Wie das Podersdorfer Strandbad zu seinem Leuchtturm kam
In Podersdorf fühlt man sich fast wie am Meer: Dafür sorgt auch der rot-weiß-rote Leuchtturm. Wie kam es dazu?
Auf einer Insel mitten im Atlantik einen Leuchtturm vorzufinden, wird niemanden überraschen können, und sei es auch nur als Zimmerschmuck. Erstaunlich freilich, wenn es ein Leuchtturm ist, der eigentlich ins binnenländischste Mitteleuropa ressortiert. Doch da, vor mir, in einem Wohnzimmer auf der Azoreninsel Flores, hängt diese großformatige Fotografie an der Wand: eine Fotografie des Leuchtturms von Podersdorf. Die Heimat hat den Reisenden unvermittelt eingeholt.
Ja, der Leuchtturm von Podersdorf ist überall: nicht nur als omnipräsentes Werbemittel burgenländischer Selbstvermarktung, sondern als gleichsam globalisierte Chiffre für Fernwehsehnsüchte aller Art, präsent bis in die Auswahl jener Sujets, die Windows auf die Sperrbildschirme seiner Nutzer zaubert. Die heimische Post hat ihn mit einer Sondermarke geehrt. Und selbstverständlich ist er schon unter „Neun Plätzen – neun Schätzen“ zur ORF-Wahl des „schönsten Platzes Österreichs“ gestanden.
Nüchtern betrachtet ein Affront: In einem Umfeld sehenswürdigster Sehenswürdigkeiten, erhabener Gemäuer, spektakulärer Naturformationen, muss der Leuchtturm von Podersdorf, für sich genommen, zweifellos belanglos scheinen. Eine biedere Stahlkonstruktion, keine 30 Jahre alt und gerade einmal zwölf Meter hoch, oben eine bekrönende Laterne, das Ganze weiß und rot eingestrichen – Sensationen sehen anders aus. Dazu passt, dass das vergleichsweise Aufregendste daran unsichtbar unter der Wasserlinie liegt: die Fundamentierung. Die nämlich sei ungeheuer aufwendig gewesen, erzählt Sepp Kratochwill: „Bis Sie in diesem schlammigen Seeboden festen Grund finden, da müssen Sie tief graben. Da ist einiges an Beton versenkt worden.“
Das „Meer der Wiener“
Sepp Kratochwill muss es wissen: Schließlich firmiert der gelernte Landschaftsplaner, Jahrgang 1942, als Hauptverantwortlicher dafür, dass der Neusiedler See seit 1998 einen Leuchtturm hat. Als hätte er dem Tourismus-Werbespruch vom „Meer der Wiener“, aus den 1920ern datierend, mit einiger Verzögerung doch noch optische Legitimation verschaffen wollen. Doch wie erfindet man ein Wahrzeichen von quasi transnationaler Tragfähigkeit?
Alles fängt Mitte der 1990er an: mit Planungen für die Neugestaltung des Podersdorfer Strandbades. Sepp Kratochwill hat sich zu diesem Zeitpunkt unter anderem mit Arbeiten in Mörbisch einiges an Neusiedler-See-Expertise angeeignet – und wird prompt vom Südwestufer des Sees an die zentrale Gemeinde des Ostufers weiterempfohlen. Hier genießt man die Fortüne, dass der Ort tatsächlich direkt am See liegt – ohne kilometerbreiten Schilfstreifen, wie er alle anderen Anraineransiedlungen vom See trennt. Zudem ist der dazugehörige Strandbereich komfortable zwei Kilometer lang. Allerdings präsentiert er sich in Kratochwills Erinnerung als „Gstätten“ fern jeder Attraktivität, geschweige denn ernsthaft touristischer Verwertbarkeit: „Ich hab mir das gemeinsam mit dem Bürgermeister angeschaut und vorgeschlagen, vor jeder genaueren Planung in einem Masterplan zu klären, wo welche Nutzungsbereiche anzusiedeln sind.“
Kratochwill klärt. Und schon in diesem allerersten Ordnungsansatz gibt es einen unverzichtbaren Bestandteil: den Leuchtturm. „Ich wollte eine Landmark setzen, die man von weit her sieht, die ein Markenzeichen des Ortes werden kann“, so Kratochwill heute. Nun ist die Errichtung von Sturmwarnleuchten rund um den Neusiedler See lang geübte Praxis, mit dem Erscheinungsbild eines Leuchtturms freilich haben die dazugehörigen Metallgestänge rein gar nichts zu tun. Ein Leuchtturm für Podersdorf, das ist Mitte der 1990er ein Vorschlag, der gängige Vorstellungskraft überfordert: etwa so exotisch, als wollte jemand auf Wiens Laurenzerberg ein Gipfelkreuz errichten.
Der Leuchtturm stößt auf Irritation
Es geschieht, was geschehen muss: Der Leuchtturm stößt auf Irritation. „Ich hab den Masterplan im Gemeinderat vorgestellt“, erinnert sich Kratochwill, „die Teilung in einen Süd- und einen Nordstrand mit den jeweiligen Nutzungen, die Mole, die weit in den See hinausführt, und dann eben, zum großen Finale, den Leuchtturm.“ Die Reaktion: „Helles Gelächter rundum.“ Nur der Bürgermeister habe die Dinge anders gesehen: „Der ist aufgestanden und hat gesagt: ,Ihr seids lauter Trotteln. Und ich sag euch was: Der Leuchtturm, der kommt, der wird was.‘“
Es wird noch Jahre dauern, bis aus dem Masterplan eine Ausführungsplanung geworden ist, bis Podersdorf endlich das erhält, was heute so selbstverständlich, als wär’s immer dagewesen, westlich des Orts im Neusiedler-See-Wasser steht. Die konkrete Ausgestaltung des Turms bleibt dabei von allem Anfang an Nebensache. Eigentlich habe er jenen Leuchtturm verwenden wollen, bekennt Sepp Kratochwill, der sich heute auf der Donauinsel befindet, seinerseits ausgedienter Kulissenteil der Bregenzer Festspiele. Doch der sei schon allein aufgrund der Transportkosten nicht zur Verfügung gestanden, und so habe er einen Mitarbeiter gebeten, einfach einen Leuchtturm zu zeichnen, den man möglichst auf Anhieb als Leuchtturm identifiziert: „Das genaue Aussehen war mir nicht so wichtig, nur die Signalwirkung.“
Tatsächlich folgt der Turm bis in die rot-weiße Färbelung einem quasi archetypischen Kanon: ein Leuchtturm wie aus dem Bilderbuch. Was seiner Funktion keinen Abbruch tut: Neben der gelben Sturmwarnleuchte ist in der bekrönenden Laterne ein weißes Positionslicht untergebracht, das Wassersportlern aller Art nächtens Orientierung gewährleistet.
Idealer Blickwinkel auf den Turm
Wobei ein Gutteil seiner Wirkung ohnehin nicht allein seiner Gestaltung zuzuschreiben ist, vielmehr auch seiner Positionierung im Raum: Kratochwill hat ihn nicht an die Spitze jener Mole platziert, die sich in Verlängerung der Hauptachse des Ortes geradewegs in den See streckt, vielmehr auf einem Steg, der links von dieser Spitze abzweigt. Das Ergebnis: ideale Blickwinkel auf den Turm und den See dahinter. Ein Kniff, purer Funktion geschuldet, so Kratochwill: „Für die Ausflugsschiffe und die Seefähren war ein sicherer Platz zum Anlegen gefragt. So ist dieses Eck entstanden mit den Anlegestellen dahinter.“ Und gleich daneben: die „Sunset Bar“, die schon in ihrem heutigen Namen einer weiteren Gunst der Lage Rechnung trägt – Abend für Abend freier Blick in den Sonnenuntergang mit Leuchtturm im Vordergrund. „Die Bar, die hätten wir größer anlegen müssen“, weiß Kratochwill heute. Ein Versäumnis als Nachweis des Erfolgs.
Manches an seiner Podersdorfer Strandband-Planung hat im Lauf der Jahre und Jahrzehnte und angesichts neuer Nutzungserfordernisse Änderungen erfahren. Die Grundkonzeption allerdings hat sich als erstaunlich haltbar erwiesen. Und da und dort kann man noch immer an Bänken, Liegen, Leuchten der Erstausstattung studieren, was handwerklich solides, pflegefreundliches und gleichermaßen ansprechend anzusehendes Freibadmobiliar sein kann.
Der Leuchtturm jedenfalls, der ist längst aller Veränderungsanfechtungen enthoben: ein Denkmal seiner selbst, geboren aus dem Zauber, wie ihn uns nur die Erfüllung unserer Träume schafft.