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Die Architektin Anna Heringer folgt einer konsequenten Überzeugung: Architektur ist ein Werkzeug zur Verbesserung von Leben, Nachhaltigkeit kein Kompromiss, sondern Schönheit selbst. Ihr Material ist der Lehm – sie baut damit in Bangladesch und Ghana ebenso wie in Österreich und Bayern. Für sie ist Lehm inklusiv, lokal verfügbar und obendrein wunderschön. Im Gespräch erzählt Anna Heringer vom Claystorming, einer Entwurfsmethode, die sie gemeinsam mit Martin Rauch entwickelt hat, von ihren Bauprojekten und davon, warum Lehm das sozialste Material der Welt ist. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.

„Lehm ist ein wunderbar inklusives Material. Man kann Lehm natürlich Hightech bearbeiten, aber auch nur mit den Händen. Das ist fantastisch, weil man wirklich jeden mit einbeziehen kann. Das haben wir auf unseren Baustellen in Bangaldesch auch so gemacht: Menschen mit Behinderung, alte Personen und eben auch die Kinder. Am Vormittag hatten die Kinder Schulunterricht und am Nachmittag hatten sie eben nicht Töpfern in der Schule, sondern Töpfern im Maßstab von einem Gebäude. In feuchten Lehm zu greifen, das ist ein wunderbares Gefühl, und das lädt wirklich alle dazu ein mitzumachen.

Der Vorteil, wenn man in einem Kontext wie in Bangladesch arbeitet, ist, dass der Lehmbau noch eine Tradition hat. Es leben ja immer noch etwa 3 Milliarden Menschen in Lehmbauten. Die Zahlen gehen natürlich zurück, aber daran sind unsere Leitbilder schuld. Dieses Narrativ wird einfach weltweit übergekippt: Bau ein Haus aus Beton und du musst dich nie mehr wieder um irgendetwas kümmern. Es hält für die Ewigkeit, und du fühlst dich wohl und gesund. Das stimmt so nicht. Aber dieses Narrativ hat dafür gesorgt, dass wir unsere natürlichen Ressourcen ausbeuten, dass der Klimawandel befeuert wird, dass auch die soziale Schere, also die soziale Ungerechtigkeit, immer weiter vorangetrieben wird. Lehm ist ein Material, das von der Natur gratis gegeben ist. Jeder hat darauf Zugriff. Deswegen ist es unendlich sozial und obendrein auch noch so wunderschön.

Wenn ich einen meiner Bauten aus Lehm betrete, dann fühlt sich das an wie eine Umarmung der Erde. Das ist diese unglaubliche Ausstrahlung des Materials Erde. Dieses Material hat etwas Wohltuendes, Geborgenheit-Schenkendes und Vertrauen-Stärkendes. Die Erde hat diese große archaische Urkraft und gleichzeitig eine Weichheit: Die Sinnlichkeit, die Farben, das ist das, was man spürt.

Das Schöne ist, dass der Lehm überall anders ist. Die Menschheit hat so viele verschiedene Techniken entwickelt, damit zu bauen, zugeschneidert auf das lokale Klima und auf die Bodenbeschaffenheit. Bei uns sind in der Erde viele Steine drinnen, da ist Stampflehm naheliegend. In Traunstein habe ich mit Stampflehm von Martin Rauch gebaut. In Bangladesch hat der Lehm keine Steine. Da habe ich mit Wellerbau gebaut, einer traditionellen Bauweise, bei der feuchter Lehm mit Stroh oder anderen Pflanzenfasern schichtweise zu einer Wand aufgeschichtet wird. Dafür braucht man keine Schalung, da kann man organischer und geschwungener bauen. Und so entsteht die Architektur aus dem Verständnis des Ortes heraus, aus dem Material, aus dem Klima.

Gemeinsam mit Martin Rauch habe ich eine eigene Entwurfsmethode entwickelt, das Claystorming. Das ist ein intuitiver Prozess. Entwerfen ist ja nichts anderes als Entscheidungen treffen. Und wir wissen alle, dass die besten Entscheidungen aus dem Bauch kommen, aus der Intuition. In der Architektur kann man lernen, den Intellekt zu schulen, man kann aber auch die Intuition schulen. Und dazu ist dieser Claystorming-Prozess da, den ich in Workshops unterrichte. Man arbeitet an großen Tonblöcken – es ist wie ein physisches 3D-Skizzieren. Irgendwann übernehmen die Hände die Impulse direkt aus dem Bauch heraus.“

Anna Heringer ist eine deutsche Architektin mit Sitz in Laufen nahe Salzburg. Sie studierte Architektur an der Kunstuniversität Linz bei Prof. Roland Gnaiger. Ihre Diplomarbeit war ein Schulgebäude aus Bambus, Stroh und Lehm, das sie im bangladeschischen Rudrapur mit Unterstützung von Eike Roswag errichtete und das nach der Fertigstellung 2005/06 rasch zu einer Ikone sozial engagierter Architektur wurde. Seit 2005 betreibt sie das Studio Anna Heringer; seit 2010 hält sie den UNESCO-Lehrstuhl für „Earthen Architecture, Building Cultures and Sustainable Development“. 2007 erhielt sie den Aga Khan Award for Architecture, 2020 den internationalen Obel Award. 2022 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Derzeit lehrt sie als Praxisprofessorin an der Universität Liechtenstein. Bis Mitte September ist im VAI die Ausstellung „Anna Heringer. Forms follows love“ zu sehen.

»nextroom fragt« Architekt:innen, Bauherr:innen und Expert:innen. Die Gesprächsreihe zum nachhaltigen Bauen wird konzipiert und betreut von Anne Isopp. Im Gespräch werden unterschiedliche Dimensionen des nachhaltigen Bauens eingefangen, auf konkrete Bauten Bezug genommen und individuelle Sichtweisen abgefragt. Einige der Gespräche sind als Podcast auf morgenbau.at zu hören.

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