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Metamorphose 01/12
Ausstellen
Metamorphose 01/12
zur Zeitschrift: Metamorphose
Fokus: Ausstellen

„Ein Museum sollte von oben bis unten eine einzige ausgedehnte, umfassende, gut proportionierte Fläche sein – ein Rollstuhl soll problemlos umher, ganz hinauf und hinabfahren können. Nirgends wird man zum Halten gebracht.“
(Frank Lloyd Wright [1])


Ein Dauerbrenner unter den Modernisierungs-Aufgaben ist der Umbau von Ausstellungsgebäuden: Irgendwann platzt jede Sammlung aus den Nähten, sodass Museen immer wieder an- und umbauen müssen. Auch die Vorstellung davon, wie sich Exponate optimal präsentieren lassen, unterliegt einem steten Wandel. Doch was tun, wenn der Veränderungsdruck ein Bauwerk trifft, das sich gegen Veränderungen sperrt?

Es ist ein alter Kampf, der immer wieder neu ausgefochten werden muss: Die Exponate einer Sammlung verlangen nach einem bestimmten Modus der Präsentation, doch die vorhandenen Räume eines Gebäudes wollen genau diesen nicht zulassen. Die Anforderungen, die Ausstellungsstücke an den Ausstellungsbau stellen, sind vielfältig. Das beginnt bei Fragen der Licht-, Sicherheits- und Klimatechnik und endet bei der räumlichen Organisation. Manche Werke benötigen kleine, introvertierte Kabinette mit konzentrierter Atmosphäre, andere brauchen einen großen, fließenden Raum, wie er etwa Frank Lloyd Wright vorschwebte und wie er im New Yorker Guggenheim prototypisch verwirklicht ist. Manche Ausstellungen wollen den Besucher in einer festen Reihenfolge an den Exponaten entlangführen, häufig in einem vorgegebenen Rundgang. Andere laden eher zum freien, ungeleiteten Entdecken ein.

Beim Neubau lassen sich die Räume leicht auf die Erfordernisse der Sammlung und die Wünsche der Ausstellungsmacher zuschneiden, doch bei Bestandsbauten wird es komplexer, sie lassen nicht jede Veränderung zu. Denn im Museumskontext hat man es als Architekt fast immer mit denkmalgeschützter Bausubstanz zu tun. Entweder geht es um die Modernisierung eines in die Jahre gekommenen Museums – da es sich dabei meist um repräsentative Gebäude handelt, die einst mit besonders hohem Anspruch errichtet wurden, stehen sie heute häufig unter Schutz. Oder man soll als Architekt ein vorhandenes Gebäude umnutzen und überhaupt erst zum Museum machen. Auch hier trifft man in der Regel auf denkmalgeschützte Bausubstanz, denn der Ruf nach der Umnutzung basiert oft auf dem Wunsch, ein schützenswertes Bauwerk zu erhalten und vor dem Abriss zu bewahren.

In beiden Fällen sind Konflikte zwischen den Wünschen der Museumsleitung und denen der Denkmalpflege vorprogrammiert. Von Gebäude zu Gebäude, ja sogar von Raum zu Raum, gilt es immer wieder abzuwägen, wessen Wünschen man Vorrang einräumt – je nach Bedeutung des einzelnen Exponats und des Bauwerks.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass beim Erweitern und Neustrukturieren bestehender Museen eine Lösung derzeit auffallend häufig verwirklicht wird: das Versenken der Zusatzflächen unter die Erde. Auf diese Weise bleiben dem Bestand Anbauten, Aufstockungen und andere schwere Eingriffe in das Erscheinungsbild erspart. Den Anfang machte 1989 der Pariser Louvre mit seiner Glaspyramide, die in respektvollem Abstand vom Hauptgebäude zum neuen unterirdischen Eingang des Museumskomplexes führt. Nach diesem Vorbild eröffnete vor wenigen Monaten im Grazer Joanneumsviertel das neue Besucherzentrum, das ebenfalls als eingegrabenes Verteilungsbauwerk dient (siehe Seite 48). Auch die Berliner Museumsinsel erhält eine unterirdische Erschließung. Die „archäologische Promenade“ wird Bodemuseum, Pergamonmuseum, Altes und Neues Museum miteinander verbinden und soll 2015 eröffnet werden.

Doch auch die Ausstellungsflächen selbst finden vermehrt unter der Erde Platz, etwa beim Frankfurter Städel. Dessen neue Gartenhalle verdoppelt das vorhandene Raumangebot, ohne das Grundstück mit zusätzlichen Baukörpern zuzustellen (siehe Seite 24). Nur wenige Meter weiter erhält das Museum der Weltkulturen bis 2015 eine beträchtliche Erweiterung unter den Rasenflächen im Garten. Und mit dem Louvre schließt sich der Kreis: Er bringt ab diesem Sommer seine Abteilung für Islamische Kunst in einem neuen Bauwerk unter, das in einem seiner Höfe größtenteils eingegraben wurde (siehe Seite 50).

Christian Schönwetter


Anmerkungen:
[1] Margo Stipe: Frank Lloyd Wright. Sein Leben erzählt in Briefen, Plänen, Dokumenten, München 2009, S.76

Bestandsaufnahme
06-11 | Transformation statt Sprengung: Tour Bois le Prêtre, Paris
12-17 | Projekte
18 | Bücher
21 | Termine

22-23 | Ausstellen
24-31 | 01 Die Summe aller Teile: Städel Museum, Frankfurt am Main
32-37 | 02 Sachlich schlicht und nobel: Neue Galerie, Kassel
38-43 | 03 Baudenkmal aus Leidenschaft: 21er Haus, Wien
44-47 | 04 Anfassen erlaubt: Rockheim, Trondheim (NO)
48-51 | Was machen eigentlich die Museumsplanungen in Graz, Paris und Chemnitz?

Technik
52-55 | Energetische Sanierung – Frischluft statt Zugluft: Lüftungskonzepte für den Gebäudebestand
56-58 | Technik aktuell – Bewährtes Hindernis: Mauerwerksinjektionen gegen kapillare Feuchtigkeit
60-62 | Historische Baustoffe – Vom Möbel zur Wand: Furnier als hochwertiges Oberflächenmaterial

Produkte
64-65 | Produkt im Objekt – Beton bewahren: Fassadensanierung am Deutschen Museum in München
66-67 | Brandschutz
68-69 | Rund ums Fenster
70-71 | Dachsanierung
72-73 | Neuheiten

Rubriken
74-75 | Verkannte Perlen – Nutzer für stille Moderne gesucht: Einzigartiges Exemplar hannoverscher Vorkriegsarchitektur gefährdet
76 | Vorschau
76 | Impressum
76 | Bildnachweis

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