Warum faszinieren uns diese öden Räume des Alltags so?
Vergilbte Tapeten, undefinierbarer Teppichboden, an der Decke Neonquadrate. Ausgerechnet diese öde Alltagswelt wurde erst zu einem Internet-Phänomen und nun zu einem Hollywood-Blockbuster.
Im Jahr 2019 tauchte das Foto eines ausgeräumten Möbelhauses in einem Diskussionsforum auf, völlig banal, aber eigenartig beunruhigend. Als in der Pandemie die Zeit still stand, reichte das, um die Fantasie der User zu befeuern. Bald füllten Fotos dunkler Hotelflure, verlassener Büros oder leerer Treppenhäuser das Forum: Liminal Spaces werden diese Räume genannt, Orte des Transits ohne eigenen Charakter, verstörend gerade wegen ihrer Allgegenwart in unserer hässlichen Alltagswelt. Rasch entstand dafür der Begriff „Backrooms“.
Der junge Autor Chris Frewerd verglich sie mit den leeren Spielbereichen in veralteten Einkaufszentren oder mit der heruntergekommenen Bibliothek seiner Heimatstadt in Kansas: Die Orte zwischen alt und neu evozieren vage Erinnerungen, fühlen sich gleichzeitig vertraut und unangenehm an – und inspirierten ihn zu einer Horror-Kurzgeschichte.
In der Netzwelt heißen solche Stories „Creepypasta“, von creepy (gruselig) und copy/paste – User kopieren und verbreiten die Texte vielfach, auch die Backrooms wurden schnell Schauplatz. Ideal passen sie natürlich in die Videogames-Welt, weit über 200 Spiele gibt es allein auf Steam, der bekanntesten Plattform – ein paar Klicks, und schon läuft man selbst durch eintönig gelbe Raumfluchten mit brummenden Leuchtstoffröhren, den muffigen Geruch von nassem Teppich in der Nase. Eine Online-Urban-Legend war entstanden, gespeist aus der Idee, durch einen „Glitch“ (eine Art Fehler in der Matrix) plötzlich in einer so bedrohlichen wie langweiligen Albtraumwelt zu landen.
Mit wackeliger Handkamera
Meist bleiben Internet-Moden im virtuellen Raum. 2022 begann aber Kane Parsons – Gen Z, Wuschelkopf, geboren 2005, online bekannt unter Kane Pixels – aus den Backroom-Motiven kleine Videos zu drehen, scheinbar improvisiert gefilmt mit wackeliger Handkamera. Schon der Film „Blair Witch Project“ hat 1999 diesen „Found-Footage-Stil“ populär gemacht, mit der Ich-Perspektive wird man unmittelbar selbst Teil des Geschehens; damit schafften vorher unbekannte Filmstudenten mit einer Billigproduktion einen Überraschungserfolg und haben eine Viertelmilliarde USD eingespielt.
Die Strukturen der Filmchen erzeugt Parsons mit der Software „Blender“, und seine überzeugend real wirkenden Backrooms wurden zum Hype. Dabei war Parsons nicht ganz ahnungslos: Sein Vater war Videospiel-Entwickler, seinen ersten YouTube-Kanal erstellte er als Zehnjähriger, seine ersten Filme mit vierzehn. 2022 startete er seine Serie auf YouTube mit dem Titel „The Backrooms (Found Footage)“. Eine altmodische VHS-Handkamera beobachtet einige Jugendliche beim Dreh eines Spaßvideos, bis der nicht sichtbare Kameramann plötzlich durch den Boden in die Backrooms stürzt und die nächsten neun Minuten panisch durch verlassene, fensterlose Büroetagen mit verwirrendem Grundriss irrt.
Dabei zitiert Parsons auch einen echten Ort, der sich perfekt in die unerträglichen Raumfluchten einfügt: den beklemmenden Innenhof des Crowne Plaza Hotels in London Heathrow mit seinen völlig reduzierten Rasterfassaden über sechs Stockwerke, überspannt von einer kahlen Betondecke. Zum Ende von Parsons Video verdichten sich die undefinierbaren Geräusche und Bewegungen zu einem Horrorwesen; auf der Flucht stürzt der weiterhin nicht sichtbare Protagonist aus den Backrooms zurück in die echte Welt – leider aus einigen Kilometern Höhe …
Kostenlose Flächen aus dem Nichts
Nach dem Erfolg des ersten Filmchens entwickelte Parsons eine Geschichte, erklärte die sich ausdehnenden Räume mit der Erfindung einer Firma, die kostenlose Flächen aus dem Nichts erzeugt und damit alle Wohnungs- und Lagerprobleme lösen möchte: der Traum jedes Stadtplaners.
Das geht allerdings schief und wird zur Bedrohung, immer mehr Menschen verschwinden spurlos. Während Wissenschaftler der Firma versuchen, die wuchernden Flächen zu bändigen, stolpern zufällig hineingeratene Opfer darin umher.
Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner hat die Backrooms mit „Hotel“ vorweggenommen. In diesem Psychothriller von 2004 heuert eine junge Frau als Rezeptionistin eines abgelegenen Hotels an und stößt bei den Kollegen auf distanzierte Feindseligkeit; alles sieht provinziell-normal aus, alles ist von Unbehagen durchdrungen: ein Horrorfilm ohne Horrorszenen, die Erwartung verunsichert ausreichend.
Auch die Kurzfilme von Parsons spielen mit diesen Effekten. Und das überaus erfolgreich: Millionen Aufrufe machten seine Creepypasta-Verfilmung zu einem viralen Phänomen, dann wurde Hollywood aufmerksam. Man bot dem nun 21-jährigen Jungregisseur an, seine Ideen für die Leinwand umzusetzen. Um gerade einmal zehn Millionen US-Dollar entstand die Story um einen gescheiterten Architekten, der von seiner Frau hinausgeworfen wird und in seinem Möbelgeschäft schlafen muss.
Das abgerissene Elternhaus
Im Keller gerät er zufällig in die Backrooms, deren verschobene Optik sich als Spiegel seiner Erinnerungen darstellen: die endlos sich wiederholenden Szenarien eines banalen Lebens. Seine Filmpartnerin ist Psychologin, in Rückblenden erfährt man von ihrer Entwurzelung durch das abgerissene Elternhaus. Gemeinsam verlieren sie sich in den ortlosen Räumen, die ununterbrochen mutieren; deformierte Einrichtungsgegenstände sind halb in den Wänden versunken, Möbel aufgetürmt wie ein Mahnmal für das unsortierte, missglückte Leben in der echten Welt.
Dabei gelingt es Parsons, das Ambiente der Fotografien aus unserer Kindheit zu reproduzieren, immer etwas verwackelt, etwas schief, mit falschem Weißabgleich. Es ist die beunruhigende Nähe zu den Räumen, in denen wir uns selbst aufgehalten haben, an die damit verbundenen verschwommenen Erinnerungen, an die Wehrlosigkeit einer Lebensepoche, in der wir den Entscheidungen anderer völlig ausgeliefert waren.
Verblassende Erinnerungen
Die Backrooms ohne erkennbaren Ausgang, mit ihren verzerrten Strukturen und aus den Wänden ragenden Gegenständen, stehen für die sich verändernden Interpretationen unserer Welt, für verblassende Erinnerungen; die Flucht daraus wird zum Symbol für die Befreiung von Mustern und Echokammern, in denen wir gefangen sind und in die wir andere hineinziehen.
Natürlich drängt sich hier der Vergleich mit Franz Kafka oder David Lynch auf; dem jungen Kane Parsons gelang aber souverän ein eigenständiger und völlig zeitgemäßer Film. Sorgfältig quält er uns mit den Räumen, die wir selbst geschaffen haben, die wir uns täglich selbst zumuten: ein ewiges Fegefeuer aus Belanglosigkeit und Beliebigkeit, schmucklos, unverbindlich – und doch voller unsichtbarer, verunsichernder Bedrohungen. Es ist nicht die Banalität des Bösen, sondern die Bösartigkeit des Banalen, die hier schockiert.