nextroom.at

Übersicht

DMAA Delugan Meissl Associated Architects stellten 2024 zwei große Umbauprojekte fertig: Gemeinsam mit Josef Weichenberger Architects verwandelten sie den Franz-Josefs-Bahnhof in Wien, einen Bau von Karl Schwanzer, in ein modernes Bürogebäude, das Francis. In Bremen transferierten sie ehemalige Silotürme der Firma Kellogg’s in ein Hotel.
Im Gespräch erzählt Elke Delugan-Meissl, warum gerade das Francis Vorbild für viele Bestandsobjekte sein kann und warum ihr bei der Beurteilung eines Gebäudes auch immer die Qualität des Städtebaus wichtig ist. Sie betont, dass nicht jede Struktur für eine Konversion geeignet ist, sondern nur solche, deren Umbau einen architektonischen, funktionalen, ökologischen, sozialen sowie städtebaulichen Mehrwert bietet.

„Der Ausgangspunkt für die Entscheidung zum Umbau des ehemaligen Bankgebäudes und Bahnhofs von Karl Schwanzer war ein kooperatives Verfahren: Bauträger und Stadt Wien waren zu gleichen Teilen beteiligt. Drei Architekturbüros wurden eingeladen, ein städtebauliches Konzept für die angedachten Nutzungen zu entwickeln. Gemeinsam mit querkraft architekten und Josef Weichenberger Architects war auch DMAA Teil dieses kooperativen Verfahrens. Basierend auf dem Ergebnis entstand in der Realisierung die Zusammenarbeit mit Josef Weichenberger Architects. Das Verfahren fand im leer stehenden Bestandsgebäude statt. Die Arbeit vor Ort, die Stimmung, das Ambiente haben uns inspiriert und uns bei der Entscheidungsfindung geholfen.

Viele Wienerinnen und Wiener können sich sicher an die Spiegelfassade des Gebäudes aus den 1970er-Jahren erinnern. Der Bau von Karl Schwanzer war, seiner Funktion als Bankgebäude entsprechend, ein eher abweisendes Gebäude. Unser Anliegen war es, diesen Baukörper besser ins Stadtgefüge einzubinden.
Begonnen haben wir mit der Entwicklung eines städtebaulichen Konzepts, das unserer Meinung nach Barrieren aufbricht und einen zukunftsorientierten Beitrag im urbanen Gefüge darstellt. Ich kann mich noch gut an die erste Phase erinnern: Die Teams haben sich mit unterschiedlichen Ideen der Aufgabenstellung angenähert – es war ein sehr interessanter, spannender und produktiver Diskussionsprozess. Gemeinsam haben wir das Gebäude sowie die stadträumlichen Bezüge untersucht, diskutiert und analysiert – und uns am Ende des Tages für den Erhalt des Bestands entschieden, in dem wir vielfältiges Potenzial wie Raumhöhen und Achsraster geortet haben. Die Räume haben eine Höhe von bis zu 3,50 Metern, das Achsraster beträgt 10 mal 10 Meter. Diese Flexibilität, die ja auch Nachhaltigkeit impliziert, wäre in einem Neubau nie umsetzbar gewesen. Dieser Umstand hat uns neben vielen anderen Vorzügen, wie der Einsparung von CO₂, dem ökologischen Fußabdruck, davon überzeugt, den Bestand zu erhalten. Natürlich gab es auch Bedenken bezüglich der wirtschaftlichen Umsetzung – dem Bauträger war es wichtig, ein Projekt zu verwirklichen, das in ökologischer, ökonomischer sowie funktionaler und stadträumlicher Hinsicht auch den Vorstellungen des Bezirks und der Stadt Wien entspricht.

Wir wollten die Charakteristik des Bestands beibehalten – das Gebäude hat eine starke Präsenz im urbanen Kontext. Wenn man ein Refurbishment-Projekt umsetzt, dann sollte auch die Charakteristik Bestand haben. Wir haben versucht, den Bestand zukunftstauglich weiterzuentwickeln. Das Francis war in gewisser Hinsicht ein Testprojekt für Wien in seiner Dimension im Sinne des Refurbishments, der Konversion für Wien. Ich denke, es gilt in Zukunft noch mehr als bisher, Bestandsobjekte bezüglich ihrer Potenziale zu prüfen.

Hier möchte ich noch ergänzen: Man kann nicht jede Bestandsstruktur revitalisieren. Es muss der Stadt auch einen architektonischen und stadträumlichen Benefit bringen.
Letztendlich bestimmt die architektonische und stadträumliche Qualität auch das soziale Miteinander. Deshalb sollte man die Betrachtung nicht nur auf wirtschaftliche, funktionale und ökologische Aspekte reduzieren.“

Elke Delugan-Meissl ist Architektin und Mitgründerin des international tätigen Büros DMAA Delugan Meissl Associated Architects. Sie studierte Architektur an der Universität Innsbruck und gründete 1993 mit Roman Delugan das Architekturbüro Delugan Meissl. 2004 erfolgte die Erweiterung zu DMAA mit den Partnern Dietmar Feistel und Martin Josst. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet und international ausgestellt wie das Porsche Museum in Stuttgart (2009), das EYE Filmmuseum in Amsterdam (2011), das Festspielhaus Erl (2012), das Hyundai Motorstudio Goyang (2017) oder der Expo Cultural Park Greenhouse Garden in Shanghai (2024). DMAA wurde 2015 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Architektur ausgezeichnet. Elke Delugan-Meissl ist zudem als Jurorin und Vortragende tätig.

»nextroom fragt« Architekt:innen, Bauherr:innen und Expert:innen. Die Gesprächsreihe zum nachhaltigen Bauen wird konzipiert und betreut von Anne Isopp. Im Gespräch werden unterschiedliche Dimensionen des nachhaltigen Bauens eingefangen, auf konkrete Bauten Bezug genommen und individuelle Sichtweisen abgefragt. Einige der Gespräche sind als Podcast auf morgenbau.at zu hören.

Akteure