu können. Aber die Architekten sind oft noch schlimmer!

STANDARD: Warum das?

Yeang: Es gibt diese „green wannabes“, die behaupten, sie würden grün bauen, weil ihr Gebäude LEED-platinzertifiziert ist und basta. Aber das reicht nicht. Ich will nicht über einzelne Kollegen herziehen, und diese Bewertungssysteme sind auch sinnvoll, aber sie bestehen nur aus unvollständigen Einzelaspekten. Ein wirklich grünes Gebäude, so wie diese Architekten behaupten, gibt es noch überhaupt nicht.

STANDARD: Sie arbeiten jetzt seit fast 40 Jahren im Dienste des grünen Bauens. Können Sie sich schon optimistisch zurücklehnen? Hat die Welt die Botschaft verstanden?

Yeang: Ich denke, in den letzten zehn Jahren haben es plötzlich sehr viele Leute verstanden. Da hat ein Wandel eingesetzt. Also: Ja, ich bin optimistisch. Wir dürfen nur nicht genügsam werden und die Hände in den Schoß legen. Die Forscher müssen noch mehr forschen, die Ingenieure mehr entwickeln, die Architekten weiter grünes Bauen optimieren.

STANDARD: Also werden Sie vorerst nicht in Pension gehen.

Yeang: Oh nein! Ich bin erst vor kurzem in London Partner einer Firma geworden und pendle zwischen Großbritannien und Malaysia. Es gibt genug zu tun!

25. Oktober 2011 Der Standard

Räume voller „Rosen“

Heike Schlauch und Robert Fabach vom Bregenzer Büro raumhochrosen bauen für eine spezielle Kundschaft: Kinder und Singvögel

Bauen für Kinder gehört wohl zu den kompliziertesten, da vermeintlich einfachsten Aufgaben: Kreis, Dreieck und Quadrat in Rot, Gelb und Blau scheinen oft der leichteste, sind aber der banale, falsche Weg. Heike Schlauch und Robert Fabach vom 2001 gegründeten Büro raumhochrosen machen es sich nicht so einfach: Ihren Räumen für Kinder und Jugendliche gehen Befragungen der anspruchsvollen Klientel voran. Beim Mädchenzentrum Amazone in Bregenz gab es eine klare Absage an schweizerisch-sprödes Grau: Die Girls verlangten nach leuchtenden Farben - und bekamen sie.

„Uns hat immer interessiert, wie Kinder Räume wahrnehmen“, so Heike Schlauch. „Davon können wir etwas für unsere Arbeit lernen.“ Für die Kleineren entwarfen sie das übermütige „Kinderland“ in Bern, für die Älteren das dezentere Jugendinfozentrum in Dornbirn.

Holzbauklassiker für Menschen und Vögel

Der poetische Büroname passt zum Programm des Kleinen, aber Detaillierten: „raumhochrosen heißt, dass es über das Technische und Funktionelle hinausgehen soll. Wie ein Haiku, aus dem jeder etwas anderes herausliest: Wer mit uns baut, bekommt Räume voller Rosen.“ Ganz prosaisch sind die beiden aber auch in der Vorarlberger Architekturszene aktiv und vermitteln Wissen über dortige Holzbauklassiker, nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene.

Und sogar an Gefiederte, wie die augenzwinkernde Serie von Vogelhäusern (Maßstab 1:33), die sie 2006 von vier klassischen Ländle-Bauwerken anfertigen ließen. Mit Erfolg: „Vieles an den Häusern funktioniert auch im kleineren Maßstab für Vögel wie im Original für Menschen. Wir waren verblüfft, welche Resonanz das fand. Es kamen sogar Bestellungen aus Russland!“, erinnert sich Heike Schlauch. Für eine Neuauflage der vergriffenen Serie wird zurzeit gesammelt.

19. Oktober 2011 Der Standard

Von der Mur bis Manhattan

Büros in drei Städten, Bauten von S bis XL: Die Architektinnen mit dem affirmativen Namen „yes“ lassen sich in keine Schublade stecken

Die Zeit, als sich die Architektinnen Ruth Berktold und Marion Wicher beim Studium an der Columbia University in New York kennenlernten, liegt schon länger zurück. Seit 2002 sind sie in Graz und München tätig. Ein kleines Büro am Broadway leisten sich die beiden allerdings immer noch - aus Sentimentalität, und weil man die Tür zu den USA nicht ganz zustoßen will. An diesen drei Orten firmieren die beiden unter dem freundlichen Namen „yes architecture“. Denn: „,Yes!' ist der Ausruf in diesen euphorischen Momenten, wenn bei einem Projekt der Knoten aufgeht.“

Von Konferenzzentrum bis Einfamilienhaus

Nicht nur verschiedene Orte, auch unterschiedlichste Bauaufgaben prägen die Arbeit der affirmativen Architektinnen: Vom 120-Millionen-Mammutprojekt des UN-Konferenzzentrums in Bonn bis zum „Haus D“ für eine sechsköpfige Familie in der Steiermark. Letzteres ist zu 100 Prozent biologisch abbaubar: mit Hanf gedämmt, mit Lehm verputzt und - ganz amerikanisch - mit Zedernschindeln verkleidet. Damit schaffte es das Haus sowohl in eine Reihe schicker Publikationen als auch auf die Nominierungsliste des Steirischen Holzbaupreises.

Österreicher sind experimentierfreudiger

Anfangs gingen für die gemeinsame Arbeit noch etliche Autobahnkilometer drauf, heute teilen sich die beiden die Projekte auf. „Inzwischen verstehen wir uns blind“, sagt Marion Wicher. Offenen Auges dagegen sehen sie die Unterschiede zwischen den beiden Ländern: „In Österreich ist man experimentierfreudiger, da kann's auch mal etwas schludrig sein, wenn das Konzept stimmt. Die Deutschen sind perfektionistischer, wertkonservativer.“

Missen möchten Berktold und Wicher die binationale Erfahrung auf keinen Fall: „Das Arbeiten in mehreren Ländern ist eine echte Bereicherung. Man geht die Dinge leichter an, fühlt sich nicht so leicht persönlich angegriffen.“

15. Oktober 2011 Der Standard

Turbine fürs Wohnzimmer

Ein mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnetes Kraftwerk zeigt, wie Architektur und Ingenieurbau in Eintracht zum Motor für eine idyllische Kleinstadt wurden.

Sanfte grüne Endmoränen, her-ber Bergkäse, das Märchenschloss Neuschwanstein, ein als eigensinnig und rebellisch geltender Menschenschlag und reichlich Regen: Für diese Dinge ist das Allgäu im Südwesten Bayerns bekannt. Ganz nebenbei sammelt das Allgäu aber auch preisgekrönte Architektur. Die jüngste dieser Auszeichnungen, der Deutsche Architekturpreis (zweiter Platz), wurde vorgestern, Donnerstag, feierlich vom Bundesbauminister verliehen. Sie ging an dasselbe Bauwerk wie schon die vorigen zwei Preise: an das Wasserkraftwerk in Kempten von Becker Architekten.

Kraftwerke sind für die 62.000-Einwohner-Stadt nichts Neues. Idylle und Industrie gehen im Allgäu seit langem Hand in Hand. Bereits 1852 kam die Eisenbahn, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt zum Zentrum der Textilindustrie. Die Energiequelle für die Maschinen wurde praktischerweise gratis vor die Haustür geliefert: Die Iller, der Fluss mit dem steilsten Gefälle in Europa, fließt mitten durch den Ort.

Mehr als ein Dutzend Wasserkraftwerke, massive Querriegel im Strom, leiten die alpinen Wassermassen durch ihre Turbinen. Im Juli 2010 ist ein weiteres dazugekommen, und es ist kein Riegel. Vielmehr scheint ein schlanker weißer Wal im eisgrünen Wasser gestrandet zu sein, dessen geschwungene Form sich an der steilen Uferkante entlangschlängelt.

„Hier hat jeder seine eigenen Assoziationen - mal Fisch, mal Gletscher, mal gefrorene Welle“, lacht Architekt Michael Becker, der entspannt an der Ufermauer lehnt. Und er selbst? „Uns sind bei der ersten Begehung diese bizarren Gesteinsformationen im Flusslauf aufgefallen. Die weichen, vom Wasser geschliffenen Konturen mit ihren Abbrüchen und Höhlungen sind dann zum Leitbild unseres Entwurfs geworden.“ Mit dieser Idee gewann das ortsansässige Büro, bis dahin eher für solide, kantige Wohnbauten aus Holz bekannt, 2006 den Wettbewerb, den der Kraftwerksbetreiber, die Allgäuer Überlandwerke (AÜW), ausgeschrieben hatte.

Dabei ging es um weit mehr, als nur eine Umhüllung für Turbinen zu finden. Das Ensemble aus dem 19. Jahrhundert - Spinnerei rechts, Weberei links des Flusses und ein filigraner Steg dazwischen - steht unter Denkmalschutz, die letzten Betriebe waren aber längst abgesiedelt. 1996 kaufte die Stadt das Areal. Dank der malerische Lage am Fluss mitten im Ort schien ein Umbau der heruntergekommenen Ziegelbauten zu Wohnungen ideal. Der Haken: Das alte Kraftwerk aus dem Jahre 1956, dessen Turbinen 24 Stunden am Tag dröhnten.

„Im Sommer hat man das Pfeifen drei Kilometer weit gehört“, erinnert sich Werner Leege vom AÜW, der neben Michael Becker am Ufer steht. „Jetzt hat das Kraftwerk fast Wohnzimmercharakter.“ Tatsächlich: Nur ein leises, sanftes Summen erklingt aus dem weißen Wal - das gesamte Kraftwerk wurde auf einen Teppich aus Schaumgummi gesetzt, die fast unsichtbaren Öffnungen wurden auf ein Minimum beschränkt.

Das Schallproblem war gelöst, und auch das Kraftwerk selbst hätte man, wie sonst auch, ganz den Ingenieuren überlassen können. Tat man aber nicht. Dafür war der Ort für die Stadt zu wichtig. Den zukünftigen Bewohnern und Touristen musste man mehr bieten als eine in den Fluss gestellte Kiste. Und wenn weltweit bei Museumsbauten die Architektur immer mehr als Magnet fungiert, warum sollte sie das nicht auch bei einem Wasserkraftwerk tun?

Das Resultat: eine gelungene Kombination von Infrastruktur und Architektur. Durch eine feine, aber sichtbare Fuge getrennt, sitzt Letztere wie ein schützender Deckel auf der Anlage zur Stromgewinnung. Gleichzeitig macht sie deren Funktion sichtbar.

„Wir wollten eine Form finden, die diese Art der Energiegewinnung symbolisiert, aber nicht banal ist“, erklärt Michael Becker. „Das Einströmen der Welle in den Einlaufkanal, der in weichen Formen verläuft, dann ein Schwingen von links nach rechts, am Kraftzentrum der Welle bricht sich schließlich der Grat des Betons und rollt aus ins Unterwasser.“

Dass dieses Formenspiel mit der Poetik der Hydrologie weit mehr als reine Behübschung ist, zeigt sich an der Sorgfalt der Oberfläche, die den Bau wie eine Haut mit feinen eingestreuten Steinen überzieht, und an der millimetergenauen Präzision des darunter liegenden Gerüsts aus Stahlbetonrippen, in dem keine Stelle der anderen gleicht. Gebäude und Landschaft zugleich, macht das Bauwerk dem denkmalgeschützten Ensemble am Ufer keine Konkurrenz. Nur dort, wo sich der diskrete Eingang befindet, schwappt die steinerne Welle kurz über den neu angelegten Fuß- und Radweg am Ufer.

„Anfangs waren wir noch skeptisch gegenüber der Form, aber jetzt sind wir begeistert“, erinnert sich Werner Leege, der schon mehr als 1000 neugierige Besucher durch das Innere des Baus geführt hat. „Viele wollen gar nicht mehr gehen, die muss man regelrecht nach Hause begleiten!“

Sie sind fasziniert von den Daten, die Leege routiniert abspult - wie die 3000 Haushalte, die die zwei Turbinen pro Jahr versorgen können - und staunen über das Labyrinth an beinahe sakralen Hohlräumen, das sich unter dem Beton verbirgt. Die Kinder spähen hinunter, ob sich auf der 46 Meter lange Fischtreppe gerade ein Lachs illeraufwärts schlängelt. „Viele fragen natürlich nach den Kosten. Mit 15 Millionen Euro liegen wir aber im Rahmen eines normalen Kraftwerks.“

Die Kalkulation ist also voll aufgegangen, stimmt Michael Becker zu. „Das Kraftwerk ist ein perfektes Marketingobjekt geworden, es passt genau in den Zeitgeist“, sagt der Architekt. „Alle haben an einem Strang gezogen, und so ist es eine Win-win-Situation für alle geworden“ - und ein weiterer Stein im Mosaik des Allgäus.

12. Oktober 2011 Der Standard

Kanten für das Land

Bodenständiger Name, innovativer Inhalt: Das 2009 gegründete Wiener Büro Franz erfindet neue Räume aus einfachen Formen

Wien - Dritter Stock, zweiter Hinterhof, ein Fabrikloft mit hohen Fenstern: ein Architekturbüro wie aus dem Drehbuch einer Vorabendserie. Robert Diem und Erwin Stättner sind frisch eingezogen und freuen sich, dass der Umbau zu Ende ist. Kein Wunder: Es ist schon das dritte Zuhause in zwei Jahren für die beiden vom Büro mit dem lakonischen Namen Franz. Gegründet Anfang 2009, kam der Erfolg so schnell und unerwartet, dass die Räume bald zu klein wurden.

Kaum hatte man sich zur Selbstständigkeit entschlossen, klingelte schon das Telefon. Der erste Wettbewerb war gewonnen: eine Schule in Deutsch-Wagram, Budget 16 Millionen, Baubeginn so schnell wie möglich. „Ein irrsinniger Glücksfall für ein junges Büro, das es noch gar nicht wirklich gab“, sagt Robert Diem.

Passgenau in die Landschaft

Computer wurden gekauft, Mitarbeiter eingestellt, der Terminplan eingehalten. Seit vier Wochen ist die Schule fertig: Die zwei kantigen Riegeln aus himmelblauem Aluminium mit den bunt verteilten Fenstern wurden passgenau in die Landschaft gesetzt, ohne den Maßstab zu sprengen.

Typisch für Franz: ein klares, für jeden verständliches Konzept, das ihren Bauten eine Einfachheit verleiht, die nie banal ist. „Für schwierige Aufgaben eine einfache Lösung zu finden reizt uns am meisten. Wir sind keine Theoretiker. Was zählt, ist, wie es am Schluss dasteht“, sagen die beiden.

Der Name ist Programm

So auch bei dem Haus für Robert Diems Bruder: Die Erinnerung an eine glückliche gemeinsame Kindheit in einem niederösterreichischen Streckhof wurde übersetzt in drei durch einen Gang verbundene Quader mit dazwischenliegenden geschützten Höfen.

Ein ganz neuer Typ Haus, der doch zum Ort passt - genauso Programm wie der Name, den sie nach langem Grübeln ihrem Büro gaben: „Wir bauen nicht spacig und wollten auch keinen designten Namen. Franz hat etwas Einfaches, Verständliches, und so wollen wir auch bauen.“

Publikationen

2017

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter? Die Ausstellung ist ein Plädoyer für den Fortschritt in Architektur, Wohnungsbau und Städtebau. Wie wir wohnen ist nicht unseren Genen geschuldet, wie wir wohnen ist ein über Generationen an gelerntes Verhalten, dessen Weiterentwicklung von der Dauerhaftigkeit
Hrsg: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell
Autor: Maik Novotny, Kristin Feireiss, Kaye Geipel, Anna Popelka, Georg Poduschka
Verlag: PPAG, Aedes Architekturforum

2014

PPAG: Speaking Architecture
Phenomenology / Phänomenologie

Ein Elefantenhaus, ein Wohnberg, ein Dorf am Dach. Eine offene Schullandschaft, ein barockes Parkhaus, ein silbern schimmernder Windkanal. Das Wiener Büro PPAG architects, 1995 von Anna Popelka und Georg Poduschka gegründet, denkt Architektur mit Scharfsinn, Lust und Erfindergeist immer wieder neu. Ihr
Hrsg: Maik Novotny
Autor: Anna Popelka, Georg Poduschka, PPAG
Verlag: Ambra Verlag

2007

Eastmodern
Architecture and Design of the 1960s and 1970s in Slovakia

Eastern modernist architecture of the 60’s and 70’s is moving away from the specialized focus of international architecture debates and becoming a subject of discussion within the broader context of general interest. The excellent photos in the book convey the flair of an era in which planning was obviously
Autor: Maik Novotny, Hertha Hurnaus, Benjamin Konrad
Verlag: SpringerWienNewYork