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Wann in den Redaktionssitzungen die Idee aufgetaucht ist, einen Zuschnitt über „Klassiker“ des Holzbaus zu machen, lässt sich nicht einmal mehr anhand der Protokolle einwandfrei feststellen. Tatsache ist, dass das Thema wieder und wieder besprochen, verworfen und vertagt wurde, trotzdem nie ganz aus der Diskussion geriet und schließlich als Inhaltsschwerpunkt für diese Ausgabe gewählt wurde.

Dabei war die Frage nach der Relevanz eines Hefts über längst abgeschlossene und (in den meisten Fällen) oft publizierte Projekte schnell beantwortet: Die Wurzeln aktueller Holzarchitektur zu thematisieren, Entwicklungen darzustellen, die zum Teil in erstaunlicher Linearität, zum Teil über diverse Umwege ArchitektInnen und Arbeiten hervorgebracht haben, die heute bauen bzw. verwirklicht werden, bedeutet, einen großen Zusammenhang herzustellen, der vielen bewusst sein mag, aber selten konkret dargestellt wird.

Schwieriger war es, eine Auswahl zu treffen, sowohl was den zu betrachtenden Zeitraum als auch was die Entscheidung für bestimmte Projekte betrifft. Die Geschichte des modernen Holzbaus in Österreich beginnt schon vor dem Zweiten Weltkrieg, trotzdem haben wir uns dazu entschlossen, nur Arbeiten, die nachher entstanden sind, zu besprechen. Das hat einerseits schlichtweg Platzgründe, andererseits bestand nur so die Möglichkeit, Bauten zu zeigen, die großteils nach wie vor unverändert genutzt werden und deren Architekten zu Planungs- und Umsetzungsbedingungen befragt werden können.

Nach einiger Recherche und beraten von Otto Kapfinger entschieden wir uns dafür, sieben Projekte einer „zweiten Lesung“ zu unterziehen, die zwischen 1962 und 1979 entstanden sind und eine gewisse typologische Bandbreite abdecken. Denn die Auswahl auf nur eine Bauaufgabe zu reduzieren, schien in zweifacher Hinsicht problematisch: Erstens müsste man dann mit einem Anspruch auf Vollständigkeit an die Arbeit herangehen, der inhaltlich zwar zu bewältigen wäre, für den die begrenzte Seitenanzahl eines Zuschnitts aber immer noch lange nicht reichen würde. Zweitens würden viele Aspekte verloren gehen, die zwar etwa im Industrie- oder Kirchenbau eine wesentliche Rolle spielten, nicht aber im Wohnbau. Eine Auswahl dieser Gesichtspunkte sei hier noch einmal anhand der besprochenen Bauten zusammengefasst:

Die Siedlung Halde in Bludenz von Hans Purin verkörpert gesellschafts- und sozialpolitische Fragestellungen der Zeit, u. a. ging es um den Kampf gegen die Zersiedelung, um Partizipation, Selbstbau und die Frage, ob „Holz einmal so etwas wie lange Haare“ (zit. W. Pöschl) war. Die Messehalle 3 in Klagenfurt steht nach wie vor für eine Pionierleistung auf dem Gebiet des Holzleimbaus und übte lange Jahre eine starke Vorbildwirkung in Europa aus. Ähnlich technisch-konstruktiv wurde an das Haus Fischer von Konrad Frey und Florian Beigel in Grundlsee herangegangen, wiewohl seine Größe nur einem Bruchteil jener der Halle von Klagenfurt entspricht. Hier stand die Energiefrage im Vordergrund, und das kleine Ferienhaus wurde oft als „erstes Sonnenhaus Österreichs“ in den Medien vorgestellt. Bei der Schule in Egg, 1962 von Jakob Albrecht geplant, geht es um Fragen der Typologie auf der einen und des damals unüblichen Einsatzes von Holz in öffentlichen Bauten auf der anderen Seite. Das Haus und Atelier Garstenauer in Aigen ist als besonders sorgfältig geplantes und detailliertes, flaches, weitläufiges, fast unsichtbar in die Natur eingebettetes Bauwerk ebenfalls hinsichtlich seiner Typologie interessant und nimmt damit die Gegenposition zum Haus Kolig ein, das Manfred Kovatsch zeitgleich am Ossiachersee errichtete. Dieses spielt zwar mit der Tradition der anonymen Bauten der Region, ist aber in seiner provokanten, turmartigen Zeichenhaftigkeit und verspielten Unbekümmertheit das Gegenteil angepasster Architektur. Schließlich wurde die Montagekirche von Ottokar Uhl in Wien 10 als Beispiel aus einer Reihe von Kirchenbauten gewählt, das, obwohl immer noch an Ort und Stelle, das Thema temporärer Bauten behandelt sowie die Verwendung moderner Materialien und Techniken, wie etwa die Vorfertigung von Holzbauteilen.

Alle diese Gesichtspunkte – vom sozialen Aspekt über den großmaßstäblichen Ingenieurholzbau bis hin zu Fragen des Energieverbrauchs und der Vorfertigung – spielen nach wie vor eine bedeutende Rolle im Holzbau, alle diese Projekte sind nach wie vor erhalten und werden gemäß ihrer ursprünglichen Konzeption genutzt. Der bittere Umstand, aus Platzgründen (obwohl dieser Zuschnitt vier Seiten mehr als sonst enthält) nicht annähernd alle wegweisenden Architekten und Bauten entsprechend würdigen zu können, nicht alles an Material zeigen zu können, das uns von den Planern und Nutzern großzügig zur Verfügung gestellt wurde, wird zumindest ansatzweise wettgemacht durch den Beitrag von Otto Kapfinger, in dem der österreichische Holzbau von den 1950er bis zu den 1970er Jahren umrissen wird und der den unverzichtbaren Verständnis-Hintergrund für die sieben näher besprochenen Projekte bildet.

Wir möchten uns bei all jenen bedanken, die uns wertvolles – zum Teil privates, unveröffentlichtes – Material zur Verfügung gestellt haben und die für Fragen und Interviews zur Verfügung gestanden sind. Es war ein besonderes Vergnügen, diesen Zuschnitt umzusetzen, und wir hoffen, es ist ein ebensolches, ihn zu lesen! Eva Guttmann

Zum Thema

Editorial | Eva Guttmann
Holz lehrt bauen – Österreichische Beispiele 1952 bis 1970 | Otto Kapfinger

Themenschwerpunkt

Kontinuitäten – Siedlung Halde in Bludenz | Robert Fabach
Bauen in neuer Dimension – Die Messehalle 3 in Klagenfurt | Helmut Stingl
Konstruktiv assoziativ – Haus Fischer am Grundlsee | Eva Guttmann
Holz macht Schule – Hauptschule Egg | Nora G. Vorderwinkler
Wohnen in der Natur – Haus Garstenauer in Aigen | Norbert Mayr
Vom Gerüst zum Etui – Das Haus Kolig über dem Ossiachersee | Arno Ritter
Grundsätzlich fortschrittlich – Montagekirche Wien 10 | Bernhard Steger

Literaturempfehlungen

Artikel

15. September 2007 Otto Kapfinger
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Holz lehrt bauen

Österreichische Beispiele 1952 bis 1970

Die Frage lautet: Wo liegen die Wurzeln der modernen österreichischen Holzbautechnik? Die gängige Antwort heißt: in Vorarlberg. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Eine kurze Recherche über Pionierbauten nach 1945 führt – und das ist zunächst keine Überraschung – zur ersten industriell vorgefertigten Holzhaussiedlung Österreichs in Wien⁄ Speising, 1952 entworfen von Roland Rainer und Carl Auböck, von da aus aber noch weiter zurück zu Rainers frühen Publikationen, zu seiner Auseinandersetzung mit den städtebaulichen und funktionalen Lehren der Notbauprogramme der Kriegszeit. Rainers 1948 publiziertes Buch „Ebenerdige Wohnhäuser“ bietet ein Panorama avancierter Holztechnologie im Einzel- und Siedlungsbau und startet unter dem programmatischen Titel: Not lehrt bauen.

Unter den rund hundert vorgestellten Bauten und Projekten aus Skandinavien, Nordamerika und Mitteleuropa nennt Rainer einige aus „Notbau-Aktionen“ und „behelfsmäßigen Bauweisen“ vor und nach 1945. Dabei wenden sich in seinen Kommentaren die Zwänge des Mangels in zukunftsweisende Tugenden. So schreibt er etwa zu 1944 in Holland und Finnland konzipierten Notwohnungen: „In den zerstörten Gebieten hat man während des Krieges in Schnellbauweisen ebenerdige, hölzerne Kleinhäuser mit sehr rationellen Grundrissen und bescheidener, zeitloser Gestalt gebaut“, und weiter: „Wenn die Not uns gelehrt hat und noch lehren wird, im Garten ebenso wie im Hause zu wohnen, aus dem Garten für das Haus Vorteile zu ziehen, führt sie auch die große Masse städtischer Bevölkerung zwangsläufig auf den Weg einer neuen Wohnkultur, die den inneren Bedürfnissen aller Menschen unserer Zeit entspricht“, und schließlich: „Wohnungsnot und Facharbeitermangel fordern Vorfabrikation ganzer Häuser. Da das Wesen des fabrikfertigen Hauses in seiner Verteilbarkeit über bestimmte Landschaftsräume hinaus liegt, wäre es folgerichtig, diese Unabhängigkeit von örtlichen Bindungen auch in der Gestalt zum Ausdruck zu bringen und diese aus der neuen Bauweise zu entwickeln.“

Aus all dem folgen dann Maximen für Rainers umweltbewusste Bau- und Wohnphilosophie, die eben auch seine Schüler und Mitarbeiter aus Vorarlberg und Tirol – Hans Purin, Jakob Albrecht, Friedrich Wengler, Gunter Wratzfeld, Norbert Fritz u. a. – geprägt hat.

Doch in den 1950er Jahren war solch humanistisch-ökologische, positive Umwertung von Mangelphänomenen weder in der Fachwelt noch in der breiten Bevölkerung mehrheitsfähig. Holz war einerseits nachhaltig belastet mit dem „Baracken-Image“ und andererseits auf Jahrzehnte hinaus – und bis tief in die Wirtschaftwunderjahre hinein – „einzementiert“ in die aus der ns-Zeit weiterwirkenden, pseudo-ruralen Ideologien von „Heimat“, „Identität“, „landschaftsgerechtem Bauen“ und „Blut-und-Boden-Mythen“.

Auch die Bauwirtschaft war in einem Land mit geringem Industrialisierungsgrad eher auf einfachste Verwertung des Rohstoffs ausgerichtet. 1946 etwa schrieb das damals neugegründete Fachmagazin „Der Aufbau“ im Rahmen einer grundsätzlichen Standortbestimmung und angesichts des kriegsbedingten Mangels an Holzarbeitern, an Zimmerern und an Transportmöglichkeiten: „Durch das Bestreben, Holz als Baustoff möglichst auszuschalten und durch den Stahlbeton zu ersetzen und im gleichen Sinne Ziegelmauerwerk durch Stampfbeton, wird der Zementbedarf steigen ...“ Im selben Jahr startete die Stadt Wien einen Wettbewerb für „Holzsparende Dächer“ mit der Begründung, dass „Holz immer mehr als Rohstoff für die industrielle Veredlung benötigt und daher in Zukunft nur in sparsamster Weise für Zimmererarbeiten zur Verfügung sein wird“.

Industrielle Holzveredlung in diesem Sinne hatte davor, während des Krieges, in Österreich einen spezifischen Stellenwert eingenommen. Das 1939 – 41 bei St. Veit an der Glan errichtete Werk der Klagenfurter Firma Adolf Funder war das drittgrößte Unternehmen der Holzindustrie im Deutschen Reich und erzeugte primär Faserplatten für die Luftfahrt. Das Holz kam aus den eigenen Waldungen. Auch eine andere Kärntner Holzfabrik, Leitgeb in Kühnsdorf, produzierte in großem Umfang Faserplatten für die Luftwaffe. Funder wurde 1945 bombardiert, konnte den Betrieb erst 1952 wieder aufnehmen und erzeugte weiterhin Platten – nun primär für Möbel und Innenausbau. Eine hochwertige, auch in der Wertschöpfung für die einschlägige Wirtschaft als Gesamtheit förderliche Holzbauindustrie war in Österreich damals noch Zukunftsmusik.

Holz als innovationsträchtiges Material war schon in der klassischen Moderne der 1920er Jahre nicht im Zentrum der Debatte gestanden, da waren Stahlbeton, Stahl, Glas, Aluminium etc. die Leitstoffe der Avantgarde. Immerhin hatte sich in Deutschland mit Christoph & Unmack Europas größte Holzhausfabrik entwickelt, wo kein Geringerer als Konrad Wachsmann als leitender Ingenieur-Architekt wirkte. Und Wachsmann hatte 1929 für Albert Einstein ein

modernes, vorgefertigtes Holzwohnhaus in Berlin⁄ Caputh gebaut und dies 1930 neben anderem in seinem vielbeachteten Buch „Holzhausbau“ dokumentiert. Weltwirtschaftskrise und zunehmende Ideologisierung des Bauens unter der einsetzenden Naziherrschaft drängten solche Ansätze in den Hintergrund. 1933 erschien in der legendären Reihe der Stuttgarter „Baubücher“ das Standardwerk „Bauen in Holz“ bereits im Zeichen der „heimatverbundenen“, traditionalistischen Re-Konnotierung des Holzbaus; das Cover zierte ein uralter Block-Strickbau, der Titel prangte in gotisierender Fraktur, die Beispiele stammten primär aus dem Umfeld der damals anti- oder gemäßigt-modernen „Stuttgarter Schule“; das klassisch Handwerkliche und „Bodenständige“ wurde betont; avancierte industrielle Holzbaubeispiele, die es in Deutschland auch längst gab, kamen nicht mehr vor. Fast analog dazu veränderten sich Szene und Fachmedien in Österreich, beginnend 1933 mit der Spaltung des Werkbundes in einen judenfreien „gemäßigten“ Teil und in einen kritisch-progressiven Flügel, der rasch bedeutungslos wurde, dessen Mitglieder mehrheitlich bald freiwillig oder gezwungen das Land verließen.

Ganz anders verlief die Entwicklung in der Schweiz, wo die ab 1936 vorbereitete große Landesausstellung „Landi 39“ am Zürcher Seeufer unter der Leitung von Hans Hofmann⁄ Hans Fischli fast vollständig in Holzbauten präsentiert wurde, die entlang der „Höhenstraße“ mit Brücken, Pavillons, Hallen, Pergolen und Flugdächern ein komplettes Spektrum modernster, urban gestalteter Holzkonstruktionen demonstrierte. So war Holz in der Schweiz (wie auch in Skandinavien – und da wie dort in Mangelwirtschaft eingebunden!) weder vor noch nach dem Krieg mit konservativer bzw. regressiver Propaganda punziert, konnten sich moderne Architektur und moderne Holzbautechnik dort, anders als in Deutschland und Österreich, simultan, kontinuierlich und weitgehend ohne ideologische Pathologien weiterbilden.

Nach Roland Rainers groß angelegten Plädoyers von 1948 dauerte es noch einige Jahre, ehe 1952 die erwähnte Siedlung in der Veitingergasse konkrete Planung wurde, ermöglicht noch vor dem Auslaufen der erp-Förderungen (European Recovery Program), unterstützt durch die us-Wirtschaftsmission und mithilfe eines amerikanischen Prefab-Spezialisten konzipiert. Einschlägiges us-Know-how sollte den heimischen Nachkriegswohnbau stimulieren, zugleich war die Aktion als Anreiz für die regionale Holz verarbeitende Industrie gedacht – als Modell einer auch im Export konkurrenzfähigen Fertighausproduktion. Auf dem von der Stadt Wien im Baurecht zur Verfügung gestellten Platz neben der Werkbundsiedlung von 1932 entstanden 15 ebenerdige, nicht unterkellerte Einfamilienhäuser in Tafelbauweise mit äußeren Oberflächen aus Bretterschalung, Sperrholz oder Eternittafeln. Die Wandelemente waren einen Meter breit und zweiein-halb Meter hoch und so leicht, dass sie händisch montiert werden konnten. Auf Betonfundamentplatten aufgestellt wurden die Außenwände mit Prefab-Holznagelbindern überspannt und mit Aluminium-Rolldächern gedeckt. Besonderheiten waren durchgängige Einbauschränke, vorfabrizierte Installationselemente, gasgefeuerte Luftheizung aus im Boden eingelassener Verrohrung, raumhohe Verglasung der Wohnzimmer und hochwertige Muster-Möblierung dreier Häuser.

Die „Veitingergasse“ bildete eine Vorstufe für Rainers größere und bekanntere, massiv ausgeführte Siedlungen in Wien⁄ Mauerberg und später in Linz⁄ Puchenau. Als Holzbaumodell blieb das Projekt in Österreich damals völlig isoliert, speziell in Wien war der Wiederaufbau ganz auf konventionellen Geschosswohnbau ausgerichtet.

Rainers Konzepte fanden ihre Fortsetzung ab 1960 in Vorarlberg durch die ersten Bauten seiner Schüler und Mitarbeiter: Jakob Albrecht, gerade 28 Jahre jung, plante die große Hauptschule in Egg im Bregenzerwald in Holzkonstruktion, realisierte im selben Jahr das kubische Holzhaus Grass in Dornbirn; Gunter Wratzfeld setzte 1963 mit dem Haus für seinen Bruder in Dornbirn⁄Watzenegg ein starkes Signal (auf Betonwinkeln über der Hangkante „schwebende“ Holzschachtel, ausgestattet mit Prefab-Nasszelle in Kunststoff, vom Team „raumhochrosen“ kürzlich vorbildlich revitalisiert); 1964 begann Hans Purin die Reihenhaussiedlung „Halde“ in Bludenz – sicher die wichtigste emblematische Leistung dieser Ära im „Ländle“. Zugleich entstand für seinen Bruder Dieter in Kennelbach die Miniaturvariante des Mischprinzips aus massiven Scheiben am Hang mit hölzernen „Inlets“.

1964 plante und zimmerte teilweise eigenhändig Rudolf Wäger sein legendäres Würfelhaus in Götzis, eine, wie er sagt, autonome Leistung: aus der „Not“ der minimalen Mittel, im bewussten Gegensatz zur damals lokal gängigen Zimmerei und wohl auch durch die Schulung seines Bruders Heinz in Ulm inspiriert, wie der Max-Bill-Hocker in der ursprünglichen Möblierung belegt. Autonome Leistungen waren auch Leopold Kaufmanns Volksschule von 1960 in Reuthe sowie die immer noch faszinierende Erweiterung der Kirche in Brand von 1961 – beides in Kooperation mit Helmut Eisentle und Bernhard Haeckel. Kaufmann fiel mit seinen Arbeiten im Bregenzerwald aber so aus dem gesellschaftlichen Rahmen, dass er sein Büro nach Dornbirn verlegte. Nur zur Erinnerung: 1962 gab es in Österreich seit fünf Jahren Fernsehen, im „Ländle“ aber ein gesetzliches Twist-Tanzverbot in der Öffentlichkeit und eine streng katholische Filmzensur ...

Eine andere Variante von Rainers Matrix der Holzschachtel auf oder zwischen Betonsteinscheiben (typisch dafür sein Haus am Semmering von 1964) brachte sein Schüler und Mitarbeiter Norbert Fritz 1965 beim eigenen Wohn- und Atelierbungalow in Innsbruck⁄ Hötting. Wenig bekannt, doch bis in alle Möbelteile unverändert erhalten, bietet der Bau eine sehr individuelle, fast irritierende Verbindung aus bäuerlicher Kargheit (von der Fassade bis zum Küchenblock und den Betten unbehandeltes Massivholz in einfachster, tischlermäßiger Fügung) mit riesigen Schiebefenstern und kühnen Details an Dach und Balkonen. Diese hier bloß angedeutete Haltung von Fritz charakterisiert sein ganzes, bisher nicht zusammenfassend dokumentiertes Oeuvre mit Schwerpunkt in Holzanwendungen.

Aus demselben Jahr stammt vom Tiroler Einzelgänger Ernst Hiesmayr die Revitalisierung eines Streckhofs in Neusiedl am Steinfeld mit einem gartenseitig eingefügten Neubau, der Themen Wrights und Mies van der Rohes in Holz und Stein aktualisiert. Es ist bis heute bestens gepflegt und erhalten, und Hiesmayr hat später als Hochbauprofessor an der Wiener tu seinerseits wichtige Akteure der heutigen Vorarlberger Holzbauszene geschult, u. a. Hermann Kaufmann und Helmut Dietrich. Aus den frühen 1970er Jahren ist noch die Reihenhaussiedlung Schlins⁄ Ruhwiesen von Rudolf Wäger zu nennen, eine Weiterentwicklung von Rainers (und ursprünglich Loos’) Prinzip der Holzboxen zwischen Mauerscheiben.

Es ist nicht zu übersehen, dass die von Wachsmann bei den Salzburger Sommerakademien der 1950er Jahre „infizierten“ Architekten anders konstruieren als jene aus Rainers Umfeld. Wachsmann kam vom Holz, hatte mit Gropius in den 1940er Jahren in den usa eine Holz-Fertighausfabrik aufgebaut und ging weiter zu den Raumtragwerken in Stahl. Sowohl Johannes Spalt als auch Ottokar Uhl oder Gerhard Garstenauer entwarfen ihre Holzbauten der 1970er Jahre vor diesem Hintergrund der modularen, raumüberdachenden Gitterwerke. Und sowohl Spalts formidables Pfarrzentrum in Wien⁄ Wienerberg als auch Uhls „demontable Kirche“ entsprangen dem Konzept des interimistischen, des transitorischen Gebäudes.

„Not lehrt bauen“ – Rainers Slogan von 1947 hatte schon für die revolutionäre Wiener Siedlerbewegung nach dem Ersten Weltkrieg gegolten, mit ihren Konzepten für „wachsende Häuser“ und die Koppelung von Vorfertigung und Selbstbau wie in Loos’ Beispiel vom „Haus mit einer Mauer“.

„Mangel lehrt bauen“ mit Holz galt auch für die billigen, ausgeklügelten Holzhäuser und Siedlungen der ersten und zweiten Generation der Vorarlberger Baukünstler, die für junge, wenig begüterte, alternativ gestimmte Leute planten, die mit Einbringung von viel Eigenleistung „gemeinsam planen, bauen und leben“ wollten.

„Holz lehrt bauen“ ist schließlich der komplementäre Satz zu Rainers Motto und erklärt ebenso Konrad Wachsmanns Biografie und universelles Lehrgebäude wie auch den breiten regionalen Erfolg der Vorarlberger Baukünstler. Holz lehrte und lehrt also das Bauen – nicht für eine Architektur mit dem großen „A“, mit ihrem Denken und Gestalten in wirkmächtigen Ausdrucksformen von „ewiger Dauer“, symbolträchtig, repräsentativ, objektbezogen – Holz lehrte und lehrt in der hier nur skizzierten Traditionslinie vielmehr das Bauen als pragmatische, alltags-, subjekt- und umweltbezogene Baukunst, gegründet auf entwerferischem, konstruktiv orientiertem Denken in Raumgerüsten, in präzisen, ephemeren, antirepräsentativen Leistungsformen.

Literaturhinweise:
* Roland Rainer, Ebenerdige Wohnhäuser, Wien 1948
* Roland Rainer, Arbeiten aus 65 Jahren, Salzburg und Wien 1990
* Roland Rainer, Vitale Urbanität, Wien-Köln-Weimar 1995
* Der Aufbau, Monatsschrift für den Wiederaufbau, herausgegeben
* vom Stadtbauamt der Stadt Wien, Heft 3⁄ 1946, S. 84 ff
* Hans Stolper, Bauen in Holz, Stuttgart 1933
* Konrad Wachsmann, Holzhausbau, Berlin 1931
* Harald Sterk, Industriekultur in Österreich 1938 – 1950, Wien 1986
* Christoph Luchsinger, Hans Hofmann, Zürich 1985
* Ernst Hiesmayr, Einfache Häuser, Wien 1991
* Traugott Zech, Holzbauten in Vorarlberg, Feldkirch 1985
* Bernhard Purin, Architektur in Vorarlberg seit 1960, Bregenz 1993
* Architektur Zentrum Wien (Hrsg.), Standardhäuser, Wien 1997

15. September 2007 Robert Fabach
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Kontinuitäten

Ganz am Beginn der »Siedlung Halde« stand ein Text von Friedrich Achleitner über die Problematik des Bodenverbrauchs von Einfamilienhäusern, erschienen 1964 in der »Presse«. Franz Bertel, Initiator und immer noch Bewohner, erinnert sich an diesen Beitrag als Auslöser für die Initiative zu einem gemeinschaftlichen Siedlungsprojekt. Bertel, der früher in Deutschland und Frankreich gelebt hatte, war mit den Ideen der Moderne und einer Reihe ihrer Bauten bestens vertraut. Die programmatische Bedeutung dieser Siedlung ist also nicht das späte Resultat einer Architekturgeschichtsschreibung, sondern stand von Beginn an im Zentrum eines idealistischen Bemühens.

Nachdem sich eine erste Gruppe von etwa fünf Familien in Vorarlberg zusammengetan und ein steiles Hanggrundstück am Stadtrand von Bludenz günstig erworben hatte, galt es, einen geeigneten Planer zu finden. Reisen zu vorbildhaften Anlagen wie der Weißenhofsiedlung in Stuttgart oder der Siedlung Halen bei Bern waren Teil der Vorbereitung. Die Entscheidung fiel schließlich auf Hans Purin, einen jungen Architekten, der gerade sein eigenes Wohnhaus in Holzbauweise fertiggestellt hatte, aber vor allem durch den kompromisslosen Umbau der Kirche im Zisterzienserkloster Mehrerau aufgefallen war.

Planung und Bau werden von allen Seiten als unproblematisch beschrieben, Mitbestimmung und Selbstbau waren Teil des Programms. Hans Purin hatte einen Bebauungsvorschlag für den gesamten Hang und eine detaillierte Planung von 15 Wohneinheiten erarbeitet, für die nun Interessenten gesucht wurden. Mit einem Modell der Anlage wurde sogar in der örtlichen Sparkasse geworben, die als Bank der Errichtergemeinschaft das Projekt unterstützte. Vermutlich wurde – im Gegensatz zu vielen ähnlichen Projekten dieser Zeit – auch dadurch die baurechtliche Genehmigung zwar mit Skepsis der Behörden, aber ohne Verzögerung erteilt.

Mit dem Bau der ersten drei Einheiten wurde bereits 1965 begonnen. Dieser dreigeschossige Typ quer zum Hang wird von unten erschlossen und zeigt mit seiner Abfolge von Garten-, Wohn- und Zimmergeschoss einen Grundrisstypus, der noch heute nahezu unverändert gebaut wird.

Der Sockel und die Trennwände zwischen den Einheiten bestehen aus weiß geschlämmten Betonsteinen. Dazwischen wurde eine reine Holzkonstruktion eingebaut. Ein Windwurf bei München hatte billiges Bauholz auf den Markt gebracht, das dazu verwendet wurde, massive Holzdecken mit Nut und Kamm und fertigen Untersichten herzustellen. Darauf wurde ein minimaler Fußbodenaufbau mit Riemenboden aufgebracht. Die ganze Umsetzung stand im Zeichen einer intelligenten Zusammenführung präziser Planungssysteme und harter ökonomischer Rahmenbedingungen.

Tragbalken aus Leimholz spannen in einem Raster von 4 mal 3 Metern über die gesamte Haustiefe. Ihre Maßhaltigkeit garantiert dichte Anschlüsse bei den Wanddurchdringungen. Das Riegelwerk wurde dunkelbraun imprägniert, Holzdecken und Wandscheiben im Wohngeschoss blieben unbehandelt.

Die Bewohner von Halde I haben kaum etwas verändert. Spuren der Abnutzung sind erkennbar und einzelne Elemente wurden ersetzt, doch sind die Stimmigkeit und die Präzision der Ordnung als harmonische, ja musikalische Struktur der Räume stets präsent. Die Form scheint die Substanz zu schützen, verleiht ihr eine beeindruckende Gültigkeit und ist wohl auch ein Grund für die Leichtigkeit der überaus knappen Raumdimensionen.

Die zweite Serie mit neun Häusern wurde 1967, unmittelbar nach Halde I fertiggestellt. Der schmale und im Vergleich zu Halde I mit 102m² Nutzfläche kleinere Typus wird über eine zweiläufige Treppe erschlossen und von rückwärts im Halbgeschoss betreten. Ein Flugdach über der zentralen Freitreppe entstand ohne den Einfluss von Hans Purin. Die auch heute noch erhaltene moderne Strenge der Häuser von Halde I wurde hier durch eine lebendigere Ausgestaltung ersetzt, ohne jedoch die Ordnung der Bauten nachhaltig zu verletzen. Purin hatte für die Innenausstattung der Häuser nicht nur die Planung von Einbaumöbeln angeboten, sondern auch ein universelles Möbelsystem aus 36 mal 36 mm starken Lattenquerschnitten entwickelt, das er später immer wieder anwendete.

In den 1970er Jahren entstand angrenzend an Halde I ein kleiner Zubau, den Franz Bertel mit Purin als seinen Alterswohnsitz plante, inzwischen jedoch vermietet.

»Die Halde« überrascht nach wie vor mit einer Fülle von Konzepten und Ideen und zeigt die durchgängige Qualität gestalterischer Kontinuität. Die Loos’sche Idee vom Haus mit einer Mauer ist darin ebenso zu finden wie Einflüsse der Siedlung Halen von 1958 bis 1961. Und wenn man mit den Bauherren der ersten Stunde im nahezu unveränderten Arbeitszimmer spricht, reichen die Assoziationen von den Armutsgeboten und Bauvorschriften Bernhard von Clairvaux’ bis zu Euklids »Elementen«. Die Organik des Baustoffes Holz erschließt sich dabei ebenso logisch wie das Elementare der geometrischen Grundformen, das die Häuser in eine fast kosmische Ordnung bringt und zu einer geistigen Konstruktion macht, denen die materielle und die bauliche ganz selbstverständlich zu folgen scheinen. Eine beständige Suche nach dem Dahinter, nach dem Transzendentalen beseelt dann diese Häuser, die plötzlich jenseits der Moderne eine archetypische Spur des Bauens aufnehmen.

Wenn man den Worten Franz Bertels folgt: »Keine Zukunft ohne Tradition«, dann gilt dies nicht nur für die Vorbilder, sondern auch für die Spuren zu nachfolgenden Bauten, die sich zu einer Kontinuität der Baukunst bekennen. Dass diese Kontinuität eine sehr selektive ist und die Geschichte nicht als gemütliches Nähkästchen, sondern als Folge von Aufbrüchen sieht, macht sie radikal.

15. September 2007 Helmut Stingl
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Bauen in neuer Dimension

Alle Klagenfurter kennen sie, die große Messehalle 3, mit fast 100 Metern freier Stützweite und 25 Metern Höhe, galt sie doch früher neben dem Lindwurm auf dem Neuen Platz als zweites Wahrzeichen der Stadt. Auch den Fachleuten aus Forst, Säge, Holzgewerbe, den Holzingenieuren und Architekten ist die Halle, die heuer 41 Jahre alt ist, von Ausstellungen, Messeveranstaltungen und aus der Fachliteratur bekannt, und immer noch kommen beim Betreten der Halle fast sakrale Gefühle auf. Dr. Erler von der Messedirektion erzählt, dass sie alle immer noch stolz auf ihre Halle seien, auf die stützenfreie, riesige Fläche von 7.000m², dass es nichts Besseres gäbe für wirklich kreativen Standaufbau und dass die großzügige Höhe zudem für ein angenehmes Raumklima sorge, besonders seit abgehängte Wärmepaneele angebracht wurden ...

Aber zurück zu Profanem: Um es gleich vorwegzunehmen – die Holzkonstruktion ist, soweit das Auge eine kritische Sicht erlaubt, in gutem Zustand. Im Innenbereich gibt es kaum größere, sonst oft durch Sonneneinstrahlung oder Heizung ausgelöste Schwindrisse. Die Oberflächen der außen liegenden Teile der Träger (Auflagerbereiche) sind stark nachgedunkelt, könnten aber durch Abschleifen und neuen Anstrich aufgehellt werden. Der Wartungsaufwand in diesen 40 Jahren galt also kaum der Holzkonstruktion, hingegen wurde vor zehn Jahren die alte Welleterniteindeckung durch Alu-Trapezbleche ersetzt.

Was aber bewog die damals Verantwortlichen zu der Weitsicht, einer derart großzügigen Hallenlösung zuzustimmen? Man hätte doch eine billigere, vielfach unterstützte Dachkonstruktion bevorzugen können. Aber es war eine Zeit der wirtschaftlichen Hochkonjunktur und man sollte und wollte für den in Österreich noch jungen Holzleimbau deutliche Signale nach innen wie außen setzen sowie dem Namen einer Holzmesse gerecht werden. In Europa gab es damals an ähnlich großen, freigespannten Holzkonstruktionen lediglich zwei in Frankreich und eine – in Planung – in Belgien. Sollte da Österreich als das europäische Holzland nachstehen?

Es ist immer wieder erstaunlich, welch technische und logistisch-organisatorische Leistung die Errichtung eines solchen Großbauwerkes in Holz darstellt und welcher Pionier- und Ingenieurgeist dahinter treibend wirkt. Man denke nur an die Größenverhältnisse der Bauteile von 55 Metern Länge bei den gegebenen Produktionsmöglichkeiten, die damaligen Transportprobleme oder den bis ins kleinste Detail durchdachten Montagestoß der großen Träger.

Die Aufgabe, 96 Meter bei einem ungewohnt hohen Schneelastanteil von 2,0kN/m² frei zu überspannen, Giebelwindlasten von 780kN über die Dachfläche verteilt auf die Längswände herunterzubringen, 1.300m³ Brettschichtholz in wenigen Monaten zu berechnen, zu zeichnen, zu produzieren und zu montieren, stellte für den Holzbau eine Herausforderung von völlig neuen Dimensionen dar.

Einem Artikel in »Bauen mit Holz« 1966, Koautor DI Walter Buchmann, sind neben technischen Details zum Hallenbau die wichtigsten handelnden Personen zu entnehmen: Bauherr war die Österreichische Holzmesse Klagenfurt, der Entwurf kam von Arch. DI Otto Loider aus Wien. Die Umsetzung der gesamten Holzleimbauarbeiten lag bei der Fa. Wiesner Hager in Altheim unter Baurat DI Dr. techn. Erich Wiesner Sen., die Holzbaustatik bei DI Max Hochreiner und die Prüfstatik bei Prof. Dr. Schischka von der TH Wien. DI Buchmann war 1966 Hochschulassistent an der TH Wien gewesen, und noch heute erinnert er sich an viele Details und Beteiligte von früher. Für ihn sei es eine sehr spannende Zeit gewesen, erzählt DI Buchmann, da er im Auftrag von Prof. Schischka die statische Berechnung und Überprüfung der Holzkonstruktion teilweise durchgeführt habe. Es wären in der Holzbaunorm damals viele Fragen offen gewesen, die dann in Ableitung und Analogie zu Stahlbauthemen gelöst wurden, wie z. B. das Stabilitätsproblem des Binderknickens in der Ebene.

Das Herausragende an den technischen Lösungen von damals ist wohl das Konzept der zweiteiligen Binderquerschnitte mit aufgeleimten Gurten aus mehrlagig verleimten Platten. Die Querschnittshöhe ist dem Momentenverlauf angepasst, also veränderlich, was im Zuschnitt vor dem Gurtaufleimen höchste Genauigkeit erfordert. Besonders durchdacht und raffiniert gelöst sind die verleimten, deshalb starren Montagestöße: seitlich aufgeleimte Platten an den Stegen und über schräge Keilzinkung mit zusätzlicher Keilwirkung verleimt gestoßene Flansche. Die Halbbinder wurden noch im Werk in je drei Teile getrennt, in Folie verpackt, mit der Bahn antransportiert, in einer adaptierten, beheizten kleinen Messehalle wieder zusammengeleimt, ausgehärtet, vorgelagert und montiert.

Der Umgang mit Großbauteilen bei Transportlängen bis 40 Meter gehört heute im Holzleimbau zum Alltag, nicht zuletzt wegen der wesentlich günstigeren Verkehrsinfrastruktur und der mobilen Kräne. Es gibt auch keine Scheu mehr vor Herstellungsgenaugkeiten um 0,5 mm. Das erlaubt natürlich großflächige Vorfertigung im Werk und Passgenauigkeit, wie sie bisher nur der Stahlbau kannte.

Zur Regel geworden ist seither auch die regengeschützte Produktion und Montage von Holzbauteilen.

Im Bereich der Brettschichtholzproduktion ermöglichen Forschung und Maschinenindustrie bei gleichzeitiger Kostenreduktion inzwischen höchstes Qualitätsniveau. Ein Zahlenvergleich: 1965 kostete ein Kubikmeter BSH montiert ca. 7.500,– öS, ein Preis, der mit ca. 500,– bis 600,– € bis heute trotz viel höherer Arbeits- und Materialkosten fast gleich geblieben ist.

Bei der Klagenfurter Halle wurden die Querschnitte aus mehreren verleimten Einzelteilen zusammengesetzt und wiederum verleimt. Vor vier Jahrzehnten noch in den Anfängen, gibt es heute viele Anwendungen solcher blockverleimten, geraden oder gekrümmten Konstruktionen, mit allen inzwischen erarbeiteten Herstellungsrichtlinien und Vorschriften.

Am Ende dieser Betrachtung darf die Frage gestellt werden, wie eine Hallenlösung 2007 aussähe: An den Lastannahmen würde sich trotz neuer Schneenorm für gleichverteilte Last nicht viel ändern, aber bei angenommener Dreiecksverteilung würde es doch lokal für Sekundärbauteile zu Lasterhöhungen kommen. Die Bogenform der Träger würde man beibehalten, auch das Dreigelenksystem, den Querschnittaufbau ohne Gurte, einfach blockverleimt, aus drei oder vier Rechteck-Einzelquerschnitten. Je Binderhälfte gäbe es nur einen Montagestoß als Querkraft- und Momentenstoß über »implantierte« Stahlteile und Stahlbauverbindungen (Verschraubung) auf der Baustelle. So käme man zu schlankeren Bindern und Transportlängen von ca. 28 Metern. Wegen des Breiten-Längen-Verhältnisses von 75 zu 100 Metern könnte man z. B. eine OSB-Plattenbeplankung über die gesamte Dachfläche ziehen und die Scheibenwirkung nützen. Die bisherige feingliedrige, arbeitszeitintensive Netzstruktur der Verbände ließe sich dadurch ersetzen. Eine Lastabtragung der Normalkräfte, wie bei Flächentragwerken üblich, wäre durchaus als Überlagerung denkbar. Heute würde man größten Wert auf eine volle Verkleidung der im Freien liegenden Binderteile legen, sodass weder Regen noch Sonne zu Rissbildung im Holz führten. Schließlich ist noch zu sagen, dass das einstige Problem der Bogenstabilität heute mit ausreichenden Bemessungsgrundlagen und Normenvorgaben im Holzbau rasch und sicher lösbar ist.

15. September 2007 Eva Guttmann
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Konstruktiv assoziativ

Einer der überraschendsten Aspekte beim Haus Fischer ist seine Ausstrahlung. Es ist ein kleines Haus, ein Feriendomizil am Grundlsee, unauffällig in die Landschaft gesetzt, flach, im Vorbeifahren kaum wahrnehmbar und inzwischen dreißig Jahre alt. Trotzdem vermittelt es nach wie vor eine aufgeweckte Inspiriertheit, Freude am Experiment, am Konstruieren und daran, an die Grenzen zu gehen.

Im Jahr seiner Fertigstellung schrieb Florian Beigel in der Bauwelt: »Das Ergebnis ist zweifelhaft. Es gibt Anlaß zu einer Anzahl unterschiedlicher, bildhafter Ideenverbindungen. Die Nachbarn können es nicht leiden; die höflichste Bezeichnung ist „Wildfütterung“, die auch durch Verkleidung mit Gold oder Elfenbein nicht besser werden könnte. Andere haben es Eisenbahnwagen genannt, eine Forschungsstation auf dem Mond, eine militärische Kommandostelle, einen Stall, eine Schlangenfarm, eine Fledermaus oder einen Vogel (…). Ein befreundeter Architekt, der Häuser gern mit Gestalteigenschaften bezeichnet, findet es beunruhigend. Das liegt auf der gleichen Linie wie das Fledermaus-Bild. Welches Bild auch immer, die Bedeutung liegt in der Tatsache, daß das Haus Assoziationen hervorruft, und zwar verschiedene bei verschiedenen Leuten. Man kann sagen: Es unterhält sich mit den Leuten.«

Woher bezieht dieses kleine, fast bescheidene Haus nun seine Wirkung? Die Entstehungsgeschichte ist komplex und von verschiedensten Einflüssen geprägt: Die Bauherren, eine Familie, die in London lebte, wünschte sich ein Ferienhaus, »etwas Skandinavisches«, und beauftragte die befreundeten Architekten Frey und Beigel mit der Planung. Diese hatten, nach gemeinsamen Jahren bei Ove Arup, kurz zuvor ein eigenes Büro in London gegründet und interessierten sich besonders für die konstruktiv-geometrischen sowie für die energietechnischen Aspekte des Bauens. Hintergrund dafür war unter anderem die Ölkrise von 1973. Die finanziellen Mittel, die zur Verfügung standen, waren begrenzt, umso besser traf es sich, dass Konrad Frey im Lauf der Planungszeit nach Österreich zurückgekehrt und Mitarbeiter am Institut für Umweltforschung in Graz (dem heutigen Joanneum Research) geworden war. So konnten Forschungsgelder sowie eine Förderung vom Österreichischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung lukriert und umfassende Studien und Recherchen finanziert werden.

Die Entscheidung für eine Holzkonstruktion fiel sowohl aus ökologischen als auch aus Gründen des Standorts. Holz schien das für die Region geeignete Material zu sein, und so wurde mit der Ausführung auch ein Zimmermeister aus Grundlsee beauftragt, zugleich Bürgermeister der Ortschaft, der dadurch zum Teil heftige Interessenkonflikte zu bewältigen hatte.

Ziel der Architekten war die Entwicklung einer Konstruktion, die maximales Volumen bei minimalem Materialbedarf unter Berücksichtigung der Schneelast von – damals noch – 450kN/m² und minimaler Biegebeanspruchung bewältigen würde. Beraten von Ted Happold entwickelten und prüften Frey und Beigel sechs verschiedene Tragstrukturen, bevor sie sich für ein hauptsächlich druck- und zugbelastetes räumliches Stamm-Ast-System entschieden, das schließlich von Anton Riedlbauer gerechnet wurde. Das Dach wird nun von verzweigten Baumstützen getragen, die eine Spannweite im Raster von 3,60 Metern erlauben und mittels herkömmlicher Zimmermannsarbeit hergestellt werden konnten.

Alle Entscheidungen betreffend Konstruktion, Materialwahl und Form wurden unter dem Aspekt der Material- und Energieersparnis getroffen. Das Haus folgt der Geländeneigung, indem es gestuft und leicht abgehoben auf Punktfundamenten in den Hang gesetzt wurde. Ausrichtung und Dachform berücksichtigen den Sonnenstand im Lauf des Jahres und zielen auf Maximierung der Beschattung im Sommer und des Lichteinfalls im Winter. Diese bekannten Maßnahmen wurden allerdings ergänzt durch Eingriffe, die völlig neu waren und das Haus als »erstes Sonnenhaus Österreichs« bekannt machten: Entlang der Südwand erstreckt sich eine massive, dunkle Speicherwand. Diese ist verglast und dient dazu, die Sonnen- in Wärmeenergie umzuwandeln und über ein Wasserrohrnetz, das mit einer Fußbodenheizung verbunden ist, in das Haus zu leiten. Der französische Ingenieur Félix Trombe hatte dieses System in den 1960er Jahren entwickelt. Bemerkenswert ist, wie die Hangneigung dazu ausgenutzt wurde, die Sonnenwand in die Südfassade zu integrieren, ohne diese formal zu dominieren.

Ein anderes Experiment war die Installierung von Solarkollektoren auf dem Dach für Brauchwasser und einen Heizungsanteil. Diese wurden damals aus Heizkörpern »gebastelt«, allerdings nach einigen Jahren als für ein Ferienhaus unwirtschaftlich wieder entfernt. Doch nicht nur die Energiemaßnahmen hatten Pioniercharakter. Auch die Wahl damals neuer Materialien (französisches billiges Kistensperrholz aus harzreicher Föhre, für die Außenfassade mit Silikon verfugt, grüne Bitumenschindeln auf dem Dach) und Grundriss waren geprägt von Fantasie und Innovationsgeist. Auf die Frage, was er heute anders machen würde, antwortet Konrad Frey: »Konstruktiv betrachtet ist die Holzknotenausbildung zu aufwendig. Es wäre besser gewesen, die schwierige Geometrie ausschließlich im Stahlknoten auszuführen und die Holzprofile rechtwinklig abzuschneiden. Die Holzträger, welche die Außenhaut durchdringen, hätten aus Leimholz sein müssen, denn so geht wegen der durchgehenden Schwindrisse viel Luftwärme verloren. Insgesamt wurden die Holzquerschnitte stärker dimensioniert, als das mit heutigen 3D-Berechnungsmethoden möglich wäre. Die Sperrholzfassade samt den Silikonfugen hat sich – mit mehreren Alkydharzanstrichen über dreißig Jahre – gut bewährt.« Inhaltlich beruft er sich auf die Zufriedenheit der Bauherren, die für die Beurteilung der Qualität des Hauses wohl ausschlaggebend sei, und erzählt, dass er gerade ein Nebengebäude und die Erweiterung eines der Schlafzimmer plant.

Für das Haus Fischer gibt es weder Vorbilder, noch scheint es selbst direkt zum Vorbild geworden zu sein. Trotzdem hat es Wirkung entfaltet, nicht zuletzt deshalb, weil es nach wie vor im ursprünglichen Sinn genutzt wird, immer noch zugleich bescheiden und selbstbewusst eine moderne Haltung transportiert und die Überlegungen, die vor über dreißig Jahren seine Entstehung bestimmt haben, heute zum Planungsalltag gehören

15. September 2007 Nora G. Vorderwinkler
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Holz macht Schule

Seine Erinnerungen an die eigene Volksschulzeit beschreibt der Vorarlberger Architekt Jakob Albrecht in idyllischen Bildern: »Die Schule war vollständig aus Holz gebaut. Morgens hat die Hauswärterin im runden, eisernen Ofen, der mitten im Klassenraum stand, Feuer gemacht. In der Pause haben wir dann darin Äpfel gebraten.« Gut zwanzig Jahre später, gerüstet mit einem Architekturdiplom der Akademie der Bildenden Künste in Wien, besteht Albrechts erste eigenständige Bauaufgabe in der Errichtung eines Schulgebäudes in seiner Heimatregion, dem Bregenzerwald: Mit der Hauptschule Egg schuf Albrecht im Jahr 1962 ein öffentliches Gebäude, das die weitere Architekturentwicklung der Region entscheidend prägen sollte. Es entstand wider die damals geltende Brandschutzverordnung als erster mehrgeschossiger öffentlicher Bau, bei dem Holz konstruktiv zum Einsatz kam.

Dank der massiven Unterstützung durch den amtierenden Bürgermeister von Egg wurde eine Sondergenehmigung von der Baubehörde erteilt. Im Gegenzug wurde der junge Planer angehalten, sämtliche tragende Holzbauteile überzudimensionieren. In seinem Entwurf nimmt Albrecht Bezug auf die Holzbautradition des Bregenzerwaldes. Auf die topografischen Gegebenheiten – die schmale Parzelle erstreckt sich entlang einer prägnanten Hangkante neben der Hauptstraße – antwortete Albrecht mit einem lang gezogenen Baukörper nach dem formalen Konzept einer Korridorschule. Zu beiden Seiten der dreigeschossigen, zentral positionierten Aula erstrecken sich schmale zweigeschossige Klassentrakte. Form und Größe der Schule brachten dem Rohbau bald den spöttischen Beinamen »Seilerei« ein, doch die Verwunderung seitens der Bevölkerung wich zusehends dem Staunen über den modernen Bau.

Bei der Eröffnung im Herbst 1962 machten die rundum holzverkleideten Klassenräume und deren beidseitige Versorgung mit Tageslicht Furore. Die Positionierung der Fenster in kindgerechter Augenhöhe wurde ebenso bestaunt wie die großzügige Aula und die breiten Korridore. Eine absolute Neuheit aber war der südseitig verglaste Gymnastiksaal am Ende des Ostflügels. Zwar wurde die Schule in Mischbauweise ausgeführt, ihre Gesamterscheinung wird jedoch innen wie außen von Holzbauteilen dominiert: von den in Ständerbauweise ausgeführten Nord- und Südwänden, der sichtbaren Holzkonstruktion mit den großflächigen Verglasungen im Aulabereich und den mächtigen Leimbindern der Dachstruktur. Handwerklich kamen durchwegs solide, einfache Techniken zum Einsatz. Dennoch stellte der Bau in dieser Hinsicht eine Herausforderung dar.

Zimmerer wurden damals vorwiegend mit der Errichtung von landwirtschaftlichen Gebäuden beauftragt, wobei auf die Qualität der sichtbaren Oberflächen wenig Wert gelegt wurde. Der im Inneren der Schule geforderte Verarbeitungsstandard des sichtbaren Holzes verlangte den Handwerkern also eine damals überdurchschnittliche Genauigkeit ab. »Für die Verglasung der Schulhalle sollten etwa Fälze in die konstruktiven Bauteile eingearbeitet werden. Dazu musste der Zimmerer die Präzision eines Tischlers an den Tag legen – das war für ihn völlig neu«, erklärt Jakob Albrecht. Das Ergebnis ist aus heutiger Sicht bemerkenswert. Hermann Nenning, Zimmerer der nachfolgenden Generation zur Ausführung des Baus: »Es ist erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit mit Holzoberflächen früher umgegangen worden ist.« »Doch genau das macht heute den Charme des Gebäudes aus«, ergänzt der Architekt Walter Felder, der mit der Sanierung des Baus betraut wurde.

Selbst mit den atmosphärischen Vorzügen des Holzes aufgewachsen, soll er nun die Hautpschule Egg in eine neue bautechnische Ära geleiten. Die geplanten Maßnahmen konzentrieren sich auf die bauphysikalische Nachrüstung der Schule, insbesondere in akustischer und thermischer Hinsicht. Dabei erweisen sich die vorhandenen Holzbauteile als ideal: Die Außenelemente der Nord- und Südwand können komplikationslos ausgebaut, in der Werkstatt gedämmt und anschließend wieder montiert werden. Zur akustischen Nachbesserung der Klassenzimmer wird die bestehende Täfelung ersetzt. Proportionen und Holzart der Täfer bleiben gleich, lediglich die Fugen werden offen gehalten. Raumkonzept, Lichtführung sowie Erschließung bleiben vom Umbau unberührt.

Brandschutztechnische Fragen regeln die zuständigen Beamten mit großer Gelassenheit. Im Fall der Schule Egg wurde, wie bereits bei ihrer Entstehung, auch für die Sanierung eine Sondergenehmigung erteilt. Diese betrifft die Holztäfelungen und -böden in den Klassen, die den aktuellen Schulbau- und Brandschutzverordnungen nicht entsprechen. Im Gegenzug mussten die Architekten Ersatzmaßnahmen einplanen, etwa zusätzliche Brandmelder und Löschgeräte.

Die Entstehungsgeschichte der Hauptschule Egg und ihr heutiger Stellenwert sind repräsentativ für die allgemeine Entwicklung des Holzbaus im öffentlichen Bereich seit 1945 in Vorarlberg. Albrechts Herangehensweise als junger Architekt trug entscheidend dazu bei, das verzerrte Image zu korrigieren: Sein determiniertes Handeln, sein Vertrauen in die Materialfähigkeiten und die Umsetzung von präzise durchdachten Details in die Praxis bilden rückblickend den Anfang der überzeugendsten Imagekampagne zur Wiedereinführung des Baustoffs Holz.

15. September 2007 Norbert Mayr
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Wohnen in der Natur

Vor wenigen Wochen gewann Architekt Paul Schweizer den Wettbewerb zu einer als Holzbau ausgeschriebenen Werkstatthalle für das Holztechnikum Kuchl. Ende der 1940er Jahre war die neue »Sägefachschule« im Land Salzburg hingegen in einem gemauerten Gebäude in sogenannter »Heimatschutzarchitektur« von Architekt Erich Horvath eröffnet worden. Damals war nur mehr die Lehrwerkstätte für Holz- und Metallverarbeitung – so ein Zeitungsbericht – in einer »Baracke« untergebracht gewesen.

1952 präsentierte sich das Holztechnikum Kuchl auf einer international organisierten, erstmals in Salzburg veranstalteten fünftägigen Holzfachtagung. Ein Artikel zur Holzforschung formulierte damals den »Willen zum Experiment« als »oberstes Postulat« für einen fortschrittlichen sozialen Wohnungsbau. Es sollte »das Experiment, der wissenschaftliche und praktische Versuch, das erste und letzte Wort haben«. Aber erst Anfang der 1980er Jahre entstand in Salzburg ein architektonisch engagierter Holzbau im Mehrfamilien-Wohnbau. Hier hatte es keine Modellprojekte wie die Fertighaus-Mustersiedlung Wien Veitingergasse (Roland Rainer und Carl Auböck, 1953) oder herausragende Wohnbauten wie jene der Rainer-Absolventen Hans Purin und Gunter Wratzfeld im Vorarlberg der 1960er Jahre gegeben. So leitete erst Gerhard Garstenauers ab 1976 geplantes und 1978 fertiggestelltes eigenes Wohnhaus den konstruktiven Holzbau in Salzburg ein.

Garstenauer, der seine ersten Lebensjahre in einem einfachen Blockhaus in Fusch an der Glocknerstraße verbracht hatte, entwickelte auf einem Grundstück am südlichen Stadtrand Salzburgs für seine fünfköpfige Familie das erdgeschossige, halb unterkellerte Haus. Die Konzeption des Baus war von den Grundstücksgrenzen, dem wertvollen alten Baumbestand, von Sonne, Aussicht, Naturbezug und Topografie bestimmt. Passive Solarnutzung verband sich mit der Schaffung attraktiver Ausblicke nach Süden und Westen.

Das große, flache Pultdach entspricht dem leicht abfallenden Terrain. Da die einzelnen Räume bzw. Raumgruppen – durch einige Stufen getrennt – auf dem jeweiligen Hangniveau liegen, bleibt der Geländeverlauf im Haus spürbar. Der Landschaftsbezug – durch großzügige Verglasungen und Blickbeziehungen gegeben – verzahnt sich mit einer innenräumlich differenzierten Durchwegung. Garstenauer machte durch seine von Klarheit und behaglicher Atmosphäre geprägte Holzarchitektur die Natur »bewohnbar«, Landschaft, Jahreszeiten und Witterung in besonderer Unmittelbarkeit spürbar. Die sensible Einbindung in den Landschaftsraum trägt dazu bei, dass das Haus als Ganzes kaum sichtbar ist, umso mehr überrascht dann seine räumliche Weitläufigkeit.

Kein Teil des konstruktiv stimmigen Ständerbaus, der gemeinsam mit dem auch innen präsenten Pultdach die Grundstruktur bildet, ist verkleidet. Decken und Wandflächen sind mehrschichtig isoliert aufgebaut. Das Haus besitzt keine Fassaden im üblichen Sinne, denn die Außenwandelemente sind von Stütze zu Stütze – fix oder beweglich, voll oder transparent – gespannt. Es ist zur Gänze – von der Konstruktion über den Boden bis zum Möbeldetail – aus massivem Lärchenholz. Die Stützen, Unterzüge, Pfetten und Sparren sind brettschichtverleimt und entsprechend brandbeständig dimensioniert. Garstenauer rechnete das Schwindmaß an allen Detailpunkten aus und konnte die Fugen von vornherein berücksichtigen. Als giftfreie Imprägnierung fand – angeregt von seiner Frau, einer Apothekerin – eine damals neuartige Borsalzlösung innen wie außen Einsatz, die wiederholtes Ausmalen überflüssig macht.

Der warme Farbton der Lärche war ein Grund für die Wahl dieses hochwertigen Baumaterials, eine farbliche Oberflächenbehandlung lehnte Garstenauer ab. Der Architekt hatte damals im Rahmen von Vorlesungen an der Universität Innsbruck grundsätzliche Aspekte zum Thema Behaglichkeit untersucht und »reale wie außerrationale Faktoren« für die »Unschlagbarkeit« von Holz gefunden: »Das Holz als Hauptbaustoff sorgt für „Kühle“ im Sommer und für „Wärme“ im Winter. Auch bei großer Kälte genügen 20 Grad mittlerer Raumtemperatur, da die relative Luftfeuchtigkeit nicht unter 40 Prozent sinkt. Höchste Behaglichkeit ist auf diese Weise gepaart mit geringstem Energieaufwand.« Die ursprünglich von einer Wärmepumpe versorgte Fußbodenheizung wird nur in Extremfällen von einigen Radiatoren unterstützt. Der mehrschichtige Aufbau der Decken- und Wandflächen und Dreifachverglasungen ermöglicht – so Garstenauer – einen U-Wert von 0,3W/m²K. Die Baukosten entsprachen den üblichen Kosten für Mauerwerksbauten.

Ursprünglich nutzte Garstenauer zusätzlich zum Stadtbüro zwei Atelierräume im Eingangsbereich. Vor rund zehn Jahren baute er diese und zwei ehemalige Kinderzimmer zur Wohnung für die Familie seines Sohnes um. Der vorausschauende Einbau von Sanitäreinheiten erleichterte diese Umnutzung und zeigt die Flexibilität des architektonischen Konzepts. Ein drittes Zimmer wurde zum Atelier des heute 82-jährigen Architekten erweitert.

Das Haus, das beim österreichischen Holzbaupreis 1984 eine Anerkennung erhielt, ist nach wie vor in hervorragendem Zustand. Der dem Grundkonzept innewohnende konstruktive Holzschutz und die sorgfältige Detaillierung führten im Außenbereich nur zu dezenter Patina und beugten jeglichem Schadensfall vor. Lediglich eine wegen ihrer Länge nicht aus einem Stück gefertigte Dachrinne aus Holz wurde kürzlich ausgetauscht.

Im konstruktiven Holzbau des Landes Salzburg der Nachkriegsjahrzehnte stellt dieses Gebäude eine singuläre Leistung dar. Als Modell einer zeitgemäßen Wohnform für den alpinen Raum fand es zwar keine Nachfolger, trotzdem hat sich in den letzten Jahrzehnten erfreulicherweise ein architektonisch anspruchsvoller Holzbau in Salzburg entwickelt.

15. September 2007 Arno Ritter
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Vom Gerüst zum Etui

Es gibt Bauten, die bewahren ihre Persönlichkeit, obwohl sie verändert wurden und nicht mehr so sind, wie sie einst gedacht waren. Auch wenn die Oberfläche gealtert, das einst honiggelbe Holz ergraut und die konzeptionelle Stringenz, die bildliche Reinheit der ersten Stunde vom gelebten Alltag transformiert und überformt wurden, behalten sie ihre ursprüngliche Qualität und architektonische Prägnanz. Denn gestimmte und stimmige Architektur – vorausgesetzt, sie wird von den Eigentümern erkannt und belebt – entwickelt sich mit dem Leben und den Bewohnern weiter, sie verliert nicht ihre Stärke, sondern formt sich zu einem zeitlosen Charakter.

Das Haus Kolig ist so eine architektonische Persönlichkeit, die trotz ihres Alters noch immer »frech« in der Landschaft steht und gleichzeitig ganz selbstverständlich den Hang besetzt und definiert. Obwohl das Haus an die Qualität der bäuerlichen Architektur erinnert, da es unter anderem aus der Tradition des anonymen Bauens dieser Region entwickelt, jedoch in die 1970er Jahre transformiert wurde und vielleicht auch deshalb noch immer modern ist, hätte es anfänglich beinahe nicht gebaut werden dürfen, da es vor allem von der Behörde und echten Kärntnern abgelehnt wurde.

Diese Erregten trafen die architektonische Ursprünglichkeit, die typologische Archaik und die stille Modernität des Hauses so sehr ins heimelnde Herz, dass nach seiner Errichtung sogar die Gefahr bestand, dass es von gerade diesen »Verbundenen« angezündet oder umgesägt werden hätte können. Am Anfang dieser schlichten Ikone der alpinen Moderne stand die Zusammenarbeit zwischen dem Künstler Cornelius Kolig, der wenige Jahre später mit der Errichtung einer komplexen Anlage, dem fantastischen und einzigartigen Gesamtkunstwerk »Paradies« in Vorderberg begann, und dem kurz zuvor aus Kalifornien zurückgekehrten Architekten Manfred Kovatsch, der sich im Rahmen seines Forschungsaufenthaltes mit dem amerikanischen Holzbau, energieorientierten Überlegungen im Bauwesen und vor allem mit Rudolf Schindler beschäftigt hatte.

Die erste Idee von Kovatsch, ein einfaches Holzgerüst mit »darüber gestülptem Holzspalier zu bauen, das bewachsen wie eine zweite Klimahülle wirken sollte«, war der konzeptionell radikale, gleichzeitig skulpturale Ausgangspunkt eines steten Entwicklungsprozesses, dessen vorübergehendes Zwischenergebnis von 1977, das vielfach publizierte und fotografierte Haus Kolig, im Laufe der Jahre von Cornelius und Doris Kolig sukzessive erweitert, adaptiert, verändert und in gewissem Sinn zu einem maßgeschneiderten Etui weiterentwickelt wurde.

Zwar gab es für Kovatsch auch einige Eingriffe – so wurde in die Westfassade ohne Rücksprache ein großes Fenster, ein »Landschaftsbild« geschnitten –, die er in dieser Form anfänglich problematisch fand, aber letztendlich wurde das Haus bis in die jüngste Vergangenheit auf Basis des anfänglichen Konzepts zu einem funktionalen Gesamtkunstwerk komplettiert.

Ursprünglich wurde das Haus – unter anderem auch aus ökonomischen Gründen – aus massiven Fichtenhölzern mit einfachsten Mitteln und ohne wirkliche Detailplanung innerhalb von drei Tagen aufgestellt, das Dach aus mehrlagigen Lärchenbrettern gedeckt und die Räume mit einfachem, naturbelassenem Fichtensperrholz »tapeziert«.

Den Zimmerleuten wurden das Modell und ein Werkplan zur Verfügung gestellt, die wichtigsten konstruktiven Knoten und Verbindungselemente zwar vom Statiker Horst Lintl aus München gezeichnet, die wesentlichen Entscheidungen bezüglich der Ausbaudetails jedoch an Ort und Stelle mit den Handwerkern getroffen und die Bauleitung an Cornelius Kolig übertragen, der ohne große praktische Vorkenntnisse, aber in telefonischem Kontakt mit Kovatsch in München den Entstehungsprozess des ungewöhnlichen Projekts betreute.

Betritt man das Haus heute und lebt sich in seine Persönlichkeit ein, dann nimmt man die Ambivalenz zwischen Tradition und Zeitlosigkeit wahr, spürt den Dialog der beiden Autoren. Denn unter der lärchenverschalten Hülle, die sukzessive eine rurale Anmut bekam – ohne wirklich kärntnerisch zu werden –, blieb ein utopischer Kern, jener widerständige Geist der 1970er Jahre erhalten, der mehr durch weniger erreichen wollte, ohne das Wesentliche zu verlieren oder minimalistisch zu wirken. Das Haus ist räumlich vielschichtig und in der Benutzung offen, einzigartig und gleichzeitig so allgemein gedacht, dass es überall, aber nur hier stehen kann. Es irritiert in gewissem Sinne angenehm und überzeugt durch den spielerischen, aber funktionalen Ansatz in der Lösung von Details und in der ungewohnten Materialisierung von Alltäglichem. Denn letztendlich wurde es aus unterschiedlichen Erfahrungen entwickelt, aus den Tiefenschichten des kollektiven und gleichzeitig individuellen Bewusstseins, das von Erlebnissen auf Heuböden, Kindheitsträumen und Raumutopien erzählt.

Das Haus kreiert einen uneindeutigen und gerade deshalb lebenswerten Raum, der ganz aus den damaligen Lebensumständen von Kovatsch und Kolig entwickelt wurde und die Zeit seither brauchte, um so zu bleiben, wie es anfänglich gedacht war.

15. September 2007 Bernhard Steger
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Grundsätzlich fortschrittlich

Eigentlich sollte die Kirche ja längst nicht mehr an diesem Ort stehen. Sie war gedacht und gebaut als vorübergehender Gottesdienstraum in einem Umfeld, das städtebaulich, sozial und auch pastoral erst erschlossen wurde. Die Kirche war mit dem Anspruch entwickelt worden, eine Lebensdauer von 40 Jahren und eine zweimalige De- und Neumontage leisten zu können. Es ist nicht ungewöhnlich, für eine solche Bauaufgabe Holz zu verwenden. Denn Holz als Material für christliche Kirchen hat insbesondere dort eine Tradition, wo sich die Gemeinden erst formieren mussten. Auch in Wien gab es dafür rezente Vorbilder: Der Prälat Josef Gorbach errichtete alleine in Wien vor und nach dem Zweiten Weltkrieg 22 Notkirchen.

Holz als Baustoff wurde hier häufig verwendet, weil es als Material kostengünstig war und einen hohen Anteil an Eigenleistung der Gemeindemitglieder zuließ. Doch bereits die Benennung als Not- oder Barackenkirchen suggerierte, dass es sich dabei jeweils nur um Gotteshäuser mit Ablaufdatum handelte. Davon unterschied sich Uhls Raumverständnis wesentlich. Für ihn war architektonischer Fortschritt immer mit der Verwendung neuester Baumaterialien und -techniken verbunden – der moderne Stahlbetonträger oder Leimbinder als Äquivalent zum Strebepfeiler der Gotik. Auch ist die Vorstellung einer sakralen Stimmung eines Raums ein Produkt des 19. Jahrhunderts und konnte unter Rückbesinnung auf die urchristliche Form des Gottesdienstes für die Architektur der Gebäude nicht bestimmend sein. Denn das, was einen Raum als Kirche definiert, ist für Uhl nicht deren Konstruktion oder Material, sondern die in ihr stattfindende Versammlung der Gläubigen.

Ottokar Uhl hatte bereits in der Wiener Siemensstraße eine demontierbare Kirche gebaut, das Ergebnis eines mit dem Soziologen Erich Bodzenta gemeinsam entwickelten Konzepts: Mit mobilen und in ihrer Größe veränderbaren Kirchen könnte, so die Überlegung, in noch unfertigen Siedlungsgebieten rasch ein seelsorgerisches Angebot geschaffen werden, bis die Situation geklärt sei und eine neue, ortsfeste und von den sozialen und pastoralen Anforderungen her abgesicherte Kirche gebaut werden könne. Infolge seiner Begegnung mit Konrad Wachsmann war Uhl aber auch davon überzeugt, dass eine Erneuerung der Architektur nur über eine Erneuerung der Bedingungen des Bauens möglich sei: Vorfertigung und Industrialisierung als Gelegenheit, architektonisch grundsätzliche Fortschritte zu erzielen. Auch theologische Gründe förderten diese Entwicklung: In der Aufbruchsstimmung des 2. Vatikanischen Konzils entsprachen nicht ortsfeste Kirchen der allgemeinen Stimmung des »Volkes Gottes gemeinsam auf dem Weg«.

Die Kirche in der Siemensstraße war in jeder Hinsicht ein Experiment. Bautechnisch verlangte Uhl mehr, als die Technologie damals zu leisten imstande war. Insbesondere das Lichtdach war von Beginn an undicht, und es gelang auch nicht, es dauerhaft abzudichten. Die Kirche war verhältnismäßig teuer, was vor allem auf die Stahlkonstruktion aus Deutschland (für die damals noch hohe Einfuhrzölle zu zahlen waren) zurückzuführen ist.

Aus diesen Gründen wurde die ursprüngliche Idee, das Modell Siemensstraße öfter zu bauen, nicht weiter verfolgt, als es kurz darauf Bedarf an einer weiteren provisorischen Kirche gab. Uhl prüfte verschiedene Konstruktionsarten auf ihren Einsatz als demontable Struktur und kam letztendlich auf eine vorgefertigte Holzkonstruktion. Diese bestand aus vier, ein Quadrat von 15 Metern Seitenlänge aufspannenden Holzträgern auf Stützen, die in sich aus zwei parallel verlaufenden Leimbindern (Hetzerbindern) bestanden. Diese Träger gaben zwei unterschiedliche Höhen vor: Die Oberkante definierte die Höhe des mittleren Teils (5,0 m), die Unterkante (2,5 m) die Höhe der Seitenteile. Ein umlaufendes Oberlicht zwischen Haupt- u. Sekundärbalken des Trägers leuchtet den Raum hell aus. Diese Konstruktionsart ermöglichte einen stützenfreien Raum, der funktional frei disponierbar und auch prinzipiell erweiterbar war. In diese Tragstruktur zog man im mittleren Bereich zwei zusätzliche Träger ein, in die Deckenelemente mit 2,5 mal 5,0 Metern gelegt wurden. Sowohl die Träger als auch die Decken- und Wandelemente waren vorgefertigt. Die Bauzeit vor Ort konnte so auf sieben Wochen reduziert werden – 1967 ein absolutes Novum.

Die Fugen zwischen den Deckenelementen des Dachs wurden mit einem Vakuumschlauch und einem Fugenband abgedichtet, ein Konstruktionsdetail, welches den dauerhaften Anforderungen im Flachdachbereich nicht Stand hielt. Dem flachen Dach wurde später (ohne Rücksprache mit Uhl) ein geneigtes aufgesetzt und der gesamte obere Bereich inklusive Holzträger verblecht. Auch im Inneren kam es zu einigen Veränderungen: Die Ausrichtung wurde gedreht, die ursprünglich auf drei Seiten um den Altar angeordneten Bänke wurden in eine frontale Anordnung umgestellt und die ehemals frei im Raum stehenden Einbauten in die Umgänge verbannt. Veränderbarkeit ist in Uhls Räumen immer bereits im Entwurf mitgedacht. Dass sich diese Veränderungen dann auch radikal gegen die architektonische und programmatische Grundhaltung wenden können, ist die – nicht immer einfach zu ertragende – Konsequenz.

1988 wurde die ursprünglich als demontierbare Filialkirche konzipierte Kirche Heiligkreuz zur Pfarrkirche erhoben und der Hl. Katharina von Siena geweiht. Die Kühnheit des Aufbruchs verflüchtigte sich in der Pragmatik der Konsolidierung.

Bauwerk