nextroom.at

Übersicht

Vor rund 30 Jahren veröffentlichten die Brüder Jan und Tim Edler erstmals ihre Idee, den Spreekanal in Berlin zum Schwimmen zu nutzen. Daraus entwickelte sich die Initiative Fluss Bad Berlin, die sich seit 2012 dafür einsetzt, dass die Menschen wieder in der Spree baden gehen dürfen. Jan und Tim Edler leben und arbeiten in Berlin und agieren mit ihrem Büro realities:united an der Schnittstelle von Kunst und Architektur. Sie sind vielen sicher durch die Medienfassade des Kunsthaus Graz bekannt.
Berlin war einmal Vorreiter mit der Idee, in der Stadt schwimmen gehen zu können, doch bis heute konnte diese wegen zahlreicher Widerstände nicht umgesetzt werden. Städte wie Kopenhagen; Basel oder Paris hingegen haben längst urbanes Schwimmen möglich gemacht.
Der Verein Fluss Bad Berlin agiert dennoch weiterhin. Er hat mehr als 500 Mitglieder und organisiert nun, weil es derzeit keine öffentliche Unterstützung mehr für das Projekt gibt, regelmäßige Schwimmdemos. Jan Edler erzählt im Gespräch, warum sich der Verein lange mit dem Thema der Wasserqualität beschäftigt hat und warum es ihm ein so großes Anliegen ist, einen Ort in der Stadt zu schaffen, der für alle da ist, kostenlos nutzbar ist und Abkühlung ermöglicht.

„Ende der 90er-Jahre haben Tim, mein Bruder, und ich das Konzept entwickelt, den Spreekanal in Berlin wieder zum Schwimmen zu nutzen, um eine durchmischte Nutzung und damit ein lebendiges Miteinander an der Spreeinsel mit zu ermöglichen. Der Kanal, der zusammen mit der Hauptspree die Museumsinsel umfließt, wird für die Schifffahrt nicht mehr wirklich genutzt. Deshalb kam uns die Idee, hier doch schwimmen gehen zu können.
Das Projekt hat verschiedene Facetten: Die Stadtmitte soll lebenswert bleiben. Der Distrikt rund um die Museumsinsel ist ja zu großen Teilen durch Repräsentation und öffentliche Nutzung geprägt. Wir wollen dort eine authentische, natürliche Nutzung implementieren, um zu verhindern, dass eine disneyfizierte Blase entsteht. Der Aspekt der Nachhaltigkeit, die Idee eines angenehmen Lebens in der Stadt, ist über die Jahre wichtiger geworden. Berlin befindet sich im Klimawandel, und da können natürliche Gewässer zur Abkühlung einen Beitrag leisten. Ein weiterer Aspekt ist die Teilhabe. Es soll ein Ort sein, der für alle Menschen da ist, ein Ort, der die Menschen zusammenbringt und wo man keinen Eintritt zahlt.
Wir haben das Thema der in der Spree stark schwankenden Wasserqualität ausreichend beleuchten lassen. Das Kompetenzzentrum Wasser Berlin kommt in seinem „Bericht zur Quantitativen mikrobiellen Risikobewertung (QMRA) am Standort Spreekanal“ vom 15. Januar 2025 zu dem Schluss, dass Schwimmen mit einem Monitoring-System in Zeiten mit ausreichender Wasserqualität ermöglicht werden kann. Diese Risikobewertung kommt auf Basis existierender WHO-Richtlinien zu der Schlussfolgerung, dass das Erkrankungsrisiko nach drei Tagen ohne Regen im akzeptierten Bereich für gute bis ausreichende Badegewässerqualität nach EU-Badegewässerrichtlinie liegt. Trotz dieser neuen Möglichkeiten zur tagesaktuellen Bewertung der Wasserqualität verbietet die Behörde das Schwimmen in der Spree immer noch kategorisch.
Berlin war mal Vorreiter und ist dafür bewundert worden, dass es so etwas wie die Idee für ein Flussbad gibt. Viele haben damals nach Berlin auf das Flussbad geschaut – als Referenzprojekt. Jetzt ist es umgekehrt: Wir schauen ins Ausland, nach Paris oder Kopenhagen, wo man in der Stadt schwimmen kann.
In Berlin fehlt der politische Wille bzw. dessen Durchsetzung. Deswegen wurde die öffentliche Förderung unseres Vereins zwischenzeitlich eingestellt, es folgte eine eher depressive Phase. In dieser Gemengelage entstand die Erkenntnis: „Wir können in Zeiten ohne öffentliche Förderung auch wieder anders agieren als NGO. Wir können zum Beispiel schwimmend demonstrieren gehen.“ Das haben wir dann letztes Jahr erstmalig gemacht und das war ganz fantastisch und friedfertig. Bei der zweiten und größten Demo im Sommer waren mehr als 700 Leute im Wasser. Und vor allen Dingen waren die Teilnehmer:innen glücklich. Das ist ein interessantes Phänomen. Normalerweise ist Berlin ja eher dafür bekannt, dass die Leute wahnsinnig griesgrämig sind.
Das Projekt Fluss Bad Berlin hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Als Konzept unserem Büro entsprungen, ist es in Form unseres gemeinnützigen Vereins flügge geworden und hat sich dann durch die Beteiligung verschiedener Fachleute und der Öffentlichkeit stark verändert, zum Beispiel durch Dr. Carsten Riechelmann, unseren Wasserspezialisten. Wenn er über die letzten Jahre nicht so stark am Monitoring gearbeitet hätte, wäre unsere heutige Forderung, dass das Flussbad mehr sein kann als nur der Spreekanal – nämlich eigentlich die ganze innerstädtische Spree –, gar nicht denkbar.“

»nextroom fragt« Architekt:innen, Bauherr:innen und Expert:innen. Die Gesprächsreihe zum nachhaltigen Bauen wird konzipiert und betreut von Anne Isopp. Im Gespräch werden unterschiedliche Dimensionen des nachhaltigen Bauens eingefangen, auf konkrete Bauten Bezug genommen und individuelle Sichtweisen abgefragt. Einige der Gespräche sind als Podcast auf morgenbau.at zu hören.