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Was passiert mit Kirchengebäuden, die nicht mehr für Gottesdienste und Gemeindearbeit gebraucht werden? Diese Frage stellt sich in ganz Europa – und die Antworten reichen von Profanierung bis Leerstand. Im fünften Wiener Gemeindebezirk ist ein Pilotprojekt entstanden: Eine nicht profanierte, denkmalgeschützte Kirche wurde als Kirche erhalten und zugleich zu einem offenen Sozial- und Begegnungszentrum für die Stadt umgenutzt. Das sogenannte Kirchenschiff verbindet Gottesdienst mit Lebensmittelausgabe, Wärmestube und Sozialberatung – und ist damit ein Beispiel für soziale Infrastruktur im besten Sinne.
Clemens Foschi begleitet das Projekt als Projektleiter von Anbeginn. Vorher war er für den Aufbau von Magdas Hotel zuständig, einem ehemaligen Pflegeheim, das die Caritas Wien mit minimalem Budget zu einem laufenden Hotelbetrieb umgestaltete. Im Gespräch erzählt Foschi, wie ein Kirchenraum für Gottesdienst, Konzerte und Lebensmittelausgabe zugleich genutzt werden kann – und warum eine Gesellschaft solche sozialen Infrastrukturen braucht, um zusammenzuwachsen. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„2012 habe ich begonnen, bei der Caritas den neuen Bereich für Social Business mit aufzubauen. Eines der Projekte, das wir damals entwickelt haben, war Magdas Hotel, das von und mit Flüchtlingen betrieben wird. Wir haben als erstes Pilotprojekt ein ehemaliges Pflegeheim in ein Hotel umgenutzt. Das Projekt ist inzwischen an einem neuen Standort sehr gut etabliert und ab 2027 wird ein zweites Hotel im Wiener Prater eröffnet. Im Social Business muss man einen sozialen Mehrwert schaffen und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig sein. Am Anfang war nicht absehbar, ob uns diese Balance gelingen wird. Darum haben wir für dieses Pilotprojekt auch eine temporäre bauliche Nutzung vorgenommen. Das hat es ermöglicht, mit relativ geringen Kosten, mit viel Einsatz von Freiwilligen und bestehenden Ressourcen ein doch relativ großes Haus mit über 100 Zimmern umzugestalten. Das Thema Nutzung von Bestandsgebäuden ist für die Caritas die einzige Lösung, um in Zukunft klimagerecht bauen zu können.

Wir sind jetzt mit dem Kirchenschiff hier im 5. Wiener Gemeindebezirk aktiv. Die Kirche selbst ist eingebettet in einen Wohnbau mit ungefähr 100 Wohnungen. Sie wurde 1971 fertiggestellt und steht inzwischen unter Denkmalschutz. Wir nutzen den Kirchenraum und die angrenzenden Räume im Erdgeschoss als Sozial- und Begegnungszentrum. Wir haben insgesamt über 1.200 Quadratmeter mit ganz unterschiedlichen Raumtypologien zur Verfügung, die wir auch ganz unterschiedlich nutzen können. Die Kirche wurde aber nicht profaniert, es finden nach wie vor Gottesdienste hier statt.

Wir haben uns natürlich im Vorfeld andere Kirchennachnutzungen im Ausland angeschaut, und manche von ihnen gehen ein bisschen in unsere Richtung: Öffnung hin zur Nachbarschaft, Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Unsere Gesellschaft braucht solche sozialen Räume, um zusammenzuwachsen. Genau darin liegt auch ein großes Potenzial des Projekts. Wir haben viele Kirchen in Wien, die bis auf die Gottesdienste sehr wenig genutzt werden. Das sind Räume, die potenziell für die Nachbarschaft zur Verfügung stünden. Darin liegt eben eine große Chance, diese Räume für die Nachbarschaft zu öffnen. Auch die Kirche könnte davon profitieren, indem sie wieder ein Ort von Gemeinschaft wird, ein Ort, der soziale Funktionen übernimmt und stärkend in die Gesellschaft wirkt.
Die architektonische Qualität solcher Räume ist enorm wichtig, egal wofür sie genutzt werden. Gerade Menschen, denen es nicht so gut geht, die keinen Ort haben, an den sie sich zurückziehen können, haben einen Anspruch auf einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen können. Diesen Anspruch haben wir hier in der Kirche mit dem Wiener Büro ViA Architektur sehr gut umgesetzt. Die Einbauten fügen sich gut in die bestehende denkmalgeschützte Architektur ein und erlauben eine flexible Nutzung des Kirchenraumes.“

Clemens Foschi lebt und arbeitet in Wien und ist bei der Caritas Wien Projektleiter für Kooperationsangelegenheiten. 2012 initiierte er für die Caritas das Magdas Hotel im Wiener Prater – Österreichs erstes Social Business Hotel, das zuerst temporär in einem ehemaligen Seniorenheim entstand und heute an einem neuen Standort dauerhaft gemeinsam mit Geflüchteten betrieben wird. Aktuell leitet er das Projekt Kirchenschiff in Wien-Margareten, eine Pfarrkirche aus den 1970er-Jahren, die zu einem offenen Sozial- und Begegnungszentrum transformiert wurde.

»nextroom fragt« Architekt:innen, Bauherr:innen und Expert:innen. Die Gesprächsreihe zum nachhaltigen Bauen wird konzipiert und betreut von Anne Isopp. Im Gespräch werden unterschiedliche Dimensionen des nachhaltigen Bauens eingefangen, auf konkrete Bauten Bezug genommen und individuelle Sichtweisen abgefragt. Einige der Gespräche sind als Podcast auf morgenbau.at zu hören.

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