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Wann waren Sie das letzte Mal in der Kirche?

Wenn Ihr letzter Kirchgang bereits geraume Zeit her ist, empfiehlt sich ein baldiger Besuch. Denn wer weiß, ob das Gotteshaus in Ihrer Nähe noch lange steht? Rund ein Viertel aller deutschen Kirchen ist von Schließung, Verkauf oder Abriss bedroht. Schluss mit „Halleluja!“. Dies sollte niemanden kaltlassen, egal ob gläubig oder nicht. Denn Kirchen sind Bauten von überdurchschnittlichem gestalterischem Anspruch, die mit theatralischer Licht- und Wegeführung, mit inszenierter Raumwirkung, mit außergewöhnlicher Akustik und mit aufwendiger Ausschmückung Besucher faszinieren. Bei keiner anderen Bauaufgabe kann sich Architektur so frei entfalten wie im Sakralbau. Deshalb geht mit dem Verlust einer Kirche fast immer ein Stück Architektur verloren, das ein wenig anspruchsvoller war als seine Zeitgenossen.

Doch jetzt nicht nur jammern! Wie in jeder Krise steckt auch in dieser eine Chance. Am Umgang mit stillgelegten Kirchen wird sich zeigen, ob unserer Gesellschaft architektonische Qualität und das Bewahren ihres baulichen Erbes etwas wert ist. Vielleicht mobilisieren kirchliche eher als nichtkirchliche Bauwerke Kräfte, die sich für Erhalt und sensiblen Umbau stark machen. Vielleicht entzündet sich an den Sakralbauten endlich eine Debatte um baukulturelle Fragen und erreicht ein paar mehr Menschen als bisher. Vielleicht rückt Architektur wenigstens einen Millimeter weiter in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung.

Für die Amtskirche spielen architektonische Belange nicht immer die Rolle, die sie verdient hätten. Die Frage, was mit Gebäuden geschehen soll, die aus der normalen gottesdienstlichen Nutzung fallen, entscheidet sie bislang weniger nach baukünstlerischen als nach kirchlichen Kriterien. In dieser Ausgabe stellen wir daher eine Bandbreite verschiedener Nachnutzungen vor, mit denen unserer Ansicht nach nicht nur die Kirche, sondern auch die Denkmalpflege und die Architekturkritik leben können:

Eine kommerzielle Verwendung fanden die Dominikanerkirche in Maastricht und die Martinikirche in Bielefeld – die eine als Buchhandlung, die andere als Restaurant. Mag eine solche gewinnorientierte Verwertung von Sakralarchitektur Kirchendogmatikern auch ein Dorn im Auge sein, so haben die Architekten in beiden Fällen dennoch mit ihrem Einfühlungsvermögen bewiesen, dass sich die Würde eines ehemaligen Gotteshauses auch bei kirchenfernen Nutzungen wahren lässt. Eine kirchennahe Funktion hingegen erhielt St. Josef in Aachen. Hahn Helten Architekten verwandelten das Gotteshaus in ein Kolumbarium und beließen dem Kirchenraum viele seiner ursprünglichen Qualitäten. Die Frankfurter Markuskirche zeigt, wie Teilumnutzungen funktionieren können. Auf einer kleinen Fläche finden dort immer noch Gottesdienste statt, das Gebäude ist inzwischen aber Teil eines Landeskirchenzentrums und beherbergt dessen Foyer, Bibliothek und Meditationsraum. In Köln schließlich hielt die Kultur Einzug. Für das Museum Kolumba wurde nicht unmittelbar eine Kirche umgenutzt, sondern eher ein kirchlicher Ort. Über das Trümmerfeld von St. Kolumba und über die Kapelle „Madonna in den Trümmern“ baute Peter Zumthor ein Museum, das der Kunstsammlung des Erzbistums Köln Raum gibt. Die kleine Kapelle, in der nach wie vor gebetet wird, verschwindet nun fast vollkommen im Museumsbau, der um ein Vielfaches größer ist.

So unterschiedlich diese Beispiele auf den ersten Blick scheinen, haben sie doch eines gemein: Sie führen – auf vielleicht überraschende Weise – vor Augen, wir gut sich profane Nutzungen mit sakralen Bauten vertragen können. Voraussetzung ist aber immer, dass Architekt und Bauherr beim Umbau mit ähnlich hohem Anspruch zu Werke gehen wie die ursprünglichen Erbauer.

Christian Schönwetter

Bestandsaufnahme
06-11 | Projekte
12 | Bücher
13 | Termine

Kirchenumnutzung
16-19 | Das große Kirchensterben: Was tun mit leeren Gotteshäusern?
20-23 | Beständiger Wandel: Seit Jahrhunderten werden Sakralbauten umgenutzt
24-25 | Für den Ernstfall gerüstet: Kirchliche Leitlinien zur Umnutzung von Gotteshäusern
26-31 | 01 Masse Erhebendes Erlebnis: Buchhandlung in Dominikanerkirche, Maastricht
32-37 | 02 Mittagstisch statt Abendmahl: Restaurant „GlückundSeligkeit“ in der Martinikirche, Bielefeld
38-43 | 03 Den Geist bewahren: Umbau der Markuskirche, Frankfurt am Main
44-47 | 04 Ein Garten für die Toten: Grabeskirche St. Josef, Aachen
48-55 | 05 Zukunft jetzt: Umbau von St. Kolumba zum Diözesanmuseum, Köln

Technik
56-60 | Zwischen zwei Himmeln: Konstruktion und Schadensbilder historischer Kirchendachstühle

Produkte
62-63 | Heizung
64-66 | Sanierputz
67-69 | Neuheiten

Ausbildung
70-71 | Bachelor-Studium „Bauen im Bestand“: Hochschule 21

Rubriken
74 | Vorschau, Impressum, Bildnachweis

Artikel

28. September 2007 Christian Schönwetter
Metamorphose. Bauen im Bestand

Mittagstisch statt Abendmahl

Restaurant „GlückundSeligkeit“ in der Martinikirche, Bielefeld

Nach mehreren Jahren des Leerstands hat die Bielefelder Martinikirche ihren Besitzer gewechselt: Ein Gastronom betreibt dort heute ein Restaurant mit Bar und Lounge. Wie verträgt sich die neue kommerzielle Nutzung mit dem Bestand?

Es ist eine Frage des Respekts. Wenn Kirchenbauten für profane Zwecke umgenutzt werden, bedarf es großen Fingerspitzengefühls, um die Menschen, denen ein Gotteshaus einmal viel bedeutet hat, nicht zu verletzen. Der Autor, kirchlichen Belangen gegenüber zwar eher skeptisch eingestellt, ist daher dennoch mit einigen Zweifeln nach Bielefeld gereist: Kann es gutgehen, eine Kirche ausgerechnet in ein Restaurant zu verwandeln? Ein Gebäude, in dem es einmal um Transzendentales wie die Frage nach dem Ewigen Leben ging, in eine modische „Trend-Location“? Lauern nicht überall Fallen unbeabsichtigter Symbolik oder unfreiwilliger Komik, Fettnäpfchen, in die der Restaurantbesitzer zwangsläufig treten muss, etwa wenn er Lammfleisch serviert, wo einst „Christe Du Lamm Gottes“ erklang…?

28. September 2007 Claudia Hildner
Metamorphose. Bauen im Bestand

Ein Garten für die Toten

Grabeskirche St. Josef, Aachen

Die katholische Kirche St. Josef in Aachen konnte nicht länger als Pfarrkirche dienen. Statt das Gebäude sterben zu lassen, entschied sich die Gemeinde jedoch dafür, den Tod dazu zu nutzen, um es am Leben zu erhalten: Nach der Umgestaltung zum Kolumbarium sind die Unterhaltskosten für das Gebäude gesichert.

Der alte Mann in der Kirche sitzt zusammengesunken auf einem Holzschemel. Sein Blick richtet sich auf eine Reihe mäanderartig geformter Betonstelen vor ihm. In einigen ihrer Aussparungen sind steinerne Würfel eingesetzt, die in dieser Fassung aus hellgrauem Beton wie Juwelen wirken. Ihre Vorderseite zieren Namen mit dem jeweiligen Geburts- und Todesdatum. Einer dieser Kuben zieht die Aufmerksamkeit des Mannes besonders auf sich. In seiner harten Schale verbirgt sich ein Gefäß mit sehr viel leichterem Inhalt: die Asche einer Frau, geboren 1926, gestorben 2006. Der Mann erhebt sich und legte eine Blume auf die Urne, bevor er die Kirche verlässt. In der Aussparung, in welcher der Kubus sitzt, ist noch etwas Platz. Irgendwann kann dort ein zweiter dieser Art eingepasst werden…

Bauwerk