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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

5. März 2014 Der Standard

Das Architekturfestival Turn On

Vorträge und Diskussionen im Großen Sendesaal des ORF Radiokulturhauses Wien

„Einerseits werden manche Architekten von den Medien regelrecht zu Stars gemacht, andererseits aber werden die Urheber eines Bauwerks im Alltag oft nur ignoriert“, sagt Margit Ulama, Kuratorin und Initiatorin des Architekturfestivals Turn On. „Warum ist das so? Und wie sieht die Wirklichkeit aus, wenn die Planungs- und Bauprozesse immer komplexer werden und die Kreativität in diesem Gefüge einen immer kleineren Stellenwert einnimmt?“

Diesen Fragen möchte die Veranstaltung nachgehen, die am Freitag und Samstag im ORF Radiokulturhaus Wien zum zwölften Mal stattfindet. Die intensiven Vorträge und Diskussionen im Großen Sendesaal dauern an beiden Tagen neun Stunden.

Während sich der erste Tag der Schnittstelle von Architektur und Wirtschaft sowie dem integralen Planen widmet, ist der Samstag eine Rundumschau über all das, was österreichische Architekten in den letzten Jahren geleistet haben - national wie international. Vorgestellt werden Wohnprojekte sowie Kultur- und Infrastrukturbauten wie das Schubhaftzentrum in Vordernberg, der neue WU-Campus im Prater, das Schlesische Museum in Katowice oder das Sheikh Zayed Desert Learning Center in Abu Dhabi.

„Architektur zu machen ist heutzutage ein nomisches Spiel“, sagt Laura Spinadel vom Wiener Büro Bus Architektur. „Die Spielregeln sind paradox, die Spieler wechseln andauernd ihre Meinung, und jeder Prozess entwickelt sich selbstreferenziell. Daher ist es unsere Aufgabe, als Denker und Macher in der Optimierung der Umweltqualität wieder eine aktive Rolle zu erlangen.“ Dass dies mitunter wunderbar gelingt, wird bei Turn On 18 Stunden unter Beweis gestellt.

1. März 2014 Der Standard

Die Quadratur der Schlange

Das Sheikh Zayed Desert Learning Center in Abu Dhabi ist ein technischer Kraftakt. Die Planung des Wüstenmuseums stammt von den beiden Wiener Architekten Talik und Jaafar Chalabi.

50 Grad Celsius, Sand und trockenes Klima: Das ist das bevorzugte Habitat der Afrikanischen Hornviper. Ein besonders großes Exemplar dieser beige-braun geschuppten Wirbeltierspezies liegt in Al Ain auf der Lauer und wartet bereits gespannt auf die ersten Besucher. Das Sheikh Zayed Desert Learning Center (SZDLC) am Rande des neuen Wildlife-Parks ist nämlich nicht nur ein Wüstenmuseum samt Forschungszentrum und Kinosaal, sondern in erster Linie ein zeitgenössisches Stück Architektur, das die Aufgabe hat, Touristen aus den großen Städten der Vereinigten Arabischen Emirate ins Landesinnere zu locken.

„Die Bauherren haben sich eine charakteristische Landmark, eine Art neues Wahrzeichen für das Emirat Abu Dhabi gewünscht“, erinnert sich Talik Chalabi. „Daher war für uns klar, dass wir etwas Neues ausprobieren müssen, dass wir sowohl Entwurfsprozess als auch Bauweise ein bisschen strapazieren und bis an die Grenzen des technisch Machbaren gehen müssen.“ Die Herangehensweise überzeugte. Gemeinsam mit seinem Bruder Jaafar ging der Wiener Architekt (Chalabi Architekten & Partner) als Sieger aus einem geladenen Wettbewerb hervor, an dem sich insgesamt zwölf Büros aus aller Welt beteiligt hatten.

„Unsere Idee war, dass sich das Gebäude aus dem Gelände heraus entwickelt“, sagt Chalabi. Und tatsächlich: Wie eine im Sand liegende Schlange steigt der rund 10.000 Quadratmeter große Bau allmählich an, legt sich in Schlaufen und windet sich zu einem 300 Meter langen Ding, das an seiner höchsten Stelle fast 20 Meter über den Wüstenboden ragt. Da, wo Mutter Natur die Augen vorsah, steht nun der Besucher und blickt nach Süden, direkt auf den felsigen Hausberg Jebel Hafid, dessen Rückseite sich bereits im Oman befindet. Mystisches Licht. Gewaltige Stimmung. Daran können auch die paar Dutzend Bauarbeiter nichts ändern, die in den Abendstunden, sobald die Luft wieder abgekühlt ist, aus ihren Verstecken emporklettern und die letzten Arbeitsschritte an der steinernen Fassade vornehmen.

75.000 Tonnen Beton

Dass sich im Inneren des Bauwerks, hinter den rautenförmigen Platten aus Giallo Samad, der aus einem Steinbruch im Oman von den Architekten und von Bauherr Scheich Sultan Bin Tahnoon Al Nahyan höchstpersönlich ausgesucht wurde, ein konstruktiver Kraftakt verbirgt, sieht man dem SZDLC erst auf den zweiten Blick an. Das gesamte Haus ist stützenfrei, nirgendwo klafft auch nur ein langweiliger rechter Winkel, die Innenräume winden sich in sanften Kurven dramatisch ums Eck, es ist, als würde man eine liegende Skulptur durchwandern. Dass man nach ein paar Metern bereits die Orientierung verloren hat, ist selbstredend. Insgesamt wurden hier mehr als 75.000 Tonnen Beton verbaut.

Zu verdanken ist die organisch wirkende Konstruktion der intensiven Zusammenarbeit mit den Bauingenieuren. „Die genaue Planung des SZDLC erfolgte anhand dreidimensionaler Computermodelle, die wir so lange variiert und adaptiert haben, bis es gepasst hat“, erklärt Arne Hofmann, Projektleiter bei Bollinger+Grohmann Ingenieure. Rigid Finite Element Modelling (RFEM) und Evolutionary Structural Optimization (ESO) nennt sich das Ganze. „Anders hätten wir die komplexe Geometrie niemals bewältigen können, denn mit klassischem Ingenieursverstand kommt man bei so einem Projekt nicht weit.“

Nicht von ungefähr erinnern die steinernen Schuppen und die Öffnungen in den Wänden und Decken an ein Schlangentier. Tatsächlich stand die Natur Pate: „Man muss sich die Betonkonstruktion wie ein schlauchförmiges Netz vorstellen“, sagt Hofmann. „Die Linien in der Fassade und die Fensteröffnungen folgen haargenau den Kräftelinien. Einen Blick ins Freie hat man nur dort, wo es uns das algorithmische Modell erlaubt hat.“ Die Maßtoleranz im gesamten Gebäude beträgt fünf Millimeter. Alles andere würde die Statik nicht verzeihen.

55 Millionen US-Dollar (40 Millionen Euro) ließ sich der Scheich sein neues und überaus fotogenes Wüstenzentrum kosten, das aufgrund der noch nicht fertiggestellten Ausstellung nach wie vor Baustelle ist. Fragt sich nur: Wozu der ganze Aufwand? „Bauen in den VAE wird nicht als kultureller Beitrag und auch nicht als wertvolle geistige Ressource betrachtet, sondern als Werkzeug für die Verwirklichung finanzieller Interessen“, meint Talik Chalabi. „Viele Projekte werden in erster Linie als Prestige- und Marketing-Tool genutzt. Das war's.“ Doch wo Geld fließt, vermag man zwischen den Zeilen zu lesen, könne man die Chance nutzen, um die Weiterentwicklung von Architektur voranzutreiben. Talik: „Wenn wir schon die Möglichkeit haben, mitten in der Wüste ein solches Ding zu errichten, dann erhebe ich auch den Anspruch, daraus etwas lernen zu können.“

Die Mission scheint gelungen: Das Sheiks Zayed Desert Learning Center in Al Ain ist - neben all seinen anderen Talenten - ein nahezu autarkes Gebäude, das dank Solarthermie, Erdkühlung und Photovoltaik fast 95 Prozent der benötigten Primärenergie im Haus produziert. Es ist das erste Bauwerk im arabischen Raum, das mit der Green-Building-Bestwertung „Estidama 5 Pearls“ zertifiziert wurde.

8. Februar 2014 Der Standard

Traumjob Schlossgespenst

Das Astley Castle im britischen Warwickshire ist eine Zeitreise in die Gotik und Renaissance. Die ungewöhnliche Restaurierung beweist: Denkmalschutz ist eine kreative Sache.

Eigentlich hätte man mit der Kutsche vorfahren müssen oder zumindest mit einem alten Bentley, vorbei am gotischen Kirchlein, am verfallenen Friedhof mit seinen windschiefen, kaum noch lesbaren Grabsteinen, am saftig grünen Pferdegestüt mit seinen dutzenden in die Landschaft drapierten Gäulen, um dann stilgerecht über den mit Brennesselstauden zugewachsenen Burggraben zu rollen und sich schließlich in einer urbritischen Bilderbuchkulisse wiederzufinden, neben der sogar Rosamunde Pilchers wildromantische Literaturergüsse blass erscheinen würden.

„Kommen Sie! Wir haben Sie schon erwartet“, sagt Mary Strainger, Wischmopp in der Hand, den Staubsauger hinter sich herziehend. „Kommen Sie! Wir haben nicht viel Zeit. Eine Stunde, dann muss ich Sie leider wieder verabschieden. Um 14 Uhr kommen bereits die nächsten Gäste.“ Gemeinsam mit ihren beiden Kolleginnen Sharon und Lynn pflegt sie das im 13. Jahrhundert errichtete Haus, das sie als den schönsten Arbeitsplatz ihres Lebens bezeichnet.

Das Astley Castle in Warwickshire bei Birmingham, eine halbe Autostunde von Shakespeares Geburtsort Stratford-upon-Avon entfernt, ist eine Zeitreise in die frühe Gotik und Renaissance. Der Burggraben und einige Teile des Schlosses datieren bis 1266 zurück. Die Erosion an den Steinen lässt am Datum keinerlei Zweifel aufkommen. Der Großteil der Bausubstanz jedoch stammt aus den Jahren rund um 1555.

Einst wohnten hier Edward IV, Henry VII, Queen Elizabeth of York und Lady Jane Grey. Nach vielen Eigentümerwechseln und einer wechselhaften Chronik wurde das malerische Anwesen in den 1960er-Jahren in ein Hotel samt Pub umgebaut. Viele Einwohner von Astley erinnern sich noch an das eine oder andere Pint of Beer, das sie hier damals zu sich nahmen. Am 3. April 1978 wurde das Schlosshotel durch einen Brand komplett zerstört.

„Darf ich Sie bitten, kurz Ihre Füße zu heben? Many thanks.“ Mary hat nun das letzte Zimmer in Angriff genommen. „Als Kinder haben wir hier gespielt. Das war eine richtige Ruine. Zum Klettern und Verstecken einfach wunderbar. Ich hätte mir niemals gedacht, dass man hier eines Tages wieder wird aufräumen und putzen müssen. Sehen Sie, so kann man sich täuschen.“

Die Kehrtwendung in der jüngeren Geschichte des Astley Castle ist der britischen NGO The Landmark Trust zu verdanken. Schon seit vielen Jahren hat die 1965 gegründete Wohltätigkeitsorganisation, die in Großbritannien rund 200 historische Bauten und Monumente betreut, ein Auge auf Astley geworfen. Allein, es mangelte an den finanziellen Mitteln. „Das Schloss war dabei auseinanderzufallen“, erinnert sich Projektkoordinator Alastair Dick-Cleland. „Der Zustand war erbärmlich. Nicht mehr als ein Steinhaufen, der längst schon von der Natur zurückerobert wurde.“

Lesestoff in jeder Mörtelfuge

2005, zum 40. Jubiläum der Organisation, war es dann so weit. The Landmark Trust schrieb einen Wettbewerb aus und lud zwölf Architekten aus ganz Großbritannien ein, Ideen für eine Restaurierung und mögliche Nachnutzung dieses geschichtsträchtigen Orts einzubringen. Der erste Preis - die Juryentscheidung war einstimmig und ohne Debatte - ging an das Londoner Büro Witherford Watson Mann Architects (WWM), das dem längst zerfressenen Zahn der Zeit eine Art Ziegelplombe einsetzte. Die Funktion: Nobelherberge mit vier Schlafzimmern und einem Salon im ersten Stock.

„Sharon, hast du schon die Betten in Zimmer drei gemacht? Noch 45 Minuten. Das wird knapp.“ Obwohl die tages- und wochenweise anmietbare Luxusresidenz nicht den geringsten Wunsch offenlässt, ist die jahrhundertealte Geschichte, so scheint es, in jeder Mörtelfuge ablesbar. Nirgendwo ist diese Lektüre der vielen Jahrhunderte spannender als auf der Terrasse im Parterre. Da, wo einst auf zwei Ebenen herrschaftlich gewohnt und genächtigt wurde, befindet sich heute ein riesiger, dramatisch inszenierter Luftraum, der von steinernen Zeitzeugen gerahmt wird. In einigen Metern Höhe hängen die Überreste des alten Kamins im Nichts. Fast wähnt man sich in der Gesellschaft von Lady Jane Grey. Schlossgespenst müsste man sein.

Von einigen Blickwinkeln im Park ist kaum zu sehen, dass an der seit 1978 vor sich hin dösenden Ruine irgendein Stein verändert wurde. Da ragen flammenverkohlte Türstöcke und moosbewachsene, filigrane, gotische Sandsteinbögen in den Himmel. Von anderen Standpunkten wiederum erscheint das in jahrelanger Arbeit revitalisierte Astley Castle als behutsame Collage aus rotem Stein, altem Backstein und neuen, handgefertigten Ziegelsteinen aus der Region. Vergangenheit und Gegenwart kommen hier gleichermaßen zu ihrem Recht.

„Wir haben ziemlich lange nach dem passenden Baustoff gesucht“, erklärt Freddie Phillipson, Projektleiter bei WWM. „Erstens haben wir auf das Farbspektrum geachtet, zweitens wollten wir bei den Anschlüssen an das Mauerwerk so wenig Mörtel wie möglich verwenden.“ Für jede Wandfläche wurde ein eigenes Fugenbild entworfen. Die Linien zwischen den Epochen sind perfekt.

Auch das Spiel mit den Baustoffen beweist, dass hier zwar tollkühne, letztendlich aber sensibel agierende Architekten am Werk waren. Mal wird der Stein mit gebleichtem Lärchenholz und patiniertem Messing kombiniert, mal prangt eine schwere Renaissance-Kommode im Eck, mal steht eine Designerleuchte von der letzten Mailänder Möbelmesse unprätentiös im Raum herum.

„800 Jahre unter einem Dach“

„Die ungewöhnliche Sanierung des Schlosses ist ein Impuls“, erklärt Phillipson. „Wir wollten wissen, ob es uns gelingt, knapp 800 Jahre Geschichte in einem einzigen Projekt zu vereinen. Ich denke, das Experiment ist geglückt.“ Das beweisen allein schon die vielen Preise, die über dem Revitalisierungsprojekt hereingebrochen sind. Im Herbst 2013 wurde das Astley Castle mit dem renommierten RIBA Sterling Prize ausgezeichnet. Und nun ist das Projekt für den internationalen Wienerberger Brick Award 2014 nominiert.

Die Baukosten belaufen sich auf 2,5 Millionen Pfund (drei Millionen Euro). Der Großteil davon stammt aus dem Heritage Lottery Fund und von English Heritage. Hinzu kamen private Spenden. Vom mühsamen Bauprozess, der viele technische Tricks erforderte und an dem sogar Freiwillige aus der Grafschaft Warwickshire mitgewirkt haben, ist heute nichts mehr zu spüren. Fußbodenheizung, feines Tuch und ein Hauch royalen Flairs prägen die Gemächer.

„Lynn! Sharon!“, hallt es durch den Salon. „Nur noch die Blumen, dann sind wir fertig!“ 14 Uhr. In wenigen Minuten werden die Gäste anreisen. Man hört bereits das Knirschen des Schotters. Der Wagen biegt ums Eck. Kein Bentley.

Astley Castle, Astley, Nuneaton. Ein Wochenende ab ca. 1130 Pfund (ca. 1360 Euro). Interessenten werden sich jedoch gedulden müssen. Bis Jänner 2016 ist das Haus komplett ausgebucht.

10. Dezember 2013 Der Standard

Ein Botschafter auf dem Holzweg

Dem Vorarlberger Architekten Bernardo Bader geht es um den Fortbestand von Lokalkolorit und Bautradition. Kürzlich wurde er in Lissabon mit dem renommierten Aga-Khan-Preis 2013 ausgezeichnet

Dornbirn - „Eigentlich wusste ich nie, was ich studieren soll“, meint der 39-jährige Vorarlberger Bernardo Bader, der, bevor er sich der Architektur zuwandte, eigentlich Jurist werden wollte. Von der frühen Skepsis ist heute nichts mehr zu spüren. Ganz im Gegenteil: Vor zwei Monaten wurde der Hobbymusiker, der sich in seiner Freizeit liebend gerne mit Gitarre, Folk-und Country-Songs zurückzieht, für den von ihm geplanten islamischen Friedhof in Altach mit dem renommierten Aga Khan Award 2013 ausgezeichnet.

„Ich werde ständig gefragt, was ich mit meinem Preisgeld machen werde“, sagt Bader. „Ich werde es investieren, um meine Vision weiterhin zu propagieren.“ Und diese lautet: Fortsetzung von Vorarlberger und vor allem Bregenzerwälder Bautradition und Lokalkolorit auf der Höhe der Zeit. „Schon seit den Vorarlberger Baukünstlern ist die Bauqualität im Ländle extrem hoch. Dieses Potenzial darf man einfach nicht verspielen.“

In die Kistenecke gestellt

Laut und auffällig sind die von Bader geplanten Häuser nur selten. Meist handelt es sich um stille, behutsam in die Landschaft komponierte Archetypen. „Von den Innerösterreichern (sic!) wird man als Vorarlberger immer nur in die Holz- und Kistenecke gestellt“, sagt Bader. „Aber das ist mir ziemlich wurscht. Die laute, schreierische, skulpturale Lösung ist halt nicht immer die beste.“

Zu den bisherigen Projekten des Realisten („Viele träumen davon, Museen, Kirchen und irgendwas auf dem Mond zu bauen, aber ich will einfach nur schöne Projekte realisieren.“) zählen Einfamilienhäuser, Cafés, Restaurants, Gewerbebauten, Schauräume, Schulbauten und Kindergärten. Die meisten Gebäude sind aus Holz, wobei Bader darauf achtet, das Material aus der Region zu beziehen und die Wertschöpfungskette bei klein- und mittelständischen Betrieben zu lassen.

Holz aus eigenem Besitz

Bei einem seiner letzten Projekte überzeugte Bader die Gemeinde Bludenz, den zweitgrößten Waldbesitzer Vorarlbergs, den Gemeindekindergarten mit Material aus dem eigenen Forstbestand zu errichten (siehe Foto links). „Das gesamte Holz für dieses Projekt stammt aus eigenem Besitz. Das war zwar ein organisatorischer Mehraufwand, aber unterm Strich war das Projekt keinen Cent teurer.“

Erstmals wagt sich Bader, der sonst nur in der Bodenseeregion tätig ist, über den Alpenraum hinaus. Gemeinsam mit Sven Matt plant er in Zagreb derzeit den Neubau der österreichischen Botschaft. Das Projekt, Resultat eines Wettbewerbs, ist auch in ganz anderer Hinsicht eine Botschaft - und zwar für nachhaltiges, unaufgeregtes Bauen in Holzbauweise und Passivhausstandard. Sämtliche Bauteile werden vorgefertigt und sollen vor Ort nur noch zusammengesteckt werden.

Gegen „langweilige Investorenarchitektur“

Für eines allerdings wird Bader niemals zu gewinnen sein: „Langweilige Investorenarchitektur, bei der es darum geht, billigen Wohnraum als Wertanlage zu schaffen ... Ich finde das entsetzlich. Zum Glück kann ich es mir leisten, die Finger davon zu lassen.“

23. November 2013 Der Standard

Mit menschlicher Wärme

Das von baumschlager eberle geplante Bürohaus in Lustenau ist nicht nur etwas fürs Auge: Das Low-Tech-Haus kommt ohne Heizung aus.

Der matt polierte Türgriff aus Messing liegt satt in der Hand. Im Foyer hängt, mit der Eleganz eines Bentley-Interieurs, sandfarbener Filz mit händisch abgenähten Lederapplikationen von der Decke. Dahinter bereits entfalten sich weiße, luftige, von Grandezza durchströmte Räume mit Kunstwerken von David Reed und James Turrell. Und hinten, jenseits der Glastür schließlich blitzt, als würde man den brandneuen Designhotel- Guide durchblättern, eine fesche Cafeteria mit neonbunten Ingo-Maurer-Lampen und cognacfarbenem Ledergestühl hervor.

Bin ich denn hier richtig? Auf der Suche nach dem Architekturbüro baumschlager eberle? Adresse: Lustenauer Gewerbegebiet, Millennium Park 20? Und tatsächlich: Noch bevor der aufkommende Zweifel Raum greifen kann, marschieren, ja gleichsam schweben, schwarz gekleidet vom Scheitel bis zur Sohle, schlanke, junge, von einem künstlerischen Impetus getriebene Gestalten über den hellen Boden und bestätigen die eingangs noch wenig verfestigte Vermutung.

Doch die visuelle Wucht - schließlich sind wir hier in Vorarlberg, und von den Vorarlbergern ist man ja schon einiges gewohnt - ist nicht mehr als eine angenehme Begleiterscheinung. Der eigentliche Trumpf dieses nicht unhübschen Bürogebäudes nämlich ist nicht die Optik, sondern die Technik. Um nicht zu sagen: die nicht vorhandene Technik. Denn das Haus 2226 - der Name bezieht sich auf die weltweit akzeptierte, in diesen Räumen ganzjährig vorherrschende Wohlfühltemperatur von 22 bis 26 Grad Celsius - kommt gänzlich ohne Haustechnik aus. Ohne Lüftung. Ohne Kühlung. Ohne Heizung.

„Glauben Sie mir, Sie sind nicht der Erste, der so verdutzt schaut“, sagt Dietmar Eberle, Geschäftsführer von baumschlager eberle und Mastermind dieses revolutionären Projekts, der wie ein alteingesessener Galerist durch die erlauchten Räumlichkeiten wandelt und mit der lodernden Zigarette, mal hier, mal da, auf ein paar präzise gearbeitete architektonische Details hinweist: Flächenbündigkeit, Sesselleistenlosigkeit, zahnstocherdünne, aus massivem Stahl gezogene Stiegengeländer und was man von einem zeitgenössischen Gebäude heutzutage sonst noch alles zu erwarten hat.

Der Computer als Heizkörper

„Aber genau so ist es! Das gesamte Haus kommt 365 Tage im Jahr ohne eigene Wärmequelle aus, denn die Temperierung findet einzig und allein über jene energetischen Quellen statt, die bereits im Raum vorhanden sind.“ Große Augen, zum Bersten angespannte Stille, und nach wenigen Sekunden dann die lapidar daherkommende Erklärung: „Menschen, Licht, Computer. Mehr brauchen wir nicht. Das reicht.“

Das gesamte Haus ist so konzipiert, dass möglichst wenig Wärme durch die Wände diffundiert und dass möglichst viel Energie in der speicherfähigen Masse gebunden werden kann. 78 Prozent dieser energiespeichernden Mission übernehmen die massiven Böden und Decken aus Stahlbeton, die restlichen 22 Prozent obliegen den 80 Zentimeter dicken Außenwänden aus handelsüblichen, doppelschalig verlegten und in fast jedem österreichischen Einfamilienhaus vorzufindenden Wienerberger-Hochlochziegel. Wärmedämmung gibt es nicht. Aufgrund des hohen Luftkammeranteils des Ziegels konnte auf Mineralwolle und aufgeschäumte Erdölderivate verzichtet werden. Der in Vorarlberg hergestellte und zumeist bei Sanierungen verwendete gelöschte Kalkputz an der Wand ist außerdem in der Lage, Feuchtigkeit und Kohlendioxid zu binden.

In den Innenräumen des sechsgeschoßigen Vorzeige-Passivhauses regiert technische Askese. Man begnügt sich mit der Abwärme der Mitarbeiter, der Computer sowie der Abstrahlwärme von Leuchtstoff, Halogen und LED. Zudem sorgen die hier arbeitenden Architekten aufgrund ihrer Atemtätigkeit für die nötige Luftfeuchtigkeit. Mittels Sensoren wird in jedem Raum die aktuelle Luftqualität gemessen. Auf iPod-ähnlichen Displays in der Wand sind Lufttemperatur, Feuchtigkeit und CO2-Gehalt ersichtlich. Auch die Tages-, Wochen-, Monats- und Jahresentwicklung der niemals 22 Grad unter- und 26 Grad überschreitenden Temperaturkurve kann man hier ablesen.

Sobald sich die Faktoren bestimmten Grenzwerten annähern, sorgt die eigens für dieses Haus entwickelte Software dafür, dass mit den hier vorhandenen Potenzialen gegengesteuert wird. Dann gehen je nach Tages- und Jahreszeit die schmalen Fensterflügel auf und zu, dann schaltet sich das Licht ein und aus, dann kann es schon einmal passieren, dass sich an einem verlängerten Wochenende, wenn niemand im Haus und der Winter draußen klirrend kalt ist, für ein paar Stunden der Computer der Sekretärin einschaltet, um etwas warme Ventilatorenluft in den Raum zu hauchen.

Stupid Building mit Hirn

„Das Wichtigste ist, dass man die Komfortzone von 22 bis 26 Grad Celsius niemals verlässt“, sagt der Architekt. „Das Haus ist träge, kann viel Energie binden und reagiert entsprechend langsam und zeitverzögert auf äußere Umwelteinflüsse. Mit einem dünnen Pappendeckelhaus wäre das alles hier niemals machbar.“ Doch so, Eberle dirigiert sich mit seinem glimmernden Tabakstaberl durch den Raum, sei es tatsächlich möglich, auf all das zu verzichten, was in unseren Breitengraden stets unverzichtbar schien.

„Wissen Sie, ich habe in meinem Leben schon so viele Passivhäuser gebaut, und meine Erkenntnis nach mehr als 30 Jahren in diesem Beruf ist: Das ist alles sinnlos. Denn einerseits verbraucht man zwar weniger Energie, andererseits aber buttert man so viel Geld in die anfällige und regelmäßig zu wartende Haustechnik-Hardware, dass man unterm Strich keinen einzigen Cent eingespart hat. Mein Credo lautet daher: Back to the roots! Ich will keine Smart Houses und keine Smart Cities. Ich will einfach nur Stupid Buildings, die funktionieren.“

Und billig ist diese der vermeintlichen Dummheit innewohnende Architekturrevolution obendrein: Das Bürohaus 2226 kostete in der Errichtung rund 1000 Euro pro Quadratmeter - weitaus weniger als jeder soziale Wohnbau von der Stange. Und was die laufenden Stromkosten betrifft, so gönnt sich Hausherr Dietmar Eberle einen letzten entspannenden Zug von seiner Zigarette: „Das Teuerste an diesem Haus sind mittlerweile die Honorarkosten derer, die die Betriebskosten verwalten.“

Mit dem Bürohaus 2226 treten baumschlager eberle den Beweis an, dass die bevorstehende Energiewende mit den Mitteln heutiger Architektur durchaus zu meistern ist. Möge das preisverdächtige Projekt Nachahmer finden.

12. November 2013 Der Standard

„Die Scheu vor Architektur nehmen“

Die Wiener Architektin Lena Schacherer erklärt die Beweggründe für die neu gegründete Plattform „Best (un)built“

Mit ihrer neu gegründeten Plattform „Best (un)built“ will die Wiener Architektin Lena Schacherer vor allem Baumeister- und Fertighaus-Kunden ansprechen, erklärt sie im Gespräch mit Wojciech Czaja.

STANDARD: Wie kam es zu der Idee?

Schacherer: Viele Architekten planen Häuser, die niemals realisiert werden. Vor zwei Jahren habe ich mir dann gedacht: Ich halt's nicht mehr aus, so viel Zeit und Energie zu investieren, damit das Projekt, an dem man Monate oder Jahre gearbeitet hat, am Ende in der Schublade landet. So ist die Idee entstanden, eine Plattform zu gründen, auf der die besten unrealisierten Einfamilienhausprojekte zum Verkauf angeboten werden.

STANDARD: Wer ist das Zielpublikum?

Schacherer: In erster Linie sprechen wir jene Bauherren an, die kein Fertighaus wollen, mangels Alternativen oder mangels Durchblicks in der Branche dann aber beim Baumeister landen. Best (un)built soll Menschen die Scheu vor der Architektur nehmen.

STANDARD: Wie sieht das Prozedere aus?

Schacherer: Auf der Homepage bekommt man einen groben Überblick über die unterschiedlichen Projekte. Sobald man sich registriert und Mitgliedschaft beantragt hat, bekommt man zu jedem einzelnen Projekt genaue Beschreibungen, technische Detailinformationen, Grundrisse, Schnitte und eine Grobkostenschätzung.

STANDARD: Und dann?

Schacherer: Letztendlich hat der Kunde die Möglichkeit, den fixfertigen Einreichplan zu kaufen, wobei die Kosten je nach Projekt zwischen 3000 und 7000 Euro liegen. Natürlich ist so ein Einreichplan nicht eins zu eins auf das jeweilige Grundstück anwendbar, aber wir bieten auch technische Beratung und Serviceleistungen an beziehungsweise empfehlen unsere Kunden dann an Architekten und Konsulenten weiter.

STANDARD: Wie schaut es mit dem Copyright aus?

Schacherer: Wichtig: Das Urheberrecht bleibt bei den Architekten. Sie übergeben die Werknutzungsrechte an Best (un)built, wobei die Bezahlung wie in einem Galeriesystem abgewickelt wird.

STANDARD: Das heißt?

Schacherer: Der Architekt bekommt pro verkauften Plan einen bestimmten Prozentsatz.

STANDARD: Wie viele Projekte gibt es bisher in Ihrem Webshop?

Schacherer: Wir haben vor zwei Wochen gestartet. Derzeit haben wir 13 Projekte. Bis Jahresende sollen es 50 sein, wobei Architekten aus ganz Europa, unter anderem aus den Nachbarländern Deutschland, Ungarn, Tschechien und der Slowakei teilnehmen werden, aber auch aus Großbritannien und Frankreich. (DER STANDARD, 9.11.2013)

Lena Schacherer (38) studierte Architektur in Wien, Graz, Berlin und Paris. Seit 2011 arbeitet sie an Best (un)built.

12. November 2013 Der Standard

Phönix aus der Schublade

Jahr für Jahr landen in Österreich tausende Einfamilienhausentwürfe im Archiv. Eine neue Initiative will die besonders schönen Archivleichen nun an den Bauherrn und die Baufrau bringen

Laut Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten gibt es in Österreich derzeit rund 3000 registrierte, aktiv im Berufsleben stehende Architekten. Und jedem einzelnen davon, erklärt Bundeskammerpräsident Georg Pendl, passiere es zumindest einmal pro Jahr, dass ein fixfertig geplantes Projekt nicht zur Ausführung gelangt, sondern stattdessen in der Schublade landet. Die Gründe sind vielfältig und reichen von unrealisierten Wettbewerbsbeiträgen bis hin zur Scheidung der Bauherrenschaft.

Unbezahlte Arbeit

„Allein in offene Wettbewerbe werden in Österreich Jahr für Jahr mehr als 73 Millionen Euro an Arbeitsleistung hineingebuttert“, sagt Pendl. „Und ich würde davon ausgehen, dass die Verschwendung, die aus der Menge niemals gebauter Einfamilienhäuser resultiert, ähnlich groß ist - wenn nicht sogar größer.“ Genaue Zahlen dazu seien nicht in Erfahrung zu bringen.

Seit rund zwei Wochen ist ein Projekt online, das sich genau diesen Schubladenleichen widmet. Unter der Domain best-un-built.com findet man eine Art Shopping-Plattform für potenzielle Bauherren, die zwar an Architektur interessiert sind, denen der Weg ins Architekturbüro letztendlich aber zu stressig oder zu angstbehaftet erscheint. Deren gibt es viele. Und nicht wenige davon landen am Ende beim Baumeister oder Fertighausproduzenten.

„Die Einfamilienhausentwürfe, die in den Archiven schlummern, sind zum Teil von sehr hoher Qualität“, sagt Lena Schacherer, Projektinitiatorin und Inhaberin der Plattform. „Es wäre schade, diese Projekte nicht wiederzubeleben.“ Vor allem Menschen mit geringerem Budget hätten so die Möglichkeit, an ausgefallene Projekte zu gelangen.

Strenges Urheberrecht

Zwischen 3000 und 7000 Euro kostet eine abgeschlossene Einreichplanung, wobei das Projekt je nach Bundesland, Grundstück und geltenden Bebauungsbestimmungen adaptiert werden muss. Best (un)built stellt Kontakte zu Architekten, Baumeistern, Statikern, Haustechnikplanern und Innenraumgestaltern her. Der Verkauf der Pläne ist in erster Linie ein juristischer Akt, denn die Urheber- und Wertnutzungsrechte sind hierzulande sehr streng.

Zu den teilnehmenden Büros, die ihre Archivleichen auf Best (un)built anbieten, zählen etwa Söhne & Partner sowie die Klosterneuburger Architektin Andrea Bódvay. „Natürlich müssen die Projekte an neue Rahmenbedingungen angepasst werden, aber darin sehe ich kein Problem“, sagt Bódvay auf Anfrage des STANDARD. Und Guido Trampitsch, Söhne & Partner, meint: „Es kann passieren, dass ein Projekt verfremdet und so ausgeführt wird, dass es unseren Vorstellungen nicht entspricht. Aber diese Gefahr besteht eigentlich bei jedem Projekt.“

Kritik an „Dumping-Preisen“

Nicht alle sind von Best (un)built begeistert. „Da werden Einfamilienhaus-Projekte zum Dumping-Preis auf den Markt gebracht“, meint Günter Katherl vom Wiener Architekturbüro Caramel. „Ich fürchte, dass mit dieser Plattform ein Ausverkauf der Architektur einhergeht. Seit Jahren schon setzen wir uns dafür ein, dass unsere Arbeit einen gewissen Wert hat. Und nun sollen die Projekte um einen Bruchteil ihres Werts verkauft werden. Da bin ich vorerst noch skeptisch.“

10. November 2013 Der Standard

Wenn die Architektur zum Nebenschauplatz wird

Die Salzburger Architekten Maria Flöckner und Hermann Schnöll erachten ihre wenigen, aber dafür umso beeindruckenderen und medial viel zitierten Wohnhäuser als Teil der Landschaft

„Bitte noch ein Porträtfoto von Ihnen beiden!“ Und dann, Stunden später, kam eine wunderbar poetische Landschaftsaufnahme, auf der Maria Flöckner und Hermann Schnöll gerade einen Drachen in den Himmel aufsteigen lassen. Das Flugobjekt war zwar wunderschön, von den beiden Architekten jedoch, um die es hier geht, war nicht mehr zu sehen als ein dynamisches, von Bewegungsunschärfe gezeichnetes Gesichtspaar mit einigen Pixeln Größe.

Und schon ist über das Salzburger Büro Flöckner Schnöll das Wichtigste gesagt: Im Mittelpunkt steht weder der Architekt, noch das von ihm geplante Bauwerk, sondern einzig und allein die Schönheit der Landschaft. „Ein Haus ist immer auch Teil des Ortes, an dem es steht“, sagen die beiden, die sich vor vielen Jahren auf einem Symposium kennengelernt hatten. „Für uns ist Architektur nicht ein künstlicher Gegenpol zu Natur wie für viele andere, sondern ein räumliches Element, das uns ermöglicht, diese oft famosen Landschaftsblicke einzufangen, einzurahmen und zu genießen.“

Rundum verglast

Entsprechend zelebriert wird die atmosphärische Verbindung zwischen innen und außen. Beim 2007 fertiggestellten Wohnhaus 47°40'48"n / 13°8'12"e in Adnet – der Name ergibt sich aus den Geo-Koordinaten des Bauplatzes – wohnt man in einem rundum verglasten Raumgefüge zwischen zwei Stahlbetondeckeln. Man ist sozusagen der transparente Burger zwischen zwei betonierten Bun-Hälften. Um des Panoramaglücks nicht überdrüssig zu werden, befindet sich an der Außenkante des Hauses ein schwarzer Vorhang, den man je nach Belieben hin- und herschieben kann, um den Ausblick in die Landschaft mal schwächer, mal stärker zu filtern. Geblickt werden kann übrigens auch nach innen: Hinter einer riesigen, raumhohen Glaswand befindet sich die Garage.
Und in ihr ein knallgelber Porsche.

Auch beim Haus T in Hallwang, dessen Name sich aus der T-förmigen Mittelmauer ergibt, die das Haus auf der gesamten Länge in zwei Hälften schneidet, spielt Natur eine wichtige Rolle. Vor allem im Winter, wenn das Grün unter einer weißen, reflektierenden Decke verschwunden ist, scheinen Innen- und Außenraum nahtlos ineinander zu fließen. Um von diesem Genuss ja nicht abzulenken, wurden die Oberflächen im Low-Budget-Haus bewusst roh gehalten: Der Beton trägt Schönheitsflecken und Gussspuren, die Möbel sind aus handelsüblichen OSB-Platten gefertigt.

„Immer wieder Neues entdecken“

Warum das alles so ist wie es ist? „Es ist schwierig, sich selbst zu beschreiben“, sagen Maria Flöckner und Hermann Schnöll nach einer schweigsamen Minute. „Das müssen die anderen entscheiden. Was wir allerdings sagen können: Mit jeder neuen Bauaufgabe können wir unserem Beruf unvoreingenommen begegnen und immer wieder Neues entdecken. Dieses impulshafte Arbeiten in und mit der Landschaft hat für uns fast etwas Kindliches.“

5. November 2013 Der Standard

Höher hinauf zu den Wolken

Der Wiener Architekt Wolf D. Prix, Planer des neuen Wahrzeichens der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, erhielt den Hessischen Kulturpreis 2013. Das Viertel rund um den EZB-Tower, als „neue Ikone“ beworben, wird jedoch zum Hochsicherheitsareal.

Staub und Lärm und pfeifender Novemberwind: Im 42. Stock, mit direktem Blick auf das Frankfurter Finanzviertel, wird eifrig gearbeitet. Da, wo später einmal der Vorstandskonferenzsaal der Europäischen Zentralbank sein wird, konnte DER STANDARD im Rahmen einer Baustellenführung einen Blick hinter die fast schon gänzlich geschlossenen Fassaden des neuen EZB-Towers werfen. Der Rohbau ist abgeschlossen, im Dezember sollen die Kräne und Bauaufzüge abmontiert werden, die Fertigstellung des 1,2 Milliarden Euro teuren Doppelturms der Europäischen Zentralbank ist für Ende 2014 angepeilt.

Grund genug zum Feiern dachte sich das Land Hessen: Am vergangenen Freitag überreichte man dem Wiener Architekten Wolf Prix, Chefarchitekt von Coop Himmelb(l)au, in Frankfurt den Hessischen Kulturpreis 2013. Prix, Sieger eines internationalen Wettbewerbs, arbeitet seit nunmehr zehn Jahren an diesem mit Abstand höchsten Gebäude seiner Karriere. Und schon jetzt wird das neue EZB-Headquarter, das auf dem Areal der historischen, denkmalgeschützten Großmarkthalle entsteht, als „Frankfurts neue Ikone“ und „Symbol einer polyzentrischen Stadt“ beworben.

„Prix hat es verstanden, die Werte der EZB in diesem Entwurf widerzuspiegeln und in seine spezifische architektonische Sprache umzusetzen“, erklärte EZB-Generaldirektor-Stellvertreter Werner Studener. Eine Vision habe Gestalt angenommen. Und der kalifornische Architekt Thom Mayne würdigte in seiner Laudatio die dynamische, innovative und stets Grenzen durchbrechende Architektur des Wiener Büros. „Man muss wissen: Wolf Prix hasst Schwerkraft, und er liebt Wolken.“ An diesem Projekt manifestiere sich das besser als je zuvor.

Ob der 185 Meter hohe EZB-Tower mit seinen gekrümmten Glasfassaden eines Tages wirklich als Ikone wahrgenommen werden wird, sei dahingestellt. Spätestens mit Fertigstellung wird sich das gesamte Gelände rund um die Großmarkthalle in ein Hochsicherheitsareal für 1500 Mitarbeiter verwandeln, in dem die Zukunft der europäischen Wirtschaft unter Ausschuss der Öffentlichkeit entschieden wird. Für Ikonentum bleibt da kein Platz.

Projekt in Ostchina

Sehr wohl öffentlich ist hingegen das Internationale Konferenzzentrum in der ostchinesischen Hafenmetropole Dalian, das nach Plänen von Coop Himmelb(l)au letztes Jahr fertiggestellt wurde. Auf einer Gesamtfläche von 100.000 Quadratmetern vereint es Opernhaus, Theater, Museum, Ausstellungszentrum, diverse Konferenzsäle und eine 45 Meter hohe Eingangshalle, die so groß ist wie vier Fußballfelder zusammen. Die Wiener Galerie Ulysses widmet diesem Projekt derzeit eine Präsentation mit großflächigen Bildern, Film und Modell.

2. November 2013 Der Standard

's Drießg-Minuta-Hüsle

In Krumbach, Vorarlberg, wartet man nicht nur auf den Bus, sondern auch auf sieben neue Buswartehäuschen. Das Projekt wirft eine Frage auf: Ist das Kunst oder Architektur?

7.53 Uhr. Um eine Minute den Bus nach Bregenz verpasst. Hargozack no amol! In wenigen Monaten, so wollen es die Projektinitiatoren, wird diese Situation keine unangenehme mehr sein. Denn ab März werden in Krumbach im Bregenzerwald ein paar Architekturpreziosen in die Landschaft gestellt, die nicht nur die Bautypologie Buswartehäuschen revolutionieren, sondern auch dafür sorgen sollen, dass man die kommenden 29 Minuten, bis der nächste bienemajafarbene Landbus daherkommt, mit um sich blickendem und holistisch wahrnehmbarem Raumgenuss verbringen kann.

„Bus:Stop Krumbach“, so der offizielle Name, ist eine Privatinitiative der 977-Seelen-Gemeinde Krumbach, die mithilfe von Geld- und Sachspenden sieben slicke, in jeder Hinsicht hirnbegabte Buswartehäuschen-Entwürfe aus aller Welt in die Realität umsetzen will. Und das mitten auf dem Land, bisweilen sogar mitten im Nirgendwo. Ziel dieser Initiative ist es, den öffentlichen Verkehr, der in Vorarlberg traditionell eine außergewöhnliche, weil allseits beliebte Position einnimmt, noch stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Und zwar nicht nur im Landbusland, sondern überregional.

„Mit 30.000 Einwohnern ist der Bregenzerwald verhältnismäßig dünn besiedelt“, sagt der Krumbacher Bürgermeister Arnold Hirschbühl. „Und doch gelingt es, dass der Landbus in Stoßzeiten im Halbstundentakt die Gemeinden anfährt, in Randzeiten immerhin noch einmal pro Stunde. Das gibt es im ländlichen Raum sonst nirgendwo.“ 6,9 Millionen Fahrgäste nutzen den Bregenzerwälder Landbus pro Jahr, wie Daniela Kohler, Geschäftsführerin der Regionalentwicklung Bregenzerwald GmbH, mitteilt: „Die neuen Wartehäuschen, die wir im Frühjahr bekommen werden, sind nicht nur ein Marketing-Instrument für uns, sondern auch ein media- ler Impuls, das Privatauto ruhig auch einmal zu Hause stehen zu lassen.“

Noch 17 Minuten. Die treibende Kraft hinter dem Projekt ist Kurator Dietmar Steiner vom Architekturzentrum Wien. Gemeinsam mit dem Verein Kultur Krumbach, dem Vorarlberger Architekturinstitut (vai), dem Kunsthaus Bregenz und rund 150 sponsernden Unternehmen aus der Region machte er es möglich, sieben Architekten aus aller Welt einzuladen und ihnen einen Entwurf für ein Wartehüsle zu entlocken. Als Belohnung gab's eine Woche Ländle-Urlaub.

„Die Vorarlberger Baukünstler der dritten Generation sind bereits so verfeinert und fast schon dekadent in ihrer Perfektion, dass wir uns dachten, ein bissl Schmutz und Irritation von außen wird den millimetergenau denkenden und auf höchstem Niveau agierenden Architekten schon guttun“, sagt Steiner. Doch was dann kam, 14 Minuten, stellte sich als globalisierter Kulturschock heraus.

„Dieses Vorarlberg scheint international schon so eine einschüchternde Vorbildwirkung zu haben, dass sogar ein Alexander Brodsky aus Russland, der bisher nur Baumstämme mit Kabelbindern zusammenimprovisiert hat, plötzlich mit millimetergenau gezeichneten CAD-Plänen für einen zweigeschoßigen Warteturm dahergekommen ist“, so Steiner. Die anderen Entwürfe, die kürzlich im Kunsthaus Bregenz (siehe Foto) präsentiert wurden, sind um keinen Deut unpräziser.

Genießen, bis der Bus kommt

De Vylder Vinck Taillieu (dvvt) aus Gent entwarfen eine Skulptur aus dreieckigen, zusammengeschweißten Stahlplatten, Rintala und Eggertson (Bodø, Norwegen) schufen einen mit Lärchenschindeln verkleideten Hochsitz, in dem man nicht nur auf den Bus warten, sondern auch das benachbarte Tennisspiel verfolgen kann, das Madrider Ensamble Studio stapelte unbehandelte Eichenbretter zu einem räumlichen Etwas mit Sitzbank und Dach, Sou Fujimoto (Tokio) schuf eine acht Meter hohe, filigrane Stangenskulptur aus Holz und Stahl, die man auf wackeligen Stufen erklimmen kann und die laut Steiner „das wahrscheinlich schwierigste Projekt in der Umsetzung werden wird“, und Pritzkerpreisträger Wang Shu aus Hangzhou, China, entwarf eine überdimensionale Camera obscura, in der man wie in einem alten Linhof-Ziehharmonika-Fotoapparat Platz nehmen und in die Landschaft hinausschauen kann. Bis der Bus kommt. Sieben Minuten.

Der einzige Entwurf, der jetzt schon im Maßstab 1:1 existiert, ist das gläserne Wartehäuschen des chilenischen Architekten Smiljan Radic. Inspiriert von den kleinen, gemütlichen Bregenzerwälder Stuben, transferiert er eine ebensolche hinaus in die freie Natur. Freilich nicht ohne dem Objekt die eines Architekten würdige Verfremdung überzustülpen. Die Wände sind aus Glas, die Bregenzerwälder Kassettendecke ist in Beton gegossen, und etwas entrückt ist am großen Hüsle noch ein kleines für die Vögel montiert.

„Von Anfang an haben mich die Holzstuben hier fasziniert, und gleichzeitig finde ich es berührend, wie in Vorarlberg Privatheit und Öffentlichkeit Hand in Hand gehen“, sagt Radic im Gespräch mit dem STANDARD. „Aus diesem Grund wollte ich den ursprünglich intimen Privatraum in die Natur hinausstellen und für alle spürbar machen.“ Die handwerkliche Präzision ist rekordverdächtig, wohlgemerkt.

„Natürlich braucht man so ein Wartehäuschen nicht wirklich“, sagt Dietmar Steiner. „Ein einfacher Unterstand mit Fahrplan und Logo tut's auch. Doch dieses Projekt markiert einen Ort. Und es ist ein Symbol für öffentlichen Nahverkehr.“ Und genau das ist der vielleicht einzige Kritikpunkt. Denn als Vorzeigebeispiel für künftige Buswartehäuschen zwischen Bregenzerwald und Seewinkel eignet sich Bus:Stop Krumbach - über das Budget wird vorerst noch geschwiegen - nur bedingt. „Ohne Sponsoring wäre das gesamte Projekt unverantwortlich und unfinanzierbar“, meint Bürgermeister Hirschbühl.

8.22 Uhr. Noch eine Minute. Und so wird Bus:Stop Krumbach bei aller Genialität als das in die Geschichte eingehen, was es ist: nicht als Architektur, sondern als Kunst im öffentlichen Raum auf höchstem Niveau und mit bester Netzwerkarbeit zwischen Creative Industry und regionalem Handwerk. 8.23 Uhr. Hinterm Waldrand biegt ein gelber Bus ums Eck. Das Warten hat ein Ende. Hargozack no amol!

1. November 2013 Der Standard

Sagen Sie niemals Kleingartenhaus zu ihm

Ein Haus mit nur 50 Quadratmetern? Die Villa Rabenschwarz der Wiener Architekten Schuberth und Schuberth beweist, dass man mit Witz und Synergieeffekten Räume größer machen kann.

Das Grundstück am Rande des Wienerwalds war schon da, das Bauwerk ebenso, doch mit dem schrulligen, nur fünf Quadratmeter großen Knusperhäuschen war nicht viel anzufangen. Also beschloss Matthias Fellner, seines Zeichens Grafiker und berufsbedingter Formen- und Farbenästhet, die Architekten Schuberth und Schuberth zu einem Entwurf für einen Neubau einzuladen. Und die Bauaufgabe war alles andere als leicht, galt es doch, ein Kleingartenhaus mit 50 Quadratmetern Nutzfläche zu planen, das neben dem üblichen Raumrepertoire ein großes Bad, zwei getrennte Schlafzimmer für Vater und Tochter sowie einen eigenen Arbeitsbereich beinhalten sollte.

„Projekte wie diese, bei denen man so viele Funktionen unterbringen und so viele Einschränkungen beachten muss, sind unsere Leidenschaft“, sagt Johanna Schuberth. Gemeinsam mit ihrem Bruder Gregor hat sich die Architektin unter anderem auf verzwickte Bauaufgaben wie Kleingartenhaus und Würstelstand spezialisiert. „Der Fluch und Segen so kleiner Bauaufgaben ist, dass man das Projekt immer bis zum letzten Millimeter durchplanen muss. Die Planung reicht bis zum letzten Möbelstück.“

Im Falle der kleinen Villa Rabenschwarz - denn so heißt das Kleingartenhaus mit seiner abgefackelten, verkohlten Holzfassade, das im Kleingartenverein Michaelawiese in Neuwaldegg errichtet wurde - heißt das, dass jeder Filzvorhang, jede eigens angefertigte Schiebetür und jede einzelne keramische Glühbirnenfassung, die an bunten Stoffkabeln von der nur 2,20 Meter hohen Decke baumelt, Strich für Strich im CAD geplant werden musste. Prinzip Zufall? „Niemals. Nicht bei dieser Projektgröße.“

Zum Beispiel: Der Esstisch ist nicht auf der üblichen Tischhöhe von 72 Zentimetern, sondern wurde auf 90 Zentimeter angehoben, sodass er bei Bedarf als Küchenarbeitsfläche verwendet werden kann. Barhocker und eine umlaufende Hochbank mit Fußreling sorgen dafür, dass nicht nur das Gemüseschnipseln ergonomisch schmackhaft ist, sondern auch das Dinieren. Filzvorhänge vor den Schränken vermeiden, dass man in der kleinen Villa gegen geöffnete Schranktüren rennt. Und in den beiden Schlafzimmern im Obergeschoß, die mehr einer Art Schlafkoje in Bettgröße gleichen (siehe Foto), wurde der Raum unter dem Bett als Schrankersatz genutzt.

Das wohl schönste Innenraumdetail des mutwilligen Brandopfers ist jedoch das Badezimmer, das je nach Öffnungszustand der Türen mal Minibad mit Handwaschbecken und Dusche und mal Großraumbad mit zugeschaltetem WC ist. Durch das Auf- und Zuklappen und Hin- und Herschieben der Türen kann man dem Wohnzimmer mal einen rundum laufenden Gang dazuschenken und mal ein Körperpflege-Eckerl abzwacken.

„Nachdem man in unserer kleinen Villa im Kreis umherlaufen kann“, sagt ein glücklicher Matthias Fellner, der die unbehandelten Holzwände bereits mit zu Strichgrafiken arrangierten farbigen Stoffbändern beklebt hat, „steigen uns meine Tochter und ich niemals auf die Füße. Kaum zu glauben, aber wir wohnen so richtig großzügig und luftig.“

23. Oktober 2013 Der Standard

Ein Marktplatz für alle

Im Sonnwendviertel hinter dem neuen Wiener Hauptbahnhof errichtet das ÖSW ein Wohnhaus mit Tauschbörse-Piazza und Dusche auf der Dachterrasse, dafür aber ohne Gänge in den Geschoßen. Man erreicht die Wohnungen direkt vom Aufzug aus.

In einer Box liegen ein Paar Sneakers, die dem Beschenkten zu klein waren, in einer anderen ein paar ausgelesene Bücher, wiederum woanders ist hinter einer kleinen Plexiglastür ein niemals verwendeter Schnellkochtopf zu bewundern. So oder so ähnlich könnte das neue Foyer in dem von Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) geplanten Wohnhaus „Platform L“ bald aussehen. Denn das Erdgeschoß soll den Mietern nicht nur als Kommunikations- und Begegnungszone samt Sofa, Bücherregal und Wuzler dienen, sondern auch als sogenannter Marktplatz.

„Die Platform L war das erste Projekt, das unter dem Motto der sozialen Nachhaltigkeit entstanden ist, nachdem das Thema in der Stadt Wien als vierte Säule des kommunalen Wohnbaus verankert wurde“, erklärt Dietmar Feistel, Partnerarchitekt bei DMAA. „Aus diesem Grund wollten wir diesem Aspekt besonders viel Raum geben.“ 225 Quadratmeter sind es, um genau zu sein. Entwickelt wurde das Marktplatzkonzept mit den 55 versperrbaren Plexiglasboxen - wie übrigens auch die Gemeinschaftsterrasse mit Sonnendeck und Duschen - in Zusammenarbeit mit den Soziologen Havel & Havel. Anfang 2014 sollen die 92 Wohnungen hinter dem neuen Wiener Hauptbahnhof übergeben werden.

Doch der Marktplatz ist nicht die einzige Besonderheit dieses L-förmigen Hauses, das sich aufgrund seiner charakteristischen Fassade schon von weitem als typisches DMAA-Projekt zu erkennen gibt. „Man kann nicht immer nur besser und hochwertiger und sozial nachhaltiger bauen, und das zu den gleichen Kosten wie noch vor einigen Jahren, als die Anforderungskriterien im geförderten Wohnbau noch nicht so streng waren“, sagt Feistel. „Irgendwo muss man auch Nischen finden, wo man Baukosten einsparen kann.“

Mit dem Lift in die Wohnung

Im Falle der Platform L - der Name nimmt Bezug auf die ehemaligen Süd- und Ostbahngleise, die an dieser Stelle einst verliefen - ist das Einsparungspotenzial in den oberen Geschoßen auszumachen: Auf Gangflächen wurde komplett verzichtet, stattdessen erschließt man die beiden Wohnungen pro Stiegenhaus und Geschoß direkt vom Aufzug aus. Eine spezielle Sicherheitstechnik mit Klingeltableau und persönlicher Anmeldung soll verhindern, dass plötzlich ungebetene Liftfahrer in der Wohnung stehen.

„Ich muss gestehen, dass wir an dieser Lösung lange gezweifelt haben und uns nicht sicher waren, ob wir uns das trauen sollen oder nicht“, sagt Michael Pech, Vorstand des Österreichischen Siedlungswerks (ÖSW). „Letztendlich haben wir jedoch eingesehen: Wir müssen es ausprobieren. Nur so wissen wir, ob sich das System bewährt oder nicht.“ Den angemeldeten Mietern jedenfalls gefällt's. Die besondere Erschließung der Wohnung, die man sonst nur aus hochpreisigen freifinanzierten Penthouse-Wohnungen kennt, habe ihnen ein sehnsüchtiges Zukunftslächeln auf die Lippen gezaubert.

Auch die zu erwartenden Betriebskosten könnten das freudige Mundwinkelerlebnis der Mieter wiederholen, denn das gesamte Haus ist als sogenanntes Niedrigenergiehaus plus ausgeführt. Das heißt: Die Gebäudehülle ist energetisch optimiert, die Wohnräume werden kontrolliert belüftet, und bei den L-förmig angeordneten Fenstern in den Schlafzimmern handelt es sich um Aluminiumfenster mit Dreifachverglasung. Das dürfte das Portemonnaie langfristig schonen. Thermografiemessungen und ein Ökopass des Österreichischen Instituts für Baubiologie und Bauökologie (IBO) bestätigen die Zahlen.

Die Wohnungen selbst haben zwischen 50 und 142 Quadratmeter und verfügen allesamt über einen Freiraum in Form einer Loggia. Ein Teil der Wohnungen wurde so ausgeführt, dass der Grundriss zwischen Einraumloft mit mittigem Sanitärkern und Vierzimmerwohnung flexibel zu gestalten ist, wobei sich die meisten Mieter nach Auskunft des ÖSW trotz des Angebots für eine klassische Drei-Zimmer-Wohnung entschieden hätten.

Finanzielle Besonderheit: Grundstückseigentümerin ist die Erste ÖSW Wohnbauträger GmbH, eine eigens gegründete Gesellschaft, die jeweils zur Hälfte dem ÖSW und der Erste Bank gehört. Das ÖSW selbst errichtete das Wohnhaus im Baurecht. Dadurch war es möglich, den Eigenmittelanteil, der sich für gewöhnlich aus den Grundkosten speist, auf die Baurechtnebenkosten zu reduzieren. Im Klartext: 222 Euro pro Quadratmeter statt der sonst üblichen 400 bis 500 Euro.

23. Oktober 2013 Der Standard

Und vor der Wohnungstür die halbe Welt

Das Wohnprojekt „Interkulturelles Wohnen“ am ehemaligen Nordbahnhof in Wien wurde konsequent umgesetzt: Die Architekten stammen aus drei, die Bewohner sogar aus zwanzig Ländern.

„Geschmack hat er ja keinen, der Architekt, aber der Wohnungsgrundriss, der ist wirklich gelungen!“ Michael Lenz, 36 Jahre alt, seines Zeichens kaufmännischer Angestellter, wohnhaft auf Stiege 1, ist vor wenigen Tagen eingezogen und wundert sich kopfschüttelnd über die beige-braun verfliesten Badezimmer in seinem Haus. Das Siebzigerjahreschachbrettmuster an der Wand, das in seiner Wohnung standardmäßig vorgesehen war, hat er bis heute nicht verkraftet. „Das ist eine Art Ästhetik, die sich mir nicht ganz erschließt. Aber darum geht es bei dieser Wohnhausanlage ja auch nicht.“

Richtig. Lenz ist Bewohner einer dreiteiligen Wohnhausanlage, die unter dem Motto „Interkulturelles Wohnen“ entstanden ist. Das Thema war Vorgabe des seinerzeit ausgeschriebenen Bauträgerwettbewerbs, aus dem der gemeinnützige Bauträger Neues Leben mit dem Wiener Architekten Werner Neuwirth als Sieger hervorging. Neuwirth, Mastermind des ungewöhnlichen Projekts, holte die beiden Büros Von Ballmoos Krucker (Zürich) und Sergison Bates Architects (London) ins Boot und schuf ein heterogenes Dreierensemble mit insgesamt 90 Wohnungen.

„Interkulturalität ist so eine Sache“, sagt Neuwirth, „denn der Begriff erhebt den Anspruch, dass es Hauptkulturen und Zwischenkulturen gibt, und daran glaube ich nicht. Aber wenn wir schon von einem Wohnbau für unterschiedliche Kulturen sprechen, dann muss man auch Architekten aus unterschiedlichen Kulturen dazu einladen, sich dieses Themas anzunehmen. Man kann nicht von einem einzigen Architekten erwarten, sich in verschiedene Kulturen hineinzudenken. Das bauliche Resultat dieses Unterfangens wäre ein Comic.“

Im Gegensatz zu den meisten anderen geförderten Wohnbauten, die auf dem Gelände des ehemaligen Wiener Nordbahnhofs in den letzten Jahren entstanden sind, handelt es sich beim Projekt in der Ernst-Melchior-Gasse um eine kleinteilige Anlage mit 28 bis 32 Wohnungen pro Haus. Und jedes Haus ist anders. Die nationalen Handschriften aus Austria, Schwyz und United Kingdom sind unverkennbar - sei es die Retroverfliesung auf Stiege 1, der Parkettvorplatz auf Stiege 2 oder die unzähligen Niveausprünge auf Stiege 3. „30 Wohnungen sind die Obergrenze, damit noch so etwas wie aktiv gelebte Nachbarschaft entstehen kann“, so Neuwirth. „Alles, was darüberliegt, ist Quell für Anonymität.“

„Nicht wie in einem Hotel“

Dariusz Malinowski, gebürtiger Pole, Stiege 3, vierter Stock, kann das bestätigen. „Die meisten meiner Freunde und Bekannten wohnen in großen Wohnhausanlagen, in denen viele Wohnungen an einem langen Gang aufgefädelt sind“, sagt er. „Sie leben dort wie in einem Hotel. Niemand kennt niemanden. Ich finde das schrecklich. Hier aber habe ich schon jetzt erste Kontakte knüpfen können, und das, obwohl ich noch mitten im Umsiedeln bin.“

Um die Nachbarschaft, die wie ein zartes Pflänzchen zwischen den Wohnungstüren gedeiht, weiterhin zu stärken, veranstaltet der Soziologe Raimund Gutmann einmal pro Woche einen mehrstündigen Workshop, zu dem alle Bewohner eingeladen sind, und das ein halbes Jahr lang. Ziel ist es, die mentalen Mauern, die in einer neuen Wohnhausanlage üblicherweise aufgezogen werden, einzureißen und die Menschen untereinander bekannt zu machen.

„Adresswechsel und Wohnungsbezug sind eine stressige Angelegenheit“, sagt Gutmann, Geschäftsführer des Mediations- und Beratungsbüros wohnbund consult. „Vor allem in einem Projekt mit einem so hohen Ausländeranteil wie hier ist es wichtig, die Menschen in den ersten Monaten zu begleiten.“ Nicht zuletzt geht es darum, für die noch leeren Gemeinschaftsflächen im Erdgeschoß im Zuge eines Mitbestimmungsprozesses die richtige Nutzung zu erarbeiten. Zur Auswahl stehen Spielraum, Wohnsalon und Bibliothek. Die endgültige Auswahl treffen die Mieter.

„Wie man sieht, habe ich selbst Migrationshintergrund, wie man so schön sagt, und daher finde ich es sehr spannend, dass man eine ganze Wohnhausanlage unter das Motto Interkulturalität stellt“, sagt die in Istanbul geborene Sennur Aslantürk. Gemeinsam mit ihren beiden Söhnen wohnt sie auf Stiege 1, im „Haus der beiden Schweizer“, wie sie meint. „Bislang habe ich mit Interkulturalität nicht nur positive Erfahrungen gemacht, aber das ist hier eindeutig anders. Nächste Woche startet der erste Workshop. Da bin ich fix dabei.“ Und was das Siebzigerjahreschachbrettmuster in ihrem Bad betrifft: „Das sind halt Architekten. Daran gewöhnt man sich.“

90 Wohnungen, 20 Sprachen

Nicht nur sozial, auch ökologisch nachhaltig ist das Wohnprojekt am ehemaligen Nordbahnhof. Beheizt werden die Wohnungen - die Größen variieren zwischen 30 und 115 Quadratmetern - mittels Fußbodenheizung und kontrollierter Wohnraumlüftung. Die Niedertemperaturheizung sorgt für geringen Energieverbrauch und somit auch für eine nachhaltige Schonung des Geldbörsels.

Fehlt nur noch, dass das letzte, noch leerstehende Geschäftslokal vermietet wird. „Wir haben bisher einen Kindergarten und eine bilinguale Kindergruppe im Haus“, sagt Heidi Skomar, Projektleiterin beim Bauträger Neues Leben. „Im dritten Gassenlokal wollten wir das Weltcafé als Mieter gewinnen, aber das hat leider nicht geklappt. Wir hoffen, dass sich noch ein Gastronomiebetrieb findet. Das wäre ein schöner Abschluss dieses auf Kommunikation basierenden Projekts.“

Im Wohnpark „Interkulturelles Wohnen“ sind 20 Nationen vertreten. Nachbarschaft wird hier nicht als Problem wahrgenommen, sondern als Chance. Geht doch.

19. Oktober 2013 mit Maik Novotny
Der Standard

Bauordnung muss brennen!

Wir blicken 25 Jahre in die Zukunft: Was wird am 19. Oktober 2038 an dieser Stelle zu lesen sein? Österreichische Architekten und ihre Twitter-Visionen.

heri & salli, Wien
Ökostadt in Weiß: Fantastische Aussichten! Hochgebirgscity in den Alpen für 100.000 Einwohner steht kurz vor dem Spatenstich.

Johannes Baar-Baarenfels, Wien
Schwechat: Terminal 5 eröffnet. Gebäude adaptiv gegenüber Umwelteinflüssen. Neues Bewusstsein für gesellschaftliche Relevanz von Architektur.

Martina Hartl, t hoch n
Energiebewusstes Bauen ohne jegliche sklavische Unterwerfung an die Dämmstärkenvorgaben der Kunststoffindustrie!

Barbara Imhof
Liquifer Systems Group
Die Stadt als Raumschiff: Zusammenleben in verdichtetem Raum, Integration technologisierter Natur, effizientes Haushalten mit Ressourcen.

Sabine Pollak, Köb & Pollak
Im Oktober 2038 berichtet das ALBUM über neueste Bandstadt-Projekte auf funktionslos gewordenen Autobahnen zwischen Wien, Berlin und Paris.

Boris Podrecca, Wien
Kleinkariert war gestern. Hurra! Wien, bislang einzige europäische Hauptstadt ohne herzeigbaren Hauptplatz, eröffnet heute moderne Piazza.

Sandra Knöbl, Labour of Wood, Wien
Breaking News: Österreichische Bauordnung ist endlich einem auf dem Modulor basierenden Manifest für Ästhetik und gebaute Umwelt gewichen.

Wilfried Krammer, Wien
Vom temporären Pilotprojekt zur Realität: Nonmotorisierter Netzplan für Wien fertiggestellt. Ein Projekt von European Smart Cities Austria.

Roland Gruber, nonconform architektur vor ort
In 25 Jahren wird die Architekturseite täglich erscheinen. Sie wird dann „Ein schöner Land“ heißen und brennheiße Lebensthemen aufgreifen.

Wolf Prix, Coop Himmelb(l)au
Die Architekturkritik im STANDARD wird im Wirtschaftsteil in Form von Rechtsgutachten und Bilanzberichten zu lesen sein. Traurig, aber wahr.

Margarethe Cufer, Wien
Egal. Da bin ich tot. Wenn es mit den Vorschriften so weitergeht, ist es ohnehin besser, die Häuser von Juristen planen zu lassen.

Peter Riepl, Riepl Riepl, Linz
Die Erde ist abermals kleiner geworden. Doch die Architektur öffnet neue Spielräume und macht unsere Welt wieder unermesslich.

Gernot Hertl, Steyr
Das Streben nach gutem Raum gab es immer. Doch kaum vorstellbar: Vor 25 Jahren gab's noch Zersiedelung und Kernzonensterben!

Gerhard Saile, Halle 1, Salzburg
Verschandelung gestoppt! Nach Einführung des Unterrichtsfachs „Raumordnung und Architektur“ durch Bundesregierung 2014 Erfolg erkennbar.

Jakob Dunkl, querkraft architekten
Mit neu geschaffenem Ministerium für Baukultur betont die Regierung die gesellschaftspolitische Relevanz von Architektur und Raumordnung.

Markus Bogensberger, HDA Graz
Österreichisches Architekturmuseum feiert 20-jähriges Bestehen. Außenstellen in den Bundesländern haben sich als Publikumshit erwiesen.

Arno Ritter, aut, architektur und tirol
2013: Wenn die Sonne der Baukultur niedrig steht, werfen sogar architektonische Zwerge lange Schatten. 2038: Architektur = Qualität = Alltag

Gerhard Kopeinig, Velden
Österreich wird frei! Frei von architektonischem Getöse.

Patrick Jaritz, IG Architektur
Wünsche mir am 19. Oktober 2038 folgende Schlagzeile: „Erstmals zwei Architektinnen für Friedensnobelpreis nominiert!“

Gernot Ritter, Hofrichter Ritter Architekten, Graz
Friedensnobelpreis an Architektin verliehen!

Martin Haller, Caramel
Wissenschaftlich erwiesen: Wenn Architekten träumen. Gute Architektur ist in kollektivem Bewusstsein gespeichert und wartet auf Erweckung.

Gabu Heindl, Wien
Eröffnung des 200. Wiener Gemeindebaus seit Wiederaufnahme von Gemeindebau im Jahr 2014. Und: Evaluierung des Gesamtschulbau-Programms.

Silja Tillner, Tillner & Willinger
Die Stadt 2038: Vertikale Fassadenbegrünungen und Bäume in allen Straßen haben das Stadtklima verbessert. Alle wollen in der Stadt leben.

Sigfried Loos, polar, Wien
Gehweg und Fahrweg fließen zusammen: Das neue Projekt ist eine urbane Landschaft, die mit den Echtstoff-Gebäuden verwoben ist.

Albert Wimmer, Wien
Die Zukunft gehört dem Universal Design, das für so viele Menschen wie möglich nutzbar ist. Und: Am Cover Baukultur statt Immobilienkultur.

Maria Flöckner und Hermann Schnöll
Neue Möglichkeitsräume! Dafür tut, frei nach Rudofsky, nicht eine neue Bauweise, sondern ein neues Gesellschaftsmodell not.

Karin Triendl, triendl und fessler
Als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen werden lokale Ressourcen bestimmend. Qualitätsvolles und Gutes erhält einen neuen Stellenwert.

Marion Wicher, yes architecture
Das Recht auf Licht, Luft und Architektur in einem schadstoffreinen Lebensumfeld wurde nun schriftlich verankert.

Florian Haydn, 000y0
Bauordnung hat Gültigkeit verloren: Das Bauen wird schwieriger, die Menschen bauen gemeinsam - ohne Architekt.

Edgar Spraiter, Geistlweg Architektur, Oberalm
In 25 Jahren werden Architekten in Dienstleistungsfirmen die Änderungen für das nächste Update von Web-Bauteilkonfigurationen erarbeiten.

Christina Schinegger, soma, Wien und Salzburg
Hoffentlich werden die Konzepte und Baumethoden, die wir zurzeit entwickeln, in 25 Jahren einer breiten Allgemeinheit zur Verfügung stehen.

Verena Konrad, Vorarlberger Architekturinstitut
Meine Vision für 2038: Qualitätsvolle Verdichtung und Verständnis von Baukultur als fixer Bestandteil des Nachdenkens über soziale Räume.

Christoph Achammer, ATP, Innsbruck
Team aus Architekten, Ingenieuren und Geisteswissenschaftlern hat Wien-Bratislava zur lebenswertesten nachhaltigen Stadt der Welt gekürt.

Gerda Gerner, gerner gerner plus, Wien
Anpfiff zur WM 2038 im ersten beambaren Stadion der Welt von gerner gerner plus architekten. DER STANDARD ist live dabei!

Robert Diem, franz architekten
Nach 30 Jahren Fightclub hat sich die Diskussion über Architektur von kleinen Büros in eine breite Öffentlichkeit verlagert.

Matthias Finkentey, IG Architektur
Architektur ist die Entscheidung kompetenter, kreativer und mutiger Bauherren. Möge das Standard werden.

Pia Anna Buxbaum, Archicolor
Angenehmes Raumklima und ressourcenschonendes Bauen sind heute schon selbstverständlicher Teil guten Designs.

Sebastian Illichmann, Wien
Seitdem Normen und Bauordnungen radikal vereinfacht wurden, macht das Bauen wieder Spaß!

Georg Poduschka, PPAG
Leben und Wohnen im Wandel! Ausgerechnet die Architektur, eine bis dahin erzkonservative Disziplin, hat diese Evolution ausgelöst.

Stephan Ferenczy, BEHF
Wettbewerbe wegen Vermögensvernichtung abgeschafft! EU-Steuerfreibetrag für Architekturleistungen wirkt sich positiv auf gebaute Umwelt aus.

Wolfgang Kaufmann, Linz
Renaissance der Immobilienentwicklung: Politik, Bauherren und Nutzer vertrauen wieder auf Qualität und Lösungskompetenz der Architekten.

Heinz Neumann, Wien
Wow-Architektur ist passé! Die Architektursprache spiegelt den verantwortungsvollen Umgang mit knappen Energie- und Rohstoffressourcen wider.

Sonja Gasparin, gasparin & meier, Villach
Auf dass sich eine riesige Verdaumaschine der schlechten Architektur annehme und der so produzierte Humus immun sei gegenüber Bau-Unkultur!

Bettina Götz und Richard Manahl, Artec Architekten
Aufgrund von Verknappung der Mittel wurde eine ganze Reihe widersinniger Bauvorschriften im Bereich der Normen und Gesetze abgeschafft.

Elke Delugan-Meissl und Roman Delugan, DMAA
Mit der Auflösung heutiger Lebensgewohnheiten wird sich der Wohnraum künftig zu etwas Unlesbarem, Ungeplantem, Herausforderndem verwandeln.

Marta Schreieck, henke und schreieck architekten
Heute ist der Kampf härter denn je. Ich wünsche mir daher, dass der Job in 25 Jahren wieder so viel Spaß machen wird wie vor 25 Jahren.

Michael Anhammer, SUE Architekten
In 25 Jahren schauen wir unverbissen und lächelnd auf unser Werk. Die Haftpflicht hat uns nicht gekündigt. Und es gibt Pension für uns!

Dietmar Steiner, Architekturzentrum Wien
Was soll sich ändern? Und warum?

7. Oktober 2013 deutsche bauzeitung

Loos hätte seine Freude

Sommerhaus in Wien

Ein Kleingartenhaus ist keine Kleinigkeit. Die »Villa Rabenschwarz«, in einer Kleingartensiedlung zwischen zwei Wiener Waldgebieten gelegen, ist große Architektur mit Synergieeffekten, dreidimensionalem Witz und viel Humor. Durch geschickte Kniffe und die Reduktion verschiedener Dimensionen auf das Notwendigste ließen sich alle gewünschten Funktionen innerhalb der vom Baurecht vorgegebenen Abmessungen unterbringen und es entstand dennoch eine gewisse Großzügigkeit.

Man muss nur weit genug in den Wienerwald hineinwandern, schon stehen sie alle da mit ihren weißen Bärten und roten Bäckchen und grüßen hinterm Jägerzaun hervor. Die Rede ist von den vielen Hunderten, ach was, Tausenden von Gartenzwergen an der Wiener Peripherie. Und wo ein Gartenzwerg – diese Lektion lernt man als Wiener bereits in den ersten Lebensjahren –, da ist auch der Kleingartenverein nicht weit. In einem ebensolchen namens »Kleingartenverein Michaelawiese«, nur wenige Meter vom Stadtrand entfernt, steht die sehr kleine, aber sehr feine »Villa Rabenschwarz« der Wiener Architektengeschwister Schuberth und Schuberth.

Der Name ist Programm. Die kohlrabenschwarze Erscheinung des Hauses geht nicht auf einen Farbanstrich der Holzfassade zurück, sondern auf die physikalische Veränderung des Materials, und zwar per Feuer. Lange hatte man mit unterschiedlichen Temperaturen und Flämmzeiten experimentiert, bis der gewünschte Verkohlungsgrad erreicht war. Eine abschließende Harzschicht sorgt für Schutz gegen Wind und Wetter.

Beim näheren Hinsehen fällt auf, dass die Fassade trotz hochgradiger Verbrennung viele hübsche technische Details wie etwa vorstehende Laibungsvorsprünge und abgeschrägte Tropfnasen über den Fenstern und Türen aufweist. »Der Fluch und Segen so kleiner Bauaufgaben ist, dass man das Projekt immer bis zum letzten Millimeter durchplanen muss«, sagt Gregor Schuberth. »Einerseits bereitet uns das Spaß, andererseits jedoch ist nie ein Ende in Sicht.«

Die Planung hört nicht beim üblichen Detaillierungsgrad auf, sondern reicht bis zum letzten Möbelstück. Sogar die keramischen Lampenfassungen mit türkis-schwarz gestreiftem Stoffkabel wurden Strich für Strich im CAD gezeichnet, bevor sie den Weg auf die Baustelle fanden. Prinzip Zufall? »Niemals. Nicht bei dieser Projektgröße.«

Raumerlebnis nach Plan

Sehr wohl ein Ende in Sicht ist, sobald man das Haus betreten hat. Denn das gesamte Gebäude wurde auf einer Bruttogrundfläche von nur 35 m² errichtet. So sieht es das Wiener Kleingartengesetz vor, das auch eine Höhenbeschränkung beinhaltet. Allein, trotz überschaubarer Maße wirkt das Haus mit seinen 50 m² Nutzfläche niemals eng. »Wenn man klein baut, dann kann man nicht ein großes Einfamilienhaus auf Miniaturformat schrumpfen, dann muss man neu denken und räumliche, bzw. funktionale Synergieeffekte schaffen«, meint Johanna Schuberth. »Dann ist ein Bad eben niemals nur Bad, sondern vielleicht auch mal Wohnzimmer, dann wird die Treppe zum Stauraum, dann zelebriert man Großzügigkeit und Offenheit dort, wo man es am wenigsten erwartet.«

Zentrum des Hauses ist eine kompakte Box mit Nasszelle, Küchenzeile und Aufgang in den ersten Stock. Während die Außenwände auf ihrer Innenseite hell lasiert wurden und die Struktur des Holzes (Dreischichtplatten aus Fichte) deutlich erkennen lassen, wurde die Einheit in der Mitte des Hauses rundherum mit dunklen Siebdruckplatten bekleidet. Das räumliche Konzept ist auf Anhieb verständlich. »Dieses Haus im Haus, wie wir den Kern in der Mitte gerne bezeichnen, hat einen ganz bestimmten Grund«, erklärt Johanna Schuberth. »Durch die Möglichkeit, im Kreis zu gehen, nimmt man die Nutzfläche des Hauses psychologisch viel größer wahr. Normalerweise sind solche Umrundungen nur in großen Gründerzeitwohnungen üblich. Hier haben wir uns getraut, diesen Luxus auch auf kleinstem Raum zu zelebrieren.«

Dank der redundanten Wegeführung von der Haustür ins Wohnzimmer – links und rechts am Kern vorbei – besteht die Möglichkeit, einen der beiden Wege bei Bedarf umzufunktionieren. Mit zwei Handgriffen verwandelt sich die kleine Nasszelle mit WC, Waschbecken und Dusche in ein lichtdurchflutetes, mehr als 4 m² großes Badezimmer, Grünblick inklusive. Die Schiebetür, die eben noch WC-Zugang war, entfaltet ihre Doppelfunktion und mutiert zur Vorzimmertür. Die Duschtrennwand wiederum entpuppt sich als aufklappbarer Türflügel, der das Bad vom Wohnzimmer abtrennt. Ein kleiner Metallriegel sorgt für ungestörte Ruhe. »Ich finde diese Badezimmerlösung großartig«, sagt Mathias Fellner, Bauherr des ungewöhnlichen Miniaturprojekts. Gemeinsam mit seiner achtjährigen Tochter nutzt er das Haus als Wochenendrefugium und abgelegenes, abgeschottetes Homeoffice. »Ein bisschen Querdenken, und schon hat man die gefühlte Größe des Hauses verdoppelt.« Quergedacht wurde auch in der Küche: Indem man den Esstisch auf 90 cm Höhe, mit entsprechend hohen Hockern, anhob, wurde aus der einzeiligen Kochnische eine zweizeilige Küche mit ausreichend Arbeitsplatz zum kollektiven Gemüseschnippeln. Die Küche selbst ist eine einfache Regalkonstruktion, die vom Holzbauunternehmen gleich mitgebaut wurde.

Viele Farben und Materialien treffen hier aufeinander: das Holz, die dunklen Siebdruckplatten, der grün marmorierte Linoleumboden, die türkisfarbene Linoleum-Arbeitsplatte, die roten Filztüren in der Küche – ein Eigenentwurf der Architekten – und nicht zuletzt die vom Bauherrn applizierten bunten Klebeband-Collagen an der Wand. »Die heterogene Farbgestaltung war ein großer Wunsch von mir«, sagt Fellner, von Beruf Grafiker. »Ich mag diese überdesignten, monochromen High-End-Wohnungen nicht. Ich bin ein Freund des Bauhauses und seiner bunten Farben und Materialien. Diese kleinteilige Verspieltheit sollte sich hier widerspiegeln.«

Bunt geht es weiter. Die nur 70 cm breite Treppenschlucht, die nebenbei als Schuhregal dient, ist beidseitig petrolfarben gebeizt. »Im Nachhinein betrachtet ist der Aufgang immer noch zu breit«, meint Architekt Gregor Schuberth. »50 cm wären für dieses Haus völlig ausreichend gewesen. Beim nächsten Haus wissen wir es besser.« Im OG angekommen, entfaltet sich die wohl größte Überraschung der Villa Rabenschwarz. Dort öffnet sich ein Loch, ein relativ gesehen riesengroßer Luftraum über dem Wohnzimmer. Als Brüstung dienen Bücherregale sowie ein in die Konstruktion integrierter Schreibtisch. Man muss schmunzeln: Beim Aktenschrank hat der Bauherr selbst Hand angelegt, hat die Front mit weichen Filztüren geschlossen, hat statt Schloss und Griff ein paar Dufflecoat-Knöpfe aus Horn und Leder angenäht. Unverkennbar hat die freche Kreativität der Architekten Spuren hinterlassen.

»Dieser Luftraum rund um den Arbeitsbereich ist ein zentrales Element dieses Hauses«, sagt Schuberth. »Ich weiß, das würde man in einem Kleingartenhaus nicht erwarten, aber genau deshalb wirkt hier alles so großzügig und offen.« Der einzige Bereich, bei dem man schließlich anerkennen muss, dass auch die beste Kompaktheit an ihre Grenzen stößt, sind die beiden Schlafkojen von Vater und Tochter. Eben meint man noch, sich an die Maßstäblichkeit der Minivilla gewöhnt zu haben, da entpuppen sich die beiden an die Dimensionen der Matratzen angepassten, 1,40 m und 1,60 m breiten Schlafzimmer nochmals als echte Hausforderung. »Mir reicht das«, sagt Mathias Fellner. »Wenn man in so ein kleines Haus zieht, dann beginnt man auszumisten und sich zu überlegen, was man wirklich braucht und was nicht. Ein Schlafzimmer, das so groß ist wie ein Bett, zählt zu den Dingen, die genügen.« Die Erkundungsreise durch die Welt der Kleinigkeiten ist noch lange nicht zu Ende.

Unzählige Details zwischen Boden und Decke gibt es zu entdecken: diverse Abstellfächer, Schlüsselnischen, selbstgebastelte Türmechanismen. Alle sind sie dreidimensionale Dokumente einer harmonischen Partnerschaft zwischen Bauherr und Architekten. Doch am meisten erfreut, dass dieses Kleingartenhaus trotz seiner verspielten Farben und Baumaterialien nicht im Geringsten gartenzwergig ausfiel. Vielmehr ist die Villa Rabenschwarz, und da schließt sich wieder der inhaltliche Kreis zu Wien und großer Architektur, das Produkt eines schelmisch interpretierten Loos'schen Raumplans.

5. Oktober 2013 Der Standard

Des Bauherrn Mut hat seinen Preis

Die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs hat zum 47. Mal den Österreichischen Bauherrenpreis vergeben

Was wären die Architekten ohne die Bauherren? In den meisten Fällen unterbeschäftigt und arbeitslos. Um genau diese ehrenvolle und oft im Äther der gestalterischen Kunst vergessene Rolle der Bauherren zu würdigen, vergibt die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs (ZV) seit 1967 Jahr für Jahr den Bauherrenpreis. Am Freitagabend wurden in der Salzburger Event-Location republic jene sieben Auftraggeber gewürdigt, die es unter den insgesamt 90 eingereichten bzw. 30 nominierten Projekten auch heuer wieder in den Olymp der österreichischen Vorzeigebauherrschaft schafften.

„Ein Architekturprojekt ist immer das Resultat vieler engagierter Projektbeteiligter, die alle an einem Strang ziehen, und niemals nur das Produkt eines einzelnen Planers oder Architekten“, sagt Marta Schreieck, Präsidentin der ZV Österreich. „Daher ist es für uns wichtig, auch die Vision und den Mut der Bauherren auszuzeichnen.“

Prämieren wolle man in erster Linie jene Projekte, die nicht nur auf Funktionalität, Schönheit und Image bedacht sind, sondern darüber hinaus auch einen wie auch immer gearteten Beitrag für die Allgemeinheit leisten. Schreieck: „Immer mehr Bauherren nehmen in ihrer Rolle eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung wahr. Diese Menschen und Unternehmen verdienen es, entsprechend gewürdigt zu werden.“

Unter den nominierten Bauherrenprojekten 2013 befinden sich Wohn- und Bürohäuser, Gewerbebetriebe, Kultur- und Bildungsbauten sowie erstaunlich viele Infrastrukturprojekte, etwa Feuerwehrstationen, Justizgebäude und medizinische Einrichtungen. „Besonders freut mich, dass es nicht nur private Wohnhäuser sind, die architektonische Aufmerksamkeit erregen, sondern immer häufiger auch öffentliche Bauten und mittelständische Betriebe“, meint der Berliner Architekt Arno Brandl-huber, Mitglied der Jury.

Eines der größten heuer ausgezeichneten Projekte ist der umgebaute und erweiterte Firmensitz von Meiberger Holzbau in Lofer. Das Salzburger Unternehmen bekam eine umfassende Schönheitskur verpasst, was so viel bedeutet, dass das bisher heterogene Konglomerat aus Produktionshalle, Bürobau und integriertem Supermarkt eine neue homogene Handschrift erhielt. Architekt Tom Lechner (LP architektur) schuf ein Kleid aus rhythmischen Holzlamellen, und sogar ein Zubau mit acht Mietwohnungen für die Mitarbeiter des Unternehmens hat Platz gefunden.

Maximum für die Mitarbeiter

In den Büroräumen, ein anfänglicher Wunsch des Bauherrn, sind sämtliche Oberflächen und Möbel aus Weißtanne - ohne Lack, ohne Öl, sägerau. „Holz ist unser täglich Brot“, sagt Geschäftsführer Walter Meiberger. „Daher war klar, dass wir für unsere Mitarbeiter das Maximum rausholen wollten, was dieser Werkstoff in puncto Nachhaltigkeit, Ökologie und räumlicher Qualität zu bieten hat.“ Auch die internen Betriebsabläufe wurden durch den Umbau optimiert.

Beim Agrarbildungszentrum Salzkammergut in Altmünster, einem Projekt für die Landesimmobiliengesellschaft (LIG), handelt es sich ebenfalls um einen Erweiterungsbau. Die Vorarlberger Architekten Fink Thurnher bauten rund um den massiv gebauten Bestand einen riesigen Holzleichtbau-Vierkanter und schufen auf diese Weise Platz für neue Klassenzimmer, technische Ausbildungsräume wie etwa Tischlerei, Molkerei und Fleischerei sowie Turnsaal und Verwaltung. Die Besonderheit dabei: Sämtliche Oberflächen im Schulbereich - von Boden über Wand und Decke bis Möbel - sind auch hier in unbehandelter Weißtanne ausgeführt.

„Dieses Schulgebäude ist zwar ökologisch, aber dieser Aspekt ist keineswegs aufdringlich“, meint Schuldirektorin Barbara Mayr. „Das, was man als Nutzerin mitkriegt, ist pure Gemütlichkeit. Ich bin sehr froh darüber, dass es uns gelungen ist, unseren Schülerinnen und Schülern in diesem Haus ein modernes, zeitgenössisches Bild der Arbeitstätigkeiten im primären Sektor zu vermitteln.“ Der Bauherrenpreis ist nicht die erste Auszeichnung, die dieses Projekt erhielt. Schon im Februar des heurigen Jahres wurde das Agrarbildungszentrum mit dem „Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit“ ausgezeichnet.

Ausgezeichnet wurden außerdem die Stadt Wien und der Krankenanstaltenverbund (KAV) für das von Riepl Kaufmann Bammer geplante Pflegewohnhaus Liesing, ein schönes Wohnhaus mit mehr als 300 Betten, das mehr an ein Hotel denn an ein Geriatriezentrum erinnert; das Malerehepaar Peter und Dorli Krawagna für sein Ateliergebäude am Wörthersee (Arch. Reinhold Wetschko); der gemeinnützige Bauträger Buwog für seinen Wohnbau in Wien-Donaustadt von Alexander Schmoeger und Köb & Pollak Architektur; die Vorarlberger Gemeinde Altach für den partizipativ geplanten Islamischen Friedhof von Bernardo Bader; sowie die Gusswerk Event GmbH für das erweiterte Gusswerk-Areal in Salzburg (Strobl, LP architektur, CS-architektur, hobby.a, der Standard berichtete).

5. Oktober 2013 Der Standard

Der Jongleur der wissenschaftlichen Variablen

Der Grazer Architekt Markus Pernthaler plant Häuser mit einem starken Fokus auf Ressourceneinsparung und Energieautarkie. Zu seinen liebsten Projekten zählen Krankenhäuser, Kraftwerke und sich nahezu selbst versorgende Wohnquartiere. Hauptsache kompliziert.

Architekturmagazine wird man in seinem Büro vergeblich suchen. Stattdessen stapeln sich am Schreibtisch Science und Nature. „Architektur ohne Fokus auf energetische und materielle Ressourcen interessiert mich nicht“, sagt Markus Pernthaler. Der 55-jährige Grazer Architekt hat es auf die Verschmelzung von Gestaltung und Technik abgesehen. Eines seiner bekanntesten Projekte ist das Wohn- und Bürohaus „Rondo“ am Grazer Marienplatz. Das Gebäude ist an ein Kleinkraftwerk angeschlossen, für das nötige Klima im Stiegenhaus sorgt ein Kiesgarten mit sorgfältig ausgesuchten mediterranen und japanischen Pflanzen, und statt einer herkömmlichen Tiefgarage unterm Haus gibt es eine vollautomatisierte Stapelanlage mit 200 Regalplätzen, die zwar mehr Strom benötigt, dafür aber errechneterweise pro Jahr bis zu 100.000 Kilometer Tiefgaragenstellplatzsuchkilometer einspart.

„Architektur ist eine komplexe Materie mit vielen Variablen“, so Pernthaler. „Wenn man als Dirigent in diesem Beruf nicht auch ein Mindestinteresse für Technik und Physik aufbringt, dann ist man bald einmal aufgeschmissen, denn der Job wird aufgrund der rasanten technischen Entwicklung immer anspruchsvoller.“ Erst vor wenigen Monaten wurde eines seiner Projekte für genau diese interdisziplinäre Planungsqualität mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet: Das Messequartier Graz ist ein Passivhaus mit 149 Wohnungen, betreutem Wohnheim, 94 Studentenheimplätzen und 750 Quadratmeter Solarthermiekollektoren auf dem Dach. Im Herbst startet die nächste Bauphase mit weiteren hundert Wohnungen. Dann wird es auch eine interne Ladestation für Elektro- und Hybridfahrzeuge geben sowie eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach, die den dafür notwendigen Strom produziert.

Bei kaum einer anderen Bauaufgabe jedoch ist das energetische Einsparpotenzial größer als bei einem Spital. „Ein Krankenhaus ist eine enorme Maschine, die viel Kälte, viel Wärme und vor allem viel Strom frisst“, sagt Pernthaler. „Wenn man hier umdenkt und auf Smart Grids und intelligentes Ressourcenmanagement setzt, kann man in der Ökobilanz viel verändern.“ Zu den bisher realisierten Projekten zählen die Salzburger Chirurgie West, eine Gynäkologiestation in Graz sowie das Kinderzentrum im LKH Salzburg. Das nächste Mammutprojekt ist die Sanierung und Erweiterung des LKH Graz, Fertigstellung 2022.

Auch in Wien ist Pernthaler tätig. Am Rande des Arsenalgeländes, direkt neben der Auffahrt auf die Südosttangente, entsteht ein schnittiger Rohbau, der sich Ende 2014 als Fernwärmekraftwerk entpuppen wird. Selbstredend, dass auch hier nicht nur mit Öl und Gas Energie erzeugt werden wird: Die gesamte Fassade des Gebäudes soll mit Fotovoltaikzellen verkleidet werden. „Variablen gibt es viele“, sagt Pernthaler, „aber die wichtigste Konstante für die kommenden Jahrzehnte lautet: maximal mögliche Energieautarkie.“

28. September 2013 Der Standard

Utopie ist eine Schnecke

Das neue FRAC Centre in Orléans ist ein Museum für die Zukunft von Architektur. Kein Wunder, dass das ungewöhnliche Gebilde ziemlich modern und wild daherkommt.

Klassizistische Backsteinbauten, barocke Steinfassaden, hübsches Ornament an den Häusern, und plötzlich taucht inmitten dieses historischen Ensembles ein silbrig schimmerndes Etwas auf, das wie die kartesische Inkarnation eines überdimensionalen Schneckentiers neugierig seine Augenfühler in den Himmel reckt. Das neue FRAC Centre in Orléans, rund 150 Kilometer südlich von Paris gelegen, ist das neueste Projekt der französischen Architekten Jakob+MacFarlane. Vor zwei Wochen wurde das Museum, das auf Kunst an der Schnittstelle zwischen Bildhauerei und experimenteller Architektur spezialisiert ist, feierlich eröffnet.

„Alte Häuser gibt es in Orléans schon zur Genüge“, sagt Marie-Madeleine, eine rüstige 72-jährige Pensionistin, die am FRAC vorbeimarschiert. „Zeitgenössische Architektur jedoch ist in dieser Stadt eine Seltenheit, und daher begrüße ich jeden Impuls in diese Richtung. Ich weiß ja nicht, was sich die Architekten dabei gedacht haben, aber ich persönlich finde den Kontrast zwischen Alt und Neu überaus gelungen.“ Anderen Passanten hingegen steht der Schock ins Gesicht geschrieben. Fassungslos schauen sie zu den drei Lichtrüsseln hoch, schütteln den Kopf und verschwinden wieder in der nächsten Rue.

„Das Projekt ist Resultat eines von uns entwickelten digitalen Algorithmus, mit dem wir den geometrischen Raster des historischen Altbestandes variiert und so lange verfremdet haben, bis genau diese Turbulenz entstanden ist“, sagt Architekt Brendan MacFarlane, schwarze, hagere Gestalt, Holzbrille auf der Nase. „So gesehen ist das Haus Folge einer prozessorientierten Überlagerung mathematischer Parameter oder, um es anders auszudrücken, formgewordene Unstabilität.“

Um etwas besser zu verstehen, worüber MacFarlane hier in den für ihn gewohnten Worten sinniert, muss man einen kurzen Blick in die Vergangenheit werfen. Entstanden ist das FRAC Centre - die Abkürzung steht für Fonds Régional d'Art Contemporain - 1982, als das Kulturministerium entschied, einen Teil des nationalen zeitgenössischen Kunstbestandes auszulagern und auf 23 regionale Museumsdependancen aufzuteilen. 1999, als in Orléans das internationale Architekturforum „Archilab“ ins Leben gerufen wurde, nutzte man die Gelegenheit dazu, das FRAC Orléans umzustrukturieren und sich fortan auf Exponate zu konzentrieren, die sich mit utopischer Architektur, neuen Technologien und experimentellen Entwurfsprozessen auseinandersetzen. Das europaweit erste Museum für Architekturzukunft war entstanden.

Ein Frack für das FRAC

„Wir waren damals in einem 200 Quadratmeter großen Ausstellungsraum an der Loire untergebracht, doch der Betrieb drohte längst schon aus allen Nähten zu platzen“, erinnert sich Marie-Ange Brayer, Direktorin des FRAC Centre. „2006 haben wir daher beschlossen zu expandieren und uns in der historischen Altstadt niederzulassen.“ Eines jedoch sei von Anfang an klar gewesen: Wenn man schon auf utopische Architekturkunst spezialisiert sei, dann müsse auch das neue Museum dieser Prämisse gerecht werden, dann müsse man ein modernes Signal in die Stadtlandschaft setzen.

Gesagt, getan. 2006, als in Orléans zum achten Mal das jährlich stattfindende Archilab-Forum über die Bühne ging, lud man die von überallher angereisten Architekten dazu ein, dem neuen FRAC einen maßgeschneiderten Frack zu schneidern - und zwar mit jenen digitalen Entwurfswerkzeugen, denen sich die FRAC-Sammlung schon viele Jahre zuvor verschrieben hatte. Aus dem Vor-Ort-Wettbewerb unter insgesamt fünf Teilnehmern ging das Pariser Architekturbüro Jakob+MacFarlane mit seiner digitalen Verfremdung der in kartesische Netzlinien zerstückelten Grundstückstopografie als Sieger hervor.

Auf dem Areal, das einst als Spital und später als militärische Großküche samt Fleischerei und Bäckerei genutzt wurde, steht heute eine expressive Stahl- und Aluminiumkonstruktion mit drei unterschiedlich hohen Lichttürmen. Hinter der karierten Struktur, die pro Jahr bis zu 50.000 Besucher anlocken soll, befindet sich das neue, knapp 500 Quadratmeter große FRAC-Foyer. Die Baukosten für Neubau und Sanierung - die Gesamtausstellungsfläche umfasst 1400 Quadratmeter - belaufen sich auf acht Millionen Euro. 60 Prozent davon trägt die Region Centre, die anderen 40 Prozent stammen von Stadt, Bund und EU.

„Um ehrlich zu sein, ist das neue Besuchergebäude völlig überdimensioniert“, meint Architekt Brendan MacFarlane. „Aber darum geht es nicht, denn in erster Linie ist das FRAC Centre heute ein Wahrzeichen für zeitgenössisches Planen und Bauen.“ Die zwischen Grau, Gold und Hellblau changierende Fassadenlackierung, die man aus der Automobilindustrie kennt und die das Haus je nach Sonneneinstrahlung anders erscheinen lässt, unterstreicht diesen Wunsch.

Topografie mit Lichtrüssel

Den Kindern gefällt das Resultat. Kreischend laufen sie über den mit Betonplatten verlegten Vorplatz, nehmen einige Schritte Anlauf und rennen mit viel Schwung an einem der sanft aufsteigenden Lichtrüssel hoch. Weit kommen sie nicht. „Ich mag das Haus, denn hier kann ich an der Mauer hochlaufen, ohne dass irgendwer schimpft“, sagt die fünfjährige Louise. „Außerdem schaut das Haus aus wie eine von diesen großen Nacktschnecken, die bei uns im Garten herumkriechen.“

In Österreich wäre so ein Bauwerk undenkbar. Die Bauvorschriften und Normen würden aus der Topografie einen Hindernisparcours mit Geländern und Absturzsicherungen machen. „Der gesamte Platz ist rollstuhlgerecht ausgeführt, und ein mit dem Blindenverband entwickeltes Wegleitsystem führt zum Haupteingang“, sagt Architektin Dominique Jakob. „Denjenigen, die auf Hilfe und Orientierung angewiesen sind, kommt das neue FRAC vorschriftsgemäß entgegen. Alle anderen können das Gelände nach Lust und Laune entdecken. Architektur kennt keine Grenzen.“

Gleiches gilt auch für die Sammlung. In den sanierten Räumlichkeiten der 1823 errichteten Militärküche wandert man durch Utopien und Visionen, vorbei an Möbeln und Kleidern aus dem 3-D-Drucker, innovativen Raum- und Konstruktionsprinzipien, neuartigen Fassadenmaterialien, die mithilfe von Nano-technologie entwickelt wurden, oder Zukunftsplänen für bioorganische Hochhäuser, die anhand eines programmierten Algorithmus eigenständig in den Himmel wachsen. Auch Arbeiten österreichischer Architekten sind in der Schau zu sehen, unter anderem digital generierte Strukturen von SPAN (Matias del Campo und Sandra Manninger) sowie der für die EXPO 2012 in Yeosu (Südkorea) errichtete One-Ocean-Pavillon von soma architects.

„Klassische Architekturmuseen, die sich der Vergangenheit und Gegenwart widmen, gibt es bereits zu genüge“, sagt FRAC-Direktorin Marie-Ange Brayer. „Wir hingegen werfen einen Blick in die Zukunft. Viele Architekten, die nun der zweiten Digitalgeneration angehören, haben sich der Forschung und Innovation verschrieben, und diesen Projekten möchten wir eine Bühne bieten. Es geht um Ideenfelder für die Zukunft. So gesehen ist das FRAC ein Ort kultureller Weiterbildung.“

Die österreichischen Pläne, auch hierzulande ein internationales Architekturmuseum zu etablieren, sind bislang gescheitert.

Die Eröffnungsausstellung „Archilab. Naturalizing Architecture“ ist noch bis 2. Februar 2014 zu sehen.

21. September 2013 Der Standard

Ein Einkaufswagerl voll Kunst und Architektur

Das Tiroler Familienunternehmen MPreis betreibt ganz besonderes Marketing: mit Kunstsackerln, Literatur auf dem Wurstpapier und zeitgenössischer Architektur

Wenn man in Tirol einkaufen geht, dann kommt man nicht nur mit Tiefkühlpizza und einem Sechsertragerl Cola zurück, sondern mitunter auch mit neuen Ideen und Erkenntnissen in Sachen Kunst und Architektur. Denn das mittelständische Familienunternehmen MPreis, das 1920 in Völs gegründet und 1974 umstrukturiert und erweitert wurde, verwöhnt seine Kunden mit literarischen Zitaten auf dem Feinkosteinpackpapier, zeitgenössischer Kunst auf den Einkaufssackerln und spektakulärer Architektur.

„In den Siebzigerjahren mussten wir uns angesichts großer Umbrüche die Frage stellen, wie wir unser Familienunternehmen in die neue Zeit retten können“, sagt Hansjörg Mölk, Geschäftsführer und einer von sechs Gesellschaftern der MPreis Warenvertriebs GmbH. „Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, unsere Betriebe weiterzuentwickeln und dabei auf Aspekte des Lebensmittelhandels zu setzen, die bis dahin nicht berücksichtigt wurden.“ Architekt Heinz Planatscher, ein Freund der Familie, bot sich an, einen neuen, zeitgemäßen Markt zu entwerfen - und gab damit den Startschuss für eine bis heute anhaltende Renaissance der österreichischen Supermarktlandschaft.

Mehr Museum als Markt

Insgesamt besteht das MPreis-Netz aus 225 Filialen in Tirol, Südtirol und seit 2009 nun auch in Teilen Salzburgs und Kärntens. Rund 130 davon wurden in den letzten 35 Jahren errichtet und sind freistehende Solitäre, die mehr an ein Museum zeitgenössischer Kunst denn an einen herkömmlichen Lebensmittelmarkt erinnern. Da wird mit rohem Schnittholz und Beton gearbeitet, mit verrostetem Corten-Stahl und mystisch verspiegeltem Glas. Mal duckt sich das Gebäude unauffällig in die Landschaft, mal zischt es wie ein futuristisches Ufo aus dem Hang oder hängt wie im Fall Sölden wie ein Felsen über dem Abgrund.

„Im Gegensatz zu anderen Lebensmittelmarktketten gibt es bei MPreis keinen Bauprototyp, der überall gleich ausschaut“, sagt der Innsbrucker Architekt Rainer Köberl. Für das ehemalige Greißlerunternehmen mit dem leuchtend roten Würfel als Wiedererkennungsmerkmal plante er bereits vier Filialen, darunter auch den neuen Flagship-Markt im Untergeschoß des Kaufhauses Tyrol in der Innsbrucker Innenstadt, der im März 2010 eröffnet wurde. „Jeder einzelne Markt ist ein Einzelstück, der wie ein Maßanzug an die jeweilige Region sowie an das jeweilige Grundstück angepasst wird.“

Man geht über Parkett

Der erste Schritt, den man in Köberls MPreis in der Maria-Theresien-Straße setzt, überrascht, denn er wirft alle gängigen und längst international angewandten Spielregeln der Supermarktarchitektur über Bord. An der Decke befindet sich dunkelblaues, fast schwarzes Glas. Und auf dem Boden liegen nicht etwa PVC oder Fliesen, sondern weiß geöltes Eichenparkett. „Aufgrund der niedrigen Raumhöhe von nur drei Metern mussten wir tricksen“, erklärt Köberl. „Das dunkle Glas an der Decke sorgt dafür, dass sich der gesamte Raum darin spiegelt und der Supermarkt doppelt so hoch erscheint, wie er tatsächlich ist. Und Parkettboden? Warum auch nicht? Das Holz schafft eine Atmosphäre des Wohlfühlens.“

Natürlich koste so ein Supermarkt etwas mehr als eine Standardblechkiste von der Stange, gibt der Architekt zu bedenken und beziffert die Mehrkosten auf etwa 15 bis 20 Prozent. „Andererseits ist so ein MPreis nie nur ein Geschäft, sondern immer auch ein Stück gebauter Kultur und somit auch Werbeträger.“

Das Konzept geht auf. Das Londoner Lifestyle-Magazin Wallpaper schrieb vor einigen Jahren: „Es gibt Supermärkte, es gibt super Märkte, und es gibt MPreis.“ Ein Designmagazin attestierte der Familie Mölk sogar, „seriously sexy supermarkets“ zu bauen. Und neben der Tatsache, dass MPreis die schwierige Talsohle der Siebzigerjahre überdauerte, zeigt sich der Erfolg nicht zuletzt an den Reaktionen der Konkurrenten, denn mittlerweile haben auch Billa, Spar und Co die wirtschaftlichen Vorzüge architektonischer Mehrinvestition erkannt. Die Kunden wissen diese Innovation durchaus zu schätzen.

„Benchmark fürs Bauen“

„Rund um MPreis hat sich in all den Jahren eine Art Architekturszene entwickelt“, meint Hans-Peter Machné, Büro Machné & Durig. In Matrei in Osttirol plante er einen futuristischen Glasbungalow, der wie eine weiße Gletscherzunge aus dem Hang wächst. „Denn mit jedem MPreis, der in einer Gemeinde realisiert wird, entsteht eine Art neue Benchmark fürs Bauen.“ Das bestätigt auch ein Blick in die Tiroler Landschaft: Lederhosen mit Satteldach sind seltener geworden, stattdessen sieht man immer häufiger moderne, zeitgenössische Einfamilienhäuser und Wohnbauten. Ein kleiner Teil des Erfolgs geht mitunter aufs Konto der Tiroler MPreis-Architekten.

„In den ersten Jahren war es noch sehr schwer, die Bürgermeister von dieser Art Architektur zu überzeugen, da sind wir anfänglich noch auf großes Unverständnis gestoßen“, erinnert sich Geschäftsführer Hansjörg Mölk. „Doch in der Zwischenzeit haben die Bürgermeister erkannt, wie viel Potenzial in so einem modernen Gebäude steckt. Viele unserer Lebensmittelmärkte dienen als Impulse für andere Projekte - vor allem im ländlichen Raum, wo sich moderne Architektur bekanntermaßen schwerer durchsetzt als in der Großstadt.“

Auf der neunten Architektur-Biennale in Venedig 2004 lud Kommissärin Marta Schreieck MPreis als Vorzeigebauherrn in den österreichischen Pavillon ein. 2006 wurde die Völser Supermarktkette mit dem Internationalen Architekturpreis „Bauen in den Alpen“ ausgezeichnet. Und 2012 folgte der Preis „Trigos Tirol 2012“ für vorbildliche gesellschaftliche Verantwortung. Ist eine Expansion in den Osten geplant? „Nein, das entspricht nicht unserem Konzept“, heißt es auf Anfrage bei der Pressestelle. „Wir konzentrieren uns lieber auf Tirol und Umgebung. Da kennen wir uns aus.“

21. September 2013 Der Standard

Die Welt ist ein Campus

Am Donnerstag fand in der neuen Wirtschaftsuni im Wiener Prater das Pre-Opening statt. Der Campus bietet allen Grund zur Freude.

Donnerstag, 19 Uhr. Während im Audimax gerade eine Vorlesung über die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise 2007/2008 begonnen hat - halbvoller Saal, in den Reihen findet das übliche Getwittere und Herumgezeichne statt -, scharen sich 200 Meter weiter Architekten, Journalistinnen und andere sehr wichtige Leute, um die Fertigstellung der neuen Wiener Wirtschaftsuniversität (WU) feierlich zu begehen.

Von Krise keine Spur. Im windschiefen Foyer des von Zaha Hadid geplanten Learning Centers werden Lachs und Schweinsbraten serviert. Dazu gibt's reichlich ausdifferenzierte akustische Un-termalung, denn für jedes einzelne der insgesamt sechs Unigebäude wurde ein eigener, sich an der architektonischen Sprache orientierender Eröffnungsjingle komponiert. Die Stimmung im Publikum ist superb. Selbst viele der beiwohnenden, schwarz monturierten Architekten, die für gewöhnlich dem Granteln nicht abgeneigt sind, heben an diesem Abend die Augenbrauen und holen tief, ganz tief Luft, so als ob sie sagen wollten: „Geht doch!“

Tatsächlich gibt es allen Grund zur Freude. Denn der neue WU-Campus am Rand des Wiener Praters ist in seiner äußeren Erscheinung eine Art Córdoba. Dass so ein Riesenprojekt - sechs Architekturbüros aus aller Welt waren an der Genese beteiligt - mit nur wenigen, dafür umso schmerzvolleren bürokratischen und baurechtlichen Zugeständnissen realisiert werden konnte, grenzt beinahe an ein Wunder - vor allem in Wien. Vergleichbares ist in der ganzen jüngeren Geschichte dieser Stadt kaum zu finden, denn überall anders, wo großflächige Bebauungen in Angriff genommen werden, landen sie früher oder später im unausweichlichen Mahlwerk zwischen politischem Marketing und wirtschaftlicher Profitgier, in dem sie stets zu mittelmäßiger Belanglosigkeit zermalmt werden.

„Dieses Projekt ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich“, sagt WU-Rektor Christoph Badelt im Gespräch mit dem STANDARD. „Ich muss zugeben, dass das Gesamtensemble des neuen Campus auf mich erhaben und zutiefst berührend wirkt. Um einfach nur zu sagen, ich sei mit dem Projekt zufrieden, ist die ganze Sache viel zu emotional.“ Am meisten freut sich Badelt über die Großzügigkeit und die neue Kommunikationskultur, die sich im neuen Campus aufzutun scheint. „Wissend, dass man den Begriff Campus in Wien anders interpretieren muss als etwa in Harvard oder Oxford, ist die Idee dennoch voll aufgegangen. Die neue WU ist eine kleine Stadt in der Stadt.“

Beim zweiten Anlauf klappt's

Erste Pläne, die alte WU in der Spittelau aufzugeben, reichen bis ins Jahr 2005 zurück. Der gläserne Monsterbau aus den frühen Achtzigern war, nach nicht einmal 25 Jahren Betrieb, komplett marod. Um das Schlimmste zu verhindern, mussten an regnerischen Tagen im ganzen Gebäude bis zu tausend Edelstahlwannen aufgestellt werden. Bald war klar, dass hier alle wegwollen, dass ein Neubau einer Sanierung klar vorgezogen wird. Erste organisatorische und wirtschaftliche Evaluierungen bestätigten das Möglichmachen des Unmöglichen.

2008 wurde ein offener EU-weiter Wettbewerb ausgeschrieben. Das in der Ausschreibung geforderte überbordende Leistungsprofil dürfte ein Schock gewesen sein, was sich nicht zuletzt in einer äußerst geringen Teilnahme mit nur 24 abgegebenen Projekten niederschlug. Die Resultate ließen zu wünschen übrig, und so beschloss man, das Siegerprojekt des Wiener Büros BUS Architektur als Masterplan heranzuziehen und entgegen den Wettbewerbsstatuten einen zweiten, diesmal weltweiten Wettbewerb aufzurollen, zu dem der damalige Juryvorsitzende Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au aktiv ein paar namhafte Architekturkapazunder aus seinem Dunstkreis zulud.

Architektur von Weltrang

Fünf Jahre später ist die von WU und Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) in einer gemeinsamen Gesellschaft geplante Campus- Vision Wirklichkeit geworden. Das knapp neun Hektar große Grundstück, das die WU nun für die Dauer von 25 Jahren von der BIG zurückmieten wird, ist eine Spielwiese zeitgenössischer Architektur, an deren Bau sich Zaha Hadid, Peter Cook vom Londoner Crab Studio, das Madrider Büro NO.MAD Arquitectos, die Katalanin Carme Pinós, der japanische Architekt Hitoshi Abe sowie die ursprüngliche Siegerin Laura Spinadel von BUS beteiligt haben. Das Resultat ist wild und überaus abwechslungsreich und spornt zu einem Spaziergang zwischen Hörsaalzentren, Bibliotheken und Institutsgebäuden an.

„Es wäre damals echt ein Fehler gewesen, die gesamte WU von einem einzigen Architekturbüro planen zu lassen“, sagt Prix heute. „Ich finde das Ergebnis städtebaulich und architektonisch hervorragend, mit einigen sehr guten und einigen fast sehr guten Bauwerken. Endlich gibt es in Wien so was wie internationale Architektur von Weltrang. Das hat hier bislang gefehlt.“ Doch der Luxus hat seinen Preis. Das anfänglich kolportierte Budget von 250 Millionen Euro hat sich auf 492 Millionen Euro nahezu verdoppelt.

„Endlich sieht man Menschen“, sagt Elisabeth Brugger, Studentin in Wirtschaftsrecht. „In der alten WU war alles sehr verwinkelt und unübersichtlich.“ Sinan Okman, Volkswirtschaftslehre, meint: „Mit dem alten Gebäude kann man das nicht vergleichen. Die Lernplätze sind super, der Campus ist extrem spannend, man fühlt sich hier wohl.“ Und Katharina Prochazka, Studentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Research Institute for Urban Management and Governance, zwei Lacrosse-Schläger unterm Arm, lobt die Offenheit und die vielen Begegnungsflächen auf dem Areal. „Und ich möchte gleich dazusagen, dass ich zwei Lieblinge habe“, fügt sie hinzu, „nämlich das Learning Center von Hadid, das für mich eine Mischung aus Raumschiff und Kommandozentrale ist, und die Execu- tive Academy von NO.MAD, weil sich darin der ganze Himmel spiegelt.“

Lieblingsgebäude gibt es hier viele. Mal ist es Zaha Hadids futuristischer Bibliothekskristall, in dem einen ob der gekippten Wände, parallelogrammförmigen Stiegenläufe und sich perspektivisch bis auf ein kleines Trapez zuspitzenden Gangflächen schon mal akute Seekrankheit ereilen kann, mal ist es das verrostete, mit Corten-Stahl verkleidete Teaching Center von BUS Architektur. Allein, kein Gebäude vermag derart zu polarisieren wie der rot-orange-gelbe Institutscluster von Peter Cook, der von vielen Beteiligten als „Karikatur“ (vielfach gehörter O-Ton) empfunden wird. Die Farbgestaltung und die sägerauen Latten aus Weißtanne samt Rinde, die frisch aus dem Wald angekarrt wurden, spalten selbst die coolsten Gemüter.

„Lasst uns Farbe genießen!“

„Wien ist eine echt wunderbare Stadt, aber sie ist oft grau, so unbeschreiblich grau“, sagte Peter Cook vorgestern und erntete damit zustimmendes Gelächter im Saal. „Lasst uns doch endlich die Stadt in ihrer Farbenvielfalt genießen! Lasst uns in diese Dumpfheit etwas Heiterkeit reinbringen! Alles, nur nicht eines von diesen fucking boring Häusern!“ Als Arbeitsplatz taugt der Cook-Bau, der innen mit getupften Teppichen, rot-weiß karierten Türen und minzgrünen Möbeln bestückt ist, allemal. Im Kopierzimmer steht eine gestresste Mitarbeiterin: „Keine Zeit. Vollstress. Ist ein echt lässiges Haus. Das rockt.“ Und sogar Rektor Badelt, dessen Büro im quietschbunten Alien untergebracht ist, meint: „Die Architektur von Peter Cook mag Geschmackssache sein, aber ich persönlich fühle mich hier am wohlsten.“

Wien hat endlich Weltarchitektur bekommen - mit vielen unterschiedlichen Handschriften und ebenso vielen unterschiedlichen Meinungen dazu. Gut so. So funktioniert Stadt. Jetzt fehlt nur noch, dass ebendiese in den kommenden Jahren an den Campus heranwachsen und sich diesen infrastrukturell einverleiben möge. Randnotiz: Über den Wahnsinn, mit dem über die visionäre Architektur, einem Käfig gleich, das um Normierung und Haftungsfragenklärung bemühte Korsett österreichischer Kleingeistbauordnungsbürokratie gestülpt wurde, muss man nonchalant hinwegsehen. Das wird im Ausland für Lachsalven sorgen.

Die offizielle Eröffnung des WU-Campus findet am Freitag, dem 4. Oktober, statt.

Wien hat endlich Weltarchitektur bekommen - mit vielen unterschiedlichen Handschriften und ebenso vielen unterschiedlichen Meinungen dazu. Gut so. So funktioniert Stadt.

21. September 2013 Der Standard

Die neuen Abenteuer des Raumschiffs Enterprise

Das Wiener Architekturbüro The Next Enterprise dringt mit seinen Projekten immer wieder in neue Galaxien vor. Ob Schwimmbad, Freilichtbühne oder Einfamilienhaus: Die Mission dieses kompromisslosen Duos ist die Schaffung neuer Räume im Kopf und in der Wirklichkeit.

„Raumschiff Enterprise war unsere absolute Lieblingsserie“, sagt Marie-Therese Harnoncourt. „Jeder wollte wissen, wie man sich in einem Raumschiff fortbewegt und dabei in unbekannte Welten vordringt. Diese Expeditionslust und Sehnsucht nach Neuem hat bis heute Spuren hinterlassen.“ Gemeinsam mit ihrem Partner Ernst J. Fuchs betreibt Harnoncourt das Wiener Architekturbüro The Next Enterprise. Das größte und wohl bekannteste Raumschiff der beiden Enfants terribles ist der sogenannte „Wolkenturm“, eine wilde, expressionistische Freilichtbühne im Schlossparks Grafenegg.

„Architektur, die aus aneinandergereihten Schachteln besteht, ist uns zu wenig“, so Harnoncourt. „Wir wollen Raum schaffen, in dem man nicht einfach nur passiver Konsument ist, sondern sich mit der Architektur aktiv auseinandersetzt.“ Da muss man sich auch schon mal weit vornüberbeugen, um eine Bierflasche aus der mit Wasser gefüllten Bar zu fischen („Trinkbrunnen“, 2003), und ein gewisser Hang zum ewig langen Im-Kreis-Gehen ist gewiss auch nicht von Nachteil („Blindgänger“, 2000).

Das Spiel mit der Auflösung der Grenzen zwischen Architektur und Kunst ist eine Spezialität dieses Büros. Doch nicht immer stößt die eingeforderte Wechselbeziehung, die The Next Enterprise seinen Bauherren abverlangt, auf Gefallen. Das in jahrelanger Arbeit ertüftelte Warmbad Villach wurde kurzerhand ohne die Architekten realisiert. Und beim Wettbewerb für das neue Archäologische Zentrum in Mainz wurden die erstgereihten Enterpriser von der Bauherrschaft einfach übergangen. Harnoncourt: „Solche Ungerechtigkeiten gibt es in der Baubranche leider ab und zu, aber zum Glück steht das nicht auf der Tagesordnung.“

Auf der Agenda für 2014 stehen ein Dachausbau in Wien und ein alles andere als schachtelförmiges Gebilde in Retz. Das expressive Einfamilienhaus für einen Hobby-Schnapsbrenner liegt am alten Stadtrand. Mitten durchs Grundstück verläuft die alte Stadtmauer. Zwischen Haus und Mauerwerk wird ein Garten umschlossen, der selbst schon eine Art Zimmer ist - mit Gras statt Parkett und Himmel statt Plafond.

„Architektur ist mehr als nur Innenraum, Architektur ist ein ganzheitlicher Spannungsraum zwischen künstlich geschaffener Umwelt und Natur“, meint Harnoncourt. Im Seebad Kaltern in Südtirol kann man in diesem neu definierten Raumbegriff ein Bad nehmen: Das gesamte Freibecken scheint in der Luft zu schweben, durch Panzerglasscheiben im Beckenboden sehen die Schwimmenden auf die im Schatten Liegenden herunter, diese wiederum haben Ausblick auf die schwarzen Silhouetten, die sich schwerelos im blauen Nass räkeln. In der Abkehr von Schwerkraft und räumlicher Konventionalität zeigt sich die immerwährende Sehnsucht dieses Büros am besten. Oder, um mit den Worten von The Next Enterprise zu sprechen: „Architektur, das bedeutet, sich neue Räume im Kopf zu erschließen.“

31. August 2013 Der Standard

Lehmbau macht Schule

Schulbeginn einmal anders: In Südafrika errichten österreichische Architekturstudenten zwei Schulbauten in Eigenregie. Zu Besuch in Johannesburg und an der Wild Coast im Süden.

Zwölf Uhr mittags. Ein junger Bub in Schuluniform rennt aus der Klasse und läuft über das Schulgelände. In seiner rechten Hand baumelt eine Schulglocke. Mit jedem Schlag ertönt ein schriller, blecherner Ton. Während sich der Schulhof allmählich mit Kindern füllt, die sich mit einem Teller Chicken and Rice in den Schatten setzen, wird auf der Baustelle eifrig weitergearbeitet. Eine Gruppe junger Architekturstudenten steht am Gerüst und stopft, Schaufel für Schaufel, feuchten Lehm zwischen zwei Betonstützen. Als Schalung dient Hasenstallgitter aus dem Baumarkt. Immer wieder wird die Wand bewässert, immer wieder wird nasse Erde nachgefüllt. Die Arbeit zieht sich über Stunden.

„Den Wandaufbau haben wir selbst entwickelt“, sagt Elias Rubin, Student an der Kunstuniversität Linz. „Holz oder Stahl sind in dieser Gegend erstens sehr teuer, und zweitens sind sie dem aggressiven Klimawechsel zwischen Sommer und Winter nicht gewachsen. Daher greifen wir auf die Lehmbauweise zurück, die hier seit langer Zeit Tradition hat.“ Mit einem Kniff allerdings: Statt Lehm wird ganz normale Erde mit Kies und Stein verwendet. „Das spart Zeit und Kraft“, so Rubin, „außerdem braucht man für diese Bauweise keine erfahrenen Handwerker. Das kann jeder.“

Schon seit einigen Jahren fahren regelmäßig Studenten aus Österreich, Deutschland, Slowenien und der Schweiz nach Zonkizizwe, rund 50 Kilometer südlich von Johannesburg, um dort in Zusammenarbeit mit den Einheimischen ihre besten Uniprojekte in die Realität umzusetzen. Zuletzt waren Studenten der TU Graz, der FH Spittal an der Drau und der RWTH Aachen vor Ort. Innerhalb einiger Wochen sind zwei neue Grundschulklassen mit sämtlichen Nebenräumen und einem schönen, überdachten Patio entstanden.

Die unsichtbare politische Kraft hinter dem universitären Austauschprogramm ist der österreichische Verein s2arch. Projektinitiator und Vereinschef ist der Wiener Gemeinderat und Landtagsabgeordnete Christoph Chorherr, der schon seit mehr als zehn Jahren Architekturprojekte in Südafrika abwickelt. Hauptsponsor ist die Wiener Vermögensverwaltungs- und Beratungsgesellschaft Ithuba Capital.

„Das Problem an herkömmlichen Entwicklungshilfeprojekten ist, dass es sich meist um One-Time-Shows handelt, die in keinerlei Wechselwirkung mit dem jeweiligen Ort stehen“, sagt Chorherr zum STANDARD. „Das ist nicht nur Geldverschwendung, sondern auch ein gefährlicher, schadhafter Eingriff in die sensiblen kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen einer Gesellschaft. Dann lieber gleich lassen.“

Mehr als nur Baustelle

s2arch geht einen Schritt weiter. Hier geht es nicht nur um den Bau, sondern auch um die Etablierung einer eigenen Privatschule, um die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern und nicht zuletzt um die langjährige operative Begleitung eines noch jungen Schulapparats. Nebenbei wird auf diese Weise die Arbeitslosigkeit eingedämmt. Frauen und Männer aus den benachbarten Townships können für ein paar hundert Rand am Bau mitarbeiten.

Mittlerweile hat das Ithuba Skills College, so der offizielle Name der 2008 gegründeten Privatschule, rund 260 Schüler, die von insgesamt 15 Lehrern betreut werden. „Der Standard an öffentlichen Schulen in dieser Gegend ist extrem niedrig“, erklärt Schuldirektor Myheart Muusha. „In den meisten Fällen sind die Kinder nach Abschluss der Grundschule nicht einmal in der Lage, ihren eigenen Namen zu schreiben. Die Lehrer sind schlecht ausgebildet. Diejenigen, die es sich leisten können, flüchten an die guten Schulen in die Stadt.“

So wie etwa an die Leadership Academy for Girls in Meyerton, rund 25 Kilometer südwestlich von Zonkizizwe. Das Projekt geht auf eine Initiative von Oprah Winfrey zurück. Die US-amerikanische Talkshow-Königin erfüllte sich mit ihrer Wunderland-Mädchenschule nach eigenen Angaben ihren lang gehegten „Oprahs Traum, den Mädchen endlich zeigen zu können, was sich auf der anderen Seite der Tür befindet“ - mit klimatisierten Schulklassen, vegetarischem Bio-Catering und eigenem Wellness-Studio. Mit dem Südafrika diesseits der Tür hat das alles nicht viel zu tun.

„Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir wollen“, sagt Nora Müller, Projektleiterin und Assistentin an der RWTH Aachen. „Wir wollen keine Parallelwelt schaffen, sondern mit den vorhandenen Ressourcen und den Arbeitskräften vor Ort eine Architektur und Bauweise entwickeln, die alltagstauglich ist und die auch dann noch überlebt und weiterentwickelt werden kann, wenn wir schon wieder längst nach Hause zurückgekehrt sind.“

Manche Schulklassen sind aus Blech zusammengeschraubt, andere aus Holzpaletten und Polycarbonat, manche wurden aus Betonziegelsteinen gemauert und mit schlachthausartigen Metallschiebetüren versehen, andere wiederum riechen nach Stroh und Erde. Kanalrohre werden als Low-Tech-Klimaanlage zweckentfremdet, Bierkisten wachsen durch Stapelung und Verschraubung zu Küchenmöbeln heran, und statt kostspieliger Fenster werden verschiedenfarbige Flaschenböden eingemauert. Nicht immer bestehen die witzigen Studentenideen den Alltagstest.

Wertschöpfung in der Region

Das Budget pro Klasse beläuft sich auf 40.000 bis 45.000 Euro. Oberstes Prinzip bei jedem Projekt: Die Wertschöpfungskette muss in der Region bleiben. „So ein Kooperationsprojekt zwischen zwei Kontinenten macht nur dann Sinn, wenn es einen Langzeiteffekt gibt“, sagt Elias Rubin. „Einfache Baustoffe wie Stroh oder Lehm sind überall vorhanden. Auf diese Weise kann man auf billigste Weise Architektur schaffen, ohne dass große Ziegel- oder Zementkonzerne an der Errichtung mitnaschen.“

Die Ithuba School in Zonkizizwe war der Startschuss. Vor zwei Jahren expandierte die Ithuba Capital AG in den Süden und ist seitdem mit der Errichtung einer weiteren Schule beschäftigt. Das Bildungsniveau im Eastern Cape, dem oft verschrienen „Armenhaus Südafrikas“, ist noch viel besorgniserregender. Schuldichte und Bildungsniveau sind gering, die Analphabetismusrate liegt bei 70 Prozent. Besonders rückständig ist die schlecht erschlossene Küste, die sogenannte Wild Coast.

Inmitten dieser wildromantischen Landschaft steht der kleine Mzamba-Schulcampus. Ein wenig erinnern die schlichten, archaischen Lehmbauten an die Architektur des chinesischen Pritzker-Preisträgers Wang Shu. „Die Lebensbedingungen hier sind extrem rau“, sagt Markus Dobmeier, freischaffender Architekt und Assistent an der TU München. Er ist Leiter und Koordinator des Projekts und für den Masterplan verantwortlich. „Ästhetik ist zwar ein wichtiger Faktor, aber das Allerwichtigste ist, dass die Gebäude der starken Luftfeuchtigkeit und der durch die Gischt verursachten Erosion standhalten. Das geht mit Lehm am besten.“

In den rundum gemauerten Innenhöfen wird gespielt und getanzt. An schönen Tagen findet der Unterricht im Freien statt. „Diese Schule ist ein Geschenk“, meint Schuldirektorin Jacqueline du Toit. „Hier lernen die Kinder nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sie lernen auch, dass man auch mit ganz wenig Geld so etwas wie Schönheit und Geborgenheit erleben kann.“

Lehm, Schaufel für Schaufel

Derzeit besteht die Mzamba School aus zwei Grundschulklassen, einer Kindergartengruppe und einem Wirtschaftsgebäude. Im Endausbau sollen es sieben Klassen, ein Kindergarten, ein Verwaltungsbau und eine Bibliothek sein. Geht alles nach Plan, soll das Ensemble in vier bis fünf Jahren vollendet sein. Die Chancen stehen gut. Die Studenten aus Österreich und Deutschland haben immer noch Biss, stehen am Gerüst, hören Lady Gaga und stopfen, Schaufel für Schaufel, Lehm zwischen die Schalung.

„Richtige Entwicklungshilfe beginnt erst dann zu greifen, wenn der mediale Hype nachgelassen und die Arbeit zäh und mühsam, ja manchmal sogar langweilig geworden ist“, meint s2arch-Chef Christoph Chorherr. „Drei Viertel aller Entwicklungsprojekte gehen schief. Nachdem wir nach fünf Jahren immer noch zu tun haben, glaube ich, dass wir es richtig gemacht haben.“

17. August 2013 Der Standard

Wir sind nicht am Ende

Gestern glänzende Motor City, seit Juli bankrott. Ein großes Raunen geht um die Welt. Alles schon gehört. Oder doch nicht? Detroit nach der Pleite: wie eine neue Stadt in der Stadt entsteht.

Es ist mucksmäuschenstill. Keine Menschenseele weit und breit. Nur ab und zu entweicht diesem gottlosen Ort ein Vogelgezwitscher, ein Grillengezirpe, irgendein plötzliches unheimliches Rascheln im Busch.

Ob da noch jemand wohnt? Ich meine, nicht in diesem Haus, sondern überhaupt in diesem Viertel? „Ihr mit eurem Ruinenporno! Natürlich leben hier noch Menschen“, sagt Nick Tobier. Der 44-Jährige, eine hagere Gestalt mit Lockenkopf und dem Grinsen eines Hochzeitsplaners, ist Architekturprofessor an der University of Michigan in Ann Arbor und entwickelt Überlebensstrategien für die wenigen noch verbliebenen Einwohner in den Suburbs. „Meist sind es ältere Bewohner ohne Familie, die sich weigern, ihre alten Häuser zu verlassen und in eine bessere, noch funktionierende Gegend zu ziehen. Doch solange diese Menschen hier leben, sind die Neighborhoods noch lange nicht tot.“

Knapp 80.000 Häuser im Stadtgebiet Detroit stehen leer und rotten vor sich hin. Es ist ein Häuserfriedhof bis zum Horizont, gefühlterweise ohne Anfang und ohne Ende. Manche davon, einst klassische Suburbian Homes wie überall in den USA, haben kein Dach, andere keine Fenster und Türen, wiederum andere sind nur noch in eingestürzten, verkohlten Fragmenten vorhanden. Das Abfackeln verwaister Holzhäuschen, muss man nämlich wissen, ist ein beliebter Sport unter Jugendlichen. In der Devil's Night, der Nacht vor Halloween, ziehen sie in Banden durch die Straßen und setzen alte, leerstehende Ruinen in Brand. „Die Zahl der Brandstiftungen war bereits rückläufig“, sagt Nick. „Seit 2010 nimmt die Lust am Zerstören aber wieder zu. Wer will schon Süßes oder Saures, wenn er auch ein kleines Flammeninferno haben kann?“

Von Jahr zu Jahr verändert Detroit sein Gesicht, schrumpft, wird immer toter und toter. Waren es 1950, in der Hochblüte von General Motors, Chrysler und Ford, noch zwei Millionen Menschen, die hier lebten, sind es heute nur noch 680.000. Zwei von drei Einwohnern sind bereits weg. „Der Verfall Detroits ist seit Jahrzehnten zu beobachten, und in den letzten Monaten wusste schon jeder, dass der Bankrott unausweichlich ist“, sagt Nick. „Doch jetzt, seitdem es offiziell ist und Bürgermeister Dave Bing handlungsunfähig und mundtot gemacht wurde, schaut uns das ganze Land dabei zu, wie wir am Ende sind. Es ist demütigend.“

Miserabel: Platz eins für Detroit

18 Milliarden US-Dollar (rund 14 Milliarden Euro) an Verbindlichkeiten hat die Kommune nach Berechnungen des Insolvenzanwalts Kevyn Orr angehäuft. Das ist die mit Abstand größte US-Stadtpleite aller Zeiten. Detroit war einmal die reichste Großstadt Amerikas. Heute ist sie nicht nur die ärmste, sondern auch diejenige mit der höchsten Kriminalität: 2137 Gewaltverbrechen pro 100.000 Einwohner, darunter 344 Morde, Aufklärungsrate weniger als zehn Prozent. Hinzu kommen rund 19 Prozent Arbeitslosigkeit. In einigen Stadtvierteln, schätzt man, ist sogar jeder Zweite ohne Job. Laut Wirtschaftsmagazin Forbes, rankinggeil wie immer, liegt „The D“, wie Detroit von seinen Bewohnern auch genannt wird, aktuell auf Platz eins der miserabelsten Städte Amerikas.

Nick kriegt das Grinsen nicht weg. Seine Stimme ist immer noch von guter Laune getragen. Bei manchen Worten gluckst sie unüberhörbar nach oben. „Aber wir sind nicht am Ende! Denn die jetzige Situation, so dramatisch sie für einen Außenstehenden auch scheinen mag, ist endlich wieder eine Chance für einen Neubeginn. Die Stadt kann sich neu positionieren. So ähnlich wie seinerzeit Berlin.“ An der Ecke Kercheval und Meldrum Street, im sogenannten „Black Bottom“ im Osten der Stadt, wo die wenigen verbliebenen Einwohner fast zur Gänze afroamerikanischer Abstammung sind, ist ein selbstgebasteltes Holzschild in den Boden gerammt: „Earthworks Urban Farm and Soup Kitchen“. Dahinter Büsche und Gemüse, dutzende Meter weit.

„Hey Brother“, sagt Daryl Howard, Latzhose, Wollmütze, Erde unter den Fingernägeln. Was sagt man da zurück? Hey? Hey! Howard kommt frisch von der Arbeit, die Mittagspause hat gerade angefangen. „Hunger? Es gibt Rübensuppe, Organic Sandwich und Salat. Komm rein in unsere kleine Welt!“ Earthworks ist ein selbstfinanzierter Verein, der 1997 gegründet wurde und mittlerweile sieben Farmen in ganz Detroit umfasst. Er kümmert sich um Anbau von Obst und Gemüse, er bietet Kochkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an, vor allem aber verarbeitet er Tag für Tag seine eigene Ernte und bittet Hungrige zu Tisch. „Soup Kitchen“, öffentliche Suppenküche für alle, nennt sich das Ganze. Das Essen ist umsonst.

„Viele von uns kennen Essen nur in Form von Fastfood und eingeschweißtem, vakuumverpacktem Processed Food von der Tankstelle“, sagt Daryl. „Und das ist eine Katastrophe. Erstens wird man davon nicht satt, zweitens führt das über kurz oder lang zu Krankheiten, die keiner haben will.“ Viele Detroiter, die im Black Bottom zu Hause sind, leiden an Diabetes. Die Lage ist dramatisch. „Unser größtes Problem sind in Wahrheit nicht die leeren Häuser und nicht die fehlenden Jobs, über die jeder klagt, sondern die alltägliche Lebensmittelversorgung.“

Detroit ist heute eine sogenannte „Food Desert“. Das bedeutet: Mehr als 75 Prozent aller Einwohner müssen mehr als eine Meile zurücklegen, um an frische, gesunde Nahrungsmittel zu gelangen. Weit und breit kein Supermarkt. Zumindest nicht hier, am schwarzen Boden, wie alle sagen. Hinzu kommt die Tatsache, dass ein Drittel aller Detroiter kein Auto besitzt. Zu teuer. Auf den öffentlichen Bus kann man sich auch nicht mehr verlassen. Einmal pro Stunde fährt er von nirgendwo nach nirgendwo. Wenn er denn überhaupt kommt. Und so haben die Menschen keine andere Wahl als zu Exxon, Texaco, Citgo, Shell oder Mobil zu wandern. Die gibt's an jeder Ecke. Immer noch. Erstaunlich.

Oder sie spazieren zur nächsten Urban Farm. „Ja, ich weiß, bei euch in Europa, in London, Paris und Berlin, gibt's diesen Trend auch“, sagt Daryl. „Doch hier in Detroit ist Urban Farming weder chic, noch legen wir besonders Wert darauf, dass alles bio ist. Wir wollen einfach nur satt werden.“ Mit Erfolg, wie sich unter dem Jeanslatz erkennen lässt. „Ohne die vielen leerstehenden Grundstücke und die Möglichkeit, selbst Obst und Gemüse anzubauen, wären wir hier wahrscheinlich längst verhungert.“ Neben Earthworks gibt es im Stadtgebiet Detroit heute einige hundert Gemüsefarmen. Zusammen produzieren sie rund 170 Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr. Das entspricht einem Marktwert von einer halben Million US-Dollar, rund 375.000 Euro.

Zwei, die schon seit einigen Jahren Urban Farming betreiben, sind Heather und Barry Nelson. Sie ist 58 und ehemalige Spanischlehrerin. Er ist 70 und war früher in der Kommunikationsbranche tätig. Mehr will er nicht verraten. Sie leben in einem Two-Bedroom-Apartment, nicht weit von hier. Regelmäßig stecken sie ihre Hände in die Erde und sind ehrenamtlich für diejenigen tätig, denen es nicht so gut geht. „Wir bauen Tomaten, Kürbis, Kohl, Kraut, Spinat und diverse Salate an, doch am liebsten haben wir Okraschoten. Unglaublich, was man daraus alles machen kann!“

In den letzten 20, 30 Jahren, sagen Heather und Barry, hätten sich die Städte im Rust Belt massiv verändert. Detroit, Cleveland, Pittsburgh, Buffalo, Toledo, Erie und wie sie nicht alle heißen mögen. Allein in den Nullerjahren sind im Rust Belt mehr als 320.000 Arbeitsplätze verlorengegangen. Aber einen Vorteil hat die postindustrielle Transformation, die über die einstigen Stahlhochburgen wie ein rostiger Gewitterhimmel herzieht: „Ich kann mich nicht erinnern, wann man in einer amerikanischen Großstadt zuletzt so unmittelbar in und mit der Natur gelebt hat. You know what I mean?“

Ungewollterweise ist Detroit heute wahrscheinlich die grünste Metropole der Welt. Von den 360 Quadratkilometern Stadtfläche - das entspricht der Fläche von Boston, San Francisco und ganz Manhattan - sind heute mehr als 100 Quadratkilometer leer. Da, wo einst glückliche Vorstadthäuser mit glücklichen Fords und Chevrolets in der Auffahrt standen, ist heute dichtes, dickes Grün. Großstadtdschungel - was für eine verbale Ironie des Schicksals! Die Straßen, die wie eine karierte Matrix durch den grünen Teppich führen, wirken befremdlich. Noch befremdlicher jedoch als die Asphaltschneisen sind die Gehsteige mit ihren abgesenkten Rollstuhlrampen im Kreuzungsbereich und den erdbeerroten, einbetonierten Noppenbelägen für Blinde. Das Bild ist skurril.

„Ach, die Gehsteige in den Suburbs“, stöhnt John Baran, Executive Manager im Department für Planung und Stadtentwicklung der Stadt Detroit. „Eine absurde Story, erinnern Sie mich nicht daran!“ Nach einer Klage, die der Behindertenverband gegen die Stadt Detroit eingebracht hatte, musste diese sämtliche Kreuzungen im Stadtgebiet barrierefrei umbauen, also rollstuhlbefahrbar ausführen und blindentauglich mit einem Tastleitsystem ausstatten. Und zwar überall. Die Umbaumaßnahmen haben sich über Jahre gezogen und haben einige Dollarmillionen verschlungen.

Straßennamen: deleted

„Die Stadt schrumpft in einem rasanten Tempo und verändert sich von Tag zu Tag, man kann dabei förmlich zusehen“, sagt Baran. „Wir kommen mit den Plankorrekturen kaum noch nach.“ Der aktuelle Detroiter Stadtentwicklungsplan stammt aus dem Jahr 1992, als die Stadt noch mehr als eine Million Einwohner hatte. Für einen neuen Masterplan fehlt das Geld. Doch man weiß sich zu helfen: Alle sechs Monate steigen die Mitarbeiter ins Auto und kurven durch die aussterbenden Quartiere, um die leeren Straßenblocks zu scannen. Wo der Verlust verkraftbar ist, werden die Straßennamen einfach aus der Datenbank gelöscht.

„Eigentlich gäbe es für uns so viel zu tun, aber uns fehlt einfach das Geld“, meint Baran. „Das war auch vor der Pleite schon so.“ Nachdem diejenigen, die es sich leisten können, die Stadt verlassen und stattdessen in die Suburbs oder in irgendeine andere Stadt ziehen, wird Detroit nach und nach um seine Steuereinnahmen gebracht. In den letzten zehn Jahren, rechnet Baran vor, seien die Einnahmen in einigen Vierteln um bis zu 78 Prozent zurückgegangen. Früher, als noch ausreichend Geld in der Stadtkasse war, wurden die verlassenen Häuser, die meist einsturzgefährdet sind und somit eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen, noch auf eigene Kosten abgerissen. 7000 Dollar kostet die Abrissbirne samt Entsorgung. Das ist nun Geschichte.

„Wir haben keine Wahl“, erklärt Baran. „Einen Teil der Stadt müssen wir sich selbst überlassen und an die Natur zurückgeben.“ Resizing, Rückdimensionierung, heißt das im Amtsjargon. Dazu gehört auch, dass einige Quartiere, in denen nur noch ein paar vereinzelte Seelen leben, sogenannte Ganglands, von der Stadtverwaltung aufgegeben werden. Buslinien werden gekappt, Schulen werden geschlossen, Straßenlaternen werden ausgeschaltet.

Außerdem werden die urbanen Löcher nicht mehr versorgt, werden weder von der Müllabfuhr noch von der Feuerwehr und Polizei angefahren. Auch dann nicht, wenn Schüsse und Schreie zu hören sind und ganze Häuserreihen in Flammen stehen. 58 Minuten, ist dieser Tage zu lesen, brauchte die Detroiter Polizei heuer im Durchschnitt, um auf einen Notruf zu reagieren. Die schockierende Zahl ist leicht erklärt: In wohlhabenden Stadtvierteln wie Indian Village, Dearborn Heights, Palmer Park und Oakland County war sie schnell wie eh und je. Den Black Bottom aber, den fährt sie gar nicht mehr an.

Viele Detroiter, allen voran junge Kreative, machen sich diese anarchischen Zustände zunutze. Überall hört man: Berlin, Berlin, Berlin, das große Vorbild. „Say nice things about Detroit“, mit einem Herzchen als i-Punkt, ist an eine weiße Hausmauer gesprayt. Und das tun sie, das tun sie alle. Jaclyn Strez, 27 Jahre alt und noch voller Optimismus, leitet den kleinen Non-Profit-Kunstverein Detroit Contemporary. Sie ist Schauspielerin, Künstlerin und lebt seit gut 15 Jahren in Michigan. Das Haus selbst, früher mal ein Supermarkt, wird von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Garten wird Gemüse angebaut, das Erdgeschoß wird für diverse Veranstaltungen genutzt, und oben im ersten Stock pennen ein paar Artists in Residence. Alles hier ist ein bisschen abgefuckt. „Nein, rosig ist es in Detroit nicht“, sagt Jaclyn. „Aber als Künstlerin habe ich genug Fantasie, um mir eine positive Zukunft dieser Stadt auszumalen. Und das Gute ist: So wie ich denken viele hier.“ Auch diverse Privatinvestoren nehmen sich Detroits an. In erster Linie investieren sie dort, wo die Stadt einspart: in Schulen.

Ein paar Blocks weiter liegt die Heidelberg Street, eine bunt bepinselte Straße, die als Outdoor-Galerie genutzt wird. Die Häuser sind gepunktet und gestreift, in einem der Gärten steht ein ausrangierter Saab mit Santa Claus am Steuer (ein schwedisches Auto in Detroit, tatsächlich), an die Bäume sind Teddybären geknebelt, und überall Kunstinstallationen und halb vergrabene Artefakte. Heidelberg Project, so der offizielle Name der 1986 gegründeten Initiative, sieht aus wie die Manifestation eines LSD-Trips.

Notlage: Phönix aus der Asche

„Dafür liebe ich diese Stadt“, sagt Noah Resnick, Designerbrille, Vintage-Sakko, der Typ Young Creative Industrial mit viel Kritik in den Augen und viel Intellekt auf der Stirn. „Natürlich identifiziert sich Detroit offiziell immer noch als Motor City. Das muss sie wohl. Aber hinter diesem abgewrackten, verrosteten Image wächst langsam eine Stadt in der Stadt heran, die in den USA ihresgleichen sucht.“ Das mit dem Motor, so Resnick, ist Geschichte. Das neue Detroit kehrt den Pferdestärken den Rücken und tritt in die Pedale.

Einige Radfabrikanten wie etwa Detroit Bikes, die den kaum ausgelasteten Werken billigen Stahl abkaufen, sind in den letzten Jahren entstanden. Und Wheelhouse, ein 2010 gegründeter Verein, der geführte Radtouren zu den Themen Architektur, Graffitikunst und Urban Farming organisiert, zählt mittlerweile 5000 Mitglieder, Tendenz steigend. „All diese Impulse bringen der Stadt einen Aufschwung“, sagt Noah. „So etwas lässt sich nicht top-down planen. So etwas kann nur bottom-up aus der Not heraus entstehen.“

Mitte 2011 hat das Hostel Detroit aufgesperrt, eine Jugendherberge mit neun Zimmern und psychedelisch bemalter Ziegelfassade. Das kunstsinnige Etablissement liegt im Nordwesten, rund einen Kilometer von der Wayne State University entfernt. Das billigste Bett kostet 27 Dollar pro Nacht. „Wäre Detroit eine bequeme Stadt ohne Probleme, so wie jede andere Stadt in den USA, dann würden wir stagnieren, dann wäre es niemals zu dieser Aufbruchstimmung gekommen“, sagt die 29-jährige Managerin Taylor Kozak. „Doch nun müssen wir kreativ sein, müssen ein Leben nach dem Do-it-yourself-Prinzip führen.“ Die Insolvenz, die vor wenigen Wochen angemeldet wurde, so Taylor, habe diese DIY-Bewegung lediglich beschleunigt. Die Milliardenpleite, man hört es aus ihrer Stimme heraus, hat etwas Großartiges.

Katja Kullmann, eine Hamburger Autorin, die letztes Jahr ein paar Wochen in Detroit verbrachte, schlägt vor, indem sie einen Immobilieninvestor aus New York zitiert: Man solle Detroit einfach mit 100.000 Künstlern aus aller Welt fluten. Kreativität und Bildungsboheme, so lauten die Zauberworte für den Neubeginn. „Die kreative Klasse ist längst im Operation-Mode“, schreibt sie in ihrem 2012 erschienenen Detroit-Buch Rasende Ruinen. „Mit ihren Geistesressourcen und ihrer (potenziellen) Kaufkraft bildet sie die gesellschaftliche Schlüsselmacht der Zukunft.“ Und der amerikanische Sachbuchautor John Gallagher meint: „Keine andere Stadt in den USA bietet eine so große Leinwand für neues Denken wie Detroit.“

Auf dem amtlichen Siegel der City of Detroit sieht man zwei stoische Damen, die im Garten stehen und sich (man möchte meinen: verzweifelt) an den Kopf greifen. Rund um die Zeichnung sind die lateinischen Worte zu lesen: „Speramus meliora. Resurget cineribus.“ Wir erhoffen Besseres. Möge es aus der Asche auferstehen.

17. August 2013 Der Standard

Museum mit Streichelfaktor

Wie zeichnet man ein Haus? Der russische Architekt und Zeichnungssammler Sergei Tchoban machte es vor und baute in Berlin ein kleines, aber feines Museum für Architekturzeichnung. Wojciech Czaja hat hingegriffen.

Da stehen sie wieder, die Macchiato-Mütter und Tonkabohnen-Väter, neben ihnen der Baby-Buggy mit großstadttauglichen Geländereifen, und massieren die Wand. Man kann es ihnen nicht verübeln. Die scheinbar weiche Betonoberfläche sieht aus wie Pannacotta, durch die sich ein paar feine Rillen und Ritzen ziehen. „Ich muss da jetzt endlich einen Zettel an das Haus kleben“, sagt Museumsdirektorin Nadejda Bartels: „Bei Aufkommen von etwaigen Emotionen bitte streicheln!“

Museum? Tatsächlich handelt es sich bei dem ungewöhnlichen Bau, der am Eingang zur ehemaligen Pfefferberg-Brauerei im hippen Berliner Stadtviertel Prenzlauer Berg steht und diesen Sommer eröffnet wurde, um das von der Tchoban Foundation errichtete Museum für Architekturzeichnung. Es ist das erste seiner Art in Deutschland, und auch weltweit wird man wohl lange nach einer Institution suchen, die sich einzig und allein dem fast vergessenen Genre der Architekturskizze widmet.

„Wenn man die Handzeichnungen von Palladio, Piranesi, Schinkel und Le Corbusier anschaut, dann sieht man, wie viel Kraft in diesen Werken steckt“, sagt Bartels. „Da ist einerseits dieser harte, klare Strich, andererseits haben die Zeichnungen zum Teil dramatische Perspektiven und Licht- und Schattenspiele.“ Und, fügt sie schnell noch hinzu: „Architekturzeichnungen sind nicht nur Historie! Auch zeitgenössische Architekten wie etwa Daniel Libeskind, Peter Eisenman, Frank Gehry und Zaha Hadid sind dem Bleistift nicht abgeneigt.“

Konsequent und leidenschaftlich, wie das Museum vom ersten Anblick an erscheint, wurde die Thematik Architekturzeichnung weithin sichtbar in den Bau integriert. Als hätte jemand etwas in den Beton geritzt, sind an der Fassade Säulen, Bögen, Kapitelle und Kassettendecken zu erkennen. Es sind stark vergrößerte Ausschnitte aus einer Zeichnung des italienischen Bühnenbildners Pietro di Gotardo Gonzaga (1751-1831), der erst an der Mailänder Scala und später für den russischen Fürsten Nikolai Jussupow arbeitete. Am Prenzlauer Berg, umgeben von altem Hopfencharme und künstlerischem Flair, kommen Gonzagas Striche zu spätem, unerwartetem Ruhm.

„Das ist die allererste Architekturzeichnung, die ich vor vielen Jahren erworben habe“, sagt Sergei Tchoban. „Mit diesem einen Blatt Papier hat alles angefangen.“ Tchoban, seines Zeichens Architekt mit Büros in Moskau und Berlin, ist selbst „ein recht guter Zeichner“, wie er meint, vor allem aber passionierter Sammler. Er ist besessen von Bleistift, Tusche, Aquarell. Rund 400 Zeichnungen, alte wie neue, liegen bei ihm im Archiv. Außerdem hat er Kooperationen mit dem Sir John Soane's Museum in London, der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris und der Eremitage in St. Petersburg.

„Warum ich das mache?“, fragt Tchoban. „Viele Privatsammler haben das Bedürfnis, ihre Schätze eines Tages der Öffentlichkeit zu präsentieren. Aus diesem Grund habe ich dieses Museum geplant und gebaut. Doch nicht nur das.“ Kunstpause. „Die meisten Architekten können heute kaum noch zeichnen. Sie entwerfen Häuser, bauen Städte und gestalten unsere Umwelt, ohne je auch nur einen Strich mit der Hand gemacht zu haben. Ich finde das traurig. Daher will ich meine Liebe zur Handzeichnung weitergeben.“

Frau Macchiato und Herr Tonkabohne stehen immer noch da, werfen fragwürdige Blicke Richtung Haus. Sie geben das perfekte Bobo-Publikum für Sergei Tchobans Mission ab. Und sie sind bei weitem nicht die Einzigen an diesem Nachmittag. „Was ist das? Wie ist das gebaut? Und guck doch mal da!“ Immer häufiger kommen Gäste in die 1841 gegründete Pfefferberg-Brauerei, die im 20. Jahrhundert als Schokoladenfabrik und Bäckerei genutzt wurde, ehe sie 1991, nach dem Fall der Mauer, in ein Kunst- und Kulturzentrum umgebaut wurde.

Heute umfasst sie die Architekturgalerie Aedes, eine Kunstgalerie, Olafur Eliassons Atelier, ein paar Restaurants und Bars sowie eine Herberge. Sogar Ai Weiwei soll bereits Interesse an diesem Ort bekundet haben. Das Museum für Architekturzeichnung (Baukosten rund vier Millionen Euro) rundet das Repertoire perfekt ab. Und das trotz geringer Fläche von nicht einmal 100 Quadratmetern pro Stock.

Nicht nur die Tatsache, dass mit 2-D-Zeichnungen ein 3-D-Gebilde geschaffen wurde, auch die Bautechnik ist spannend. Vor dem Bau wurde die als Vorlage dienende Gonzaga-Zeichnung eingescannt, grafisch bearbeitet, mittels CNC-Fräse digital in MDF-Platten gefräst und anschließend mit Flüssigkunststoff ausgegossen. Am Ende wurden die gummiweichen Matrizen in die Betonschalung eingearbeitet. Das auf diese Weise entstandene Relief ist eine schöne Ergänzung zu den Altbauten der Brauerei. Da wie dort sind es die Fugen im Material, die das Haus haptisch angenehm erscheinen lassen: hier die jahrhundertealten Bleistiftstriche, dort die Mörtelfugen im gelb und rot gefärbten Backstein. Es ist der vielbeschworene Dialog zwischen Alt und Neu.

Schmerzhafter Museumsbesuch

Auch hier ist der Beton eingefärbt. Die Kolorierung ist der Versuch, dem Haus einen Hauch von altem Papier, von brüchigem, vergilbtem Pergament zu verleihen. „Wir haben viele Farbproben gemacht, bis wir den richtigen Ton gefunden haben“, erklärt Projektleiter Philipp Bauer von nps tchoban voss. Während das Moskauer Büro Speech Tchoban & Kuznetsov nämlich für den Entwurf verantwortlich zeichnet, hat sich die Berliner Dependance nps um die Detailplanung gekümmert. „Für den perfekten Vintage-Touch sorgen natürliche Farbpigmente und gemahlener Stein.“

Ähnlich wie in eine Architekturzeichnung, wie in ihre vielen Konturen und Flächen, kann man sich auch ins Museum hineinvertiefen. Und es wird nie langweilig. Im Foyer findet sich eine Variation der Relieffassade, diesmal in Form von händisch geschnitztem Nussfurnier. Mehrere Wochen dauerte die peinigende Millimeterarbeit, für die ein spanischer Künstler gewonnen werden konnte.

Immer wieder tauchen im kleinen Museumsturm Fragmente von Architekturzeichnungen auf, immer wieder freut sich das Auge über patiniertes Messing und dunkle, geräucherte Nuss, und immer wieder muss man sich durch eine der vielen kiloschweren, luftdichten Türen quälen, denn in die klimatisierten Ausstellungsräume darf weder Tageslicht gelangen noch allzu feuchte Luft. Der eigens von Tchoban entworfene Türgriff, ein riesiges, kantiges Etwas mit vertikalen Rillen wie in einem gebundenen Album dicker, historischer Architekturgrafiken, schneidet ordentlich in die Hand ein. Es tut fast weh. Tchoban, lapidar: „Gute Architektur sollte bei der Annäherung immer noch neue Facetten eröffnen. Da hat die Moderne einiges verlernt. Wir holen das nach.“

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag