nextroom.at

Artikel

16. Juni 2016 Neue Zürcher Zeitung

Ein Theaterhaus für Möbel

Das neue Schaudepot von Vitra

Es gibt sich betont bescheiden: das Schaudepot von Vitra in Weil am Rhein. Doch in seinem Inneren wartet eine der weltweit bedeutendsten Möbelsammlungen auf Liebhaber des modernen Designs.

Man darf sich im Wettbewerb um die Gunst der Öffentlichkeit nicht abhängen lassen. Das gilt auch für Museen. Wer aber die Publikumsresonanz erhöhen will, muss sich verändern. Überall folgen Museen dieser Notwendigkeit, vergrössern Ausstellungsflächen durch Anbauten oder bauen sich ein zweites Haus. In diesem Zusammenhang hat nun auch das Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein ein neues Konzept entwickelt, das eine «Öffnung des Sammlungsdepots und einen Blick hinter die Kulissen» verspricht. Sind Depots in der Regel nur einem kleinen Personenkreis zugänglich, so will das Vitra-Design-Museum nun seinem Publikum die Lagerbestände tagtäglich zugänglich machen. Hierfür liess die Möbelfirma auf ihrem Campus ein Schaudepot errichten. Die Bezeichnung sagt es deutlich, es handelt sich um Lagerraum und Schaufläche in einem.

Überzeitliche Formgestalt

Die einfache Gestalt des roten Giebelhauses verrät nichts darüber, dass die Möbelsammlung des Vitra-Design-Museums zu den weltweit grössten ihrer Art zählt. Sie lässt auch nicht ahnen, welch spannende Zeitreise durch die Stilgeschichte des Möbeldesigns von 1800 bis in die Gegenwart im Inneren des Gebäudes aufgerollt wird. Der Neubau, dessen schlichte Aussenhülle den Inhalt umso bedeutender erscheinen lässt, ist ein Werk der Basler Architekten Herzog & de Meuron, die bereits 2010 für den Möbelhersteller das extravagante Vitra-Haus erbauten.

Hinsichtlich Licht und Raumklima müssen Sammlungsdepots konservatorischen Ansprüchen gerecht werden. Diesem Zweck folgend, entwarfen Herzog & de Meuron einen fensterlosen, zehn Meter hohen Giebelbau aus Backstein. Die Wahl des Baustoffes stellt eine Verbindung her zur benachbarten Shedhalle und zum Fabrikgebäude von Alvaro Siza aus dem Jahre 1994. Vor allem aber bringt die das Schaudepot kennzeichnende Kombination von archaischer Form und Backsteinmauerwerk eine Zeitdimension des Bewahrens zum Ausdruck. Unübersehbar trotzt der Neubau architektonischem Überschwang, setzt einen Kontrapunkt zum gegenüberliegenden, expressiv-dynamischen Feuerwehrhaus, dem 1993 vollendeten Erstlingswerk von Zaha Hadid, und erinnert gleichzeitig an eine toskanische Scheune. Auch wenn der Ziegelbau laut Jacques Herzog in erster Linie eine starke physische Präsenz vermitteln soll, evoziert er zusammen mit dem Aussenraum eine mediterran anmutende Idylle – wobei der erhöhte Vorplatz zur kleinen Piazza wird.

Neugier wecken

Betritt man das Schaudepot, so befindet man sich in einer grossen, weissen Giebelhalle. Hier wechseln sich Einzelobjekte mit gleichmässig ausgeleuchteten Regalen ab, in denen rund 400 Schlüsselwerke des Möbeldesigns aufbewahrt werden. Karl Friedrich Schinkels gusseiserner Gartenstuhl von 1825 erzählt uns von der Freizeitkultur einer Epoche zwischen Aufbruch und politischer Restauration, und Josef Hoffmanns Sitzmaschine (1906) erinnert an den Ornament-Streit seiner Zeit. Vorbei an modernen Designklassikern – darunter seltene Entwürfe von Gerrit Rietveld und Alvar Aalto – gelangt man zu den farbenfrohen, zwanglose Lebenslust verströmenden Möbeln der 1960er Jahre und zu den Ikonen der Pop-Ära.

Mintgrün leuchtet das modulare Sitzmöbel «Additional System» von Joe Colombo und knallrot der auf Monroes verführerischen Kussmund anspielende Diwan «Marilyn Bocca» von Studio 65. Schliesslich entdeckt man auch Objekte aus dem 3-D-Drucker wie Joris Laarmans «Aluminium Gradient Chair» (2014). Dieser veranschaulicht, wie unaufhaltsam die technische Entwicklung im digitalen Zeitalter voranschreitet. Immer aber ist der phantasievolle Geist der Designer zu spüren, der sich über Stilkonventionen hinwegsetzt und Neues erfindet. Etwa in der zwischen den Regalen eingerichteten Wechselausstellung «Radical Design» mit Objekten von Superstudio, Piero Gilardi, Alessandro Mendini und Gaetano Pesce.

Ikonen und Alltagsdesign

Um die Trennung zwischen dichtem Lagern und optisch ansprechender Zurschaustellung durchlässig zu machen, schufen Herzog & de Meuron einen horizontalen Wandaufbruch, der eine Sichtverbindung zwischen der Haupthalle und dem Untergeschoss herstellt. Denn unten im Basement lagern auf verglasten Regalen weitere Kostbarkeiten aus der insgesamt siebentausend Objekte umfassenden Möbelsammlung, zu der noch rund tausend Leuchten kommen. Diese umfangreichen Bestände sind das Resultat der in den 1980er Jahren von Rolf Fehlbaum begonnenen Sammlungstätigkeit. Dabei dokumentieren Teile der Bestände auch die Entwicklung des Alltagsdesigns, das sich besonders in der Nachkriegszeit im Gleichschritt mit der modernen Industrieproduktion und der wirtschaftlichen Prosperität wandelte.

28. Mai 2016 Neue Zürcher Zeitung

Sie kämpfen für das Menschliche

Unter dem Motto «Reporting from the Front» fokussiert die 15. Architekturbiennale Venedig ein Bau-Denken für eine sozial gerechtere Gesellschaft und lebenswerte Zukunft.

Höher, grösser, teurer! Die Architektur ist auf steilem Wachstumspfad unterwegs und misst ihren Erfolg an beeindruckenden Panoramen, an Investitionssummen und bautechnischen Fortschritten. Dieser Tendenz setzt die 15. Architekturbiennale Venedig eine andere Perspektive entgegen. Im Blickfeld der weltweit...

15. Februar 2016 Neue Zürcher Zeitung

Wider die blanke Not

Kann Architektur angesichts der Flüchtlingskrise Integrationshilfe leisten, oder genügt den Heimatlosen ein Dach über dem Kopf? Die Debatte hat begonnen. Bereits entwerfen Architekten Unterkünfte.

Vor über fünfzig Jahren wurde er notiert, und noch heute klingt er hochaktuell: der von Sigfried Giedion in der Textsammlung «Architektur und Gemeinschaft» formulierte Satz: «Der Stand einer Kultur hängt davon ab, bis zu welchem Grad eine chaotische Masse in eine integrierte lebendige Gemeinschaft verwandelt...

30. November 2015 Neue Zürcher Zeitung

Deutschlands Beitrag «Making Heimat»

Die Ende Mai 2016 beginnenden Architekturbiennale von Venedig steht unter dem Motto «Reporting from the Front».

Die Ende Mai 2016 beginnenden Architekturbiennale von Venedig steht unter dem Motto «Reporting from the Front». Unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise wird der Deutsche Pavillon die vom Deutschen Architekturmuseum DAM in Frankfurt konzipierte Ausstellung «Making Heimat. Germany, Arrival Country» präsentieren....

17. November 2015 Neue Zürcher Zeitung

Realität und Mythos

Zum Abschluss seiner Reihe über baukünstlerische Kommunikationsmedien widmet sich das Schweizerische Architekturmuseum (SAM) in Basel der Bedeutung des Films für die Architekturvermittlung.

Weiss man mehr, oder hat man einfach nur sehr viel gesehen? – fragt man sich, während der Abspann des Filmes läuft. Auf 42 Minuten Filmlänge komprimiert die Collage «Schweizer Architektur im bewegten Bild» Ausschnitte aus 101 Dokumentarfilmen und Computeranimationen. Die Sujets spannen sich weit: Architekturgeschichte,...

12. November 2015 Neue Zürcher Zeitung

Ans Licht geholt

Die neu erschienene Publikation «Theoretikerinnen des Städtebaus. Texte und Projekte für die Stadt» umfasst reiches Quellenmaterial für Genderforschung, Architekturgeschichte und Urbanistik.

Die Skepsis früherer Generationen hinsichtlich der Eignung von Frauen für das Berufsbild Architektur und Städtebau ist legendär. Als die angehende Architektin Margarete Schütte-Lihotzky 1915 in Wien bei Oscar Strnad das Studium aufnahm, sah ihre Familie schwarz: «Niemand würde jemals eine Frau ein Haus...

24. September 2015 Neue Zürcher Zeitung

Eine sozial ausgerichtete Schau

Der 1967 in Santiago de Chile geborene Alejandro Aravena ist zum Direktor der Architekturbiennale 2016 von Venedig ernannt worden. Im Zentrum seiner Schau stehen menschenwürdige Behausungen.

Im Zentrum der von Alejandro Aravena organisierten 15. Architekturbiennale Venedig werden nicht spektakuläre Bauten stehen, sondern das menschenwürdige Wohnen. So lautet denn das von Aravena konfrontativ und prägnant formulierte Thema des am 28. Mai 2016 startenden Grossevents «Reporting from the Front»....

16. September 2015 Neue Zürcher Zeitung

Plattform über dem Bach

Die von Walter Pichler entworfene «Plattform über dem Bach» wurde im vergangenen Juni postum fertiggestellt. Sie ragt im Südtiroler Eggentalüber einen Bach und bildetmit Pichlers «Haus an der Schmiede» ein Ensemble.

Hier geht es nicht weiter! Die über den Bachlauf ragende, stützenlose Plattform scheint zu schweben, um dann abrupt in der Luft zu enden. Das andere Ufer ist nicht erreichbar. Welchen Sinn könnte eine derart ins Leere weisende «Brücke» haben? Die Plattform komplettiert seit Juni 2015 ein aus einer alten...

9. September 2015 Neue Zürcher Zeitung

Klingende Baukunst

Basel feiert Architektur und neue Musik

Im Rahmen der Basler „Biennale für Neue Musik und Architektur“ inszenieren Graber Steiger Architekten im Schweizerischen Architekturmuseum (SAM) die Klangwelten des Komponisten Peter Ablinger.

Viel zu selten thematisieren Architektur und Stadtplanung die tägliche Beschallung und Akustik im Stadtraum. Das will die Ausstellung «Der Klang der Architektur» im Schweizerischen Architekturmuseum Basel (SAM) nachholen. Hierzu haben die Architekten Niklaus Graber und Christoph Steiger tönende «Versuchsanlagen» des Komponisten und Künstlers Peter Ablinger architektonisch umgesetzt. Sie verengten den Ausstellungsraum auf einen schallgedämpften Korridor, an dessen Ende von draussen eindringender Strassenlärm den Gehörsinn reizt und die Stille in körperlich gefühlte Unruhe transformiert. Die Schau begleitet das erste Festival «ZeitRäume Basel – Biennale für Neue Musik und Architektur». Sein Initiator Bernhard Günther wählte in Basel zwanzig ungewöhnliche Orte für unerwartete Hörerlebnisse aus. Phantasievoll aus Standard-Bauteilen geformt, zeigt sich das Symbol des Festivals: ein von den Basler HHF Architekten aus Bambusrohren gestalteter, von Stahlgerüsten überspannter Pavillon an der Mittleren Rheinbrücke.

22. August 2015 Neue Zürcher Zeitung

Bändigung des Sammelspleens

Eine von Martino Gamper im Museion Bozen eingerichtete Ausstellung widmet sich dem Regal. Beleuchtet wird dabei die konstruktive Wechselwirkung zwischen Sammeln und schöpferischem Gestalten.

Der Impuls, Gegenstände aufzubewahren, die eine emotionale Bedeutung haben, animiert uns dazu, persönliche Sammlungen zusammenzustellen und zu erweitern. Das kann systematisch erfolgen, aber auch zufallsbestimmt, und kann, wenn die Sammellust überhandnimmt, zu einer chaotischen Anhäufung von Objekten...

10. August 2015 Neue Zürcher Zeitung

Neues Leben im «spinnerten Dorf»

Welche Bedeutung Städte dem denkmalgeschützten Erbe der Moderne zumessen, zeigt sich an Sorgfalt und Aufwand von Sanierungsmassnahmen. Das zeigt die Restaurierung der Werkbundsiedlung in Wien.

Die schönste «Privatarbeit», die sie während der Frankfurter Jahre im städtischen Hochbauamt von Ernst May durchgeführt habe, sei ihr Entwurf von zwei Wohnhäusern für die Internationale Werkbundsiedlung in ihrer Heimatstadt Wien gewesen, erinnerte sich die österreichische Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky...

16. Juli 2015 Neue Zürcher Zeitung

Schlicht oder kunstvoll

In den Giardini überrascht die Kunstbiennale 2015 mit architektonischen Arbeiten. Heimo Zobering transformierte den österreichischen Pavillon, und Australien tritt mit einem schwarzen Neubau auf.

Obwohl dieses Jahr in Venedig die Kunstbiennale stattfindet, könnte man in den Giardini glauben, die Architekturbiennale 2016 habe bereits begonnen. So verzichtete Heimo Zobernig im österreichischen Pavillon auf die Präsentation seiner Kunst und änderte stattdessen die Architektur des nach Plänen von...

4. Juni 2015 Neue Zürcher Zeitung

Architektur der Differenz

Das Schweizerischen Architekturmuseum Basel (SAM) würdigt das Werk des 1944 in Lausanne geborenen Bernard Tschumi. Zu sehen sind Werke vom Parc de la Villette in Paris bis zum Athener Akropolismuseum.

Erstmals in der Schweiz würdigt eine Ausstellung das Schaffen des 1944 in Lausanne geborenen, in New York und Paris tätigen Architekten Bernard Tschumi. Zu sehen ist die vom Pariser Centre Pompidou übernommene Retrospektive in redimensionierter Form im Schweizerischen Architekturmuseum Basel (SAM). Schriften,...

16. Mai 2015 Neue Zürcher Zeitung

Hightech-Bienenstock und Solar-Bäume

Das Expo-Thema «Den Planeten ernähren» legte es nahe, den Entwurf der Expo-Bauten am Leitgedanken umweltschonender und nachhaltiger Architektur auszurichten. Bei den 54 Nationenpavillons gelang dies in unterschiedlichem Masse.

Sie will bescheiden auftreten. Deshalb findet die Expo 2015 in Mailand auf einer kleineren Fläche statt als die Weltausstellung von 2010 in Schanghai. Spektakuläre Grossbauten wie den chinesischen Nationalpavillon, der in Schanghai als 69 Meter hohe «Oriental Crown» leuchtete, gibt es in Mailand nicht....

7. Mai 2015 Neue Zürcher Zeitung

Ein Vorzeigequartier

Das 2002 von Herzog & de Meuron erarbeitete Stadtentwicklungsprojekt «Dreispitz» nimmt Form an. Neben einem Schulhausbau von Morger & Dettli beeindurckt das Helsinki-Haus von Herzog & de Meuron.

Was ist aus den Planungsideen für das Basler Stadtentwicklungsprojekt Dreispitz geworden? Die 2002 im Auftrag der Christoph-Merian-Stiftung, der Besitzerin des Areals, von Herzog & de Meuron erarbeitete «Vision Dreispitz» sah den sanften Umbau des 50 Hektaren grossen Industriegebiets in ein Stadtquartier...

30. April 2015 Neue Zürcher Zeitung

Zeichen und Wunder

An der Expo 2015, die am 1. Mai am nordwestlichen Stadtrand von Mailand eröffnet wird, beteiligen sich 145 Nationen. Einige davon haben mehr oder weniger attraktive Pavillons errichtet. Diese dürften die Besucher ebenso interessieren wie das Ausstellungsthema «Den Planeten ernähren».

Es ist so weit! Morgen, am 1. Mai, bricht für die Expo-Stadt Mailand der Tag der Wahrheit an. Dann wird sich entscheiden, ob Italien doch noch aufatmen kann. Selbst Optimisten plagen Zweifel, ob es entgegen all den negativen Prognosen gelingen könne, im Lichte der Weltöffentlichkeit gut dazustehen. Denn...

8. April 2015 Neue Zürcher Zeitung

Körperbemalung und Web-Identität

Die Ausstellung «Making Africa» im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein zeigt experimentelle Arbeiten von über 120 Designern, Kunsthandwerkern und Architekten. Gleichzeitig stellt sie die These auf, dass Lösungen für Designprobleme der Zukunft in Afrika zu finden sind.

«Die Zukunft gehört Afrika!», verkündet die Ausstellung «Making Africa – A Continent of Contemporary Design» im Vitra-Design-Museum. Dazu passt die aufs Cover des Programmheftes gesetzte, grün eingefärbte Fotografie des kenyanischen Designers Cyrus Kabiru, der mit einer seiner schrillen Brillen auf der...

12. März 2015 Neue Zürcher Zeitung

Athen als urbanes «Testfeld»

Unter der Krise leiden in Griechenland auch die Architekten. Statt zu bauen entwirft Aristide Antonas unkonventionelle Visionen für Athen, wie eine Ausstellung im Architekturmuseum Basel zeigt.

Ein «Haus des Nichtstuns» auf einer einsamen Insel und die Konfrontation mit der «Leere» schlägt der 1963 geborene griechische Architekt und Philosoph Aristide Antonas als Rückzugsort in krisenhaften Zeiten vor. Die Idee hierfür bezieht er aus dem Endzeitdenken des Philosophen Slavoj Žižek. Auszüge aus...

6. März 2015 Neue Zürcher Zeitung

Glückliche Tüftler

Im kalifornischen Mountain View sollen der dänische Shootingstar Bjarke Ingels und der Exzentriker Thomas Heatherwick den neuen Sitz des US-Internetkonzerns Google realisieren.

Nicht einem renommierten Altstar der internationalen Architektenriege, sondern den beiden «Klassenbesten» («the two best in class») der jüngeren Architektengeneration vertraute der US-Internetkonzern Google die ambitiöse Aufgabe an, einen futuristischen Google-Campus am Hauptsitz des Unternehmens im...

29. Januar 2015 Neue Zürcher Zeitung

«Città della Scienza» für Rom

Gemeinhin verbindet sich mit einem Museumsneubau, der auf einem Areal stillgelegter Nutzbauten hochgezogen wird, die Erwartung, dass er sich positiv auf die Umgebung auswirkt. Dies geschieht – zeitlich etwas verzögert – nun auch in der italienischen Hauptstadt.

Gemeinhin verbindet sich mit einem Museumsneubau, der auf einem Areal stillgelegter Nutzbauten hochgezogen wird, die Erwartung, dass er sich positiv auf die Umgebung auswirkt. Dies geschieht – zeitlich etwas verzögert – nun auch in der italienischen Hauptstadt. Fünf Jahre nach Eröffnung des von Zaha...

3. Dezember 2014 Neue Zürcher Zeitung

Baukunst im Kreuzfeuer

Zur Auseinandersetzung mit der gebauten Lebenswelt ist Architekturkritik ein wichtiges Instrument. Nun widmet das Schweizerische Architekturmuseum (SAM) in Basel der Rolle, Form und Wirkung von Architekturkritik eine ebenso sehenswerte wie lesenswerte Ausstellung.

Wozu dient Architekturkritik? Wie prägte sie in der Vergangenheit die Debattenkultur? Welchem Wandel ist sie im digitalen Zeitalter unterworfen, und hat sie in gedruckter Form noch Zukunft? Das sind Fragen, die sich nicht leicht beantworten lassen. Umso verdienstvoller ist es, dass das Schweizerische...

27. Oktober 2014 Neue Zürcher Zeitung

Kultur und Stadtentwicklung

Mit städtebaulichen Initiativen will Johannesburg in kulturellen Strukturen gründende öffentliche Räume schaffen. Doch das Erbe und die Siedlungspolitik der Rassentrennung wiegen schwer, und noch immer gibt es trennende Mauern.

Lost in Johannesburg? Die Gefahr, sich in der südafrikanischen Metropole zu verlaufen, besteht kaum. Sicherheitshinweise hemmen die Lust, aufs Geratewohl loszugehen. Zwar hat die Fussball-WM 2010 zu einem Rückgang der Kriminalität beigetragen, aber die in Johannesburg und anderen Städten alltäglich begangenen...

6. Oktober 2014 Neue Zürcher Zeitung

Wellenspiel der Formen

Dem finnischen Architekten Alvar Aalto (1898–1976) widmet das Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein eine Retrospektive mit dem Titel «Second Nature». Sie forscht nach den Ursprüngen des architektonischen und gestalterischen Schaffens des grossen Baukünstlers.

Nein, Alvar Aalto (1898–1976) griff nicht nach den Sternen, dazu war er viel zu wirklichkeitsnah. Aber der grosse finnische Architekt streckte die Hand nach Naturschönem aus, berührte Blätter und Blüten. Das zeigt ein Fotoporträt des «Magus des Nordens» (Sigfried Giedion) im Garten seines eigenen, von...

2. Oktober 2014 Neue Zürcher Zeitung

Architektur am Oberrhein

«Tausend und eine Farbe der Architektur»

Mit dem Titel «Tausend und eine Farbe der Architektur» stellen die Organisatoren der trinationalen Architekturtage am Oberrhein das Thema Farbgestaltung von Bauten ins Zentrum.

Die 14. Ausgabe der trinationalen Architekturtage am Oberrhein bekennt Farbe. Mit dem Titel «Tausend und eine Farbe der Architektur» stellen die Organisatoren das Thema Farbgestaltung von Bauten ins Zentrum des Veranstaltungs- und Ausstellungsprogramms. Vom 24. September bis 31. Oktober tourt eine Wanderausstellung, die am Beispiel von 32 Projekten die lichtvolle Palette von Farbtönungen für bauliche Volumen und die Einheit von Farbe und Raum aufzeigt, durch Städte rechts und links des Oberrheins. Offiziell eröffnet werden die Architekturtage am 3. Oktober in Strassburg mit einem Vortrag des Pritzkerpreisträgers Glenn Murcutt, der sich für ökologische Häuser mit geringen Nebenwirkungen auf die Umwelt starkmacht. In Basel finden vom 20. bis 24. Oktober Mittagsführungen unter anderem mit Gottfried Boehm statt.

25. September 2014 Neue Zürcher Zeitung

Für soziales und ökologisches Design

Die Gruppe Global Tools

Vor 40 Jahren wandte sich die Gruppe Global Tools wie einst die Arts-and-Crafts-Bewegung der alternativen Gestaltung zu. Sie legte damit die Basis für das radikale Design von Studio Alchimia.

«Global Tools» klingt nach einem IT-Produkt unserer digital beschleunigten Gegenwart, war aber ein im vordigitalen Zeitalter formuliertes Netzwerk kreativer Gestalter, die in Opposition zur funktionalen Formgebung standen. Im Sommer 1974 zirkulierte das Programm der Gruppe erstmals in gedruckter Form. Im Zentrum von «Global Tools No 1» standen alternatives Lebensgefühl, Utopien und Kapitalismuskritik. Die sechs Schlüsselkategorien der «Constituzione» (Verfassung) von Global Tools lauteten: Aktivität, Körperlichkeit, Konstruktion, Kommunikation, Überleben, Theorie. Auf sie verpflichteten sich die Protagonisten der Architettura radicale, die in den 1960er Jahren in Florenz ihren Ausgangspunkt genommen hatte. Auf dem Cover der ersten Ausgabe (Juni 1974) wurde die Schlagkraft durch einen Hammer symbolisiert, mit dem die konventionelle Entwurfspraxis in Architektur und Design zertrümmert werden sollte. Gegründet worden war die Gruppe Global Tools bereits ein Jahr zuvor, am 12. Januar 1973, in den Redaktionsräumen der von Alessandro Mendini geleiteten Architekturzeitschrift «Casabella». Es muss damals laut zugegangen sein, denn zu den 31 Gründungsmitgliedern zählten hinsichtlich ihres Raumdenkens und ihres Ausdrucks unterschiedlich ausgerichtete Architekten und Designer: Einzelkämpfer wie Lapo Binazzi, Remo Buti, Riccardo Dalisi, Ugo La Pietra, Gaetano Pesce, Gianni Pettena und Ettore Sottsass, aber auch Gruppen wie Archizoom, 9999, Superstudio, UFO und Zziggurat.

Nachhaltiges Design

Blendet man in die 1960er Jahre und in die Blütezeit der Architettura radicale zurück, so sieht man, dass die Dialektik zwischen Destruktion und Transformation von Bauten in Nonstop-Bewegung (Superstudio, Il monumento continuo, 1969) Dreh- und Angelpunkt einer visionären Formensprache bildete. Die Gruppe Zziggurat entwarf 1970 total vernetzte urbane Strukturen, Archizoom forderte, «das Haus zu leeren», um die behauste Welt von Grund auf zu verändern, und die Collagen der Gruppe 9999, deren Bildmotive ins All vorstiessen, entzogen sich der Bodenhaftung.

Mit Global Tools vollzog sich ein Übergang der von utopischen Impulsen geprägten Architettura radicale zum Versuch, hochfliegende Visionen zu institutionalisieren und zu verschulen. Geplant waren Seminare und Labors die u. a. die Wirkung von Materialien und Formgebung auf das menschliche Verhalten untersuchen und die Kreativität auf dem Gebiet des nachhaltigen Designs anregen sollten. Auch die Wiederentdeckung von Fertigkeiten, die sich der industriellen Produktion und der damit einhergehenden Verkümmerung handwerklicher Fähigkeiten entgegenstellten, stand auf dem Programm: Stricken, Weben, Knüpfen, Nähen, wobei das Modedesign von Global Tools verblüffend einfache Schnitte vorsah, so wie es Archizoom im Film «Vestirsi è facile» (1972) propagiert hatte.

Survival ist einer der Schlüsselbegriffe der Verfassung von Global Tools. Die Aufnahme der Überlebensfrage in den Lehrstoff reflektierte ein jähes Erwachen aus ideologisch verankerten, die gesellschaftliche Veränderung betreffenden Dogmen wie auch ein Ende der sinnenfreudigen Unbekümmertheit der Swinging Sixties. Schockartig hatten 1973 die vom Club of Rome aufgezeigten «Grenzen des Wachstums» weltweit ein Bewusstsein für die Verknappung der Rohstoffe geweckt. Die Folgen der Industrialisierung für Natur und Umwelt wurden deutlich. Der vom kapitalistischen Gewinnstreben forcierten Ausbeutung des Planeten setzten die Global-Tools-Netzwerker eine umweltbewusste, zwischen der Nutzung des technischen Fortschritts (in Form neuer Medien) und dem Rückgriff auf Handwerkskunst changierende Haltung entgegen. Widersprüche belebten und bremsten zugleich den Elan von Global Tools. Kurz nur entfaltete sich der Tatendrang des Kollektivs. Ein weit gestecktes, aufwendig zu organisierendes pädagogisches Programm hatte zur Folge, dass lediglich ein Seminar (zum Thema «Körper») zustande kam. 1975 trennten sich die Wege der Global-Tools-Kombattanten.

Win-win-Strategie

Nachdem bereits einige der Global-Tools-Netzwerker als Erfinder von Design-Klassikern wie dem Sofa «Super-Onda» (Archizoom, 1967), der «Dollar-Lampe» (UFO, 1969) oder den «Istogrammi»-Möbeln in neutralem Quadratmuster (Superstudio, 1969/70) Weltruhm erlangt hatten, starteten die Global-Tools-Mitbegründer Ettore Sottsass, Alessandro Mendini und Andrea Branzi (Archizoom) 1976 mit dem Studio Alchimia ein Labor für experimentelles Design, das das industriell-rationale Streben nach «Nützlichkeit» überwand. Dem Studio Alchimia gelang es nach dem Scheitern von Global Tools mit einer Win-win-Strategie, dem alternativen, handwerklich beseelten Design Raum zu verschaffen.