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Was gehen uns historische Baukonstruktionen an? Viel, sagt Professor Georg Giebeler, denn wenn man ein Haus umbauen will, muss man wissen, welche Konstruktionsweisen zur Entstehungszeit des Gebäudes üblich waren. Das Wissen braucht man, um seine Bauherr:innen gut beraten zu können.
Georg Giebeler ist Architekt und Professor für Bauen mit Bestand und Baukonstruktion an der Bergischen Universität Wuppertal. Er ist Autor des Atlas Sanierung, der 2008 im Detail Verlag erschienen ist, und Initiator des BmB-Archivs, einer digitalen Datenbank mit zahlreichen historischen Baukonstruktionen.
Giebeler erzählt hier davon, wie das Archiv entstanden ist, aus welchen Gründen er es angelegt hat und welche Änderungen er sich für die Architekturlehre an den Hochschulen wünscht.

„Das Wissen über alte Konstruktionen steht in den Lehrbüchern der jeweiligen Zeit. Das Lehrbuch von 1980 zum Beispiel lag bei allen Baumeistern auf dem Tisch, und deswegen findet man in dem Buch auch die gängigen Konstruktionen aus der Zeit. Für den Atlas Sanierung, den ich 2008 im Detail Verlag herausgegeben habe, habe ich mir antiquarisch mehr als 60 Bücher gekauft. Was ich in den Büchern gelesen habe, habe ich im Atlas Sanierung zusammengefasst und mit Zeichnungen illustriert.

Es gab aber so viel mehr wertvolle Zeichnungen als die, die ins Buch passten. Deshalb ist die Idee entstanden, ein digitales Archiv aufzubauen, das in der Lage ist zu wachsen und das vor allem auch von Hochschulen in der Lehre genutzt werden kann. Als ich dann an die Universität in Wuppertal gewechselt bin, habe ich mich mit meinen Mitarbeiterinnen darauf geeinigt, dass wir ein Bestandsarchiv, das BmB-Archiv, aufbauen.
Wir haben wieder viele Bücher gekauft und sie komplett digitalisiert. So ist das Archiv entstanden. Es erfasst die wesentlichen Konstruktionen aus den Jahren 1875 bis 1975 in Zeichnung und Text.

Wenn man ein Haus umbauen will, muss man sich mit historischen Konstruktionen beschäftigen. Die Gründe, warum Häuser abgebrochen werden, sind nicht nur ökonomische. Es sind oft auch Unsicherheiten der Planer:innen. Der Bauherr will genaue Kosten, deshalb ist es so wichtig, in den ersten Entwürfen eine gewisse Verlässlichkeit zu bekommen.

Wenn sich jemand ein 60er-Jahre-Haus kaufen will und man sich im BmB-Archiv die Decken aus der Zeit anschaut, dann wird klar, dass es in Deutschland wie auch in Österreich zu der Zeit keine Schallschutzverordnung gegen Trittschall gab. Es gibt keine Trittschalldämmung. Wenn ein Bauherr sehr lärmempfindlich ist, dann ist es nicht das richtige Haus für ihn.

Man braucht ein Grundwissen über ein Gebäude, um in der Phase 0 die ersten Gespräche führen zu können. Das sind entscheidende Momente. In den 50er-Jahren zum Beispiel waren Konstruktionen sehr minimiert, auf Sparsamkeit ausgelegt. Die Decken haben keine Lastreserven und man kann keinen schwimmenden Estrich aufbringen, weil der zu schwer ist. Bei einer gründerzeitlichen Decke ist das viel einfacher: Da nehme ich die alten Schüttungen heraus und kann ein neues Gewicht aufbringen.

Um das Archiv zu benutzen, braucht man ein Grundwissen. Erst dann ist das Archiv wertvoll. Aus diesem Grund muss die Lehre vom Umbau und von historischen Konstruktionen im Architekturstudium im ersten Semester etabliert werden, nicht irgendwann im Master als Nebenfach. Sie muss ein Pflichtinhalt in der Baukonstruktionslehre sein. Nur so bekommen alle Studierenden ein Grundwissen. Im Moment wird an den Hochschulen nur Neubau gelehrt. Auch ich habe das jahrelang in den ersten Semestern so gelehrt. An der Universität in Wuppertal haben wir das jetzt umgestellt. Auch mein Lehrstuhl sollte abgeschafft werden. Ich habe einen Speziallehrstuhl Bauen mit Bestand, den sollte es nicht mehr geben, genauso wenig wie die Lehrstühle für nachhaltiges Bauen. Es gehört alles zusammen.“

Georg Giebeler ist Architekt und Professor für Bauen mit Bestand und Baukonstruktion an der Bergischen Universität Wuppertal. Er ist Autor des Atlas Sanierung, der 2008 im Detail Verlag erschienen ist. Giebeler ist auch Initiator des BmB-Archivs, das nun in das digitale Nachschlagewerk von Detail aufgenommen wurde. Darin ist das Konstruktionswissen der Jahre 1875 bis 1975 gesammelt mit rund 1.600 Beiträgen aus historischen Fachbüchern, die Baukonstruktionen, Materialien und ihre Verarbeitung aus historischen Bauten in Texten und Bildern erläutern.

»nextroom fragt« Architekt:innen, Bauherr:innen und Expert:innen. Die Gesprächsreihe zum nachhaltigen Bauen wird konzipiert und betreut von Anne Isopp. Im Gespräch werden unterschiedliche Dimensionen des nachhaltigen Bauens eingefangen, auf konkrete Bauten Bezug genommen und individuelle Sichtweisen abgefragt. Einige der Gespräche sind als Podcast auf morgenbau.at zu hören.

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