Artikel
Suburbane Atmosphäre
Ein neuer Park in Genf
Auf dem Areal des ehemaligen Fussballstadions Charmilles konnte jüngst der Parc Hentsch von Hüsler & Associés eröffnet werden. Trotz zentrumsnaher Lage eignet der Anlage leider etwas Suburbanes.
Historische Parkanlagen mit reichen Pflanzenschätzen sind der Stolz von Genf. Aber dort, wo neue Grünräume entstehen, ist das Resultat kaum besser als in Zürich – der Stadt der modisch kargen Parks. Immerhin kann die vor zehn Jahren vollendete Überdachung der Gleise im Quartier Saint-Jean mit einem stimmungsvollen Wechsel von hölzernen Kulturpavillons und wildem Buschwerk aufwarten. Westlich davon wurde jüngst gegenüber dem romantischen Châtelaine-Friedhof ein drei Hektaren grosser, nach der Stifterfamilie Hentsch benannter Park eingeweiht. Er ist das Herz eines neuen Wohngevierts auf dem Areal des ehemaligen Fussballstadions Charmilles und einiger stadtseitig anschliessender Fabriken. Erinnern an das Stadion nur noch Rasenflächen und ein an der Stelle der Nordtribüne aufgeschütteter terrassierter Hang, so wurden die klassisch moderne Tavaro-Fabrik und der elegante Elna-Sitz restauriert, die Produktionshallen aufgestockt, in Lofts umgewandelt und erweitert. Damit wäre eigentlich genug Substanz vorhanden, um den beiden anonym wirkenden, aber dank sorgfältigen Grundrissen und Loggien nicht unattraktiven Wohnscheiben von Dahl Rocha und von Ris Chabloz Halt zu bieten. Doch die kahlen Rasenflächen zwischen den Bauten verleihen dem Ensemble trotz seiner zentrumsnahen Lage etwas Suburbanes. Dabei hätten die Landschaftsarchitekten von Hüsler & Associés mit mehr Bäumen und einer echten Wasserfläche statt der Springbrunnen-Treppe dem Parc Hentsch leicht eine städtische, dem Quartier entsprechende Note geben können.
Bauen in Zeiten der Diktatur
Barcelonas klassische Moderne
Barcelona bewundert man für seine Meisterwerke der Gotik, des Jugendstils und der Gegenwart. Doch in den schwierigen Jahren von Bürgerkrieg und Diktatur sind Juwelen der modernen Baukunst entstanden.
In Carles Portas brandneuem Endzeitfilm «Segon origen» liegt Barcelona in Trümmern. Ein Bild, das schmerzt, denn kaum eine andere Stadt darf sich mit mehr Recht rühmen, ein Freilichtmuseum zu sein. Architekturausstellungen finden hier aber nur noch selten statt, seit das unweit der Kathedrale in einem 1962 vollendeten Hochhaus residierende Col.legi d'Arquitectes seine Aktivitäten reduziert hat. Wer mehr über das von Picasso dekorierte Gebäude wissen möchte, findet Antwort in der Galerie von Roca, dem katalanischen Spitzenproduzenten von Sanitärkeramik. In dem 2009 von Carlos Ferrater errichteten Glasschrein am vornehmen Carrer Joan Güell werden unter dem Titel «Modernitats. Arquitectura a Barcelona 1924–1975» insgesamt 26 Hauptwerke der Barceloner Moderne anhand von Fotos, Modellen und Plänen vorgestellt und in den historischen Kontext von der Diktatur Primo de Riveras bis zum Ende des Franco-Regimes eingebettet. Sechs dieser Bauten sind in einer kleinen Gratispublikation dokumentiert. Sie und die Schau verdeutlichen, dass Grosses auch unter schwierigen Verhältnissen entstehen kann.